Mehrere unserer besten Geschichtsquellen sind uns nur in Abschriften des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten, gerade wie so manche Classiker, und den Handschriften reihen sich bald die ersten Drucke an. Schon in diesem Jahrhundert, um 1472, wurde in Nürnberg Honorius De imagine mundi gedruckt; in Ulm, 1473, erschien die deutsche Uebersetzung der Flores temporum von dem Ulmer Arzt H. Steinhöwel; zwischen 1470 und 1474, vermuthlich zu Augsburg[5], die Historia Friderici I, welche nichts anderes ist als ein Theil der Ursperger Chronik. In Poitiers wurde 1479 das Breviarium historiale bis 1428 gedruckt[6]. Denn nicht als Quellen für gelehrte Forschung betrachtete man damals diese Schriften; noch waren sie unmittelbar als darstellende Geschichtswerke willkommen, da man in der Sprache sowohl wie in der ganzen Denkweise jenen Zeiten noch nicht so fern stand, daß es eines eigenen Studiums bedurft hätte, um sich an den Schriften des Mittelalters zu erfreuen, sie auch nur zu verstehen.
Zu den eifrigsten Sammlern und Forschern gehörte der gelehrte Abt Johann von Trittenheim[7], der nur leider seine in der That bewunderungswürdige Thätigkeit und Litteraturkenntniß durch kecke Fälschungen selbst um den Ruhm gebracht hat, welcher ihr sonst gebühren würde. In seinem Auftrag durchforschte der Bosauer Mönch Paul Lang viele Klöster nach Werken über die deutsche Geschichte[8].
Vor allen aber war es Kaiser Maximilian, welcher die Erforschung der deutschen Geschichte auf alle Weise beförderte und sogar selbst daran Theil nahm. Ueberall ließ er nach alten Urkunden und Chroniken suchen und belohnte jeden Fund; sein Historiograph Stabius sollte daraus ein großes Geschichtswerk zusammensetzen[9]. Die bedeutendsten Gelehrten der Zeit suchte er an seinem Hofe zu vereinigen, und die Wiener Universität erreichte unter ihm ihre höchste Blüthe; sie soll damals an 7000 Studenten gezählt haben, und viele der angesehensten Humanisten fanden dort begeisterte Schüler[10]. In seinem Auftrag bereiste von 1498 bis 1505 Ladislaus Suntheim aus Ravensburg das südwestliche Deutschland, um die Materialien zu einer genealogischen Geschichte des habsburgischen und anderer deutscher Fürstenhäuser zusammen zu bringen[11]. Seinem gelehrten Arzt Johann Spießhaymer, der sich Cuspinian nannte[12], gab Maximilian 1508 den Auftrag, Bücher aus allen Theilen des Reichs zu sammeln, und einen ähnlichen Auftrag hatte auch Dr. Jacob Mennel aus Bregenz (Manlius) erhalten[13], von welchem der Kaiser sich Nachts, wenn er an Schlaflosigkeit litt, aus den alten Schriften vorlesen ließ[14]. Auch der talentvolle, aber unstäte Dichter Conrad Celtis, welchen Maximilian im Jahre 1497 nach Wien berufen hatte, erhielt im folgenden Jahre vom Kaiser die Mittel zu seiner letzten großen Reise in den fernen Norden, deren Frucht die Germania illustrata sein sollte, Celtis lange versprochenes Hauptwerk, welches er aber bei seinem Tode 1508 unvollendet hinterlassen hat[15]. Doch sind seine eifrigen Forschungen nicht ohne bedeutende Frucht geblieben. Im Kloster St. Emmeram zu Regensburg entdeckte er die Werke der Nonne Hrotsuit, welche er 1501 herausgab. Im fränkischen Kloster Ebrach fand er den Ligurinus, über den er selbst in Wien, seine Freunde in Freiburg, Tübingen, Leipzig Vorlesungen hielten; 1507 besorgten seine Augsburger Freunde den Druck. Ihm danken wir auch die Entdeckung der Tabula Peutingeriana, jener merkwürdigen römischen Straßenkarte des dritten Jahrhunderts, mit späteren Zusätzen erhalten in einer Copie des dreizehnten Jahrhunderts, welche sich jetzt in der Wiener Hofbibliothek befindet[16]. Ihren Namen führt sie davon, daß Celtis sie in seinem Testamente dem gelehrten Augsburger Patricier Conrad Peutinger[17] vermachte. Dieser, der ebenfalls von Maximilian zu seinem Rath erhoben war und fortwährend für künstlerische und gelehrte Zwecke in Anspruch genommen wurde, war 1506 beim Kaiser in Klosterneuburg, um die alten Briefe des Hauses Oesterreich zu besichtigen, und erhielt ein eigen Gemach in der Wiener Burg, wohin „S. Mt. von allen orten Cronica und historien bringen lassen“. Er selbst besaß die werthvollsten deutschen Geschichtsquellen und beabsichtigte eine umfassende Sammlung derselben herauszugeben; leider kam dies Vorhaben nicht in seinem ganzen Umfange zur Ausführung, doch verdanken wir ihm mehrere vortreffliche Ausgaben, die aber Peutingers Namen nicht auf dem Titel tragen. Nachdem er 1507 bei der Herausgabe des Ligurinus geholfen, erschien 1515 aus der in seinem Besitz befindlichen Abschrift die erste Ausgabe des Chronicon Urspergense, besorgt von Joh. Mader[18]; gleichzeitig erschienen, von Peutinger bearbeitet, Jordanis de Rebus Geticis und Pauli Diaconi historia Langobardorum[19], eine sehr gute Ausgabe, gegen welche die 1514 zu Paris von Guillaume Petit besorgte Ausgabe des Paulus weit zurücksteht. Doch verdienen auch die Bestrebungen dieses Buchhändlers, bei welchem 1512 Gregor von Tours, 1513 Sigebert, 1514 außer Paulus noch Liudprand und Aimoin erschienen, unsere Anerkennung.
