mir immer eine gewisse Ideenarmut geschienen, wenn man schriftlich oder mündlich aufs Erzählen kommt, wiewohl ich's in andern nicht tadle. Ich bin auch nie der Meinung gewesen, daß es zur Freundschaft gehört, sich mitzuteilen, was einem Frohes oder Schmerzliches begegnet. Es mag dies wohl auch Freundschaft heißen und sogar sein, aber es gibt wenigstens Gottlob! eine höhere, auf Reinerem und Höherem beruhende Freundschaft, die dessen nicht bedarf und, weil sie mit etwas Edlerem beschäftigt ist, darauf nicht kommt.
Ich gehe noch einmal Ihren letzten Brief durch und verweile bei einer Stelle, die mir viel Vergnügen gemacht hat, und die ich mehr als einmal gelesen habe. An das zarte Verhältnis unserer dauerhaften Freundschaft knüpfen sich so manche schöne und, wenn man sie weiter verfolgt, höhere und selbst erhebende Ideen. Ich gehe zuerst davon aus, daß Sie mir diese Empfindungen von früher Jugend her gewidmet und zart gesondert erhalten haben bis ins Alter, ohne irgend eine Absicht, Wunsch oder Forderung daran zu knüpfen. Es gibt also schon hier, unter allem irdischen Wechsel, den Beweis von Dauer, Unvergänglichkeit, und man möchte sogar sagen Unendlichkeit; auf der andern Seite, von Festhalten des Unveränderlichen, von Würdigung des wahrhaft Wertvollen in würdiger Erfassung eines höhern Guts, in Wegweisung kleinlicher, engherziger Beschränkung. Denn gerade diese Engherzigkeit, der man so oft
begegnet, und worin sich der, der sie nährt, meist gefällt, beweist die sinnliche Unlauterkeit der Gefühle derer, die dergleichen Schranken bedürfen, um sich dahinter zu verstecken. Die wahre Liebe, die ihrer höheren Abstammung treu bleibt und gewiß ist, erwärmt gleich der Sonne, so weit ihre Strahlen reichen, und erhellt verklärend alles in ihrem lautern Glanz. Endlich erhebt eine solche Erscheinung die Seele in Hoffnung und Glauben. Begleiten uns schon hierin unserer Endlichkeit und Unvollkommenheit dauernde Treue und Liebe, besitzen wir schon hier unentreißbare Güter, die mit uns hinübergehen, die wir nicht zurücklassen werden, wie sollte uns nicht die Hoffnung beseelen und erheben, daß wir im Überirdischen in höherer Klarheit wiederfinden, was uns schon hier beseligen konnte als freie Himmelsgabe. Zählen und rechnen Sie, teure Charlotte, aber auch fest auf die gleiche und unwandelbare Gesinnung, womit ich Ihnen
angehöre. Ihr H.
Berlin, den 8. November 1825.
Ich hoffe gewiß, daß die Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht haben werden. Sie sind so genau, daß sie ein sehr bestimmtes und deutliches Bild des Hauses geben müssen, wenn man sie durchgeht. Ich habe den Ort sehr gerne, bin aber doch im Grunde nicht viel da. In diesem Jahre verlebte
ich kaum vier Monate dort. Im Winter habe ich mehrere Gründe, in der Stadt zu sein, obgleich meiner Frau und mir das Leben auf dem Lande auch dann sehr zusagen würde. Im Sommer nötigen oder veranlassen mich wenigstens die Angelegenheiten der andern Güter, auch diese zu besuchen. So kommt man, bei aller anscheinenden Freiheit, doch nicht immer dazu, das zu tun, was einem das Liebste wäre. An Tegel hänge ich aus vielen Gründen, unter denen doch aber der hauptsächlichste die Bildsäulen sind, teils Antiken in Marmor, teils Gipse von Antiken, die in den Zimmern stehen und die ich also immer um mich habe. Wenn man Sinn für die Schönheit einer Bildsäule hat, so gehört das zu den reinsten, edelsten und schönsten Genüssen, und man entbehrt die Gestalten sehr ungern, an denen sich das Vergnügen, wie unzählige Male man sie sieht, immer erneuert, ja steigert. So reizend auch Schönheit und Gesichtsausdruck an lebenden Menschen sind, so sind beide doch an einer vollendeten Statue, wie die antiken sind, so viel mehr, und so viel höher, daß es gar keine Vergleichung aushält. Man braucht, um das zu finden, gar keine besondern Kenntnisse zu besitzen, sondern nur einen natürlich richtigen Sinn für das Schöne zu haben, und sich diesem Gefühl zu überlassen. Die Schönheit, welche ein Kunstwerk besitzt, ist natürlich, weil es ein Kunstwerk ist, viel freier von Beschränkung als die Natur, sie entfernt alle Begierde, alle auch
auf noch so leise und entfernte Weise eigennützige oder sinnliche Regung. Man will sie nur ansehen, nur sich mehr und mehr in sie vertiefen, man macht keine Ansprüche an sie, es gilt von dieser Schönheit ganz, was Goethe so schön von den Sternen sagt: »Die Sterne die begehrt man nicht, man freut sich ihres Lichts.« Sie werden auf der Zeichnung des Hausflurs einige Statuen bemerken, unter anderen einen weiblichen Körper ohne Kopf und Arme. Dieser steht nicht mehr da, sondern ist jetzt mit andern Statuen in meiner Stube. Ich besitze ihn schon lange und hatte ihn auch in Rom immer bei mir. Es ist eine der vollendetsten antiken Figuren, die sich erhalten haben, und es gibt nicht leicht eine andere Bildsäule einen so reinen Begriff streng weiblicher Schönheit....
Sie wollen meine Meinung über Walter Scott und fragen mich, was Sie lesen sollen. Da weiß ich Ihnen aber schwer Rat zu geben. Ich lese schon an sich wenig Deutsch, und unter diesen meist solche wissenschaftliche Bücher, die doch nicht für Sie sein würden, ich bin also eigentlich darin ein schlechter Ratgeber. Einige habe ich auf dem Lande den Abend bei meiner Frau vorlesen hören, und sie haben mir viel Vergnügen gemacht. Ich empfehle Ihnen vor allen den Astrologen, den Kerker von Edinburg und Robin den Roten. Es ist eine schöne Lebendigkeit und eine sehr richtige Zeichnung und Durchführung der Charaktere in diesen Romanen,
und sie haben noch das Anziehende, daß sich mehrere derselben genau an wirklich geschichtliche Ereignisse anschließen, und eine in große Details eingehende Schilderung von Sitten und Gebräuchen verschiedener Zeitalter enthalten. Auch Quintin Durward und Ivanhoe sind aber zu empfehlen. Geschichtsbücher würde ich immer als Lektüre vorziehen, und ich denke mir oft, daß, wenn ich einmal das Schicksal haben sollte, wie es Personen, die ihre Augen viel gebraucht haben, häufig geht, ganz schwache Augen zu bekommen oder ganz blind zu werden, wo das eigene Studieren nicht mehr geht, daß ich mir, sage ich, da würde lauter Geschichtsbücher vorlesen lassen. In der Geschichte interessiert nun einen mehr das Entferntere, andere mehr das Nahe. Wenn Ihnen das letzte das liebste wäre, so sind seit einigen Jahren eine Menge interessanter Memoiren in Frankreich erschienen. Ich habe äußerst wenige davon gelesen, aber doch viel davon gehört, und anziehend sind diese Schriften gewiß. – Ich wiederhole Ihnen von ganzem Herzen, liebe Charlotte, die Versicherung meiner herzlichen und immer gleichen Gesinnungen. Ihr H.