von Calais bis London über. Es war das schönste Wetter, was man denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging, ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck geblieben und habe mich des wundervoll schönen Anblicks des Meeres erfreut. Vorzüglich groß und schön war der Sonnenaufgang, der mich umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen hatte. Wir segelten nämlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoße unserer Familie. London überrascht immer aufs neue durch seine Größe, seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwürdige Bewegung. Es hat weniger schöne freie Ansichten als Paris, das durch die großen öffentlichen und vielen Privatgärten hier und da ein ordentlich ländliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte zusammengeflossene und sich in beständiger Mannigfaltigkeit und doch im höchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine größere Bewunderung.
Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rückreise antreten. Allerdings war es und ist es eine große, und unter den Umständen, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck haben wir erfüllt,
meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer Bestimmung gebracht. Das übrige wird ja auch gut gehen.
Es tut mir leid, daß Sie diesen Brief mit einiger Verspätung erhalten werden. Ich kann ihn nicht anders als über Berlin gehen lassen, es ist zu weitläufig, Ihnen das zu erklären, es ist aber so. Schreiben Sie mir auf die gewöhnliche Weise. Ihr H.
London, Juni 1828.
Zu Ihrer gänzlichen Beruhigung noch etwas über meinen Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte, deshalb besorgt gemacht hat. Daß ich älter geworden bin, seit wir uns in Frankfurt sahen, liegt in der Natur und dürfte Sie nicht wundern. Ich bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Körper an nichts gehindert worden. Mein Körper fügt sich ohne irgendeine Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man ißt hier nie vor halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun Uhr. Ich frühstücke, da man hier im Hause spät aufsteht, um halb zehn Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewiß nicht besorgt meinetwegen zu sein.
Unser Aufenthalt hier nähert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen dem 10. und 15. Juli
wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht länger bleiben zu können, aber mehrere zusammentreffende Umstände, vor allem unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten Gegenständen, um eine viel längere Zeit sich angenehm zu beschäftigen. Es gibt eine große Menge der schönsten und merkwürdigsten Kunstsachen hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemälden, auch in Privathäusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet. Außerdem ist auch sehr viel für Wissenschaften und Sprachen zu tun, vorzüglich für die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten Gesellschaften, so daß man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.