Wahrhaftig — eine Sideley!
Guirlanden
um
Die Urnen
der
Zukunft.
Eine
interessante, originelle
Familiengeschichte
aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
von
A. K. Ruh.
Leipzig 1800.
Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.
Guirlanden
um
Die Urnen
der
Zukunft
Eine
Familiengeschichte
von
A. K. Ruh.
In drei Theilen oder Abschnitten.
Prag und Leipzig 1800.
Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.
Dem
Herrn Stadtrath
Franz Pablitschek,
und
seiner Gemahlin
zugeeignet
vom
Verfasser.
Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Blicke in die Zukunft.
An der unendlichen Uhr der Zeiten wird der Zeiger der Jahrhunderte, auf den dreiundzwanzigsten Punkt deuten. Fünf Generationen des Menschengeschlechts werden noch erstehn, wie im Frühling des Jahrs der Fluren Blumengewand ersteht: wie im Herbste das bunte Laub von krafterschöpften Bäumen rieselt, werden sie fallen.
Eine neue Mennschensaat wird keimen, sprossen und reifen, gesäet von den Händen der Zeit.
Schwach und matt noch dämmert die allbelebende Sonne Wahrheit durch den dichten Nebelflor der Vorurtheile und den dunkeln Wolkendampf des Dünkels; aber sie werden erhellt werden, sinken werden die Nebel und Wolken, sich zertheilen und nimmer seyn. Und eine Sonne tritt hervor aus der Schacht des Wahnes, hell und glänzend wie der geläuterte Morgen nach der Sturmnacht, mild wie der Thau in Perlen am Frühlingshalm, und labend wie Abendkühle den schweißtriefenden Schnitter. Edle Thaten der Menschen verketten und verdrängen sich vor meinem Blicke, wie lieblich in einander flirrende Träume. Ein Odem durchweht die eine Seele der neuen deutschen Familien; geadelt durch Geistes und Herzenkraft handlen sie edel und — menschlich.
Aus dem bunten Gewirr künftiger Begebenheiten drängt sich mir eine vor allen auf — nicht der Schönsten, schönste, aber auch nicht der Edelsten lezte.
Nehmt sie erwartungsvolle Leser, gefällig aus meinen Händen. Schwebet mit mir in dem Kahne der Fantasie auf, dem Meere der Zeiten 500 Jahre vorwärts. Seht diese neue Welt um euch und hört. Aber erwartet nicht vollkommen glükseelige Bewohner, vielleicht den Geistern der uns unbekannten andern Welt gleich. Auch dann — laßt über unserm Staube noch tausend Generationen wandeln, laßt Meere austroknen zu Ländern, und Gebirge in Meere sich verändern — auch dann bleiben der Erde Bewohner unvollkommne Geschöpfe — Menschen, gemischt aus guten und niedrigen Neigungen.
Und du, o Genius der Zukunft, der mit sonnigten Finger dem kühnen Späher den Flor der Nacht vom Sonnenhell der Zukunft hobst, belebe meinen Pinsel, daß ich mahle, mit jenen Farben mahle, so die Natur zeichnet, die einst als der alleinige Ring alle Seelen umringen wird. Daß vielleicht wenn ich Stäubchen lang in Vergessenheit verwitterte, jene Vorwelt meiner Kühnheit lächelt, und spricht: Dieser las im Buche der Zukunft.
Zweites Kapitel.
Graf von Wallingau.
Nicht Erbrecht, nicht Geburt, der Geist
macht groß und klein.
Hagedorn.
Edle Thaten, Verdienst um das Wohl der Nation, oder Erfindungen, welche den Menschen nützen, und sie erhöhen, adeln den Bürger des Staats. Er sey der Sohn eines Fürsten oder eines Ackermanns.
Der erfahrneste, weiseste Mann ist der Kaiser Germaniens; gleich verdient um sein Vaterland durch mannigfaltige Kenntnisse, Geistes und Herzenstugenden, als auch berühmt durch erhabne Handlungen um das Wohl des Menschengeschlechtes. Ausgezeichnete Vorzüge, alle gemein erkannte Ueberlegenheit an den trefflichsten Eigenschaften über alle, machen ihn des Thrones würdig.
Der Bürger, der gleichfalls nur durch moralische Vorzüge, und ohne diesen unedel war, und sollte er des Goldes vollauf haben, lebte froh und ungestört im Genuße der Früchte seiner Thätigkeit; häuslich und voll der Liebe, voll der innigen Verehrung seines Kaisers, der ein Vater aller war, lebte er begeistert vom Gefühl des Friedens im Ueberfluß.
Unter so manchen Biedermännern gab es einen gewissen Grafen von Wallingau, der Edelsten einer die Germaniens Boden trug.
Sein Vater war ein Landmann gewesen, stark und schlicht, wie sein Pflug, mit dem er sein Brod baute; herzensgut und redlich. Sein ungemeiner Fleiß erwarb ihm ein großes Vermögen, das ohngeachtet seiner Mildthätigkeit die oft sogar an Verschwendung gränzte, immer grösser wuchs, und nach seinem Tode dem einzigen Sohne Welly zufiel, der seinem kindlich betrauerten Vater nacheifernd Herzensgüte mit Talent, Seelenstärke mit Eifer und Thätigkeit vereinte, um so seinem Vaterlande Ehre und Vergnügen zu machen.
Anfangs blieb auch Welly bei dem Geschäfte, des Ackerbaus. Die Natur seine stäte Führerinn, hatte den Drang zu Wissenschaften in sein Herz gelegt, der immer stärker und endlich zum Bedürfnisse ward, das Befriedigung heischte.
Die Naturgeschichte war unter vielen andern Gegenständen, welche die treffliche Einrichtung des Staats jeglichem Gliede zur Kenntniß ans Herz legte, sein Lieblingsstudium. Das von seinem Vater ererbte Vermögen sezte ihn in den Stand seine Wißbegierde auf Reisen zu sättigen. Er durchzog einige Jahre lang im Vaterlande und den angränzenden Reichen die Fluren der Gelehrsamkeit, sog überall den Honig aus den Blumen, und kam ein geschikter Physiker in seine heimischen Auen zurük, wo er rastlos seinem Fache oblag und es darinn soweit brachte, daß er in einem Raum von acht Jahren durch unermüdetes Forschen und Streben verschiedene nützliche Maschienen erfand. Dies, und Wellys geschäzte Eigenschaften überhaupt, vorzüglich seine Verdienste um die Armen, denen er oft im größten Frost, Holz, Speise und Kleider und Geld trug, wurden denn auch belohnt, da überall Gerechtigkeit in der Belohnung des Verdienstes und Aufmunterungseifer die ganze Nation beseelte.
Eben war durch den Tod des Besitzers die Grafschaft Wallingau leer. Welly ward als Kandidat vorgeschlagen, und da seine Verdienste grösser und edler als jene aller andern Kandidaten waren, so entschied für Welly der Kaiser, und Welly ward Graf von Wallingau.
Drittes Kapitel.
Der Spaziergang in das Kastanien Wäldchen.
In seeligen Frieden lebte nun der neue Graf den Mittag seines Lebens. Eine treue zärtliche Gattin zur Seite. Sie geliebt und nachgeeifert von allen Mädchen und Frauen, er das Muster, nach dem sich die Jünglinge der Gegend und des Dorfes bildeten, das im halben Kreise das gräfliche Schlos umgab. So war Elisium ihr Ländchen, und glükliche Unterthanen, thätig und reich, segneten mit frohen Thränen die Stunde, die ihnen dieser Vater gebahr, bekränzten im blühenden Frühling als eines Heiligen Statue das Ehrendenkmal, so die Gemeinde Wellys den verstorbnem und von Jedem geschäzten Vater gesezt hatte, und dankten der Vorsicht die im Sohne den Todten erstehen ließ.
Zur ungemeinen Erhöhung des Lebens, gebahr Wellys geliebte Gattin Jadilla zwei Kinder. Salassin einen Knaben, ganz das Bild des Vaters, und ein Mädchen das den Namen der Mutter und den schönsten Keim zur künftigen Grazie trug.
Also waren in beneidenswerthen Freuden sechs Jahre entflohn, schnell wie ein Pulsschlag und hold wie ein blühender Frühling. Salassin zählte sechs und die plappernde Jadilla vier Sommer. Aber nun erwachte das Glük, das im achtzehnten wie im 23. Jahrhundert nie das menschliche Leben ungetrübt läßt, aus seinem Schlummer, und schüttete Wermuth in den Kelch der Freude.
Eben streifte mit rosichten Finger der Morgen vom dämmernden Kastanienhaine die Nebelwolken der Nacht. Der Sonne halbe Goldscheibe strahlte hinter dem östlichen Berge hervor, und der Thau rann an Grashalmen in spiegelnde Perlen.
Da saß Welly mit seiner kleinen Familie im elisischen Parke des Schlosses am Frühmale. In einer duftigen Schasminlaube mit grünen Bänken und einem Mahonitischchen, genoßen sie das ländliche Mahl von frischgemolkner Milch, gewürzt von vertraulichen Scherze der Gattin, und naiven Fragen und Schäckereien der herzigen Kinder; voll Heiterkeit der Seele wie der Morgen, der durch die Lichträume des Schasmingeflichts seinen purpurnen Strahl, auf die liebliche Milch und die Wangen der Frohen goß.
„Wie so herrlich der Morgen auf uns lächelt, meine Jadilla! — sprach der muntre Vater und drückte inniger der Gattin Hand. Wie alles lebt und sich regt! Düftet und blühet! Wollen wir nicht einen Spaziergang in das nahe Kastanienwäldchen machen, das dort an dem Berge in bläulichen Gruppen an den Wald sich schließt? Komt! komt meine Trauten! Schöner ist Mutter Natur im Freyen! Dort athmen wir den Odem der Liebe, die uns das allwirkende Wesen in jedem Grashalm und Wurm erkennen läßt! Komt!
Ja! — lieber Vater! — rief hastig der muthige Salassin, und küßte ihm die Hand. — Ich will Schmetterlinge fangen, so schöne Schmetterlinge, wie du aus dem fremden Lande gebracht hast.
Ja ja! — liebe Mütterchen — stammelte hüpfend die kleine Jadilla, und schmiegte sich an die Mutter. Schöne Blümchen da giebts — dir Sträuschen und dem Vater auch, und dem Salassin auch — komt! komt! mit dir im Grase springen.
Mit einem zärtlichen Blick, der ganz die Seeligkeit des Gefühls ausdrückte, so das holde Geschwätze der Unschuld erregte, begegneten sich die Gatten, und wandelten auf das Kastanienwäldchen zu; ein Diener folgte mit dem Sonnenschirme.