Ebenfalls im Jahre 1515 besorgte der schon erwähnte Cuspinian, zusammen mit dem kaiserlichen Historiographen Stabius, in Straßburg eine vortreffliche Ausgabe des Otto von Freising mit der Fortsetzung des Ragewin. Ebenda waren bereits im Jahre 1508 von dem Breisgauer Gervasius Soupher die Gesta Heinrici IV herausgegeben, mit einem Vorwort, welches von stolzem Selbstgefühl den Franzosen gegenüber erfüllt ist. Von ähnlicher Denkungsart zur Ehrenrettung dieses vielgeschmähten Kaisers getrieben, gab Aventin 1518 in Augsburg die schöne prosaische Lebensbeschreibung desselben heraus; er war ein Schüler von Celtis und hatte sich nach dessen Vorbild der deutschen Geschichte schon früh eifrig zugewandt[20]. So traten nach einander die vorzüglichsten Geschichtschreiber des deutschen Mittelalters ans Licht; 1521 erschienen in Cöln auch die Werke Einhards, herausgegeben von dem Grafen Hermann von Nuenar[21]; in Mainz die Chronik des Regino von Sebastian von Rotenhan[22].
Besonders eifrig aber nahmen die Protestanten diese Bestrebungen auf; sie fanden bald auch unter diesen Schriften Waffen gegen die päbstlichen Ansprüche, und die Streitschriften des elften Jahrhunderts erschienen auch für den veränderten Standpunkt des sechzehnten noch verwendbar. Hatte man doch schon lange im Einklang mit der wachsenden Erbitterung gegen den entarteten Clerus die scharfen Satiren des früheren Mittelalters hervorgezogen, so in Cöln bald nach 1470 und mehrmals wiederholt den Pseudo-Ovidius de Vetula mit seinen Ausfällen gegen sittenlose Prälaten, und den Brunellus mit der schonungslosen Verspottung der Mönche. Die Schrift des Spaniers Alvarus Pelagius De planctu ecclesiae, in welcher er unter dem Eindruck seiner Erfahrungen an der Curie in Avignon den verderbten Zustand der Kirche beklagt, 1340 in Portugal zuletzt überarbeitet, erschien schon 1474 in Ulm bei Johann Zainer von Reutlingen, und wurde 1517 in Lyon wiederholt. Lupolds von Bebenburg Schrift Germanorum principum zelus in christianam religionem erschien 1497 in Basel. Die Epistola Luciferi ad malos principes ecclesiasticos, eine sehr bittere Satire, welche 1351 in Avignon zum Vorschein kam und in vielen Abschriften verbreitet war, wurde nach einer nicht mehr bekannten Pariser Ausgabe 1507 in Straßburg gedruckt, um 1530 in einem Einzeldruck o. J. wiederholt und 1549 in Magdeburg von Flacius Illyricus herausgegeben[23]. Derselbe wiederholte 1550 die deutsche Uebersetzung des Briefes, welche schon 1521 o. O. erschienen war[24]. Ulrich von Hutten gab 1520 die Schrift Walrams von Naumburg gegen Gregor VII, De unitate ecclesiae conservanda, heraus, welcher bald noch mehrere Schriften verwandten Geistes aus der Zeit des Schisma und der Reformbewegung des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts folgten[25]. So erschien 1521 in Wittenberg der dem Bischof Ulrich von Augsburg untergeschobene Brief unter dem Titel: Hulderichi Aug. ep. epistola adversus constitutionem de cleri coelibatu. Der Cölner Humanist Jacob Sobius gab 1521 in Basel die Commentare des Aeneas Silvius nebst anderen Stücken von verwandtem Inhalt heraus, eine Sammlung, welche 1535 in Cöln mit neuen Zuthaten von Ortwinus Gratius wiederholt wurde, dessen Standpunkt in seinem späteren Leben ein von dem früheren sehr verschiedener wurde[26]. Im Jahre 1529 wurden zu Hagenau die ersten Briefe Peters de Vinea gedruckt, weil sie auch für die Gegenwart zutreffend zu sein schienen. Unbefangener ließ Melanchthon es sich angelegen sein, den Schulunterricht in der Geschichte zu fördern. Sehr nachdrücklich spricht er sich über den hohen Werth der Geschichte aus in der an Sigismund von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, gerichteten Widmung des von ihm 1558 für die Schulen bearbeiteten Chronicon Carionis[27]. Schon 1525 gab Caspar Churrer in Tübingen die Chronik Lamberts nach einer Abschrift heraus, welche Melanchthon ihm geschickt hatte, und 1556 begleitete dieser Siegmund Schorkels Ausgabe des Helmold mit einem Brief an den Herzog von Stettin.
