SECHS JAHRE IN SURINAM
ODER
BILDER AUS DEM MILITÄRISCHEN LEBEN
DIESER COLONIE,
UND
SKIZZEN ZUR KENNTNISS SEINER SOCIALEN UND
NATURWISSENSCHAFTLICHEN VERHÄLTNISSE
VON
A. KAPPLER,
früher in holländischen Militärdiensten.
STUTTGART.
E. SCHWEIZERBART'SCHE VERLAGSHANDLUNG UND DRUCKEREI.
1854.
MEINEM VEREHRTEN COMMANDANTEN,
DEM PENSIONIRTEN MAJOR
Herrn C. B. KRAYENHOFF VAN WICKERA
IN PARAMARIBO,
GEWIDMET.
VORWORT.
Das Interesse, welches in neuester Zeit das holländische und französische Guyana bei Manchem erregt, die verschiedenen Meinungen, welche über Sklaverei herrschen und das schlechte Prädicat hinsichtlich des Gesundheits-Zustandes beider Colonien ermuthigten mich, die Erfahrungen und Erlebnisse während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Surinam auf diesem Wege mitzutheilen.
Diese gehören zwar nicht der jüngsten Zeit an; denn obwohl ich Surinam seit siebenzehn Jahren bewohne, so habe ich doch den militärischen Stand schon seit eilf Jahren verlassen, und meine jetzigen Verhältnisse, obwohl manches Unterhaltende darbietend, können keine weiteren Bemerkungen über die Natur und lokalen Beziehungen, welche dieselben geblieben sind, gestatten.
Es gibt manche Reisebeschreibungen über Surinam, aber keiner der Schriftsteller, Stedman etwa ausgenommen, hat sich in Lagen befunden, wie ich, hat die Hitze der Tropen und ihre Regengüsse wie ich gefühlt, von Mosquittos geplagt, lange Nächte durchgewacht oder am bescheidenen Soldatentische mitgegessen, daher bei dem reizenden Bilde, das die Natur zwischen den Wendekreisen liefert, die Schattenseite übersehen, oder wenigstens nicht aus Erfahrung beschrieben. Trotz den Berichten der Reisenden, die der Wahrheit gemäss sich über diese Colonien günstig äusserten, blieben Surinam und Cayenne verrufene Länder. Man glaubte, dass die heisse Luft in den Sümpfen Guyana's nur Mosquittos und Reptilien ausbrüte, und Epidemien und Fieber ununterbrochen aufeinander folgen, und der Ruf der Sklaverei, unter der die armen Schwarzen seufzten, wirkte noch unheimlicher auf die Phantasie, die so häufig das Wahre und Wahrscheinliche verwirft, um sich am Mährchenhaften und Unglaublichen anzuklammern. Dazu kamen noch manchmal die übertriebenen Berichte von katholischen und protestantischen Missionären, die im Interesse ihrer Congregationen die Zustände schilderten, oder ihre Leistungen ausschmückten, um fromme Seelen zum Abscheu und zu Beiträgen zu bewegen; kurz man schauderte vor beiden Colonien, nur Erbschafts-Candidaten schlossen sie in ihr Gebet ein.
Ich habe beim Niederschreiben dieser Blätter mich blos meiner und nicht anderer Erfahrungen bedient, sie sind aber genau und wahr und ich glaube den Zweck, durch diese Skizzen zur Kenntniss der socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse Surinam's beizutragen, damit zu erreichen.
Stuttgart, im Juni 1853.
A. Kappler.
Erster Abschnitt.
Ursachen der Abreise. Anwerbung in Amsterdam. Ankunft und Aufenthalt in Harderwyk. Einschiffung in Hellevoetsluis. Lebensweise an Bord. Strafexecution. Abreise. Beschäftigungen während der Ueberfahrt. Seepolypen. Anblick des Landes. Einfahrt in den Surinam. Ausschiffung und Aufenthalt auf Forteress Amsterdam. Der Mangobaum.
Ohne eine vorherrschende Neigung für das eine oder andere Fach, das meine bewegliche Individualität besonders angezogen hätte, wählte ich in meinem vierzehnten Jahre das des Handelstandes, wiewohl ich ohne alles Vermögen blos die Aussicht hatte, in ewig subalterner Rolle mein Leben lang hinterm Ladentische fungiren zu müssen, wenn nicht das zweifelhafte Glück mir zur Selbstständigkeit verhülfe.
Durch den Tod meines Lehrherrn musste ich St. verlassen, und, da meine Lehrzeit noch nicht beendigt war, im Laden eines Specereihändlers in einem kleinen Landstädtchen vollends ausstudiren.
Es war auch in der That ein Studium, mir die neuen Verhältnisse eigen zu machen: kaum graute der Morgen, als man zum Verkaufe von Tabak, Zucker und Kaffee das Bett verlassen musste, und regelmässig beschien die aufgehende Sonne Haufen frisch gepappter Tüten verschiedenen Kalibers. Zimmt stossen und Pfeffer mahlen waren kleine Intermezzo's im Ciklus der täglichen Geschäfte, und mit dem Behängen der Fenster mit baumwollenen Tüchern, prächtigen Pfeifen und Rauchtabak-Etiquetten für den kommenden Sonntag schloss die Woche.
Die wenigen Stunden, welche ich des Sonntags für mich verwenden durfte, verlief ich einsam in den nahen Wäldern, oder erkletterte die uralten Thürme der Stadtmauer, um die häuslichen Einrichtungen der dort privatisirenden Eulen zu inspiciren.
Mein Principal, der die Lungenschwindsucht hatte, und desshalb nicht immer bei rosenfarbener Laune war, wünschte mich, wenn ich nicht immer den Ehrgeiz, den ein mittelloser Lehrjunge vor seinem Lehrherrn zeigen muss, zur Schau trug, oder den Tabak mit einer gewissen Nonchalance abwog, in's Pfefferland, welch' frommem Wunsche ich denn endlich auch noch nachkam.
Als meine Lehrzeit vorüber war, bekam ich als Commis eine Stelle in der bedeutenden Handelsstadt H. Hier erst zeigte sich mir der Handel von seiner ehrwürdigen und grossartigen Seite. Bedeutende Kaufleute hatten hier selbst mehrere Commis, und für Lehrjungen war H. die wahre Akademie des Handels. Aber der Widerwillen an meinem Berufe hatte schon zu tief bei mir Wurzel gefasst, als dass ich in dem erweiterten Handelskreise an merkantilischen Kenntnissen noch hätte profitiren können. Ohne ein festes Wollen und Ziel war mir die freie Natur das Liebste, nichts widerlicher als die dumpfige Ladenluft und der gellende Ton der Thürglocke.
Ich beschloss endlich, mein Glück in der weiten Welt zu suchen und in Griechenland, wohin sich in dieser Zeit jeder desperate Kopf anwerben liess, mich unter das Militär aufnehmen zu lassen. Mit diesem Vorsatze und sehr wenig Geld verliess ich am 1. März 1835 H. und sagte im Stillen meinen Oefen und Kacheln, sowie allen Ladenzöglingen der guten Stadt ein herzliches Lebewohl.
Es ist hier nicht der Platz, die Abenteuer dieser Reise zu erzählen. Ohne Pass konnte ich nicht Mitglied der griechischen Legionen werden, und musste desswegen mit hängendem Kopfe wieder in die Heimath zurückkehren.
Ich richtete nun meinen Blick auf Ostindien, dessen Gewürze ich mit so grossem Widerwillen zerstossen und zermahlen hatte, und beschloss, das Pfefferland zu suchen, wohin mich mein griesgrämiger Lehrherr gewünscht hatte.
Nichts stellte sich jetzt mehr meiner Abreise entgegen. Die Meinigen hatten einsehen lernen, dass von mir nicht viel mehr zu erwarten sey, besorgten mir einen Pass und bescheidenes Reisegeld, um in Holland mich anwerben lassen zu können, und so verliess ich abermals am 14. Juli 1835 meine Vaterstadt, um nach dem Norden zu pilgern, da man mich im Osten nicht haben wollte.
Durch die Schnelligkeit meiner Füsse und des Dampfbootes war ich bereits am zweiten Tage in der Grenzstadt Nymwegen. Wie fremd und neu war mir alles hier; wie bewunderte ich die Reinlichkeit und Eleganz selbst der kleinsten Dörfer Hollands! Welcher Unterschied zwischen den Landstädtchen und Dörfern Süddeutschlands, wo ein Misthaufen an den andern stösst, und man im Schmutze der Strassen beinahe versinkt! – Hier sieht man bei jedem Schritte den Wohlstand des Landes; dasselbe ist zwar eben und arm an malerischen Partien; aber der wohlangebaute Boden, die kolossalen Wasserwerke und gemeinnützigen Bauten, die herrlich angelegten Wege und Kanäle ersetzen dem Besuchenden reichlich den Mangel an pittoresken Scenen.
Hätte meine Börse, die mich in Holland nicht mehr sehr drückte, es zugelassen, ich hätte wahrscheinlich nicht so geeilt, unter den Commandostab der Corporale zu kommen. So aber war ich genöthigt, mich in Amsterdam anwerben zu lassen, und nach wenigen Umständen trat ich ohne Handgeld unter die holländischen Kolonialtruppen.
Das Depot dieses Corps lag in der kleinen Stadt Harderwyk, an den Ufern der Zuydersee, wohin ich mit dem Botenschiffe am 27. Juli abfuhr. Mit den wenigen Cents, welche mir übrig geblieben waren, ging ich so glücklich und zufrieden an Bord, als hätte ich eine reiche Erbschaft zu holen. Einige Juden und Fischer lagen im Raume umher und sprachen fleissig dem mitgebrachten Genever zu, oder schnarchten, bis wir um 2 Uhr des Nachts am Brückenkopfe der Stadt landeten.
Ich konnte kaum den Tag erwarten, an dem ich meine militärische Laufbahn antreten sollte, und befand mich schon frühe an den Ufern der Zuydersee, wo ich einige Haufen Menschen erblickte, die man in ihren groben, grauen Hosen und Wämsern für Zuchthauseleven zu halten nicht abgeneigt war. Es waren aber Soldaten, die ohne Waffen erst das Gehen und Stehen nach dem Takte zu erlernen hatten, und ich erfuhr, dass meiner eine eben so zierliche Kleidung harre. Die weitere Beschreibung der Lebensart dieser Colonialen war ebenso wenig einladend als ihre Kleidung, und mein Enthusiasmus für die Sache war dadurch beinahe am Sinken. Aber – tu l'as voulu, dachte ich, und liess mich beim Commandanten melden.
Der Colonel, Commandant des Depots, war ein freundlicher Mann, und ganz geschickt, den Eindruck, den die schlechte Uniform seines Corps auf die Neuankommenden machte, zu verscheuchen. Er war ein Schweizer und sprach deutsch mit mir. Nachdem er meine Papiere durchgelesen hatte, wurde ich nach der Kaserne gebracht, wo ein Haufen Neugieriger mich umringte, und aus meiner Kleidung Folgerungen machte, wer und woher ich wäre.
Der grössere Theil meiner neuen Kameraden waren Deutsche, und zwar aus allen Theilen des gemeinschaftlichen Vaterlandes: Hannoveraner, Hessen, Sachsen, von der polnischen Grenze, Preussen und Oesterreicher; man hörte alle Dialecte, und obgleich, wie ich mich eben ausdrückte, alle diese Herren der Kleidung nach genau den Sträflingen gleich sahen, so war man doch in ganz nobler Gesellschaft; denn man fand Grafen und Barone, weggelaufene Doctoren, bankerotte Kaufleute, entlassene Officiere und Schauspieler, welche kein anderes Engagement hatten finden können, ja selbst einen katholischen Geistlichen, Alle entschlossen, der Fortuna, die ihnen in Europa nicht lächeln wollte, in Ost- oder Westindien freundliche Blicke abzulocken.
Ein Landsmann, der früher Officier war und aus einer sehr angesehenen Familie Württembergs stammte, aber durch Ausschweifungen und Liebe zum Trunk genöthigt wurde, dort seine Entlassung zu nehmen, besorgte mir einen Kessel mit Suppe, der ich mit grossem Appetite zusprach. Er war vor Kurzem erst angekommen, und konnte sich in die neue Lebensweise nicht recht fügen. Ausser dem Genever fand er Alles abscheulich.
Am folgenden Tage wurde ich gekleidet, wobei sich ein Jude einfand, der meine abgelegten Kleider kaufen wollte, sie aber so nieder anschlug, dass ich ihm keine Antwort gab. Da jedoch der Fourier, der sicher jedesmal etwas profitirte, Schwierigkeit machte, das abgelegte Zeug in die Kaserne zurückzunehmen, so liess ich dem Schurken Alles für ein Spottgeld. Jetzt ging es an's Exerciren, wobei ich mir schrecklich viele Mühe gab, die sanften Erklärungen der Corporale zu begreifen, da ich der holländischen Sprache nicht mächtig war.
