Auch außerhalb des Pfarrhauses findet Heinrich Pestalozzi im ländlichen Leben zu Höngg vertrautere Wege aus der engen Stube als in der finsteren Stadt. Wo jeder den andern kennt und die Großmutter wohl weiß, mit welchen Kindern sie den Enkel spielen läßt, ergibt sich leichter ein Kamerad. Der angenehmste heißt Ernst Luginbühl und wird ihm bald ein sehnsüchtig erwarteter Führer in die hügeligen Gebiete bis an den Wald am Käferberg hinauf oder gar in die steinichten Limmatwiesen hinunter, wo Samstags die Schiffe der geputzten Zürcher eilfertig mit der Strömung nach Baden treiben und Sonntags von dem Landvolk an Stricken mühsam stromauf gezogen werden. Er trägt keinen stolzen Federhut wie der Vetter in Richterswil, er läuft barhaupt und barfuß wie die andern Landbuben auch und hat prallrote Backen mit wasserhellen Augen; aber er weiß, wo man am sichersten einen Specht bei seiner Klopfarbeit belauscht oder wo ein Ameisenberg ist. Sein Vater arbeitet als Baumwollenweber, der erste und einzige in Höngg; einmal geht Heinrich Pestalozzi mit hinein und sieht den bärtigen Mann gebückt in dem Gestänge sitzen. Er hat nichts Ähnliches von menschlicher Arbeit gesehen; Küfer, Schmiede, Bäcker und Schreiner und erst recht die Bauern: alle schaffen mit den Händen und bleiben für sich selber frei; dieser Weber aber sitzt im Gestänge seiner Arbeit als ein Teil von ihr, wie die Spinne ans Netz gebunden. Er bleibt eine Stunde lang mit den Knaben dasitzen und hört dem unablässigen Geklapper zu, das aus dünnen Fäden Stoff macht. Als er nachher beim Abendessen ausgefragt wird, wo er gewesen ist, und anfängt, von dem Baumwollenweber zu erzählen, will der Großvater stirnrunzelnd nichts mehr hören von dem Unglück dieser städtischen Neuerung — es ist das einzige, was Heinrich Pestalozzi von seinem Unwillen versteht.
Einmal ist er eine ganze Woche lang in Höngg geblieben und kommt sich selber schon wie ein Landkind vor, als ihn die Mutter wieder holt. Auch diesmal geht der Großvater mit, aber nur bis Wipkingen, von wo er sich geärgert gegen den Berg zurückwendet. Er ist böse auf das geputzte Stadtvolk in den Schiffen, das sich am Sonntag von den Dorfleuten heimziehen läßt, ihre schwere Arbeit mit übermütigem Geschrei begleitend, und Heinrich Pestalozzi hört wieder, wie er von dem städtischen Unglück zu der Mutter spricht. Es geht schon gegen die Dämmerung, und so wendet sich der alte Mann von ihnen fort in einen dunkelroten Abendhimmel hinein, der den Häusern glühende Augen macht. Heinrich Pestalozzi weiß nicht warum, aber die Traurigkeit überkommt ihn so, daß er herzbrechend hinter dem Großvater her weint; es dauert lange, bis die erschrockene Mutter heraus bekommt, daß es die dunkle Stadt ist, vor der er sich fürchtet, und daß er alle Tage mit ihr und den Geschwistern und dem Babeli auf dem Land wohnen möchte. Da gesteht sie ihm, daß die Verwandten in Richterswil ihr das schon damals bei dem Besuch vorgeschlagen hätten, daß sie es aber nicht möchte der Stadtschulen wegen. In Richterswil möchte ich auch nicht, sagt er fast trotzig, lieber in Höngg! und weiß nicht, warum nun seine Mutter herzbrechender weint als er vorher; sodaß sie beide mit einer verlorenen Traurigkeit durch die Niederdorfporte in Zürich eingehen.
5.
Nach diesem Abend verlangt Heinrich Pestalozzi sehnsüchtig in die Schule. Seitdem die Schwester Dorothea gestorben ist und der Johann Baptista, um ein Jahr älter als er, täglich sechs Stunden zu den Schulmeistern am Neumarkt geht und nachher bei den Schularbeiten sitzt, ist er tagsüber allein mit dem Bärbel, das immer noch in der Wiege liegt und ihm kein Gespiele sein kann. Für die deutsche Schule scheint es der Mutter noch zu früh, so bringt ihn das Babeli eines Morgens in die Hausschule.
