Und wenn die kalte Luft die Dämpfe der warmen Meeresoberfläche nicht auflösen kann, wenn sich diese als Nebelmassen ausscheiden, wenn sie mit dem Winde auf die Küste getrieben werden und sich hier über dem wärmeren Lande in einen feinen Sprühregen auflösen, in ein etwas, wofür Sprühregen schon zu viel gesagt ist, und das nur ein Zerschmelzen etwas Verdichteten, das Auftauen etwas Brütenden, Konzentrierten, Erstarrten bedeutet, dann fühlt man, wie etwas Analoges sich in der Seele abspielt, wie sich etwas loslöst, Tropfen für Tropfen, eine Verbindung nach der anderen, man fühlt, wie sich diese Verbindungen als kleine Kristalle niederschlagen, in denen sich die ganze Welt als eine weite, schmerzliche Sehnsucht, ein in lautloses Weinen aufgelöster Schmerz widerspiegelt.

Senken sich diese Nebelmassen auf das Land und wird es von ihnen in ein weiches, graues, feuchtes Gewand eingehüllt, dann bekommt die Landschaft etwas unsagbar Trauriges, Düsteres; mit dumpfer Schwere, ahnender Unruhe legt sie sich auf die Seele, der Blick ist wie eingeengt, er will hinaus und muss sich nach innen kehren. —

Dringen Sonnenstrahlen hindurch, so ist es nur wie das Lächeln eines Irren, der sich mit Mordgedanken trägt, bekommt man ein Stück Himmel zu sehen, so ist es, wie ein Fleck auf dem Gesichte des Schwindsüchtigen.

Für die Menschen, die diese Landschaft bewohnen, ist etwas bezeichnend, das ich öfters beobachten konnte.

Ihr Blick ist wie verschleiert, er sieht, ohne zu sehen, die Sehaxe ist in unendliche Weite gerichtet.

Dann ist es ein eigentümliches, lautloses Lächeln mit einem Mundwinkel, nur durch eine kleine Querfalte angedeutet. Es ist das Lächeln über etwas unaufgelöst Schmerzliches, dessen sich der Mensch nicht bewusst ist und das dennoch da ist — das Lächeln, das durch ein Missverhältnis zwischen dem, was ist und was sein sollte, hervorgerufen wird.

Was für diese Landschaft ganz besonders charakteristisch ist, das sind die merkwürdig stillen, hellen Sommernächte. Es ist als ob der ganze Weltmechanismus in einem tiefen Sinnen sich verloren hätte, in einem tiefen Nachdenken versunken wäre. — Und wenn sich Stimmen erheben, so verklingen sie nicht, sondern erstarren auf halbem Wege, als ob sie von einem Apparat getäubt wären, der Pigmentschicht im Auge vergleichbar, die alles durchfallende Licht tötet. Man fühlt etwas über sich, das nach Auflösung trachtet, etwas Gespanntes, Lauerndes, zum Sprunge Bereites, — und hinter sich spürt man etwas, das mit lautlosen Schritten heranschleicht, das schon da ist, dicht hinter dem Rücken; dreht man sich um, wird man dem Gespenst in das hohle Auge sehen.

Angst! Angst! Doch nicht die brutale Angst, wie sie Maupassant in seinem Horla schildert, wo der Mensch ganz naiv, ganz Rückenmark dem Gespenst gegenübersteht und sich nun mit wahnsinniger Verzweiflung seiner erwehren will, es ist wiederum Vertiefungsangst, man geht in dem Weltall unter, man ist sein eigener Zuschauer, man versinkt, fällt hinab von einer Welt zur anderen; Angst der schauerlichen Resignation, weil man sich ohnmächtig und wehrlos fühlt.

Und in dieser Tiefe, in der erst begreiflich wird, wie der Mensch auf die Begriffe des Ewigen und Unendlichen kommen konnte, in dieser Ruhe, die den Menschen mit etwas Absolutem in Berührung bringt, in dieser endlosen Ausdehnung, die man nicht mehr nach Außen projiziert, sondern sie als die subjektive Form seines eigenen Denkens empfindet, liegt so etwas Unheimliches, Überirdisches, Mystisches, — eine Zeit die vor der Zeit war, wie es in der indischen Philosophie heißt, als noch Logos allein da war, und das Hartmannsche Prinzip des Unbewussten, bevor es sich in der Welt und dem Seienden objektivierte.

Dann sind es die Herbstnächte, in denen man das Brausen des Meeres hört, wie ein Etwas, das von einer anderen Welt kommt, von weiter Ferne, worauf man sich erst besinnen muss, was es ist, woher es kommt. Mitten in dem undurchdringlichen Nebel hört man dieses unentwirrbare monotone, langgezogene dumpfe Brausen wie eine Gehörshalluzination, die nur aus einem Tone vom geringen Umfang besteht, aber dieser Umfang ist es, der die Grenzen absteckt, innerhalb deren sich alle Gefühle bewegen, alle geistigen Vorgänge abwickeln — wellenartig, auf und ab, hin und zurück, es ist ein Wiegen und Sinnen und Brüten, eine Erinnerung ohne Inhalt, eine Sehnsucht ohne Gegenstand. —