Gleich am nächsten Tage wollte er mit beiden im Auto spazierenfahren. Er erwartete, daß Brandeis ablehnen werde. Aber Brandeis sagte zu.
Am nächsten Tag ließ er sich allerdings entschuldigen. Er bat Bernheim, Lydia allein auszuführen. Sie fuhren mit der Geschwindigkeit von siebzig Kilometern. Eine Schnelligkeit, die von allen modernen Schriftstellern, welche die Beziehungen zwischen den menschlichen Herzen und den Motoren studiert haben, für ähnliche Situationen vorgeschrieben ist. Paul, der seit seiner Heirat angefangen hatte, sich wieder mit der zeitgenössischen Literatur zu beschäftigen und sogar mit Schriftstellern zu verkehren, kannte sich vortrefflich in der Ausbeutung der Naturschönheiten mittels eines beschleunigten Tempos aus. „Jeden zweiten Tag rase ich so durch die Welt dahin”, sagte er zu Lydia. „Das Automobil hat uns die Natur erst richtig sehen gelehrt. Es ist herrlich, wie die Straße, die Bäume, die Häuser verschlungen werden. Mein Chauffeur ist ein Feigling. Über fünfundfünzig, sechzig kommt er nicht hinaus. Ich aber denke: Wer so schnell arbeitet, muß auch schnell genießen. Gefährdet sind wir den ganzen Tag, auch wenn wir ruhig im Büro sitzen. Aber glauben Sie mir: Ich möchte die Gefahr gar nicht missen.” „Sie waren sicher im Krieg?” „Vier Jahre, Kavallerie.” „Sie reiten leidenschaftlich?” „Einmal, zweimal in der Woche. Wollen Sie mit mir ausreiten, gnädige Frau?” „Ich fürchte mich etwas.” „Doch nicht in meiner Gesellschaft? Wir geben Ihnen ein frommes Tier!” In Lydia Markownas Erinnerung erwachten die Photographien aus einer Serie „Die Dame zu Pferde”, die auf Glanzpapier und blaugrün schimmernd in einer „führenden” Modezeitschrift erschienen war, neben einer andern Serie, „Mutter und Kind”, und einer dritten, „Ehen in der Gesellschaft”. Sie sah die diskreten Texte unter den Bildern: „Frau Generaldirektor Blumenstein” und „Gräfin von Hanau-Lichtenstern zu Roß” oder „Beim Morgenritt” oder „Im Herrensattel”. Und alle Vorstellungen von Vornehmheit, die sich aus Mangel an lebendigem Material auf die Klischees der Photographen, in die Redaktionsstuben der illustrierten Zeitungen und in die Aufnahmeateliers der Filmgesellschaften gerettet zu haben schien, erwachten in dem Gehirn Lydia Markownas und entzündeten in ihr einen gesellschaftlichen Ehrgeiz. Wo gäbe es die Tochter eines Uhrmachers aus Kiew, die solchen Lockungen nicht erlegen wäre? Denn ihr Vater war ein Uhrmacher gewesen, sie selbst hatte sich schon in jungen Jahren berufen gefühlt, in eine höhere Klasse aufzusteigen, und Gedichte von Puschkin, verbunden mit einem normalen schauspielerischen Talent, sollten ihr dazu verhelfen. In dem Sommer, in dem Nikolai Brandeis aus der Roten Armee desertierte, starb der Vater Lydias. Sie flüchtete. Sie geriet als Kellnerin in ein russisches Restaurant, wo sie die Trinkgelder zurückwies und infolgedessen, und weil die Phantasie der Besucher auffallender Beispiele für die Grausamkeit der Revolution bedurfte, in den Ruf einer Fürstin geriet. Es war das Restaurant, in dem ein paar Emigranten, frühere Schauspieler, den Grünen Schwan