Dies war die gewöhnliche Stunde, in der Welly seine Kinder belehrte. Am Morgen wo die Seele heiter und sorgenlos, gefühlvoller das Herz für das Schöne der Natur, und faßlicher für jeden Unterricht ist nahm er sie in das Freye mit, und brachte seinen Kindern angemessene Begriffe von Gott und manchen andern Sachen bei. Der Schmetterling, den Salassin mühsam gefangen, das Blümchen so Jadilla gepflükt, war Stoff und Gegenstand, von dem er auf den Urheber und Erhalter des Universums in leichten Gesprächen kam, und so die Begriffe von Milde, Güte, Weisheit und Ordnung des Urwesens spielend in das Herz und Gedächtniß der Kinder pflanzte.
Auf schlängelnden Wegen der Wiesen, die ein Kieselbach murmelnd in zwei Fluren theilte, neben rauschenden Weidengesträuchen Hollunder und Hagedornhecken giengen sie dahin im lachenden Thale, und achteten nicht des glänzenden Thaues, der ihre Schuhe benäßte.
Da rief ein singendes Mädchen, die blinzelnde Sichel in der Hand, unter welcher die Blumenglieder stürzten, der kommenden Familie herzlich und lächelnd ihren Morgengruß zu. Dort am Fahrwege that es ein Ackersmann hinter dem knarrenden Pflug — hier ein Knabe, der zottige Ziegen am Felber weidete — dort der Schaafhirt am Abgang des Hügels mit der Flöte.
O Natur! Natur wie bist du so schön! — rief Welly über den Anblik dieser Szenen entzükt, und schmiegte sich heißer an die mitfühlende Gattin.
Endlich nahm sie das niedliche Kastanienwäldchen in seinen moosichten Schoos auf. Sie lagerten sich im Schatten, denn die Sonne stand schon viel höher über den waldigen Ostberg, und die wachsende Schwüle trieb die Wandlenden ins erfrischende Kühl. Salassin und Jadillchen jagten herum in riechenden Wacholderbüschen, und liefen bald einem Schmetterling, bald einem Blümchen nach. Ein bunter Vogel flog um den andern auf, und der Knabe wußte nicht, welchem er folgen sollte: ein Waldblümchen um das andere lokte das kleine Mädchen, das schon alle Händchen vollgepflükt hatte. Immer warf sie die Gepflükten hinweg, und brach sich Neue. Willot der Diener hatte Mühe, die beiden im Gesichte zu erhalten, er folgte bald diesem, bald jener, sie liefen zertheilt herum, und kaum rief er den hastigen Salassin, war ihm schon wieder das geschäftige Jadillchen aus dem Auge.
Die kleine Pflückerinn verlor sich denn dabei einmal soweit in einen Birkenschlag, daß Willots Ruffen sie nicht mehr hörte. Sie verfolgte die Blüthen, im eifrigen Pflücken hatte die Schuhe verlohren, das florne Schürzchen und das leichte Kleid an den Dornen der Hambutensträuche zerrissen, und gerieth endlich soweit, bis sie unvermuthet am Ende des Schlages um den ganzen Hügel herum gekommen war, wo sie ein Thal, das sich vor ihren Füssen aufschlos, mit einiger Verwirrung erblikte.
Sie kam eben auf eine Strasse, ein neues schöneres Blümchen blühte vor ihr, sie grief nach ihm, und ach! — eine Biene stach Jadillchen in das weiße Händchen.
Der Schmerz erpreßte ihr Thränen und sie weinte laut.
Eine Kutsche rollte grade die Strasse heran, darinn saß eine ältliche Dame. Sie ließ den Kutscher halten.
„Warum weinst du? Mädchen! — sagte die Dame freundlich. Ein Bienchen hat mich stochen — in die Hand hat es mich stochen! — weinte das Mädchen und blies auf die brennende Wunde.
„Was machst du denn da im Walde?“
Blümchen pflüken dem Vater und Mutter und Salassin.
„Wo ist denn Vater und Mutter?“
Jadillchen schaute sich herum, die neue Gegend verwirrte sie, sie zeigte in das fremde Thal hinab wo ein Dorf lag. Da ist Mutter!
„Komm mit mir Mädchen, weine nicht, ich will dein Händchen heilen!“
Ja du bist nicht meine Mutter.
„Komm ich bringe dich zu ihr, du möchtest dich verlaufen!“
Jadillchen ließ sich nicht zweimal bitten, man hob sie in den Wagen, und die Dame beschäftigte sich mit dem Bienenstich, der das arme Kind so schmerzte, daß es Mutter und Vater, Salassin und Blümchen vergaß, und weinte. Die Dame zog ein Balsambüchsgen heraus, und der Schmerz ließ nach, sie fuhren dem Dorfe zu, auf das die wirre Jadilla gezeigt hatte.
Viertes Kapitel.
Auf Sonnenschein folgt Regen.
Willot hatte damals Salassin nachgeruffen, der nach einer ganz entgegengesezten Seite des Birkenschlages lief; und weil er nicht folgen wollte, sprang Willot ihm nach, um ihn mit Jadillen beisamm zu erhalten. Aber der Knabe zerrte sich und entlief dem Diener immer weiter; so geschah es denn, daß jenseits das Mädchen ganz aus den Augen schwand, und schon mit der Dame fortfuhr, als er den muthwilligen Salassin kaum noch gebändigt hatte.
Nun lief er den ganzen Schlag durch. Jadillchen! Jadillchen! Aber Jadillchen war verschwunden, das Echo wiederhallte die Antwort: Jadillchen! Fort über Stock und Stein durch Hecken und Sträuche suchend und ruffend; aber Jadillchen war verschwunden. Müde gelaufen und heiser geschrien lief er auf die Eltern zu, und konnte kaum ein Wörtchen vor Bestürzung stammeln. Salassin saß dem Vater zur Seite abgemüdet vom Papilionenfang.
Wo ist Jadillchen? — fragte die Mutter.
Daß sie sich nicht verirre! Der daranstossende Wald ist groß und verworren. — Fügte der Vater bei.
Ach Herr! — stotterte der todtenblasse Willot. — Ich kann kaum mehr sprechen — überall war ich — Jadillchen ist verschwunden! — Er sprachs keuchend und lief sogleich wieder in den Schlag, lieber athemlos, müd und erschöpft bei dem Suchen liegen zu bleiben, als hier die erschrokenen Gesichter länger anzusehn.
Welly eilte nach, mit Mutter Jadilla an der Hand. Salassin folgte den Vorauslaufenden.
Sie suchten und riefen, und riefen und suchten; aber freylich — vergebens. Mit jedem Pulsschlage ward ängstlicher die bange Mutter, besorgter der Vater.
Die Sonne stand hoch am Himmel, die Schwüle des Tages, die heftige Bewegung im Herumrennen, und die Angst ermattete bald die Forschenden. Jadilla gieng eilig dem Schlosse zu frische Leute zu schicken. Eine Kutsche ward bespannt, sie fuhr mit andern ins Wäldchen zurük.
Die Hälfte der Dorfbewohner vergaß des Mittagmahles, das sie eben genoßen, vergaß Ruhe und Geschäfte, und lief der Gräfinn nach in das Wäldchen. Vereint suchten Alle — kein Pläzchen im Walde blieb unbesehn: aber freylich — das Mädchen ward nicht gefunden.
Müde und matt schliechen die Guten zurük: bestürzt kam der Vater, todtenblaß die Mutter in das Schloß: ihres Kummers heiße Thränen bewegten auch den Knaben Salassin zum weinen, und er rief schluchzend: „So ist Jadillchen nicht da? Jadillchen! ach Jadillchen! bist verloren! nun springst du nimmer mit mir im Grase herum!
Zwei unbeschreiblich jammervolle Nächte waren bereits vorüber, der Mutter schienen sie Jahrhunderte, und noch war keine Spur. Am zweiten Morgen kam endlich Welly zurük — mit seinen Leuten: sie hatten alle an den Hügel anstossende Wälder durchspürt, in den nahen Dörfern herumgefragt, ach! des Vaters Besorgniß ward folternder Schmerz; denn alle Mühe war vergebens.
Aus dem Fenster sah die Hoffnung und Furcht erschütterte Jadilla dem kommenden Gatten, entgegen, sie sprang eilends hinab auf den Platz vor dem Schlosse; halberschöpft war sie, denn Tag und Nächte hatte sie durchhärmt Ruhe und Schlummerlos. Er komt! Er komt! und bringt mein geliebtes Kind wieder! — rief sie von Freude gespannt, und drängte sich entgegen den Kommenden; aber die Kutsche war leer an Jadillchen.
Welly sprang heraus und fieng sie in seine Arme. Mein Kind — schrie sie, und sank leblos auf den kummervollen Gatten.
Jadilla! Jadilla! Mein Weib! — Erwache! Erwache! rief Welly erschüttert, und schlos die Ohnmächtige ungestimzitternd an sein Herz.
Das Volk drängte sich geschäftig an das blasse Paar, und Thränen der innigsten Theilnahme glänzten in jedem Auge. Ein Fläschgen Kraftgeistes ward gebracht, ein Tropfe auf die Schläfe — Jadilla schlug die Augen auf. — Wo ist meine Tochter? fragte sie mit matter Stimme.
Sie lebt! Sie lebt! — rief das Volk untereinander, und freute sich wieder.
Sie lebt? Wo? Wo? — fragte hastig erhohlt die Mutter.
Jadilla! Mein Weib! Sey getröstet! — versezte Welly, indem er die Wankende dem Zimmer zu führte. — Wir sehen Jadilla wieder — sey getröstet!
In der Schlosallee wand sich zur versammelten Gemeinde der edle Pfarrer des Dorfes, entblöste sein schneelockigt Haupt, und begann mit zitternder Stimme: „Meine Kinder! —
Aber der Haufe errieth sogleich, was er wolle, man ließ ihn gar nicht ausreden — Jeder, der gesunde und auch nur halbgesunde Füsse hatte lief begeistert fort. Zwei Drittheile des Dorfes strömten dem Walde zu, zertheilten sich in alle Gegenden, forschten überall, suchten alles aufs neue durch, kamen viele Meilen weit in der Runde herum, keine Seele hatte zum Unglük das kleine Mädchen, so nun den vierten Tag schon verschwunden war, gesehen; sie wiederholten ihre Mühe; aber — edles Völkchen! dein ward nicht die Wonne den geliebten Grafen, die verehrte jammervolle Mutter zu trösten mit dem gefundenen Kinde, an dem sie mit ganzer Seele hieng!
