Erstes Buch der Internationalen Jugendbücherei
A. Bogdanoff
Der rote Stern
Ein utopischer Roman
Aus dem Russischen übertragen
von Hermynia Zur Mühlen
1923
Verlag der Jugendinternationale
Berlin-Schöneberg
Die mit diesem Eindruck versehenen Exemplare dürfen nur an Mitglieder der der 3. Internationale angeschlossenen Organisationen zu ermäßigten Preisen abgegeben werden.
Alle Rechte insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten
Copyright by Verlag der Jugendinternationale, Berlin-Schöneberg, 1923
Druck der Vereinsdruckerei G. m. b. H., Potsdam
Dr. Werner an den Schriftsteller Mirski
Lieber Genosse, ich sende Ihnen Leonids Schriften. Er wollte sie veröffentlichen, – Sie verstehen sich auf diese Dinge besser als ich. Leonid hat sich verborgen. Ich verlasse das Krankenhaus, um ihn zu suchen. Meiner Ansicht nach wird er in den Bergwerksgebieten zu finden sein, wo sich eben gewaltige Ereignisse vorbereiten. Anscheinend ist das Ziel seiner Flucht – ein verborgener Selbstmordversuch, die Folge seiner Geisteskrankheit. Und er war doch der völligen Heilung schon so nahe.
Sobald ich etwas erfahre, werde ich Sie verständigen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
N. Werner.
24. Juli 19..
Leonids Manuskript
Erster Teil
Der Bruch
Es war zu jener Zeit, da in unserem Lande der gewaltige Zusammenbruch seinen Anfang nahm, jener Zusammenbruch, der noch heute weiter geht und der sich, meiner Ansicht nach, dem unvermeidlichen, drohenden Ende nähert.
Die ersten blutigen Tage erschütterten dermaßen das gesellschaftliche Bewußtsein, daß alle den raschen und leuchtenden Ausgang des Kampfes erwarteten; es schien, als wäre das Aergste bereits geschehen, als könne es gar nichts Aergeres mehr geben. Niemand vermochte sich vorzustellen, wie unerbittlich starr die knochige Gespensterhand sei, die alles Lebendige erdrosselt hat und auch noch heute in ihrer verkrampften Umarmung festhält.
Die Erregung des Kampfes durchströmte die Massen. Die Seelen der Menschen eilten unbändig der Zukunft entgegen, die Gegenwart verschwamm in einem rosigen Nebel, die Vergangenheit entschwand irgendwo, in weiten Fernen, wurde aus den Augen verloren. Alle menschlichen Verhältnisse waren unsicher und verschwommen, wie noch nie zuvor.
In jenen Tagen ereignete sich all das, was mein Leben verwandelte und mich aus der Sturzflut des proletarischen Kampfes fortriß.
Trotz meiner siebenundzwanzig Jahre war ich in der Arbeiterpartei einer der „Alten“. Es wurden mir sechs Jahre der Arbeit angerechnet, unterbrochen durch ein Jahr Gefängnis. Früher als manch anderer fühlte ich das Nahen des Sturmes, und ging ihm auch gelassener entgegen. Es war nötig, weit mehr als bisher zu arbeiten, dennoch gab ich meine Studien nicht auf; besonders interessierten mich die Fragen der Struktur der Materie. Doch war dies nicht nur platonisch, sondern ich schrieb auch für wissenschaftliche Zeitschriften, verdiente auf diese Art mein Brot. Zu jener Zeit liebte ich, oder glaubte zumindest zu lieben.
In der Partei war ihr Name Anna Nikolajewna.
Sie gehörte der anderen, der gemäßigteren Richtung unserer Partei an. Ich erklärte mir dies aus der Weichheit ihres Charakters, sowie aus der allgemeinen Verworrenheit der politischen Verhältnisse unseres Landes. Obgleich sie älter war als ich, hielt ich sie dennoch nicht für einen völlig geklärten Charakter. Doch irrte ich.
Bald nachdem wir einander näher gekommen waren, zeigte sich die Verschiedenheit unserer Charaktere auf schmerzlichste Art. Allmählich bildeten sich die tiefsten gedanklichen Widersprüche aus, die sich sowohl auf unsere Stellung zur revolutionären Arbeit, als auch auf unser persönliches Verhältnis bezogen.
Sie war unter der Fahne der Pflicht und des Opfers zur Revolution gekommen – ich unter der Fahne des eigenen freien Verlangens. Sie hatte sich der großen proletarischen Bewegung als Moralistin angeschlossen, suchte darin die Befriedigung höherer Sittlichkeit – ich hingegen gehörte der Bewegung als Amoralist an, als Mensch, der das Leben liebt, dessen höchste Blüte ersehnt und sich jener Bewegung zuwendet, die den zur Entwicklung und Blüte führenden Weg der Geschichte verkörpert. Für Anna Nikolajewna war die proletarische Ethik heilig in sich selbst, ich jedoch betrachtete diese als nützliche Anpassung, die im Klassenkampf wohl unerläßlich sei, aber vergänglich wie der Kampf selbst, und bloß aus der Lebensordnung geboren. Anna Nikolajewna erwartete von der sozialistischen Gesellschaft ausschließlich eine Umwandlung und Erneuerung der proletarischen Klassenmoral, während ich behauptete, daß das Proletariat schon heute die Vernichtung jeglicher Moral anstrebe und daß das sozialistische Gefühl, indem es die Menschen zu Kameraden der Arbeit, der Freude und des Leids mache, nur dann völlig ungehemmt herrschen könne, wenn es den Fetisch-Mantel der Sittlichkeit von sich werfe. Aus dieser Meinungsverschiedenheit entstanden gar häufig Widersprüche über die Wertung politischer und sozialistischer Faktoren, Widersprüche, die zu schlichten unmöglich war.
Noch weit schärfer zeigte sich unsere Meinungsverschiedenheit, wenn es sich um unser persönliches Verhältnis handelte. Sie fand, daß die Liebe zur Nachgiebigkeit, zum Opfer, vor allem aber zur Treue verpflichte, solange der Bund bestehe. Ich dachte gar nicht daran, eine neue Verbindung einzugehen, doch vermochte ich die Treue als Pflicht nicht anzuerkennen. Ja, ich behauptete sogar, daß die Polygamie höher stehe als die Monogamie, weil sie dem Menschen ein reicheres persönliches Leben und den Nachkommen mehr Vielartigkeit zu geben vermag. Meiner Ansicht nach ist die sogenannte Unmöglichkeit der Polygamie nur von den Widersprüchen der bürgerlichen Ordnung geschaffen, gehört zu den Privilegien der Ausbeuter und Parasiten, zu deren schmutzigen, sich zersetzenden Psychologie. Auch hierin muß die Zukunft eine gewaltige Wandlung bringen. Diese Auffassung erschütterte Anna Nikolajewna aufs tiefste: sie sah darin einen Versuch, in der Form der Idee die groben sinnlichen Beziehungen zum Leben zu rechtfertigen.
Trotz allem sah ich, ahnte ich nicht die Unvermeidlichkeit eines Bruches. Da drang in unser Leben ein von außen kommender Einfluß, der die Entscheidung beschleunigte.
Um diese Zeit kam in die Hauptstadt ein junger Mann, der den in unseren Kreisen ungewöhnlichen Decknamen Menni trug. Er brachte aus dem Süden Berichte und Aufträge mit, die klar erkennen ließen, daß er das völlige Vertrauen der Genossen besitze. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte, beschloß er, noch einige Zeit in der Hauptstadt zu verweilen, und suchte uns häufig auf; es schien ihm viel daran gelegen, meine Freundschaft zu erwerben.
Er war in vielem ein origineller Mensch. Schon sein Aeußeres war ungewöhnlich. Seine Augen wurden derart von dunklen Brillen verdeckt, daß ich nicht einmal ihre Farbe kannte, sein Kopf war unproportioniert groß, seine Gesichtszüge waren schön, doch seltsam unbeweglich und leblos, sie harmonisierten nicht im geringsten mit der weichen ausdrucksvollen Stimme und der schlanken, jünglinghaft-biegsamen Gestalt. Er sprach frei und fließend, und was er sagte, war stets gehaltvoll. Seine Bildung war äußerst einseitig; dem Beruf nach schien er Ingenieur zu sein.
Im Gespräch hatte Menni die Gepflogenheit, einzelne praktische Fragen auf allgemeine Grundideen zurückzuführen. Befand er sich bei uns, so geschah es stets, daß die zwischen meiner Frau und mir bestehenden Charakter- und Meinungsverschiedenheiten irgendwie in den Vordergrund gelangten, und zwar derart deutlich und scharf, daß wir voller Qual die Aussichtslosigkeit des Ganzen erkannten. Mennis Weltanschauung glich der meinen; er verlieh ihr der Form nach voller Vorsicht und Zartheit, dem Inhalt nach jedoch voller Schärfe und Tiefgründigkeit Ausdruck. Er verstand es, unsere verschiedenartigen politischen Ansichten derart geschickt mit der Verschiedenartigkeit unserer Weltanschauung zu verknüpfen, daß dieser Unterschied als psychologische Notwendigkeit erschien, ja schier als logische Schlußfolgerung; jegliche Hoffnung der gegenseitigen Annäherung entschwand, der Möglichkeit, über die Meinungsverschiedenheiten hinweg, zu irgendetwas Gemeinsamem zu gelangen. Anna Nikolajewna empfand für Menni eine Art mit lebhaftem Interesse gemischten Haß. In mir erweckte er große Achtung und ein unklares Mißtrauen; ich fühlte, daß er ein Ziel verfolgte, wußte jedoch nicht, welches.
An einem Januartag – es war bereits gegen Ende Januar – wurde den Parteiführern beider Richtungen der Plan einer Massendemonstration unterbreitet, einer Demonstration, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem bewaffneten Zusammenstoß führen würde. Am Vorabend der Demonstration erschien Menni bei uns und warf die Frage auf, ob Anna Nikolajewna entschlossen wäre, falls die Demonstration stattfände, selbst die Parteiangehörigen anzuführen. Es entstand ein Streit, der bald einen erbitterten Charakter annahm.
Anna Nikolajewna vertrat die Ansicht, daß ein jeder, der für die Demonstration gestimmt habe, moralisch verpflichtet sei, in den ersten Reihen mitzugehen. Ich hingegen behauptete, dies wäre keineswegs verpflichtend, es müßten nur jene mitgehen, die unentbehrlich oder von wirklichem Nutzen seien; ich dachte dabei an mich selbst, als an einen in derartigen Dingen erfahrenen Menschen. Menni ging noch weiter und erklärte, angesichts des unvermeidlichen Zusammenstoßes mit der bewaffneten Macht dürften nur redegewandte Agitatoren und Kampforganisatoren mitgehen; die politischen Führer hingegen hätten bei der Demonstration nichts zu suchen, Schwächlinge und nervöse Leute könnten sogar gefährlich werden. Anna Nikolajewna war über dieses Urteil gekränkt; es schien ihr, als sei es gegen sie gerichtet. Sie brach das Gespräch ab und zog sich in ihr Zimmer zurück. Auch Menni entfernte sich bald darauf.
Am folgenden Tage stand ich frühmorgens auf und verließ das Haus, ohne Anna Nikolajewna gesehen zu haben. Es wurde Abend, ehe ich heimkehrte. Die Demonstration war von unserem Komitee abgelehnt worden, und soweit mir bekannt war, hatten auch die Führer der anderen Richtung den gleichen Beschluß gefaßt. Ich war mit dieser Lösung äußerst zufrieden, denn ich wußte genau, wie wenig wir auf einen Konflikt mit Waffen vorbereitet waren, und hielt ein derartiges Vorgehen für eine nutzlose Kraftvergeudung. Auch glaubte ich, der Entschluß werde Anna Nikolajewnas Erregung über das gestrige Gespräch ein wenig beschwichtigen ... Daheim fand ich auf Anna Nikolajewnas Tisch folgenden Brief:
„Ich gehe fort. Je mehr ich mich selbst und Sie begreife, desto klarer wird mir, daß wir verschiedene Wege gehen und daß wir uns beide geirrt haben. Es ist besser, wenn wir einander nicht mehr begegnen. Verzeihen Sie mir.“
Lange durchwanderte ich die Straßen, erschöpft, mit dem Gefühl der Leere im Kopf und der Kälte im Herzen. Als ich heimkehrte, fand ich einen unerwarteten Gast vor; am Tisch saß Menni und schrieb einen Brief.
Die Aufforderung
„Ich muß mit Ihnen über eine äußerst wichtige und einigermaßen seltsame Angelegenheit sprechen“, sagte Menni.
Mir war alles einerlei; ich setzte mich nieder, bereit, ihn anzuhören.
„Ich las Ihre Abhandlung über die Elektrone und die Materie“, begann er. „Ich studierte selbst einige Jahre diese Frage und finde in Ihrer Abhandlung viele wertvolle, richtige Ideen.“
Ich verbeugte mich schweigend, und er fuhr fort:
„Ihre Arbeit enthält eine für mich besonders interessante Bemerkung. Sie gelangen dort zu der Annahme, daß die elektrische Theorie der Materie zur unvermeidlichen Voraussetzung eine Schwerkraft hat, die sich aus der elektrischen Kraft, sowohl als Anziehungskraft wie auch als Abstoßungskraft ergibt, was zu einer neuen Auffassung der elektrischen Schwerkraft unter einer andern Formel führen muß. Das heißt: wir erhalten dadurch eine Art der Materie, welche die Erde abstößt anstatt sie anzuziehen, und das gleiche gilt auch für die Sonne und die anderen uns bekannten Körper. Sie bringen als Vergleich die diamagnetische Abstoßungskraft der Körper und die Abstoßung der Parallelströme. All dies ist bei Ihnen nur angedeutet, doch glaube ich trotzdem, daß Sie diesen Voraussetzungen größere Bedeutung beimessen, als Sie in Ihrer Arbeit zugeben wollten.“
„Sie haben recht“, erwiderte ich. „Ich glaube, dies ist der einzige Weg, auf dem die Menschheit das Problem der freien Bewegung in der Luft, sowie jenes der Verbindung zwischen den Planeten zu lösen vermag. Aber mag nun diese Idee in sich richtig sein oder nicht, jedenfalls ist sie bis zum heutigen Tage fruchtlos geblieben, weil uns die richtige Theorie der Materie und der Schwerkraft fehlt. Gibt es noch eine andere Art der Materie, so ist es scheinbar unmöglich, diese zu entdecken: die Anziehungskraft besteht für das ganze Sonnensystem, aber ebenso wahr ist, daß sie bei dessen Entstehung, als sich dieses aus der Nebulosität herausbildete, noch nicht bestand. Dies bedeutet, daß wir diese Art der Materie noch theoretisch bilden und erst dann praktisch schaffen müssen. Heute fehlen uns hierzu noch Mittel und Wege, wir ahnen bloß die Aufgabe, die wir zu lösen haben.“
„Trotzdem ist das Problem bereits gelöst“, erklärte Menni.
