Regan.
Wozu braucht ihr nur einen einzigen?
Lear. O! philosophiert nicht über das was man nicht braucht, oder die elendesten Bettler haben in ihrer grösten Dürftigkeit noch Überfluß. Gestehet der Natur nicht mehr zu, als die Natur bedarf, so ist des Menschen Leben so wohlfeil als des Viehes. Du bist eine Lady; wenn warm gekleidet gehen schon Pracht ist, so wirf deine Kleider weg, die Natur bedarf nicht was du zur Pracht trägst, da es dich schwerlich warm halten kan; aber was die wahre Nothdurft betrift—Ihr Himmel! Gebt mir die Geduld die ich vonnöthen habe. Ihr seht mich hier, ihr Götter, einen armen alten Mann, von Gram so gedrükt als von Jahren: Wenn ihr es seyd, die dieser Töchter Herzen wider ihren Vater empören—o so treibet euer grausames Spiel nicht so weit, mich zahm wie einen Thoren dulden zu machen. Rühret mich mit edelm Zorn! o laßt nicht weibische Waffen, Wassertropfen, meine männliche Wange befleken!—Nein! Ihr unnatürlichen Unholden, ich will solche Raache an euch beyden nehmen, daß alle Welt—ich will solche Dinge thun—die meine Seele sich selbst noch nicht gestehen darf**—Dinge, worüber der Erdboden sich entsezen soll.— Ihr denkt, ich soll weinen? Nein, ich will nicht weinen—ob ich gleich Ursache genug zum Weinen habe.—Eh soll diß Herz in tausend Stüke brechen eh ich weinen will—O Narr, ich werde wahnsinnig werden—
{ed.-**—(Nescio quid ferox Decrevit animus intus & nondum sibi audet fateri.) (Seneca in Med.)}
(Lear, Gloster, Kent und Narr gehen ab.)
Dreyzehnter Auftritt.
Cornwall.
Wir wollen uns wegbegeben; es kömmt ein Ungewitter.
Regan. Diß Haus ist klein, der alte Mann und seine Leute können nicht wol darinn versorgt werden.
Gonerill. Es ist seine eigne Schuld, daß er keine Ruhe hat; er mag die Folgen seiner Thorheit kosten.
Regan. Ihn für seine Person will ich mit Vergnügen aufnehmen, aber nicht einen einzigen Begleiter.
Gonerill. Das ist auch mein Vorsaz. Wo ist Mylord von Gloster? (Gloster kömmt zurük.)