Fünftes Kapitel.
Der Gasthof.
Jadillchen fuhr inzwischen mit der fremden Dame immer weiter von der heimischen Flur. Sobald ihr Wundenschmerz nachgelassen hatte, wurde das Mädchen sehr munter, sie plauderte mit der Dame, die ihr allerlei Näschereien gab und mit ihr spielte. Die niedliche Schwätzerinn behagte jener immer mehr und mehr, so daß in der Seele der Fremden der Wunsch sich regte: Wenn doch das liebe Kind bei mir bleiben könnte.
Endlich wekte der Anblik eines fremden Schlosses sie aus dem Spiele, und Jadillchen schlug vor Freuden die Händchen zusammen: Mütterchen! Mütterchen da ist! Vater und Salassin.
Das unbekannte Frauenzimmer mochte es aber nur zu gut merken, daß Jadillchen durch die noch ungesehnen Bilder nicht wisse, wo es sey. Sie ließ vor dem Schlosse den Wagen halten, stiegen ab, ein finstrer grämlicher Mann trat tiefsinnig aus dem Gebäude, und gieng dem Garten zu, ohne beide eines Blickes zu würdigen.
Ist das der Vater? — fragte die Dame, die Jadillchen bei der Hand hielt.
Jadillchen schüttelte bestürzt den Kopf, und sah bald das Haus, bald ihre Gefährtin an.
So müssen wie weiter fahren!
Jadillchen schluchzte. „Da ist nicht Vater und Mutter und Salassin!“
Wir werden sie schon finden! tröstete sie die Dame, und hob sie wieder in den Wagen, wo das Mädchen durch den Reitz artiger Spielwerke bald wieder allen Kummer vergaß, und nur dann es fallen ließ und Mütterchen! rief, wenn sie ein Weib irgendwo oder ein Gebäude, dem väterlichen Schlosse ähnlich, erblikte.
So fuhren sie ungefähr, bis der heiße Mittag allmählig seine segnenden Strahlen auf die Fluren warf. Der Staub wirbelte in leichten Wolken unter den Hufen den Rosse und Rädern des Wagens, und die schwüle Luft länger zu athmen, war der Reisenden zu beschwerlich — Sie kehrten in einem der nächsten Gasthöfe an der Landstrasse grade zur Zeit schon ein, als Willot dem Grafen anzeigte, Jadillchen könne er nicht finden.
Der Wirth des prächtigen Gasthofes, ein höflicher artiger Mann, kam ihnen sogleich entgegen, und half den Ankommenden aus der Kutsche: faßte die Dame beim Arme und erschrak als er ihr ins Gesicht blickte. Doch verbarg ers und wies ihr ein Zimmer an, worinn alles war, was der bedürfnißvolleste Mensch nicht gebraucht hätte, und doch war es blos ein noch ganz gewöhnliches Zimmer. Tapeten üppiger an Gold und Seide als vor 500 Jahren Persiens Monarchen sie besaßen, dekten die Wände: grünsamtne Ottomanen zum Ausruhn, niedliche mit den schönsten Holzgattungen ausgelegte Tische, Spiegeln in den Fensterläden und an den Wänden mit silbernen Rahmen. — Ein Wink und zwei geschäftige Diener flogen um das Verlangte.
Jadillchen machte große Augen. Außer den Gemächern des väterlichen Schlosses, die zwar weit schöner und geschmakvoller waren, hatte das Mädchen noch keine andern gesehn, und der Reitz der schönen Neuheit bezauberte sie, daß Mütterchen spät erst wieder ihr in Erinnerung kam.
Sie genossen beide das Mahl. Die Reise hatte den Hunger erregt, und der ist wie bekannt, nicht nur bei armen Poeten und Schuhflickern unsers Jahrhunderts, sondern auch im 23. bei Damen und Kindern.
Nach dem Mittagsessen kam der Gastwirth und fragte nach einigen gewöhnlichen Komplimenten.
Meine Dame, du scheinst mir nicht unsers Landes zu seyn?
„Ich bin hier fremde.“
Vergieb — daß ich fragen muß, woher? wohin? wer? in welchen Geschäften? — aber es ist Landessitte.
„Ich komme aus dem roten Kreise Deutschlands, von meinem Bruder dem Edlen von Winzor, und reise zurük in meine Heimath nach England.
Und das ist ohne Zweifel — deine Tochter? oder Enkelin das kleine Mädchen da?
Die Dame nickte halbverlegen: Ja!
Der Gastwirth reichte ein großes Quartbuch mit stark vergoldetem Einbunde der Dame hin, brachte Schreibzeug, und fuhr fort: — Ich bitte, sey so gut, deinen Namen hineinzuschreiben. Es ist Sitte bei uns, alle Durchreisenden wo sie einkehren aufzuzeichnen. Theils der Ehre wegen, viele Gäste und vorzüglich Edle aufweisen zu können, theils um aus der Menge der Passagiers den Standwerth des Gasthofs taxiren zu können.
Die Dame schrieb ihren Namen in das Buch.
Wie? Saline Melson? Aus England?
„Ja! mein Herr!“
Dein Bruder — Edler von Winzor?
„Ja! wie fragst du so auffallend?“
Und hast du deinen Bruder getroffen?
Erlaube — wenn ich nicht irre — ich habe dich, meine Dame jemal schon gesehen.
„Sehr möglich wenn du in England vielleicht gewesen —“ Sollte dir denn meine Phisognomie gar nicht eine bischen bekannt vorkommen?
„Wie das? Ich —“
(Der Gastwirth küßt ihr bewegt die Hand) Kennst du —
(Die Dame ward frappirt) Wen?“
(Zu ihren Füssen stürzend) Deinen verstoßnen Sohn nimmer?
„Gott im Himmel mein Sohn! mein Jehnson! — Die Stirnnarbe!“ Sie umarmten sich zärtlich, und als die erste Begeisterung des Entzückens verflogen war, rief die Dame:
„Welch frohes Wiedersehen nach langen Jahren!“
Der Gastw. (im Erguß seiner Freude) Ja wohl nach langen, langen Jahren! Wie so unverhoft! O meine Mutter was hab ich gelitten, was hab ich erduldet, seit ich aus deinen mütterlichen Armen verstossen bin. Tausendmal wollt ich zurük an dein Herz, das mich immer zärtlich geliebt, tausendmal zurück in mein Vaterland fliehen, aber — ach, mein Vater —
Die Dame. Sohn — er ist — gestorben! Er hat —
Der Gastw. Gestorben? Gestorben? Ach, und hat auf seinem Sterbelager —
Die Dame. Den Fluch zurükgenommen, dich gesegnet!
Der Gastw. (freudig) Gesegnet? Gesegnet? O denn Ruhe, Ruhe seiner Asche — er hat mir ja verziehen, mich gesegnet! O meine Mutter! wie hat mich sein Fluch in der weiten Welt herumgejagt! Irrend in fremden Ländern, aus meinem Vaterland gestossen, lebte ich nur zur namenlosen Qual. Von einem Orte zum andern trieb es mich unaufhörlich, überall und überall verfolgte mich sein entrüstet Bild. Ueberall und immer klangen in meinen Ohren die Worte des Grimes: Fluch dir, Schande deines Vaters! Wo ich gieng und stand, wo ich schlief und wachte, und saß und eilte, klangs um mich und peitschte Ruhe und Frieden aus mir. Lange, lange, nach vielen Monden konnt ich Fremdling der Welt keinen Reiz meinem Leben abgewinnen: melankolisch war meine Seele und durchstürmt von tausend Martern, die mich oft zum verzweifelten Gedanken des Selbstmordes brachten. In dieser namenlos elenden Lage, meine Mutter! irrt ich umher in Gottes weiter Welt, ohne Obdach ohne Vater, ohne Mutter, ohne einem tröstenden Freunde; keine Seele nahm Antheil an meinem stillen Jammer, der noch immer folternder wurde, je länger ich aus meinem Vaterlande, von meinen Eltern verstossen, von Marlon getrennt, und vielleicht, ach vielleicht verwünscht in fremden Ländern herumschweifte. Bis ich endlich nach Norland kam, wo man mich unter das Kriegsheer steckte, das gegen meine itzige Heimath Germanien Krieg führte, bis ich hier im Schlachtgewühl betäubt nur den Retter verlangte, der meine Wunden heilen auf immer heilen konnte, den Tod. Aber ich fand den Ersehnten nicht. Zu meiner Stirnnarbe, die mir damals der entflammte Vater mit dem Schwerte schlug, als er mich fortjagte, gesellten sich neue Wunden — gefährlich, tödtlich nennt man sie, aber ich nannte sie heilsam, denn ich meinte der Tod würde diese Wunden bald heilen.
Die Dame. Mein armer, armer Jehnson!
Jehnson. Aber ich hatte falsch gerechnet — die Wunden bluteten noch als ich von den Deutschen gefangen ward. Doch welch eine Gefangenschaft! Freyheit, Freyheit war sie in diesem teutschen Lande! Die Normänner wurden einmal um das andermal geschlagen, und zum Frieden gezwungen. Ich ward wieder gesund, die Gefangenen erhielten die Willkühr, sich zurük zu begeben, oder wenn sie fleisige Glieder seyn wollten, da sich anzusetzen. Ich blieb da, man gab mir in wenig Monden das Bürgerrecht, und ich arbeitete für dies Land. Die Erinnerung an meine Unfälle ward nach und nach schwächer, ich fand Beruhigung und einige Vergessenheit in meinen Arbeiten. Die Baukunst war meine liebste Beschäftigung. Man gab mir Mitteln an die Hand, mich zu bilden, ich bemühte mich mit Freuden dieser Grosmuth gegen mich Fremdling werth zu seyn, und es gelang mir in einigen Jahren mich auszuzeichnen. Ich machte einen Riß für ein Gasthaus, und ward aufgemuntert das Gebäude nach der Angabe aufzuführen. Glüklicherweise stellt ich es her, und es übertraf an Simetrie, Feste und Bequemlichkeit des Baues alle noch stehenden Gasthöfe; das Kollegium der Edlen belohnte mich mit diesem besten Gasthofe da, wo ich nun seit vier Jahren in Frieden, aber doch nicht glüklich lebe. O wie oft sehnte ich mich, wenn es mir auch am besten gieng, an die Brust meiner Eltern — wie oft war ich schon auf der Reise zu dir gute Mutter; aber ich kannte des Vaters unversöhnliche Härte — ich empfand, daß mein Tropfen Freude dann nur noch gar vertroknen würde, wenn er erbittert mich nicht hätte sehen wollen; dann ward ich trübsinniger und gab mich meiner Melankolie preis. Ich segne die Stunde, die mich, Mutter! dich wiedersehen ließ. Sey mir tausendmal willkommen! Ich darf ja wieder mich an dein Herz drücken, der Vater nahm ja den Fluch von mir, er segnete mich!