Unsere Lebensweise war nun folgende: des Morgens 5 Uhr schlug's Reveille, wobei durch die Corporale das Brod ausgetheilt wurde; um 6 Uhr begann das Exerciren, das bis 9 Uhr dauerte, um 10 Uhr war Apell, hernach ass man eine wohlschmeckende, kräftige Suppe, worauf von 1-4 Uhr wieder exercirt wurde. Um 4 Uhr war abermals Apell, wobei jedesmal ein geputztes Waffen- oder Kleidungsstück zur Inspection gebracht werden musste. Hierauf kam ein Gericht von Erdäpfeln, Radatoe genannt, zum Mittagsmahl. Nachdem man kaum den Löffel abgewischt hatte, rief die Trommel abermals zum Exerciren, das mit der Nacht endigte. Weiber mit Kaffee, Butter, Käse, Schweinsklauen und andern Bäckereien hatten indess ihren Einzug in den Hof der Kaserne gehalten; sie schenkten Kaffee, für 1 Cent die Tasse. Branntwein oder Liqueurs durften nicht in die Kaserne gebracht werden, desshalb waren auch unsere Soirées, in deren Mitte die Kaffeefrau mit ihren Delicatessen präsidirte, sehr friedsam und unterhaltend. Man sang, erzählte und lebte um ein paar Cents ganz köstlich, bis der Zapfenstreich dem Wohlleben ein Ende machte.
Diese neue Lebensweise war mir natürlich ungewohnt; doch fand ich mich schneller darein, als ich selber geglaubt hatte. Ich that mein Möglichstes, um exerciren zu lernen und meine Waffen und Kleider in Ordnung zu halten. An freien Tagen ging ich mit Kameraden in die Stadt, die wir aber nicht verlassen durften. Ueberall standen Schildwachen, um die Vögel im Käfige zu halten und der Desertion vorzubeugen. Dessen ungeachtet entschlüpften Manche, meistens Deutsche, welchen ihr jetziger Stand um so unerträglicher war, je weniger sie ihre früheren Verhältnisse vergessen konnten.
Die Stadt Harderwyk, früher der Sitz einer Universität, ist ein kleiner, unbedeutender Platz an der Zuydersee; sie mag etwa 5-6000 Einwohner zählen. Die Hauptbeschäftigung derselben ist der Fischfang, und eine nicht unbedeutende Quelle ist das Dépot der 1. Division Nr. 33 der Landmacht, nämlich der Sammelplatz der für die Colonien Hollands bestimmten Truppen. Der jährliche Bedarf für die Colonien ist unbestimmt; er beläuft sich zuweilen für Ostindien auf circa 1500, für Surinam und Curacao auf 150-200 Mann, und wenige für das Fort St. Georg d'Elmina in Afrika. Alle diese Glücksadspiranten verzehren ihren Sold und das Geld, welches sie mitbringen, oder von Hause erhalten, in den Geneverkrügen des Städtchens, deren es gar viele gibt, oder lassen dasselbe in den Händen von Freudenmädchen, die ebenfalls in Menge sich hier aufhalten.
Unsere Kaserne hiess Oranje Gelderland; sie vereinigte in sich alle, welche für die Colonien bestimmt waren, und welche aus denselben als unbrauchbar, oder mit Abschied zurückkamen. Der erstere Theil bestand theils aus belgischen Deserteuren oder aus entlassenen Dieben vom Zuchthause in Leyden, auch aus sogen. Strafdivisionären (Menschen, die bei keinem Regimente zu gebrauchen sind, desswegen nach den Strafdivisionen, bei welchen es Prügel regnet, übergesendet werden, und nur durch das einzige Mittel, für die Colonien sich freiwillig zu engagiren, davon loskommen), und endlich aus Deutschen aller Art, von welchen die meisten durch das eine oder andere Unglück zu diesem Schritte genöthigt waren. Sie haben zwar im Allgemeinen vor den oben erwähnten Belgiern und Holländern den Vortheil einer grösseren Bildung voraus; aber diese gewährt nicht immer den einer grösseren Moralität. Viele wissen sich durch Geschmeidigkeit und Unterwürfigkeit beliebt zu machen, und machen ihr Glück. Klagen über schlechte Behandlung sind selten gerecht. Man findet in der ganzen Armee sehr viele Deutsche, die sehr ansehnliche Chargen bekleiden, und man muss sich im Gegentheil wundern, dass man Fremdlinge nicht zurücksetzt, da man mit einheimischen Cadetten und Adspiranten selbst überladen ist.
So wenig Anziehendes der Charakter der nach den Colonien abgehenden Truppen im Allgemeinen auch hat, so ist er doch in moralischer Hinsicht unendlich besser als derjenigen, welche aus den Colonien zurückkommen. An Körper häufig Krüppel, und durch den Genuss des Branntweins an Geist so geschwächt, dass man gar keine gute Eigenschaft mehr hoffen kann, warten diese Leute auf ihren Abschied, ihre Pension oder Gnadengelder, womit sie in wohlfeilen Plätzen Hollands sich bei Bauern in Kost und Wohnung begeben, aber selten ein hohes Alter erreichen, da Klima und Lebensweise ihrem gebrechlichen Körper nicht zusagen. Es kamen während meiner Anwesenheit in Harderwyk einige Transporte aus Ostindien. Die Meisten hatten ihre Habseligkeiten in den ersten Häfen bereits verkauft, und zitterten bei jedem rauhen Winde wie Espenlaub. Doch meine erste Rückreise aus Surinam, die ich später ausführlicher beschreiben werde, wird ein wahres Bild aller aus Ost- oder Westindien zurückkehrenden Truppen abgeben.
Es waren seit meiner Ankunft schon mehrere Transporte abgereist, und jedem hatte ich sehnsüchtig nachgeblickt; aber die Reihe sollte so schnell noch nicht an mich kommen, da man sich beeilte, die Belgier und Sträflinge zuerst auf's Wasser zu bringen.
Es nahete der Winter mit raschen Schritten, und beim Erdäpfelschälen, dem sich keiner entziehen durfte, gab es kalte Finger. Ich befürchtete jetzt sehr, die kalte Jahreszeit in Holland zubringen zu müssen. Diesem vorzubeugen, bat ich den Kapitän meiner Compagnie, einen freundlichen, wohlwollenden Mann, mich bei dem nach Surinam abgehenden Transporte einzuschreiben. Zwei Tage später, am 3. November lieferte ich meine Waffen ein und machte mich reisefertig.
Den 4. November 1835 verliessen wir Harderwyk. Es war ein heller, kalter Tag, und unser Detachement, das aus 60 Mann bestand, war im Kasernenhofe angetreten. Wir waren mit unsern Ranzen bepackt, und in den offenen Feldkessel erhielten wir beim Abmarschiren das gewöhnliche Viaticum, ein Pfund Brod und gebratenes Fleisch.
Der Chef übergab uns einem in Urlaub gewesenen und nach Surinam zurückkehrenden Officier der Artillerie. Voraus die Musik des Depots, begleitet von allen Gassenjungen und dem Pöbel Harderwyks, zogen wir wohlgemuth zum Seethor hinaus, wo eine Barke lag, die uns nach Amsterdam bringen sollte.
Dass Viele unseres Detachements betrunken waren, lässt sich denken; auch brachten Manche, obwohl zuvor scharf visitirt ward, noch Branntwein an Bord, so dass es die ganze Nacht durch Händel und Schlägereien gab, und an Schlaf nicht zu denken war. Der Lieutenant, der bei diesem wilden Haufen doch nichts machen konnte, zog sich in die Kajüte zurück. In dem kleinen Raume, in welchem wir eingepfercht waren, herrschte eine Hitze und übler Geruch zum Ersticken, so dass ich die kalte Luft des Verdecks vorzog. Bereits gegen 5 Uhr Abends sahen wir die vielen Thürme Amsterdams, blieben aber die Nacht über vor dieser Stadt liegen.
Den 5. gegen Mittag fuhren wir in einem geräumigen Schiffe, das durch Pferde gezogen wurde, über Haarlem, Rotterdam, Gouda, wo wir den 8. ankamen, und das zu unserer Ueberfahrt bestimmte Transportschiff Prinz Willem Frederik Hendrik lag. Den folgenden Tag wurden wir eingeschifft. Die Reinlichkeit, die Sorgfalt, womit jeder Raum benützt wird, ist bewundernswürdig, und es schien mir unmöglich, dass eine solche Menge Menschen darin logiren könne, ohne wie Häringe aufeinandergehäuft zu seyn. Die Matrosen, deren etwa 50 an Bord waren, befanden sich von uns abgesondert, wiewohl auf gleiche Weise eingetheilt. Man schied uns in 6 Backe, wovon je 3 auf jeder Seite des Schiffs waren. Jeder Back bestand aus 10 Mann, die zusammen eine Tafel, welche mit Tauen am Verdeck hing, zwei Bänke, eine Lampe und eine grosse Kiste, worin die tägliche Ration aufbewahrt wurde, zum Gebrauche hatten. Bei unserem Detachement befand sich bloss ein Sergeant und ein Korporal, die unter die 60 Mann vertheilt waren. Bei jedem Back wurde ein Backmeister gewählt, der für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen hatte, und während der ganzen Reise dieses Amt bekleidete. Ausser ihm hatte noch eine andere Person ein Amt, das die übrigen 9 Mann abwechslungsweise versahen, und zwar ein sehr lästiges, nämlich das des Essenholens, Aufwaschens, Rationvertheilens u. s. w. Der damit Geplagte hiess mit seinem Amtstitel: »Söhnchen«. Die Kost bestand des Morgens aus Grütze, die man mit Butter vermischte; voraus ging ein Schnaps (Orlam), vom Bottelier des Schiffes ausgetheilt. Um 11 Uhr genoss man abermals einen Schnaps, und um 12 Uhr Erbsen mit Speck oder gesalzenem Fleische. Das Essen wurde durch das Söhnchen in einem Back oder hölzernen Kübel geholt. Der Speck wurde durch denselben in 10 Portionen geschnitten, und durch einen, der die Augen davon abwenden musste, jedes Stück der Reihe nach ausgetheilt, um Parteilichkeit zu vermeiden. Es ass nun Jeder aus dem Backe, wobei es manchmal heftige Streitigkeiten gab, weil die einen gern Essig, die andern keinen darin haben wollten, und Teller nicht vorhanden waren, um die Erbsen zu theilen. Nach dem Essen musste das Söhnchen den Kübel und die Löffel reinigen, die Tafel und den Boden aufwaschen und alle häuslichen Geschäfte verrichten. Bei stürmischem Wetter passirte es später manchmal, dass das Söhnchen mit den Erbsen die Treppe herabfiel, und die unten Stehenden die heisse Brühe auf's Gesicht und die Kleider bekamen, wobei es dann manches Donnerwetter absetzte.
Wir waren zu unsern Dienstverrichtungen auf dem Schiffe in zwei Theile abgetheilt, nämlich in die Steuer- und Backbordseite. Es werden so die zwei Seiten des Schiffes genannt, von welchen, wenn man vom Hintertheile des Schiffes nach vornen sieht, die rechte Steuer- und die andere Backbord ist. Die eine Hälfte unserer Mannschaft war auf dieser, die andere auf jener Seite. Während der ganzen Reise musste die Mannschaft einer Seite abwechslungsweise sich auf dem Verdecke befinden. Ob es nun regnete oder stürmte, kalt oder warm war, von den dreissig Männern, welche diese Wache hatten, durfte keiner sich im Zwischendeck befinden. Die Ablösung fand je nach vier Stunden statt, welchen Zeitraum man eine Wache nannte, deren sechs ein Etmaal oder einen Tag ausmachen. Die Zeit, nach welcher man die Wachen austheilt, wird durch ½ Stundenglas dadurch angezeigt, dass man z. B. um ½1 Uhr einmal, um 1 Uhr zweimal, um ½2 Uhr dreimal, um 4 Uhr achtmal an die Glocke schlägt, was man Glasen nennt. Erhält man auf die Frage, wie spät es ist, zur Antwort: 3 Glasen, so weiss man, dass es ½2, ½6 oder ½10 Uhr ist. Das Kommando an Bord geht durch Pfeifen; jeder Unterofficier des Schiffes führt eine solche bei sich. Die Signale, welche dadurch gegeben werden, beziehen sich meist auf die Arbeiten der Matrosen; jedoch wurde auch zum Essen und zum Schnaps gepfiffen. Ausser dem gekochten Essen, das immer aus Grütze und Erbsen bestand, bekam man wöchentlich zweimal Zwieback, Käse und Butter; auch wurde jeden Abend warmes Wasser, Theewasser genannt, ausgetheilt. Dieses brauchte jeder nach Belieben; ich brockte in das meinige Zwieback, Käse, Butter und Speck, den ich vom Mittagessen übrig hatte, und Zwiebel, die man von der Frau des Schiffers kaufen konnte, und hatte somit die herrlichste Suppe, die man unter solchen Umständen bereiten konnte. Mit anbrechender Dunkelheit wurden die Lampen angezündet, und die, welche die Wache hatten, spielten Lotto oder Domino, oder vertrieben sich auf andere Weise die Zeit. Abends 8 Uhr hing man die Hängematten auf, die den Tag über in der Verschanzung aufgehoben wurden, und legte sich schlafen, während die wachthabende Hälfte ungeduldig auf dem Deck herumtrippelte, bis auch die Reihe an sie kam, in die warmen Hängematten zu liegen.