gründeten. Sie nahmen Lydia mit. So erfüllte sich auf Umwegen ihr Wunsch. Es war zwar nicht das Moskauer Akademietheater, dessen Mitglied sie wurde, aber immerhin ein Theater. Da alle ihre Kameraden paarweise lebten, sie allein und Grigori, der Kosak, einzeln schliefen, legte sie sich nach einigem Zögern zu diesem. Die Truppe ersparte die Miete für ein Hotelzimmer. Als sie Brandeis folgte, ahnte sie einen phantastischen Aufstieg. Aber statt, wie sie gehofft hatte, mit Hilfe eines reichen und verliebten Mannes endlich in die erträumten Sphären einer „großen Welt” zu gelangen, wurde sie selbst das verliebte Mädchen eines schweigsamen und also gefährlichen, unverständlichen und ewig fernen Gebieters. Sie war eifersüchtig auf diese langen Tage, die Brandeis irgendwo verbrachte, sie wußte nicht, wo. Denn er hatte ihr verboten, ihn während des Tages aufzusuchen. Sie überlegte, ob sie es wagen dürfte, sich bei Paul zu erkundigen. Hatte Brandeis noch andere Frauen? Sie träumte manchmal, daß er mehrere Frauen in mehreren Häusern ebenso eingeschlossen hielt wie sie. Würde er nicht eifersüchtig werden? „Hoffentlich ist Herr Brandeis nicht eifersüchtig!” sagte Paul plötzlich mit dem leisen, zaghaft probierenden Spott, mit dem die beruflichen Verführer von den abwesenden Rivalen zu sprechen pflegen. „Nein!” sagte sie. „Ich wäre es an seiner Stelle!” Lydia war ihm dankbar. Die Frauen glauben einer Versicherung, die sie gerade brauchen. Seit Jahrhunderten verführt man sie mit Lügen und nicht mit Wahrheiten. Niemals hatte sie von Brandeis ein Kompliment gehört. Schnell fragte sie: „Und Ihre Frau?” und bereute es sofort. „Meine Frau?” wiederholte Paul verwundert, als hätte er sie vollkommen vergessen. „Sie müssen mit ihr zusammenkommen!” sagte er. Sie beschloß, Brandeis zu fragen, ob die Frau Bernheim hübsch, klein, zart, groß, blond oder schwarz sei. Sie war wie alle andern erst dann beruhigt, wenn sie neben dem Mann, den sie kannte, auch etwas von der Frau erfuhr, die zu dem Mann gehörte oder wenigstens scheinbar gehörte.
Sie fuhren langsam in die Stadt zurück, weil der Abend kühl wurde. „Tanzen Sie?” fragte Paul, denn er dachte an die unauffälligste Möglichkeit, dem Körper dieser Frau nahe zu kommen. „Oh”, sagte sie harmlos und ohne die Folgen abzuschätzen, „seit dem Grünen Schwan nicht mehr!” „Wieso Grüner Schwan?” „Es ist ein Kabarett.” „Und?” fragte Paul. „Ich habe dort gespielt!” Seine Überraschung war grenzenlos. Sie wäre kaum größer gewesen, wenn man ihm etwa gesagt hätte, daß seine Frau nicht eine geborene Enders sei. Nichts bekümmert einen Menschen wie Bernheim mehr als die Erfahrung, daß er nicht mit einer Fürstin, sondern mit einer Schauspielerin im Wagen sitzt. „Oh!” sagte er. Und wie er einmal auf dem Maskenball plötzlich die Fähigkeit verloren hatte, die intimen Berührungen an Fräulein Irmgard Enders fortzusetzen, so verlor er hier umgekehrt die andere Fähigkeit, distanziert zu bleiben. Mechanisch drängte sein Bein an das Knie seiner Begleiterin. Er vergaß zu sprechen. Er hielt an, und ohne ein Wort zu sagen, versuchte er, den Arm um Lydia zu legen.
