Den besten Beweis dafür bieten die Arbeiten des Künstlers in der Berliner Sammlung; verschiedene Originalarbeiten in glasiertem oder unglasiertem Thon, sowie eine größere Zahl von Stucknachbildungen, die als Wiederholungen von verlorenen oder verschollenen Originalen einen besonderen Wert haben. Die Mehrzahl dieser Bildwerke zeigt ein und dasselbe Motiv: Maria mit dem Kinde, allein oder inmitten andächtiger Engel oder verehrender Heiliger. Während die größeren Madonnenreliefs, namentlich die meisten Lünetten Luca’s, als Andachtsbilder gedacht sind und daher Maria ernst und hehr als Gottesmutter und das Kind als das seiner Mission bewußte Christkind aufgefaßt ist, kommt in diesen Mariendarstellungen der Berliner Sammlung die rein menschliche Auffassung zur Geltung. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist in den mannigfachsten, köstlichsten Situationen der Natur abgelauscht, und mit einer Frische und Lebendigkeit, mit einer Innigkeit und einem Schönheitssinn, gelegentlich auch mit einem Anflug von Humor zur Darstellung gebracht, wie kein zweiter Künstler dasselbe wiedergegeben hat. Selbst Raphaels gefeierte Madonnen zeigen daneben kaum Ein neues Motiv und stehen in Frische und Naivetät entschieden hinter Luca’s Kompositionen zurück.

116L. Bemaltes Thonrelief der Madonna von Luca della Robbia.

Auffassung und Behandlung der frühesten dieser Reliefs, die noch den zwanziger Jahren angehören, zeigen eine so auffallende Verwandtschaft mit einzelnen Madonnenreliefs der frühen florentiner Thonbildner (vergl. [S. 53]), daß wir daraus wohl auf eine engere Beziehung Luca’s zu diesen Künstlern schließen müssen; mutmaßlich war er der Schüler eines dieser Meister. Um 1430, als Luca seine Reliefs der Orgelballustrade begann, stand er bereits unter dem entschiedenen Einflusse Donatello’s, mit welchem er damals schon in die Schranken treten durfte; zwei der Berliner Madonnenreliefs (No. 50A und 117) verraten in dem ernsten Ausdrucke der Maria und in der Art, wie ihr Kopf ins Profil gestellt ist, das Vorbild Donatello’s ebenso sehr, wie in dem derben Typus und in dem ausgelassenen Gebahren des Kindes. Ähnlich auch das Relief No. [116]. In verschiedenen anderen Reliefs sehen wir Mutter und Kind in zärtlicher Liebe an einander geschmiegt (No. 115) oder die Mutter bemüht, durch scherzhaftes Spiel ihrem Liebling ein Lächeln abzugewinnen, wie in No. [113] und [114]. Hier wie in der Maria, welche das Kind stillt (No. [116]), ist die Komposition vergrößert durch Engel und Heilige, welche verehrend, spielend und bedienend zu den Seiten der Maria stehen. Diese Darstellungen sind ganz besonders geeignet, den Geschmack und das Geschick des Künstlers im Aufbau und in der Anordnung, die Wahrheit und Mannigfaltigkeit in der Charakteristik, die Feinheit der Empfindung, namentlich in den Beziehungen der Figuren zu einander kennen zu lehren. Ähnliche Vorzüge zeichnen auch eine abweichende Darstellung aus: den Leichnam Christi, der von klagenden Engeln unterstützt wird (No. 157). Nach der Verwandtschaft der jugendlichen Engelsgestalten ist dies Relief wohl gleichzeitig mit den Marmorreliefs der Sängertribüne entstanden. Auch die bemalte Thonfigur einer knieenden Maria (No. 112C), offenbar von einer Gruppe der Verkündigung, ist ein edles Werk aus Luca’s mittlerer Zeit.

