Denn Heinrich Pestalozzi — der Greis, wie ihn die Burgdorfer schon nannten — ist unversehens in Europa eine Macht geworden; nicht, weil er überall in den Regierungen Anhänger hat, die ihm Lehrlinge der Methode nach Ifferten schicken, das dadurch eine Hochschule der Erziehung wird, sondern weil nun die Weltgeschichte auch sonst seinen mißachteten Ideen nachkommt: Seitdem ihm der Konsul Bonaparte spöttisch den Rücken zukehrte, sodaß er mit dem verschmähten Sauerteig der allgemeinen Volksbildung von Paris heimkehren mußte, hat sich der korsische Advokatensohn zum Gewalthaber Europas gemacht, der Fürstentitel und Königskronen wie Kinderspielzeug verschenkt, den Papst nach Paris kommen läßt, ihn als Kaiser zu krönen, und der sich die habsburgische Kaisertochter als seine Frau einfordert. Nichts in der Welt scheint seiner Selbstherrlichkeit zu widerstehen; so ist ihm auch der Preußenstaat des großen Friedrich nur ein Hindernis auf seiner neuen Landkarte, das er mit einer kriegerischen Handbewegung bei Jena beseitigt, wobei er noch Zeit findet, dem Dichter der Deutschen das Kreuz der Ehrenlegion an die Weltbürgerbrust zu heften. Aber diese Handbewegung macht dem Totengräber seiner Schwertmacht, dem Menschengeist in Preußen, die Hände frei.
Wie immer kehrt auch hier der eiserne Besen der Not die unfähigen Gewalthaber auf den Mist, und Männer treten in ihre Stellen ein, nach den Menschenrechten die Menschenpflichten zu proklamieren, in denen allein die Blutsaat der Revolution zu einer Volks- und Menschengemeinschaft aufgehen kann. Einer der ersten ist sein Freund aus den Tagen in Richterswyl Johann Gottlieb Sichte, der Schwiegersohn des Wagenmeisters Kahn in Zürich; in seinen Reden an die deutsche Nation, in denen er die sittlichen Mächte im deutschen Geist aufruft, setzt er Heinrich Pestalozzi und seine Idee der Menschenbildung in eine Beleuchtung, die keine Gegnerschaft mehr auslöschen kann. Als auch der Holsteiner Nicolovius in die Leitung des preußischen Schulwesens berufen wird, will der Traum in einem Land Europas Wirklichkeit werden; die besten Geister haben die Regierung des preußischen Staates in der Hand, und ihr Ziel ist das seine: Befreiung und Erneuerung des Volkes als einer sittlichen Gemeinschaft, und als Grundlage dieser Gemeinschaft die Erziehung aller mit den Mitteln, wie er sie in dem Naturgang seiner Methode gefunden hat. So ist Heinrich Pestalozzi aus einem einsamen Abenteurer des Menschengeistes doch ein anderer Heerführer geworden als sein Vetter Hotze mit dem Soldatenhut, von dem nur noch der verblaßte Ruhm übrig geblieben ist.
So gut geht alles, daß auch die feindlichen Lager in Ifferten Gottesfrieden halten. Muralt hat vermocht, daß eine genaue Teilung der Pflichten Niederer und Schmid auseinander hält, und namentlich, seitdem Rosette Kasthofer aus Grandson das Töchterhaus in ihren jüngferlich festen Händen hält, während Niederer — der auch nicht mehr im Schloß wohnt — nur noch seine Pflichtstunden gibt und die schriftstellerischen Tagesbedürfnisse der Anstalt besorgt, ist die tägliche Verärgerung beseitigt. So kommt der letzte September des Jahres 1809, an dem es vierzig Jahre her ist, daß Heinrich Pestalozzi sich mit Anna Schultheß aus dem Pflug in der Dorfkirche zu Gebistorf trauen ließ, recht in die Zeit für ein Freudenfest: Nun haben wir es doch einmal beide nach unserem Herzen, sagt er neckend zu ihr, die fast bräutlich geschmückt im Lehnstuhl auf ihn wartet, wird aber gleich wieder ernst vor ihrem würdigen Gesicht: Unser Haus ist wohlbestellt unter einem großen Dach, wie ich dir den Neuhof bauen wollte, und mir ist sein Glanz keine Unruhe mehr, weil ich der Lebensströme sicher bin, die daraus fließen!
