anders in mir, so wäre das ein trauriges Zeichen, daß mir nicht die Kraft mehr beiwohnte, die jeder vernünftige Mann besitzen muß.

Sie bemerken sehr richtig, daß man viele Fälle hat, wo ein anfangender grauer Star auf einem gewissen Punkt stehen bleibt, ohne je zu eigentlicher Blindheit zu führen, und das ist schon eine große Wohltat. Denn man muß in diesen immer sehr traurigen Zuständen doch noch immer unterscheiden, was es mehr und was es weniger ist, und die eigentliche Blindheit enthält eigentlich ein doppeltes Leiden, erstlich, daß man unfähig wird, eine Menge von Dingen zu tun, zu denen das Gesicht unentbehrlich ist, und dann, daß man, des Lichtes beraubt, in Finsternis versetzt ist. Dies Letzte halte ich bei weitem für das Schlimmste. Denn die bloße Empfindung des Lichts, auch von dem Wahrnehmen aller Gegenstände gänzlich abstrahiert, hat etwas unendlich Wohltätiges und Erfreuliches und gehört in vieler Beziehung auch zu dem heiteren und fruchtbringenden inneren geistigen Leben. Das Licht ist wenigstens unter allen uns bekannten Materien die am wenigsten körperliche. Es hängt, ohne daß man selbst sagen kann, wie das zugeht, mit dem Leben selbst zusammen, und Leben, Licht und Luft sind wie verwandte, immer zusammengedachte, das irdische Dasein erst recht möglich machende Dinge. Wunderbar ist es auch, daß die Finsternis selbst den Reiz,

den sie offenbar hat, verlieren muß, wenn sie zur beständigen Begleiterin des Lebens wird. Jedoch ist es nicht zu leugnen, daß die Finsternis der Nacht eine süße Ruhe gegen das Licht des Tages gewährt. Allein die angenehme Empfindung beruht nur darauf, daß der Tag vorangegangen ist, und daß man sicher ist, daß er nachfolgen wird. Nur der Wechsel ist wohltätig. Unaufhörliches Tageslicht ermüdet. Das fühlt man schon, wenn man im Sommer nördliche Länder bereist, wo die Dämmerung die ganze Nacht hindurch währt. Ich wenigstens habe das nie angenehm gefunden. Allein die ewige Finsternis muß etwas viel Traurigeres haben, als daß man den Begriff durch bloße Ermüdung erschöpfend ausdrücken könnte. Es ist wohl eine Stille, aber auch eine zurückstoßende Öde. Man wird durch den Mangel äußerer Zerstreuung in sich zurückgedrängt und kann doch viel weniger durch sich selbst handeln und tätig sein. Weit das Unangenehmste würde für mich das Aufhören der Mitteilung durch Briefe sein, die nicht bloß und lediglich Geschäfte beträfen. Denn wer könnte es aushalten, anderen vertrauliche Briefe zu diktieren oder sich vorlesen zu lassen? Der Briefwechsel beruht seinem Wesen nach ganz und gar auf gänzlich unmittelbarer Mitteilung, und ich würde jeden gleich abschneiden, wenn ich, was ich nicht hoffe, jemals das Unglück hätte, wirklich zu erblinden. Überhaupt ist es wunderbar, daß, meinem jetzigen Gefühl

nach, ein solcher Zustand mich mehr von der Gesellschaft anderer abziehen als ihr zuführen würde. Ich kann es mir selbst nicht ganz erklären, da es natürlich scheint, die Zeit alsdann doppelt gern mit Gespräch auszufüllen. Es kommt vielleicht daher, daß ich, ohne selbst sagen zu können, warum, sehr ungern mit Blinden zusammen bin. Da ich fühle, daß dies eine gewissermaßen ungerechte Empfindung ist, so überwinde ich mich da, wo die Gelegenheit vorkommt, aber der Zwang, den ich mir antue, hebt die Widrigkeit des Gefühls nicht auf. Der Anblick kranker, auch nur glanzlos starrer, selbst verbundener Augen wirkt körperlich auf mich. Ich kann machen, daß ich der Empfindung nicht Raum gebe, aber ich kann nicht hindern, daß sie nicht entstehe und fortdauere. Schon ein Schirm vor den Augen anderer, besonders bei Frauen, ist mir unangenehm. Auch die Gewohnheit ändert darin nichts. Ich bin jahrelang wöchentlich mit Blinden zusammen gewesen, der Eindruck blieb aber immer derselbe. Daß ich nun, selbst blind, nicht mit andern sein möchte, ist nur eine Rückwirkung desselben Gefühls, wenn sie auch nicht dasselbe empfinden als ich, so kann ich doch nicht hindern, daß ich mich nicht außer mich selbst versetze und mich, andern gegenüber, mir selbst vorstelle. Leben Sie herzlich wohl. Ich wünsche sehr, daß es mit Ihren Augen besser gehen möge. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige. H.

