(Zu Isabella.)

Seyd willkommen; was ist euer Begehren?

Isabella. Ich bin eine bekümmerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun möchte, wenn es euch gefiele mich anzuhören.

Angelo.
Gut; was ist eure Bitte?

Isabella. Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft zu sehen wünsche, und für welches ich keine Fürbitte thun würde, wenn ich nicht müßte.

Angelo.
Gut, zur Sache.

Isabella. Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch, laßt das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder fallen.

Kerkermeister (leise.)
Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu rühren;

Angelo.
Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thäter? Ein jedes
Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird. Was würde
mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fände, deren Strafe die
Geseze bestimmt haben, und die Thäter gehen liesse?

Isabella.
O! allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!—Ich habe also keinen
Bruder mehr—