Als sie dann miteinander in den geschmückten Saal treten und in das fröhliche Bienengesumm die Stille ihrer Gegenwart bringen, als Niederer seine Festrede aus der Brunnentiefe seiner gewaltigen Begeisterung holt und ihnen Kränze von innigen Worten auf die weißen Häupter legt, indessen sie Hand in Hand wie zwei Kinder im Augenblick hundertfacher Liebe dasitzen: sind alle Wechsel, die der Lehrling Tschiffelis an die Kaufmannstochter im Pflug sandte, so über alle damalige Geltung eingelöst wie im Märchen, wo auch die gehäuften Nöte auf einmal von dem vorbestimmten Glück abfallen. Nur ganz den feierlichen Ernst der Stunde zu ertragen vermag Heinrich Pestalozzi noch immer nicht; es ist auch hier ein wenig bei den hohen Worten, als ob er wieder nach dem Examen vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen solle: so lächert es ihn durch seine Glückstränen. Kaum sind die Ströme der Feier über ihn hingeflossen, und die Frühlingsblumen dieser Herbstfröhlichkeit wollen in einem Tanz der Kinder aufblühen, da muß er ihnen zeigen, wie es damals zuging, als er noch der schwarze Pestaluz aus dem Roten Gatter und Anna Schultheß die scheu verehrte Muse der jungen Patrioten aus der Gerwe war: und übermütig, wie er es damals nicht vermocht hätte, schreitet Heinrich Pestalozzi, der Armennarr auf Neuhof, die Pestilenz des Birrfeldes, der Waisenvater in Stans und der Prophet der Menschenbildung in Burgdorf und Ifferten, mit seiner schlohweißen Gattin zu einer alten Weise den ersten Tanz.
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Wenn die Deutschen nach Ifferten kommen, meist über Basel und Bern oder auch über Zürich, geschieht es ihnen leicht, daß sie mit ihrer Begeisterung für Heinrich Pestalozzi an diesen Orten als närrische Wallfahrer aufgenommen werden, weil man da eine andere Ansicht von dem unruhigen Projektenmacher hat, sodaß sie kleinlauter in das viertürmige Schloß eintreten und dann nicht selten durch die unordentliche Erscheinung ihres Propheten abgeschreckt werden, als ob die achselzuckende Mißachtung des Mannes in seiner Heimat am Ende doch das Klügere sei. Sie haben erwartet — weil sie als Deutsche blindlings ans Gute glauben — daß sein Vaterland wie eine stolze Familie zu ihm stände, und finden ihn eher als verlorenen Sohn darin, zu dem sich nur die Tapferen ohne Vorbehalt bekennen. Je höher der Lichtschein seines Ruhmes draußen steigt, umso ängstlicher wird die Vorsicht, als Schweizer für seinesgleichen gehalten zu werden, als ob etwa die gesicherte Kultur Helvetiens noch seiner seltsamen Bildungsversuche bedürfe.
In Basel und Zürich sind es die Humanisten, die seine Abc-Künste bespötteln, und in Bern die Aristokraten, die seine Anstalt als staats- und kirchengefährlich hassen, besonders seitdem er in dem abtrünnigen Waadtland haust. Und gerade während der Zeit, da in Preußen Humboldt, Stein und Fichte seine Grundmittel der Menschenbildung mit heiliger Überzeugung ergreifen, muß Heinrich Pestalozzi sich in der Heimat gegen böswillige Angriffe wehren. Um ihrer mit einem Mal Herr zu werden, stellt er der schweizerischen Tagsatzung in Freiburg das Ansinnen, seine Anstalt von Landeswegen zu prüfen, ob die Methode nicht auch in der Schweiz, wie in Preußen zum Vorteil des Vaterlandes allgemein eingeführt werden könne! Auch hat der Eifer Niederers vermocht, daß eine schweizerische Gesellschaft der Erziehung gegründet wird, die wie vormals die helvetische Gesellschaft in Schinznach so jährlich zum Sommer in Lenzburg tagen soll, und bevor noch die Dreimänner der Tagsatzung zur Prüfung der Methode nach Ifferten kommen, hält Heinrich Pestalozzi als Präsident der Gesellschaft eine Rede über seine Idee der Menschenbildung, mit der er noch einmal als ein Demosthenes seines Landes auf den Markt tritt: aber die ihn anhören, sind einige vierzig für seine Sache schon vorher bemühte Leute, nicht die neunzehn Kantonsregierungen des Schweizervolks, das in seinen Blättern manchen Spott lesen kann, ob eine solche Sache wohl berechtigt sei, ernsthafte und gelehrte Leute zu bemühen? Und als die nächste Tagsatzung den Bericht der Dreimänner bekannt gibt, ist es eine hämische Aufzeichnung der Mängel, die sie in der Anstalt gefunden haben, sodaß nun Niederer wieder mit einer Flugschrift auf dem Wall erscheint und den Gegnern der Anstalt mit Heroldsworten den Fehdehandschuh hinwirft.