In Basel, wo schon 1529 Sichardus die Chroniken des Hieronymus, Prosper, Cassiodor, Hermannus Contractus mit einer Widmung an den Cardinal Albrecht von Brandenburg herausgegeben hatte, besorgten die Buchhändler Heerwagen, die auch Melanchthons Verleger waren, 1531 eine Sammlung, welche den Prokop, Agathias und Jordanis enthält, mit einer Vorrede von Beatus Rhenanus aus Schlettstadt. Dieser hatte auch zum Otto von Freising das Titelblatt entworfen und ist dadurch zu dem unverdienten Ruhme gekommen, als ob er der erste Herausgeber deutscher Geschichtsquellen gewesen wäre. Die Handschriften aber zu jener Sammlung hatte Conrad Peutinger aus Augsburg geschickt[28].
Im Jahre 1532 erschien in demselben Verlage eine zweite Sammlung, welche den Widukind, Einhard und Liudprand enthält, herausgegeben von dem Professor Martin Frecht zu Tübingen.
Es würde uns zu weit führen, wenn wir fortfahren wollten, die Ausgaben des sechzehnten Jahrhunderts aufzuzählen, denn ihre Zahl ist nicht gering; besonders die Wechelsche Buchhandlung in Frankfurt verlegte eine ganze Reihe von Sammlungen dieser Art. Unsere Absicht war nur, zu zeigen, mit welchem Eifer man damals bestrebt war, die echten Quellen der Geschichte wieder ans Licht zu ziehen; mit richtiger Auswahl wurden die besten derselben zuerst herausgegeben und mit derselben Sorgfalt behandelt, welche die ersten Ausgaben der alten Classiker auszeichnet. Es war ein trefflicher Anfang gemacht, hinter dem der größte Theil der späteren Leistungen weit zurückblieb, und an die Ausgaben schloß sich sogleich auch die geschichtliche Verwerthung, getragen von demselben Geiste wahrheitsuchender Kritik, die sich vorzüglich der Prüfung der kirchlichen Ueberlieferung zuwandte. Hervorzuheben ist unter diesen Werken die nach Jahrhunderten eingetheilte Kirchengeschichte der sogenannten Magdeburger Centuriatoren, Mathias Flacius, Wigand u. a. (Basil. 1559-1574, 13 Voll. fol.), weil sie durch scharfe Kritik und umfassende Forschung geradezu epochemachend wirkte, und durch Mittheilungen aus einem reichen handschriftlichen Material noch jetzt schätzbar ist[29].
Freilich waren nicht alle gleich bereit, die geschichtliche Wahrheit anzunehmen, und unter die Ausgaben der echten Quellen mischten sich bald auch falsche. Schon 1498 erschien in Rom der nachgemachte Berosus und anderes Machwerk des berüchtigten Annius von Viterbo. Nicht ganz so plump erfunden waren die Megenfrid, Benno und andere Schriftsteller, auf welche Trithemius sich in seiner Hirschauer Chronik (1514) berief, und seine Angaben führen deshalb noch jetzt nicht selten irre; hat doch sogar sein Hunibald, dessen lächerliche Larve schon der Graf von Nuenar durchschaute, noch im neunzehnten Jahrhundert Vertheidiger gefunden! Zum ärgsten Unfug dieser Art aber gehört das 1530 erschienene Turnierbuch von Rüxner[30], dessen freche Lügen von den ahnensüchtigen Herren begierig aufgenommen wurden und noch heutiges Tages hin und wieder gespensterhaft erscheinen.