Ich blickte ihn verblüfft an. Sein Gesicht war, wie immer, völlig unbewegt, aber im Ton seiner Stimme lag etwas, das mich hinderte, ihn für einen Charlatan zu halten.
„Vielleicht ist er geisteskrank“, fuhr es mir durch den Kopf.
„Ich habe keineswegs den Wunsch, Sie zu täuschen, weiß genau, was ich sage“, mit diesen Worten antwortete er auf meine Gedanken. „Hören Sie mich geduldig an, später, wenn es nötig ist, werde ich Ihnen die Beweise erbringen.“ Und nun berichtete er folgendes:
„Die gewaltige Entdeckung, von der hier die Rede ist, war nicht die Leistung einzelner Personen. Sie gehört einer ganzen wissenschaftlichen Gesellschaft an, die seit recht geraumer Zeit besteht und schon lange an diesem Problem arbeitete. Diese war bis heute eine Geheimgesellschaft, und ich bin nicht bevollmächtigt, Ihnen Näheres über deren Ursprung und Geschichte mitzuteilen, solange ich nicht mit dem Oberhaupt zusammengekommen bin.
Unsere Gesellschaft hat in vielen wichtigen Dingen die akademische Welt weit überholt. Die Radium-Elemente und deren Zersetzung waren uns lange vor Curie und Ramsey bekannt, und unseren Genossen gelang eine weit tiefgehendere Analyse der Materie. Auf diesem Weg ahnten wir die Möglichkeit des Bestehens von Elementen, die die Erdkörper abstoßen und vervollkommneten die Synthese dieser Minus-Materie, wie wir sie abgekürzt nennen.
Nun fiel uns die technische Ausarbeitung und Anwendung dieser Entdeckung nicht mehr schwer, – vor allem, einen Flugapparat zu bauen, der sich in der Atmosphäre unserer Erde zu bewegen vermag, dann einen Apparat, der imstande ist, die Verbindung mit den übrigen Planeten herzustellen.“
Mennis gelassener, überzeugter Ton vermochte nicht zu verhindern, daß mir seine Erzählung äußerst seltsam und unwahrscheinlich erschien.
„Und es gelang Ihnen tatsächlich, all dies zu leisten und dabei das Geheimnis zu wahren“, unterbrach ich seine Rede.
„Ja, denn dies erschien uns von ungeheuerer Wichtigkeit. Wir fanden, daß es äußerst gefährlich wäre, unsere wissenschaftliche Entdeckung bekannt zu geben, solange der größte Teil der Länder eine reaktionäre Regierung besitzt. Und Ihr russischen Revolutionäre müßt, mehr als alle anderen, mit dieser unserer Ansicht übereinstimmen. Betrachtet doch, wozu Eure asiatische Regierung die europäischen Verbindungs- und Vernichtungsmittel benützt: sie wendet sie an, um hier alles Lebendige, Fortschrittliche zu erdrosseln und samt der Wurzel auszureißen. Was ist an diesem halb feudalen, halb konstitutionellen Reich Gutes, auf dessen Thron ein kriegslustiger, schwatzhafter Dummkopf sitzt, der sich von allbekannten Gaunern lenken läßt? Wozu bestehen in Europa bereits zwei kleinbürgerliche Republiken? Es ist klar, daß, wenn unsere Flugmaschinen bekannt würden, die Regierung sich ihrer bemächtigen, sie zu einem Monopol umwandeln würde, um sie zur Machtstärkung der herrschenden Klassen auszubeuten und anzuwenden. Dies wollen wir auf keinen Fall gestatten, deshalb soll auch in der Erwartung günstigerer Bedingungen das Monopol in unseren Händen bleiben.“
„Ist es Ihnen tatsächlich gelungen, einen anderen Planeten zu erreichen?“ erkundigte ich mich.
„Ja, wir erreichten die zwei nächsten tellurischen Planeten, Venus und Mars; den toten Mond rechne ich selbstverständlich nicht mit. Wir sind nun damit beschäftigt, die Einzelheiten genauer kennen zu lernen. Wir besitzen alle nötigen Mittel; was uns fehlt, sind starke, hoffnungsvolle Menschen. Bevollmächtigt von meinen Genossen, fordere ich Sie auf, sich uns anzuschließen. Selbstverständlich würden Sie dadurch alle unsere Pflichten auf sich nehmen und alle unsere Rechte genießen.“
Er verstummte, wartete auf eine Antwort.
„Die Beweise“, sagte ich. „Sie versprachen mir Beweise zu geben.“
Menni zog aus der Tasche eine Glasflasche, gefüllt mit einer metallischen Flüssigkeit, die ich für Quecksilber hielt. Seltsamerweise jedoch füllte diese Flüssigkeit bloß den dritten Teil der Flasche, und zwar befand sie sich nicht auf dem Grund, sondern im oberen Teil, in der Nähe des Flaschenhalses, ja sie reichte sogar bis an den Pfropfen. Menni drehte die Flasche um, und nun sank die Flüssigkeit auf den Grund, das heißt, sie strebte abermals in die Höhe. Menni ließ das Fläschchen los, und es schwebte in der Luft. Dies war unglaublich, aber dennoch sah ich es genau, konnte nicht daran zweifeln.
„Die Flasche besteht aus gewöhnlichem Glas“, erklärte Menni. „Sie ist mit einer Flüssigkeit angefüllt, die die Körper des Sonnensystems abstößt. Die Flüssigkeit verfolgt nur den Zweck, der Flasche Gleichgewicht zu verleihen; hat sonst keinerlei Bedeutung. Nach dieser Methode verfertigten wir die Flugapparate. Sie bestehen aus gewöhnlichem Material, enthalten aber ein Reservoir, das mit der nötigen Menge der Materie der negativen Art gefüllt ist. Dann galt es noch, diesem Apparat die gebührende Bewegungsschnelligkeit zu verleihen. Für die irdischen Flugmaschinen genügt ein elektrischer Motor mit Luftschrauben, für die interplanetare Bewegung freilich genügen diese Mittel nicht. Dort verwenden wir eine völlig andere Methode, mit der ich Sie später bekannt machen werde.“
Es war unmöglich, noch weitere Zweifel zu hegen.
„Was fordert Ihre Gesellschaft außer der Pflicht, das Geheimnis zu wahren, von jenen, die sich ihr anschließen?“
„Sie stellt fast keine anderen Forderungen. Kümmert sich weder um das Privatleben, noch um die gesellschaftliche Tätigkeit der Genossen, falls letztere nicht für die Ziele unserer Gesellschaft schädlich ist. Doch muß ein jeder, der sich der Gesellschaft anschließt, irgendeine wichtige verantwortungsvolle, von der Gesellschaft gestellte Aufgabe erfüllen. Dies dient einerseits dazu, die Verbindung zwischen ihm und der Gesellschaft zu verstärken, andrerseits aber dazu, seine Fähigkeiten und seine Energie zu beweisen.“
„Es würde also auch mir ein derartiger Auftrag, eine derartige Aufgabe auferlegt werden?“
„Ja.“
„Was?“
„Sie müßten sich der Expedition anschließen, die sich morgen im großen Aetheroneff nach dem Planeten Mars begibt.“
„Wie lange wird diese Expedition währen?“
„Das ist noch unbekannt. Der Flug hin und zurück nimmt wenigstens fünf Monate in Anspruch. Es ist auch möglich, daß die Expedition überhaupt nicht zurückkehrt.“
„Das begreife ich, und daran liegt mir auch nichts. Aber meine revolutionäre Arbeit? Sie sind, wenn ich nicht irre, selbst Sozialdemokrat und werden diese Schwierigkeit begreifen.“
„Wählen Sie! Wir halten die Unterbrechung Ihrer Arbeit unumgänglich notwendig für Ihr Werk. Für die einmal Aufgenommenen gibt es kein Zurück. Eine einzige Weigerung ist eine Weigerung auf ewig.“
Ich überlegte. Ob sich der eine oder andere Arbeiter aus der breiten Masse ausschaltete, hatte für die Sache und das Ziel nicht die geringste Bedeutung. Auch vermöchte ich, nach dieser vorübergehenden Unterbrechung der Arbeit, unserer revolutionären Bewegung vermittels der neuen Verbindungen, Kenntnisse und Mittel weit nützlicher zu sein. Ich entschloß mich.
„Wann muß ich zur Stelle sein?“
„Sofort, Sie kommen gleich mit mir.“
„Können Sie mir noch zwei Stunden geben, damit ich die Genossen verständige? Sie müssen mich morgen im Bezirk vertreten.“
„Dies ist schon fast getan. Heute kam Andrej, der aus dem Süden geflohen ist. Ich teilte ihm mit, Sie würden vielleicht verreisen, und er ist bereit, Ihre Stelle einzunehmen. Während ich Sie hier erwartete, schrieb ich auf gut Glück an ihn und erteilte ihm die nötigen Anweisungen. Wir können unterwegs den Brief für ihn abgeben.“
Ich vermochte nicht länger zu schwanken. Rasch vernichtete ich einige persönliche Schriften, schrieb an meine Wirtin und kleidete mich an. Menni war schon bereit.
„So, gehen wir. Von diesem Augenblick an bin ich Ihr Gefangener.“
„Sie sind mein – Genosse“, entgegnete Menni.
Die Nacht
Mennis Wohnung nahm das ganze fünfte Stockwerk eines großen Gebäudes ein, das an dem einen Ende der Stadt vereinsamt zwischen niederen Häuschen aufragte. Wir begegneten niemandem. Die Zimmer, die ich mit Menni durchschritt, waren leer; im grellen Licht der elektrischen Lampen mutete diese Leere besonders trübselig und unnatürlich an. Im dritten Zimmer blieb Menni stehen.
„Hier“, und er wies auf die Tür des vierten Zimmers, „befindet sich das kleine Luftschiff, in dem wir uns nach dem Aetheroneff begeben werden. Vorher aber muß ich noch eine kleine Verwandlung bewerkstelligen. In dieser Maske fiele es mir schwer, das Schiff zu lenken.“ Er knöpfte den Kragen auf, nahm zugleich mit den Brillen die erstaunliche Maske ab, die wir, sowohl ich wie alle anderen, bis dahin für sein wahres Gesicht gehalten hatten. Ich war von dem sich mir bietenden Anblick äußerst verblüfft. Mennis Augen waren ungeheuer groß, waren größer, als dies Menschenaugen je zu sein pflegen. Die Pupillen waren sogar für diese unnatürlich großen Augen außerordentlich geweitet, was einen schier erschreckenden Eindruck hervorrief. Der obere Teil des Gesichtes und der Schädel waren so breit, wie dies bei den großen Augen notwendig schien, hingegen war der untere, völlig bartlose Teil des Gesichtes ungewöhnlich klein. All das machte einen sehr originellen Eindruck, gemahnte an eine Mißgeburt, doch keineswegs an eine Karikatur.
„Sie sehen, was für ein Aeußeres mir die Natur gab“, sprach Menni. „Werden begreifen, daß ich es verbergen muß, schon um die Menschen nicht zu erschrecken, mehr noch aber aus konspirativen Gründen. Sie jedoch müssen sich an meine Häßlichkeit gewöhnen, denn Sie werden gezwungen sein, lange Zeit mit mir zu verbringen.“
Er öffnete die Tür des anstoßenden Zimmers und entzündete das Licht. Ich erblickte einen großen Saal. In der Mitte lag ein kleiner, ziemlich breiter Kahn aus Metall und Glas. Vorderteil, Bord und Boden bestanden aus Glas und Stahlgeflecht; die durchsichtigen Wände von etwa zwei Zentimeter Dicke waren augenscheinlich sehr fest. Am Vorderteil des Schiffes befanden sich, in einem spitzen Winkel vereinigt, zwei starke Kristallplatten; diese mochten die Luft zerschneiden und gleichzeitig die Passagiere gegen den durch die rasche Bewegung erzeugten Wind schützen. Die Maschine füllte den Mittelteil des Schiffes aus, die Schrauben und die etwa einen halben Meter breiten Schaufeln nahmen den Hinterteil des Schiffes ein. Der halbe Vorderteil des Schiffes, sowie die Maschinen waren von einem feinen, dünnplattigen Schutzdach bedeckt; den Glasbord verstärkten Metallbänder und leichte Stahlsäulen. Das Ganze war fein und zierlich wie ein Spielzeug.
Menni gebot mir, auf der Seitenbank der Gondel Platz zu nehmen, dann verlöschte er das elektrische Licht und öffnete das riesige Saalfenster. Er selbst setzte sich vorne an die Maschine und warf aus der Gondel einige Säcke Ballast. Das Schiff zitterte, setzte sich langsam in Bewegung und schwebte lautlos zum offenen Fenster hinaus.
„Dank der Minus-Materie“, sagte Menni, „brauchen unsere Aeroplane nicht die wichtigtuerischen und ungelenken Flügel.“
Ich saß wie angeschmiedet, wagte nicht, mich zu rühren. Der Lärm der Schrauben wurde immer stärker, die kalte Winterluft überströmte uns, kühlte mir das glühende Gesicht, doch vermochte sie nicht durch meine warmen Kleider zu dringen. Ringsum funkelten, schwebten tausend Sterne, und unter uns ... Durch den durchsichtigen Boden der Gondel sah ich, wie die dunklen Flecken der Häuser immer kleiner wurden und die hellen Pünktchen der elektrischen Lampen immer mehr in der Ferne verschwammen; in der Tiefe leuchteten die schneeigen Ebenen unter dem düsteren, blaßblauen Himmel. Das Gefühl des Schwindels, das mich zuerst leicht und fast angenehm gedeucht hatte, nahm heftig zu, und ich schloß die Augen, um ihm zu entkommen.
Schärfer wurde die Luft, mächtiger der Lärm der Schrauben und das Pfeifen des Windes – augenscheinlich steigerte sich unsere Geschwindigkeit. Mein Ohr unterschied durch alle Geräusche einen feinen ununterbrochenen, gleichmäßigen, silbrigen Ton – die Luft peitschend, erschütterte dieser die Glaswände der Gondel. Eine seltsame Musik erfüllte das Bewußtsein, die Gedanken verwirrten sich, verschwanden, zurück blieb einzig und allein das Gefühl einer elementar-leichten und ungehemmten Bewegung, die uns weitertrug, vorwärts, vorwärts in den unendlichen Raum.
