Daß Sie der Konsequenz gram und feind sind, wenn sie nichts als Eigensinn ist, und nur diesen edleren Namen annimmt, darin haben Sie ganz recht. Es ist dies dann nur eine tadelnswerte Scheinheiligkeit. Doch muß man nicht alles Eigensinn nennen, wovon man die Gründe nicht einsieht, oder was auf solchen Gründen beruht, für die man, wenn man sie auch kennt, keinen Sinn hat. Das wäre wieder auf der andern Seite und in einem andern Extreme gefehlt. Noch weniger könnte es Konsequenz genannt werden, wenn man bei Meinungen beharren wollte, die man selbst abgeändert hätte und nicht mehr, wie ehemals, für wahr hält; das wäre nichts als Rechthaberei, oder die Schwäche, nicht vor andern bekennen zu wollen, daß man früher unrecht gehabt hat. Wenn man das selbst fühlt, muß man auch keine Schwierigkeit darin finden, es vor andern einzugestehen. Ich halte garnichts davon, in seinen Grundsätzen, Meinungen und Empfindungen so ein für alle Mal abgeschlossen zu sein und zu denken, daß das nun alles darum so recht wäre, weil man es so lange dafür gehalten hat. Ich prüfe vielmehr immer alles aufs neue und würde es keinen Augenblick Hehl haben, wenn auch das, woran ich sehr gehangen hätte, mir plötzlich anders erschiene. Ich würde dann nicht nur selbst meine vorige Meinung ablegen, sondern es auch ohne allen Anstand bekennen. Gerade aber, wenn man so gestimmt ist, begegnet einem dies bei andern
viel weniger, denn man ist dann an sich dem Nachdenken geneigt, und die Grundsätze und Meinungen, die man hat, gründen sich dann auch auf das Nachdenken, solche aber vertauscht man nicht leicht mit andern, wenn man auch sich neuen Prüfungen noch so offen erhält. Sie sagen, daß Sie in den letzten Wochen zu sehr ernsthaftem Nachdenken über sich geführt worden sind und Ihre Blicke sehr in die Tiefe Ihres Innern gerichtet haben. Sie werden dann dabei erfahren haben, wie wohltätig es ist. Mir kehrt aus solchen Selbstbetrachtungen, die ich für die höchste und beste Beschäftigung halte, alle Mal eine große und nicht leicht wieder zu zerstörende Heiterkeit zurück. Man findet entweder, daß der Zustand des Gemüts von der Art ist, wie man nur wünschen kann ihn zu erhalten, und hat nichts nötig gehabt, als ihn nur besser zu entwirren, mehr Licht und Klarheit in ihm zu genießen – und das ist gewiß der Fall bei Ihnen – oder man muß sich selbst anklagen und unzufrieden mit sich sein; dann ändert man seinen Sinn, nötigt das Gemüt zu dem, was es aus Irrtum, oder Schwäche, oder sonst einer Verkehrtheit versagte, und genießt gerade wieder in dem Gefühl, sich auf den rechten Weg zurückgebracht zu haben, einer neuen und nun wahrhaft befestigten Heiterkeit. Leben Sie herzlich wohl, bleiben Sie ruhig und heiter, und rechnen Sie auf die Gleichheit und Unveränderlichkeit meiner Gesinnungen. H.
Burgörner, den 6. September 1825.
Es ist nahe an Mitternacht, da ich meinen Brief an Sie anfange, er kann aber, es ist heute Dienstag, erst am Freitag abgehen. Ich habe immer im Briefschreiben die Sitte, die ich aber nicht unbedingt loben will, mich im Schreiben nicht an die Posttage zu kehren, sondern meiner Neigung zu folgen. Bei vertraulichen Briefen, wie die unsrigen sind, ist das eigentlich nicht gut. Es ist natürlich, solche Briefe sobald als möglich in die Hände desjenigen zu wünschen, dem sie bestimmt sind. Aber mit andern Briefen, die Dinge betreffen, an denen das Gemüt keinen oder wenigen Teil nimmt, ist es nicht übel, sie einige Tage liegen zu lassen. Man kann dann noch vielleicht ändern.