113. Unbemaltes Thonrelief der Madonna mit Engeln von Luca della Robbia.

Luca della Robbia verdankte seine Popularität schon zu seiner Zeit den glänzenden und einschmeichelnden glasierten Thonarbeiten, die zugleich durch ihre Billigkeit und die Schnelligkeit der Herstellung die weiteste Verbreitung fanden. Es ist daher begreiflich, daß sein Schüler und Neffe, Andrea della Robbia (1437—1528), welcher bis zum Tode Luca’s sein Gehülfe war und der allein das Geheimnis der Glasierung kannte, seine Thätigkeit so gut wie ausschließlich auf diese Thonbildwerke beschränkte, für welche ihn obenein sein schlichteres Talent und seine Empfindungsweise besonders befähigten. Die Arbeiten dieser Art, welche er während seines langen Lebens, in jungen Jahren mit dem Onkel zusammen, in hohem Alter unter Beihülfe verschiedener Söhne ausführte, bezeichnet schon Vasari als »zahllose«. In allen diesen, meist als Altäre oder Tabernakel, über Florenz und ganz Toscana zerstreuten Arbeiten bewundern wir einen Künstler, der in seinem Schönheitssinn, seinem Geschmack der Anordnung und Färbung, in der Zartheit der Empfindung und der Feinheit der Durchbildung sich als der treue und glückliche Schüler seines Oheims Luca bewährt. Seine Arbeiten, die jene Eigenschaften ganz besonders beliebt machen, werden regelmäßig als Werke des Luca ausgegeben. Aber der bestechende Liebreiz seiner Köpfe und seiner Gestalten ist ein mehr äußerlicher; wo es gilt, Charaktere zu zeichnen oder lebendige Scenen zu schildern, reicht sein Talent nicht aus. Er sucht sich daher möglichst auf einfache Darstellungen ruhiger Existenz zu beschränken, auf den Ausdruck stiller Andacht und heiterer Freude, wozu ihm seine Madonnen, einzeln oder umgeben von andächtigen Heiligen, seine Anbetungen des Kindes, seine Putten- und Kinderdarstellungen und ähnliche Motive die reichste und schönste Gelegenheit bieten.

116. Stuckrelief der Madonna mit Engeln von Luca della Robbia.

Andrea’s Mangel an origineller Gestaltungskraft, die seinen Figuren bei aller bestrickenden Lieblichkeit eine gewisse Einförmigkeit und Schwächlichkeit aufprägt, hat auch in seiner langen Thätigkeit nur eine verhältnismäßig geringe künstlerische Wandlung hervorgerufen. Jahrzehnte lang der Gehülfe seines Onkels Luca, dessen spätere Aufträge wohl im Wesentlichen schon von seiner Hand ausgeführt wurden, ist er in seinen frühesten eigenen Arbeiten: in den köstlichen Wickelkindern an der Halle der Innocenti, in der Begegnung Mariä in San Domenico zu Pistoja, in der Begegnung der Heiligen Franz und Dominicus unter der Halle auf Piazza Sa. Maria Novella, in den Altären von La Vernia u. s. f. (meist Ende der sechziger oder in den siebenziger Jahren entstanden) von einer seinem Lehrer nahekommenden Schönheit der Gestalten, Feinheit der Durchbildung und Vornehmheit der Erscheinung. Ein treffliches Werk dieser Zeit ist der Hochaltar der Berliner Sammlung (No. [118]), welcher Maria zwischen zwei Heiligen zeigt. Gleichfalls in die frühere Zeit gehört wohl die kleine Verkündigung (No. 119A), welche durch die reichen Farben unter Andrea’s Werken fast einzig dasteht. In seiner mittleren Zeit erscheint der Künstler, anscheinend unter Verrocchio’s Einfluß, kräftiger in seinen Gestalten, reicher und unruhiger in der Gewandung; so in der schönen Verkündigung in den Innocenti. Aus dieser Zeit sind in der Berliner Sammlung u. A. die Lünette mit der Madonna zwischen anbetenden Engeln (No. 119) und »der Knabe als Brunnenfigur« (No. 121). Mehrere andere glasierte Thonbildwerke sind Werkstattarbeiten des Andrea.