„Vier Kilometer in der Minute“, sprach Menni, und ich öffnete die Augen.
„Ist es noch weit?“ fragte ich.
„Noch etwa eine Wegstunde auf eisgebundenem See.“
Wir hatten eine Höhe von etlichen hundert Metern erreicht; das Flugschiff bewegte sich horizontal, ohne sich zu senken und ohne höher zu steigen. Nun hatten sich meine Augen bereits an das Dunkel gewöhnt und ich vermochte alles ringsum klar zu erkennen. Wir waren in der Gegend der Seen und Granitfelsen. Ueber den Schnee aufragend, dunkelten die Felsen. Zwischen ihnen klebten Dörfchen.
Zu unserer Linken blieben in der Ferne zurück die Flächen der von gefrorenem Schnee bedeckten Felder, zu unserer Rechten die weiße Ebene eines ungeheueren Sees. In dieser leblosen Winterlandschaft schickten wir uns an, das Band zwischen uns und der alten Erde zu zerreißen. Und jählings fühlte ich nicht nur die Ahnung, nein, die Gewißheit, daß dieses Band nun auf ewig zerrissen werde ...
Die Gondel senkte sich langsam zwischen die Felsen nieder, hielt an in der kleinen Bucht des Bergsees, vor einem dunklen, aus dem Schnee aufragenden Bau. Weder Fenster noch Türen waren zu sehen. Die Metallhülle schob sich langsam zur Seite, eine schwarze Oeffnung kam zum Vorschein, in die unsere Gondel hineinflog. Dann schloß sich die Oeffnung von neuem, der Raum, in den wir gelangt waren, erhellte sich im Licht elektrischer Lampen. Es war dies ein großes, langgestrecktes Zimmer ohne Möbel; auf dem Fußboden lagen viele Säcke mit Ballast.
Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten Pfosten und schob eine der Seitentüren auf. Sie führte auf einen langen, hell erleuchteten Korridor. An den Seiten des Korridors befanden sich Kajüten. Menni geleitete mich in eine derselben und sprach:
„Hier ist Ihre Kajüte. Richten Sie sich hier ein; ich muß mich ins Maschinenabteil begeben. Wir sehen uns morgen früh wieder.“
Ich war froh, allein zu sein. Nach der durch die seltsamen Ereignisse des Abends hervorgerufenen Aufregung machte sich bei mir große Erschöpfung bemerkbar. Ohne das auf dem Tisch vorbereitete Abendessen anzurühren, verlöschte ich die Lampe und warf mich aufs Bett. In meinem Kopf vermischten sich auf unsinnigste Art die Gedanken, jagten von Thema zu Thema, nahmen die unerwartetsten Formen an. Ich bemühte mich hartnäckig, einzuschlafen, doch wollte mir dies lange Zeit nicht gelingen. Endlich jedoch verdunkelte sich das Bewußtsein, unklare, schwankende Gestalten begannen vor meinen Augen zu reigen, meine Umgebung zerfloß ins Weite, und schwere Träume suchten mein Gehirn heim.
Das Ganze endete mit einem furchtbaren Alpdruck. Ich stand am Rande eines ungeheueren schwarzen Abgrunds, in dessen Untiefe Sterne funkelten. Menni riß mich mit unbesiegbarer Kraft hinab, sagend, ich dürfe nicht die Schwerkraft fürchten, wir würden nach einigen hunderttausend Jahren des Sturzes die nächsten Sterne erreichen. Ich stöhnte auf in der Qual des letzten Kampfes und erwachte.
Weiches blaues Licht erfüllte meine Stube. Niedergebeugt zu mir, saß auf meinem Lager – Menni? Ja, er war es, aber phantastisch verändert: mir schien, als sei er um vieles kleiner und seine Augen blickten nicht mehr so scharf aus dem Antlitz; seine Züge waren weich und gütig, nicht kalt und abstoßend, wie sie am Rande des Abgrunds gewesen ...
„Wie gut Sie sind ...“, murmelte ich, unklar diese Veränderung erfassend.
Er lächelte und legte mir die Hand auf die Stirne. Eine kleine weiche Hand. Ich schloß die Augen, mir kam der sinnlose Gedanke, daß ich diese Hand küssen müßte, dann vergaß ich alles und versank in einen ruhigen, wohltuenden Schlaf.
Die Erklärung
Als ich erwachte und meine Stube erhellte, war es zehn Uhr. Nachdem ich mich angekleidet hatte, drückte ich auf die Schelle, und gleich darauf betrat Menni das Zimmer.
„Werden wir bald abfahren?“ fragte ich.
„In einer Stunde“, erwiderte Menni.
„Kamen Sie heute Nacht zu mir, oder träumte ich dies nur?“
„Es war kein Traum, doch kam nicht ich zu Ihnen, sondern unser junger Arzt Netti. Sie schliefen unruhig und gequält, er mußte Sie mit Hilfe des blauen Lichtes und der Hypnose einschläfern.“
„Ist er Ihr Bruder?“
„Nein“, entgegnete Menni lächelnd.
„Sie sagten mir noch nie, welcher Nation Sie angehören. Sind auch Ihre übrigen Genossen vom gleichen Typus, wie Sie?“
„Ja“, antwortete Menni.
„Dies bedeutet, daß Sie mich betrogen haben“, sprach ich scharf. „Hier handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Gesellschaft, sondern um etwas ganz anderes?“
„Ja“, erwiderte Menni gelassen. „Wir alle sind Bewohner eines anderen Planeten, gehören einer andersgearteten Menschheit an. Wir sind – Marsbewohner.“
„Weshalb betrogen Sie mich?“
„Hätten Sie mich angehört, wenn ich Ihnen mit einem Male die ganze Wahrheit gesagt haben würde? Ich hatte äußerst wenig Zeit, um Sie zu überzeugen. Deshalb mußte ich um der Wahrscheinlichkeit willen die Wahrheit fälschen. Ohne diesen Uebergang wäre Ihr Bewußtsein allzusehr erschüttert worden. In der Hauptsache aber – was diese unsere Reise anbelangt – sprach ich die Wahrheit.“
„Ich bin also dennoch Ihr Gefangener?“
„Nein, noch sind Sie frei. Es bleibt Ihnen eine Stunde Zeit, Ihren Entschluß zu fassen. Wollen Sie die Fahrt aufgeben, so werden wir Sie zurückbringen und unsere Reise aufgeben, denn es hätte für uns keinen Sinn, allein heimzukehren.“
„Wozu brauchen Sie mich?“
„Um ein lebendiges Band zwischen uns und der irdischen Menschheit herzustellen. Damit Sie unsere Lebensordnung kennen lernen und den Marsbewohnern die nähere Bekanntschaft mit der irdischen Ordnung vermitteln, damit Sie, falls Ihnen dies erwünscht ist, in unserer Welt Vertreter Ihres Planeten seien.“
„Ist dies nun bereits die volle Wahrheit?“
„Ja, die volle Wahrheit. Falls Sie die Kraft fühlen, diese Rolle durchzuführen.“
„In einem solchen Fall muß ich es eben versuchen. Ich bleibe bei Ihnen.“
„Ist dies Ihr endgültiger Entschluß?“ fragte Menni.
„Ja, wenn nicht auch diese letzte Erklärung irgend eine Art Uebergang bedeutet.“
„Also wir reisen“, sprach Menni, ohne meine Stichelei zu beachten. „Ich gehe noch, um dem Maschinisten einige Weisungen zu erteilen, dann komme ich wieder und wir wollen zusammen die Abfahrt des Aetheroneff beobachten.“
Er verließ das Zimmer, und ich blieb von den verschiedensten Gedanken bewegt zurück. Noch war die Erklärung nicht vollständig. Es blieb eine recht bedeutsame Frage übrig. Doch konnte ich mich nicht entschließen, sie an Menni zu stellen. Hatte er bewußt, wissentlich meinen Bruch mit Anna Nikolajewna herbeigeführt? Mir erschien dies so. Wahrscheinlich sah er in ihr ein Hindernis für seine Ziele. Vielleicht mit Recht. Doch hatte er den Bruch höchstens beschleunigen, nicht aber schaffen können. Freilich war dies eine dreiste Einmischung in meine persönlichen Angelegenheiten gewesen. Da ich aber nun bereits mit Menni verbunden war, mußte ich meine Feindseligkeit gegen ihn unterdrücken. Es galt, das Vergangene nicht mehr zu berühren; am besten würde es sein, nicht mehr an diese Frage zu denken.
Im allgemeinen bedeutete diese neue Wendung für mich keinerlei besondere Erschütterung. Der Schlaf hatte mich gekräftigt, und es war schwer, nach dem am gestrigen Abend Verlebten noch über irgend etwas in Verblüffung zu geraten. Nun galt es bloß, den Plan künftiger Tätigkeit auszuarbeiten.
Offensichtlich bestand meine Aufgabe darin, mich so schnell und so vollkommen wie möglich mit meiner neuen Umgebung vertraut zu machen. Am besten wird es wohl sein, ich befasse mich zuerst mit dem Zunächstliegenden, strebe dann Schritt für Schritt dem Fernerliegenden zu. Als Zunächstliegendes erschienen mir der Aetheroneff, seine Bewohner und unsere beginnende Fahrt. Der Mars war noch fern, im besten Fall würden wir ihn, Mennis Worten zufolge, in zwei Monaten erreichen.
Die äußere Form des Aetheroneff hatte ich bereits am vorhergehenden Abend erblickt: sie war fast kugelförmig, mit abpolierten Enden, gemahnte an das aufgestellte Ei des Kolumbus. Selbstverständlich war diese Form gewählt worden, um bei möglichst kleiner Oberfläche die größtmögliche Ausdehnung zu erhalten, das heißt, bei dem geringsten Aufwand von Material die der Abkühlung ausgesetzte möglichst geringe Fläche. Was das Material anbelangte, so schien dieses aus Aluminium und Glas zu bestehen. Die innere Einrichtung sollte mir von Menni gezeigt und erklärt werden, auch wollte er mich mit den übrigen „Ungeheuern“ bekannt machen, wie ich bei mir meine neuen Genossen nannte.
Menni kehrte zurück und führte mich zu den übrigen Marsbewohnern. Sie waren alle in dem Seitensaal versammelt, dessen ungeheueres Kristallfenster die eine Hälfte der Wand einnahm. Das echte Sonnenlicht wirkte nach der phantastischen Helle der elektrischen Lampen angenehm. Es waren etwa zwanzig Marsbewohner zugegen; mich deuchte, sie hätten alle die gleichen Gesichter. Der Mangel eines Bartes oder Schnurrbartes, ja sogar das völlige Fehlen von Runzeln und Falten schien die Verschiedenheit ihres Wuchses gleichsam zu verwischen. Unwillkürlich heftete ich die Augen auf Menni, um ihn unter diesen mir fremden Kameraden nicht zu verlieren. Uebrigens gelang es mir bald, zwischen ihnen meinen nächtlichen Gast Netti zu erkennen, der sich durch seine Jugendlichkeit und Lebhaftigkeit auszeichnete, sowie den breitschultrigen Riesen Sterni zu unterscheiden, der mich mit kaltem, fast unheildrohendem Gesichtsausdruck betrachtete. Außer Menni sprach nur Netti Russisch. Sterni und drei oder vier andere redeten Französisch, noch andere Englisch oder Deutsch; untereinander unterhielten sie sich in einer mir völlig neuen Sprache, anscheinend ihrer Muttersprache. Diese war wohlklingend und schön, und ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Aussprache offensichtlich keine großen Schwierigkeiten bot.
Die Abfahrt
Wie interessant auch immer die „Ungeheuer“ sein mochten, so wurde meine Aufmerksamkeit dennoch unwillkürlich von ihnen abgelenkt und richtete sich auf den feierlichen, immer näher kommenden Augenblick der „Abfahrt“. Ich starrte beharrlich auf die sich vor uns dehnende schneeige Fläche und nach der steil aufragenden Granitwand. Jeden Augenblick erwartete ich, einen starken Stoß zu verspüren, glaubte, alles werde rasch zurückbleiben, in weiter Ferne verschwimmen. Doch wurde ich in meiner Erwartung enttäuscht.
Eine geräuschlose, langsame, kaum wahrnehmbare Bewegung entfernte uns ein wenig von der Schneeplatte. Nach etlichen Sekunden erst wurde der Aufstieg bemerkbar.
„Eine Beschleunigung von zwei Zentimeter“, erklärte Menni.
Ich verstand, was dies bedeute. In der ersten Sekunde legten wir einen Zentimeter zurück, in der zweiten drei, in der dritten fünf, in der vierten sieben usw. Die Geschwindigkeit veränderte sich unablässig, entwickelte sich nach dem Gesetz der arithmetischen Progression. In vier Minuten hatten wir die Schnelligkeit eines gehenden Menschen, in fünfzehn die eines Personenzuges erreicht usw.
Wir bewegten uns dem Gesetze der Schwerkraft zufolge, doch fielen wir hinauf, und zwar um fünfhundertmal langsamer, als auf der Erde ein Körper von gewöhnlicher Schwere fällt.
Die Glasplatte des Fensters begann sich vom Feld zu erheben, bildete mit diesem einen stumpfen Winkel, analog der Kugelform des Aetheroneff, dessen einer Teil nun sichtbar wurde. Wir vermochten, uns vorneigend, all das zu sehen, was sich gerade unter uns befand.
Immer rascher sank die Erde unter uns nieder, immer weiter ward der Horizont. Die dunklen Flecken der Felsen und Dörfchen wurden kleiner, die Umrisse des Sees zeichneten sich ab wie auf einem Plan. Der Himmel aber ward immer dunkler; während ein blauer dem Meer gleichender Streifen den westlichen Horizont überzog, vermochten meine Augen trotz dem Tageslicht die heller leuchtenden großen Sterne zu unterscheiden.
Die äußerst langsame, kreisende Bewegung des Aetheroneff um die eigene vertikale Achse gestattete uns, den ganzen Raum ringsum zu überblicken.
Es deuchte, als erhebe sich der Horizont zusammen mit uns, die Erdoberfläche erschien als ungeheuere, ausgehöhlte, mit Reliefs geschmückte Schüssel. Die Konturen wurden verschwommener, die Reliefs flacher, immer mehr nahm die Landschaft den Charakter einer Landkarte an, scharf gezeichnet in der Mitte, verschwommen und unklar an den Rändern, die von halbdurchsichtigem, bläulichem Nebel bedeckt waren. Der Himmel wurde immer schwärzer, und zahllose Sterne, dicht gesät, funkelten ungetrübt in ihrem stillen Licht, nicht fürchtend die strahlende Sonne, deren Helle schier schmerzhaft brannte.
