Wir sehen somit, dass unser Schluss auf eine allgemeinere Verbreitung jener Figur völlig berechtigt ist, wir sehen ferner, dass auch der König einen Zug dieser typischen Figur mittheilt, und zwar einen solchen, der mit der oben angeführten Charakteristik Goethes völlig vereinbar ist. Wenn Kilian Brustfleck 'nicht gar fest auf seinen Füssen steht', wenn Hanswurst an ihm 'sein fahles Wesen, schwankende Positur, sein Tripplen und Krabblen und Schneidernatur' verspottet (DjGoethe 3, 499), ja dann schickt er sich wahrlich nicht 'in der Armée'.
Friedrichs Bemerkung ist im Jahre 1775 geschrieben, also ziemlich gleichzeitig mit dem Goetheschen Werkchen; gerade damals also scheint sich die Figur einer grösseren Beliebtheit und einer über Nord- und Süddeutschland sich erstreckenden Popularität erfreut zu haben. Wegen der festen Ausprägung so charakteristischer Züge wird man wol an eine litterarische Fixirung der Gestalt denken müssen, vielleicht gelingt es noch, derselben weiter auf die Spur zu kommen. – Auf jeden Fall ist die kleine Stelle auch für Friedrich wichtig, sie zeigt, dass er dem Leben seines Volkes nicht so fern stand, als gemeinhin angenommen wird. In der vielfach behandelten Frage über des Königs Stellung zur deutschen Litteratur sind durchaus nicht alle für dies Verhältnis in Betracht kommende Momente berücksichtigt worden. Und so muss es eigenthümlich berühren, Friedrich hier zur Erklärung einer Hanswurstiade Goethes beitragen zu sehen, über dessen Götz er fünf Jahre später die bekannten Worte schrieb: 'Voilà un Götz de Berlichingen qui paraît sur la scène, imitation détestable de ces mauvaises pièces anglaises et le parterre applaudit et demande avec enthousiasme la répétition de ces dégoûtantes platitudes' (Oeuvres 7, 109).
Berlin 4. 3. 78.
Max Posner.
II.
Kilian Brustfleck kommt schon im siebzehnten Jahrhundert vor, und zwar als Bezeichnung für einen Schauspieler, einen 'Hofcomödianten oder agirenden Bauren' J.V. Petzold, der die typische Rolle eines dummen, 'verwirrten' Dorftölpels inne hatte. Näheres beweist der Titel eines auf Bettelei hinauslaufenden Lobgedichtes vom J. 1694: 'Frühlings-Streuszlein oder Mayenblumen, welche bei der Grossen Pyramis und unvergleichlichen Ehrn-Seule Denen Hoch-Edelgebornen Fürsichtig und Hochweisen HERREN Herren Burgermeistern und gesambten Rath Des H. Röm. Reichs-Stadt Nürnberg etc. zu gnädigstem Angedencken Auf dero Hohen Gnad-Altar zu heiligen verehrt und in tiefster Demuth als schuldigster Unterthänigkeit übergeben von dem so gewandten und bekandten Fürstl. Eggenbergischen Hof-Comödianten oder agirenden Bauren, sonsten Johann Valentin Petzold, auch Kilian Brustfleck genandt. Nachdem ers bey theurer Zeit in Armuth, aus dem Thætalischen Irr-Garten seines verwirrten Bauren-Verstands gesamblet, und HeraVs gegeb'n In DIeseM Iahr, VVIe's nageLneVV gedrVCkket VVar – 2 Bl. 4o o. O. (jedenfalls Nürnberg)'.
Inhaltlich durchaus elend und uninteressant. Liefert auch nichts weiter zur Charakteristik des armseligen Reimers. Ein gröstentheils in Alexandrinern abgefasster Lobspruch auf Nürnberg (die 'reiche Adlerbraut'), sogar auf seine Apotheken (Guldne Kugel, Kandl, Paradeisz). Schluss:
Gib Himmel! dasz geschieht, und eine Gnad mich mach Neu.
Denen Lilien-Hahnen, und Mondes-Hunden, zu Hohn und Trutz,
Find letzlich dieses Cabbala bei Eurer Gnaden-Rath sichren Schutz.
Die darauf folgende 'Cabbalistische Litter-Rechnung' bedeutet:
Gib Gott denen Adlers-Federn all hie Gnaden.
Das Sie Mogen All Ihren Feinden Schaden.