Dann begann er wieder in seiner gewohnten Sanftheit: „Ich glaube, Sie interessieren sich genügend für Zeitungen, um ein Journalist werden zu können. Nun könnte ich Sie zwar einem politisch rechtsgerichteten Blatt empfehlen. Aber dort gibt es mehrere Ihresgleichen. Dagegen sind Sie vielleicht eine Akquisition für ein demokratisches Blatt, ein großes, von altem Ruf, dessen Verleger mir verpflichtet sind. Ein demokratisches Blatt kann einen jungen Mann von Ihrer rechtsradikalen Vergangenheit sehr gut brauchen. Um offen zu sein: Bei den Juden können Sie Karriere machen. Wollen Sie?” Theodor wollte ja sagen. Aber Brandeis wartete nicht. „Sie werden mir schreiben!” Er stand auf. Stumm, mit einer Verbeugung, die er sofort bereute, weil sie seiner Meinung nach zu tief ausgefallen war, verabschiedete sich Theodor.

Dritter Teil

XVII

Um sieben Uhr abends, zwei Stunden später als seine Angestellten, verließ Nikolai Brandeis sein massives Bürohaus. Um diese Stunde schlossen die drei Warenhäuser, die ihm gehörten, die Kaufläden in den dreiunddreißig Häusern, die ihm gehörten, die sechshundertundfünfzig Beamten und Angestellten zogen schwarze Anzüge an, suchten ihre Abonnements hervor, ihre kleinen Mädchen und ihre vergrämten Frauen und begaben sich in die Theater, die Kinos und Konzerte zu ermäßigten Preisen, die Bürodiener und die Lohnkutscher betraten die Bierkneipen und führten die schmalen Gläser, gefüllt mit schäumender, uringelber Flüssigkeit an die langhaarigen Schnurrbärte. Um diese Stunde strömten die fünftausend Arbeiter aus den Fabriken, deren Aktien Brandeis besaß, in die feuchten Säle voll von kaltem Pfeifenrauch, dumpfem Gestank der Bierfässer, säuerlichem Menschenschweiß, um Politik zu hören. Um diese Stunde gingen die Herren Sekretäre und Oberbeamten ins Kasino zum Spielchen, in die Vorstandssitzung des Stahlhelms, in das Komitee vom Weißen Kreuz, in die Bezirksorganisationen des Reichsbanners, in den Wochenabend der Kreiszahlstelle. Um diese Stunde legten die Chauffeure der hundertundzwanzig Last– und Warenautomobile, die in Brandeis’ Namen durch Straßen und Städte fuhren, ihre Livreen ab, hängten sie an dünne Bügel in numerierte Wandschränke, zogen ein billiges, praktisches Zivil an und genossen die Freiheit, die knappe zwölf Stunden maß an Länge und an Breite. Das war die Stunde, in der die Redakteure des demokratischen Blattes, dessen heimliche Aktien Brandeis heimlich gehörten, den Abenddienst begannen, schmale, glänzende und ausgefranste Lüsterröckchen anzogen und auf die Glockenknöpfe aus weißem Kautschuk drückten. Die Boten kamen auf Fahrrädern mit Parlamentsberichten, mit Gerichtssaalberichten, mit Tagesneuigkeiten, lila kopiert auf billigem Holzpapier, mit politischen Korrespondenzen, und in den ledergefütterten und stickigen Telephonzellen begannen die Apparate zu klingeln, aus Amsterdam und Rotterdam, aus Bukarest und Budapest, aus Kalkutta und Leningrad, und der Leitartikler hatte sein Thema gefunden, wanderte auf und ab und predigte Sätze, denen eine Schreibmaschine das klappernde Echo gab. Alle diese Menschen glaubten, frei zu sein. Kaum kannten sie den Mann, der ihnen Brot gab und Margarine, Kunstbutter und prima Tafelbutter. Sie hielten sich aufrecht und zitterten vor Kündigungen, sie demonstrierten am Sonntag und verbargen pornographische Ansichtskarten vor ihren Frauen, sie herrschten über ihre Kinder und bangten um eine Gehaltserhöhung, sie redeten Leitartikel und zogen die Hüte vor dem Bürochef.

Brandeis kannten sie nicht. Nikolai Brandeis, den Organisator, ja den Schöpfer eines neuen Mittelstandes, den Erhalter des alten, Nikolai Brandeis, der den Organisationen der Mittelständler Rabatte verlieh, der an der Billigkeit der Waren reich wurde, der die Menschen kleidete und nährte, der ihnen kleine Kredite gab und niedliche Häuschen an den Rändern der Städte, der ihnen die Blumentöpfe bescherte und die zwitschernden Kanarienvögel und die Freiheit, die Freiheit, die zwölf Stunden maß an Länge und Breite.

Nikolai Brandeis verließ mit seinem Ersten Sekretär, dem Oberst Meister, um sieben Uhr abends das Büro. Am Abend, vor dem Weggehen, hatte Brandeis plötzlich zu reden begonnen. Der Oberst verstand zuerst sehr wenig. Ähnliche Augenblicke erlebte er, wenn ihm zufällig irgendein Buch in die Hand geriet. Dann verschwammen die Worte zuerst. Hierauf bemühte sich der Oberst, sie einzeln herauszustrählen und noch einmal zu betrachten. Denn er wunderte sich, daß es möglich war, die Worte zu verstehen und nicht ihren Zusammenhang. Jetzt, da Brandeis sprach, überfiel ihn ein ganz unbestimmter Verdacht, daß es sich hier um das handelte, was er „Philosophie” zu nennen gewohnt war. Und erst spät begann er zu begreifen; aber nicht mit seinem alltäglichen Verstand, sondern mit der Hilfe von Nerven, von deren Existenz er früher niemals etwas geahnt hatte.