Jehnson umarmte mit Sohnes Zärtlichkeit die gerührte Mutter, die den vielen Leiden ihres Jehnson manche Thräne weinte; sie erwiederte mütterlich und freudenvoll des Sohnes Umarmungen.
Glaube, mir lieber Sohn! — sprach sie nach einer Pause, in der sich beide den süssesten Gefühlen stumm überlassen hatten — Glaube mir, daß ich nie des Vaters harten übereilten Endschluß billigte. Ich sprach laut für dich, und gab mich dadurch seinem Ungestüm und vielen Vorwürfen blos. Nur zu oft dachte ich deiner. Wie wird es ihm ergehn? Wo irrt er herum, was wird er leiden, den ich unter meinem Herzen trug? So sprach ich zu mir in vielen bangen Stunden; und weinte im stillen Dunkel um dich. Vielleicht seh ich ihn nie wieder vor meinem Tode, nimmer der Mutter geliebten Sohn. Also ängstigte sich mein Herz. Marlon —
Jehnson. Meine Marlon — was ward aus Marlon?
Die Dame. Sie rang über deine Trennung mit der Verzweiflung. Kaum warst du wenige Wochen entwichen als in unsrer Monarchie ein fürchterliches Wetter los brach. Lohnstohn ihr Vater ward einiger Verbrechen wegen in die Jammerburg gesezt, die beiden Kinder nebst der ganzen Familie des Landes verwiesen. Marlon hatte einen Knaben gebohren; und ehe ihr Bruder noch als Geächteter das Land verließ, war sie bereits mit ihrem Kinde fort. Niemand wußte wohin? Man sprach, sie sey dir nachgefolgt, du hättest ihr den Vorschlag schriftlich gethan, mit dir in einem andern Lande sich zu vermählen, darüber ward dein Vater wüthend, und zog sich eine dreijahrwährende Krankheit zu. Seit dem wußt ich kein Sterbenswörtchen von euch Allen.
Jehnson. Barmherziger Himmel! Wo irrt nun Marlon mit dem Geschöpf herum, das meiner Schwachheit sein kümmerlich Leben verdankt! Wo soll ich sie finden? Ich hörte nie von ihr! Aber suchen will ich die Leidende! Suchen in aller Welt! Vielleicht führt mir ein seeliger Augenblik die Unvergeßliche zu, und ich kann den Kummer, den ich ihr bereitet habe, in Freude verwandeln! Aber — ach! vielleicht hat er sie schon lange getödtet!
Das ist nicht der Vater! unterbrach die Schwätzerinn Jadilla die Pause, nachdem sie lange Jehnson scheu angeblikt, und die Dame beim Kleide gezerrt hatte. — Gelt, du bist nicht Vater?
Liebliche Unschuld! — sprach Jehnson und nahm sie auf seine Arme, und küßte Jadillchen, die sich mit kindlichen Unwillen sträubte.
Du bist nicht Väterchen! — küssen — ey!
Die Dame lächelte, und Jehnson fragte:
Meine Mutter — du scherzest — ist das wirklich mein Schwesterchen?
Nein, lieber Jehnson!
Jehnson. Als ich damals England verließ, war Sara schon zehn Jahr alt. Was macht Schwester Sara?
Die Dame. Sie vermählte sich mit einem braven Manne, und ist bereits Mutter von zwei Kindern, vielleicht wenn ich sie in acht Tagen wieder sehe, treffe ich sie zum Drittenmale im Wochenbette.
Jehnson. O meine Mutter — Sobald willst du wieder von mir. Kaum sind es ja zwei Stunden, seit wir uns fanden. Bleibe, bleibe bei deinem Jehnson — theile mit ihm! Ich will dein Sohn, nur dir, nur dir leben! Will kindlich und so gut wie Sara dich pflegen, den Kummer, die Tage des Alters dir erfreulich machen, will all meine Kraft anwenden, deine mütterliche Sorgfalt einigermassen zu vergelten. Bleibe bleibe bei deinem Jehnson!
Die Dame. Dringe nicht in mich Lieber! So gerne ich dir willfahren möchte —
Jehnson. O was kann dich abhalten? Du sollst sehen, wie froh mein neues Leben —
Die Dame. Hör auf! Man stirbt so gerne da wo man gebohren ist, und Mutterherzen hängen doch immer mehr an Töchtern. Sara bedarf meiner — drei Monde schon bin ich fern. Ich bin überdies schon sehr schwach — krank — vielleicht folg ich bald dem Vater.
Jehnson. Das wird der Himmel verhüten! Aber eben weil du alt und schwach bist — meine Mutter! bleibe, die Reise möchte dir schaden!
Die Dame. Laß ab, ich kann von Sara fern nimmer ruhig seyn. Morgen zeitlich muß ich fort, vermehre meine Sorgen nicht.
Jehnson. Das ist traurig — und darf ich nicht mehr bitten. Aber sobald es möglich, sehen wir uns wieder.
Sie verplauderten noch die kurze Zeit, und als der Morgen den Osthimmel röthete, lauer der kühle Nachtwind wehte, und die Schwalben ihr Morgenlied schmetterten, trennten sie sich bewegt. Jehnson führte seine Mutter und Jadillchen, um die er in seiner Wonne gar nicht mehr gefragt hatte, auf die Strasse. Sieh da! Die Kutsche war nicht hier, aber eine Luftgondel flatterte mit den ausgespannten Seegeln.
In diesem Reisewagen, wirst du bequemer und schneller heim kommen, meine Mutter! — sprach Jehnson und schied tief gerührt von seiner geliebten Mutter! Leb wohl! mein Sohn! leb wohl, meine Mutter! riefen sie sich nochmal zu, und die Gondel trug auf den Fluthen des Aethers die Dame und Jadilla fort. Jadilla — so nannte sich das verlohrne Mädchen, wenn es die Dame um ihren Namen fragte. — Die Fluren Germaniens dämmerten allmählig wie durch einen Flor, und der unten nachsehende Jehnson bemerkte bald nichts, als einen schwarzen Punkt von der hohen Gondel, bis sie endlich ganz verschwand.
Jadilla weinte und rief. Mutter! Vater! Salassin! Ach wo sind sie denn? — Die Dame tröstete das arme Kind, so gut sie konnte.
Sechstes Kapitel.
Die Abreise.
Mit stillem Schmerze betrauerten indessen Welly und Jadilla, den unersezlichen Verlust des hoffnungsvollen Kindes. Der Graf hatte Jadillchens Beschreibung in alle Zeitungen sezen lassen; aber vergebens! Die Laune des Schicksals, fand es einmal für besser, daß das Mädchen getrennt von seinen Eltern unter fremden Menschen leben müsse. Alsdann alle Nachfrage unbeantwortet, alles Forschen fruchtlos blieb, hielten die Eltern ihr Kind für todt, errichteten ihm eine Urne, und beweinten an diesem Denkmale Jadillchens Andenken. Die edlen Unterthanen halfen treulich die Betrübten erheitern; aber in eben dieser allgemeinen Theilnahme, wenn sich das gepreßte Herz auch noch so sehr erleichterte, fühlten sie ihren Verlust nur noch mehr. Selbst als der Balsam der Zeit ihre Wunde vernarbt hatte, galt noch manche ernste Miene Wellys, noch manche stille Thräne Jadillas dem Andenken der verlohrenen Tochter.
Sie ketteten sich nun um so enger an den einzigen Salassin, den beide mit elterlichem Eifer erzogen. Diese Erziehung war nun ihr süssester Unterhalt. Salassin ein Knabe von Mutter Natur zum Liebling erkohren, begabt mit Talenten des Körpers und der Geistes, unter den Händen eines klugen Vaters, der weise zu lohnen und zu strafen verstand, unter den Augen einer von aller Afterliebe freien Mutter — wie sollte so ein Knabe zu großen Erwartungen nicht berechtigen?
Die ersten Jahre der Kindheit wurden einer vernünftigen physischen Erziehung gewidmet, und darauf die moralische gebaut.
Schon an dem Knaben ward mancher Zug bemerkt, der keinen gewöhnlichen Alltagsmenschen einst hoffen ließ. Ein hartnäckiger Muth zeigte sich schon in seinen Spielen, und ein gewisser Edelmuth, Gerechtigkeitsliebe war unverkennlich. Soldaten zu spielen mit den Knaben des Dorfes war ihm eine sehr angenehme Beschäftigung. Er formirte kleine Legionen, und war ihr Anführer; theilte sie in 2. Partheien und sie kriegten zu Land und zu Wasser.
Bei einem dieser Spiele war einmal Salassins Armee ziemlich im Gedränge. Das Schlachtfeld war eine Wiese, das Lager am Bache, der um das Dorf floß. Salassin ward angegriffen von seiner Gegenparthei, und an den äußersten Rand den Ufers zurükgedrängt, seine Mannschaft bereits zerstreut und gefangen, und er allein vertheidigte sich gegen zweie noch, die dem lieben Generalen so hart zu Leibe giengen, daß er nothwendig sich hätte fangen lassen müssen. Aber dies hielt er für den größten Schimpf. Indem ihn die beiden Feinde schon zu Boden reißen wollten; stürzt er sich unbesiegt zu bleiben, gerade in den Bach, riß aber einen von den Gegnern mit hinab, wo sie, weil es zum Glücke nicht tief war, sich noch immer balgten. In dieser Hartnäckigkeit mitten im Bach trieben sie sich immer weiter, bis beide in eine unvermuthete Grube geriethen. Ja — nun war der Kampf freilich aus! Salassin der besser schwamm als sein Gegner, vergaß geschwind allen Kriegsgroll, und schlepte großmüthig den Andern mit hinaus aus dem Bache.
Oft kämpften sie im Bade in der größten Tiefe schwimmend ihre kleinen Kämpfe.