Es wird aber kein schönes Erlebnis für ihn: als sie in den schmalen Raum eintreten, der eigentlich nur einen breiteren Gang vorstellt, ist der alte Lehrer gerade dabei, einen Buben zu walken; es sieht aus, als ob er ihm die Haare in Büscheln ausreißen wolle; zugleich vollführen die beiden ein weinerliches Geschrei, über das die andern Kinder, Buben und Mädchen durcheinander, schadenfroh lachen. Erst als das Babeli den Zornigen anruft, hört er auf. Hinten ist noch eine Bank frei, dahinein wird Heinrich Pestalozzi mit seinen Sachen gesetzt; das Babeli droht ihm noch einmal mit dem Finger und überläßt ihn den Kindern, von denen er nicht eines kennt, und dem weißköpfigen Schulmeister, der — als er den Namenszettel gelesen hat — die Magd für die Frau Pestalozzi selber hält und ihr mit vielen Komplimenten an die Tür nachläuft. Der Lärm, der durch die Neugier gestockt hat, hebt wieder an: die Kinder haben neben den Büchern ihre Eßwaren, und was sie sonst mit sich führen, auf den Pulten ausgebreitet; ein jedes liest laut oder schreibt für sich wie zuhause: der Lehrer ist nur eine Art Unhold, der eines nach dem andern vornimmt und die andern schwatzen und balgen läßt. So hört das Geklatsch seiner Prügel und sein Geschrei ebensowenig auf wie der Lärm der Kinder, die meist garnicht hinsehen, wenn sich sein Zorn beim nächsten Opfer neu entzündet. Auch Heinrich Pestalozzi kommt endlich an die Reihe, als er eine Stunde lang verängstigt dagesessen hat; er wundert sich fast, als es diesmal ohne Prügel abgeht, malt danach Buchstaben, wie er es von seinem Bruder gelernt hat, und ist noch fleißig dabei, als die andern mit eiligem Geklapper ihre Sachen zusammen raffen.
Auf der Gasse wartet das Babeli; und wenn ihm das schon diesmal Spott einträgt, so wird ein paar Tage später ein wahres Schicksal daraus: es macht sich gerade so, daß ein Platzregen losgeht, das handfeste Babeli will ihn unter die Schürze nehmen; und rafft ihn kurzerhand — da er sich vor den andern schämt — als Bündel unter den Arm, um mit ihm heim zu rennen, so sehr er schreit und strampelt; sogleich verfolgt von einem Rudel der Kinder, die sich nun alle aus dem Regen nichts mehr machen und die Tropfen in ihre Gesichter klatschen lassen.
Seitdem haben sie ihren Schabernack mit ihm, wo sie nur können. Seine Vorfahren vom Vater her sind Italiener gewesen, davon hat er die schwarzen Haare und die dunklen Augen behalten, und von den Blattern ein Gesicht voll Narben: so sieht er eher einem Savoyardenknaben ähnlich als einem Stadtzürcher und ist für sie ein fremder Vogel. Obwohl er nichts lieber gemocht hätte als mit ihnen spielen, macht ihn die Erfahrung scheu, sodaß er nun erst recht ein einsames Stubenkind wird.
6.
Später in der deutschen Schule tritt Heinrich Pestalozzi statt mit dem Babeli mit seinem Bruder Johann Baptista auf; der ist beweglicher als er und hat auch schon Bekanntschaften; dadurch kommt er mit den Knaben anfangs besser zurecht, um so leidvoller wird die Schule selber für ihn. Obwohl die Lehrer nicht solche Zornickel sind wie in der Hausschule, bleibt auch ihr Unterricht eine fortgesetzte Streitigkeit mit dem einzelnen Schüler, wobei sie die Schwächen eines jeden mit geübter Schulmeistergrausamkeit zu finden wissen. Heinrich Pestalozzi, dem es niemals völlig gerät, sich selber und seine Bücher in Ordnung zu halten, der bald ungekämmt in die Schule kommt, bald seine Schreibsachen oder Hefte vergessen hat, der aus den Spaziergängen seiner Gedanken aufgeschreckt die törichtsten Dinge zu sagen vermag und dem die richtigen Antworten meist erst auf dem Nachhauseweg einfallen, ist ihnen bald nur eine Gelegenheit, die herkömmlichen Schulwitze anzubringen. Daß er im ganzen eifriger als die meisten ist und sich leicht geschickter anstellt als es zu ihren Späßen paßt, stört sie nicht in ihren Hänseleien.
Und weil die Lehrer es so halten, widerstehen auch die Mitschüler der Verlockung nicht, ihren Witz an diesem Neuling zu üben, der nichts von ihren Spielen kennt und sich gutgläubig zum Narren halten läßt. Ihm steht diese Gutgläubigkeit gleichsam schon im Gesicht geschrieben, und seine linkischen Hände scheinen nur geschaffen, für ihr Gelächter fehl zu greifen. So weiß ihn eines Tages einer mit Äpfeln begehrlich zu machen, die er im Sack hat: er würde ihm den schönsten schenken, wenn er ihm damit auf sechs Schritte in den Rücken werfen dürfe. Mehr um der Tapferkeit als um des Apfels willen geht Heinrich Pestalozzi auf den Handel ein; der Knabe aber trifft ihn so hart zwischen den Schultern, daß er wie von einem Büchsenschuß hingestreckt wird, und — als er sich mit einer Übelkeit kämpfend an dem nassen Steintrog unter dem steinernen Brunnenmann aufrichtet — nur noch sehen kann, wie ein Flinker unter dem Hallo der andern den Apfel aufhebt und davon rennt.