Ein Werk, welches diesem an Vollendung der Form, wie an ansprechendem Inhalte zu vergleichen wäre, hatten die germanischen Nationen noch nicht hervorgebracht, und so ist es denn auch nicht zu verwundern, daß es rasch die größte Verbreitung fand und Jahrhunderte lang zu den beliebtesten und gelesensten Büchern gehörte; bald nach seiner Vollendung wird es von dem jungen Lupus, der es in Fulda gelesen hatte, mit warmer Begeisterung gepriesen (oben [S. 183]); Walahfrid theilte es in Capitel und schrieb dazu jenen so werthvollen Prolog, dem wir die wichtigsten Lebensnachrichten über Einhard verdanken. Noch jetzt sind mehr als 80 Handschriften davon uns bekannt, und seit den Biographen Ludwigs des Frommen sind die Chronisten nicht müde geworden, es auszuschreiben.
Nachdem die Vita Caroli schon 1521 (oben [S. 5]) und dann sehr häufig gedruckt war, hat Pertz 1829 mit übergroßer Fülle von Varianten eine Ausgabe gegeben, deren Text nicht überall den Vorzug vor den älteren Ausgaben verdient[24]. Jaffé hat in seiner neuen Ausgabe 1867 eine früher übersehene Pariser Handschrift zu Grunde gelegt, und endlich Walahfrids Prolog damit verbunden, welchen Pertz mit der ihm eigenen Starrheit auch noch in der neuesten Ausgabe unberücksichtigt gelassen hatte[25]. Doch hat auch diese Grundlage sich nicht zu bewähren vermocht. Waitz hat die Ueberschätzung der nicht mustergültigen Pariser Hs. nachgewiesen, und endlich mit Benutzung neuer Hülfsmittel, und Unterscheidung verschiedener Recensionen, die vielleicht an Einhard selbst hinanreichen, einen neuen besser gesicherten Text hergestellt.
Häufig finden sich in Handschriften das Leben Karls und die Reichsannalen als erstes und zweites Buch mit einander verbunden; als drittes tritt dann die Schrift des Mönches von St. Gallen[26] hinzu, in welchem man jetzt Notker den Stammeler erkannt hat[27], der im Jahre 883, veranlaßt durch Kaiser Karl III, den reichen Schatz von Erzählungen und Sagen aufzeichnete, welche sich im Munde des Volkes an Karl, an seinen Sohn und den Enkel, Ludwig den Deutschen, knüpften. Da ist nun nichts mehr von Einhards klassischer Form zu finden, die Sprache ist roh und unbehülflich und der Inhalt keine Geschichte; nur selten und mit großer Vorsicht ist ein Vorfall, der hier erzählt wird, als wirkliche Thatsache hinzunehmen.
Aber um keinen Preis möchten wir doch diese Sammlung entbehren. Sie zeigt uns das Bild des großen Kaisers, wie es im Volke lebte und bis dahin sich gestaltet hatte, und mancher höchst charakteristische Zug hat sich nur hier erhalten. Der gute alte Mönch, der uns so lebendig mitten unter das Volk und seine Erzählungen führt, hat deshalb den größten Anspruch auf unsere Dankbarkeit, und wir müssen sehr bedauern, daß er sein Werk, wie es scheint, nicht vollendet hat.
Der Uebersetzer dieser Schrift hat sich bemüht, die Anfänge karolingischer Sage weiter zu verfolgen, und die Spuren davon zu sammeln; ihm war dabei in der ersten Ausgabe eine merkwürdige Stelle entgangen, die Angabe in dem Leben der Königin Mahthild, daß der Krieg zwischen Karl und Widukind durch einen Zweikampf beider entschieden sei: nach langem Widerstand besiegt, habe Widukind sich taufen lassen[28].
Mit den Kreuzzügen artete die Karlssage aus und verlor allen geschichtlichen Inhalt; besonders die Aachener Reliquien brachten die Erzählung von Karls Kreuzfahrt zu allgemeiner Geltung, und fortan treten die Lügen des falschen Turpin an die Stelle von Einhards treuer Schilderung. Wie daneben im Munde der fahrenden Sänger das Andenken Karls sich erhielt und umwandelte, darüber genügt es, auf das schöne Werk von Gaston Paris Histoire poétique de Charlemagne (Paris 1865) zu verweisen.
Eine Schrift Einhards bleibt uns noch zu erwähnen, sein Bericht nämlich von der Uebertragung der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus von Rom nach Seligenstadt[29]. Im Jahr 827 geschah die Ueberbringung, und 830 verfaßte Einhard die sehr anziehend geschriebene Darstellung derselben. Wir sehen darin, wie er sich mehr und mehr von dem weltlichen Leben abwandte und der kirchlichen Richtung hingab, wundergläubig in hohem Grade und ganz mit der Pflege seiner Pflanzung im Odenwald beschäftigt; ganz vorzüglich betrübte ihn, daß bei der Krankheit seiner geliebten Imma die Zuversicht auf die Wunderkraft der Reliquien ihn so völlig getäuscht hatte. Diese hohe Verehrung der Reliquien theilte er mit allen seinen Zeitgenossen, und eben wegen dieser Verehrung haben die zahlreichen Uebertragungen solcher Gebeine für uns auch geschichtlichen Werth. Auf ihnen beruhte großentheils der Einfluß der Kirchen; besonders verehrte Reliquien verschafften ihnen unermeßlichen Zulauf: der Ruf von geschehenen Wundern verbreitete sich weithin, und ohne Zweifel wurde dadurch die Ausbreitung des Christenthums, z. B. in Sachsen, sehr wesentlich befördert. Aus den genauen Beschreibungen der Reise, wie aus den Erzählungen von den Wundern, ist zugleich vieles für die Sittengeschichte wie für die Topographie nicht unwichtige zu entnehmen, wie das namentlich in Bezug auf die damalige Art zu reisen, aus Einhards Werk kürzlich von W. Matthaei nachgewiesen ist[30]. Merkwürdig ist auch die Unverschämtheit, womit man im 11. Jahrh. im Medarduskloster versucht hat, mit entsprechender Verfälschung von Einhards Schrift sich die Leiber der hh. Tiburtius, Marcellinus und Petrus anzueignen[31].
Ob nun auch die in rhythmischer Form bearbeitete Passio der Märtyrer Einhard zuzuschreiben sei, wie Teulet meint, und wie eine aus Fleury stammende Handschrift angiebt, ist zweifelhaft, da seine ganze Richtung der antiken Form zugewandt war. Es wäre jedoch nicht gerade unmöglich, und Dümmler hält es für wahrscheinlich, daß er für diesen Gegenstand die mehr populäre Form vorgezogen hätte[32].
Es bleibt uns nun noch die Besprechung der Annalen übrig, wobei zu bemerken ist, daß F. Kurze, während er die Autorschaft der großen Reichsannalen Einhard entschieden abspricht, dagegen der Meinung ist, er habe für sein Genter Kloster die sog. Annales Sithienses, für Fulda die Fuldenses verfaßt.