Ein andermal waren die Knabenpartheien so verwegen, und führten den Krieg in Luftgondln. Derjenige Theil, — sagte Salassin als er mit Hilfe des Luftkutschers die Seegeln spannte, der in seiner Gondel den Andern hinabjagt, hat den Sieg. Sie stiegen empor und der Streit begann. Salassin geübter als sein Feind in der Luft, zerschlug die morsche Seegelstange der feindlichen Gondel, welche schnell hinabsank, und auf einem hohen Baume hangen blieb. Die Besiegten schwebten in einer ziemlich großen Lebensgefahr. Der Ball hatte sich in den Zweigen und Aesten verwickelt, und die Knaben steckten wie in einem Sack. Salassin eilte mit seinem Schiffe zur Rettung herbei, war aber diesmal so ungeschikt, daß seine Gondel herunterfiel, der sich die Nase zerschlug, jener den Finger brach, und jeder einen kleinen oder größern Schmerz durch den Fall erbeutete. Oben in dem noch hängenden Ballon hatten sich indessen die Eingewickelten durch ihr starkes Trampeln und Rütteln los gerissen, und stürzten grade auf Salassin, und seine weinende Parthei. Mit deinem verwünschten Krieg! schrie einer um den andern. Bleiben wir lieber auf der Erde! Ich wäre bald erstikt! Ich habe meinen Finger gebrochen! Mich schmerzt mein Kopf! Mir blutet die Nase! So scholls und die erzürnten Knaben wären bald noch einmal über den Herrn Kommendanten Salassin hergefallen, um ihn für seinen Vorschlag weidlich zu dreschen.
Vater Welly ließ Salassin auch das Euphon lehren, und um ihn mehr anzueifern gesellte er ihm einen andern Knaben zu. Beide wetteiferten, und wenn sein Gespiele sein Blatt besser als Salassin selber las, und richtiger am Euphon ausdrückte, mußte Salassin als Gemeiner im Soldatenspiele ihm folgen, was dessen Ehrgeiz mächtig traf, doch nie so, daß er diesen Keim zur Pflanze hätte sprossen lassen, denn er war erfahren mit diesem sehr gefährlichen Triebe, der so herrliche Wirkungen erregt, wenn er sorgfältig und klug geleitet wird; eben so fürchterliche Folgen dann hat, wenn er zum bloßen Sporne des Jünglings ohne aller Rüksicht gebraucht wird.
Welly bemerkte an seinem nun zehnjährigen Sohne nicht ohne geheimer Freude den Muth, die Entschlossenheit, den Edelsinn und eine gewisse Energie des Geistes, aber auch nicht ohne Bangen das große Maas des so irrführenden leicht erregbaren Gefühls. Seine Gabe alles leicht zu fassen, alles spielend zu erlernen, alles leicht zu verstehen, brachte den Vater eher an das Ziel, so man dem Knabenalter steckt, als er erwartet hatte.
Und war Salassin ein hoffnungsvoller Knabe, so war er noch weit hoffnungsvoller als Jüngling. Dieser wichtige Zeitpunkt des menschlichen Lebens war allmählig herangenaht. Hier gleicht der Mensch einer Flamme die wenn sie nicht vorsichtig und vernünftig genährt wird, leicht zum lodernden verheerenden Brand empor schlägt; die wenn sie zu unklug und zu gewaltsam gedrükt wird, leicht erstickt; die aber wenn ein weiser Mann sie besorgt, wie eine belebende Sonne am Mittag des Lebens aufsteigt, dem ein ruhiger seeliger Abend folgt.
So ein weiser Mann, war Salassins Vater, der, des Sohnes Flamme geschickt besorgte, daß sie jene Früchte trug, die meine Leser und Leserinnen erfahren werden, wenn mein Büchelchen im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit bis dahin zu spannen, wo Salassin sich überlassen, selbst handelt.
Der Grund war gut und feste gelegt, auf dem das Gebäude des künftigen Wohles Salassins unerschütterlich dauerhaft ruhen sollte. Er hatte Kenntnisse mannigfaltiger Art, durch des Vaters Bestreben sich erworben. Des Dorfes Pfarrer ein geschickter Mann, ein würdiger Priester, und um mich bündig auszudrücken, ein wahres Gegenstück zu vielen Pfarrern des achtzehnten Jahrhunderts; war nebst andern Männern sein Lehrer, und Salassin erhielt Unterricht in allen jenen Wissenschaften, die ein Jüngling dieses Zeitalters nöthig hatte. Vater Welly beschloß nun zu Ende des Baues zu schreiten, und Salassin sollte die Welt kennen lernen, um seine Bestimmung, ein thätiger Staatsbürger und Vertheidiger des Menschheitswohls zu werden, allmählig zu erfüllen. Dazu war die Haupt- und Residenzstadt des vortrefflichen deutschen Kaisers ein sehr schickliches Mittel, von dem er sich alles versprach. Salassin sollte also nach einem Monden in die Stadt, so war es beschlossen und so blieb es.
Der Monden verflog, wie die Sekunde eines Traumes; — wochenlang bereitete man sich schon zur Abreise vor, die endlich da war.
Da stand vor dem Schlosse der angespannte Wagen mit zwei muthigen Gaulen zum Fortfahren bereit. Salassin wand sich aus dem Arm der Mutter, empfieng gerührt ihren segnenden Abschiedskuß, sah sich zärtlich noch einmal nach der heimischen Gegend, dem Park wo der Vater ihn Gärtnerey und Naturgeschichte gelehrt hatte, den Aeckern wo er den müden Schnittern im schwülen Sommer einen Labetrunk trug, den schilfumgrünten Teich, den Kieselbach wo er so oft gebadet, so manchen Fisch gefangen, so manchen Kahn geleitet hatte, die Hecken und Gesträuche in deren dunkeln Geflicht er der Nachtigall zuhorchte, die Wiese wo sein Hut einen Schmetterling erhaschte, die Haide wo er die Knaben kriegend anführte, das Wäldchen wo er im kühlen Schatten weilte, las und lernte, oder auf der Flöte blies, den Hügel von dem er im Winter auf Schlitten herabglitt, sah mit wehmüthiger süsser Erinnerung seines Knabenalters noch einmal diese traute Heimath, und stieg mit dem Vater in die Kutsche, die schneller denn eilende Winde vom heimischen Schlosse fortrollte.
Siebentes Kapitel.
Der Besuch.
Graf Welly hatte theils der Witterung, theils des Anschauens so mancher schönen Gegend wegen statt der flüchtigen Luftgondel die Kutsche zur Reise gewählt. Es waren gegen dreisig deutsche Meilen zur Stadt und der Vater hatte seinem Sohne noch manches zu sagen, zu errinnern, zu ermahnen, warnen, lehren u. s. w. Wie es denn die guten Väter bei solchen Gelegenheiten auch im achtzehnten Sekulum nicht daran ermangeln lassen.
Sie fuhren durch die herrlichsten Gegenden, die überall das natürliche Gepräge glückliche, zufriedene Bewohner zu haben, an ihrer Kultur trugen. Abwechselnde Ebenen mit sanften Gebürgen, bald licht, bald dicht bewaldet, bald mit Akacien, bald mit guten Kastanien, bald mit Citronen, Pomeranzen, bald mit Birken, Tannen, und andern schon in unserm Jahrhunderte verbreiteten Waldbäume waren überall zu sehen.
Wie? Citronen, Pomeranzen, Mandelbäumen im deutschen Vaterlande, und das noch dazu in Wäldern? Gedeihen sie doch izt kaum in Treibhäusern gut! Meine theuersten Leser, das ist wieder eine Eigenschaft des 23ten Jahrhunderts. Das Klima war schon zu Franz des II. römischen Kaisers Zeiten nicht das nemliche, so einst zu Herrmanns Zeiten war, schon nicht so rauh unfruchtbar und ungesund. Die ungeheuere Waldungen wurden verkleinert, die unzähligen Sümpfe darinn in urbare Wiesen gemacht, und in dem neuen Zeitraum ist nun das Klima ungemein angenehmer, sanfter, milder, und trägt nun so gut und fruchtbar jene Pflanzen, Sträuche und Bäume, die vor fünf hundert Jahren nur in den warmen südlichern Erdgegenden gediehen — dahin brachten es ebenfalls Menschen.
Sonstige Moräste sind itzo die lachendsten Wiesen. Hügel die sandigt, felsigt, nakt, und kahl waren, tragen nun die schönsten Weingärten, oder Kastanienwälder, und vom kleinsten Strauche bis zur Eiche zeigt jedes Gewächse das Gepräge einer bessern Veränderung.
Unsre zwei Reisenden waren am ersten Tage der Woche aus den vaterländischen Gefilden gereist, (das ist nach der itzigen Rechnung der Donnerstag) und kamen am Dritten in eine der lieblichsten Landschaften. Es war ein blumichtes Wiesenthal, das ein silberblinkender Bach dicht umbüscht mit Papeln, Erlen und Weiden durchmurmelte. Die Strasse wand sich regelrecht in einer graden Linie hindurch, von Nußbaumalleen beschattet, links und rechts mit den duftigsten Blumenbeeten eingefaßt, mit Rasen und Marmorbänken, mit Lusthäusern nicht im abgeschmakten bizaren chinesischen im rein deutschen Geschmake, niedlich zierlich und bequem für die Labungsbedürftigen gebaut. Quellen heller als Diamante sprudelten hie und dort aus künstlich angelegten und natürlichen Felsennischen an dem Wege, und in den nahen Gesträuchen und auf den Bäumen, sangen Fink und Hänfling den Reisenden ihre angenehme Lieder.
„Mein Sohn! — Wir kehren hier in diesem Schlosse, das mitten im Thal im Abendscharlach mit seiner vergoldeten Kuppel aus dem Baumwipfeln glänzt, bei meinem alten braven Freunde Bengler ein. Er war einst mein Jugendgefährte, ein deutscher Jüngling, und noch ein deutscher Mann, er wird uns freundlich aufnehmen, und bewirthen!“ Sagte Welly zu Salassin.
Wie ward Bengler adelich? — fragete der Sohn. Er hat verschiedne sehr gute Erfindungen gemacht entgegnete Welly. Er baute eine Windmühle — sieh! Dort klappert sie ja auf dem Felsenhügel! — mit vierzehn Rädern, wo der leiseste Wind das erste bewegt, die andern alle sich nachdrehn, und wo man in einem Tage dreimal so viel mahlen kann, als auf einer Wassermühle von eben so vielen Gängen in einer Woche. Es wird darinn Papier, Getraide, Hülsenfrüchte und so gar Drechslerarbeit zu Stande gebracht, jedes Rad treibt eine von der andern verschiedenen Gewerbsmaschiene. Bengler hat auch noch eine andere Mühle gebaut, wo blos Papier aber aus verschiedenen Gewächsen so gut und schön verfertigt wird, daß aus dem achtzehnten Jahrhundert das holländische so zu sagen nur ein gemeines Papier dagegen ist. Wir werden es besehen, wenn eine Weile übrig bleibt.
