Titania.
Gebt euch zufrieden! Niemals kan diß seyn.
Das ganze Feenland erkaufte nicht
Diß Kind von mir. Ich liebte seine Mutter,
Sie war von meinem Orden, und hat oft
Des Nachts in Indiens süß-gewürzter Luft
Durch ihre Spiele mir die Nacht verkürzt.
Sie saß dann auf Neptuni gelbem Sand
Bey mir, und sah den göldnen Schiffen nach,
Die durch die Fluth mit Pegus Schäzen eilten;
Wir lachten, wenn wir sahen, wie die Seegel,
Vom ausgelaßnen Wind geschwängert, schwollen;
Diß äffte sie, mir eine Lust zu machen,
Mit anmuthsvoller schwimmender Bewegung,
Kurzweilend nach, (ihr Leib war damals reich
Von meinem jungen Ritter) segelte
Ans Land, mir Kleinigkeiten abzuholen,
Und kehrte wieder, wie von einer Reise,
Mit reichen Waaren, um. Jedoch da sie
Nur sterblich war, starb sie an diesem Kinde,
Und ihrentwegen zieh' ich ihren Knaben auf,
Und ihrentwegen will ich ihn nicht lassen.

Oberon.
Wie lange denkt ihr noch in diesem Hayn zu bleiben?

Titania.
Vielleicht bis nach dem Hochzeittag des Theseus.
Gefällt es euch in unserm Kreis zu tanzen,
Und unsern Mondlicht-Spielen zuzusehen,
So folget uns; wo nicht, so weicht mich aus,
So wie ich eure Jagden meiden will.

Oberon.
Gieb mir den Knaben, und ich geh' mit dir.

Titania.
Nicht für dein Königreich. Ihr Elfen, weg!
Es giebt nur Zank, wenn wir uns länger säumen.

(Die Königin, und ihr Gefolg geht ab.)

Oberon.
Gut, geh' nur deinen Weg! eh du den Hayn
Verlassen hast, soll dich dein Troz bestraffen—
Hieher, mein muntrer Puk! Besinn'st du dich,
Daß ich auf einem Vorgebürg einst saß,
Und hörte der Syrenen einer zu,
Wie sie, auf eines Delphins Rüken sizend,
So zaubrisch-süsse Töne von sich hauchte,
Daß selbst die rohe See bey ihrem Liede
Mild ward, und liebestrunkne Sterne taumelnd
Aus ihren Sphären sanken, der Musik
Der Wasser-Nymphe zuzuhören?—

Puk.
—Ich
Erinnere mich's ganz wol.

Oberon.
Zu gleicher Zeit sah' ich, (du konntest nicht)
Den Liebesgott in hastiger Unruh, zwischen
Dem Erdball und dem kalten Monde fliegen;
Er hielt, und richtete den straffen Bogen
Nach einer göttlichen Vestalin,* die
Im Westen thront', und schoß mit solcher Macht
Den Liebespfeil von seinem Bogen ab,
Als sollt' er hunderttausend Herzen spalten;
Allein ich sah' es, wie sein feur'ger Pfeil
Im keuschen Stral des feuchten Monds sich löschte,
Und in jungfräulichen Betrachtungen,
Mit freyem Geist, die königliche Schöne
Vorübergieng. Da merkt' ich, wo der Pfeil
Des Amors fiel—Er fiel
Auf eine kleine Blume, vormals weiß
Wie Milch, izt röthlicht von der Liebes-Wunde,
Und Mäd'gens nennen sie die müssige Liebe.
Brich' diese Blume mir; ich zeigte dir
Das Kräutchen einst; ihr Saft auf schlummernde
Auglieder ausgegossen, hat die Kraft,
Mann oder Mädchen bis zum Aberwiz
Ins nächste Ding, das ihrem Blik begegnet,
Verliebt zu machen. Pflüke diese Blume,
Und sey mir wieder hier,
Eh Leviathan eine Meile schwimmt.

{ed.-* Der Umstand, daß dieses Lustspiel noch unter der Regierung der Königin Elisabeth aufgeführt worden, wird es einem jeden merklich machen, daß die Vestalin niemand anders als diese jungfräuliche Heldin bezeichne. Daß aber unter der Syrene die Königin Maria von Schottland abgebildet sey, scheint der scharfsichtige Warbürton zuerst angemerkt zu haben. Er bemerkt überhaupt, dieser allegorische Schleyer, unter welchem ein Gemisch von Lob und Satyre verborgen ist, müsse uns auf den Schluß leiten, daß die Rede von einer Person sey, welche der Poet unverdekt weder loben noch schelten durfte. Dieses passe nun völlig auf Maria von Schottland. Die Königin Elisabeth konnte nicht leiden, wenn Maria gelobt wurde; und ihr Nachfolger, (Jakob der 1ste,) würde eine Satyre auf seine Mutter nicht vergeben haben. Allein, fährt Warbürton fort, der Poet hat jeden unterscheidenden Umstand ihres Lebens und Charakters in dieser schönen Allegorie so deutlich ausgezeichnet, daß über seine geheime Absicht kein Zweifel übrig bleiben kan. Sie wird 1.) eine Syrene genannt aus dem entgegengesezten Grunde, warum Elisabeth eine Vestalin heißt, nemlich einer Untugend wegen, um derentwillen diese unglükliche Princessin eben so berüchtigt ist, als die Syrene bey den alten Dichtern. 2.) Der Rüken des Delphins, worauf sie sizt, deutet auf die Vermählung der Königin Maria mit dem Dauphin von Frankreich, dem Sohn Heinrichs des 2ten. 3.) Der bezaubernde Gesang dieser Syrene ist eine Anspielung auf die ausserordentlichen Reizungen und Talente der gedachten Princessin, wodurch sie bey ihrem Aufenthalt am Französischen Hofe alle Welt in Verwundrung sezte. 4.) Daß ihre Stimme die wilde See selbst zahm gemacht, deutet auf die während ihrer Abwesenheit in Schottland entstandnen Unruhen, die ihre Wiederkunft sogleich wieder gestillet. Warbürton merkt an, die Schönheit dieses Bildes sey desto grösser, weil der gemeinen Sage nach, die Syrenen oder Meerweiber nur in Stürmen singen. 5.) Die verliebten Sterne, die ihr zulieb aus ihren Sphären sanken, bezeichnen verschiedene Herren von dem Englischen hohen Adel, welche von dieser Princessin in ihr unglükliches Schiksal gezogen worden, besonders die Grafen von Northumberland und Westmorland, und den Herzog von Norfolk, den das Project sie zu heurathen das Leben kostete.}