„Sagen Sie mir, Menni, wird sich diese Beschleunigung von zwei Zentimetern, mit der wir uns jetzt bewegen, bis ans Ende der Reise erhalten?“
„Ja“, entgegnete er. „Nur daß die Richtung etwa auf halbem Weg ins Gegenteil umschlägt, wir mit jeder Sekunde die Geschwindigkeit nicht beschleunigen, sondern verzögern. So daß diese, wenn die höchste Geschwindigkeit des Aetheroneff ungefähr fünfzig Kilometer in der Sekunde beträgt, die mittlere aber fünfundzwanzig Kilometer, im Augenblick der Ankunft abermals ebenso gering ist, wie sie im Augenblick der Abfahrt war. Dies ermöglicht uns, ohne Stoß und Erschütterungen an der Oberfläche des Mars zu landen. Ohne diese ungeheuerliche wechselnde Geschwindigkeit vermöchten wir niemals weder die Erde, noch die Venus zu erreichen, denn sogar die kürzeste Strecke beträgt sechzig bis hundert Millionen Kilometer, – bei der Geschwindigkeit, sagen wir, Ihrer Erdeneisenbahnen würde eine derartige Reise ein Jahrhundert, aber nicht, wie in unserem Fall, Monate währen. Was den „Schuß mit der Kanonenkugel“ anbelangt, über den ich in Eueren phantastischen Romanen las, so ist dies selbstverständlich ein bloßer Scherz, denn den Gesetzen der Mechanik zufolge gäbe es dabei nur eine praktische Möglichkeit – entweder sich im Augenblick des Schusses im Inneren der Kanonenkugel zu befinden, oder sie im eigenen Inneren zu haben.“
„Auf welche Art erhalten Sie diese gleichmäßige Beschleunigung und Verlangsamung?“
„Die bewegende Kraft des Aetheroneff ist einer jener radiumausstrahlenden Stoffe, die uns in großen Mengen hervorzubringen gelang. Wir fanden ein Mittel, um die Zerlegung der Elemente ums Hunderttausendfache zu beschleunigen; dies geschieht in unseren Motoren durch ein äußerst einfaches elektrisches Verfahren. Durch unsere Methode wird eine ungeheure Menge Energie entbunden. Die Teilchen der zerfallenden Atome besitzen im Flug, wie Ihnen bekannt ist, eine zehntausendmal größere Geschwindigkeit, als das Artilleriegeschoß. Wenn diese Teile nun aus dem Aetheroneff bloß nach einer einzigen bestimmten Richtung fliegen können, – das heißt, durch einen einzigen Kanal zwischen den sonst undurchdringlichen Wänden, – dann bewegt sich der Aetheroneff in der entgegengesetzten Richtung, wie der Rückschlag beim Gewehr. Da Ihnen das Gesetz der lebendigen Kraft bekannt ist, werden Sie ja auch wissen, daß ein unbedeutender, milligrammgroßer Teil pro Sekunde völlig genügt, um unserem Aetheroneff die regelmäßige Beschleunigung zu verleihen.“
Während wir also redeten, hatten sich die übrigen Marsbewohner entfernt. Menni forderte mich auf, mit ihm in seiner Kajüte zu frühstücken. Wir gingen zusammen hin. Die Kajüte glich den Wänden des Aetheroneff, auch sie hatte das gleiche große Kristallfenster. Wir frühstückten. Ich wußte, daß mir neue, noch nie empfundene Gefühle bevorstanden, da ich ja die Schwere meines Körpers verlieren würde. Ich befragte Menni darüber.
„Ja“, erwiderte er. „Obgleich uns die Sonne noch immer anzieht, so ist doch hier ihre Anziehungskraft eine sehr geringe. Und auch jene der Erde wird morgen oder übermorgen unmerklich werden. Nur dank der stets zunehmenden Geschwindigkeit des Aetheroneff bleibt uns ein Vierhundertstel, mindestens ein Fünfhundertstel unseres Gewichtes bewahrt. Es fällt ein wenig schwer, sich zum ersten Mal daran zu gewöhnen, obwohl die Veränderung ganz allmählich vor sich geht. Mit zunehmender Leichtigkeit werden Sie Ihre Geschicklichkeit verlieren, eine Menge falscher, nicht berechneter Bewegungen machen, über das Ziel hinausschießen. Was das unvermeidliche Herzklopfen, das Schwindelgefühl und die Uebelkeit anbelangt, so wird Ihnen Netti darüber hinweghelfen. Es wird Ihnen auch schwer fallen, Wasser und andere Flüssigkeiten zu handhaben, die beim leichtesten Anstoß aus dem Gefäß fließen und sich überallhin verbreiten. Doch waren wir nach Kräften bemüht, derartige Unbequemlichkeiten zu vermeiden und abzuschwächen. Möbel und Gefäße sind an Ort und Stelle befestigt, die Flüssigkeiten verkorkt, überall befinden sich Griffe und Riemen, um den unfreiwilligen Sturz zu verhindern, der bei rascherer Bewegung leicht vorkommt. Sie werden sich schon daran gewöhnen, haben hierzu genügend Zeit.“
Seit der Abfahrt waren etwa zwei Stunden verflossen. Schon war die verminderte Schwere fühlbar, doch war diese Empfindung bis jetzt noch angenehm: der Körper fühlte Leichtigkeit, die Bewegungen waren frei und ungehemmt, dies war alles. Dem atmosphärischen Druck wichen wir völlig aus; er kümmerte uns nicht, besaßen wir doch in unserem hermetisch verschlossenen Schiff einen genügenden Vorrat an Sauerstoff. Das uns sichtbare Erdgebiet glich immer mehr einer Landkarte im verkleinerten Maßstab. Im Süden, am Mittelländischen Meer, waren zwischen dem blauen Dunst Nordafrika und Arabien klar ersichtlich, im Norden, über Skandinavien, verlor sich der Blick in schneeigen vereisten Leeren, nur die Felsen Spitzbergens dunkelten als schwarze Flecke empor. Im Osten, im grüngestreiften Ural, wurde das Grün von weißen Schneeflecken durchbrochen, hier herrschte wieder völlig das weiße Licht, vermischt mit leichtem, grünlichem Schimmer, eine zärtliche Erinnerung an die ungeheueren Nadelwälder Sibiriens. Im Westen verloren sich in den hellen Konturen Mitteleuropas die Küste von England und Nordfrankreich. Ich vermochte nicht lange auf dieses gigantische Bild zu blicken; der Gedanke an die schauerliche Untiefe, über der wir schwebten, erweckte in mir ein ohnmachtsnahes Gefühl. Ich wandte mich abermals an Menni.
„Sind Sie der Kapitän dieses Schiffes?“
Menni nickte bejahend und erwiderte:
„Doch bedeutet dies keineswegs, daß ich über die Macht eines Kommandanten verfüge, wie dies Ihrer irdischen Auffassung entspräche. Ich habe bloß in der Führung des Aetheroneff mehr Erfahrung als die anderen; meine Verfügungen in dieser Hinsicht werden berücksichtigt, wie ich Sternis astronomische Berechnungen annehme, oder wie wir Nettis medizinische Ratschläge zur Erhaltung unserer Gesundheit und Arbeitskraft befolgen.“
„Wie alt ist Doktor Netti? Er dünkte mich äußerst jung.“
„Ich erinnere mich nicht genau, sechzehn oder siebzehn“, entgegnete Menni lächelnd.
Das hatte auch ich gedacht. Staunte aber über eine derart junge Gelehrsamkeit.
„In diesem Alter bereits Arzt sein!“, entfuhr es mir unwillkürlich.
„Und fügen Sie hinzu: ein äußerst geschickter und erfahrener Arzt“, ergänzte Menni.
Damals überlegte ich nicht, – und Menni erinnerte mich absichtlich nicht daran, – daß die Marsjahre fast doppelt so lang sind, wie die unseren: der Mars umkreist die Sonne in 686 Erdentagen und Nettis sechzehn Jahre kamen etwa dreißig Erdenjahren gleich.
Der Aetheroneff
Nach dem Frühstück forderte mich Menni auf, unser „Schiff“ zu besichtigen. Vor allem begaben wir uns in den Maschinenraum. Dieser nahm das unterste Stockwerk des Aetheroneff ein – stieß direkt an dessen verdichteten Boden und bildete die Scheidewand zwischen fünf Zimmern – das eine in der Mitte, die anderen an den Seiten gelegen. Inmitten des zentralen Raumes erhob sich der Treibmotor, an seinen vier Seiten von in den Boden eingelassenen runden Glasfenstern umgeben; das eine Fenster bestand aus reinem Kristall, die anderen waren bunt gefärbt; das Glas hatte eine Dicke von etwa drei Zentimetern und war außerordentlich durchsichtig. Im gegebenen Augenblick vermochten wir durch diese Fenster bloß einen Teil der Erdoberfläche zu sehen.
Die Basis der Maschine bildete ein vertikaler Metallzylinder, drei Meter hoch und einen halben Meter im Durchmesser. Menni erklärte mir, dieser Zylinder bestehe aus Osmium, einem schwer schmelzenden Edelmetall, aus der Gruppe des Platins. In diesem Zylinder ging die Zerlegung der radiumausstrahlenden Stoffe vor sich; die zwanzig Zentimeter dicken Wände bewiesen zur Genüge die bei diesem Prozeß entwickelten Energien. Im Raum herrschte keine besondere Hitze; der ganze Zylinder war von zwei großen, breiten, aus irgendeinem durchsichtigen Material bestehenden Futteralen umgeben. Diese Futterale schützten vor der Hitze; beide vereinigten sich unter der Decke zu einem Rohr, aus dem die erhitzte Luft nach allen Seiten ausströmte und den Aetheroneff gleichmäßig „heizte“.
Die übrigen Teile der Maschine waren durch verschiedene Zylinder miteinander verbunden, bestanden aus elektrischen Spulen, Akkumulatoren, einem Meßapparat mit Zifferblatt usw. Alles befand sich in tadelloser Ordnung, und verschiedene Spiegel gestatteten dem diensthabenden Maschinisten, den ganzen Umkreis zu überblicken, ohne sich von seinem Lehnstuhl zu erheben.
Von den Seitenstuben war die eine das „astronomische“ Zimmer, rechts und links von diesem befanden sich der „Wasserraum“ und der „Sauerstoffraum“ und auf der entgegengesetzten Seite der „Rechenraum“. Im astronomischen Zimmer waren der Fußboden und die Wände aus dickem Kristall; das in geometrischen Formen geschliffene Glas zeigte ideale Reinheit. Die Durchsichtigkeit dieses Glases war so groß, daß ich, während ich Menni über die Schwebebrücke folgte und hinabblickte, zwischen mir und dem Abgrund unter uns nichts sah; ich mußte die Augen schließen, um nicht von qualvollem Schwindel überwältigt zu werden. Ich bemühte mich, seitwärts, nach den Instrumenten zu schauen, die sich zwischen der Brücke auf Stativen befanden, oder sich von der Decke und der Außenwand herabsenkten. Das Hauptteleskop war etwa zwei Meter lang, die Linse von unproportionierter Größe und augenscheinlich von einer entsprechenden optischen Stärke.
„Als Ferngläser verwenden wir nur Diamanten“, sagte Menni. „Sie geben ein bedeutend größeres Gesichtsfeld.“
„Wie stark ist die gewöhnliche Vergrößerung dieses Teleskops?“ fragte ich.
„Die klare Vergrößerung beträgt etwa das Sechshundertfache“, entgegnete Menni. „Genügt uns dies nicht, so photographieren wir das Gesichtsfeld und betrachten die Photographie unter dem Mikroskop. Derart vermögen wir eine sechzigtausendfache und noch bedeutendere Vergrößerungen zu erzielen, und das Photographieren nimmt kaum eine Minute Zeit in Anspruch.“
Menni forderte mich auf, durch das Teleskop die entschwindende Erde zu betrachten und stellte es ein.
„Die Entfernung beträgt nun ungefähr zweitausend Kilometer“, erklärte er. „Wissen Sie, was vor Ihnen liegt?“
Mit einem Mal erkannte ich den Hafen der skandinavischen Hauptstadt, die ich häufig in Parteiangelegenheiten besucht hatte ... Es interessierte mich, die Dampfer in der Reede zu betrachten. Menni drehte einen an der Seite befestigten Griff, setzte anstelle des Fernrohrs den photographischen Apparat, nahm dann nach wenigen Sekunden Teleskop und Apparat und schob beide in eine riesenhafte, in der Ecke stehende Vorrichtung, die sich als Mikroskop erwies.
„Wir entwickeln und fixieren das Bild dort“, sprach er, ohne die Platte mit den Händen zu berühren. Nach wenigen belanglosen Griffen, die höchstens eine halbe Minute währten, schob er das Mikroskop vor mich hin. Mit verblüffender Klarheit sah ich einen mir bekannten, einer nordischen Gesellschaft gehörenden Dampfer; er schien sich etliche zehn Schritte von mir entfernt langsam zu bewegen; im kreisenden Licht war das Bild reliefartig und hatte eine völlig natürliche Färbung. Auf der Brücke stand der grauhaarige Kapitän, mit dem ich auf meinen Fahrten häufig geplaudert hatte. Ein Matrose, der eine Kiste an Deck schleppte, blieb plötzlich stehen, neben ihm ein Passagier, der mit der Hand auf etwas wies. Und all dies war zweitausend Kilometer entfernt ...
Ein junger Marsbewohner, Sternis Gehilfe, betrat den Raum. Er mußte über die vom Aetheroneff zurückgelegte Strecke eine genaue Messung anstellen. Wir wollten ihn in seiner Arbeit nicht stören und begaben uns weiter, in den „Wasserraum“. Dort befanden sich ein ungeheures mit Wasser gefülltes Reservoir und große Filtrierapparate. Eine Anzahl Röhren leitete das Wasser durch den ganzen Aetheroneff.
Nun betraten wir den „Rechenraum“. Hier standen für mich unverständliche Maschinen mit unzähligen Zifferblättern und Zeigern. Sterni arbeitete an der größten Maschine. Von dieser hing ein langes Band nieder, augenscheinlich das Resultat der Berechnungen. Die auf dem Band stehenden, sowie die auf den Zifferblättern sich befindenden Zeichen waren mir völlig unbekannt. Ich wollte Sterni nicht stören, empfand überhaupt keine Lust, mit ihm zu sprechen. Rasch verließen wir diesen Raum und betraten die letzte Seitenstube.
