Um nun zu jenem Ereignis zurückzukehren: Brandeis, der in der Ukraine kämpfte, zog eines Tages in seine engere Heimat ein und übernahm das Ortskommando über einige nebeneinander gelegene deutsche Kolonien, die er gut kannte. Einer der törichten, willkürlichen und von Pathologischen erfundenen Verfügungen gemäß sollte Nikolai Brandeis für eine unmittelbare Aufteilung des beweglichen sowie des unbeweglichen Vermögens unter den Einwohnern der Kolonien sorgen. Die deutschen Kolonien waren fast die einzigen Dörfer in Rußland, in denen die primitive und den Bauern so leicht verständliche Idee von der Besitzverteilung nicht begriffen zu werden schien. Nikolai Brandeis selbst hatte keine persönliche Meinung vom Nutzen der Güterverteilung. Aber seinem Entschluß getreu, nichts mehr zu sein als ein Soldat und die Bequemlichkeit des Gehorchens etwa wie Ferien zu genießen, begann er, zum Ärger der Einwohner, die ihm überdies nicht verzeihen wollten, daß er ihnen so gut bekannt war, in der simplen Weise, in der es verlangt worden war, die überschüssigen Kühe der großen Bauern in die Ställe der kleineren treiben zu lassen. Er rief die Einwohner zusammen und erklärte ihnen, dies sei der Sinn der neuen Zeit und der Wille der neuen Regierung. Die Leute hörten ihn schweigsam an. Er fuhr in das nächste Dorf, um auch hier das neue Gebot zu verwirklichen. Dann in das dritte. Als er aber wieder in das erste zurückkehrte, erwies es sich, daß die armen Bauern freiwillig den reichen das Vieh zurückgebracht hatten. Wieder standen die Ställe der Armen leer. Sie wollten nicht behalten, was sie „fremdes Gut” nannten.
Nikolai Brandeis berichtete den Tatbestand, bekam eine Rüge und die Anweisung, die Leute mit Gewalt zu bekehren. Er drohte ihnen mit Gefängnis und Deportation. Aber es half nichts. Einer der Kommissare kam und verhaftete den Pfarrer, einen Mann, den Brandeis aus früheren Jahren gut kannte. Brandeis bat um die Befreiung des Alten. Man verurteilte den Pfarrer zum Tode. Brandeis führte die Hinrichtung aus. Er befahl „Feuer!” in Anwesenheit des ganzen Dorfes.
Kaum war der Knall der Schüsse verhallt, als zum erstenmal in Brandeis’ Herz die Unruhe einzog. Bis jetzt hatte er noch immer in der Taubheit des Berufssoldaten gehandelt. Nun aber, da die Leiche des Pfarrers, der kniend gestorben war, vornübergesunken vor der blau gekalkten Mauer lag, vor der Mauer, auf der Nikolai als Knabe so oft rittlings gesessen hatte, und die dunkelrote Blutlache zaghaft immer größer wurde und auf dem abschüssigen Boden zwischen die Fugen der unregelmäßigen Steine ein paar Bächlein vorzuschicken begann: In dieser Minute verwandelte sich Brandeis. Er nahm die Mütze ab in Anblick der ganzen Bevölkerung und machte eine Verbeugung vor der Leiche. Dann befahl er, sie auf dem Friedhof zu begraben. Dann ging er zum Kommissar und sagte ihm, daß er die Rote Armee verlassen müsse. Der lachte ihn aus. Riet ihm, nach zwei Tagen zu sehen, ob die armen Bauern sich nicht bekehrt haben würden. Und nur in der Hoffnung, daß sie es nicht tun werden, blieb Nikolai Brandeis.