Sie kamen nach einer Viertelstunde bei dem Schlosse an. Der Besitzer saß eben mit einer Gesellschaft unter einer hochästigen Eiche, deren moosigten Stamm, dick, kaum von vier Männerarmen zu umspannen, ein niedlicher Marmortisch dunkel roth, und gelblicht weiß geädert umrundete. Rasensitze daran, auf denen die Gäste herum saßen, die fröhlich im Kranz herum den Rheinwein, aus hochhalsigen Kristallflaschen sprudelnd, in Pokalen tranken. Schon in der Ferne vernahmen die Reisenden den Wiederhall von ihrem Rundgesang, und als sie beide durch das grün und weiß angestrichene Staketenthor fuhren, klang eben die lezte Stropfe von dem edlen Liede eines Dichters aus dem 18ten Jahrhunderte.
Mit dem lezten abgesungenen Verse stand der Gastherr aus dem Kranze seiner Gesellschaft auf, und kaum hatte er Welly erkannt, so eilte er mit ausgestrekten Armen seinem alten Herzensfreunde entgegen. Der ganze Ring folgte, und brachte den Kommenden den Willkommenspokal.
Dies ist ein Becher, der in jedem Hause des Landes nach Verhältniß des Vermögens von Gold, Silber, oder bei minderbegüterten Landleuten wenigstens aus feinem Porzellain gebildet ist. Bei einem Gastmahle steht er in der Mitte des Tisches, und dem Gaste reicht ihn der Gastherr, der ihm aus einem zweiten das frohe Willkommen zutrinkt, worauf ein kleines Mahl beginnt.
Von Golde mit spielenden Brillianten besezt war der, den Bengler Welly reichte. Das Bild der Gastfreiheit und Freundlichkeit mit den Worten: Willkommen! war darauf geäzt.
O so drück ich denn noch einmal wieder dich, mein guter Wallingau, an mein Herz! — Sprach Bengler freudig. Sey willkommen!
Willkommen! Willkommen! scholls unter den andern, und die beiden Wallingauer wurden wie im Triumpf nach dem Rasensitz unter der Eiche geführt. Die ganze Gesellschaft ward munterer. Welly kannte außer seinem Freunde keins der Glieder, und doch waren alle so vertraulich und frei gegen ihn, als hätte man sich zu tausendmal gesehen, und seit unzähligen Jahren gekannt.
Salassin ward hingerissen von der lautern Munterkeit des Kranzes fröhlicher Menschen. Die Mädchen schielten mit lüsternen Blicken nach ihm, und wünschten ihm als sie erfuhren, er reise in die Residenzstadt, ein recht angenehmes Leben in der vergnügenvollen Stadt.
Der Abend sank vom leicht bewolkten Himmel auf rosigten Flügeln hinab, die Sonne glänzte am westlichen Horizont in halber Goldscheibe, und ein rother Strahl spiegelte in dem weniggefüllten Pokal. Man beschloß einen Spaziergang in den Park, und die Gesellschaft begab sich paarweise dahin.
Lolly — sagte Spengler zu seiner Tochter, einem Mädchen, dem an den Rosenwangen der Frühling zum sechzehntenmale blühte — Lolly unterhalte doch unsern jungen Gast recht gut.
Ja, Vater: das will ich schon thun! — meinte sie, und ihre Wange ward höher roth. Sie schloß sich an Salassin, und wandelte mit ihm in die schönen Gänge des Gartens.
Heute war ein sehr schwüler Tag! begann Lolly, indem sie schalkhaft ihren Führer anlächelte, der zum erstenmal an einer so schönen Seite gieng. — Ihr beiden werdet müde auf der Reise geworden seyn.
Um so angenehmer labt uns die Ruhe, und besonders hier, wo der kühle Abend, und so liebliche Blüthen um uns sind! — sprach Salassin etwas verblüft; denn ihm ward es schon bei Lollys ersten Anblicke wunderlich ums Herz. Wenn das Mädchen zehnmal ein allerliebstes Gesprächsel anfieng, ließ der schüchterne Salassin sonst so gewandt um frey — zehnmal ließ er den Faden fallen. Ein niegefüllter Drang klopfte schneller in seinem Pulse, und die Glut seines Gesichtes stieg höher bei jeglichen Blicke, den Lolly mit ihrem freundlichen Auge auf ihn warf.
Unsre Väter sind so gute Freunde, wie kommt es, daß sie sich selten besuchten? Ich sah dich noch niemal? — fieng Lolly wieder an.
„Mein Vater hat immer der Geschäfte so viele“ — Auch meiner und doch ist er fast jede Woche irgendwo zu Gaste.
„Die Entfernung von Wallingau nach — Wie nennet man dieses Dorf?“
Wallbach!
„Sind volle fünfzehn Meilen.“
Die kann man in einem Tage zurücklegen mit flüchtigen Luftgondeln.
„O ja! — es ist aber nicht immer gut Wetter.“
Sage lieber Laune daheim zu bleiben — Du fährst also nach der Residenz?
„Ja!
Wirst du nicht bald zurückkommen?
„Das läßt sich nicht bestimmen.
O du mußt uns öfter —
„Recht gerne!“
Das Gespräch hätte wieder sein Ende, und sie wandelten weiter in den labyrintischen Gängen des Parks. In der Mitte plätscherte eine Kaskade. Ein kristallener Erlenbaum schoß aus jedem künstlich gebildeten Zweige das flimmernde Wasser, das wie ein Staubregen in das Becken rieselte, und in einen schilfigten Teich rann.
Die Beiden weilten und sahen bald das schöne Schauspiel, bald — sich an, und ihr Lächeln, ihr schnell sich begegnender Blick fiel schneller zurück auf die Kaskade.
Eine Goldrose schwamm mitten im Teiche. Die leichten Wellen gaukelten sie näher an das Röhriggestade.
Eine Goldrose! — rief Lolly, und zeigte in den Teich. Salassin sammelte Kieseln, um die Blume durch ein geschicktes Werfen näher an den Damm zu treiben. Es gelang, und die Rose war fast mit der Hand zu erreichen. Schnell um dem schönen Gast zuvorzukommen, kniete Lolly auf den Grasdamm, und langte nach der Goldrose. Salassin der eben ein Stäbchen vom nächsten Strauche brach, stand mit dem Rücken gegen den Teich, und bemerkte die Müherinn nicht, die, indem sie nach der Blume tappte, das Gleichgewicht verlor, und mit einem lauten Ach! in den tiefen Teich sank. Erschrocken über den Schrey sprang Salassin dahin, als Lolly eben untertauchte.
Im Augenblick stürzt er sich nach, erhaschte sie, und schwamn das Mädchen in einem Arm haltend, damit er mit dem andern rudern könne, heraus.
Einen Theil der Gesellschaft führte der Zirkelweg auf die andere Seite des Teiches, sie erblickten mit lautem Hilfeschrein die klägliche Szene, aber kaum waren die meisten herbeigeeilt, als das Paar ganz naß schon wieder auf dem Damme stand.
Ich war so ungeschikt, — sagte Lolly, und streifte das triefende Wasser vom Gewand — und fiel in den Teich! O ich danke dir lieber Gast! Wie der Wind schnell trug er mich aus den Wellen!
„O nicht doch — ich war so unachtsam“ — wendete Salassin ein — „brach ein Stäbchen vom Strauche, um damit eine Rose aus dem Wasser zu ziehn, und bemerkte nicht, daß Lolly mir zuvorkomme, und indem sie sich nach der Blume bükte in den Teich sank.“
O gehe doch! ich bin Schuld daran! — eiferte das nasse Mädchen. Warum war ich —
Jaja! — rief ein anderes Mädchen schäckernd. Ich wette die Rose wars wohl eben nicht!
„Ey und was denn sonst?“
Gewiß sie standen beide da am Uferrand, und fielen, weil Lolly einem Kuß sich entsträuben wollte, unachtsam hinein.
Warum nicht gar“ — sagte Lolly mit jungfräulicher Verschämtheit. — Und wenn ich es thue, er hat mich ja aus dem Wasser getragen!
Und die Goldrose doch erhascht! — dachte Salassin, und die Gesellschaft verscherzte den leichten Schrecken.
Ihr seyd mir ein paar Unglückskinder! — rief Bengler lächelnd. Zum erstenmal sehn sie sich, und bestehen schon ein Abentheuer in einem gefährlichen Element! Kinderchen! Scheut künftig das Wasser!
Eiliger gieng man itzo dem Schlosse zu, und aller Gespräche Stoff war — die Rosenfischerei. Man lachte und schäckerte und würzte damit den Rest des Abends, bis man in den Schoos des Schlummers eilte. Lolly — träumte mit offnen Augen von — der Goldrose. Und Salassin? Dem verwandelten Salassin trieb ein süßes Empfindunggemisch den Schlaf vom Augenlied. Er schwamm mit der schönen Goldrose aus dem Teiche! Dies Bild wich ihm nicht aus dem Traume.
Achtes Kapitel.
Komm bald wieder zur Rosenfischerei!
Mit würzigen Kränzen aus Rosen gewebt,
Verketten sich Herzen durch Liebe.
Nicht leichter erhellet der mondliche Schein
Das kühlige Dunkel im flüsternden Hain
Als Herzen der Sonnenglanz — Liebe.
Kaum hatte der Nachtwächter Hahn in seine kreischende Trompete gestossen, kaum röthete blaß noch der neue Tag den Ost da erwachten mit dem Geflügel des Hofes die Gäste im Schlosse.
Heiterkeit glänzte an jeglicher Stirne, wie an der Stirne des Tages der heitre Morgen glänzt. Freude, Munterkeit erwachten mit ihnen, und alle riefen sich: Guten Tag!
Fröhlicher als alle noch war die reizende Lolly, lieblich wie die sich entwickelnde Morgenröthe, scherzend und sanft wie das Lüftchen vom Fächer erregt, und unschuldig, wie ein junges Ringeltäubchen. Ein anderes Gewand aus feinstem Flor umfloß ihren rohrschlanken Wuchs, das lange, blonde, kunstlos geringelte Haar flatterte im Morgenwind, der ihre blühenden Wangen küßte.
Guten Morgen! — sagte sie ein paarmal zu Salassin, den ihr Anblik wie ein Zauberbild verwirrte.
Guten Morgen! — erwiederte er sanft, und schaute verlegen durch die auf ihn gehefteten Blicke der weiblichen Gäste, auf — Lollys Schuhe. Auch er hatte sich netter als sonst gekleidet, zwar gab er vor, es sey geschehen, weil gestern sein Reisekleid naß geworden, und noch nicht getrocknet sey.