Diese war der „Sauerstoffraum“. Hier wurden die Sauerstoffvorräte aufbewahrt, in der Gestalt von fünfundzwanzig Tonnen Bertholetschen Salzen, aus denen, durch eine entsprechende Methode, bis zu zehntausend Kubikmetern Sauerstoff hergestellt werden konnten, eine genügende Menge für einige Fahrten gleich der unseren. Hier befanden sich auch die Apparate zur Spaltung der Salze, sowie Vorräte von Bariumoxyd und Aetzkali, die die Bestimmung hatten, der Luft die Kohlensäure zu entziehen, Vorräte von Schwefel-Anhydrid zur Absorbierung der überschüssigen Feuchtigkeit und des Leuhomain, – jenes durch das Atmen erzeugten physiologischen Giftes, das unvergleichlich gefährlicher ist, als die Kohlensäure. Dieser Raum unterstand Dr. Netti.
Dann kehrten wir in den mittleren Maschinenraum zurück, fuhren mit einem kleinen Aufzug ins höchste Stockwerk des Aetheroneff. Hier war der Mittelraum als zweites Observatorium eingerichtet; es glich in allem dem unteren Raum, nur daß hier die Kristallhülle sich oben und nicht unten befand, und daß die Instrumente größere Dimensionen hatten. Aus diesem Observatorium vermochte man die andere Hälfte der Himmelssphäre zu sehen, und die Planeten zu bestimmen. Der Mars leuchtete mit seinem roten Licht etwas abseits vom Zenith. Menni richtete auf ihn das Teleskop, und ich erblickte die mir durch Schiaparellis Landkarten bekannten Konturen, die Meere und Kanäle. Menni photographierte den Planeten und legte unter das Mikroskop eine detaillierte Karte. Doch vermochte ich von dieser ohne Mennis Erklärungen nichts zu verstehen: die Flecken der Städte, Wälder und Seen unterschieden sich voneinander durch für mich unmerkliche und unverständliche Einzelheiten.
„Wie groß ist die Entfernung?“ fragte ich.
„Verhältnismäßig gering; sie beträgt ungefähr hundert Millionen Kilometer.“
„Weshalb befindet sich der Mars nicht im Zenith der Kuppel? Fliegen wir denn nicht geradewegs, sondern seitlich auf ihn zu?“
„Ja, anders geht es nicht. Indem wir uns von der Erde fortbewegen, bewahren wir unter anderem durch die Kraft der Trägheit auch die Geschwindigkeit, mit der die Erde um die Sonne kreist, das heißt, dreißig Kilometer in der Sekunde. Die Geschwindigkeit des Mars jedoch beträgt vierundzwanzig Kilometer, und flögen wir perpendikular in der Bahn zwischen Mars und Erde, so würden wir mit der restlichen Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Sekunde gegen die Oberfläche des Mars stoßen. Dies darf nicht geschehen, wir müssen deshalb den krummlinigen Pfad wählen, damit die überflüssige Geschwindigkeit ins Gleichgewicht kommt.“
„Wie lange ist in diesem Fall unser Weg?“
„Etwa hundertsechzig Millionen Kilometer. Die zur Zurücklegung dieser Strecke nötige Zeit beträgt im Mindestfall zweieinhalb Monate.“
Wäre ich nicht Mathematiker gewesen, so hätten diese Zahlen meinem Herzen nichts gesagt. So jedoch erweckten sie in mir ein dem Alpdruck ähnliches Gefühl, und ich beeilte mich, den astronomischen Raum zu verlassen. Die sechs Seitenabteilungen des obersten Abschnitts umgaben ringförmig das Observatorium; sie hatten keine Fenster, und ihre Decke, die ein Teil der Oberfläche der Kugel war, neigte sich fast zum Fußboden hinab. An der Decke waren große Reservoire für die Minus-Materie angebracht, deren Repulsion alles auf dem Aetheroneff zu paralysieren vermochte.
Die mittleren Stockwerke, das dritte und vierte, umfaßten Säle, Laboratorien für die einzelnen Mitglieder der Expedition, Kajüten, Baderäume, die Bibliothek, den Turnsaal usw.
Nettis Kajüte befand sich neben der meinen.
Die Menschen
Immer merklicher empfand ich den Verlust der Schwere. Das sich steigernde Gefühl der Leichtigkeit hörte auf, angenehm zu sein. Es vermischte sich mit einem Element des Mißtrauens, irgendeiner unklaren Unruhe. Ich begab mich in meine Kammer und legte mich auf die Pritsche.
Zwei Stunden des ruhigen Liegens und angestrengten Nachdenkens ließen mich unmerklich in Schlaf versinken. Als ich erwachte, saß Netti vor dem Tisch. Mit einer unwillkürlichen heftigen Bewegung erhob ich mich vom Lager, wurde gleichsam hochgeschleudert und prallte mit dem Kopf gegen die Decke.
„Wenn man weniger als zwanzig Pfund wiegt, muß man vorsichtiger sein“, bemerkte Netti in gutmütig philosophischem Ton.
Er hatte mich aufgesucht, um mir die nötigen Anweisungen zu geben, für den Fall, daß ich „seekrank“ würde. Tatsächlich fühlte ich bereits die durch den Verlust der Schwere erzeugten ersten Symptome. Von meiner Kajüte ging eine elektrische Schelle in die seine, so daß ich ihn immer zu rufen vermochte, falls ich seines Beistandes bedurfte.
Ich benützte die Gelegenheit, um mit dem jungen Arzt zu plaudern; dieser sympathische, gelehrte und dennoch so fröhliche junge Bursche zog mich an. Ich fragte ihn, wie es komme, daß außer Menni von allen sich auf dem Schiff befindlichen Marsbewohnern nur noch er meine Muttersprache könne.
„Dies ist ganz einfach“, erklärte er. „Als wir Menschen suchten, wählte Menni für sich und mich Ihr Vaterland, und wir verbrachten daselbst mehr als ein Jahr, bis es uns endlich gelang, mit Ihnen die Angelegenheit zu erledigen.“
„Die andern suchten Menschen in anderen Ländern?“
„Selbstverständlich; bei allen größeren Völkern der Erde. Aber, es fiel, wie Menni vorausgesehen hatte, in Ihrem Lande am leichtesten, jemanden zu finden, denn bei Ihnen ist das Leben entschlossener und glühender, die Menschen sind mehr als in anderen Ländern gezwungen, vorwärts zu blicken. Nachdem wir einen Menschen gefunden hatten, benachrichtigten wir die übrigen; sie kamen aus allen Ländern herbei, und wir traten die Fahrt an.“
„Was verstehen Sie, persönlich, unter den Ausdrücken ‚einen Menschen suchen‘ und ‚einen Menschen finden‘? Ich begreife, daß es sich hier darum handelte, ein Subjekt zu finden, das der vorgeschriebenen Rolle entsprach, – darüber hat mich Menni aufgeklärt. Es schmeichelt mir, daß gerade ich gewählt wurde, doch möchte ich wissen, welchen Ursachen ich dies verdanke.“
„In großen Umrissen vermag ich es Ihnen mitzuteilen. Wir brauchten einen Menschen, dessen Natur äußerst gesund, aber auch schmiegsam und anpassungsfähig ist, der für die verschiedenartigsten Arbeiten Fähigkeiten besitzt, durch möglichst wenig persönliche Bande an die Erde geknüpft und so wenig wie möglich individualistisch veranlagt ist. Unsere Physiologen und Psychologen legten dar, daß der Uebergang aus den Lebensbedingungen Ihrer Gesellschaft zu den Lebensbedingungen der unseren, die sozialistisch organisiert ist, für den einzelnen Menschen äußerst schwer sei und eine besonders günstige Anpassungsfähigkeit erfordere. Menni entdeckte, daß Sie diese Ansprüche besser erfüllten, als andere.“
„Und Mennis Ansicht war für Sie alle maßgebend?“
„Ja, wir haben völliges Vertrauen in sein Urteil. Er ist ein Mensch von hervorragenden Kräften und klarem Verstand, der sich äußerst selten irrt. Auch besitzt er mehr Erfahrungen und eine engere Verbindung mit den Erdenmenschen, als irgendeiner von uns; er hat als erster diese Verbindungen angeknüpft.“
„Wer eröffnete die Verbindung zwischen den Planeten?“
„Dies war nicht das Werk eines Einzelnen, sondern vieler. Die Minus-Materie wurde schon vor etlichen zehn Jahren entdeckt. Doch vermochten wir sie anfangs bloß in geringer Menge herzustellen, bedurften hierzu der Kraft äußerst vieler Fabrikskollegen, um die Mittel zu finden, durch die sie in größeren Mengen gewonnen werden konnte. Dann galt es, die Technik der Gewinnung und Entwicklung der radiumausstrahlenden Stoffe zu vervollkommnen, um den Motor des Aetheroneff herstellen zu können. Dies nahm ebenfalls viele Kräfte in Anspruch. Auch die klimatischen Verhältnisse zwischen den Planeten verursachten große Schwierigkeiten: die furchtbare Kälte, sowie die brennende Sonnenhitze, die Unmöglichkeit, die umhüllende Luft zu temperieren. Desgleichen war die Berechnung des Weges sehr schwer; es unterliefen dabei Fehler, die man nicht hatte voraussehen können. Mit einem Wort: die früheren Expeditionen nach der Erde endeten mit dem Tod aller Teilnehmer, bis es endlich Menni gelang, die erste erfolgreiche Expedition zu organisieren. Jetzt jedoch gelang es uns unlängst, dank seiner Methode, auch die Venus zu erreichen.“
„Wenn dem so ist, dann ist Menni wahrlich ein großer Mensch“, sprach ich.
„Wenn es Ihnen beliebt, einen Menschen, der tatsächlich viele und gute Arbeit geleistet hat, so zu nennen.“
„Nicht dies wollte ich sagen: viele und gute Arbeit vermögen auch vollkommen gewöhnliche Leute zu leisten, genaue, pflichttreue Menschen. Menni jedoch ist offensichtlich etwas ganz anderes: er ist ein Genie, ein schöpferischer Mensch, der Neues gibt und die Menschheit vorwärts bringt.“
„Was Sie da sagen, ist unklar und unrichtig. Jeder Arbeiter ist ein schöpferischer Mensch, aber in jedem Arbeiter schaffen die ganze Menschheit und die Natur. Besaß denn Menni nicht alle Versuche vorhergegangener Geschlechter, und auch die seiner Zeitgenossen, benützte er nicht bei jedem Schritt seiner Arbeit diese Versuche? Gab ihm die Natur nicht alle Elemente, alle von ihr hervorgebrachten Kombinationen? Hat nicht gerade der Kampf des Menschen gegen die Natur den lebendigen Anstoß zu neuen Kombinationen gegeben? Der Mensch ist persönlich, – aber sein Werk ist unpersönlich. Der Mensch stirbt früher oder später, – das Werk jedoch bleibt im unermeßlich sich entwickelnden Leben bestehen. Hierin gleichen sich alle Arbeiter, der Unterschied besteht nur darin, was von ihrem Schaffen sie überlebt, was im Leben weiterbesteht.“
„Ja, aber zum Beispiel: der Name eines Menschen wie Menni stirbt nicht zusammen mit ihm, sondern lebt weiter in der Erinnerung der Menschheit, während unzählige andere Namen völlig verschwinden.“
„Der Name eines jeden wird so lange vor dem Vergessen bewahrt, wie jene leben, die zusammen mit ihm lebten und ihn kannten. Die Menschheit bedarf keineswegs der toten Symbole der Persönlichkeit, wenn diese nicht mehr ist. Unsere Wissenschaft und unsere Kunst bewahrt auf unpersönliche Art das, was von der allgemeinen Arbeit geschaffen wurde. Der Ballast vergangener Namen ist nutzlos für das Gedächtnis der Menschheit.“
„Sie haben recht, aber das Gefühl unserer Welt lehnt sich gegen diese Logik auf. Für uns sind die Namen der Meister des Gedankens und der Werke lebendige Symbole, ohne die weder unsere Wissenschaft, noch unsere Kunst, noch unser ganzes gesellschaftliches Leben zu bestehen vermöchten. Im Kampf der Gewalt gegen die Ideen bedeutet der auf den Fahnen stehende Name häufig mehr, als die gegebene Losung. Und der Name des Genies ist wahrlich kein Ballast für unser Gedächtnis.“
„Dies kommt daher, weil für Euch das einzige Werk der Menschheit noch nicht das einzige Werk ist; in den durch den Kampf der Menschen hervorgebrachten Illusionen wird das Werk scheinbar zerstückelt, erscheint Euch als Werk einzelner Menschen und nicht der Menschheit. Auch mir fiel es schwer, mich an Euere Auffassung zu gewöhnen, als ich nach Ihnen suchte.“
„Nun, möge dies gut oder schlecht sein, bei Ihnen gibt es also keine Unsterblichen. Aber die Sterblichen hier sind wohl alle auserlesen von jenen, die ‚viele und gute Arbeit leisten‘, nicht wahr?“
„Im allgemeinen: ja. Menni wählte die Genossen aus vielen Tausenden heraus, die den Wunsch hegten, mit ihm zu gehen.“
„Der gröbste und kräftigste von allen dürfte wohl Sterni sein?“
„Ja, wenn Sie hartnäckig darauf bestehen wollen, die Leute zu messen und zu vergleichen. Sterni ist ein hervorragender Gelehrter, wenngleich von ganz anderer Art, als Menni. Er ist Mathematiker. Er war es auch, der eine ganze Anzahl jener Berechnungsfehler entdeckte, denen zufolge alle vorherigen Expeditionen nach der Erde mißglückten, er bewies, daß selbst wenige dieser Fehler genügten, um den Untergang der Menschen und des Werkes herbeizuführen. Er fand neue Berechnungsmethoden, und von dieser Zeit an sind die Berechnungen fehlerlos.“
„So stellte ich ihn mir nach Mennis Worten und meinem ersten Eindruck vor. Trotzdem, es ist mir selbst unbegreiflich, erweckt sein Anblick in mir ein unbehagliches Gefühl, eine unbegründete Unruhe, eine Art sinnlose Antipathie. Können Sie mir, Doktor, dafür eine Erklärung geben?“
„Sehen Sie, Sterni hat einen starken, aber kalten, vor allem: analysierenden Verstand. Er zergliedert alles auf unerbittliche, folgerichtige Art, seine Schlüsse jedoch sind oft einseitig, bisweilen außerordentlich streng, denn die Analyse der einzelnen Teile ergibt nicht das Ganze, sondern weniger als das Ganze. Sie wissen, daß überall, wo Leben besteht, das Ganze größer ist, als seine einzelnen Teile, und so ist denn auch der lebendige menschliche Körper größer, als dessen einzelne Glieder. Die Folge dieser Charaktereigenschaften ist, daß Sterni sich weit weniger als andere in die Stimmung und die Gedanken anderer Leute zu versetzen vermag. Er wird Ihnen stets gerne bei jenen Dingen behilflich sein, die Sie ihm selbst klar machen, niemals aber wird er erraten, was Sie brauchen. Dies hängt natürlich auch damit zusammen, daß seine Aufmerksamkeit fast immer völlig von der Arbeit in Anspruch genommen wird, sein Kopf stets von irgend einer schweren Aufgabe erfüllt ist. Darin unterscheidet er sich von Menni in hohem Maße: dieser sieht immer alles ringsum, und mehr als einmal erklärte er mir, wonach ich selbst verlangte, was mich beunruhigte, was mein Verstand oder mein Gefühl suchte.“
„Wenn die Dinge so stehen, so muß Sterni uns widerspruchsvollen, fehlerhaften Erdenmenschen gegenüber doch Feindseligkeit empfinden?“
„Feindseligkeit! Nein, dieses Gefühl ist ihm fremd. Aber ich glaube: starken Skeptizismus. Er verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich und telegraphierte an Menni: ‚Hier hat es keinen Sinn, zu suchen.‘ Vielleicht hatte er zum Teil recht, denn auch Letta, der mit ihm war, fand keinen entsprechenden Menschen. Aber seine Charakteristik der Leute jenes Landes war bei weitem strenger, als jene Lettas, und selbstverständlich auch viel einseitiger, wenngleich sie nichts tatsächlich Unwahres enthielt.“
„Wer ist dieser Letta, von dem Sie sprechen? Ich entsinne mich seiner nicht.“
„Ein Chemiker, Mennis Gehilfe; er gehört nicht zu den Jüngsten, ist auf unserem Aetheroneff der älteste. Mit ihm werden Sie sich leicht verständigen können, und dies wird für Sie sehr nützlich sein. Er besitzt einen weichen Charakter und viel Verständnis für eine fremde Seele, obgleich er nicht, wie Menni, Psychologe ist. Suchen Sie ihn im Laboratorium auf; er wird sich darüber freuen und Ihnen allerlei Interessantes zeigen.“
In diesem Augenblick fiel mir ein, daß wir uns von der Erde schon weit entfernt hatten, und es verlangte mich, sie zu betrachten. Wir begaben uns zusammen in einen der mit großen Fenstern versehenen Seitensäle.