Bevor darauf die Angreifer aus allen Kantonen mit den entrollten Bannern der überkommenen Weltordnung anrücken, das Nest des Aufruhrs in Ifferten auszuheben, bricht es innen auseinander. Einem Dämon der Zwietracht gelingt es, die verhaltene Feindschaft Schmids und Niederers in das innerste Glas ihrer Männlichkeit zu gießen, wo sie zischend auseinander fahren muß. Seit einiger Zeit ist eine Lehrerin, namens Luise Segesser, in der Anstalt, ein schönes und herzlich verankertes Mädchen aus Luzern, um das sich beide mit der Leidenschaft ihrer fanatischen Seelen bemühen. Schmid, der gegen den rotköpfigen und schwächlichen Niederer ein starkes Mannsbild von unverkennbarem Tirolertum ist, glaubt sich schon als Katholik im Vorteil gegen den pfarrerlichen Protestanten, da die Segesser selber aus einem katholischen Hause kommt. Sie würde es bei ihrer Familie mit ihm ebenso leicht haben wie mit Niederer schwer, aber nach dem Instinkt solcher Frauen wählt sie das Schwere. Schmid ist immer noch erst ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren, ihm werden durch ihre Wahl stolze Bäume aus der Wurzel gerissen; er war bis auf diese Zeit der Liebling des Meisters und die sichtbare Stütze der Anstalt, selbst der hämische Bericht der Dreimänner hat seine Leistungen ausnehmen müssen: jetzt ist ihm alles unwert, weil ein Mädchen sich gegen ihn entschieden hat. Es fängt an, in seiner Galle zu wühlen, und nun ist es nicht mehr seine Feindschaft mit Niederer allein, nun hat ihn der Geist der Anstalt verraten, wo jeder — so scheint es ihm — vom kleinsten Zögling bis zum ältesten Lehrer das tut, was seiner Neigung bequem ist, und wo Heinrich Pestalozzi nur als Strohpuppe gehalten wird, mit der sie abwechselnd ihr Ränkespiel treiben: Er vermag nicht mehr, in der Gemeinschaft zu bleiben, deren fester Stundenschlag er mehr als jeder andere gewesen ist; eines Tages steht er tief vergrollt vor dem Meister und sagt ihm, daß er für immer fortgehen müsse!
Es ist ein Frühlingsabend, und Heinrich Pestalozzi, dem das Alter den Rücken müde gemacht hat, liegt nach seiner Gewohnheit in den Kleidern auf dem Bett und diktiert, als er zu ihm tritt. Er kennt den Herzenslauf des Jünglings seit langem, und die Schadenfreude hat ihm zugetragen, an welches Ende es nun damit gekommen ist: Du nimmst meinem Dach den Firstbalken weg, sagt er zu ihm, als sie allein sind: und es ist kein anderer da, der ihn mir wieder aufrichtet; aber wenn dir alles im Blut verleidet ist, will ich dich nicht mit dem Wasser meiner Worte halten! Er greift ihm nach den Händen, und einen Augenblick ist es, als ob der andere ihm seinen Kopf an die Brust werfen und in Tränen aufgehen möchte; aber der Trotz hält ihn erschlossen gegen solche Weichheit, daß er die Hände zurücknimmt und bald mit hohen Schultern das Gemach verläßt.
Der Wind hat die Tür hinter ihm wieder aufgedrückt, daß sie leidmütig in den Angeln knarrt. Heinrich Pestalozzi ruft nach Anna; sie scheint nach ihrer Gewohnheit hinuntergegangen zu sein in den Garten, wo die Vögel das junge Laub anschreien, daß ihm ein einziges Geschrill davon durchs offene Fenster kommt. Um nicht allein zu sein mit der Entscheidung, die unsichtbar in der Kammer auf ihn wartet, tappt er hinunter, sie zu suchen. Es ist die Stunde, da die Knaben unten am See unter den Bäumen spielen, und darum eine Stille auf den Gängen und Treppen, die ihn fast ängstlich macht. Bin ich auf einmal allein in der Welt, denkt er; als er aufatmend unten Schritte hört und, rasch über die Galerie gebeugt, Muralt mit einem Brief in der Hand quer durch den Hof zur Treppe gehen sieht. Den schickt mir der Himmel, hofft er und wartet still, während der andere auf seine schlanke Art heraufkommt; aber als er ihm seine Sache klagen und ihm sagen will, daß er der einzige sei, Schmid umzustimmen, wehrt Muralt gleich schmerzlich ab und reicht ihm seinen Brief. Es ist seine Berufung nach Petersburg, die schon seit Monaten schwebt: So wollt ihr mich alle verlassen, wie die Ratten das sinkende Schiff, schreit er im Zorn und will ihm das Papier an die Brust werfen. Aber es fliegt übers Geländer und tanzt im Zickzack in den Hof nieder, wo es wie eine Anklage seiner Heftigkeit liegen bleibt, bis Muralt nach einer Pause hinuntergeht und es aufhebt. Er kommt nicht zurück, schreitet mit gesenktem Gesicht aus dem Hof hinaus, sodaß Heinrich Pestalozzi wieder allein in dem leeren Gemäuer bleibt: ein Bettler im eigenen Haus, wie er bitter vor sich hindenkt, bevor er zurück in seine Kammer geht, wo die Vögel noch immer das junge Laub anschreien. Aber die Sonne ist fort, und aus den Ecken wachsen die grauen Gespinste, den letzten Tag zu verzehren.