Aber seht mir doch den Schalk! — um Lolly zu gefallen, zog er sein schönstes Gewand an. Um dem reizenden Mädchen zu gefallen, schmükst du dich, guter Salassin! mit deinem besten Kleide? Zwar du mögtest dir selbst nicht so ganz deutlich sagen können, warum? Doch meintest du — es stünde dir doch besser, und — und — Aber fast meint ich, du wärest ein Stutzer des 18ten Jahrhunderts, die alle ihre Schönheit, und wohl auch ihre Menschenähnlichkeit dem Kleide verdanken, aber in deinem Sekulum wo das sinnlich Schöne weniger als das Geistige gesehen wird? Je nu, man besucht itzo und immer zuerst das Kleid der Rose, eh man an den Honig denkt! — Aber dir war es wohl immer nöthig guter Jüngling! Im ersten Worte, das ihr beide spracht, waren eure Seelen verflossen. Da blick einmal hin, wie sie nach dir zurükschilt, wenn ihr der Vater zuflüstert, sie solle das oder jenes für die Gäste besorgen! Wie sie alles schnell und eilig verrichtet, um — nur bald wieder unter die Gäste zu kommen. Unter die Gäste? — Ja, deutsch gesagt — zu Salassin. Lieber wie ist dir zu Muthe, wenn sie dich zärtlich fragt, wie du nach dem gestrigen Schrecken geschlaffen? Ob du dich nicht erkühlt hast? Wie sie so vollmondfreundlich zurüksieht, wenn dein Lächeln ihrem begegnet? Salassin! Denk’ an die Stadt! Ohne Herzchen darfst du beileibe nicht dahin kommen! Ja wenn die Damen in deinem Jahrhunderte wie diese in unsern wären, daß sie darauf Verzicht thäten! Doch sey guten Muths! Du erhältst für dein Herzchen ein anderes dir gewiß noch wertheres — Lollys — zur Lebenszehrung.
Der Kranz der Gäste sammelte sich um das Frühmahl. Ein Lied gefühlvoll wie die Sänger ward angestimmt. Lolly schlug das Euphon dazu, und Salassin mit seinem ganzen Ich ein Ohr, bemerkte nicht, daß alle über ihn lächelten. Schlägst du nicht auch Euphon? — fragte Bengler den aufmerksamen Träumer.
Ich — bin ein Klimperer gegen Lollys Spiel! war seine Antwort.
Das ist zu bescheiden! Eine Schmeichelei! — riefen einige der Gäste. Versuch es, laß uns doch hören!
„Spannt aber die Erwartung nicht zu sehr — ich —“ Jaja! — sagte Lolly, indem sie ihn an das Euphon zog, — Du konntest gestern so gut schwimmen, also — Mußt du auch gut Euphon schlagen! Ueber den Mädchensyllogismus! — lachte Bengler.
Salassin faßte sich, und spielte. Wie er vorhin die schöne Künstlerinn bewunderte, bewunderten ihn alle itzt, am meisten was ganz natürlich zu enträthseln ist, die Blume des Gastherrn selbst.
Salassin goß den Schwall der Empfindungen, die in seinem Herzen rangen in eine harmonische Fantasie. Alle fühlten die sanfte Wehmuth, wenn er im schmelzenden Moll klagte, alle waren hingerissen von dem Feuer, wenn er seine Gefühle in die wiedertönenden Saiten stürmte, alle bewegten die Füsse wenn er im lieblichen Allegro tändelte. Lolly wäre dem Zauberer beinahe um dem Hals gefallen.
Meisterhaft! Vortreflich! — riefen die Gäste, und klatschten ihm ihren Beifall. Du mußt dich in der Stadt bewundern lassen!
Um Vergebung! — sprach Salassin, — nicht meine Geschicklichkeit — das vortrefliche Euphon, das sich so gut ausnimmt —
„Weil du so gut spieltest — sagte Lolly — warte, laß uns doch auch deinen Gesang hören. Hier ist ein Duetto von dem Musiker des 18ten Jahrhunderts, Mozart.
Richtig! Der Einfall war schön! — riefen die Andern. — Sie sangen, O welch ein Gesang! Der liebliche Tenor mit des Mädchens Nachtigallsoprano schmolz so zärtlich — so gefühlvoll, so süß ineinander — Natur und Kunst war so schwesterlich vereint, — alle vergaßen wie bezaubert des Frühmahles im Hören verloren.
Die beiden Väter blickten sich mit frohem Gesichte an, in jedem stieg der leise Wunsch auf: Welch ein herrlich Paar könnten unsre Kinder werden!
Graf Welly wurde mit Lob und Schmeicheleien über seinen Sohn überströmt, und freute sich innig. Man schloß endlich das ergötzende Schauspiel, und Welly sprach von der Abreise.
„Nicht doch Freund! Bleibe noch da! Du versäumst ja nichts! Wir sahen uns lange Jahre nicht! Die Stadt entläuft ja nicht!“ — warf Wallbach ein; als dieser sich zu empfehlen begann.
„Halte mirs zu Guten, theurer Wallbach! Meine Gattin würde bangen, träf ich zur bestimmen Stunde nicht ein in der Heimat.“
O dann sey unbesorgt! ich schick eine Luftgondel um sie!
„Ein andermal Freund! Ein andermal! Nun — wie du willst. Zwang ist meine Sache nicht!
Die beiden Wellyngauer empfahlen sich; allen war leid, und alle bedauerten die kurze Dauer des Vergnügens, das dieser Besuch gewährte, am leidesten war’s — Lolly. Sie hätte gern alle Kutschen und Pferde, Gondeln und Fahrzeuge verzaubert, wenn es in ihrer Macht gestanden wäre; ach! ihr war der schöne Schwimmer, der geschickte Euphonschläger lieber und theurer geworden, als den Mädchen des 18ten Jahrhunderts die — Schminke.
So gefiel es dir nicht bei uns? — fragte sie trübe, den eben nicht sehr heitern Salassin.
„Mir? Könnte mir der Himmel besser gefallen?“
Und doch dringst du so auf die Abreise?
„Mein Wille muß des Vaters Wille seyn.“
Aber du kömmst doch bald wieder?
„Land und Meer!“ — sprach Salassin, und verbarg die schnellaufsteigende Gesichtsröthe mit dem Schnupftuch. Eine kleine Pause, worinn sich die Beiden wechselseitig anblickten, und die Augen sprechen ließen, was wir freilich nicht verstehen, da wirs nicht hören — zulezt ein unwillkührlicher Händedruck — endlich ein feuriger Abschiedskuß, und Leb wohl! Lolly! — Leb wohl! Salassin — Das war das Finale ihres Duetto.
Die Pferde wieherten im Hofe, und wühlten mit den Hufen im Boden, da traten alle vor das Schloß, man schied unter gewöhnlichen Abschiedsumarmungen, und die beiden Wellyngauer rollten in der Kutsche unterm Zuwinken der Zurückgebliebenen die Strasse weiter.
Salassin! Daß du ja bald wieder Euphon in Walbach schlägst! — rief Lolly ihm zu, als er in die Kutsche stieg. Er nikte stumm die Antwort, und das weiche Mädchen, suchte auf der Erde, als hätte sie etwas verloren, inzwischen, verbarg sie so nur ein kleines Thränchen, das ihr wider Willen entquoll. Jaja! Komm nur bald wieder zur Rosenfischerei! scherzte ein anderes Mädchen.
Neuntes Kapitel.
Die müden Wanderer.
Warum bist du so traurig? — fragte Vater Welly, nachdem sie Walbach weit im Rücken gelassen hatten. Du warst doch gestern heiterer auf der Reise!
„Ich dachte — was wohl die Mutter machen würde?“ Welly lächelte über die unvermuthete Wendung, und sah ihn mit einem forschendem Blicke an. Darum sprichst du heute kein Wörtchen? Sitzest da ohne Geist und Seele, wie ein mechanisch sich bewegender Fleischklumpen? Gukst immer zurück, woher wir kommen? Seufzest wohl auch gar, wenn du glaubst, ich bemerk es nicht.
„Mir ist — vom Fahren bange geworden, und das Wetter, so da plötzlich den schönsten Tag, in den trübsten verwandelt hat, ist —“
Doch nicht etwa im Barometer deiner Seele auch auf den Regenpunkt gerükt?
„Der Einfluß —“
Des Regenwetters, war ja nie auf dich so groß, daß du trübe geworden wärest. Hattest du nicht immer sonst deine Freude daran, wenn die blitzenden Tropfen flimmernd vom Himmel rieselten? und das staubichte Baumlaub abwischten, die Luft heitrer und angenehmer zu athmen war? Salassin?
„Mein Vater —“
Mein Sohn! Du hast nicht Ursache deinem Vater und deinem Freunde diese Bewegung, die in dir vorgeht, so sorgsam zu verbergen. Lolly —
Salassin schlug die Augen nieder, und hörte bei diesem werthen Namen aufmerksam zu.
„Lolly ist ein edles liebenswürdiges Mädchen, deine keimende Liebe, die ein nicht blinder Vater sehr leicht bemerken muß, tadl’ ich nicht.
„Liebe? mein Vater!“ sagte Salassin und drückte sich mit inniger Rührung an des Vaters Brust.
Ich glaub es dir gerne, daß du deinem Empfindungsgemische den Namen nicht zu geben weist. Deine Unerfahrenheit — aber Salassin! Laß diesen Trieb in deinem Innern noch nicht zu stark sprossen, daß er deinen andern Seelenkräfte nicht zu sehr verdränge, deine Lebens und Geisteskräfte nicht erschlaffe! Werd ein edler Mann! Sammle dir Verdienste, und ich will die Stunde zu meinen seligsten zählen, in der Lolly dir als Gattin zugeführt wird.
Der düstre Salassin ward mächtig getröstet, und erheitert. „Ja mein Vater! — rief er — edel und rechtschaffen will ich immer in deine Fußstapfen treten, deine väterliche Liebe sey mir ein Leitstern, der mich nie im Labyrinthe der Laster vom graden Weg der Tugend irren lassen wird!“
So mein Salassin! Und dann komm als unsre einzige Lebensfreude in die Arme deiner beglückter Eltern!
Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolken waren zertheilt, und des Himmels freundliches Blau lachte durch die zerstreuten Wolken. Die Sonne glänzte lieblicher auf die erfrischten Gefilde.
O Vater! — fieng schnell Salassin an, indem er auf die Strasse sah — Dort gehet ein paar Menschen. Sieh! ein junger Mann mit einer kränklichen Frau. Wie ihre dürftigen Kleider vom Regen triefen. Der junge Mann trug sie auf dem Rücken, führte sie bald, bald nahm er sie wieder auf sich —. Die sind gewiß sehr müd und matt. Nehmen wir sie doch in unsern Wagen. Ich setze mich zu Thomas auf den Bock.
