„Wir können uns gleich verabschieden”, sagte Brandeis. „Ich werde Sie bis zu Ihrem Haus begleiten. Das genügt. Ich fahre morgen. Und komme nicht mehr so bald. Ich habe nicht die Fähigkeit, lange auf einem Fleck zu bleiben.

Ich bin eigentlich verpflichtet, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Ich dachte ein paarmal daran, mich mit dem Element zu messen, in dessen Nähe Sie durch Ihre Heirat gekommen sind. Ich wollte Sie mir aufheben. Ich hatte niemals einen übermäßigen Respekt vor Ihnen, vor den Menschen im allgemeinen nicht. Meine Meinung hat hier nichts zu tun, aber ich hätte es Ihnen geschrieben, auf jeden Fall. Nun, da ich Sie hier überrasche, sage ich es. Die Umstände sind für meinen Geschmack etwas zu romanhaft.”

„Ich nehme Ihnen nichts übel”, sagte Paul. „Soeben, vor fünf Minuten noch, wäre ich tief beleidigt gewesen. Inzwischen aber bin ich alt geworden. Sehen Sie nur, Herr Brandeis, sehen Sie meine Haare! Sind sie nicht schon weiß? Seit drei Minuten habe ich die Empfindung, daß ich mein Haus als junger Mann verlassen habe und daß ich als Greis zurückkomme. Ich bin, scheint mir, weise genug geworden, um Ihnen gestehen zu können, daß ich Sie immer bewundert habe. Bewundert und auch gefürchtet. Und dennoch bin ich noch immer nicht weise genug, um auf die Frage verzichten zu können, die ich Ihnen jetzt stellen will: Warum haben Sie mich verachtet?”

„Ich weiß nicht”, erwiderte Brandeis. „Sie waren ein Schwächling. Sie wären zum Beispiel nicht imstande gewesen, einen Tag oder eine Stunde vor der endgültigen, wirklichen Macht vielleicht, alles zu verlassen, wie ich es jetzt mache. Denn es gehört keine Stärke dazu, etwas zu erobern. Alles ist morsch und ergibt sich Ihnen. Aber verlassen, verlassen, darauf kommt es an. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, etwas Außerordentliches zu tun. Es treibt mich fort von hier. So wie es mich einst hierhergetrieben hat. Es treibt mich fort, und ich folge. Lassen Sie es sich gutgehen, Herr Paul Bernheim. Versuchen Sie, jetzt wird es Ihnen vielleicht gelingen.”

Sie standen vor dem neuen Hause Bernheims. Alle Fenster erleuchtet. Paul glaubte die Stimmen seiner Gäste zu hören. Er griff in die Tasche nach dem Schlüssel. Und während er ihn hervorholte, sagte er gleichgültig, als sagte er etwas, was sich auf die Tür beziehen sollte: „Sagen Sie, Herr Brandeis, haben Sie Lydia weggeschickt?”

„Nein, sie ist gegangen. Ich schicke niemanden weg. Sie ist gegangen, und vielleicht gehe ich deshalb auch. Ich weiß nicht, was mich aufhält, ich weiß nicht, was mich davontreibt.”

Eine Sekunde blieb es still. Dann sagte Brandeis laut: „Gute Nacht!” Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er im Schatten der Bäume, die den Straßenrand säumten.

XX

Ein paar Tage spater verließ Nikolai Brandeis den Zug an einer jener Grenzstationen, die er oft passiert hatte, ohne mehr von ihnen gesehen zu haben als die öde, grenzenlose Traurigkeit ihrer Rangierbahnhöfe, den provisorischen, etappenmäßigen Aspekt ihrer hölzernen, braungeteerten Baracken und die kollegiale Eintracht der verschieden uniformierten Zollwächter zweier Länder. Er blieb in der kleinen Stadt, die er vom Bahnhof nach einer halben Stunde Wanderung erreicht hatte, als brächte ihm erst dieser Aufenthalt und die endliche Verwirklichung einer oft verspürten flüchtigen Laune den Beweis seiner wiedergewonnenen Freiheit. Die stillen Einwohner der kleinen Stadt sahen sich nach ihm um. Sein Gesicht schien aus demselben Stoff gemacht zu sein wie sein großer, rostbrauner Mantel, und obwohl sein Hut, sein Anzug, seine Schuhe einen europäischen Schnitt hatten, wirkten sie doch wie Kleidungsstücke, die von den Söhnen eines fremden Volkes in einem unbekannten, unerreichbar fernen Land getragen werden. Langsam ging Brandeis durch die kleinen und schmalen Gassen, die noch kleiner und schmaler wurden, wenn er in ihnen erschien. Hinter ihm und vor ihm wehte die Weite.

Noch wußte er nicht, wohin er gehen würde. Überall schien ihm die Erde gleich zu sein. In allen Städten aller Länder gebar sie mit unendlich geduldiger und schmerzlicher Güte die schwächlichen Paul Bernheims, die Gefangene ihrer törichten Wünsche wurden; die kläglich verworrenen Theodors, die im ewigen, dichten Schatten der öffentlichen Pathetik lebten; die Gewalthaber, denen die Macht zur Ohnmacht wurde und die im Giftgas erstickten, das sie erzeugten; die Allerweltsmenschen, die aus Budapest kamen und hinter den Paravents saßen; die kleinen Mädchen, die geliebt sein wollten und ihre kleinen Herzchen verloren.