Tegel, den 24. Dezember 1829.

So spät im Jahre, liebe Charlotte, habe ich Ihnen noch nie von hier aus geschrieben. Ich war seit langen Jahren immer in der Stadt um diese Zeit. Nur in früheren, glücklicheren Epochen meines Lebens brachte ich auch den Winter auf dem Lande zu. Was ich damals im heiteren Zusammensein tat, wiederhole ich jetzt allein. Das ist der Gang des menschlichen Schicksals. Es ist heute hier, und da so kleine Entfernungen keinen Unterschied machen, gewiß auch bei Ihnen ein äußerst kalter Tag. Doch war ich aus. Ich gehe alle Tage gerade so spazieren, daß ich die Sonne untergehen sehe. Ich versäume den Moment nicht gern, und die halbe Stunde vor- und nachher sind mir im Sommer und Winter die liebsten des Tages. Der Mond wartet dann oft schon, wenn die Sonne ihn nicht mehr überstrahlt, seinen Glanz wieder zu gewinnen. Heute ging die Sonne so in Nebel gehüllt unter, daß man statt ihrer Scheibe nur einen mattgelben Duft sah. Wenn ich immer betrachtende Ruhe liebte und mich ihr auch oft da hingab, wo ich mich im Gedränge von Menschen und Gewühl von Geschäften befand, so versenkt mich meine jetzige Einsamkeit noch mehr darin. Ich habe zu nichts anderem Neigung. Meine wissenschaftlichen Beschäftigungen sind damit verwandt, und ich fühle mit jedem Tage mehr, wie das reine und besonnene Nachdenken über sich selbst das

Innere zusammenschließt und den Frieden gibt, der gewiß immer das Werk Gottes ist, den aber doch, gerade nach Gottes deutlich zu erkennen gegebenem Willen, der Mensch nicht wie eine äußere Gabe von ihm erwarten, sondern durch die eigene Anstrengung seines Willens aus sich selbst schöpfen soll. Ich bin in jeder Epoche meines Lebens sehr gefaßt auf den Augenblick gewesen, der uns wieder daraus abruft. Ich bin es jetzt mehr wie je, wo ich dessen beraubt, was mir in jedem Augenblicke Genuß und die heiterste Freude gab, nun auf den kalten Ernst des Lebens zurückgewiesen bin. Ich glaube auch mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen, daß ich die mir vielleicht noch bestimmten Jahre wie die jetzt verflossenen Monate zubringen werde. Nur sehr bedeutende Dinge könnten mich zu einer Umänderung bringen. Bei kleineren würde ich's schon zu machen wissen, daß die Umänderung nur scheinbar wäre. Ich sehe daher mein Leben jetzt von der Seite an, daß es ein Vollenden, ein Abschließen der Vergangenheit ist. Es ist aber in meiner Art zu empfinden gegründet, daß mich dies nicht zur Beschäftigung mit dem Tode und dem Jenseits, sondern gerade zu den Gedanken, die auf das Leben gerichtet sind, bringt. Ich halte das auch nicht für eine Eigenheit in mir, sondern ich glaube, es müßte überhaupt so sein. Wenn man an den Tod zu denken empfiehlt, so ist das eigentlich nur gegen den Leichtsinn gerichtet, der das Leben wie eine immer

dauernde Gabe ansieht. Davon ist ein in sich gesammeltes Gemüt schon von selbst frei, übrigens aber weiß ich nicht, ob anhaltende Beschäftigung mit dem Tode und dem, was ihm folgen wird, der Seele heilsam sei. Zwar möchte ich nicht darüber absprechen, da es mehr Sache des Gefühls als der Untersuchung durch bloße Vernunftgründe ist. Ich glaube es aber nicht. Die aus dem Vertrauen auf eine Allgüte und Allgerechtigkeit entspringende Zuversicht, daß der Tod nur die Auflösung eines unvollkommenen, seinen Zweck nicht in sich tragenden Zustandes und der Übergang zu einem besseren und höheren ist, muß dem Menschen so gegenwärtig sein, daß nichts sie auch nur einen Augenblick verdunkeln kann. Sie ist die Grundlage der inneren Ruhe und der höchsten Bestrebungen und eine unversiegbare Quelle des Trostes im Unglück. Aber das Ausmalen des möglichen Zustandes, das Leben mit der Phantasie darin, zieht nur vom Leben ab und setzt nur scheinbar etwas Besseres an die Stelle, da allerdings die Gegenstände erhabener sind, nach denen man trachtet, man sie aber doch so, wie man es da versucht, nicht zu fassen vermag. Gott hat auch deutlich gezeigt, daß er eine solche Beschäftigung nicht wohlgefällig ansieht, denn er hat den künftigen Zustand in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt und jeden einzelnen in gänzlicher Unwissenheit gelassen, wann der Augenblick ihn ereilen wird, – ein sicheres Zeichen, daß das Lebende dem