Brabantio. Ein unschuldiges junges Mädchen, die immer das zärtlichste, schüchternste Kind von der Welt war; eine so sanfte und ruhige Seele, das jede ihrer Bewegungen über sich selbst zu erröthen schien—und sie sollte, troz Natur, Jugend, Geburt, Ehre, allem in der Welt, in einen Mann verliebt werden, den sie zu furchtsam war nur anzusehen—Was für eine Art zu schliessen muß der haben, der sich vorstellen kan, daß die Natur so weit von ihren eignen Gesezen abweichen sollte—Es ist unmöglich; aus der Hölle mußten die verdammten Künste hergeholt werden, die das zuwegebringen konnten. Ich behaupte also noch einmal, daß er sie durch Tränke, die das Blut in gewaltsame Unordnung sezen, oder durch irgend ein andres übernatürliches Mittel mißbraucht und zu Falle gebracht habe.
Herzog. Behaupten ist nicht Beweisen—es gehören stärkere Beweisthümer hiezu als die blossen nakten Vermuthungen, die ihr, in ein dünnes Gewand einer schaalen Wahrscheinlichkeit gekleidet, gegen ihn aufzustellen vermeynt.
1. Senator.
Redet dann, Othello; brauchtet ihr krumme und gewaltsame
Kunstmittel, die Neigungen dieser jungen Tochter zu erzwingen; oder
erhieltet ihr sie durch Bitten, und auf diejenige Weise, wie eine
Seele die andre anzuziehen pflegt?
Othello. Ich bitte euch, laßt die junge Dame aus dem Schüzen herholen, und sich selbst in Gegenwart ihres Vaters erklären; findet ihr, daß ihre Erzählung seine Anklage rechtfertiget, so entsezet mich nicht nur aller Ehren und Würden, die ich von euch empfangen habe, sondern laßt mein Leben selbst der strengen Gerechtigkeit verfallen seyn.
Herzog.
Holet Desdemona hieher.
(Zween oder drey gehen ab.)
Othello (zu Jago.)
Fähndrich, weiset ihnen den Weg, ihr kennt den Ort am besten—
(Jago geht ab.)
—Und indessen bis sie kommt, will ich, so aufrichtig als ich dem
Himmel selbst die Vergehungen meines Blutes bekenne, dieser
ehrwürdigen Versammlung anzeigen, wie ich das Herz der schönen
Desdemona gewonnen habe.