Dass nun aber die genannten Verse des ersten Theiles nicht aus der vierten Phase des Faust stammen, dafür sprechen neben den äussern, die ich geltend machte, noch die stärksten inneren Gründe. Was Goethe während des Zusammenwirkens mit Schiller in die 'grosse Lücke' zwischen Sc. I und II hinein dichtete, Selbstmordgelüste, Spaziergang, Bibelübersetzung, Mephistos erstes Auftreten, ist ganz aus einem Gusse. Ergreifend schön und wahr, voll milder Poesie der rettende Gesang, das Wiederaufleben, der neue Lebensentschluss und Lebensmuth, das Geniessen des Ostertages trotz dem herben Rückblick auf die Zeit der Pest. Breit und voll umrauscht ihn der Strom des Lebens, weltweite Sehnsucht erfasst ihn und Trieb zur Thätigkeit, angewandt auf das würdigste Object. Selbst in dem Entschluss zu sterben waltet eine hohe mitreissende Freudigkeit. Ueber die Enge des Momentes hinaus erheben wir uns zu breiten Umblicken und hohen Betrachtungen. In das Schwüle, Dumpfe, Schreckliche sind befreiend-erhellende Elemente gemischt; und so bleibt es; glückverkümmernder Trübsinn entweicht; die Sehnsucht ist nicht schmerzlich, sondern herzerweiternd; und welche Erquickung bringt Faust mit nach Hause! Wie behaglich selbst ist seine Unterredung mit dem Teufel!
Welcher andere Ton aber setzt mit Z. 1176 ein. Verdriesslich gleich die ersten Worte, kein Schatten von Streben, von Thätigkeit, vergessen die Bibelübersetzung, wie es scheint; Alles pessimistische Negation. Faust ist jetzt ganz mit seinem Weh beschäftigt, ganz eingesponnen in sich selbst, und er findet furchtbare Accente, um das Uebel in der Welt als das Unausweichliche hinzustellen: 'Entbehren sollst du! Sollst entbehren! Das ist der ewige Gesang, der jedem an die Ohren klingt, den unser ganzes Leben lang uns heiser jede Stunde singt' usw. Entsetzliche Flüche stösst er aus, Schönheit, Ruhm, Reichthum, Liebe, Hoffnung, Glaube, Geduld, sie alle sind ihm Illusionen. Was er wünscht, ist das Stachelnde, Spornende, das wie eine Geisel treibt zur Rastlosigkeit: Speise die nicht sättigt, ein Spiel bei dem man nie gewinnt, eine Frucht die fault, eh man sie bricht usw.
Und was liegt zwischen dieser und der vorigen Scene? Im Faust nichts; in Goethes Leben viel. Seltsam steht mitten zwischen den pessimistischen Ergüssen ein Wort wie aus den Wahlverwandtschaften:
Beglückt wer Treue rein im Busen trägt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen! –
Wenn ich einen scharfen Gegensatz zwischen der vierten und fünften Phase des Faust empfinde, so ist doch zu sagen dass beide gemeinsam die vielfältige Verwendung der Musik auszeichnet, welche Goethe offenbar als Milderung und Idealisirung verwendet. 'Es sind Dinge darin – schreibt der Dichter an Zelter, 7. Mai 1807 – die Ihnen auch von musikalischer Seite interessant sein werden.'
So weit wollte ich die Entstehungsgeschichte des Faust verfolgen. Dass eine sechste beinah siebenjährige Phase (1824-1831) die Vollendung des zweiten Theiles herbeiführte, ist bekannt genug.
Wenn Goethe in dieser späten Zeit einmal behauptet, er habe den Faust im zwanzigsten Jahre concipirt, so ist wenigstens richtig, dass ihm in seinem zwanzigsten Jahre schon die Gestalt des gespenstischen Doctors nahe getreten war. Söller in den Mitschuldigen von 1769 (DjG. 1, 208) sagt:
Es wird mir siedend heis. So war's dem Docktor Faust
Nicht halb zu Muth, nicht halb war's so Richard dem Dritten.
Und die Erlebnisse, welche Goethe für den Faust verwerthete, mögen wol noch früher begonnen haben. Ich denke an das Frankfurter 'Gretchen' welches doch wol mit der 'W.' (DjG. 1, 19) identisch ist. Der Brief den Erich Schmidt oben S. 3 ff. behandelt, klingt dem Motive nach in Auerbachs Keller herein 1755: 'Sie hat mich angeführt, Dir wird sie's auch so machen'. Dass in dieser Scene Merck-Goethesche Erlebnisse verwerthet seien, wollte Wieland wissen (Böttiger Litt. Zust. 1, 21). Dass der Gegensatz gegen todte Gelehrsamkeit, gegen das Facultätswissen, aus Goethes eigener Studienzeit stammt, bezweifelt niemand. Wir dürfen weiter bei dem Disputationsactus an Goethes eigene Promotionserfahrungen in Strassburg denken. Neben dem Frankfurter 'Gretchen' lässt sich Friederike aus den Anhaltspuncten, welche uns Goethes Gedichte und Selbstbiographie gewähren, als ein Modell, ja als das Hauptmodell zu Fausts Gretchen wahrscheinlich machen. Auf ein anderes beiläufiges Motiv sei hier noch aufmerksam gemacht: Goethe erzählt im zwölften Buch von Dichtung und Wahrheit von einem 'liebevollen Genius' der ihn heimlich umschwebte, von einer zarten liebenswürdigen Frau die ihn liebte ohne dass er es wusste. 'Erst mehrere Jahre nachher, ja erst nach ihrem Tode erfuhr ich das geheime himmlische Lieben auf eine Weise, die mich erschüttern musste; aber ich war schuldlos und konnte ein schuldloses Wesen rein und redlich betrauern, und um so schöner, als die Entdeckung gerade in eine Epoche fiel, wo ich ganz ohne Leidenschaft mir und meinen geistigen Neigungen zu leben das Glück hatte'. Ich meine, diese Epoche muss Goethes Aufenthalt in Italien sein. Er fühlte sich schuldlos, sagt er hier, aber er war erschüttert. Gab er sich nicht wenigstens Schuld, dass er die Neigung, die ihm entgegengebracht wurde, nicht merkte und durch unbefangene Liebenswürdigkeit fortwährend nährte? Empfand er sich nicht 'halb schuldig, halb unschuldig'? Mich dünkt, hier war Stoff zur Mignon. Hier war ferner Stoff zu Nausikaa und Ulysses. Hier war endlich – immer in derselben Zeit – ein neuer Anlass zu dem Bild in Sc. XV Z. 2992, dem Wassersturze, der das Hüttchen auf dem kleinen Alpenfelde zerstört. Goethe ist der Unbehauste, der fremden Frieden untergräbt. Indem wir solchen Spuren nachgehen, wandeln wir nur die Wege, auf die uns Goethe selber weist, wenn ihm erste Lieb und Freundschaft mit den Gestalten des grossen Gedichtes heraufsteigen. Konnte ihn die Figur der heilgen Ottilie, welche Unglück über nahverwandte Menschen bringt, aus seinem Elsässer Aufenthalt bis in die Zeit der Wahlverwandtschaften verfolgen; so darf auch 'die arme Friederike' (DjG. 1, 385) noch so lange nachwirkend gedacht werden, als in Goethes Dichtungen ähnliche Gebilde auftauchen.
9. 2. 79.