Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.
Mariane. O! mein gnädigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir zuhülfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes künftiges Leben soll zu eurem Dienst gewidmet seyn.
Herzog. Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte sie niederknien, um für eine solche That Erbarmung zu erflehen, ihres Bruders Geist würde sein Grab durchbrechen, und sie in Schreknissen von hinnen reissen.
Mariane. Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure Hände aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen, sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben, vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella, wollt ihr nicht mit mir knien?
Herzog.
Er stirbt für Claudios Tod.
Isabella (kniend.) Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen, und Vorsäze sind blosse Gedanken.
Mariane.
Blosse Gedanken, Gnädigster Herr.
Herzog. Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es, daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde?
Kerkermeister.
Es wurde so befohlen.
Herzog.
Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen?