Wesen nicht gehörig eindringt. Es ist auch höchst wahrscheinlich, daß er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rückhalt aufzuschließen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhältnis nicht stehen. Er hätte es späterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das werden in der Folge Ihre Blätter zeigen. Allein es ist selten und schwer, daß ein Vater sich über sich selbst erwachsenen Töchtern vollkommen öffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters (ich meine darunter nämlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern, sich mit sich selbst zu beschäftigen) mit etwas, das, wenn man es auch nicht körperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom Bewußtsein unabhängig und getrennt ist, vermischt. Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus, haben in sich etwas Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen lassen, und das immer wie eine unbekannte Größe dasteht, und etwas, das das Urteil über den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewiß macht.

Ich gestehe, daß ich keine Vorliebe für diese innere Gemütsstimmung habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewußtseins, daß nichts in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich besitze, teils von Natur, teils durch die sehr früh begonnene Übung eines langen Lebens, eine

große Gewalt und Stärke über mich selbst, und mir würde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzählen, er von einem fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, über Ihren Vater mir das mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein würde, der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von Preußisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber für sehr anziehend, außerdem, daß sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch sehe ich eben, daß Sie meinen Rat über etwas wünschen. Schreiben Sie mir nur ohne Rückhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewiß mit Freuden. Es ist aber wahr, daß ich nichts davon halte, Rat zu fragen, noch zu erteilen. Gewöhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern über mancherlei, auch über Konvenienz, Pflicht aufklären lassen, aber entschließen muß man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl! Unwandelbar der Ihrige. H.

Berlin, den 18. Oktober 1823.

Den für den Augenblick nötigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus Ihrem nächsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt nicht schaden, und man weiß doch nicht, was geschieht. Ich halte immer sehr viel davon im Leben, die Anlässe, die sich zu etwas darbieten, was dem gewohnten Gange eine veränderte Richtung geben kann, nicht zu versäumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend entspinnt, in das übrige Leben zu verweben. Vorzüglich ist aber dies der Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte Ihnen einmal so günstige Äußerungen gemacht, daß es schade wäre, auf diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine Prüfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln von Erfahrungen das Nützlichste und wenigstens bei weitem das Unterhaltendste. Es kann zwar sein, daß das nicht so in jeder Natur ist, aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn

ich in Lagen war, wo ich ernsthaft selbst mithandeln mußte, hat mich diese Freude am bloßen Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen. Ich habe darin zugleich eine große Zugabe zu meinem innern Glück und eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die positive Freude am Anblick der wirkenden Kräfte, am Weiterrücken der sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und dann wird man gleichgültiger gegen den Ausgang, insofern dieser nämlich uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine Weise geschwächt werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Besonders bei großen Angelegenheiten gibt diese Ansicht gerade die Überzeugung, daß sie, wenn sie auch gegen unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal feststehenden Plänen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein über jedes andere gehendes geistiges Vergnügen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens bei mir, anders. Es würde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht scheinen, die ich mir nie erlauben würde, wenn ich, was sich mit mir und meiner Persönlichkeit ereignet, gewissermaßen tiefen Plänen im Weltlaufe zuschieben wollte. Es gehört

freilich auch zum Ganzen, aber wie ein Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen, mit Bescheidenheit im Günstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht und seinen Gefühlen schuldig ist, das Übrige mag auf- und abstürmen, ich suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch bei den, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergnügen der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstände u. s. f., was oft für so vieles auch wirklich Widrige entschädigt. Es versteht sich jedoch von selbst, daß diese Beschauungslust des Lebens nie aus bloßer Neugierde entstehen muß, daß sie nicht sein darf, wie vergnügungssüchtige Leute in die Komödie gehen. Sie muß entstehen aus dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht bloß an ihrem Glück, denn das Glück ist bei weitem nicht das Höchste, sondern an ihrem innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer unermüdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem Innern zu erkennen, und so viel es möglich ist, die Räder zu erahnen, welche die Schicksale der Menschen, oft unauflöslich scheinend, ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander rollen, daß wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie

daraus hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Höhe des Gesichtspunkts ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes und Edles daraus hervorgehen. – Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem innigsten Anteil der Ihrige. H.