Was Sie über den Einfluß des schnelleren oder langsameren Umlaufs des Bluts auf das Gemüt sagen, ist vollkommen wahr und darf bei Beurteilung anderer nicht aus der Acht gelassen werden. Indes ist es eine schöne Eigenschaft im Menschen, und ein ihm von dem Schöpfer ausschließlich vor den übrigen Erdengeschöpfen eingeräumter Vorzug, daß er immer fühlt, daß er durch den Gedanken und durch den Entschluß jeden körperlichen Einfluß, wie stark er sein möge, hemmen und beherrschen kann. Es sagt dem Menschen eine innere Stimme, daß er frei und unabhängig ist, sie rechnet ihm das Gute und das Böse an, und aus der Beurteilung
seiner selbst, die immer stärker und strenger sein muß als die anderer, muß man jene ganz körperlichen Einflüsse völlig hinweglassen. Es sind zwei verschiedene Gebiete, das der Abhängigkeit und das der Freiheit, und durch den bloßen Verstand läßt sich der Streit beider nicht lösen. In der Welt der Erscheinungen sind alle Dinge dergestalt verkettet, daß man, wenn man alle Umstände bis auf die kleinsten und entferntesten immer genau wüßte, beweisen könnte, daß der Mensch in jedem Augenblick gezwungen war, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Dabei hat er aber doch immer das Gefühl daß er, wollte er in das hemmende Rad greifen und sich von dieser ihn umstrickenden Verkettung losmachen, es vermöchte. In diesem Gefühl seiner Freiheit liegt seine Menschenwürde. Es ist aber auch das, wodurch er gleichsam aus einer andern Welt in diese eintritt. Denn im Irdischen allein kann nichts frei, und im Überirdischen nichts gebunden sein. Der Widerstreit ist nur dadurch zu lösen, daß es eine Herrschaft des ganzen Gebiets der Freiheit über das ganze Gebiet der Abhängigkeit gibt, die wir nur im einzelnen nicht begreifen können, die aber die Verkettung der Dinge vom Uranfange so leitet, daß sie den freien Beschlüssen des Willens entsprechen muß.
Wie ich mir Ihren körperlichen Zustand denke, liebe Charlotte, so hängt er auch sehr von der Seele ab. Suchen Sie daher vor allem sich zu erheitern und von allen Seiten zu beruhigen.
Es ist dies freilich leichter zu sagen als zu tun, aber viel vermag es doch, wenn man sich nur alles, was einem besorglich scheint, recht klar macht und vollständig auseinandersetzt, und alles in sich zurückruft, worin man mit dem Geschick zufrieden sein oder es vielleicht sogar dankbar preisen kann. Gelingt es dem Geist, die Krankheit oder Kränklichkeit ganz aus sich zu entfernen und bloß in den Körper zu bannen, so ist unendlich viel gewonnen, und so erträgt sich danach körperliches Übel mit Fassung und wirklicher, nicht scheinbarer Ruhe, und erträgt sich nicht bloß, sondern hat sehr oft auch noch etwas die Seele schön und sanft Reinigendes. Ich selbst bin zwar mehrere Male, und ein paar Mal sehr gefährlich, krank gewesen, aber an dauernder Kränklichkeit, eigentlich schwacher Konstitution, habe ich nie gelitten. Ich bin aber oft mit Personen umgegangen, Männern und Frauen, in denen dieser Zustand der tägliche war, und die nicht einmal irgend wahrscheinliche Hoffnung hatten, sich je anders als durch den Tod herauszuwickeln. Zu diesen Menschen gehörte Schiller vorzüglich. Er litt sehr, litt dauernd, und wußte, wie auch eingetroffen ist, daß diese beständigen Leiden nach und nach seinen Tod herbeiführen würden. Von ihm aber konnte man wirklich sagen, daß er die Krankheit in dem Körper verschlossen hielt. Denn zu welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war sein Geist ruhig und heiter, und aufgelegt zu freundschaftlicher Mitteilung