Indem die Vorsehung die Schicksale der Menschen bestimmt, ist auch das innere Wesen des Menschen dabei in Einklang gebracht. Es ist eine solche Harmonie hierin, wie in allen Dingen der Natur, daß man sie auch gegenseitig auseinander ohne höhere Fügung erklären und herleiten könnte. Gerade dies aber beweist um so klarer und sicherer diese höhere Fügung, die jener Harmonie das Dasein gegeben.
In der letzten Hälfte des Märzes werde ich eine größere Reise machen und wohl erst in sechs Monaten zurückkommen. Meine jüngste Tochter ist, wie Sie wissen, an Herrn von Bülow verheiratet, und dieser ist jetzt preußischer Gesandter in London. Er ist schon seit mehreren Monaten dort und meine Tochter will ihm nun mit ihren drei kleinen Mädchen nachgehen. Dahin nun werde ich, meine Frau und meine älteste Tochter sie begleiten. Wir gehen über Paris und halten uns dort einige Wochen auf, dann gehen wir nach London über und bleiben dort etwa anderthalb Monate. Von da reisen wir, ich, meine Frau und älteste Tochter, wieder
über Paris und dann über Straßburg und München nach Gastein und brauchen dort die gewöhnliche Badekur. Ende September können wir auf diese Weise wieder hier sein. Ich mache die Reise sehr gern, und das einzige, was mir daran unlieb ist, ist die Notwendigkeit, schon in der Mitte des August wieder in Gastein sein zu müssen. Ich liebe zwar Gastein sehr und bin gern da, aber ich würde diesmal die Zeit lieber länger in London zubringen und dann auch später hierher zurückkommen. So setzt mir das Bad zu bestimmte Grenzen in meinem Aufenthalt. Paris und London sehe ich mit großer Freude wieder. Wenn ich nicht auf dem Lande bin, bin ich am liebsten in den größten Städten. Mitten im Gewühl ist man wieder in der Einsamkeit. Solch eine Reise scheint sehr groß und ist es auch der Meilenzahl nach, aber am Ende ist die Zahl der Tage, die man im Wagen zubringt, doch so groß nicht. Nachts werden wir nie fahren, und so ist es viel weniger unbequem, als es auf den ersten Anblick scheint. Das Wetter kann freilich im März noch kalt und unangenehm sein, doch ist in Deutschland der April gewöhnlich gut, und sollte der Mai Nücken von Rauheit haben wollen, so sind wir dann schon im milderen Frankreich. Meinen Schwiegersohn finden wir in London schon in einem ganz eingerichteten Hause, und so entgehen wir den Unbequemlichkeiten, die man sonst in einer fremden Stadt erfährt. Paris nenne ich nicht fremd. Ich habe es mit meiner
Frau und Kindern in den früheren Jahren meiner Heirat einige Jahre hindurch bewohnt. Es sind mir zwei Kinder dort geboren und eins gestorben. Nachher war meine Frau einige Monate ohne mich dort, und ich während des Krieges zweimal ohne sie. Jetzt sind es freilich elf Jahre, daß ich nicht nach Paris gekommen bin, und als ich das letztemal, es war bei Nacht, herausfuhr, dachte ich bei mir, daß ich nie wieder hinkommen würde. Mit demselben Gefühl sah ich die felsigen Ufer von England, als ich es im Jahre 1818 verließ. Das Schicksal hat es sonderbar gefügt, daß ich nun wieder ganz unerwartet dahin komme, und daß mein Schwiegersohn die Stelle bekleidet, die ich damals hatte. Er bleibt vermutlich lange dort, und so wird mir das eine Veranlassung werden, auch öfter hinzureifen. Täte ich es aber je allein, so würde ich nicht den weiten Weg über Paris, sondern gewiß den kurzen über Hamburg nehmen. Man ist alsdann in wenig Tagen in London und kann in drei Wochen hin- und herreisen und beinahe vierzehn Tage in London zubringen. Wie wir es mit unserm Briefwechsel einrichten, will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe schreiben. Sein regelmäßiger Gang wird nicht dadurch unterbrochen werden. Natürlich brauchen die Briefe längere Zeit, um anzukommen, aber dies ist vorzüglich nur das erstemal unangenehm und fühlbar. Hernach bleibt, welche die Entfernung sei, der Zwischenraum derselbe. Ich werde es übrigens so einrichten, daß Sie Ihre