„Nun”, fuhr Brandeis fort, „bin ich sozusagen vor dem Ziel. Jeder andere an meiner Stelle würde so sprechen. Aber ich, ich habe nicht ein einziges Leben hinter mir, sondern zwei oder vielleicht mehr. Und ich fühle seit einiger Zeit, daß ich wieder ein neues beginnen muß.

Glauben Sie mir, daß ich müde bin? Müde, nicht weil ich zuviel gearbeitet habe, sondern weil ich ohne eine Gesinnung arbeite, ohne einen Ehrgeiz, ohne ein Ziel. Heute noch bin ich der selbständige Verwalter der Macht, die sich in meinem Hause angesammelt hat, aber morgen schon bin ich ihr Gefangener. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, warum ich so reich geworden bin? Sie halten mich für einen großen Kaufmann? Nicht wahr? Sie irren sich, Herr Oberst! Ich verdanke alles der Widerstandslosigkeit und der Ohnmacht der Menschen und der Einrichtungen. Nichts in dieser Zeit wehrt sich gegen Ihren Druck. Versuchen Sie, einen Thron zu erlangen, und es wird sich ein Land finden, das Sie zum König ausruft. Versuchen Sie, eine Revolution zu machen, und Sie werden das Proletariat finden, das sich erschießen läßt. Bemühen Sie sich, einen Krieg hervorzurufen, und Sie werden die Völker sehen, die gegeneinander ausziehn. In einigen Wochen, in einigen Monaten, in einem Jahr vielleicht könnte es mir gelingen, die Industrie dieses Landes zu erobern. Ich bin dahintergekommen, daß es nur die Namen sind, die noch ihren alten, mächtigen Klang haben und den und jenen erschrecken. Sie hören von einem Herrn Generaldirektor, Sie gehn zu ihm ins Zimmer — und auf einmal bedauern Sie alle Ihre Vorbereitungen und kommen sich lächerlich vor. Sein Titel steht nur auf der Tafel an der Tür. Sind Sie einmal in seinem Büro, dann sehn Sie, daß die ganze Macht des Generaldirektors nur von vier Nägeln, einer gläsernen Tafel an der Tür gehalten wird — und die Tür und die Tafel und die Nägel kommen Ihnen imposant vor im Vergleich mit der Persönlichkeit, zu der sie gehören. Glauben Sie mir, der Generaldirektor gehört seiner Tafel, seiner Visitkarte, seiner Rolle, seiner Stellung, der Furcht, die er verbreitet, den Gehältern, die er bewilligt, den Kündigungen, die er ausspricht; nicht umgekehrt! Von dieser Gefahr bin ich heute schon bedroht. Die Abzeichen meiner Macht werden anfangen, imposanter zu werden als ich. Ich werde nicht mehr den Launen folgen können, die meine einzige Freude sind. Ich kann den Herrn Bernheim anstellen, wenn es mir Freude macht, und zusehn, wie er wächst, mit der Chemie verschwägert wird, wie er ein großes Haus und einen Namen bekommt. Ich freue mich, wenn sein Bruder, ein Völkischer, in einer jüdischen Zeitung Artikel schreibt. Aber morgen schon könnte die Zeitung mächtiger werden, als mir lieb ist, und zum Beispiel meine Anonymität enthüllen. In der Stunde, in der man meinen Namen so ausspricht, wie man die Namen der populären Mächtigen nennt, bin ich ohnmächtig. Denn der Name schwillt an und bezieht Kraft von mir und braucht meine Kräfte, um zu tönen — nichts mehr, als um zu tönen ...

Und dennoch — und deshalb spreche ich mit Ihnen, reizt mich die Chemie, das einzig Unheimliche in dieser Klarheit, in der ich lebe. Es ist Gefahr vorhanden, daß ich mich ihr ausliefere. Und zum erstenmal wäre ich einer Übermacht ausgeliefert. Alles andere war kleiner als ich: dieser lächerliche Mittelstand, der meine Devise ist, der meine Warenhäuser füllt, die Beamtenorganisationen, denen ich Brot und Anzüge liefere, diese Häuser, die Bank mit den kleinen, sicheren Krediten, meine Direktoren mit den 150 000-Mark-Gehältern. Aber die Chemie ist ein Element. Ich konnte genauso ohnmächtig werden wie ihre Aktionäre, ihre Chemiker, ihre Generaldirektoren. Seitdem ich mit der Imperial Chemical Industry in Verbindung stehe, erschrecken mich die wunderbaren Phänomene in der Welt der Chemie. Alles ist hier wunderbar. Ich habe sonst keinen Respekt vor Zahlen. Hier zum erstenmal erschrecken mich die 10 000 Arbeiter von Höchst am Main, die 11 000 der Badischen Anilin, die 95 Fabriken der I. G., die 108 000 Angestellten, die 143 000 der angegliederten Fabriken, die 600 Tonnen Phosgen, die jährlich erzeugt werden. Denken Sie, daß die Kunstseide, aus der die Strümpfe Ihrer Tochter gemacht sind, mit dem Giftgas verwandt ist, mit dem der Krieg geführt wurde. Nitroglyzerin ist beides! Welch ein Name! Nitroglyzerin!

Halten Sie mich für einen Schwärmer, Herr Oberst? Sie haben recht! Zum erstenmal könnte man mich dafür halten. Es hat sich etwas geändert, es ist etwas mit Nikolai Brandeis vorgegangen. Ich weiß nicht, ob wir noch viele Male unser Büro zusammen verlassen werden. Gute Nacht!”