Es ist aber nichts Leichtes, in einem so engen Raume mit so vielen Menschen zu schlafen, und deren Ausdünstung, wie die von Thee, Käse und andern Ingredienzien, erträglich zu finden, dabei abgerechnet das Geräusch von etwa 60 Menschen überm Kopfe, das Geknarre der Hängematten, die immer gegen einander anstossen, das Geseufze der Masten, das Klirren der Ankerketten und das Schlagen der Wellen von aussen.
Wir blieben nach unserer Einschiffung noch 8 Tage auf der Rhede von Hellevoetsluis und segelten den 17. November ab. Kaum waren wir zwei Stunden vom Hafen entfernt, so lief das Schiff durch Unvorsichtigkeit des Lootsen auf eine Bank; das Steuerruder hackte aus und nahm noch sonstigen Schaden. Man that einige Schüsse, auf welche sogleich mehrere Kanonierboote herbeieilten, um uns beizustehen. Durch das Dampfboot Curacao wurden wir Nachmittags nach dem Hafen zurückgeschleppt. Da unser Schiff ins trockene Dock gebracht und ausgebessert werden musste, so wurden wir auf so lange in eine leerstehende Kaserne einquartirt.
Hier blieben wir nun ohne alle Beschäftigung vierzehn Tage und erhielten unser Essen vom Schiffe, an dem anhaltend gearbeitet wurde; übrigens war uns alle Freiheit gestattet. Wir durchliefen jeden Tag Hellevoetsluis und die Umgegend, wiewohl ohne Geld, da uns kein Cent Sold ausbezahlt wurde.
Viele verkauften ihre Kleider, um sich mit den Dirnen des Städtchens belustigen zu können, oder versoffen das Ihrige im Genever; Manche lagen, weil es sehr kalt war, den ganzen Tag im Bette; auch verging kein Tag, an dem nicht mörderische Prügeleien und dergl. vorgefallen wären. Der Detachements-Commandant, der seine Wohnung auf dem Schiffe hatte, wusste sich nicht zu helfen, Sergeant und Korporal wurden von dem zügellosen Volke nicht beachtet. Indessen kam vom Ministerium der Colonien, das unsere Geldlosigkeit rührte, eine Vergütung von 2 fl. 50 kr. per Mann, welche denjenigen ausbezahlt wurde, die ihre Kleidungsstücke nicht verkauft hatten. Die Andern aber waren bis zur Abreise unter Schloss und Riegel. Jetzt ging es wieder lustig her; doch in kurzer Zeit herrschte wieder Mangel, wie zuvor, und zu abermaligen Gratificationen war der hartherzige Minister nicht geneigt.
Einer unserer Kameraden hatte ein chinesisches Schattenspiel gemacht, womit er des Abends Vorstellungen gab, die von Soldaten, Matrosen und Dirnen des Städtchens fleissig besucht wurden, und wobei unter dem Publikum manche Scene vorfiel, die wohl in dichten Schatten gehüllt zu werden verdient.
Am 2. December kamen wir abermals an Bord. Zugleich wurden unter militärischer Bedeckung diejenigen unseres Transportes auf's Schiff gebracht, welche ihre Kleidungsstücke verkauft oder sonstige Fehler begangen hatten. Im Kreise der Officiere und der Equipage des Schiffes wurden uns nun die Kriegsartikel für die Marine vorgelesen, in welchen von Kielholen, Raafallen, Aufhängen u. s. w. die Rede war. Mit donnernder Stimme hielt uns der erste Officier unsere schlechte Aufführung vor; auch liess er sogleich einige, die dagegen etwas einzuwenden hatten, an die Kanonen festketten. Nachdem dieses geschehen war, wurden acht Matrosen vorgeführt, die während der Ausbesserung des Schiffes von Bord weggelaufen waren und den Schiffer beim Marinegericht in Rotterdam verklagt hatten. Dort fanden sie, wie es schien, kein Recht und wurden wieder an Bord gesendet.
Die Officiere alle und der Schiffsdoctor waren in Uniform auf dem Halbdeck, und von den Matrosen und Soldaten durfte keiner das Verdeck verlassen, wo nun ein Exempel für uns alle statuirt werden sollte. Wir Soldaten standen voll banger Erwartung da; denn man sah an dem fröhlichen Gesichte unseres Detachements-Commandanten, der immer lachte, wenn ein armer Schelm geprügelt wurde, dass tüchtig eingebrockt werden sollte. Der Schiffscommandant begann endlich den Delinquenten ihr Verbrechen vorzuhalten, und – das war der langen Rede kurzer Sinn – dass er Gnade vor Recht ergehen lassen, und sie desshalb nicht vor den Kriegsrath stellen, sondern mit einer kleinen Ermahnung abstrafen wolle. Es war bereits eine Lucke an der Wand aufgestellt, auf welche die Hauptperson des Complotts auf den Bauch gelegt und festgebunden wurde.
Der Schiffer (erster Unterofficier), den sie verklagen wollten, und der Schieman (ebenfalls ein Unterofficier), jeder mit einem fingerdicken und ellenlangen Theertau in der Hand, warteten nur auf das Zeichen des Commandanten, um der vorausgegangenen Ermahnung den gehörigen Nachdruck zu geben. Sie schlugen nun auch auf den armen Kerl, der in den rührendsten Ausdrücken um Gnade bat, so los, dass er zuletzt, seiner Sinne beraubt, wie todt dahing. Der Commandant liess den Doctor nachsehen, ob man noch etwas beifügen könne, was der menschenfreundliche Mann, nachdem er den Mund und die Augen des Schächers untersucht hatte, bejahte. Man schlug desshalb aufs Neue auf ihn los. Nachdem er sein Maas erhalten hatte, und man die Taue, womit er angebunden war, losmachte, fiel er gefühllos, wie ein Sack, zu Boden. Hierauf kam die Reihe an den zweiten und die übrigen; der erste hatte übrigens das Fett von der Suppe erhalten. Mir standen bei dieser Prügelei die Haare zu Berg, und nie hat eine derartige Scene solchen Eindruck wieder auf mich gemacht. Zwar war es mir in der ersten Zeit in Surinam unmöglich, das Peitschen und die Schläge der Neger gleichgiltig anzusehen, und kaum konnte ich mich der Thränen enthalten, wenn diese nackten Schwarzen, manchmal wegen unbedeutender Vergehen, mit den zähen Zweigen der Tamarinde so geschlagen wurden, dass ihr Blut den Boden färbte. Es empörte mich, wenn ein solcher Neger nach der Abstrafung, blutig und mit Schwielen bedeckt, noch von den Soldaten verhöhnt wurde. Wenn sich nun auch dieses Gefühl bei mir gerade nicht verlor, so ist es doch durch die Gewohnheit abgestumpft, und ich habe leider die Ueberzeugung, dass, wo Sklaverei ist, der Stock nicht fehlen darf; Mässigung aber und Menschenliebe dürfen weder dem Seeofficier noch dem Pflanzer fremd seyn, und nur im äussersten Falle wäre dieses Mittel zu gebrauchen! Wir gingen den 10. Dec. des Abends abermals unter Segel, und sahen bereits am Morgen die Kreideberge Englands vor uns liegen. Da der Wind ungünstig war, ankerte man vor der Stadt Deal. Das Wetter war kalt aber schön; Dampfschiffe und Fischerboote fuhren an uns vorüber, und eine Menge Schiffe lagen ebenfalls hier, um mit günstigem Winde den Canal zu passiren. Nach vier Tagen änderte sich der Wind, und wir kamen in den Canal. Die Seekrankheit plagte mich wenig, was vielleicht die kalte Luft verursachte. Die vielen Schiffe und Dampfboote, die uns begegneten, die herrlichen Ufer Englands mit ihren hohen, weissen Kreidebergen, waren besonders für uns Süddeutsche von besonderem Interesse.
Nach drei Tagen waren wir im atlantischen Ocean. Unser Leben war sehr einförmig, und nur an der wärmeren Luft fühlten wir, dass wir nicht mehr im kalten Norden waren. Das Eis unseres Wasserfasses verschwand und heftige Regenschauer durchnässten uns zuweilen. Es war am Christabende, als mehrere von uns sich vor einem Regenguss in die, zwischen den zwei Masten stehende, und mit einem andern Boote bedeckte Schaluppe versteckten. Da ich der Letzte war, der in dem bereits vollgepfropften Boote eine Zuflucht suchen wollte, so mussten meine Füsse, für die ich keinen Platz mehr fand, ausserhalb desselben bleiben. Ich dachte eben an die Freuden dieses Abends im Vaterlande, verglich im Stillen den Geschmack der Lebkuchen mit dem des harten Zwiebacks, an dem ich noch kurz zuvor die Zähne gewetzt hatte, und bemerkte vor lauter Rührung nicht, wie mir Jemand in der Dunkelheit meine Füsse untersuchte. Plötzlich wurde aber eine wahre Sündfluth von Seewasser unter grässlichen Flüchen über mich ausgeschüttet, so dass ich eiligst die Flucht ergriff und meine Mütze dabei verlor. Der Schieman hatte meine Füsse bemerkt, und mich in diesem unerlaubten Asyle freigebig mit einigen Eimern Seewasser traktirt. Ich war bis aufs Hemd durchnässt und zitterte die noch übrigen zwei Stunden wie ein Rohr.
Anfangs Januar hatten wir die Höhe von Madeira erreicht. Jetzt sah man (denn nach einigen Tagen hatten wir den Passatwind) fliegende Fische in Menge, von welchen bisweilen einige des Nachts auf das Verdeck niederfielen; auch trieb von Zeit zu Zeit eine prächtige rothe Polypenart an uns vorbei, welche die Matrosen Portugiesisches Kriegsschiff nannten. Das herrlichste Wetter begünstigte unsere Fahrt, und ich blieb, wie die meisten von uns, Tag und Nacht auf dem Verdecke, weil die Luft im Raume, obgleich man sie durch Windsäcke verbesserte, warm und übelriechend war. Man brachte die Tage mit Lottospielen zu, und bis in die tiefe Nacht hinein wurde gesungen und erzählt. Der Mond glänzte am wolkenlosen Himmel, und die Sterne schienen mit mehr Glanz zu funkeln. Alles ging seinen geregelten Gang, durch nichts unterbrochen, als durch kleine Strafexecutionen an Matrosen, denen der Schieman einige aufzuzählen hatte.
Bei uns Soldaten war dergleichen noch nicht vorgefallen; denn es gab keine Excesse, weil kein Branntwein zu bekommen war. Eines Tages aber bekamen einige Soldaten aus der Hefe von Hollands Pöbel Streit mit einander; sie packten sich an den Ohren, und balgten sich zwischen den Kanonen auf dem Verdecke. Der Commandant des Schiffes, der diess zufällig mit angesehen hatte, liess das ganze Detachement auf das Verdeck pfeifen. Hierauf mussten die Kampflustigen vortreten, und jeder bekam ein Tau mit der Anweisung, einander tüchtig das Fell zu gerben. Die Versicherung, dass, wenn sie ihre Sache nicht gut machen, der Schieman das Fehlende beifügen würde, wirkte; denn wie zwei erboste Hähne stürzten die Kerls aufeinander los; aber, ungewohnt mit Tauen zu fechten, warfen sie diese weg und bläuten einander mit den Fäusten durch. Das Gelächter wollte kein Ende nehmen, und an diesem Intermezzo hatte besonders unser Detachements-Commandant seine herzlichste Freude.
Ehe wir den Passat erreichten, hatten wir immer Wasser zur Genüge gehabt, und jeder durfte aus dem Wasserfasse nach Belieben trinken. Kaum waren wir aber in der wärmeren Zone, so wurde uns das Wasser in Rationen ausgetheilt. Diese bestanden auf den Tag in einer Flasche für den Mann; sie wurden zusammen in einem Fässchen aufbewahrt, aus welchem man gemeinschaftlich unter Vorsitz des Backmeisters den Durst löschte. Das Söhnchen vertheilte an jeden den Labetrunk im Deckel einer Marmitte und hatte zugleich die Aufsicht, dass keiner naschte. Wie vielen Durst litt ich da! Fleisch, Speck und Käse, was ich alles gerne ass, vertauschte ich gegen Wasser, und häufig bestürmte ich den schwarzen Koch mit Bitten um etwas Wasser, was mir auch der gutherzige Neger, wiewohl unter grässlichen Flüchen und Verwünschungen, häufig gab.
Die Hitze nahm täglich zu. Man zog die schwere Ankerkette, die, seit wir auf dem Ocean waren, im Zwischendeck aufbewahrt worden war, hervor, befestigte den Anker, und erwartete in ein paar Tagen das Land.
Des Meeres herrliches Indigoblau wurde heller und grünlich; es fielen einigemal schwere Regengüsse. Am 18. Januar 1836 sahen wir endlich die Küste von Guyana vor uns liegen, ein langer Streifen dunkler Wälder, der auf dem Wasser sich ausdehnte, und weder Berge noch Hügel bemerken liess.
Allmählig konnte man die Bäume aus der grünen Masse unterscheiden; Wohlgerüche von blühenden Gewächsen wehten uns an; Schmetterlinge kamen aufs Schiff geflogen; Schwärme von rothen Ibisen, hier Flamingos genannt, deren Gefieder vom herrlichsten Scharlachroth ist, zogen über uns hin, und von Zeit zu Zeit tauchte ein grosser Fisch aus den trüben Meereswellen, um frische Luft zu schöpfen.