Sie begriff, welchen Sinn seine Bewegung hatte, und eine Sekunde später auch, aus welchen Ursachen sie kam. Sie fühlte die gleiche stumme, verzweifelte Scham wie damals, als Grischa sie Brandeis verkauft hatte. Aber heute gelang ihr nicht einmal ein Schrei mehr. Es war, als hätte ihr Herz schon die Gewohnheit, Beschämungen leise zu dulden. Es war kein neuer, erstmaliger Schimpf mehr, den sie erlitt, sondern ein wiederholter, die Erinnerung an jenen ersten. Nicht aus Verzweiflung, sondern eher aus einem instinktiven Bedürfnis, sich zu verteidigen, brach sie in ein leises Schluchzen aus. Die Tränen sind die einzige Waffe der Wehrlosen.
Es dauerte ein paar lange Minuten, bevor Paul Bernheim begriff, daß er Lydia beleidigt hatte. Wie seine Mutter imstande war, in einem Staatsbeamten eine andere Qualität von Ehrgefühl zu vermuten als etwa in einem Hauslehrer, so gestattete ihr Sohn Paul einer Schauspielerin nicht, sich ebenso beleidigt zu fühlen wie eine Fürstin aus dem Kaukasus oder gar eine geborene Enders aus dem Rheinland. Aber konnte der Zufall seiner Mutter gelegentlich nicht recht geben, so zeugte seine Anschauung von seiner verschiedenen Klassenehre der Frauen von einer besonderen Ahnungslosigkeit, von jener, die er mit allen seinen Kollegen, den Verführern, teilen durfte. Denn nichts ist so unabhängig vom Stand, von der Klasse, von der Familie, von der Beschäftigung und von der Erziehung wie der Ehrbegriff der Frauen. Es sind die gleichen Gelegenheiten, bei denen sich Prinzessinnen wie Prostituierte beleidigt und geschmeichelt fühlen. In dem Augenblick, in dem Paul begriff, warum seine Begleiterin weinte, tat es ihm leid, denn er war gutmütig, und er beklagte außerdem eine „verpatzte Gelegenheit” — wie man im Jargon der Männer aus dem gehobenen Stand zu sagen pflegt. Er hielt an. Ohne ihn anzusehn, das Gesicht gesenkt, verließ Lydia den Wagen. Sie ging geradeaus, sie sah nicht auf den Weg. Er stieg ab und ging ihr nach. Er sagte etwas, aber sie hörte ihn nicht. Die Scham erfüllte sie mit einem betäubenden Brausen. Endlich sah er ein, daß nichts mehr zu retten war. Und seine Sorge wandte sich wieder seinem Packard zu, den er mitten auf der Landstraße stehen gelassen hatte. Er kehrte um, lenkte langsam in einen Seitenweg und blieb mit dem erschütternden Gefühl zurück, eine Niederlage erlitten zu haben.
Die Sentimentalität ist eine Schwester der Grobheit. Und nichts ist selbstverständlicher als die Tatsache, daß Paul Bernheim auf dem ganzen Heimweg verliebt und wehmütig an Lydia dachte. Sie erschien ihm begehrenswerter als früher, kostbarer in dem Grade, in dem sie ihm endgültig verloren war.
Zu Hause fiel sein erster Blick auf die große Photographie seiner Frau. Er fand Irmgard langweilig, spröde, grobknochig. Der Sport hatte seiner Meinung nach ihre Muskeln männlich gemacht, ihre Schultern um zwei Zentimeter zuviel geweitet, ihre Hände waren stark, groß und trocken. Lydia war zart, schmiegsam, und ihre Haut mochte eine gelblich getönte Glätte haben, ihre Brüste dunkelbraune Monde. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.
Lydia wartete lange auf Brandeis. Er kam spät, gegen Mitternacht. Er sah ihre roten Augen, fragte nicht und ging wieder fort.
Es war eine der Nächte, die er in einem gleichgültigen Hotelzimmer zu verschlafen gedachte.