an zu verfolgen, oder dem Schwanken der Nachrichten über sie Monate lang nachzugehen, hat kein erhebliches Interesse für mich und ermüdet bald meine Geduld. Auch in den Weltbegebenheiten und den Ereignissen, die ganze Staaten erleben, bleibt doch immer das eigentlich Wichtige dasjenige, was sich auf die Tätigkeit, den Geist und die Empfindung einzelner bezieht. Der Mensch ist einmal überall der Mittelpunkt, und jeder Mensch bleibt doch am Ende allein, so daß nur, was in ihm war und aus ihm ausgeht, auf ihn Wichtigkeit ausübt. Wie der Mensch im Leben auf Erden mitempfindend, wirksam, teilnehmend, immer sich gesellig entwickelnd, ist, so macht er den größeren Weg, der über die Grenzen der Irdischkeit hinausreicht, doch allein, und keiner kann ihn da begleiten, wenn auch freilich in allen Menschen die Ahnung liegt, jenseits des Grabes die wiederzufinden, die vorangegangen sind, und die um sich zu versammeln, die nach uns übrig bleiben. Kein gefühlvoller Mensch kann dieser Ahnung, ja dieses sichern Glaubens entbehren, ohne einen großen Teil seines Glückes, und gerade den edelsten und reinsten, aufzugeben, und auch die heilige Schrift rechtfertigt ihn. Ja, man kann ihn in einigen Schriftstellen als eine ausgemachte und zu den trostreichen Lehren des Christentums wesentlich gehörende Wahrheit aufgestellt finden. Allein, das ändert an dem, was ich erst sagte, nichts ab. Ich meinte nämlich, daß hier auf Erden alles, was sich auf

andere, und im ganzen auf künstlich eingerichtete Institute bezieht, doch nur insofern dem Menschen wahren Gewinn bringt, als es in den einzelnen eingeht. Alles Erhöhen der Bildung, alles Verbessern der Dinge und der Einrichtungen auf Erden, alle Vervollkommnung der Staaten und der ganzen Welt selbst besteht nur in der Idee, insofern es sich nicht im einzelnen Menschen ausspricht, und darum nehme ich in allen, auch den größten Weltbegebenheiten immer den einzelnen, seine Kraft zu denken, zu empfinden und zu handeln, heraus. Die Allgemeinheit der Begebenheit macht nur, daß sie zugleich auf viele so wirkt, oder durch ein solches Wirken vieler entsteht, und die Größe der Begebenheit, daß sie außerordentliche und ungewöhnliche Kräfte in Bewegung setzt oder zu Urhebern hat. Dadurch verknüpft sich denn auch das Privatleben mit dem öffentlichen. Was man in diesem an dem einzelnen Menschen bemerkt, findet sich auch, nur anders, durch andere Triebfedern in Bewegung gesetzt, zu anderen Handlungen anregend, in jenen. Es ist nur der Schauplatz, der sich ändert, das Schauspiel, der Gegenstand, an dem man sich erfreut, ist derselbe. Sieht man so die öffentlichen Ereignisse an, so gewinnen sie, wenigstens in meinen Augen, ein höheres und lebendigeres Interesse. So aber können die Zeitungen sie eigentlich garnicht oder nur höchst selten liefern. – Bei dem, was ich vorher von dem Wiederfinden nach dem Tode sagte, fällt mir ein rührender Vers ein,

den ich vor einigen Tagen beim Spazierengehen auf einem Dorfkirchhofe fand. Eine Frau, die Mutter und Großmutter gewesen war, war mit ihren Kindern und Enkeln redend und für sie betend eingeführt, und das Gebet schloß mit den Worten: »Behüt sie, Gott, vor Ungemach, und bringe sie mir stille nach!« Dieser Ausdruck hat etwas ungemein Naives und Ergreifendes. Ich vermute, daß die beiden Verse schon in älteren Gesangbüchern vorkommen, die in der Regel schönere und kräftigere Lieder als die neueren haben, und so sind sie Ihnen vielleicht bekannt. Ich habe eine eigene Neigung zu Kirchhöfen und gehe nicht leicht an einem vorüber, ohne ihn zu besuchen. Vor allem liebe ich sie, wenn sie mit großen und alten Bäumen bepflanzt sind, auch nur einer oder der andere solcher Bäume darauf steht. Das grünende Leben verbindet sich so schön mit dem schlummernden Tode. Die schönsten Kirchhöfe sah ich in dieser Art in Königsberg in Preußen. Sie haben ganze Reihen der schönsten, größten und kräftigsten Linden. Ich brachte einen Teil des Jahres 1809 in Königsberg zu und versäumte nicht leicht einen schönen Sommernachmittag, auf einem dieser Kirchhöfe herumzugehen. In Rom liegt der der Fremden, die nicht katholisch sind, auch sehr schön und hat auch eine antike Pyramide (auch ein Grabmal), die zufällig da steht.

Wenn ich nach Berlin komme, bleibe ich nur kurze Zeit da und gehe dann nach Tegel, teils

weil ich den Ort liebe und von dem umgeben bin, was ich liebe, teils der ungestörten Ruhe wegen, in der ich dort wieder arbeiten kann. Auf der Reise und bei wechselndem Aufenthalt tut man immer wenig und hat nur eine solche Geschäftigkeit, bei der man für den Geist eigentlich immer untätig ist.

Leben Sie wohl, liebe Charlotte, mit herzlicher Teilnahme und unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.

Berlin, Ende Mai 1826.

Ich bin sehr wohl, aber unendlich beschäftigt, da ich Arbeiten, die ich schon seit Jahren vorbereitet habe, endlich zu endigen denke. Ich habe mir für die nächsten Jahre einen regelmäßigen Plan darüber gemacht, und werde ihnen jetzt, wie ich es seit einigen Wochen tue, alle meine freie Zeit widmen.

Die Witterung ist so schön, wie sie selten bei uns, in unserm nördlichen Klima ist; man fühlt sich dann geistig wie körperlich heiter und mehr als gewöhnlich aufgelegt zu geistigen Beschäftigungen. Es ist gewiß ein beneidenswürdiger Vorzug der südlicheren Himmelsstriche, sich einer größeren Gleichheit der Temperatur zu erfreuen. In anderer Hinsicht ist diese Gleichheit der Natur wieder freudenloser und vielleicht gar in geistiger Hinsicht nachteilig. Die Ankunft des Frühlings ist keine