Wir sahen die nationale Flagge des Postens Oranje uns entgegenwehen, und gegen 2 Uhr kamen wir in die Mündung des Surinamstroms. Jetzt erst sahen wir die für uns neue Welt näher, denn auf der See waren wir wohl 1½ Meilen vom Lande entfernt geblieben, weil bedeutende Sand- und Schlammbänke längs der Küste sich hinziehen. Alles war eben und von ungeheurem Wald bedeckt, dessen Grün sich so frisch und lebhaft ausnahm, dass selbst dasjenige der jungen Blätter der europäischen Bäume jenem an Glanz nachsteht. Zwischen diesen Waldungen lag eine freundliche Plantage, deren Zuckerfelder die Ufer begrenzten. Die weissen Häuser, die Mühlen mit ihren hohen Schornsteinen waren unter Palmen und andern uns fremden Gewächsen versteckt. Der Reichthum der üppigen Tropennatur lag vor uns ausgebreitet; wie schön erschien mir dieses Land! Im Winter hatten wir die traurigen Dünen Hollands verlassen, und jetzt waren wir im Lande des ewigen Sommers. Nie werde ich auch den Augenblick meiner ersten Landung vergessen! – Je weiter wir den Strom aufwärts fuhren, desto belebter wurde die Scene. Schöne, lebhaft gefärbte und von nackten Schwarzen geruderte Barken fuhren über den majestätischen Strom. Man ankerte bei Forteress Neu-Amsterdam, das an der Mündung des Comewyne in den Surinam liegt und die Einfahrt der Schiffe in diese beiden Ströme wehren kann. Auf der andern Seite des Surinam, dem Fort gegenüber, liegt die Redoute Puomerend und an dem Comewyne das Fort Leyden. Der Surinam ist bei Forteress Neu-Amsterdam etwa eine Viertelstunde breit, und beide Ströme sind, so weit das Auge reicht, mit den schönsten Zucker- und Caffepflanzungen eingefasst.
Wegen des gelben Fiebers, das gerade in Paramaribo herrschte, und schon viele Menschen weggerafft hatte, beschloss das Gouvernement, so nöthig man uns auch für den Garnisonsdienst in der Stadt hätte brauchen können, uns so lange in dem gesünderen Forteresse zu lassen, bis die Krankheit aufgehört hatte. Wir wurden demnach gegen 6 Uhr ausgeschifft.
Die ganze Besatzung des Forts war zusammengelaufen, uns zu empfangen. Jeder fand einen Freund, Bekannten oder Landsmann unter dem Haufen, und des Fragens und Staunens war kein Ende. Auch die ganze weibliche Einwohnerschaft des Forts versammelte sich. Schwarze und farbige hässliche Weiber mit langen, schlaffen Brüsten überhäuften uns mit Gunstbezeugungen und bezeugten Lust nach den von uns mitgebrachten Stücken Käse und Zwieback. – Man brachte uns, als es schon dunkel war, durch eine Allee von Tamarinden und Mangos in das Fort, und nach der für uns bestimmten Kaserne, welche ganz das Aussehen eines Pferdestalles hatte. Durch den ganzen Saal liefen etwa vier Fuss über dem Boden Stangen, sogenannte Klabayen, an welche man des Abends die Hängematten befestigte, die den Tag über an denselben aufgerollt waren. Fünfzig Schritte von der Kaserne entfernt war eine Schenke, wo Branntwein, Rum und Wein zu bekommen war. Dahin stürmten nun diejenigen, welche noch Geld hatten, um ihre Ankunft auf übliche Weise zu feiern, oder die sich von Bekannten traktiren liessen.
Der Lärm und der Spectakel in der Schenke waren abscheulich, endigten jedoch mit dem Zapfenstreich, mit welchem sich jeder nach seiner Hängematte zu begeben hatte. Die Besoffenen lagen unter Tischen und Bänken. An Ruhe und Stille war nicht zu denken; denn die ganze Nacht durch dauerten die Zänkereien um die schönen Damen, welche aus allzugrosser Zärtlichkeit Jedem angehören wollten, und deren Sprache keiner verstand, die Lamentationen und Misereres der Besoffenen, und die Flüche derer, welche die Köpfe an die ihnen ungewohnten Klabayen stiessen; dabei peinigte uns eine Unzahl von Mosquittos, welche vorzüglich die Neuankommenden anfallen und eben so lästig durch ihr Gesumme als durch ihre Stiche werden.
Ich sass die Hälfte der Nacht vor der Kaserne und bewunderte die Tausende von Feuerfliegen, welche viel heller sind als die in Europa, und das feuchte Gras durchschwärmen; wären auch nicht die Mosquittos die Ursache unseres Wachens gewesen, so hätten mich doch die Scenen des Tages wachend erhalten, und kaum graute der Morgen, als ich wieder ins Freie ging, wo mir Alles fremd war.
Eine herrliche Allee von Königspalmen fasste den Mittelweg des Fortes ein; ihre federbuschartigen Gipfel berührten sich beinahe und bildeten ein prachtvolles Gewölbe. Eine andere Allee bestand aus dichtbelaubten Bäumen, die grosse, eiförmige Früchte von einladendem Geruche trugen.
Obwohl ich sie nicht kannte, ass ich doch einige und fand sie vortrefflich. Es waren Mangos (Mangifera indica), die um diese Zeit reif sind und zuweilen zwei Ernten jährlich geben. Ihre Frucht hat die Grösse eines Gänseeies, ist auf der einen Seite meist etwas eingedrückt, reif gelb, und wie die Blätter des Baumes von terpentinartigem Geruche. Die Haut wird abgezogen und das gelbe faserige Fleisch vom Steine, der etwas platt, aber beinahe so lange wie die Frucht ist, abgesogen. Es schmeckt sehr süss und angenehm und lässt sich mit keiner europäischen Frucht vergleichen; die Fasern des Fleisches setzen sich gerne zwischen die Zähne. Der Mangobaum wird grösser als der grösste Apfel- oder Birnbaum und trägt von seinem vierten Jahr an Früchte, in günstigen Jahreszeiten in unglaublicher Menge. Auf den Pflanzungen, wo sich häufig ganze Alleen davon vorfinden, mästet man mit den Früchten, die auch einen feinen Branntwein geben, die Schweine.
Allmählig wurde es im Fort lebhaft. Die Neger, lauter Sclaven in Ketten, welche von ihren Plantagen wegliefen und wieder eingefangen wurden, gingen zu ihrer Arbeit. Sie müssen eine bestimmte Zeit von Jahren hier an den Festungswerken arbeiten, um nachher, wenn ihre Strafzeit aus ist, wieder auf ihre Pflanzungen zurückgeschickt zu werden. Sie gehen, wie die meisten Sclaven, beinahe nackt, woran ein Neuangekommener den meisten Anstoss nimmt. Die Kleidung aber, an welche sie nie gewöhnt sind, die ihnen auch in diesem Klima von geringem Nutzen ist, wird fast gar nicht von ihnen gebraucht, auch wenn sie eine solche haben. Ich sah diese Unglücklichen mit grossem Mitleid, und hätte sie, wäre es in dieser Zeit in meiner Macht gestanden, stante pede losgelassen.
Eine Negerin, die ebenfalls in Ketten in der Nähe unserer Kaserne arbeitete, hatte ihrem kleinen, etwa ¾ Jahr alten Kinde einen Strick um den Hals gemacht und auf dessen Ende einen Stein gelegt, dass es nicht zu weit herumkriechen konnte. Sie frug mich, als sie mein Mitleid für das arme Geschöpf sah, spasshafterweise, ob ich es kaufen wolle, und verlangte 30 fl. dafür. Mein ganzer Reichthum bestand aber blos aus 10 fl., dem während der Reise verdienten Sold, der uns am ersten Morgen ausbezahlt worden war, und so musste ich zur grossen Belustigung meiner Kameraden, die wohl wussten, dass die Negerin ihr Kind nicht verkaufen konnte, bedauern, diesen so vortheilhaften Handel aufgeben zu müssen.
Das Geld, das wir erhalten hatten, wurde von den meisten in der Schenke durchgebracht. Andere kauften Hemden und Hosen, um daran keinen Mangel zu haben.
Von den benachbarten Pflanzungen brachte man täglich die verschiedenartigsten Früchte in das Fort, und ich verwendete einen grossen Theil meiner Baarschaft daran. Da es nicht erlaubt war, aus dem Fort zu gehen, so kletterten wir über Gräben und Pallisaden, um die benachbarten Plantagen zu besuchen. Meine Neugierde kannte keine Grenzen.
Den ersten Ausflug machte ich mit einigen Kameraden auf die Zuckerpflanzung Soelen, die am Comewyne etwa eine halbe Stunde von Forteress liegt.
Bei jedem Schritte überraschte mich etwas Neues, Niegesehenes; bald waren es Krabben, die in den Löchern des Dammes ihre Schlupfwinkel hatten und ihre Scheeren drohend aufhoben, wenn man ihnen zu nahe kam, bald grosse Eidechsen, bald prächtige Schmetterlinge; besonders auch die Menge von Aasgeyern, die gar nicht scheu waren, überall herumsassen und kaum aus dem Wege gingen, oder in ungeheurer Höhe, scheinbar ohne alle Bewegung, in der blauen Luft herumkreisten.
Durch die Bananenfelder, welche die Kost für die Neger des Fortes liefern, kamen wir bald in einen schönen, breiten Waldweg, wo ein mit Blüthen übersäeter Cactus grandiflorus(?) stand, der den herrlichsten Geruch aushauchte.
In der Entfernung sah man die weissen Gebäude der Pflanzung Soelen liegen, zu der eine breite Allee von Apfelsinen und Pompelmusen führte. Diese Bäume hingen voll von reifen Früchten, und wir brachen ab, so viel wir zu tragen im Stande waren. Wir besahen das Kochhaus und die Mühle, die uns aber wenig interessirten, und verliessen, mit Früchten beladen, den Platz.
Es kann seyn, dass der häufige Genuss von Südfrüchten den Neuankommenden schädlich ist; bei mir schien diess aber nicht der Fall zu seyn; denn obschon ich zuweilen mehr als 20 Apfelsinen täglich ass, blieb ich doch stets gesund. Ich lebte während meines Aufenthaltes auf Forteress beinahe ganz von Früchten, Zucker und Eiern, während Mancher, der mir in der besten Absicht dieses abrieth, gerade an der entgegengesetzten Lebensweise unterlag.
Unsere Ausbeute von Früchten munterte unsere Kameraden zu ähnlichen Excursionen auf, bis diese endlich zu den Ohren des Kommandanten kamen und strenge verboten wurden.
Zweiter Abschnitt.
Ankunft in Paramaribo. Das Fort Zelandia. Die Stadt. Oeffentliche Gebäude. Inneres der Privathäuser. Kaufleute und Kaufläden. Gewichte, Maase, Geld. Lebensweise der Militärs und Einwohner. Die Jugend. Die Pflanzungen. Holzfällereien. Leben auf den Pflanzungen. Die Verwalter oder Direktoren. Die Blankofficiere. Die Negersklaven, ihre Arbeiten und Behandlung. Religion. Einfluss der Herrnhuter. Tänze. Krankheiten.
Den 1. Februar 1836 wurden wir in einem Matrosenpont[ [1] nach unserem Bestimmungsorte, dem Forte Zelandia, gebracht. Schöne Zucker- und Kaffeepflanzungen säumten auf beiden Seiten den breiten Strom, der vor der Stadt sich plötzlich südwestlich dreht und eine grosse Bucht (Hafen) bildet.
Eine Menge Landhäuser, an welche noch die letzten Pflanzungen grenzen, machen die Vorstadt Combé aus.
Auf der Ecke, welche durch die schnelle Krümmung des Flusses entsteht, steht das Fort Zelandia auf einem Muschelfelsen. Es hat nur wenige Batterien, ist unregelmässig gebaut und von der Stadt durch den Gouvernements-Platz und einen etwa 60' breiten Graben, der sein Wasser aus dem Strom erhält, geschieden. Eine grosse Kaserne von Backsteinen, das Quartier vom Bataillon Jagers Nr. 27, erinnert an die guten und reichen Tage der Colonie, in welchen man noch so solid bauen konnte. Die Officiere haben seit dem Jahr 1839, in welchem ein grosses hölzernes Gebäude, das sie gemeinschaftlich bewohnten, niedergerissen wurde, eigene, nette Häuser, die nach einer Form in demselben Jahr erbaut wurden. Im Forte selbst steht das Binnenfort, mehrere steinerne Gebäude, die, mit einer Mauer umgeben, einen kleinen Platz einschliessen, wo die verschiedenen Gefängnisse für Militär- und Civilverbrecher, sowie auch für die bösen Schuldner sind, die ihre Creditoren nicht zahlen wollen oder können. Auf dem Platze selbst werden die Neger, welche man nachdrücklich züchtigen will, durch Peitschenhiebe oder Stockschläge abgestraft.