„Brav, mein Sohn! — Thomas!“
Herr!
„Jage die Pferde, und wenn du dies Paar Leute eingehohlt hast, halte!“
Gut, Herr!
In wenigen Augenblicken stand der Wagen, Salassin sprang heraus, und führte die matte kranke Frau auf seinen Sitz, ohne viel Worte zu wechseln. Ihr Führer dankte mit herzlicher Freude, und wollte zu Fusse fort.
„Nur auch herein! — sprach Salassin!“
O guter Mann! ich bin ja noch jung, und rüstig, wenn nur meine liebe Mutter — Nein, mein Sebald — sagte die Mutter halb erschöpft. — Herr nimm ihn statt meiner in den Wagen, wenn du so gut seyn willst. Er hatt mich schon einige Stunden weit auf dem Rücken getragen — er kann seine Füsse kaum mehr heben.
Beide, beide herein! — sagte Salassin, — half ihnen in die Kutsche, und sezte sich zu dem Kutscher der Bequemlichkeit der Müden halber auf den Bock. Der junge Mensch gewahrt es kaum, als er schnell aus dem Wagen sprang und sprach: diese Güte kann ich nicht annehmen — laß lieber mich dahin, — warum sollst du dich deiner Bequemlichkeit berauben.“
Wie haben alle viere Platz! — entschied Welly, und sie saßen beisammen. Die müde zitternden Fremden sahen sich bewegt an, und nickten sich zu: Gott hat uns diese Edlen zu Rettern geschickt!
Zehntes Kapitel.
Geschichte dieser müden Wanderer.
Salassin vergaß an — Lolly, er war so froh und munter, und wußte nicht warum? Woher kommt ihr guten Leute! — fragte Welly als sie sich einigermassen erholt hatten. Ihr habt heute eine garstige Witterung zur Reise gehabt.
Wir wanderten — nahm der junge Mensch das Wort — schon viele Monden aus den nördlichen Provinzen Deutschlands. Ich bin ein Mahler meiner Kunst, und wollte nach der Residenzstadt des Kaisers.
Ein Mahler? — dachte Salassin, und bei der Vorstellung von Gemälden schwebt Lollys Bild schnell vor seiner Seele. Mahler haben in unserm Lande viel Verdienst! Die Vorstäher des Mahlermusäums belohnen Geschicklichkeit, wenn sie ausgezeichnet ist, sogar mit Beifall und Gütern.
Der junge M. Ich kenne Germanien wiewohl England mein Geburtsort ist, denn ich bin hier aufgewachsen; und habe mir seit mich mein Lehrmeister fähig hielt durch Fertigkeit mein Brod zu verdienen, manchen schönen Gulden verdient. Vor acht Monden wurden wir an der Küste Hollands, von Seeräubern überfallen, die uns außer dem Leben und dem Kleide, so wir angezogen hatten, nichts, nicht einmal meine nöthigsten Werkzeuge liessen. Meine Mutter erkrankte mir überdies bald darauf, und da mir alle Mitteln zu arbeiten fehlten, schlepten wir uns elend von Ort zu Ort. Zwar haben wir der braven Menschen viele angetroffen, die uns gastfreundlich aufnahmen. In einem Orte waren wir wohl vier volle Wochen, wo ein edler Pfarrer meine liebe Mutter vom Fieber kurirte: er sammelte noch überdies bei seiner Gemeinde einen Zehrpfennig für uns, wir reisten gemächlich bis auf wenige Meilen hieher, wo wir nun sind, aber vorgestern schon war ein Trunk Wasser und ein Stück Brod unsre einzige Labung. Die Leute können uns die Ehrlichkeit nicht im Gesichte lesen, und also betteln — Herr
Welly. Was ein Mahler in unsrer Zeit betteln?
Der junge M. Das fiel mir schwer — so unmöglich — aber doch war meine Mutter nicht anders zu erhalten. Ich nahm all meine Stärke zusamm, und sprach einem der reichsten Häuser im Dorfe zu. Ein Mann saß darinn am Tische, und zählte eben eine ungeheure Summe Geldes, das in hohen Haufen aufgeschlichtet war. Der Mann war ein Gerippe, und als er mich ersah, sprang er schnell von seinem Sitze und stieß mich zur Thüre hinaus. Auf immer abgeschrekt empfahl ich meine Mutter und mich Gott, und trug sie weiter von Ort zu Ort, bis ihr uns traft.
Welly. In England bist du gebohren? Deine Denkart ist aber sehr deutsch; du warst gewiß nicht lange da!
Das glaub ich — nahm die erholte Mutter das Wort — Mein Sebald war noch in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der bei der Armee der Normänner, die damals gegen Deutschland im Felde war, seyn sollte; denn er war entflohn, und gewiß wußt ich es nicht wo er lebte. Wir zogen überall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er todt. Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines Tages am Abend lag ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald war schon sechs Jahr alt, neben mir, und wollten hier die Nacht verschlafen, von allen entblöst was uns ein besseres Lager hätte bereiten können. Ein wohlhabender Mann sah unser Elend, und ließ uns, da wir auf den Füssen nimmer stehen konnten, in ein nahes Städtchen fahren. Er gewann Neigung für uns, behielt mich, da seine Gattin kurz vorher gestorben, und 4 unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo ich der Arbeit genug, und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der meinen Sohn die Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr wohlhabender Mann geworden war. Weit und breit war er berühmt, und aus fremden Ländern bestellt man sogar Gemälde bei ihm. So lebten wir bis der wohlthätige Mann zu unserm Jammer starb.
Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zärtlicher sorgsamer Vater. Ach! nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen Kindern gleich mich erzog. Ruhe, süsse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen damals dieses Städtchen, und kamen nach den Unfällen, die ich bereits anführte, hieher, wo uns Gott in euch einen zweiten Retter sandte.
Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Daß würde jeglicher gethan haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die Vaterstelle übernehmen, will fernhin für dich sorgen. Sey selbst auch thätig, dann wirst du einmal über nichts zu klagen haben. In unserm Jahrhundert verhungert nun kein geschickter Künstler mehr. Die Zeit der Barbaren, wo die Dumköpfe im Ueberfluß schwelgten, die verdientesten Köpfe darbten, ist gottlob nicht mehr. Ich will den Tag unter die schönsten meines Lebens aufzeichnen, an dem ich dich fand, und dem Vaterlande einen braven Bürger und geschickten Künstler, durch eine so geringe Hilfe erhielt. Salassin! — Ihr bleibt Gefährten — Freunde, Brüder! meine Söhne!
Sebald drückte voll ungestümmer Freude Wellys Hand, auf die eine glühende Thräne des stummen Dankenden rann.
Du kennst mich so wenig — stammelte er — und zeigst dich so edel gegen mich. Diese Güte — dies Zutraun richtet mich auf! Nimm — ich habe nichts als stille Thränen zum Danke — Die Geretteten — hier deutete er wortlos auf seine entzückte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.
Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brüder und blieben es.
So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmählig der Stadt näher. Sebalds Leiden gefurchte Stirne glättete die namenlose Wonne, die ihm im Innern glühte. Er war ein blühender junger Mann, voll Fähigkeiten, voll Streben, seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter Natur beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte von dem Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen Kleidern schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes Gewölke.
Seiner Mutter eine ungefähr vierzigjährige Frau, mit den unverkennlichen Spuren ehemaliger Schönheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben, doch bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch in jeder Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth gar zu deutlich, daß sie einst edel erzogen, der Dürftigkeit nicht bestimmt war, die sie nun drückte.
Seelenvergnügt war Welly und sein Bewustseyn maaß ihm bereits ein hohes Gefühl süsser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzählungen und Gesprächen vergaßen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und träumten von dem Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen würde. Salassin durch diese zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von Bildern sprach, an Lollys lebendiges Bild.
Eilftes Kapitel.
Die Stadt.
Hoffe Ruh im Mißgeschicke,
So das Daseyn dir vergällt.
Bald entwölkt sich deinem Blicke
Eine Flur, vom goldnen Glücke
Für den Dulder aufgehellt.
Fort rollte der Wagen die Strasse zur Stadt. Der lezte der Berge verbarg sie nur noch. Itzt waren sie auf seinem Nacken, und ausgegossen lag in einer unermeßlichen Ebene die unübersehbare Residenzstadt. Welch ein entzückender Anblick für die Reisenden! In der Mitte stand die Residenz des germanischen Kaisers, mit stark vergoldeten Dächern, mit Erkern und spiegelnden Fenstern wie eine kleine Stadt. Im Kreise um sie herum die Paläste der Fürsten in schöner Ordnung, jeder vom andern durch einen prächtigen Garten abgesöndert. Um die Fürstenwohnungen in mäßiger Ferne die Gebäude der Edlen, und an diese schloßen sich die simetrischen Häuser der Bürger, auch diese immer durch Gärten getrennt, in welchen hochwipflichte Bäume über die blanken Dächer grünten. Eine dreifache Schanze mit ungeheuren Wällen und Gräben umhügelte in einem Ring die ganze Stadt, durchschnitten von breiten regelmäßig angelegten Strassen und Gassen, mit unzähligen Plätzen, wo Alleen und Denksäulen standen. Auf vier Seiten gleich an der Stadt ragten vier unbezwingbare Kastelle auf Hügeln empor, ein majestätisch gleitender Strom mit blauen Wasserspiegel, mit Schiffen und Kähnen besäet umarmte den einem halben Kranz der Stadt. Wie blinkten die Thürme mit gelben Spitzen im Sonnengolde! Wie mischte sich das Farbenspiel der Mauern, der Dächer, der Bäume mit den bläulichen Wolken die aus Schorsteinen stiegen!
Die Reisenden kamen zum Thore. Ein Mann trat an die Kutsche, und fragte ganz artig: Wer bist du? den Grafen.
„Graf Wallingau.“
Sogleich traten die wachthabenden Soldaten auf des Thorstehers Wink unter Gewehr, schulterten, und Welly fuhr ungehalten weiter.
Das bunte Menschengewimmel, der itzt noch lebhaftere Anblick der Gebäude, der schönsten Baukunst Meisterstücke, die mannigfältige Abwechslung gewährte den Ankommenden ein süsses Schauspiel. Sie hielten auf dem Platze der Gasthöfe, den eine lange Reihe der schönsten Einkehrhäuser formte. Die vergoldeten Schilde glänzten. Hier hieß es: zur Treue, dort zur Liebe. Da: zur Hoffnung. Hier: zur Menschlichkeit. Wieder dort: zum Vaterlande.