Man sollte mir ja nur nicht wieder mit dem dummen Vorwurf kommen, ich sähe die Menschen nur auf das Geschlecht hin. Nun: ich sehe die Menschen weder „darauf hin”, ob sie geniale Geschäftsleute sind oder nicht, noch „darauf hin”, ob sie in einer scheußlichen finanziellen Misere leben oder sich Pferde und Maitressen halten können, noch „darauf hin”, ob Hans die Grethe kriegt oder nicht, ich sehe sie ebensowenig „darauf hin”, was sie sonst als „logische Gehirnmenschen” sind, oder was sie als solche leisten können, eventuell leisten könnten, ebensowenig, wie ich jemals ein Möbelstück oder ein Zimmerarrangement beschrieben habe: ich sehe die Menschen lediglich „darauf hin”, ob es in ihnen jemals zur Offenbarung der Seele kommt oder nicht. Und weil es seltene Fälle sind, in denen sich die Seele offenbart, einmal vielleicht, wie nur einmal der heilige Geist über die Apostel kam, so sind die Fälle, die ich analysiere, eben sehr seltene Fälle.
Das Einzige, was mich interessiert, ist also nur die rätselhafte, geheimnisvolle Manifestation der Seele mit all’ ihren Begleiterscheinungen, dem Fieber, der Vision, den sogenannten psychotischen Zuständen — doch ich will meine literarischen Freunde mit der bürgerlichen Psychiaternomenklatur nicht erheitern.
Ich schreibe: man sollte mich mit dem Vorwurf verschonen, ich wage es allerdings nicht zu hoffen. Aber ebensowenig wie ich etwas dagegen vermag, dass im ganzen Mittelalter die seelischen Offenbarungen durchweg nur auf dem Gebiete des religiösen Lebens zu finden sind, ebensowenig kann ich etwas an der Tatsache ändern, dass in unserer Zeit die Seele sich nur in dem Verhältnis der Geschlechter zu einander offenbart. Mag man dafür der Seele die Vorwürfe machen, nicht mir. Denn alle sonstigen seelischen Phänomene der sogenannten „weißen Magie” entfallen ebenso wie früher auf das Gebiet des religiösen Lebens.
Wenn ich von der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben spreche, so meine ich natürlich nicht die fade, brave, komisch-pikante Erotik eines Guy de Maupassant, noch die süßlich-widerliche Unterrockspoesie für Konfektionösen eines Peter Nansen, noch die gesättigte Gleichgültigkeit des Ehebettes. Was ich meine, das ist das schmerzhafte, angsterfüllte Bewusstsein einer unnennbaren, grausamen Macht, die zwei Seelen aufeinander wirft und sie in Schmerz und Qual zusammenzukoppeln sucht, ich meine die intensive Liebesqual, in der die Seele bricht, weil sie sich mit der anderen nicht zu verschmelzen vermag, ich meine das enorme Vertiefungsgefühl in der Liebe, wo man in der Seele tausend Generationen tätig fühlt, tausend Jahrhunderte von Qual und abermals Qual dieser Generationen, die an Zeugungswut und Zukunftsbrunst zu Grunde gingen, ich denke nur an die seelische Seite in dem Liebesleben: das Unbekannte, Rätselhafte, das große Problem, das Schopenhauer zuerst ernsthaft in seiner „Metaphysik der Liebe” aufgeworfen hatte, freilich mit wenig Erfolg, weil die logischen Mittel für das Unlogische der Seele nicht ausreichen. Unsere Zeit, die überhaupt keine Probleme hat, die nicht schon durch die „tiefsten Geister” gelöst waren, kennt die Liebe nur als eine Ökonomische und sanitäre Frage, und es ist ganz natürlich, dass für die bürgerliche Kunst die Liebe nur als der mehr oder weniger selige Weg in das finanziell und gesundheitlich geregelte Ehebett besteht. So kam es, dass dies tiefste Seelen– und Lebensproblem nur äußerst wenige Denker gefunden hat. Und sonderbar genug, dass gerade in einer solchen Zeit ein Künstler — allerdings auf dem Gebiet der „bildenden” Kunst — erstehen sollte, der in die schauerlichen Geheimnisse und Abgründe des Geschlechtslebens weit tiefer eingedrungen ist, als irgend ein Philosoph vor ihm: Félicien Rops.
Man sehe sich seine Werke an, und man wird verstehen, was ich unter der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben meine. Hier nur ein paar Worte, wie Félicien Rops den ewigen Erreger der Liebesgärung, das Weib, auffasst, um gleichzeitig auf die enorme Distanz zwischen dieser und der bürgerlichen Kunst hinzuweisen.
Für die bürgerlichen Künstler ist das Weib ein Spielzeug oder ein unglaublich edles Wesen, eine Kokotte, oder eine steif verschnürte, unnahbare Größe, sie ist ein Miezchen oder eine präraffaelitische Kunigunde... he, he, wie singen doch unsere braven Lyriker von den verschiedenen Fräuleins?
Für Rops ist das Weib eine furchtbare, kosmische Macht. Sein Weib ist das Weib, das in dem Manne das Geschlecht wachgerufen hat, ihn an sich mit tausend wohlfeilen Listen kettete, ihn zur Monogamie erzog, die Männerinstinkte durcheinanderwarf, sie schwächte, verschob und verfeinerte, die Elemente seiner Begierden in neue Formen ordnete und ihm das Gift seiner teuflischen Lüste in das Blut impfte.
Und in der schmerzhaften Ekstase des Schaffens hat er die längst verlorenen Verbindungen wiedergewonnen, die uns an unsere mittelalterlichen Vorfahren knüpfen. Er ist nicht mehr der Mann, der sein Leben einsetzt für den lächerlichen Preis des Fünfsekundengenusses, er leidet nicht mehr unter dem Weibe, er bäumt sich auf in dem wilden Hass gegen die furchtbare, zerstörende Kraft und wird zu einem fanatischen Ankläger, der in der Raserei gegen seine eigene Natur das Weib unter Umständen dem Feuertode preisgeben würde, um die Welt von dem „größten aller Übel”, dem Weibe, zu befreien.
Und hier steht er vollkommen im Einklänge mit den mittelalterlichen Diabologen. Man lese nur die Doktoren: Bodinus, Sinistrari, Del Rio, Sprenger... Zwei Welten schmelzen ineinander und begegnen sich in einer und derselben visionären Erkenntnis der Wurzel alles Daseins, der Wurzel jeglichen Schmerzes und aller Qual.
Soll ich nun jetzt vielleicht motivieren, warum ich in »De profundis« ein „succubat” — der Deutsche scheint keinen passenden Ausdruck dafür zu haben — geschildert habe, dies grässliche succubat» das der ganzen großen Kultur des Mittelalters in der grandiosen Schöpfung des Teufels und der Hexe den Stempel aufgedrückt hatte?