Ausser der Kaserne für die hier garnisonirende Artillerie ist im Binnenfort das Pulvermagazin und ein Signalposten, der durch den auf der gegenüberliegenden Seite des Stromes sich befindlichen Telegraphen der Pflanzung Jagdlust mit dem Forte Amsterdam correspondirt, wodurch man die Ankunft der Schiffe in der Mündung des Stromes sogleich erfährt.
Die Stadt selbst, welche etwa 100 Schritte von der Barrière des Fortes anfängt, ist ganz ohne Mauern und besteht grösstentheils aus breiten Strassen, welche zwar ungepflastert sind, aber, da sie aus Muschelsand bestehen, auch bei den heftigsten Regengüssen nach ein paar Stunden wieder trocknen; die meisten sind auf beiden Seiten mit Orangebäumen bepflanzt.
In den längs des Stromes oder nahe bei demselben laufenden Strassen sind die Häuser enge bei einander, und nur selten durch Gärten von einander geschieden. Mit Ausnahme weniger, von Backsteinen aufgeführter Häuser sind alle von Holz; sie ruhen auf einem 1-2' hohen, von Backsteinen aufgeführten Gemäuer. Läden und Thüren werden grün bemalt, das andere aber ist perlenfarbig angestrichen. Sie sind mit Schindeln (Singels) aus inländischem, hartem Holze bedeckt; jedoch muss seit dem grossen Brande im Jahr 1832 jedes neue Haus mit Ziegeln oder Schiefer bedeckt werden. Glasfenster sind wegen der Hitze wenig im Gebrauche; man hat dafür Jalousien oder Sassineten von Gaze.
In den entfernteren Stadttheilen ist beinahe bei jedem Hause ein Garten, von dem man aber meistens wenig Gebrauch macht; diese Gärten sind mit einander durch Hecken von Limonen verbunden. – Küchen und Abtritte sind vom Wohnhause abgesonderte Gebäude; meistens befinden sich auch noch Häuser für Sclaven, sowie Magazine auf dem Hofe. Jedes Haus hat zwei Thüren an der Strasse; die eigentliche Hausthüre ist für Weisse, die andere, Negerpoort, an welche man durch den Hof gelangt, für Sclaven und ärmere Leute bestimmt.
Verschiedene Canäle, welche ihr Wasser aus dem Strom erhalten, durchschneiden die Stadt. Zwei Vorstädte heissen Combé und die Freicolonie, welche letztere meistens von freien Farbigen bewohnt wird, die, als sehr faul, auch sehr ärmlich leben.
Oeffentliche Gebäude und Privathäuser zeichnen sich mehr durch Zierlichkeit als durch imposante Bauart aus. Das Gouvernement liegt zwischen der Stadt und dem Forte an einem grossen, mit Rasen bedeckten Platze »het plein«. Es ist ein grosses, stattliches, von Holz aufgeführtes Gebäude, das eine schöne Aussicht auf den Fluss gewährt. Sein früher verwahrloster Garten ist jetzt (1850) sehr gut unterhalten und dient als Probeschule für tropische Pflanzen. Eine herrliche, dreifache Allee von hohen Tamarindenbäumen zieht sich längs desselben bis an den Wallgraben des Fortes hin. Ein angenehmerer Spaziergang in der Hitze des Tages lässt sich nicht denken; dessenungeachtet macht aber Niemand Gebrauch davon.
Nahe beim Gouvernement ist das, mit grossen Kosten aus Backsteinen gebaute, im Jahr 1839 vollendete Controlgebäude, in welchem verschiedene Verwaltungs-Bureaux sich befinden. Von seinem, mit einem Uhrwerk versehenen Thurme geniesst man eine herrliche Aussicht über die ganze Stadt und die umliegenden Pflanzungen. In zwei anderen Gebäuden, welche der Schreibekunst gewidmet sind, befinden sich die Bureaux der Justiz und Waisenverwaltung.
Paramaribo hat eine lutherische und eine reformirte Kirche; beide sind hübsch und einfach, werden aber, was die gefällige Bauart betrifft, von der im Jahr 1838 vollendeten hochdeutschen Judensynagoge bei weitem übertroffen. Die katholische Kirche ist klein, doch sehr zierlich; das einfache Herrnhuter Bethaus ist mit Palmen und tropischen Gewächsen umgeben. Zwei Freimaurerlogen, ein Komödienhaus, die portugiesische Judensynagoge, das Hospital und das Zoll- oder Waaghaus mögen die Liste der öffentlichen Gebäude beschliessen.
Das Innere der Privathäuser ist fast bei allen angesehenen Familien auf gleiche Weise angeordnet. Grosse Spiegel, Kupferstiche, Hänge- und Wandlampen, und unter den Möbeln ein mit Glas, Silber und Porzellan überladenes Sideboart werden beinahe in jedem Hause angetroffen. In jedem Schlafzimmer steht ein grosses, mit Gaze umhangenes, aus kostbarem, inländischem Holze schön gedrechseltes Bett, Ledikant, auf dem Berge von Kissen aufgestapelt sind. Dieses Bett ist blos ein Prunkstück, das wenig benützt wird, weil man der Kühlung wegen auf Matten und Matrazen schläft, die den Tag über verborgen werden. Häufig bedient man sich auch feiner, baumwollener Hängematten.
Die Zimmer werden reinlich gehalten und häufig mit Orangensaft gewaschen, was bei dem vielen Ungeziefer, das sich in den Ritzen verbirgt, auch sehr nöthig ist.
Beinahe alle Häuser haben Brunnen, deren Wasser aber in den langen Trockenzeiten zuweilen brack schmeckt; nur grössere Gebäude haben Wasserbehälter.
Eigentliche Spaziergänge, oder für den öffentlichen Gebrauch eingerichtete Gärten hat die Stadt nicht; doch bieten ihre Umgebungen, die unter den schönsten Pflanzen einer tropischen Vegetation versteckten Landhäuser, prächtige Partien dar. In der Stadt befinden sich zwei Kirchhöfe und sechs ausserhalb derselben, also im Ganzen acht, die einer gleichen Anzahl von Apotheken entsprechen, somit hinsichtlich der Bevölkerung kein vortheilhaftes Zeugniss für die Gesundheit Paramaribos geben[ [2]. Der Markt ist unter einer Reihe von Tamarindenbäumen an der Wasserseite, wo man Fische, die an üblem Geruch mit den sie verkaufenden und schwitzenden Negerinnen wetteifern, nebst allen inländischen Lebensmitteln zum Verkaufe vorfindet. Lebensmittel und andere Waaren werden auch sonst noch an vielen Plätzen der Stadt verkauft. Alles wird unter beständigem Geschnatter feilgeboten, und der Fremdling sieht hier unter Anderem auch Leckereien, die man im Vaterlande mit Abscheu zurückweisen würde.
Zwar mehr europäisch, doch nicht weniger interessant sind die Kaufläden, deren Zahl besonders am Strome Legion ist. Da findet man kein Haus, in welchem man nicht etwas feilbietet.
Man trifft in einem Laden eine Auswahl der verschiedenartigsten Dinge, welche man in Europa nur bei 100 Künstlern, Kaufleuten oder Handwerkern bekommen könnte; denn man verkauft in demselben Laden Bücher, Schuhwichse, Bijouterie, Schinken, Parfümerien, Thee, Ziegelsteine, Mehl, Schuhe, Kleider und Uhren. Es gibt nichts, womit ein Kaufmann hier nicht handelte. Die meisten Lebensmittel kommen gesalzen oder geräuchert aus Holland und Nord-Amerika; Fleisch, Speck, Erdäpfel u. s. w. kauft man hier beim Kaufmann, bei welchem man natürlich auf grosse Sachkenntniss nicht rechnen darf. In Europa würde Niemand zum Kaufmann gehen, ohne von dessen Waaren etwas zu bedürfen. Hier ist es ganz anders. Man kommt in den Laden, liest die Zeitung, trinkt ein Gläschen Genever, das der Kaufmann präsentiren lässt, und geht dann, ohne für einen Cent gekauft zu haben. Diess lässt sich auch der Kaufmann gerne gefallen; denn diese viel besuchten Läden ziehen die andern Käufer an. Man kauft meistens auf Credit; wer innerhalb sechs Monaten bezahlt, ist ein guter Kunde. Die andern werden nach Verlauf dieser Zeit erst mündlich, dann schriftlich an ihre Schuld erinnert, endlich durch Läufer (meist Juden, welche die Taschen mit Rechnungen vollgepropft, im Dienste der Kaufleute die ganze Stadt durchrennen), dringend ersucht und wenn diess nichts hilft, verklagt.
Die letzteren Kunden sind die häufigsten; denn gar viele leben ohne zu denken, und kaufen ohne bezahlen zu können.
Der Detailhandel wird durch Krämer, hier Vetwariers oder Schmuggler genannt, getrieben; diese verkaufen im Kleinen an solche, welche keinen ganzen Schinken, kein ganzes Fässchen Fleisch oder Butter kaufen können, und also für jede Mahlzeit besonders sorgen müssen. Hier wird übrigens nichts geborgt; die Zahl dieser Krämer ist ebenfalls bedeutend. Nur wer die Gourmandise und den ungeheuren Luxus für die Tafel u. s. w. kennt, kann einigermassen begreifen, dass sich diese Masse von sogenannten Kaufleuten noch nicht unter einander aufgezehrt haben.
In den Maasen und Gewichten der Colonie herrscht grosse Unordnung. Artikel, welche aus Nord-Amerika kommen, wie: gesalzenes Fleisch, Fische, Speck, Saife, Lichter, Mehl u. s. w. werden nach amerikanischen Gewichten verkauft; tannene Bretter ebenfalls daher, nach dem englischen Maase.
Holländische Erzeugnisse berechnet man nach dem alten Amsterdamer Pfunde, dem Halb-Kilogramme, die Längenmaase nach dem rheinischen Fusse, und Flüssigkeiten nach dem englischen Gallon.
Was nach Holland verschickt und verladen wird, geht nach dem neuen holländischen Maas und Gewicht, in dem die Regierung ebenfalls ihre Bedürfnisse ausschreibt. Es kommt auf diese Weise mancher Irrthum vor.
Jede grössere Haushaltung kauft ihren Bedarf an gesalzenen oder geräucherten Lebensmitteln, an Saife, Lichter, Oel u. s. w. im Grossen, d. h. in ganzen Fässern, Kisten und dergl., die in einem stereotypen Gewicht in den Handel kommen, und daher nie nachgewogen werden. So enthält ein Fässchen Butter 14 Pfund, Speck 40 Pfund, Fleisch 180 Pfund u. s. w. und man verlässt sich dabei ganz auf die Aussage des Kaufmanns. Auf dem Markte selbst wird blos nach dem Augenmaase gekauft; die Fische nach der Frische, Grösse und Qualität; Reis, Mais, Bohnen u. s. w. in Calabasschalen zu festbestimmten Preisen und nach sehr variablen Gewichten.
In Cayenne herrscht in dieser Beziehung viel mehr Ordnung; man hat dort eine Fleisch- und Fischhalle. Alles wird nach französischem Maase und Gewicht gekauft und mit französischem Gelde bezahlt.
In Surinam rechnet man nach dem französischen Münzfusse, mit Banknoten von fl. 250.– bis auf 10 niederländische Cents.
Als kleinere Scheidemünze circuliren eine Menge Cents. Das Papiergeld, das manchmal 30% unter seinem Nominalwerth stand, ist im Jahr 1847 ganz abgeschafft und durch holländisches Silbergeld ersetzt worden. Ausserdem sind eine Menge mexikanischer Piaster, französische Fünffranken und Doublonen im Umlauf.
Ehe ich es wage, meine Meinung über die weiteren Einwohner und deren Lebensweise auszusprechen, will ich zuerst eine kleine Schilderung unseres Soldatenlebens geben, wobei ich glaube Jedermann davon überzeugen zu können, dass wir vom Luxus der übrigen Stände ausgeschlossen sind.
Des Lebens erstes Bedürfniss, die Nahrung, ist fürs heisse Clima klüglich berechnet, d. h. wenig und mager. Ausser einem Pfunde guten, weissen Brodes wird eine, aus 5/14 Pfund Reis und 3/7 Pfund gesalzenem Fleische bereitete Suppe vorgesetzt, deren Einfluss auf die Körperkräfte man nur dann beurtheilen kann, wenn man sie selbst gegessen hat.
Des Mittags sind Bananen, die vom Solde eingekauft und mit 1/14 Pfund Speckfett übergossen werden, die Hauptkost. Ueberdiess wurde jeden Morgen ein Schnaps ausgetheilt, welchen die Meisten allem Uebrigen vorzogen. Der monatliche Sold des Soldaten bestand aus circa 10 Gulden, wovon aber verschiedene Abzüge gemacht wurden, so dass wenig genug übrig blieb.
Die Dienstverrichtungen in der Garnison waren jedoch grösstentheils eben so leicht und bequem eingerichtet, als Nahrung und Kleidung spärlich berechnet waren. Die viele freie Zeit, welche der Soldat hatte, und der Mangel an anständigen Vergnügungen trug nicht wenig zu seiner Demoralisation bei. Mancher Ankömmling ergibt sich aus langer Weile oder durch schlechte Gesellschaft verleitet, dem Trunke, den man zu grösserer Bequemlichkeit im Forte haben konnte.
