Berlin, Pfingsten 1893.
Am Anfang war das Geschlecht. Nichts außer ihm — alles in ihm.
Das Geschlecht war das ziel– und uferlose ἄπειρον des alten Anaximander, als er Mir den Uranfang träumte, der Geist der Bibel, der über den Gewässern schwebte, als noch nichts war außer Mir.
Das Geschlecht ist die Grundsubstanz des Lebens, der Inhalt der Entwicklung, das Wesen der Individualität.
Das Geschlecht ist das ewig Schaffende, das Umgestaltend-Zerstörende.
Es war die Kraft, mit der Ich die Atome aufeinander warf, — die blinde Brunst, die ihnen eingab, sich zu kopulieren, die sie Elemente und Welten schaffen ließ.
Es war die Kraft, die den Äther in namenlose Sehnsucht brachte, seine Teile Welle in Welle zu kuppeln, sie in heiße Vibrationen stürzte und zu Licht werden ließ.
Es war die Kraft, die den elektrischen Strom in sich zurücklaufen, Dampfmoleküle aneinander prallen ließ, — und so ist das Geschlecht Leben, Licht, Bewegung.
Und das Geschlecht wurde maßlos geil. Es schuf sich Fangarme, Trichter, Röhren, Gefäße, um die ganze Welt in sich hineinzuschlurfen; es schuf sich einen Protoplasmaleib, um mit unendlicher Fläche zu genießen; es sog alle Lebensfunktionen in seinen gierigen Schlund hinein, um sich zu befriedigen.
Und es wälzte sich dahin in endloser Evolution und konnte nicht ruhen; und es streckte sich aus in zahllose Formen und konnte sich nicht befriedigen. Es raste nach Glück im Trochiten, es wieherte nach Genuss in der ersten Metazoë, als es das Urwesen in zwei Teile zerriss und sich selbst in zwei Geschlechter spaltete, grausam, brutal, zur gegenseitigen Zerstörung, nur um ein neues, raffinierteres Wesen zu schaffen, das eine kompliziertere Befriedigungsorgie für die ewig hungrigen Dämonen seiner Wollust erfinden könnte.