Längst schon denkt Anna nicht mehr daran, daß sie nur für die Zeit seiner Pariser Reise nach Burgdorf gekommen ist; sie sieht endlich die Erntewagen in die Scheune fahren, die weder seine Landwirtschaft noch alle Bemühung seines hingehetzten Lebens jemals zu ernten vermochte. Daß kein Gold daraus in seine Taschen fließt, weiß sie wohl; trotzdem die meisten Zöglinge zahlen — wenn auch nicht alle den vollen Preis — sind es doch viele Mäuler, die täglich auf Nahrung warten, und wenn die Haushaltungskünste der geborenen Fröhlich, ihrer schaffnerischen Schwiegertochter, nicht wären, würden die Sorgen sich manchmal dichter auf ihrem Schreibtisch sammeln; aber daß der angeblich unbrauchbare und vor der Zeit entmündigte Mann nun vor sich selber und vor dem Spott der Tüchtigen im Glanz eines Ruhmes dasteht, der alles für sie Erreichbare in den Schatten enger Bürgerlichkeit stellt: das ist für sie wie eine Abendsonne, die in der letzten Stunde doch noch über einen trübseligen Regentag gesiegt hat.

So wird es ein bewegter Geburtstag für sie, als ihr die fünfundsechzig Jahre vollgezählt werden, und es ist unwirklich schön, daß er auf einen Sonntag fällt. Muralt und Niederer haben ihn als ein Sommerfest vorbereitet, das bei kühlsonnigem Augustwetter im Schloßhof gefeiert wird. Da sind Bänke und Tische aufgestellt, auch ist ein Boden aufgeschlagen, einen Tanz oder ein Spiel zu machen, und solange die Sonne in den Hof geschienen hat, mag sie nicht ein so buntes Getümmel darin gesehen haben wie an diesem Tag. Das Gemäuer rundum ist mit Laubgewinden und Schweizerfahnen aller Kantone geschmückt, und eine Musikkapelle — von den Zöglingen unter Bußens Leitung gestellt — sorgt, daß die Schweizerlieder auch Begleitung haben.

Als dann die Röte sich aus dem Licht der Sonne ablöst und umso wärmer zu leuchten scheint, jemehr die Wärme versiegt, treten ihrer viele an die Mauer, nach den Bergen zu schauen, die langsam von der Glut voll zu laufen scheinen. Auch Heinrich Pestalozzi ist mit Muralt vorgegangen, und Mutter Pestalozzi, wie sie an diesem Tag mehr als hundertmal begrüßt worden ist, wird von Niederer in einem galanten Anfall am Arm herzu geleitet. Wie sie dastehen, mag über Tobler, der seit seinem Mißerfolg in Basel leicht wehmütig wird, der Schatten einer Eifersucht fallen, daß er nun sichtlich an die dritte Stelle geraten ist; als ob er den Meister in die gemeinsame Frühzeit zurück führen müsse, erinnert er ihn an den Abend, wo sie zu vieren hier standen und er sein Beispiel vom Haus des Unrechts sagte. Daß die andern davon nichts wissen, tut ihm sichtlich wohl, und als sie darum drängen, versucht er es mit eigenen Worten zu sagen, wie der Anteil an den Lebensgütern in drei Stockwerke geteilt wäre, darin die Wenigen, wenn sie wollten, Gottes Herrlichkeit aus allen Fenstern sähen, die Mehreren nur den Glanz an den Hofwänden, während die Vielen im Keller nicht einmal den trüben Schein in ihren Löchern zu deuten vermöchten.