„Werden wir uns nicht dem Mond nähern?“, erkundigte ich mich im Gehen.
„Nein, der Mond bleibt weit abseits liegen, und dies ist recht schade. Auch ich sähe den Mond gerne aus der Nähe. Von der Erde aus erschien er mir so seltsam. Groß, kalt, langsam, rätselhaft ruhig, gleicht er nicht im geringsten unseren zwei kleinen Monden, die so eilig am Himmel dahinrennen, und ihre Gesichtchen so rasch verändern wie lebhafte launische Kinder. Auch Euere Sonne ist bei weitem leuchtender, darin seid Ihr glücklicher als wir. Euere Welt ist doppelt so hell als unsere, deshalb bedürft Ihr auch nicht derartiger Augen, wie wir, braucht nicht die großen Pupillen, um das schwache Licht unserer Tage und unserer Nächte aufzufangen.“
Wir setzten uns ans Fenster. In der Ferne glänzte die Erde wie eine ungeheuere Sichel, auf der bloß die Umrisse Westamerikas und des nordöstlichen Asiens als dunkle Flecke erkennbar waren; auch ein Teil des Stillen Ozeans war sichtbar, und ein heller Fleck: das Nördliche Eismeer. Der Atlantische Ozean und die alte Welt versanken in Nacht, konnten am verschwommenen Rand der Sichel bloß erraten werden, denn der unsichtbare Teil der Erde verbarg die Sterne im ungeheuren Raum. Unsere schiefe Bahn, sowie die Drehung der Erde um ihre Achse, verursachten dieses veränderte Bild.
Ich blickte hinab, und mir wurde schwer ums Herz, weil ich nicht mehr meine Heimat sah, wo so viel Leben, Kampf und Leiden herrschen, wo ich noch gestern in den Reihen der Genossen stand, und wo heute ein anderer meine Stelle einnimmt. Zweifel schlichen sich in meine Seele.
„Dort unten fließt Blut“, sprach ich. „Hier jedoch ist aus dem gestrigen Arbeiter ein beschaulicher Betrachter geworden.“
„Das Blut fließt um einer besseren Zukunft willen“, entgegnete Netti. „Und dieser Kampf fordert das Kennen einer besseren Zukunft. Um diese Kenntnisse zu erwerben, sind Sie hier.“
Von unwillkürlicher Bewegung erfaßt, griff ich nach seiner kleinen, fast kindlichen Hand.
Die Annäherung
Die Erde entfernte sich immer mehr und verwandelte sich, gleichsam als zürnte sie ob dieser Trennung, in eine Mondsichel, die die winzige Sichel des wirklichen Mondes begleitete. Parallel damit waren wir, die Bewohner des Aetheroneff, gleich phantastischen Akrobaten, die ohne Flügel zu fliegen und nach Belieben im Raum jede Stellung einzunehmen vermögen, mit dem Kopf bald auf dem Fußboden, bald auf der Decke, bald auf den Wänden stehen ... darin fast keinen Unterschied sehen ... Allmählich näherte ich mich meinen neuen Gefährten und begann mich unter ihnen heimisch zu fühlen.
Schon am Tag nach unserer Abfahrt (wir hielten an dieser Zeitberechnung fest, obgleich es für uns natürlich weder wirkliche Tage, noch Nächte gab) legte ich, dem eigenen Wunsch zufolge, die Kleidung der Marsbewohner an, um weniger von den übrigen abzustechen. Freilich gefiel mir diese Kleidung auch an und für sich: sie war einfach, bequem, ohne nutzlose Einzelheiten wie Kragen und Manschetten, gestattete die größtmöglichste Freiheit der Bewegung. Die einzelnen Teile des Gewandes wurden durch Klammern verbunden, so daß das ganze Gewand zwar einheitlich, aber dennoch leicht an- und auszuziehen war; so vermochte man zum Beispiel den einen, oder beide Aermel, oder aber die ganze Bluse abzulegen. Und die Manieren meiner Mitreisenden glichen ihrem Gewand: sie waren einfach, ermangelten alles Ueberflüssigen, jeder Konventionalität. Sie begrüßten einander nicht, verabschiedeten sich nicht, dankten nicht, verlängerten nicht aus Höflichkeit ein Gespräch, wenn der Zweck desselben erreicht war. Zur gleichen Zeit jedoch gaben sie voller Geduld jedem die erwünschten Erklärungen, paßten sich genau der geistigen Einstellung des Fragenden an, nahmen Rücksicht auf dessen Psychologie, wenngleich diese auch nicht im geringsten der ihren glich.
Selbstverständlich ging ich gleich am ersten Tag an das Erlernen ihrer Sprache, und sie waren alle gerne bereit, mir als Lehrer zu dienen, vor allem aber Netti. Die Sprache war äußerst originell, und trotz der einfachen Grammatik und Regeln eigneten ihr Einzelheiten, an die ich mich schwer anzupassen vermochte. Die Regeln hatten keine Ausnahmen, es gab auch keine Unterschiede, kein männliches, weibliches oder sächliches Geschlecht. Hingegen besaßen die Namen der Gegenstände und die Eigennamen eine Biegung, die sich auf das Zeitliche bezog. Dies wollte mir nicht recht in den Kopf.
„Was für einen Sinn haben diese Formen?“ fragte ich Netti.
„Begreifen Sie es denn nicht? Wenn Sie in Ihrer Sprache einen Gegenstand benennen, so achten sie sorgsam darauf, ob er männlich oder weiblich ist, was bei leblosen Gegenständen äußerst unwichtig, bei lebendigen aber sehr merkwürdig erscheint. Es ist bei weitem wichtiger, zwischen jenen Gegenständen zu unterscheiden, die jetzt bestehen, und jenen, die waren oder erst sein werden. Bei Euch ist das Haus sächlich, der Kahn männlich, bei den Franzosen ist das Haus weiblichen Geschlechtes, das Ding an sich aber bleibt dasselbe. Wenn Ihr aber von einem Haus redet, das bereits abgebrannt oder das noch nicht erbaut ist, so verwendet Ihr das gleiche Wort und die gleiche Form, wie wenn Ihr von dem Hause sprecht, in dem Ihr lebt. Gibt es denn in der Natur einen größeren Unterschied als den zwischen einem lebenden und einem toten Menschen, zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist? Ihr braucht ganze Worte und Sätze, um diesen Unterschied auszudrücken – ist es nicht weit besser, dies durch das Hinzufügen eines Buchstabens zu tun?“
Netti war mit meinem Gedächtnis zufrieden; seine Lehrmethode schien äußerst gut, und ich kam rasch vorwärts. Dies half mir bei der Annäherung an meine Reisegefährten, ich begann der Reise auf dem Aetheroneff mit großem Vertrauen entgegenzusehen, begab mich in Kajüten und Laboratorien, befragte die Marsbewohner über alles, was mich beschäftigte.
Der junge Astronom Enno, Sternis Gehilfe, ein lebhafter, heiterer Mensch, dem Wuchs nach fast noch ein Knabe, zeigte mir eine Menge interessanter Dinge, nicht bloß Berechnungen und Formeln – auf diesem Gebiet war er Meister – sondern auch die Schönheit dieser Beobachtungen. Mir war in der Gesellschaft des jungen Astronom-Dichters wohl zumute; der Trieb, mich über unsere Lage in der Natur genau zu orientieren, lenkte meine Schritte immer von neuem zu Enno und seinem Teleskop.
Einmal zeigte mir Enno durch das stärkste Vergrößerungsglas den winzigen Planeten Eros; ein Teil seiner Bahn lag zwischen Erde und Mars, der andere befand sich weiter als der Mars, im Gebiet der Asteroiden. Damals befand sich der Eros auf hundertfünfzig Millionen Kilometer von uns entfernt, aber die Photographie seiner kleinen Scheibe zeigte im mikroskopischen Maßstab die ganze Landkarte, die der des Mondes glich. Selbstverständlich war auch der Eros ein toter Stern, gleich dem Monde.
Ein anderes Mal photographierte Enno einen Schwarm Meteore, die etliche hundert Millionen Kilometer von uns entfernt waren. Auf diesem Bild waren natürlich nur verschwommene Nebel zu sehen. Bei dieser Gelegenheit erzählte mir Enno, daß eine der früheren Expeditionen zur gleichen Zeit zugrunde ging, als ein derartiger Schwarm Meteore niederschoß. Die Astronomen, die mit großen Teleskopen die Fahrt des Aetheroneff beobachteten, sahen, wie plötzlich das elektrische Licht erlosch – der Aetheroneff verschwand auf ewig im Raum.
Wahrscheinlich war der Aetheroneff mit einigen dieser winzigen Körper zusammengestoßen; bei der ungeheuerlichen Geschwindigkeit mochten diese die Wände durchbohrt haben. Die Luft drang in den Raum und die Kälte der zwischen den Planeten befindlichen Sphäre ließ die bereits toten Körper der Reisenden gefrieren. Nun fliegt der Aetheroneff dahin, folgt der Bahn der Kometen, entfernt sich auf immer von der Sonne. Niemand weiß, wo der Weg dieses schauerlichen, von Leichen bemannten Schiffes enden wird.
Bei diesen Worten schien eine eisige Leere in mein Herz zu dringen. Ich stellte mir lebhaft vor, wie unser winziges leuchtendes Schifflein im unendlichen toten Ozean des Raumes schwebt. Ohne Stützpunkt in der schwindelerregend schnellen Bewegung, und ringsum die schwarze Leere ... Enno erriet meine Stimmung.
„Menni ist ein vortrefflicher Steuermann ...“, sagte er. „Und Sterni irrt sich nicht ... Und der Tod ... Sie haben ihm sicherlich schon oft im Leben ins Auge geblickt ... Was uns droht ... ist der Tod, weiter nichts.“
Gar bald kam die Stunde, da wir im Kampf mit einem schweren Kummer gezwungen wurden, an diese Worte zu denken.
Der Chemiker Letta zog mich nicht nur durch seine sanfte Natur an, von der mir Netti bereits gesprochen hatte, sondern auch durch sein großes Wissen und sein Interesse für eine von mir viel studierte Frage: die Struktur der Materie. Außer ihm war in dieser Frage nur noch Menni kompetent, doch wandte ich mich so wenig wie möglich an Menni, verstehend, daß dessen Zeit äußerst wertvoll sei, sowohl im Interesse der Wissenschaft, als auch in dem der Expedition, und daß ich nicht das Recht habe, sie für mich in Anspruch zu nehmen. Der gutmütige alte Letta hingegen ließ sich mit derart unerschöpflicher Geduld zu meiner Unwissenheit herab, erklärte mir mit solcher Bereitwilligkeit, ja sogar mit offensichtlicher Freude das Alphabet dieser Wissenschaft, daß ich niemals das Gefühl hatte, ihn zu belästigen.
Letta hielt mir einen ganzen Kurs über die Struktur der Materie, illustrierte diesen durch verschiedene Experimente der Zerlegung der Elemente und durch deren Synthese. Viele dieser Experimente hatte er anscheinend allein ausführen und sich darauf beschränken müssen, bloß Schlagworte niederzuschreiben, insbesondere bei jenen, die einen stürmischen Verlauf nehmen; diese Elemente zersetzten sich in der Form einer Explosion, oder die Zersetzung konnte zumindest unter gegebenen Bedingungen diese Form annehmen.
Einmal betrat während einer mir erteilten Lektion Menni das Laboratorium. Letta beendete eben die Niederschrift eines äußerst interessanten Experimentes und schickte sich an, dasselbe anzustellen.
„Seien Sie vorsichtig“, sprach Menni. „Ich entsinne mich, daß dieses Experiment eines Tages für mich schlecht ausfiel; es genügt die kleinste Menge nebensächlicher Ingredienzien in der von Ihnen zu zerlegenden Materie, um bei der Erhitzung selbst durch den schwächsten elektrischen Strom eine Explosion herbeizuführen.“
Schon wollte Letta das geplante Experiment aufgeben, aber Menni, der mir gegenüber unveränderlich aufmerksam und liebenswürdig war, schlug vor, bei der genauen Vorbereitung für das Experiment zu helfen; das Experiment wurde ohne Unfall beendet.
