Erstens. Es konnte nicht Goethes Absicht gewesen sein, die Frage überhaupt im Unklaren zu lassen. Im Anfange der prosaischen Scene, von der wir ausgingen, hat Faust das Schreckliche soeben erfahren, er redet unter dem ersten Eindrucke: folglich muss die Entdeckung vor den Augen des Zuschauers stattgefunden haben, folglich fehlt der Beginn dieses Auftrittes, wir besitzen nur ein Fragment, nur die zweite Hälfte der Scene.
Zweitens. Zu der Zeit, wo Goethe die Walpurgisnacht ausarbeitete, war es seine Absicht wie die Paralipomena erweisen, das Unglück Gretchens auf dem Brocken zu Tage zu bringen. Die entscheidenden Worte sind: 'Nackt das Idol. Die Hände auf dem Rücken ... Der Kopf fällt ab ... Geschwätz von Kielkröpfen. Dadurch Faust erfährt.' Kielkröpfe sind Wechselbälge, Teufelskinder.
Drittens. Die Scene 'Nacht, offen Feld', in welcher Faust und Mephisto auf schwarzen Pferden daherbrausen und eine Hexenzunft um den Rabenstein beschäftigt erblicken, hat, wo sie jetzt steht, etwas sonderbares. Sie gibt freilich ein grandioses Bild; aber man sieht ihren Zweck nicht ein. Faust und der Zuschauer erfahren daraus nichts was sie nicht schon wüssten; die Beziehung auf Gretchen ist leicht zu errathen. Das Motiv des Dialoges scheint zu sein: Faust wünscht zu erfahren, was die Hexen treiben; Mephisto aber drängt ihn vorüber. Es ist ebenso auffallend, dass Mephisto hier mehr Eile haben sollte als Faust, wie es auffallend wäre, dass Faust nicht von selbst sofort an Gretchen denken sollte. Müssen wir aber die kleine Scene hier ausscheiden, so könnte sie sehr wol den eigentlichen Anfang der vorgehenden gebildet haben, und die Scenerie 'Nacht, offen Feld' wäre auf diese mitzubeziehen. Mephisto will den Faust vorbeidrängen; aber – so hätte die Fortsetzung lauten müssen – Faust lässt sich nicht vorbeidrängen, er tritt näher und erfährt aus Reden oder Gesängen der Hexen, in welcher Lage sich Gretchen befindet und was ihr droht. Die Hexen entfliehen, Faust stellt den Mephisto zur Rede: hier setzt die prosaische Scene ein.
Die Combination wäre unmöglich, wenn der Dialog am Rabenstein wirklich Verse zeigte. Aber die Reime fehlen; Rhythmus und innere Form sind auch mit Prosa verträglich. Also vielleicht ein neues wörtlich erhaltenes Stück des prosaischen Faust. Solches Eingreifen der Hexen wäre zugleich ein shakespearisirender Zug.
Ueber die abgeschmackten Zerstreuungen, von denen Faust in seinen heftigen Vorwürfen gegen Mephisto spricht, lässt sich nur sagen, dass sie wol schon ursprünglich mit dem Hexen- und Zauberwesen zusammenhingen. In einer Prosascene des zweiten Theiles, zu deren Erörterung wir gleich übergehen, wird von Meerkatzen geredet, wodurch wir uns an die Hexenküche erinnert finden. Denkbar aber wären auch Abenteuer im Stil von Auerbachs Keller.
Nachdem Gretchens Befreiung mislungen, muss für Faust nach dem ursprünglichen Plane eine Zeit bitterer Reue gefolgt sein. Der Zustand, in welchem sich Goethe nach seiner Untreue an Friederike befand, hätte sich darin gespiegelt. Dafür gibt es freilich keinen äusseren Anhaltspunct.
Natürlich kämpft Mephisto gegen die reuige Einsamkeit (hier Hexenküche? Vergessenheitstrank?); es gelingt ihm, Faust an den Hof des Kaisers mitzunehmen. Und hier greifen Fragmente der Paralipomena ein.
Am Hofe des Kaisers.
Theater.
(Der Acteur, der den König spielt[13], scheint matt geworden zu sein.)