Heinrich Pestalozzi, der die Schwermut im Grund seiner Heiterkeit schon den ganzen Tag gefühlt hat, spürt den Schrecken bei der ersten Frage ans Herz klopfen; während der ahnungslose Erzähler vor den andern seine Erinnerung ausbreitet, quillt das schwarze Wasser der Trübnis in ihm auf, so überkommt ihn der Zwiespalt zwischen dem lauten Freudentag und der verschütteten Heimlichkeit seiner Absichten. Er wagt nicht, Annas Blick zu suchen, so wehmenschlich ist ihm zumut, legt Muralts Hand von seinem Arm weg auf den Mauerrand, und ehe die andern wissen, was ihn ankommt, läuft er durch ihre Reihen hinaus und über den unteren Hof vors Tor. Da breitet sich die abendliche Landschaft in ihrer Sommerfülle aus, und die Dächer der Bürgerhäuser stehen behäbig darin, sodaß ihm der Schritt auch hier gehemmt wird: Warum hab ich es nicht im Birrfeld vermocht? Ein Armenkinderhaus habe ich gewollt und die Pensionsanstalt sollte mir nur die Mittel dazu geben: nun sind die Mittel längst selber Zweck. Ich sitze als Glücksvogel hier auf dem Schloß und spreize das Rad meiner Federn; im Birrfeld, oder wo sonst die Not der Zeit ist, geht alles wie vor dreißig Jahren, nur diesem Bürgerort hab ich neues Fett gemästet!

Er weiß nicht, daß er weint, aber als sich das Gesicht Annas zu ihm beugt, die ihm allein nachgegangen ist, vermag er ihre Augen vor Tränen nicht zu erkennen; auch quillt der Zorn noch so in ihm, daß er fast nach ihr schlägt. Du hast gesiegt! schreit er und schlägt den Kopf in beide Fäuste: der Armennarr ist tot! Ich hab verloren. Sie streichelt und tröstet ihn nicht, wie er fürchtet, sie setzt sich still gegenüber, wo ihr der andere Torstein einen Platz anbietet, und wartet ab, bis aus der Mure seiner Verzweiflung die gröbsten Blöcke ins Tal gefahren sind und endlich der zähe Schlamm seiner Verbitterung zum Stehen kommt. Sie hat ihn klug verstanden, daß es zwei Welten wären: ihre Stille, den Wohlstand herzugeben, und seine Unrast, ihn zu vertun; auch hat sie das böse Wort nicht überhört, warum Kampf sein müsse zwischen ihm und ihr, zwischen Mann und Frau durchs Leben? Aber als es dann still wird, weil nichts mehr fließt, und nur ein Wind vom Tal sie beide mild bestreicht, die in der sinkenden Dunkelheit am Tor dasitzen, als ob sie all das junge Leben dahinter bewachen müßten gegen die unheimlichen Gestalten der Nacht, fängt ihre Stimme an zu sprechen, daß nach dem Getöse seines Bergsturzes nun wieder ein Bach hörbar wird: Pestalozzi, sagt sie und wägt die Worte: ich dachte, daß wir vor Gott gleich wären, arm und reich! Warum willst du das Unrecht nach unten in der Menschenordnung mit Unrecht nach oben vergelten? Oder sollten Kinderseelen schon darum unwert sein, weil die Eltern Geld im Beutel haben? Was nötig ist, sind nicht die Waisenhäuser im Birrfeld oder hier, sondern daß du dein Vorbild und deine Lehre hinterläßt. Am Ende kommt es darauf an, was wir gewesen sind, hat dir der Menalk gesagt, als wir jung waren und er schon sterben mußte. Nun, wo wir vierzig Jahre älter geworden sind und alt an dem Tor dasitzen, will ich das Wort noch einmal sagen; doch hat es sich verändert: Am Ende, Pestalozzi, fragt Gott nicht, was wir gewesen sind, er rechnet, was aus uns werden möchte!

86.

Heinrich Pestalozzi hat seine Unternehmung im Namen der helvetischen Republik begonnen; seit der Tagsatzung in Paris gibt es aber nur noch einen Schweizer Bund mit neunzehn selbstherrlichen Kantonen: sein Landesherr ist nun die bernische Regierung, ihr gehört das Schloß Burgdorf, und er muß zuwarten, ob sie ihn darin wohnen läßt. Im vierspännigen Wagen, wie ein Landesfürst, kommt eines Tages der Regierungspräsident von Wattenwyl an, seine Anstalt zu besichtigen; obwohl es schwierig und steil geht, muß ihn der Kutscher bis in den Schloßhof fahren, und als ihn Heinrich Pestalozzi dann begrüßen darf, ist es kaum anders, als wenn ein Schloßherr sich von seinem Kastellan Aufwartung machen läßt. Er schnurrt durch alles hindurch mit einem deutlichen Mißbehagen an dem landfremden Zürcher, der sich hier eingenistet hat und der Regierung mit seiner Berühmtheit und dem intoleranten Heer der deutschen Geister lästig wird, dem sogar französische Gelehrte, Generale und Minister beistehen, sodaß selbst eine allmächtige Kantonsgewalt zuwarten muß. In einigen Stunden hat er nach der Art solcher Regierungsherren das Ergebnis einer Arbeit besichtigt, die Heinrich Pestalozzi ein Lebensalter mühsamer Kämpfe gekostet hat, und ist im Dampf seiner eigenen Bedeutung wieder abgefahren.

