So sehr ich auch die Natur liebe und gern in ihr weile, bin ich doch, seit ich hier bin, nicht sehr viel ins Freie gekommen. Wenn nicht Besuch kommt, was bei diesen kalten und regnichten Tagen nicht so häufig der Fall ist, pflege ich von sechs bis acht Uhr abends draußen zu sein. Ich ziehe den Abend dem Morgen besonders wegen des Sonnenuntergangs vor. Nicht leicht versäume ich diesen an irgend einem Tage zu sehen. Ich habe ihn immer werter gehalten als den Aufgang, obgleich das vielleicht nur daher kommt, daß man am Abend, nach vollendeten Geschäften, ruhiger und besser gestimmt ist, sich Natureindrücken zu überlassen. Den ganzen Tag über arbeite ich in meiner Stube, die aber nach der Mittags- und Abendseite die unmittelbare Aussicht nach dem Garten und hohen Bäumen hat. Dies Arbeiten in selbstgewählten Studien, unabhängigem Denken (denn meine eigentlichen Geschäfte kosten mir verhältnismäßig sehr wenig Zeit) kann ich eigentlich als mein Leben ansehen. Meine Ideen, und dies in Büchern, in Anschauungen, in Erfahrungen, wodurch sie genährt werden, beschäftigen mich eigentlich allein und ausschließend; und ich kann mit Recht sagen, daß ich mein sehr heiteres und

glückliches Dasein, wenn nicht allein, doch größtenteils ihnen verdanke. Hat man sich einmal an dies Leben in Ideen gewöhnt, so verlieren Kummer und Unglücksfälle ihre Stachel. Man ist wohl wehmütig und traurig, aber nie ungeduldig noch ratlos. Ich knüpfe, weil ich einmal diese Gewohnheit gefaßt habe, dies Nachdenken immer an gelehrte Beschäftigungen, aber ich suche mich immer und an jedem Punkte darin zu freien Ideen zu erheben, die sich dann an alles, was nicht wirklich, und an alles, was in der Wirklichkeit echten und wesenhaften Glanz, Gehalt und Reiz hat, knüpfen. In dieser höheren Region werden die Ideen, die als gelehrte Beschäftigungen nur für wenige bestimmt scheinen, wieder sehr einfach und knüpfen sich an alles allgemein Menschliche an.

Ich freue mich zu denken, daß Sie diesen Brief, wie Sie es immer freut, zum Pfingstfest bekommen. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige. H.

Tegel, den 16. Juli 1825.

Dies ruhige, schöne, meinem Alter und Neigungen angemessene Verhältnis können wir ungestört so lange fortsetzen, als wir miteinander im Leben fortwandeln; es ist von meiner Seite nichts da, was es unterbrechen könnte, und ich weiß nichts, was es von Ihrer Seite hindern könnte.

Genügt Ihnen, wie ich denn sicher überzeugt bin, daß es Ihnen genügt, dies, so ist unser Verhältnis so klar und rein, wie es nur immer gedacht werden kann. Sie brauchen auch garnicht zu denken, daß Sie darin bloß die Empfangende sind; ich habe Ihnen oft gesagt, daß mir Ihre Briefe, Ihre natürlichen, weiblichen Äußerungen Ihrer Ergebenheit, Ihre Lebensbeschreibung recht große Freude machen und gemacht haben. Glaube ich, daß Sie mir eine besondere machen könnten, so haben Sie ja gesehen, daß ich es Ihnen frei und natürlich geäußert habe. Sagt das Ihnen nicht zu, so trete ich davon zurück, und gewiß ohne Erbitterung, ohne Klage, ohne, wie ich Ihnen sagte, irgend eine Empfindung, die Ihnen unangenehm sein könnte, bloß in dem Gefühle, daß nicht zwei Menschen ganz gleich denken können. Also auch so etwas müssen Sie, liebe Charlotte, nicht schwer aufnehmen. Es gibt schon sehr vieles, was auch das glücklichste Leben schwer machen kann, daß man es nicht willkürlich vermehren muß. Willkürlich ist nun zwar eine solche Mißstimmung nicht, aber man kann doch gegen sie arbeiten. Das erfordert freilich Selbstbeherrschung, aber darauf muß ich auch zurückkommen, daß die allen Menschen nötig ist. So glaube ich, liebe Charlotte, mich so rein ausgesprochen zu haben, daß Ihnen wenigstens in mir nichts dunkel und rätselhaft bleiben kann. Nun muß ich noch eine Stelle Ihres Briefes berichtigen, wo Sie mich ganz

mißverstanden haben, indem Sie sagen, daß ich nichts zu meinem Glück bedürfe als mich. Es ist das allerdings wahr. Aber das kann ich, wie streng ich mich untersuche, nicht tadeln, es ist vielmehr in mir die Frucht eines langen und darauf gerichteten Lebens gewesen. Ich lebe nämlich in Gefühlen, Studien, Ideen; diese sind es eigentlich, die machen, daß ich nichts Fremdes bedarf, und sie sind auf unvergängliche Dinge gerichtet, sie lassen mich nicht sinken, wenn mir Erwartungen fehlschlagen, wie ich es oft, wenn mir Unglücksfälle zustießen, erlebt habe. Nur wenn man in diesem Sinne nichts bedarf, kann man möglichst frei von Egoismus sein, denn da man für sich nichts fordert, kann man andern hilfreicher sein. Man genießt auch dann jede Freude mehr, gerade weil sie kein Bedürfnis ist, sondern eine reine, schöne Zugabe zum Dasein. Alles, was dem Bedürfnis ähnlich ist, hat die Eigentümlichkeit, daß man es viel weniger genießt, wenn man es hat, als es schmerzt, wenn man es entbehrt. Darum aber fühle ich (ich habe es ja mehr als einmal erfahren) den Verlust geliebter Personen wohl eher tiefer als andere, wenn auch mit mehr Fassung und Ruhe. Nur die Wehmut setze ich nicht dem Glücke entgegen, sondern teile das Glück in wehmütiges und heiteres, und setze jenes nicht gegen dieses zurück. So meinte ich das, was Sie anders verstanden, und wenn Sie den Inhalt meiner Briefe im ganzen durchgehen, werden Sie

immer dies darin ausgesprochen finden. Dafür, daß einzelne Stellen anders erscheinen könnten, möchte ich nicht einstehen, da man nicht jedesmal alles begrenzen kann, doch glaube ich es kaum. Leben Sie nun herzlich wohl, rechnen Sie fest auf die Unveränderlichkeit meiner Gesinnungen, verscheuchen Sie vor allem jede unnütze Besorgnis, erheitern Sie sich. Denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen, das tun Sie ja so gerne. Von Herzen Ihr H.