Leider ist die bei weitem grössere Hälfte des Corps diesem Laster ergeben, und da der Preis des Genevers für die Bedürfnisse des Soldaten zu hoch ist, so ersetzt der wohlfeile Zuckerbranntwein, hier Dram genannt, denselben. Es ist merkwürdig, zu welcher Fertigkeit es Einzelne im Trinken gebracht haben; denn es gibt Manche (auch der Civilstand hat solche Matadoren), bei welchen zwei Flaschen täglich ihre Sinne noch nicht umnebeln. Diess ist die Ursache, warum der Soldat bei allen Einwohnern der Colonie in Misscredit steht, und ungeachtet seiner weissen Farbe selbst von Negern nicht geachtet wird. Man muss zwar gestehen, dass dieses Laster nicht blos unter den Soldaten herrscht, die freilich die Folgen ihrer Excesse nie so zu verheimlichen im Stande sind, wie die Bewohner der Stadt oder der Pflanzungen, die ihren Rausch in den Hängematten à leur aise ausschlafen können; aber so viel ist sicher, dass die Hälfte der Truppen Trunkenbolde sind, wenn man der täglichen Erfahrung trauen darf. Die meisten Militärs haben Weiber; denn die Liebe und der Wein, der aber hier durch Dram ersetzt wird, spielen im Militärleben die Hauptrolle. Weiber sind es freilich, aber keine Frauen; denn man hält das Band der Ehe für zu drückend, und die Gewohnheit des Landes, unverheirathet leben zu können, ist zu verführerisch, als dass man diess für eine Schande halten würde. Sieben Achtel der ganzen älteren männlichen Bevölkerung Surinams haben solche Maitressen, und unter 25 Kindern ist kaum eines ehlich geboren. Man begreift leicht, dass der Soldat das Geldstück nicht aus der Münze bekommt, und eine surinamische Missin muss schon ziemlich abgenützt seyn, wenn sie sich von den Abfällen des dürftigen Soldatentisches nähren muss; die meisten dieser farbigen Damen sind aber schlechte Haushälterinnen.
Kinder aus solchen Verbindungen der niederen Volksklasse und der Soldaten wachsen auf, wie die Lilien auf dem Felde, d. h. es bekümmert sich kein Mensch um sie.
Bei allen obscönen Scenen gegenwärtig gilt hier von ihnen mit vollem Rechte: Il n'y a plus d'enfants; sie erhalten wenig oder keinen Unterricht, und herangewachsen bringen sie es selten zu einer ordentlichen Existenz.
Von den Officieren waren viele in alten Zeiten auf diese surinamische Weise verheirathet, und wurden von ihren quasi Frauen nach allen Posten der Colonie begleitet, wo sie die Haushaltung ihrer Männer führten. Ein Officier, obgleich sein Gehalt denjenigen seines Ranges in Holland um ein Drittel übersteigt, kann bei den theuren Lebensbedürfnissen, so sparsam er es auch anlegen mag, in Garnison wenig oder nichts für die Zukunft erübrigen. Es ist desshalb für jeden vortheilhaft, nach den Militärposten detachirt zu werden, wo man Gelegenheit hat, die Finanzen zu verbessern, da die Lebensmittel meist wohlfeiler sind, Wald und Flüsse überflüssig Wild und Fische liefern, und mancher erlaubte Vortheil sich darbietet.
Es bestand unsere ganze Macht aus einem halben Bataillon Jäger, von ungefähr 500 Mann, einer Compagnie Artillerie und einer Compagnie schwarzer Soldaten. Die Garnison zu Paramaribo betrug beinahe 250 Mann, während der Rest auf den verschiedenen Posten im Lande oder an der Seeküste detachirt war, um 45,000 Negersclaven, im Falle sie rebelliren würden, im Zaume zu halten. Dass diess noch nicht geschah, ist ein Beweis von der guten Gesinnung der Neger, und widerspricht der Meinung von der grausamen Behandlung der Sclaven durch die Holländer gänzlich.
Die Einwohner der Stadt bestehen aus Europäern, weissen Eingebornen, farbigen Freien, und einer bei weitem grösseren Anzahl Sclaven[ [3].
Die Reichen sind, wie meistens überall, die Angesehensten; bei ihnen wird auch auf die Farbe so genau nicht gesehen, obschon die meisten bedeutenden Aemter durch Europäer besetzt sind. Der Kastengeist, der in früheren Zeiten so manchem mittelmässigen Kopfe, wenn er nur weiss war, Ehre und Reichthum verschaffte, hat sich bedeutend vermindert, und das Interesse oder vielmehr die nicht mehr so günstigen Zeiten haben dieses Vorurtheil so ziemlich auf die Seite geschafft.
Eine grosse Anzahl von Juden, welche wohl die Hälfte der weissen Bevölkerung ausmacht, und von denen viele im Besitze ansehnlicher Pflanzungen sind, hat sich seit den frühesten Zeiten der Colonie hier eingenistet und treiben meistens Handel.
Handwerke werden beinahe ausschliesslich durch die farbige Race betrieben; Sclaven dienen dabei als Gesellen, und schlechte und langsame Arbeit muss theuer bezahlt werden.
Ueber das Leben der höheren Stände kann ich aus Erfahrung nur wenig mich aussprechen, da mir meine Verhältnisse als Militär den Zutritt nicht gestatteten. Aber so viel ist gewiss, dass unter den höheren und reicheren Ständen nicht immer grosse Bildung herrscht, und Lectüre, Literatur und feinere gesellige Vergnügungen hier nicht überall zu Hause sind.
Nach den höchsten Beamten der Colonie stehen die Administratoren der Pflanzungen in grossem Ansehen. Da die meisten Eigenthümer von Pflanzungen sich in Europa aufhalten, so werden diese durch Administratoren verwaltet. Diese wohnen in Paramaribo, und haben die Leitung von verschiedenen, manchmal wohl 30 Pflanzungen unter sich. Weil ihnen nun von allen Einkünften gewisse Procente zukommen, und erstere bei einer Pflanzung manchmal mehr als 5000 fl. betragen, so muss man sich über ein solches Einkommen wundern, dessen Erwerb immerhin ein Mittagsschläfchen von 2-3 Stunden erlaubt. Weil nun auch viele Leute von diesen Herren abhängig sind, so stehen sie überall in der höchsten Achtung.
Die Lebensweise der Bewohner Paramaribo's bietet wenig Veränderung dar, und beschränkt sich hauptsächlich auf eine gute Tafel und andere körperliche Genüsse. Ausser der Tafel, welche mit allem Köstlichen aus Surinam, Holland und Nord-Amerika besetzt ist, besteht der grösste Luxus in Sclaven; denn je mehr man deren zur Bedienung im Hause hat, desto vornehmer ist die Haushaltung; dabei ist es gleichgültig, ob dieses Gesinde arbeitet oder nicht. Eine Familie, welche 2-3 Kinder hat, kann ohne 6-8 Dienstboten nicht wohl leben, welche man für Küche, Wäsche und Bedienung als unumgänglich nothwendig erachtet. Hat man Gärten oder Pferde, so ist natürlich noch ein Gärtner und ein Stallknecht nöthig. Wenn man nun die Kost für all dieses Gesindel kaufen muss (was aber bei Plantagenbesitzern oder Administratoren nicht der Fall ist), so erfordert eine solche Haushaltung ein enormes Einkommen, da die jährlichen Ausgaben sich bald auf 6000 fl. belaufen[ [4].
Wie ich bereits oben bemerkte, sind Heirathen nach europäischem Begriffe hier eben nicht sehr in der Mode; denn freie Haushälterinnen oder Concubinen ersetzen beinahe überall die Hausfrauen, was durchaus keine Schande ist. Kinder aus diesen Verbindungen werden zwar nicht vor Gericht, doch sonst wie rechtmässige behandelt, und führen den Namen der Mutter.
Sparsamkeit und Ordnung sucht man in diesen Haushaltungen meistens vergeblich; denn wenn auch der Mann kein Verschwender ist, so weiss doch seine Frau das Geld so anzuwenden, dass von Glück zu sagen ist, wenn die Einkünfte die Ausgaben decken. Meistens essen diese Haushälterinnen allein oder laden Freundinnen (Maatjes) ein. Bei den mittleren und niederen, freien Ständen, die vom Handwerk oder Nichtsthun leben, ist natürlich das Wohlleben in weit geringerem Grade zu finden, und gar viele wissen am Abende nicht, wovon sie am Morgen leben sollen, obgleich die wenigen Bedürfnisse mit ein paar Stunden Arbeit gar leicht zu bestreiten sind. Aber es herrscht auch unter den Eingebornen eine wirklich diogenische Genügsamkeit, wenn kein Kaufmann mehr borgen will.
Nach dem Vorbild der Eltern bildet sich die Jugend, und nirgends wird wohl die Erziehung so vernachlässigt seyn, als hier unter den niederen Ständen. Nicht, dass es keine Schulen gäbe oder Anstalten, um arme Kinder zu unterrichten, – für beides ist gesorgt, aber den meisten Eltern ist es gleichgültig wie ihre Kinder mit der Zeit haushalten und bekümmern sich weder um ihre Spiele noch sonstigen Beschäftigungen.
Besitzt nun auch die Jugend noch so viel Beweglichkeit, um keine Mittagsruhe in den Hängematten zu halten, so wird doch die Zeit nicht besser angewendet, als um Vögel zu fangen, oder mit der Flinte in den Wald zu schlendern. Ernste und anstrengende Arbeiten sind den meisten Creolen ein Gräuel. – Da im täglichen Umgange unter den Eingebornen blos neger-englisch gesprochen wird, und ausser der Schulzeit die Kinder sich wenig mit Lesen und Schreiben beschäftigen, so findet man nur sehr Wenige, welche correct holländisch schreiben oder richtig sprechen können. Die Geographie Hollands lernen Alle vollständig und sie kennen jeden Fluss oder jeden noch so unbedeutenden Flecken dieses Landes, das die Wenigsten unter ihnen je zu sehen bekommen, aber um die Kenntniss der Producte, der Lage und sonstigen Verhältnisse ihres eigenen so reichen Vaterlandes bekümmern sie sich nicht. Diess mag wohl auch eine der Ursachen seyn, dass Landbau und Industrie so vernachlässigt sind.
Ehe ich nun zur Erzählung meines einförmigen Garnisonslebens und der kleinen Vorfälle im Laufe meiner Dienstzeit zurückkehre, will ich, um den Zusammenhang nicht zu unterbrechen, die Sitten und Gebräuche auf den Pflanzungen, soweit ich sie während meines langjährigen Aufenthalts habe kennen lernen, schildern[ [5].
Die Pflanzungen, welche den Reichthum des Landes hervorbringen, liegen alle längs der vielen Flüsse und Kreeken, welche die Colonie in allen Richtungen durchschneiden und den Transport der Producte erleichtern.
Da das Land, soweit die Pflanzungen reichen, überall nieder ist, und diese manchmal unterm Niveau des höchsten Wassers stehen, so war bei der Anlage derselben eine dauerhafte Eindämmung, Anlage von Schleussen u. s. w. nöthig, lauter Arbeiten, deren Kostspieligkeit und Mühe sich wohl keine anderen, als holländische Ansiedler unterzogen haben würden, und die auch in der Folgezeit durch die ungeheure Fruchtbarkeit reichlich vergütet wurden.
Das Hauptproduct war und ist jetzt noch Zucker. Die Pflanzungen hievon sind desshalb hinsichtlich der Anzahl von Negern auch die bedeutendsten, denn sie haben 100-400 Sclaven.
Ich übergehe die allgemein bekannte Anpflanzung dieses sowie der anderen Producte, und füge blos bei, dass die Arbeiten auf einer Zuckerpflanzung beschwerlicher für die Neger sind, als auf einer anderen, da besonders bei den Wassermühlen die Sclaven Tag und Nacht arbeiten müssen, weil solche Werke nur mit den Springfluthen des vollen und neuen Mondes in Gang gebracht werden können.
Die Dampfmaschinen, welche immer mehr in Gebrauch kommen, erlauben zwar den Negern ihre Nachtruhe, erfordern aber viele Mühe und Kosten, weil zur Feuerung der Maschine eine Menge Holz oder Steinkohlen nöthig ist. Erfahrene Directoren ziehen ein gutes Wasserwerk jeder Dampfmaschine vor. Das andere Product, das aber immer mehr in Abnahme kommt, ist Caffee. Auf diesen Pflanzungen sind 40-200 Sclaven, welche ein ungleich besseres Leben als die auf den Zuckerpflanzungen führen, indem ihre tägliche Nahrung, die in Bananen besteht, immer reichlich vorhanden ist.
Im Schatten dieser Bananen stehen die Caffeebäume; eine Caffeepflanzung liefert meistens Bananen nach den Zuckerpflanzungen, auf welchen diese nicht in hinreichender Menge angepflanzt werden, wesshalb das Fehlende für die Sclaven angekauft werden muss.
Das dritte bedeutende Product ist Baumwolle, welche in den Ländereien, die in der Nähe der See liegen, vortrefflich gedeiht. Auch hier hat man Pflanzungen von 300 Sclaven.