Seine Haltung in den Verfassungshändeln hat ihn den Aristokraten, die nun wieder auf ihren alten Plätzen sitzen, mißliebig gemacht, und den Kirchlichen ist er immer mit seiner Religion ein Aufwiegler geblieben: nun, wo er sichtbar zu Paris in Ungnade und nicht mehr durch ein helvetisches Direktorium geschützt ist, fängt die Hetze an, und noch in dem Sommer muß sich Heinrich Pestalozzi durch eine Eingabe an den Kirchenrat wehren, als fehle es in seiner Anstalt — wie die Anklage lautet — an einem richtigen Religionsunterricht. Er überläßt die Verteidigung Niederer, dem Religionslehrer und ehemaligen Pfarrer, und zum erstenmal erhebt dieser Herold seine dröhnende Stimme für den Meister.

Unterdessen ist aus dem Lehrerseminar wie aus der Waisenanstalt nichts geworden, und die Zuwendungen der Regierung sind ihm gestrichen; das einzige, was er von ihr noch hat, ist das Gebäude, und auch darin wird es unsicher: Mit der neuen Ordnung ist ein Oberamtmann nach Burgdorf gekommen, der zu seinem Ärger in einem Privathaus wohnen muß, während oben im Schloß sich das fahrende Volk der Abc-Schützen breit macht. Er fängt an, bei der Regierung in Bern um eine Änderung dieses krankenden Zustandes zu mahnen, und weist alle anderen Vorschläge als unpassend zurück; als es gegen Weihnachten geht, kann Heinrich Pestalozzi nicht mehr zweifeln, daß ihm zum Frühjahr die Räumlichkeiten gekündigt werden: »Es war das Haus der Herren und soll wieder das Haus der Herren werden,« schreibt er an einen Freund, »ich hoffe, mein Ei sei bald ausgebrütet, und dann achtet es auch der schlechteste Vogel nicht mehr, wenn ihm die Buben sein Nest vom Baum herabwerfen.«

Doch kann die bernische Regierung angesichts der Schwärmerei, mit welcher die gelehrte Armee Deutschlands die Vorteile dieser Anstalt ausposaunt — wie der Herr von Wattenwyl in einem Gutachten schreibt — die Gefahr nicht herausfordern, mit diesem intoleranten Heer öffentlich in eine Fehde zu geraten: so bietet man ihm das leere Kloster Münchenbuchsee an, und im Januar fährt Heinrich Pestalozzi mit einer Abordnung hin, es zu besichtigen. Er findet ein niedriges Gebäude, das eine Zeitlang als Spital krätzischer und venerischer Soldaten gedient hat, seitdem verwahrlost in einer melancholischen Ebene dasteht und weder die grünen Hügel Burgdorfs noch sonst etwas von seinem malerischen Reichtum um sich sieht. Am liebsten möchte er, all dieser Dinge müde, seinen Stecken nehmen und in den Aargau zurückwandern; aber es ist unmöglich, jetzt aus dem Kreis der Zöglinge und Gehilfen fortzugehen; in den Möbeln, Betten und Lehrgegenständen stecken ihm schon wieder zwanzigtausend Schweizerfranken, die er nicht lassen kann, auch brennt der Abend an dem Tor immer noch in seiner Seele. Um Anna zu halten, nimmt er das Obdach an, das ihm schäbiger Weise zunächst bloß für ein Jahr instandgesetzt werden soll. Nur nicht wieder als ein Unbrauchbarer vor ihr dastehen, denkt er, als er die vorläufige Abmachung unterzeichnet, und ahnt nicht, daß diese Kränkung schon auf ihn wartet.