[S. 51] Ich war in Düsseldorf bei Jacobi: Der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819), den Humboldt im Herbst 1788 auf seiner Rheinreise kennen gelernt hatte. Er schreibt damals in einem Briefe an Georg Forster, mit dem er kurz vorher enge Freundschaft geschlossen hatte, folgendes über diese Begegnung mit Jacobi: »Sein Umgang war mir über alles interessant. Er ist ein so vortrefflicher Kopf, so reich an neuen, großen und tiefen Ideen, die er in seiner so lebhaften Sprache vorträgt; sein Charakter scheint so edel zu sein, daß ich in der Tat nicht entscheiden mag, ob er zuerst mein Herz oder meinen Kopf gewonnen hat. Er hat mir erlaubt und versprochen, die Verbindung durch einen Briefwechsel zu unterhalten.«

[S. 54] Ihr alter väterlicher Freund Ewald: Johann Ludwig Ewald (1747-1822), Pfarrer, später Generalsuperintendent und Konsistorialrat, wird des öfteren in den Briefen erwähnt.

[S. 92] Die Kraft abgewinnt, zu erscheinen: hierüber gibt Charlotte in ihren Zusätzen folgende Ausführungen:

»Es möchte eine Erklärung nötig sein über die dunkeln Andeutungen, welche dieser Brief enthält. Zwar bin ich nicht imstande, die Rätsel zu lösen, nur erzählen kann ich das Geheimnisvolle, was Wilhelm von Humboldt so sehr interessierte. Es schien nämlich ganz unzweifelhaft, daß etwas Geheimnisvolles, ja in ein unsichtbares Bereich Gehörendes, nie Aufgehelltes (so sorgfältig auch danach geforscht wurde) in meinem Vater lag. Auch war er sich dessen wohl bewußt. Ohne erfreut oder niedergeschlagen darüber zu sein, sprach er

wohl darüber, erzählte mehrere Erfahrungen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, ernst, würdig, ohne festen Glauben, ohne Furcht, aber auch ohne spöttisches, starkgeisterisches Verwerfen. Er pflegte wohl zu sagen: den Zusammenhang zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt hat noch niemand durchschaut und erkannt.

Es waren weniger Erscheinungen als Wahrnehmungen durchs Gehör; laute, ja lärmende Bewegungen in den von ihm bewohnten oder benutzten Zimmern, oft alsbald wenn er sie verließ, nie während seiner Gegenwart. Diese Geräusche waren dem Beschäftigungsgeräusche gleich, das er in einem eigentlich gelehrten Leben durch die damit verbundenen Bewegungen erregte: Kramen zwischen Büchern, Schriften und Papieren, Zusammenrücken der Tische, Herbeiziehen der Stühle, bald langsames, bald schnelles Hin- und Hergehen – alles ebenso, nur lauter, als es mein Vater betrieb, so daß Mutter und Kinder im unteren Stock oft glaubten, der Vater sei zu Hause. Dieser pflegte, wenn es das Wetter erlaubte, mittags vor Tisch eine Stunde spazieren zu gehen oder zu reiten. Er hatte die Gewohnheit, dann seine Arbeitsstube zu verschließen und den Schlüssel einzustecken. In diesen Mittagsstunden war das Lärmen am lautesten. Sehr oft, wenn er zu Tisch kam, war er ernst, etwas düster und schweigend, aß wenig oder auch garnichts. Ein andermal erzählte er, ruhig immer, doch oft mit umwölkter Stirn: wenn er den Schlüssel einstecke und aufschließen wolle, scheine es, als ob der unsichtbare Teilnehmer des Zimmers, gleichsam als werde er überrascht, schnell aufspringe und mit Poltern, Umwerfen der Stühle in das Nebenzimmer eile, das aber immer von beiden Seiten verriegelt war. Sehr oft sei es so, daß er glauben müsse, es habe sich jemand auf sein Arbeitszimmer und zu seinen Papieren geschlichen. Trete er aber ein, finde er alles ungeändert, so wie er es verlassen, Bücher, Papiere, Federn usw., alles am gewohnten Platz,