Die Zubereitung dieses Products wurde in der letzten Zeit bedeutend vervollkommnet, und das langweilige Geschäft, den Cattun von den Körnern zu scheiden, wird jetzt auf mehreren Pflanzungen durch kleine Dampfmühlen verrichtet, die im Stande sind, mit der Hülfe von fünf Personen täglich bei 2000 Pfund Baumwolle rein zu mahlen, eine Arbeit, die auf gewöhnlichem Wege eine Menge Neger beschäftigen würde.
Cacao und Indigo sind von weniger Bedeutung, da blos noch kleine Pflanzungen davon existiren.
In den höher liegenden Gegenden sind die Holzgründe, welche für den inländischen Gebrauch Balken und Bretter liefern. Es sind davon etwa 25 im Lande, welche 2400 Neger beschäftigen. Da das Holz, welches auf diesen Etablissements bearbeitet wird, nicht als Ausfuhrproduct betrachtet werden kann, und diese desshalb weniger bekannt sind, so halte ich es für nöthig, noch einige Details darüber beizufügen.
Diese Niederlassungen befinden sich, wie schon gesagt wurde, im höher liegenden Lande, wo keine Productpflanzungen mehr sind und der Urwald mit seinen colossalen Bäumen vor den Palmen- und Mangowäldern des niederen Landes vorherrscht. Sie enthalten meist nur wenige Sclaven (mit Ausnahme von zwei, welche gegen 300 zählen), aber ein desto grösseres Territorium, was natürlich bei dem langsamen Wachsthum der Bäume sich von selbst versteht. Es gibt Pflanzungen, welche 12 holländische Meilen im Umkreise haben, die jedoch noch keine 50 Sclaven zählen. Die Bearbeitung des Holzes ist für dieselben die leichteste und angenehmste Arbeit, weil ihnen diese festgesetzt ist, und sie im Stande sind, mit etwas Fleiss 1-2 Tage wöchentlich für sich selbst zu erübrigen. Häufig sind die Arbeitsplätze mehrere Stunden von der Pflanzung entfernt, und die Neger gehen jeden Montag mit Lebensmitteln für die ganze Woche dahin. Gesunde und starke Männer werden zum Sägen verwendet; andere jüngere Männer müssen den gefallenen Baum auf ein Gerüst, das man Barbacot nennt, aufsetzen; zu diesem nimmt man das Holz der Cumu-Palmen und anderer, leicht fällbarer Bäume, oder man macht ein solches aus starken Sparren, die mit Lianen dauerhaft zusammengebunden werden, und worauf nun drei oder mehr Männer, je nach der Grösse des Blockes, denselben aufsetzen. Die zum Sägen bestimmten Bäume werden im Neumond gefällt, weil man meint, dass das Holz alsdann weniger reisse. Man nimmt an, dass zwei Neger täglich 60 lange und 1' breite Bretter sägen, was auch für sie ganz leicht geht. Diese Bretter werden von Weibern auf dem Kopfe nach dem Holzgrunde oder dahin gebracht, wo eine Kreek oder ein Fluss den Weitertransport erleichtert. Viereckiges Bauholz wird von Ochsen gezogen, was aber bei den schlechten Wegen und überall hervorragenden Baumwurzeln sehr langsam von statten geht.
Die Holzetablissements, welche schon seit so vielen Jahren betrieben werden, hieben natürlich dasjenige Holz, das in der Nähe der Flüsse oder Kreeken stand, zuerst weg, und haben desshalb, je tiefer sie landeinwärts dringen, um so schwierigeren Transport. Es denkt natürlich Niemand daran, die ausgehauenen nützlichen Hölzer durch Stecklinge nachzupflanzen, was mit wenig Mühe und Kosten geschehen könnte. Man denkt eben wie überall: Après moi le déluge – und das ist eben der Grund davon, dass die edlen, feinen Holzarten so theuer und in grossen Dimensionen so mühsam zu bekommen sind. Es können diese Etablissements durchaus nicht concurriren mit dem Verkaufe des Holzes, das die Buschneger aus den noch nicht ausgegebenen Waldungen des unbewohnten Landes bringen, und zu niedrigen Preisen verkaufen. Ausserdem dass die Buschneger nicht die mindeste Abgabe an das Land bezahlen, während die Eigenthümer der Holzgründe mit Kopf- und Ackergeldern besteuert, und den Wechselfällen des Sklavenbesitzes ausgesetzt sind, fällen jene ihr Holz noch an Stellen, wo es, so zu sagen, ins Wasser fällt, so dass ihnen der Weitertransport keine Mühe macht. Es ist desshalb auch zu begreifen, dass die Eigenthümer der Holzgründe ihre Rechnung bei diesem Handel nicht finden; aber das Gesetz, dass die Neger nur mit ihrem Willen von den Pflanzungen verkauft oder versetzt werden können, und die Widerspenstigkeit, ein anderes Product anzupflanzen, das dem Eigenthümer mehr Nutzen bringen, ihnen aber mehr Mühe verursachen würde, macht die meisten Eigenthümer zu armen Leuten.
Die Neger dieser Pflanzungen haben vor allen das beste Leben; sie gebrauchen die viele freie Zeit, welche sie erübrigen, zur Anpflanzung von Erdfrüchten, die sie in Paramaribo verkaufen. Sie erhalten von ihren Eigenthümern bloss sogenannte Switti Moffo, d. i. gesalzenes Fleisch oder gesalzene Fische; es werden ihnen aber jährlich in der Trockenzeit eine gewisse Anzahl Tage freigegeben, in denen sie Wald fällen, verbrennen und den Boden reinigen, und Erdfrüchte, die meistens aus Mais, Reis, Toryers, Cassave u. s. w. bestehen, pflanzen. Sie ziehen überdiess Schweine und Federvieh und leben in mancher Hinsicht besser, als der von allen Sorgen gedrückte und ärmere europäische Landmann.
Alle Pflanzungen stehen unter der Aufsicht und Leitung eines Directors, der auf der Pflanzung wohnt und von den Eigenthümern oder Administratoren des Effektes angestellt und diesen verantwortlich ist[ [6].
Die Einkünfte des Directors richten sich nach der Grösse des Effektes und seiner Revenüen, und belaufen sich auf den grössten Zuckerpflanzungen manchmal auf 3000 fl. Ausser der Besoldung, die im Durchschnitt auf 1200 fl. angeschlagen werden kann, haben viele noch sichere Procente von Producten der Pflanzung, als: Zucker, Caffee, Cattun, Melassin und Dram; sie ziehen auch eine Menge Schweine und Federvieh, die von den Bananen der Pflanzung gefüttert werden. (Ich kenne Directoren, die über 1000 fl. jährlich reinen Gewinn von ihren Schweinen haben.) Sie sind auch unumschränkte Herren auf der Pflanzung. Verstehen sie nun, sich der Gunst des Administrators zu versichern, und sind sie in ihrem Fache als tüchtige Männer bekannt, so ist ein solcher Director wirklich eine beneidenswerthe Person. Geräumige Gebäude sind ihre Wohnungen, eine Menge Dienstboten führen die Haushaltung; ein Jäger, Fischer und Gärtner sorgen für die Bedürfnisse der Tafel, und alle diese fliegen auf den Wink herbei. Die Bequemlichkeit dieser Herren, besonders der farbigen Directoren, ist daher manchmal eckelerregend, so z. B. wäre es eine grosse Erniedrigung, selbst eine Pfeife anzuzünden, ein Glas Wasser einzuschenken oder die Schuhe auszuziehen. Ich kannte mehrere dieser Herren, besonders auf Holzgründen, die des Morgens um 6 Uhr aufstanden, dem Bastian der Neger ihre Befehle ertheilten, dann Caffee tranken, bis 12 Uhr nichts thaten, gut assen, nachher sogleich von den Beschwerden der Tafel in der Hängematte ausruhten, und sich da von einem hübschen Negermädchen den Kopf kratzen liessen, bis ihnen die Augen zufielen. Um 5 Uhr standen sie auf, wuschen sich, assen von 7-8 Uhr, legten sich um 9 Uhr mit ihren Concubinen in's Bett und verdienten dabei 12-1500 fl. jährlich. Dieses ist nicht übertrieben; doch kenne ich keinen Europäer, der es bis jetzt zu diesem Grade von Faulheit gebracht hatte.
Ein Director, der seinen Pflichten nachkommen will, wird aber auch nie auf solche Weise vegetiren. Die Behandlung der Neger erfordert, besonders in der jetzigen Zeit, sehr viel Umsicht und kaltes Blut, sowie eine grosse Erfahrung und eine, wenigstens auch nur oberflächliche, medicinische Kenntniss, um ihre angeblichen Krankheiten, die sie manchmal vorschützen, um sich der Arbeit zu entziehen, oder ihre wirklichen Krankheiten und Gebrechen beurtheilen zu können. Ihre mannigfaltigen Betrügereien, ihr Aberglauben und ihre Fetische können nicht immer auf eine Weise bestraft werden, wie sie es verdienen; kurz, es gehört viel dazu, sie zum Vortheil ihres Besitzers so zu behandeln, dass die Furcht, die doch hier nur den Gehorsam bedingt, unter ihnen herrscht, und ihre Fehler doch mit Nachsicht gerügt werden. Und es ist nicht allein Menschen- oder Negerkenntniss, die dem Director nicht fehlen darf, sondern er muss auch in technischer Beziehung eine gute Schule genossen haben; denn er muss seine Meinung beim Zimmern von Gebäuden, beim Mauern von Oefen, beim Schmieden im Maschinenwerk, kurz überall äussern können, weil Alles unter seiner Leitung und Aufsicht geschieht. Die Bearbeitung seines Products ist ihm ganz allein überlassen, und es liegt desshalb eine schwere Verantwortung auf ihm.
Das Leben auf der Pflanzung ist beinahe überall das gleiche.
Der Director steht um ½6 Uhr auf, kleidet sich in eine grobe leinene Hose und ein Wamms, und kommt auf die Gallerie, die auf den meisten Pflanzungen sich auf einer oder beiden Seiten des Hauses hinzieht. Bereits warten unter derselben die schwarzen Aufseher der Sclaven, Bastians, die als Zeichen ihres Ranges eine Peitsche führen. Es sind deren 2-4. Sie erstatten dem Director Bericht über die Arbeiten des vorigen Tages, bezeichnen die Faulen oder die, welche Strafe verdient haben, und vernehmen die Befehle für die Arbeiten des Tages. Die, welche Prügel verdient haben, empfangen sie nun vor der Thüre, während der Director seinen Caffee trinkt.
Sind die Arbeiten geregelt, so erscheinen die Kranken mit dem Dresneger oder Doctor. Man sieht da allerlei jämmerliche Gesichter und hört manches Aechzen, was man aber nicht immer für baare Münze annehmen darf. Die wirklich Kranken kommen ins Krankenhaus, die andern werden weggejagt und müssen an ihre Arbeit. Zu gleicher Zeit macht auch der Blank-Officier oder weisse Aufseher, der seinen Caffee in seiner bescheidenen Kammer eingeschluckt hat, seinen Rapport, erhält seine Befehle und geht in die Aecker, die Arbeit der Neger anzusehen, oder in die Mühle, wenn da gemahlen wird. Der Director geht nun, nachdem er die Befehle für seine Haushaltung (denn nur wenige sind verheirathet) gegeben hat, mit seinem Jungen (Voeteboy), der Tabak, Flinten, häufig auch eine Herzensstärkung tragen muss, versehen mit einem langen, sogenannten Tasstocke, ins Feld, wo er ebenfalls die Arbeiten besichtigt und untersucht. Der lange Stock dient ihm dazu, um über die Gräben, welche die verschiedenen Beete und Aecker absondern, zu springen. Ueber breite Gräben (Vaartrenzen), in welchen man das Product in kleinen Ponten nach den Gebäuden führt, gehen Brücken. Meistens dauert eine solche Promenade 1½-2 Stunden, von welcher man, besonders während der Regenzeit, von unten bis oben beschmutzt nach Hause kommt. Hat er sich umgekleidet, so wird ein Schnaps eingenommen, um den Appetit zur Tafel zu reizen, der aber bei einem noch nicht recht kommen will, und meistens durch mehrere aufeinander folgende geweckt werden muss.
Gegen eilf Uhr bringt die Creolen-Mamma, eine alte Negerin, welche die Aufsicht über die Kinder der Pflanzung führt, dieselben vor die Thüre. Mädchen und Knaben sind ganz nackt und kommen so eben aus dem Bade. Sie stellen sich nach der Grösse: Bengels von 13-14 Jahren oben an, und ganz kleine, mit dicken, vollgegessenen Bäuchen, unten.
Auf ein gegebenes Zeichen der Negerin strecken alle die Hände empor, klatschen und rufen: Odi Masra, Odi Missi, fai Masra dan, fai Missi dan! (Guten Tag Herr, guten Tag Frau! Wie gehts Herr? Wie gehts Frau?) und dergleichen Narrheiten, die jeder Director nach seiner eigenen Phantasie papageienartig sich vorplaudern lässt. Hierauf marschirt die Creolen-Mamma mit ihrer Heerde ab.
Um zwölf Uhr wird gegessen, wobei der Blankofficier, wenn keine Gäste da sind, allein mit dem Director isst. Es werden meistens mehrere Arten Fleisch und Fische mit Erdfrüchten und scharfen Saucen, aber wenige Gemüse aufgetragen.