Briefe ganz wie gewöhnlich hierher schicken. Hier ist ohnehin ein Mensch, der mir die Briefe, wo ich bin, nachsendet. Auch die meinigen werden Sie in der Regel wohl von hier aus bekommen, so wird alles im gewohnten Geleise bleiben. Bei meinem Wiederkommen nach Paris und London fällt mir ein, daß irgendwo sehr hübsch gesagt ist, daß man immer nur die Orte gern besucht, die man schon von früher her kennt. Das ist aus sehr richtiger Beobachtung geschöpft, es ist wirklich so und macht den Empfindungen des Menschen Ehre. Man behandelt Orte wie Menschen und kehrt nur zu den schon bekannten gern zurück. Die Freude, die Sie in Ihrem stillen Leben am Sternhimmel haben, macht mir wiederum Freude, da sie durch die meinige mehr erhöht und vermehrt ist; gern beantworte ich Ihre Fragen, so viel ich es selbst kann. Daß Ihnen früher die Zahllosigkeit der Gestirne, das Unendliche des Weltraums, mit einem Wort, die Unermeßlichkeit der Schöpfung furchtbar erschien, habe ich sonst kaum begreifen können, und es freut mich, daß sich diese Empfindung in Ihnen verloren hat. Die Größe der Natur schon ist eine erhebende, heitere, die ich gerade zu den am meisten beglückenden rechnen möchte. Noch mehr aber ist es die Größe des Schöpfers. Wenn man auch zugeben könnte, daß sie als Größe niederdrückend wäre, so würde sie wieder erhebend und beglückend sein durch die unermeßliche Güte, die sich zugleich für alle Geschöpfe darin
ausspricht. Überhaupt ist es doch nur die physische Macht und Größe, welche als gewissermaßen niederdrückend Furcht einflößen kann. So unendliche physische Macht aber auch diejenige ist, welche sich in der Schöpfung und dem Weltall verherrlicht und darstellt, so ist sie doch noch weit mehr eine moralische. Diese aber, das wahrhaft Erhabene, erweitert immer das Innere, macht freier atmen und erscheint allemal in Milde, als Trost, Hilfe und Zuflucht. Man kann mit Wahrheit sagen, daß diese schaffende allmächtige Größe überall sich in gleicher, gleiche Bewunderung auf sich ziehenden Stärke sehen läßt. Aber man kann mit Wahrheit behaupten, daß am Himmel in den Gestirnen sie in einfacheren Verhältnissen erscheint. Sie drängt sich der Phantasie mehr auf, es ist alles nur durch Zahl und Maß zu ergründen, und es flieht doch wieder durch seine Unendlichkeit alle Zahl und alles Maß. Gerade weil man an den Himmelskörpern lauter Verhältnisse findet, die sich auf mathematische zurückbringen lassen, kennt man die Räume des Himmels in einigen Stücken besser als die Erde und ihre Geschöpfe. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 26. d. M., und seien Sie überzeugt, daß alles, was Sie mir sagen, großes Interesse für mich hat und mir immer willkommen ist. Leben Sie herzlich wohl und zählen Sie auf meinen unwandelbaren, unveränderlichen Anteil. H.
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Das Leben ist eine Gabe, die immer so viel Schönes für einen selbst, und wenn man es nur will, so viel Nützliches für andere enthält, daß man sich wohl in der Stimmung erhalten kann, es nicht nur in Heiterkeit und innerer Genugtuung fortzuspinnen, sondern daß man auch aus wahrer Pflicht alles tun muß, was von einem selbst abhängt, es zu verschönern und es sich und andern nützlich zu machen.
Der Ernst und selbst der größte des Lebens ist etwas sehr Edles und Großes, aber er muß nicht Hörend in das Wirken im Leben eingreifen. Er bekommt sonst etwas Bitteres, das Leben selbst Verleidendes.