Sie haben sehr recht, in Ihrem letzten Briefe zu sagen, daß der 18. Oktober, den man gleich nach dem Ereignis, welches damals so ungeheuer schien, ewig feiern wollte, jetzt schon beinahe vergessen ist. Wahrhaft als ein Erinnerungstag gefeiert wird er noch in Hamburg, aber ich glaube, auch nur da. Es liegt indessen in der Natur der Dinge, daß ein Ereignis das andere treibt, und daß es kaum möglich ist, eins auf sehr lange festzuhalten. Man empfindet die wohltätigen Folgen noch dankbar im Innern der Brust, man gedenkt der wundervollen Fügung des Schicksals, wodurch die menschlichen Pläne an einem so denkwürdigen Tage ein solches Gedeihen gewannen, aber der frohe, über alles hinweghebende, sich im allgemeinen Jubel ergießende Sinn erstirbt; was kurz nach der Gegenwart als eine ganz außerordentliche Begebenheit, ein wahres Wunder erschien, tritt nun in den gewöhnlichen Lauf der Begebenheiten zurück. Wenn das auch nicht recht sein mag, so ist es doch natürlich, und ist, so lange die Welt steht, so gewesen. Ich kann es selbst nicht so sehr tadeln. Alles, was man Staats- und Weltbegebenheiten nennt, hat in allen äußeren Dingen die größte Wichtigkeit, stiftet und vernichtet im Augenblick das Glück, oft das Dasein von Tausenden, aber wenn nun die Welle des Augenblicks vorübergerauscht ist, der Sturm sich gelegt hat, so verliert sich, ja so verschwindet oft spurlos ihr Einfluß. Viele andere ganz geräuschlos die Gedanken und

Empfindung stimmende Dinge sind da oft weit mehr von tiefem und dauerndem Einfluß. Der Mensch kann sich überhaupt sehr frei halten von allem, was nicht unmittelbar in sein Privatleben eingreift, und dies ist eine sehr weise Einrichtung der Vorsehung, weil so das individuelle Glück unendlich mehr gesichert ist. Gerade auch je mehr der Mensch sich in seine Individualität einschließt, desto mehr geht aus ihr hervor, was segensvoll auf das Gemüt und das innere Glück vieler wirkt. Diese Betrachtungen verrücken zwar sehr die gewöhnlich über das, was wichtig und unwichtig ist, herrschenden Ideen; das für das Wichtigste Gehaltene wird fast zur Gleichgültigkeit herabgesetzt und dem Unscheinbaren große Bedeutung beigemessen. Sie sind aber darum doch nicht minder wahr, und werden auch gewiß so von allen empfunden, welchen das äußere Weltleben nicht allen inneren Sinn abgestumpft hat. Auch die verschiedenen Epochen des Lebens verändern hierin die Ansicht sehr. Dem Jugend- und früheren Mannesalter sagt alles mehr zu, was auf einen größeren Schauplatz versetzt; im Alter fällt der falsche Glanz von den Dingen, aber sie erscheinen darum nicht ohne Bedeutung, hohl und leer. Man lernt nur das Reinmenschliche in ihnen suchen und schätzen und dies bewährt sich ohne Wandel, so lange man Kraft behält, sich mit ihm in Berührung zu setzen.

Im Dezember 1827.

Wir stehen wieder am Schlusse eines Jahres. Der Monat, in dem das Jahr zu Ende geht, wir haben schon oft in unseren Briefen dabei verweilt, hat immer etwas zugleich Feierliches und Anregendes für mich. Man sagt sich wohl tausendmal, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und Unwesentliches sind, und in der Tat ginge die Zeit eben so leer und ebenso bewegt, wie sie jeder ergreift und wie sie jeder aufnimmt, hin, wenn man ganz vergäße, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es wäre. Allein diese trocken vernünftige Philosophie verliert sich doch im Leben, und wer nur irgend Empfindung in sich trägt, geht immer ganz anders vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander folgenden Tagen über. Es ist, als wenn der Mensch versucht, durch die Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens ihren ununterbrochenen und ungeschiedenen Lauf zu unterbrechen. Sie selbst zwar geht immer fort, aber der Mensch fleht wie auf einer schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt zusammen und umspannt den nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen, Entwürfen, Hoffnungen und Besorgnissen. Ich möchte die Veranlassungen, dies

zu tun, nie aufgeben. So wenig man ihrer eigentlich bedarf, so willkommen ist es, gewahr zu werden, daß sie einen mahnen. Denn eine Mahnung liegt ganz eigentlich in der Zeit, sie straft mit der Unwiederbringlichkeit der Schritte, die sie einmal getan; sie drängt zugleich auf die Gegenwart mit der Ungewißheit der Zukunft, und zwischen dieser Unwiederbringlichkeit und Ungewißheit steht der Mensch beständig, immer mit dem Gefühl, das Versäumte nie zurückführen zu können und nicht vorauszusehen, ob es die Zukunft nachzuholen gestatten wird. Dann halte ich auch sehr viel auf das Charakteristische gewisser, ja jeder Epoche des Lebens. Jedes Jahrzehnt bringt seine Sitten, Gewohnheiten, Schicklichkeiten mit, jedes seine Genüsse und seine Entbehrungen, und die Weisheit ist nur, das nicht zu verwechseln, nicht in ein Alter überzutragen, was einem andern angehört.

Ich habe, wie Sie, liebe Charlotte, wissen, eine eigene Liebe für die sternhellen Winternächte, und es freut mich nicht allein, daß Sie auch diese Neigung, wie so viele andere mit mir teilen, sondern auch, daß Sie mir oft gesagt haben, daß ich Sie noch mehr dahin geführt, und Ihnen meine Anleitungen nützlich waren. Ja, es macht mir oft Freude zu denken, daß sich unsere Blicke wohl oft in einem Planeten oder anderen Gestirn begegnen in den tiefdunkeln, hellen, schönen Winternächten, die wir jetzt haben, da Sie, wie Sie mir wohl

gesagt haben, aus Ihrer Wohnung einen freien weiten Horizont nach allen Seiten haben. Die Freude daran ruht wirklich bei mir mit aus Gewohnheit. In meiner Jugend, als ich zwanzig Jahre und darüber war, ging ich ganze Nächte hier, und wo ich war, auf den Straßen herum. Wenn ich dann so die Gestirne hinziehen und ihre Stellungen verändern sehe, fällt mir immer ein, daß es nur die Abteilungen der Zeit sind, von denen ich eben sprach, die uns an jene fernen Welten heften, durch die wir ihre gegenseitigen Stellungen zu Bestimmungspunkten in uns und für uns zu einer Epoche in ihrem Gange machen.

Das Versenken in diese Ferne, das Sichverlieren in dieser Menge der Weltkörper, die sich dem Auge selbst wie ein einziges Lichtmeer darstellen, macht mich ganz eigentlich glücklich und fesselt mich, daß ich mich stundenlang nicht davon losreißen kann. Ist der Jupiter eben sichtbar, suche ich ihn immer zuerst auf und erfreue mich an seinem hellen, milden, weißen Lichte; dann verfolge ich die so unendlich fernen Fixsterne und habe es gern, wenn das Auge zuletzt sich in dem für unser Auge ungeschiedenen Glanzschimmer der Milchstraße verliert. Selbst das bloße Schauen in die tiefe Nacht, wo gerade sternlose Räume sind, ist schön, zumal gerade jetzt, wo die mondlosen Nächte so ganz und unaussprechlich dunkel und finster sind, überhaupt ist es bewunderungswürdig, welchen Genuß der anhaltend