Am folgenden Tag stellten wir mit dem gleichen Stoff neue Experimente an. Mir schien es, als entnähme Letta die Materie nicht demselben Glas wie am vorhergehenden Tag. Als er bereits die Retorte in das elektrische Bad stellte, dachte ich daran, ihn darüber zu befragen. Gelassen schritt er an den die Reagenten enthaltenden Schrank, stellte das Bad mit der Retorte auf das an der Wand stehende Tischchen; an die gläserne Außenwand des Aetheroneff. Ich folgte ihm.
Jählings erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, und wir wurden beide mit ungeheurer Kraft gegen die Schranktür geschleudert. Ein furchtbar lauter Pfiff, entsetzlicher Lärm und metallisches Klirren. Ich fühlte, daß eine orkanartige, unbezwingliche Kraft mich nach rückwärts, an die Außenwand riß. Schier mechanisch gelang es mir, nach dem starken Riemen zu greifen, der horizontal befestigt am Schrank hing. In dieser Lage vermochte ich dem gewaltigen Luftstrom standzuhalten. Letta war meinem Beispiel gefolgt.
„Halten Sie sich fest“, schrie er mir zu; ich vermochte im Dröhnen des Orkans kaum seine Stimme zu vernehmen. Eine scharfe Kälte durchdrang meinen Körper.
Letta blickte sich rasch um. Seine Züge waren erschreckend in ihrer Blässe, doch verwandelte sich plötzlich der Ausdruck des Entsetzens in den klarer Vernunft und festen Entschlusses. Er sprach bloß zwei Worte, – ich vermochte sie nicht zu hören, erriet aber, daß sie ein Abschied auf ewig waren. Dann ließ er den Riemen los.
Ein dumpfer Schlag, und das Dröhnen des Orkans verebbte. Ich fühlte, daß ich nun den Riemen loslassen und um mich blicken könne. Vom Tischchen war nichts mehr zu sehen, an der Wand jedoch, dicht mit dem Rücken an sie gepreßt, stand unbeweglich Letta. Seine Augen waren geweitet, das ganze Gesicht schien gleichsam erstarrt. Ich vernahm an der Tür ein Geräusch und öffnete sie. Ein starker warmer Wind stieß mich zurück. Eine Sekunde nachher betrat Menni das Zimmer. Er eilte zu Letta hin.
Wenige Augenblicke später war der Raum voller Menschen. Netti stieß alle zur Seite, stürzte zu Letta. Die übrigen umringten uns in bewegtem Schweigen.
„Letta ist tot“, klang Mennis Stimme auf. „Die bei dem chemischen Experiment erfolgte Explosion zerschmetterte die Wand des Aetheroneff, und Letta verstopfte mit seinem Leib die Bresche. Der Luftdruck zerriß seine Lungen und lähmte sein Herz. Der Tod war ein augenblicklicher. Letta rettete unseren Gast, hätte er anders gehandelt, sie hätten beide unweigerlich den Tod gefunden.“
Netti brach in heftiges Schluchzen aus.
Vergangenes
Die ersten Tage nach der Katastrophe blieb Netti in seinem Zimmer, und ich las in Sternis Augen einen fast mißgünstigen Ausdruck. Zweifellos ergab sich aus Lettas Tod eine Lehre, und Sternis mathematisch eingestelltes Gehirn konnte nicht umhin, einen Vergleich zwischen dem hohen Wert jenes Lebens zu ziehen, das geopfert, und jenes das bewahrt worden war. Menni blieb, wie immer, unverändert freundlich und gelassen, brachte mir sogar noch mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge entgegen; seinem Beispiel folgten auch Enno und die übrigen.
Ich lernte eifrig die Sprache der Marsbewohner; bei der ersten günstigen Gelegenheit wandte ich mich an Menni und bat ihn, mir irgendein Buch zu geben, das die Geschichte ihrer Menschheit behandle. Menni fand diesen Gedanken vortrefflich und brachte mir ein Werk, das die Marskinder in die allgemeine Weltgeschichte einführte.
Ich begann mit Nettis Hilfe dieses Buch zu lesen und zu übersetzen. Der Geschmack, mit dem der unbekannte Verfasser die auf den ersten Blick abstrakt, allgemein und schematisch wirkenden Dinge zu beleben, zu konkretisieren und zu illustrieren verstanden hatte, versetzte mich in Erstaunen. Dieser Geschmack gestattete ihm, ein geometrisch aufgebautes System mit derart folgerichtigen Schlüssen für Kinder zu erörtern, wie dies bei keinem unserer populär schreibenden irdischen Verfasser gelungen wäre.
Der erste Teil des Werkes hatte geradezu einen philosophischen Charakter und war der Idee des Weltalls als einheitliches Ganzes geweiht, das in sich alles einschließt und sich alles dienstbar macht. Dieser Teil erinnerte lebhaft an die Ausführungen jener Arbeiter-Denker, die auf naive und schlichte Art die erste proletarische Naturphilosophie schufen.
Im folgenden Teil wandte sich die Ausführung jener unermeßlich fernen Zeit zu, da im Weltall noch keine uns bekannten Formen bestanden hatten, im gewaltigen Raum das Chaos und die Unbestimmtheit die Herrschaft geführt. Der Verfasser berichtete über die Abtrennung der ersten formlosen, unmerklich feinen Materie, die chemisch nicht festzustellen ist. Diese Abtrennung bewirkte die Entstehung der gigantischen Sternenwelt, die als Sternnebel erscheint und zu der auch die Milchstraße mit zwanzig Millionen Sonnen gehört, unter denen unsere Sonne eine der kleinsten ist.
Weiterhin war die Rede von der Konzentrierung der Materie und dem Uebergang zu einer festeren Verbindung, die die Form chemischer Elemente annahm; zu diesen ersten formlosen Materien gehören auch die gasförmigen Sonnennebel, von denen wir mit Hilfe des Teleskops viele Tausend zu unterscheiden vermögen. Die Geschichte der Entwicklung dieser Nebel, die Herauskristallisierung der Sonnen und Planeten, ist bei uns nur in der Kant-Laplaceschen Entstehungstheorie zu finden, aber mit größerer Bestimmtheit und mehr Einzelheiten.
„Sagen Sie mir, Menni“, fragte ich, „halten Sie es wirklich für richtig, den Kindern gleich zu Anfang diese allgemeinen, fast abstrakten Ideen zu vermitteln, diese farblosen Weltbilder zu zeigen, die der ihnen naheliegenden konkreten Umgebung so fern sind? Bedeutet dies nicht, das kindliche Gehirn mit leeren, fast nur wörtlichen Bildern füllen?“
„Die Sache ist die“, erwiderte Menni, „daß bei uns der Unterricht niemals mit dem Buch beginnt. Das Kind schöpft seine Kenntnisse aus der lebendigen, von ihm beobachteten Natur, aus der lebendigen Verbindung mit anderen Menschen. Ehe es nach einem derartigen Buch greift, hat es bereits allerlei Reisen unternommen, verschiedene Bilder der Natur betrachtet, es kennt viele Pflanzen- und Tierarten, kennt das Teleskop, das Mikroskop, die Photographie, den Phonograph, hat von älteren Kindern und erwachsenen Freunden allerlei Erzählungen über Vergangenes und Fernes gehört. Das Buch erfüllt bloß die Aufgabe, all diese Kenntnisse zu verknüpfen und zu stärken, zufälliges Wissen zu vervollkommnen und den künftigen Bildungsweg zu weisen. Vor allem gilt es natürlich, ein genaues Wissen zu erzielen, das Kind vom Anfang bis zum Ende zu führen, auf daß es sich nicht in Einzelheiten verliere. Der vollkommene Mensch muß bereits im Kind geschaffen werden.“
All dies erschien mir äußerst ungewohnt, doch wollte ich Menni nicht weiter befragen; ich werde ja unmittelbar die Bekanntschaft der Marskinder machen, sowie des dort herrschenden Erziehungssystems. Ich kehrte zu meinem Buch zurück.
Der Gegenstand des folgenden Teils war die geologische Geschichte des Mars. Diese Ausführungen brachten trotz ihrer Kürze zahllose Vergleiche mit der Geschichte der Erde und der Venus. Bei einem bedeutenden Parallelismus aller drei ergab sich als wichtigster Unterschied, daß der Mars doppelt so alt wie die Erde und viermal so alt wie die Venus war. Es wurde in Zahlen die Entwicklung der Planeten angegeben, ich entsinne mich ihrer noch genau, doch will ich sie hier nicht anführen, um den irdischen Gelehrten eine Erschütterung zu ersparen, denn diese Zahlen wären für sie etwas äußerst Unerwartetes.
Dieser Abhandlung folgte die Geschichte des Lebens von seinem Anbeginn. Es wurden hier geschildert jene ersten Verbindungen, die das Cyanradical enthielten und die noch keine lebendige Materie waren, obzwar sie viele ihrer Eigenheiten besaßen. Desgleichen wurden hier jene geologischen Bedingungen geschildert, unter denen sich die chemischen Verbindungen vollzogen. Die Ursachen wurden erklärt, vermittels derer sich die eine Materie im Gegensatz zu anderen, die zwar eine stärkere aber weniger schmiegsame Verbindung besaßen, bewahrte und anhäufte. Schritt für Schritt wurde hier die Entwicklung und Differenzierung dieser chemischen Ahnen jeglichen Lebens verfolgt, bis zur Bildung der ersten wahrhaft lebendigen Zelle, mit der die „Herrschaft der Einzeller“ anhebt.
Nun folgte das Bild der stufenweisen Entwicklung der lebendigen Wesen, ihrer allgemeinen Genealogie, vom Einzeller bis zu ihrer höchsten Entwicklung – dem Menschen einerseits, sowie andrerseits zu seinen verschiedenen Abarten. Im Vergleich mit der „irdischen“ Entwicklungslinie zeigte sich, daß auf dem Weg von der ersten Zelle bis zum Menschen die ersten Glieder der Kette fast gleich waren und auch bei den folgenden nur ein geringer Unterschied bemerkbar wurde; bei den mittleren Gliedern jedoch begann der Unterschied bedeutsam zu werden. Das erschien mir äußerst seltsam.
„Diese Frage“, sagte Netti, „ist, so viel ich weiß, noch nicht zum Spezialstudium geworden. Wußten wir doch vor zwanzig Jahren noch nicht, wie die höchst entwickelten Erdentiere beschaffen seien. Wir waren äußerst erstaunt, als wir sahen, wie sehr sie unserem Typus gleichen. Anscheinend ist die mögliche Zahl der höchsten, das vollkommenste Leben ausdrückenden Typen eine geringe, und auf den dem unseren gleichenden Planeten vermag bei den gleichartigen Bedingungen der Natur dieses Maximum des Lebens bloß eine Form hervorzubringen.“
„Außerdem“, bemerkte Menni, „ist der höchste Typus, der sich der Planeten bemächtigt hat, jener, der am stärksten der ganzen Summe der Lebensbedingungen Ausdruck verleiht, bei den Zwischenstufen hingegen, die sich nur einem Teil der Bedingungen anzupassen vermögen, bleibt mehr Raum für Verschiedenheit.“
Ich entsann mich, daß mir bereits in meinen Studentenjahren der Gedanke an die mögliche Zahl der höchsten Typen durch den Kopf gegangen war, aber freilich aus einer ganz anderen Ursache: bei den Achtfüßlern, den Kopffüßlern des Meeres, besitzt die höchstentwickelte Art Augen, die denen unserer Wirbeltiere seltsam ähnlich sind. Und doch ist die Entwicklung des Auges bei den Kopffüßlern eine ganz andere, insofern, als die entsprechenden Gewebe des Sehapparates bei ihnen in entgegengesetzter Ordnung angebracht sind.
Wie dem auch immer sei, eines stand fest: auf dem anderen Planeten lebten Menschen, die uns gleichen und es verlangte mich, mit ihrem Leben und ihrer Geschichte bekannt zu werden.
Was die prähistorische Zeit und die ersten Phasen des menschlichen Lebens auf dem Mars anbelangte, so bestand zwischen diesen und denen der Erde eine ungeheure Aehnlichkeit. Die gleichen Stammesverhältnisse hatten geherrscht, einzelne Stämme hatten bestanden, die untereinander durch Tauschhandel verbunden gewesen waren. Nachher jedoch zeigte sich ein Auseinandergehen, nicht in der Richtung der Entwicklung, sondern in der Schnelligkeit und der Art ihres Charakters.
Der Gang der Geschichte auf dem Mars war irgendwie glatter und einfacher, als der auf der Erde. Freilich gab es Kriege zwischen den Stämmen und Völkern, und es gab auch den Klassenkampf; doch spielten im historischen Leben die Kriege eine äußerst kleine Rolle und wurden verhältnismäßig früh aus der Welt geschafft; auch der Klassenkampf war geringer und weniger scharf, was die rohe Gewalt anbelangte. Dies ging selbstverständlich nicht alles aus dem Buch hervor, aber ich vermochte es dennoch zu erkennen.
Die Sklaverei hatten die Marsbewohner überhaupt nie gekannt; ihre Feudalzeit war im geringen Maßstab militaristisch gewesen, ihr Kapitalismus befreite sich frühzeitig vom nationalistisch-imperialistischen Charakter, und es gab nichts, was unserer zeitgenössischen Armee entsprach.
Die Erklärung für alle diese Tatsachen mußte ich selbst finden. Die Marsbewohner und selbst Menni begannen erst jetzt die Geschichte der Erdenmenschheit zu studieren, und es war ihnen noch nicht gelungen, aus unserer und ihrer Vergangenheit vergleichende Folgerungen zu ziehen.
Ich entsann mich eines früheren Gespräches mit Menni. Als ich mich anschickte, die von meinen Reisegefährten benützte Sprache zu lernen, interessierte es mich zu erfahren, ob diese von allen Marssprachen die verbreitetste sei. Menni erklärte mir, sie sei die einzige auf dem Mars geredete Sprache.
