Alcibiades. So ist dann hier mein Handschuh. Steigt herab, und öffnet eure wehrlosen Thore; diese Feinde des Timon und die meinige, deren Verurtheilung euch selbst übergeben seyn soll, diese allein sollen fallen; und euch zu zeigen, daß ihr von meinen edlern Gesinnungen nichts zu besorgen habt, so soll keiner von meinen Leuten sein angewiesenes Quartier überschreiten, oder den Lauf der bürgerlichen Ordnung in den Bezirken eurer Stadt stören, ohne von den öffentlichen Gesezen zur schärfsten Verantwortung gezogen zu werden.
Beyde.
Diß ist sehr edel gesprochen.
Alcibiades.
Kommet herab, und haltet euer Wort. (Ein Soldat tritt auf.)
Soldat.
Mein edler Obrister, Timon ist todt; an dem äussersten Ufer des
Meers ist sein Grab, und auf dem Grabstein diese Aufschrift, die
ich in Wachs mit mir genommen habe, damit dieser Abdruk der
Dolmetscher meiner armen Unwissenheit sey.
Alcibiades (ließt die Grabschrift:)
Hier ligt ein unglüklicher Leichnam, von einer unglüklichen Seele verlassen; sucht meinen Namen nicht! Verderben über euch Bösewichter alle, die ich hinter mir lasse! Hier ligt Timon, der alle Menschen hassete; geh' vorbey, und fluch' ihm bis du genug hast, nur verweile dich nicht hier. Dieses drükt die lezten Bewegungen deiner Seele wohl aus; ob du gleich unser menschliches Mitleid verabscheuet, und die Thränen verschmähest, die der kargen Natur entfallen; so lehrte dich doch ein edler Stolz, den ungeheuern Neptun für ewig auf dein niedriges Grab weinen zu lassen—Wohlan—die Fehler sollen vergeben seyn—Der edle Timon ist todt; und sein Gedächtniß soll eine unsrer Sorgen seyn—Führt mich in eure Stadt, und ich will mein Schwerdt mit Oelzweigen umwinden!— Rührt die Trummeln, und rükt ein—
(Sie ziehen ab.)
Timon von Athen, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).