Er blieb — und sah, daß der Kommissar recht gehabt hatte. Es war keine Rede mehr vom „fremden Gut”. Auf einmal schienen alle Begriffe umgestürzt. Die reichen Bauern wurden untertänig und die armen herausfordernd. Pfarrer benachbarter Dörfer predigten ausdrücklich die Notwendigkeit der Güterverteilung. Aber diese Veränderungen beruhigten Brandeis nicht etwa, sondern verwirrten ihn vollends. Eines Abends überfiel ihn der Wahnsinn. Ihn beherrschte die Vorstellung, daß der Rand der Welt nicht ferne sein könne, jene Stelle, von der aus man in den Abgrund der ewigen Nächte stürzen müsse. Er sah deutlich die Erde als eine Scheibe, von einem Stengel gehalten, etwa wie ein flacher Pilz mit zackigen Rändern. Diese zu erreichen war sein Ziel. Er bestieg ein Pferd. Er galoppierte nach dem Süden. Er erreichte auf eine merkwürdige Weise — er selbst konnte sich an diese Tage nicht mehr erinnern — das Meer. Er gelangte nach Konstantinopel. Und erst hier wieder zu seiner Vernunft. Doch nein! Es war nicht seine alte Vernunft mehr! Es war ein ganz anderer Nikolai Brandeis, der mit einem systematischen Eifer in den Häusern und in den Straßen bettelte, einem betrunkenen Nachbarn in einem überfüllten kleinen Hotel, in dem je zehn Gäste in einem Zimmer schliefen, die Papiere stahl, als stummer Mazedonier, ohne ein Wort Griechisch oder Bulgarisch zu verstehn, auf ein Schiff kam, die Überfahrt als Heizer mitmachte, unter mannigfachen Abenteuern und als blinder Passagier durch den Balkan, Ungarn, Österreich nach Deutschland gelangte, von Hilfskomitees unterstützt, vor denen er sich je nach Laune als Kaufmann, Oberst, General ausgab. Es war ein ganz neuer Nikolai Brandeis. „Wieviel bist du? Bist du einer?” fragte er. „Ich bin zehn! Ich war Lehrer, Student, Bauer, Zarist, Mörder, Verräter. Ich habe Sattheit gekannt, Frieden, Hunger, Krieg, Typhus, Not, Nacht und Tag, Frost und Hitze, Gefahr und Leben. Aber das alles ereignete sich mit mir vor meiner Geburt! Der heutige Nikolai Brandeis ist erst vor ein paar Wochen geboren.”
Als er diese Feststellung machte, war er siebenunddreißig Jahre alt. Er setzte sich eine Grenze von fünf Jahren. In fünf Jahren wollte er ein freier Mann sein. Mit der unerbittlichen Systematik, die er von seinem Wahnsinn behalten hatte, legte er sich folgendes zurecht:
Ich bin also ein Neugeborener, eben ins Leben getreten. Was soll ich in dieser Welt? Lohnt es sich, sie zu erleben? Ich habe nur eine Freiheit: sie wieder zu verlassen. Aber es scheint, daß die Welt eine gewisse Anziehungskraft ausübt. Sie macht mich neugierig. Mehr Erfahrungen wird sie mir kaum noch geben. Aber mit jenen alten Erfahrungen ausgestattet, zu beobachten, wie die anderen Erfahrungen machen, ist nicht unangenehm. Die Menschen kommen mir merkwürdig vor, weil ich in jedem ein Stück vom alten, verstorbenen Nikolai Brandeis wiederfinde. Sie leben noch von Idealen, haben Gesinnungen, Häuser, Schulen, Behörden, Pässe, sie sind Patrioten und Antipatrioten, kriegerisch und pazifistisch, national und kosmopolitisch. Ich bin nichts von alledem. Ich habe Vaterländer gehabt, sie sind untergegangen. Ich habe an Gesinnungen geglaubt, sie haben sich verflüchtigt. Ein einziger Pfarrer ist gestorben, und sein Tod hat alles offenbart. Merkwürdig, daß die Leute nicht an Wunder glauben. An alles glauben sie, nur nicht an Wunder. Ich habe Wunder erlebt. Wer aber von all denen, die an Ideen glauben, hat seine Idee dermaßen erlebt?
Diese Art, zu beobachten und zu denken, bereitet mir Freude. Wenn ich mir sage, daß dies der Sinn meines Lebens ist, so genügt es, um meinen Entschluß zu rechtfertigen: nicht wieder aus der Welt zu gehn, in die ich eben gekommen bin. Um mich ganz unabhängig zu freuen, muß ich vollkommen unabhängig sein. So wie die Welt heute ist — und sie interessiert mich, das heißt fast: Sie gefällt mir —, muß man Geld haben, um frei zu sein. Ich habe also zwei Auswege: entweder zu sterben oder reich zu werden. Sterben kann ich auch als Reicher, während ich nicht als Toter reich sein kann. Also Geld!
Eine solche Überlegung dürfte noch niemals einen Mann zu Geld geführt haben. Nikolai Brandeis war eine Ausnahme. Diese Überlegung — und nichts anderes — war der Anfang seines Kapitals. Wer kann sagen, was die Zufälle regiert? Vielleicht regierte jene Überlegung Brandeis’ den Zufall, der ihm Geld brachte?
Jener Zufall ist ein ganz alltäglicher und soll nur der Vollständigkeit halber berichtet werden:
In Danzig lernte Brandeis einen russischen Emigranten kennen, der im Zoppoter Kasino sein Geld verloren hatte und nun im Begriff war, ein Brillantenkollier seiner Frau zu verkaufen. Er bat Brandeis, einen Käufer zu suchen. Brandeis aber riet dem andern, noch einen letzten Versuch zu machen.