Keine Widerrede! siehe ich gebe dir einen ganzen Tag noch Bedenkzeit! Überlege es nochmals. Glück und Unglück — hörst du, verstehst du? das höchste Glück, und das äußerste Unglück! Ich will Wunder tun im Peinigen.
DANIEL
Nach einigem Nachdenken.
Ich wills tun, morgen will ichs tun,
ab.
FRANZ
Die Versuchung ist stark, und der war wohl nicht zum Märtyrer seines Glaubens geboren — Wohlbekomms dann, Herr Graf! Allem Ansehen nach werden sie morgen Abend ihr Henker Mahl halten! — Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt, und der ist ein Narr, der wider seine Vorteile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Bouteille Wein weiter getrunken hat, kommt der Kitzel234 an — und draus wird ein Mensch, und der Mensch war gewiß das letzte, woran bei [der] ganzen Herkules Arbeit gedacht wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an — und dran krepiert ein Mensch, und gewiß ist hier mehr Verstand und Absichten, als dort bei seinem Entstehen war — Hängt nicht das Dasein der meisten Menschen mehrenteils an der Hitze eines Julius Mittags, oder am anziehenden Anblick eines Betttuchs, oder an der waagrechten Lage einer schlafenden Küchen-Grazie, oder an einem ausgelöschten Licht? — Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte wegen der Verneinung seiner Geburt sich einkommen235 lassen an ein bedeutendes etwas zu denken? Verflucht sei die Torheit unserer Ammen und Wärterinnen236, die unsere Phantasie mit schröcklichen Märgen verderben, und gräßliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkürliche Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten abergläubischer Finsternis legen — Mord! wie eine ganze Hölle von Furien um das Wort flattert — die Natur vergaß einen Mann mehr zu machen — die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden — der Vater hat in der Hochzeit Nacht glatten Leib bekommen — und die ganze Schattenspielerei ist verschwunden. Es war etwas und wird nichts — Heißt es nicht eben so viel, als: es war nichts und wird nichts und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt — der Mensch entsteht aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gährt wieder zusammen in Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Uhrenkels unflätig anklebt. Das ist das Ende vom Lied — der morastige Zirkel der menschlichen Bestimmung, und so mit — glückliche Reise, Herr Bruder! Der milzsüchtige podagrische237 Moralist von einem Gewissen mag runzlichte Weiber aus Bordellen jagen, und alte Wucherer auf dem Todesbett foltern — bei mir wird er nimmermehr Audienz bekommen.
Er geht ab.
DRITTE SZENE
Andres Zimmer im Schloß.