Desdemona. Meine Mutter hatte ein Kammer-Mädchen, die Barbara hieß; das arme Ding war in jemand verliebt, der sie nicht wieder lieben wollte, und da wurde sie zulezt närrisch; sie hatte ein Lied, das sich immer mit (Weide) endigte, es war ein altes Ding, aber es schikte sich auf ihre Umstände, und sie sang es bis in den lezten Augenblik ihres Lebens. Ich kan mir dieses Lied diese ganze Nacht durch nicht aus dem Sinn bringen; es braucht alles, daß ich mich erwehre, den Kopf auf eine Seite zu hängen, und es zu singen, wie die arme Barbara. Ich bitte dich, mach' daß du fertig wirst.
Aemilia.
Soll ich gehn und euern Schlaf-Rok holen?
Desdemona.
Nein, steke mich hier ab; dieser Lodovico ist ein recht artiger
Mann.
Aemilia.
Ein sehr hübscher Mann.
Desdemona.
Er spricht gut.
Aemilia.
Ich kenn' eine Dame in Venedig, die um einen Druk von seiner
Unterlippe eine Wallfahrt ins Gelobte Land gemacht hätte.
Desdemona (singt.)
Das arme Ding, sie saß und sang, an einem Baum saß sie,
Singt alle, grüne Weide;
Die Hand gelegt auf ihre Brust, den Kopf auf ihrem Knie,
Singt Weide, Weide, Weide;
Der Bach, der murmelt neben ihr, in ihre Seufzer ein,
Singt Weide, Weide, Weide;
Und ihrer Thränen heisse Fluth erweichte Kieselstein;
Singt Weide, Weide, Weide;
Weide, Weide, Weide etc. Ich bitte dich, mache hurtig, er wird
alle Augenblike wiederkommen. Singt all', ein grünes Weiden-Zweig,
das muß mein Kränzchen seyn.
* * * O! tadelt nicht sein hartes Herz, mein Herz
verzeiht ihm gern;
Nein, das folgt noch nicht—Horch was klopft so?
Aemilia.
Es ist nur der Wind.
Desdemona (singt.)
Ich nannte meinen Liebsten falsch; was sagt' er denn dazu?
Singt Weide, Weide, Weide;
Ich thu mit andern Weibern schön, mit andern Männern du. So, geh
du izt, gute Nacht; meine Augen brennen mich; bedeutet das Weinen?
Aemilia.
Das wollen wir nicht hoffen.