„Auch bei uns“, fügte Menni hinzu, „verstanden die Bewohner der verschiedenen Länder einander nicht, aber schon vor langer Zeit, etliche hundert Jahre vor dem sozialistischen Umsturz, wurden alle Dialekte zu einer einzigen Sprache verschmolzen. Dies vollzog sich auf freie, elementare Art – niemand bemühte sich darum oder schenkte der Angelegenheit besondere Aufmerksamkeit. Etliche örtliche Sprachgebräuche erhielten sich noch längere Zeit, doch waren diese allen verständlich. Und die Entwicklung der Literatur fegte auch diese hinweg.“
„Diese Tatsache vermag bloß auf eine Art erklärt zu werden“, meinte ich. „Offensichtlich ist auf Ihrem Planeten die Verbindung zwischen den Menschen weit besser, leichter und enger, als bei uns.“
„Dies stimmt“, erwiderte Menni. „Auf dem Mars gibt es weder Euere ungeheuren Ozeane, noch Euere unübersteigbaren Berggipfel. Unsere Meere sind klein, trennen nirgends die einzelnen Landteile in selbständige Kontinente, unsere Berge sind nicht hoch, abgesehen von einigen Gipfeln. Die ganze Oberfläche unseres Planeten ist viermal kleiner, als die der Erde. Außerdem ist bei uns die Schwerkraft zweieinhalbmal geringer, als bei Euch; dank der Leichtigkeit unseres Körpers vermögen wir uns auch ohne besondere Mittel rasch und leicht zu bewegen, wir laufen ohne zu ermüden ebenso schnell wie Ihr zu Pferde weiterkommt. Die Natur hat zwischen unseren Völkern weit weniger Mauern und Scheidewände aufgerichtet, als bei Euch.“
Dies war offensichtlich eine der Hauptursachen, die bei der Marsmenschheit die scharfe Trennung der Rassen und Nationen verhindert hatte, sowie das Emporkommen der Kriegerkaste, des Militarismus und des ganzen Systems des Massenmordens. Wahrscheinlich hatte auch hier der Kapitalismus mit seinen Widersprüchen zur Erschaffung all dieser, der höheren Kultur angehörenden Eigenheiten geführt, doch wurde die Entwicklung des Kapitalismus von der Nebenerscheinung begleitet, für die politische Vereinigung aller Völker und Nationen neue Bedingungen zu schaffen. Grund und Boden der Kleinbauern wurden frühzeitig vom Großgrundbesitz verschlungen, und bald darauf wurde der ganze Grund und Boden nationalisiert.
Die Ursache hierfür lag in der stetig stärker werdenden Trockenheit des Bodens, gegen welche die Kleinbauern nicht erfolgreich zu kämpfen vermochten. Die Erde des Planeten verschlang das Wasser und gab es nicht wieder zurück. Dies war die Fortsetzung jenes elementaren Prozesses, vermittels dessen die einst auf dem Mars bestehenden Ozeane seichter geworden und sich in kleine Binnenmeere verwandelt hatten. Ein derartiger Prozeß geht auch auf unserer Erde vor sich, doch ist er noch nicht so weit gediehen; auf dem Mars hingegen, der doppelt so alt ist wie die Erde, wurde die Lage bereits vor tausend Jahren äußerst ernst. Die Verminderung der Meere führte zu einer Verminderung der Wolken und des Regens, zum Seichterwerden der Flüsse und zum Austrocknen der Quellen. An den meisten Orten mußte die künstliche Bewässerung eingeführt werden. Wie hätten sich unter diesen Bedingungen die unabhängigen Kleinbauern halten können?
In dem einen Fall gingen sie einfach zugrunde und ihr Boden fiel in die Hände der benachbarten Großgrundbesitzer, die über genügend Kapital verfügten, um die künstliche Bewässerung durchführen zu können. Im anderen Fall schlossen sich die Bauern zusammen, vereinigten ihre Kräfte für das gemeinsame Werk. Doch gingen diesen Genossenschaften früher oder später die Mittel aus; anfangs dünkte sie dies ein vorübergehendes Uebel, sie machten bei den großen Kapitalisten die ersten Anleihen. Trotzdem ging es mit ihnen immer rascher bergab, die Prozente der Anleihe vergrößerten ihre Ausgaben, führten unweigerlich zu neuen Anleihen usw. Die bäuerlichen Genossenschaften unterlagen der wirtschaftlichen Macht ihrer Gläubiger und gingen zugrunde, rissen ihre Mitglieder, bisweilen hundert oder tausend Bauern, auf einmal mit sich.
Derart gelangte die urbar gemachte Erde in den Besitz etlicher tausend großer Bodenkapitalisten; aber der innere Teil des Landes blieb eine Wüste; hierher gelangte kein Wasser, und die einzelnen Kapitalisten besaßen nicht genügend Mittel, um diese Landstriche zu bewässern. Als die Staatsgewalt, die damals schon völlig demokratisch war, sich gezwungen sah, diese Sache in die Hand zu nehmen, um das allzu zahlreich werdende Proletariat zu beschäftigen und der sterbenden Bauernschaft zu Hilfe zu kommen, verfügte selbst sie nicht über die zum Bau der gigantischen Kanäle nötigen Mittel. Kapitalistische Syndikate wollten die Sache übernehmen, – doch war das ganze Volk dagegen, wohl wissend, das dies eine Stärkung der Syndikate und deren Herrschaft bedeuten würde. Nach langem Kampf und verzweifeltem Widerstand von seiten der Bodenkapitalisten wurde eine große progressive Einkommensteuer auf landwirtschaftliche Erzeugnisse eingeführt. Die durch diese Steuer erzielten Summen wurden zum Fonds der ungeheuren Arbeit: des Baues der Kanäle. Die Macht der Gutsbesitzer war gebrochen, und der Uebergang zur Nationalisierung von Grund und Boden vollzog sich rasch. Damit verschwanden auch die letzten Reste der Kleinbauern, da die Regierung im eigenen Interesse ausschließlich den Großkapitalisten Land überlassen hatte, so daß die landwirtschaftlichen Unternehmungen noch größer geworden waren als zuvor. Nun wurden die hauptsächlichsten Kanäle geschaffen, was zu einer mächtigen wirtschaftlichen Entwicklung führte und die politische Vereinigung der Menschheit näher brachte. Dies lesend, konnte ich nicht umhin, Menni meine Verwunderung darüber auszudrücken, daß Menschenhände vermocht hatten, solche riesenhaften Wasserwege zu erbauen, die selbst mit unseren mangelhaften Teleskopen von der Erde aus gesehen werden konnten.
„Sie befinden sich in einem kleinen Irrtum“, erwiderte Menni. „Zwar sind diese Kanäle tatsächlich ungeheuer groß, aber sie müßten noch um etliche zehn Kilometer breiter sein, um von Eueren Astronomen unterschieden werden zu können. Was diese sehen, sind die gewaltigen Waldstreifen, die wir längs der Kanäle pflanzten, damit eine gleichmäßige Verdunstung der Feuchtigkeit erzielt und das allzurasche Austrocknen des Wassers verhindert werde.
Die Zeit der Kanalbauten brachte einen ungeheueren wirtschaftlichen Aufschwung; die Industrie blühte und der Klassenkampf ebbte ab. Es gab eine große Nachfrage nach Arbeitskräften, die Arbeitslosigkeit verschwand völlig. Als jedoch das große Werk beendet war, und zusammen mit ihm auch die kapitalistische Kolonisierung der wüsten Gegenden, kam es bald zu einer wirtschaftlichen Krise, und die „soziale Welt“ wurde durchschaut. Die soziale Revolution brach aus. Und abermals spielte sich alles verhältnismäßig friedlich ab; die Hauptwaffe der Arbeiter war der Streik, und nur in seltenen Fällen und an einigen Orten, fast ausschließlich in ländlichen Bezirken, kam es zu Aufständen. Schritt für Schritt unterlagen die Grundbesitzer dem Unvermeidlichen; selbst als die Regierungsgewalt schon in den Händen der Arbeiterpartei lag, versuchten die Sieger nicht, ihre Sache mit Gewalt zu fördern.
Es gab, nachdem die Produktionsmittel sozialisiert worden waren, keine Entschädigung im wahren Sinne des Wortes, doch wurden die Kapitalisten pensioniert. Später spielten viele von ihnen bei der Organisation kooperativer Unternehmungen eine große Rolle. Zuerst fiel es schwer, der Schwierigkeit bei der Verteilung der Arbeit im Sinne der Arbeiter zu begegnen. Ungefähr hundert Jahre bestand für alle, ausgenommen die pensionierten Kapitalisten, die allgemeine Arbeitspflicht; zuerst der Sechsstundentag; später wurde die Arbeitszeit verkürzt. Der Fortschritt der Technik sowie die genaue Berechnung der freien Arbeit gestatteten, bei dieser die letzten Ueberreste des alten Systems auszumerzen.“
Das ganze Bild war schön und harmonisch, nicht wie bei uns von Blut und Pulverrauch befleckt; ich empfand unwillkürlich ein Gefühl des Neides und sprach darüber mit Netti, da wir zusammen das Buch lasen.
„Ich weiß nicht“, meinte der Jüngling, „mir scheint, daß Sie unrecht haben. Es ist wahr, daß auf der Erde die Gegensätze weit stärker sind, und daß die Natur der Erde weit freigebiger Schläge und Tod verteilt, als unser Mars. Doch ist dies vielleicht darauf zurückzuführen, daß der Reichtum der Erde von allem Anfang an unvergleichlich größer war, als der unsere; die bedeutend größere Sonne gibt ihr die lebendige Kraft. Bedenken Sie, um wie viele Millionen Jahre unser Planet älter ist, als der Euere; unsere Menschheit jedoch entstand bloß einige zehntausend Jahre vor der Eueren, und ist letzterer heute vielleicht nur um zwei, höchstens drei Jahrhunderte voraus. Ich stelle mir diese beiden Menschheiten als zwei Brüder vor. Der ältere besitzt einen ruhigen, gleichmäßigen Charakter, der Jüngere ist stürmisch und explosiv. Der jüngere Bruder versteht es schlechter, seine Kräfte zu verwerten, vergeudet sie, begeht mancherlei Fehler; seine Kindheit war voller Krankheiten und unruhig. Jetzt, da er ins Jünglingsalter kommt, leidet er unter qualvollen krampfartigen Anfällen. Wird er aber nicht zu einem schaffenden Künstler werden, der weit größer und stärker ist, als der ältere Bruder, wird er nicht dann unsere alte Natur weit schöner und reicher gestalten? Ich weiß es nicht, doch scheint mir, daß dem so sein wird.“
Die Ankunft
Geführt von Mennis klarem Kopf, setzte der Aetheroneff ohne weitere Unfälle den Weg nach dem fernen Ziel fort. Schon war es mir gelungen, mich den ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen und auch mit den größten Schwierigkeiten der Marssprache fertig zu werden, als Menni uns eines Tages mitteilte, die Hälfte des Weges sei zurückgelegt, die höchste Geschwindigkeit erreicht worden, von nun an werde sich diese vermindern.
Im gleichen Augenblick, da Menni diese Worte sprach, drehte sich rasch und gleitend der Aetheroneff. Die Erde, die sich schon seit langer Zeit aus einer großen, leuchtenden Sichel in eine kleine, und aus der kleinen Sichel in einen grünschimmernden, nahe der Sonnenscheibe schwebenden Stern verwandelt hatte, glitt nun aus dem unteren Teil des schwarzen Himmelsgewölbes in die obere Halbkugel, und der rote Stern, der Mars, der hell über uns gefunkelt hatte, sank zu unseren Füßen nieder.
Noch einige hundert Stunden, und der Mars verwandelte sich in eine kleine helle Scheibe, und gar bald unterschieden wir auch zwei kleine Sternchen, seine Weggenossen, – Deimos und Phobos, unschuldige, winzige Planeten, die ihre furchtbaren Namen wirklich nicht verdienten. Diese Namen bedeuten auf griechisch „Schrecken“ und „Grauen“. Die ernsten Marsbewohner wurden lebhafter, begaben sich immer häufiger in Ennos Observatorium, um ihre Heimat zu betrachten. Auch ich tat dies, doch verstand ich, trotz Ennos geduldigen Erklärungen, gar schlecht, was ich vor mir sah; freilich gab es da viel, was mir völlig fremd war.
Die roten Flecken erwiesen sich als Wälder und Wiesen, und die dunkleren als erntebereite Felder. Die Städte erschienen als bläuliche Flecken, – und einzig und allein Wasser und Schnee hatten eine mir verständliche Farbe. Der muntere Enno ließ mich bisweilen erraten, was es sei, das ich auf der Linse des Apparates erblickte, und meine naiven Irrtümer reizten ihn und Netti zum Lachen; ich rächte mich, indem ich über ihre Ordnung scherzte, ihren Planeten das Königreich der gelehrten Eulen und der verwirrten Farben nannte.
Der Umfang der roten Scheibe wuchs immer mehr an. Schon übertraf sie an Größe die merklich kleiner werdende Sonnenscheibe und glich einer astronomischen Karte ohne Aufschriften. Auch die Schwerkraft begann sich zu steigern, was mich sehr angenehm berührte. Deimos und Phobos verwandelten sich aus leuchtenden Pünktchen in winzige, aber klar umrissene Scheiben.
Noch fünfzehn bis zwanzig Stunden – und schon umkreiste uns der Mars als Planiglob und ich vermochte mit freiem Auge mehr zu sehen, als auf allen astronomischen Karten unserer Gelehrten vermerkt ist. Die Scheibe des Deimos glitt über diese runde Landkarte dahin, Phobos jedoch war nicht zu sehen, – befand sich nun auf der anderen Seite des Planeten.
Freude herrschte ringsum, nur ich allein vermochte nicht eine zitternde, quälende Erwartung zu überwinden.
Näher und näher ... Keiner von uns brachte es über sich, etwas zu tun, – alle blickten unentwegt abwärts, dorthin, wo eine andere Welt kreiste, – eine Welt, die für sie die Heimat, für mich aber ein Ort des Geheimnisses und der Rätsel war. Nur Menni befand sich nicht unter uns, er stand im Maschinenraum: die letzten Wegstunden waren die allergefährlichsten, es galt, die Entfernung festzustellen und die Schnelligkeit zu regulieren.
Wie kam es eigentlich, daß ich, ein unfreiwilliger Kolumbus dieser Welt, weder Freude, noch Stolz, ja nicht einmal Beruhigung fühlte, jetzt, da wir ans feste Land gelangen sollten?
Künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus ...
Noch etwa zwei Stunden! Rasch überschritten wir die atmosphärische Grenze. Mein Herz begann schmerzhaft zu pochen, ich vermochte nichts mehr zu sehen, eilte in meine Stube. Netti folgte mir.
Er begann mit mir zu plaudern, – nicht über die Gegenwart, sondern über die Vergangenheit, die ferne Erde, die dort oben lag.
„Sie werden noch dorthin zurückkehren, wenn Sie Ihre Aufgabe erfüllt haben“, sprach er, und seine Worte klangen mir wie eine zarte Aufforderung, mich mannhaft zu halten.
Wir redeten über diese Aufgabe, über ihre unbedingte Notwendigkeit und Schwere. Unmerklich verging die Zeit.
Netti blickte auf den Chronometer. „Wir sind angekommen“, sagte er. „Gehen wir zu ihnen!“