Claudio. Liebste Schwester, laß mich leben. Wenn das Sünde seyn kan, wodurch du deines Bruders Leben erkaufst, so spricht die Natur so nachdrüklich für eine solche That, daß sie zur Tugend wird.
Isabella. O! du Thier! O! du ehrlose Memme! O! du schändlicher Elender! Willt du durch mein Verbrechen zum Menschen gemacht werden? Ist es nicht eine Art von Blutschande, dein Leben von deiner eignen Schwester Schaam zu empfangen? Was muß ich denken? Möge der Himmel verhütet haben, daß meine Mutter meinem Vater untreu gewesen; ein so niederträchtiges Unkraut konnte nicht aus seinem Blut entstehen. Stirb, vergeh Elender! Könnt ich dich durch einen blassen Kniefall vom Tod erretten, ich wollt es nicht thun. Ich will tausend Gebette für deinen Tod sprechen, und nicht ein Wort, dich zu retten.
Claudio.
Nein, höre mich, Isabella.
Isabella. O Pfui, Pfui, Pfui, deine Sünde, izt seh ichs, ist kein Fall, sondern ein Handwerk; Gnade gegen dich würde selbst zur Kupplerin werden; das beste ist, du sterbest ungesäumt.
Claudio.
O höre mich, Isabella.
Dritte Scene.
(Der Herzog und der Kerkermeister zu den Vorigen.)
Herzog.
Ein Wort mit euch, junge Schwester, nur ein Wort.
Isabella.
Was ist euer Begehren?
Herzog. Wenn eure Zeit es zuliesse, so möcht ich eine kleine Unterredung mit euch haben, deren Inhalt zu euerm eignen Besten abzielt.
Isabella.
Ich habe keine überflüßige Zeit; ich muß mein Verweilen andern
Geschäften stehlen; aber doch will ich noch eine Weile hier bleiben,
euch anzuhören.