den Stuhl wie den Tisch, an dem er zu schreiben pflegte, unverrückt. Die Mutter, die manche häusliche Geschäfte in einem benachbarten Zimmer, auf demselben Gange, in demselben Stock vorzunehmen pflegte, sagte wohl zu ihren heranwachsenden Kindern: Gott verzeih' mir – ich glaube, Euer Vater ist doppelt! – Was das Grauenhafte ungemein verminderte, war, daß die Nächte und auch die Nachmittage still waren. Vormittags, besonders aber in den Mittagsstunden, waren länger als ein Jahr polternde Geräusche, was auch Besuchende wahrnahmen. Wirklich niederschlagend war es, daß alle Wahrnehmungen nicht bloß an sich unerfreulich waren, sondern daß auch kein tieferer Gehalt darin erkannt werden konnte. Sie waren weder anzeigend, noch warnend, noch weniger erhebend oder trottend, alles sah wie ein Spiel böswilliger Geister aus, die nur Schrecken und Grauen erregen wollten. Indes übte auch hier Gewohnheit ihr Recht. Wir hatten uns fast an die unheimlichen Unsichtbaren gewöhnt, und da sie uns nicht weiter schädlich berührten, ließen wir sie meist unbeachtet. Wie viele Nachforschungen und Untersuchungen man auch vornahm, keine derselben brachte erklärende Resultate. Mit dem Tode der Mutter, der früh erfolgte, verstummte alles Unheimliche, als ob es Anzeichen dieses Trauerfalles habe sein sollen.«

[S. 111] Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus: Dazu gibt Charlotte folgenden Zusatz:

»Die Hindeutung auf gewissermaßen natürlich-magnetische Träume, deren hier gedacht wird, möchte noch einige, wenn auch nicht erklärende, doch deutlicher machende Worte erfordern, über eine seltsame und gewiß seltene physiologische Stimmung, wie solche mir durch oft wiederholte, immer gleiche Erzählung bekannt worden ist, ohne Aufschluß erhalten zu haben oder geben zu können. Mein Vater erkrankte schwer und langwierig in

meiner frühesten Kindheit. Gegen alle Erwartung der Ärzte wurde er erhalten und gerettet durch eine schwere Operation, die ein sehr geschickter Wundarzt, der hinzugezogen wurde, verrichtete. Derselbe wurde nach erfolgter gänzlicher Genesung des Vaters von der Familie wie ein teurer Wohltäter geliebt und verehrt, und beide Häuser kamen in innige Verhältnisse, um so mehr, da groß und klein von gleichem Alter waren. Im nächsten Frühjahr wurde der erste Besuch in die benachbarte Stadt, zum Doktor und Regimentsarzt M., gemacht. Dieser kleine, fröhliche Ausflug war für uns alle ein wahres Fest. Schon beim Stillhalten des Wagens, bei dem Aussteigen, bei dem Eintritt in den Hausflur wurde mein Vater still und bestürzt, mehr noch beim Eintritt in die Wohnstube. Das M-sche Haus war alt und winkelig, man fand sich nicht gleich darin zurecht, und ein versteckter Gang führte in einen kleinen Garten, von den Kindern der Irrgarten genannt. Nach dem ersten Empfange sollten nun erst den Gästen ihre Zimmer angewiesen werden. Jetzt nahm der Gast den Hausherrn an den Arm, mit den Worten: »Nun will ich Sie führen.« Schweigend brachte er ihn erst in die Gastzimmer, dann durch alle Räumlichkeiten durch, vor dem Eintritt in jede Stube und Kammer die Bestimmung derselben bemerkend, und zuletzt auch kannte er den verdeckten Gartenweg. Fast genauer als im eigenen Hause kennt er hier jedes Möbel und gibt der erstaunten Gesellschaft folgenden Aufschluß: während seiner dreimonatigen schweren Krankheit habe ihn jeder matte Krankenschlummer in dies Haus gebracht; er habe in allen diesen Räumen so oft und so lange verweilt, daß er alles aufs genaueste kenne. Da er aber den Schauplatz seiner Träume nie gesehen habe, es also keine Erinnerungen sein konnten, welche in der kranken Einbildung wieder aufstiegen, so habe er es ganz natürlich für phantastische, kranke Traumbilder gehalten, ohne weiter darauf zu achten. Man möge