Häufig findet man bei der Mittagstafel einen alten, russigen, irdenen Topf, der mit Ueberbleibseln von Fleisch und Fischen, in einer fürchterlich gepfefferten Sauce, auf einem weissen Teller den Liebhabern präsentirt wird. Man nennt diese Töpfe Pfeffertöpfe[ [7]; sie waren besonders früher sehr in der Mode. Nach dem Essen hält der Director eine Siesta bis gegen 4 Uhr. Ihn in dieser Ruhe zu stören, ist nur in besonders dringenden Fällen erlaubt, sonst würde er ein sehr schiefes Gesicht dazu machen. Des Abends 6 Uhr kommen wieder die Bastians und Feldneger, welche dann einen Schnaps, Dram, erhalten, vor die Thüre, und auch der Blankofficier macht mit dem Hute in der Hand seine Aufwartung. Auch er erhält seinen Schluck Genever; nachher zieht er sich, wenn ihn nicht der Director zum Gespräche zu sich einladet, was aber sehr selten geschieht, in sein Kämmerlein zurück, bis ihn gegen 8 Uhr der Voeteboy zum Abendessen abruft.
Ist der Director ein gebildeter Mann, so findet er in der vielen freien Zeit Unterhaltung in der Lectüre; denn häufig leben die Directoren der Nachbarschaft unter sich auf gespanntem Fusse, was wirklich zu verwundern ist; denn sie sind desswegen meist allein und blos auf die Gesellschaft ihrer Haushälterinnen beschränkt, die gerade nicht besonders unterhaltend sind. Diese Einsamkeit und das Bedürfniss, die Zeit zu tödten, ist die Hauptursache der unmässigen Consumtion von starken Getränken, und es ist unglaublich, welche Quantitäten von Genever, Rum und Branntwein hier jährlich verbraucht werden.
Die Gastfreundschaft auf den Pflanzungen ist sehr gross. Da keine Wege im Lande sind, so reist man überall zu Wasser in geräumigen Barken, und zwar die Flüsse aufwärts mit der Fluth, abwärts mit der Ebbe[ [8].
Wirthshäuser findet man nirgends. Erlaubt das Getey (Ebbe oder Fluth) nicht, weiter zu fahren, oder will man ausruhen, so hält man an der ersten besten Pflanzung und wird, sey man bekannt oder nicht, mit aller Freundlichkeit empfangen. Man erhält Zimmer, übernachtet oder zieht weiter, wie man es für gut findet. An Bezahlung ist natürlich nicht zu denken, und Trinkgelder sind gar nicht Mode.
So ist also das Leben auf den Pflanzungen mehr oder weniger gesellig, je nachdem Gäste kommen, oder die Directoren der Nachbarschaft sich gut mit einander vertragen können.
Viele Bewohner der Stadt bringen die Trockenzeiten auf den Pflanzungen zu, und mancher Pflastertreter sucht die eine oder andere heim.
Dass die Langeweile die Plantagenbewohner manchmal zu tausend Narrheiten verleitet, lässt sich denken. Pasquillen und Scherze sind immer im Umlauf und endigen manchmal auf kostspielige Weise, besonders wenn sich die Justiz darein legen muss. Mancher Director hat sich schon ein hübsches Vermögen erworben, und viele besitzen Häuser in Paramaribo; andere aber verbrauchen ihren Gehalt mit feinen Speisen und Getränken, oder in Amours und sind, wenn sie ihre Stelle verlieren, gar bemitleidenswerthe Geschöpfe. Sie leben fast alle mit Haushälterinnen, die entweder Freie (Missi) sind, oder die sie sich unter den hübschen Mädchen der Pflanzung aussuchen. Unter letzteren Verhältnissen sind die Kinder Sclaven, es sey denn, dass sie von ihrem Vater losgekauft werden, was manchmal mit vielen Schwierigkeiten und Kosten verbunden ist.
Die zweite weisse Person auf der Pflanzung ist der Blankofficier, deren grössere Effecte 2-3, kleinere nur einen haben. Ihr Gehalt ist gering und beträgt selten über 250 fl. Es sind diess meist junge Leute, die aus Europa kommen, um ihr Glück zu machen, und die, wenn sie Protection haben und sich gut betragen, in 3-4 Jahren es ebenfalls zu einer Directorstelle bringen können. Ihr Anfang ist aber schwer, denn sie werden von den meisten Directoren wie eine Art niederer Geschöpfe behandelt und selten mit einem Wort beehrt. Sie sind in ihren Freistunden ganz sich selbst überlassen und bringen in manchmal erbärmlichen Wohnungen ihre Abende zu.
Man denke sich, wie es einem gebildeten, jungen Menschen zu Muthe seyn muss, wenn er, unbekannt mit den Gebräuchen und der Negersprache, seine Lehrzeit auf einer Pflanzung beginnt, wo ihn der Director kaum eines Grusses würdigt, und ihm eine miserable Kammer angewiesen wird, in welcher er keine andere Gesellschaft findet, als Millionen von Mosquittos, oder Klumpen von Fledermäusen, die in den Dachsparren zwitschernd ihre Bemerkung über ihn zu machen scheinen.
Ich komme nun zu den Sclaven der Pflanzungen, welche die Hauptbevölkerung des Landes ausmachen.
Da seit 24 Jahren keine mehr aus Afrika eingeführt wurden, so besteht die Mehrzahl derselben aus hier Gebornen oder Creolen. Diese letzteren, welche von Jugend auf an das Effect und dessen Eigenthümer oder Verwalter gewöhnt sind, werden den Afrikanern bei weitem vorgezogen; sie bilden auch meistens grosse Familien, welche nie von der Pflanzung verkauft werden.
Man theilt die Plantagensclaven in vier Classen: 1) In Feldsclaven, die zur Cultur bestimmt sind; 2) in Haussclaven, die das Hauswesen, Tafel, Küche u. s. w. besorgen; 3) in Creolen: kleine Kinder, die noch keine Arbeit verrichten können, und 4) in Malenkers: Alte und Kranke, die zu keiner Arbeit mehr fähig sind. Wenn daher eine Pflanzung unter 200 Köpfen 75-80 Feldsclaven besitzt, so ist diess schon ein sehr vortheilhafter Staat. Die Feldsclaven haben natürlich bei weitem die schwerere Arbeit, während die Haussclaven, von denen z. B. zwei für die Küche, zwei für die Wäsche, einer zum Nähen, einer und zwei Voeteboys zum Dienste eines einzelnen Mannes angestellt sind, den grössten Theil des Tages unbeschäftigt herumliegen. Ein Jäger, ein Fischer, sowie auf manchen Pflanzungen ein Gärtner, haben mehr Arbeit.
Der Schweine- und Kühehirt, ein Weib, das für die Hühner zu sorgen hat, und ein Wächter des Kostgrundes sind meistens alte Leute, welche zu keiner andern Arbeit mehr gebraucht werden können[ [9].
Die Feldsclaven gehen des Morgens um 6 oder 7 Uhr in die Aecker an ihre Arbeit, und kehren des Abends, oder wenn sie das, was ihnen auf den meisten Pflanzungen vorgeschrieben wird, vollendet haben, nach Hause zurück. Des Sonntags wird nichts gearbeitet, muss es aber geschehen, wie diess häufig auf den Zuckerpflanzungen der Fall ist, so wird den Sclaven ein anderer Tag für den Sonntag gegeben.
Die Negerhäuser sind ganz in der Nähe der Mühle oder der Fabrikgebäude, und bilden, wenn die Pflanzung bedeutend ist, ganze Dörfer. Auf manchen Pflanzungen sind sie von Brettern gebaut und mit Schindeln bedeckt, auf den meisten aber mit den Latten der Pinapalme beschlagen und mit Blättern dieser Palme bedeckt. Um die Häuser, welche regelmässige Strassen bilden, pflanzen die Neger spanischen Pfeffer, Calebasbäume u. s. w.; dabei wimmelt es von Federvieh und Schweinen.
Die Nahrung erhalten die Neger auf allen Pflanzungen, die Holzgründe ausgenommen, vom Effekte selbst. Sie soll nach dem Gesetze in zwei Bündeln Bananen und 3 Pfund gesalzenen Fischen wöchentlich bestehen. Erwachsene Neger erhalten dazu noch Tabak, Pfeifen, und täglich einen Schnaps, Dram; Weiber dagegen Melassin. Bananen werden auf den Pflanzungen jeden Sonntag Morgen ausgetheilt; Fische u. s. w. aber viertel- oder halbjährlich. Es ist aber kaum möglich, ihnen das Stehlen von Bananen in den Kostäckern, von Zucker oder Melassin im Kochhause, von Producten aus den Caffee- oder Cattunlogen dieser Effekte zu verwehren. Das Gestohlene verbrauchen sie entweder selbst oder vertauschen es bei Sclaven anderer Pflanzungen, oder bringen es gelegenheitlich nach Paramaribo, wo sich stets Liebhaber dafür finden[ [10]. Kleidungsstücke und andere Bedürfnisse, als: Töpfe, Cassavo, Platten, Messer, Scheeren u. s. w. werden zu bestimmten Zeiten von den Eigenthümern der Pflanzungen aus Holland gesandt, oder mit deren Genehmigung hier im Lande angekauft, und es werden diese Sachen durch den Director, der für sich selbst eine Menge Küchen-, Tafelgeräthe u. s. w. erhält, familienweise ausgetheilt. Der Werth der Sendung beträgt manchmal bei 4000 fl.
Auf allen wohlgeordneten Pflanzungen ist für die Neger auf eine Weise gesorgt, die dieser Menschenrace die Sclaverei sehr erträglich macht, und ganz verschieden ist von den Vorstellungen, die man in Europa gewöhnlich vom Zustande der Sclaven sich macht.
Ihre Arbeit ist nicht übertrieben und dauert, wenn der Neger fleissig ist, nicht über neun Stunden täglich. Nahrung und Kleidung haben sie hinlänglich, und im Alter werden sie auf den Pflanzungen unterhalten. Wie ganz anders ist das Leben der ärmeren Taglöhner in Europa, die bei beschwerlicherer Arbeit zufrieden sind, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Familie befriedigen können, und die bei Krankheit und Unglücksfällen keine andere Zuflucht haben, als den Bettelstab!
Die Religion der Neger, wenn man ein Gemisch von Aberglauben und Unsinn so nennen darf, ist die ihrer ursprünglichen Heimath, der Fetischismus. Jedes einzelne Individuum hat, so zu sagen, seine eigene Gottheit, und verpflichtet sich, dieser zu Ehren, von irgend einer Speise sich zu enthalten. Schnüre, Corallen, geschnitzte Holzstückchen, oder was ihnen gerade einfällt, werden um den Hals, Arm oder die Füsse getragen, und sind Amulette, welche sie beschützen. Man nennt diese Narrheiten Obia's. Beinahe alle Neger verehren den Seidewollenbaum und opfern demselben; schwer verbotene Tänze stehen damit in Beziehung.
Es hat auf allen Pflanzungen sogenannte Bukumann's oder Zauberer, welche die Zukunft vorher wissen, und in der Bereitung von inländischen Arzneien oder als Giftmischer sich auszeichnen. Mancher verhasste Director hat schon durch diese sein Leben eingebüsst, und man hat Beispiele, dass schon auf Pflanzungen eine Menge Sclaven hinwegstarben, die vergiftet wurden, um deren Eigenthümern Schaden zu bringen. Die Gifte sind alle aus Vegetabilien gezogen, und lassen daher wenig Spur zurück.
Die Jugend wächst natürlich auf den Pflanzungen wie das liebe Vieh auf; blos auf zwei oder drei derselben werden die Kinder unterrichtet. Beinahe alle werden von den Herrnhutern[ [11], welche in Paramaribo eine bedeutende Niederlassung haben, von Zeit zu Zeit besucht, und den Sclaven werden alsdann einige Kapitel der Bibel in der neger-englischen Sprache vorgelesen und ausgelegt. Will man aber, dass die Neger die Kirche besuchen sollen, so muss die Arbeit des ganzen Tages nachgelassen werden, was für die Pflanzung ein grosser Schaden ist. Die Predigten der guten Leute mögen aber nicht so fasslich seyn, so dass der Nutzen in moralischer Beziehung nicht sehr gross ist, besonders da blos alle paar Monate solche Vorlesungen gehalten werden, bei welchen meistens die Hälfte gedankenlos zuhört, und so das Gehörte sehr leicht vergisst.
Die Herrnhuter, die in Paramaribo als Schuster, Schneider, Bäcker, Kaufleute u. s. w. sich nähren, verlassen tourweise ihre Arbeit und besuchen in geräumigen Tentfahrzeugen zu obigem Zwecke die Pflanzungen, auf welchen man sie überall mit der grössten Gastfreundschaft aufnimmt und bewirthet, wiewohl die wenigsten Directoren, denen in der Regel die Arbeit mehr am Herzen liegt, als das Seelenheil ihrer Sclaven, sie gerne sehen. Haben sie die ihnen vorgeschriebene Anzahl von Pflanzungen besucht, so fahren sie wieder zur Stadt zurück und versehen ihre Geschäfte.
Die grösste Glückseligkeit nach dem Nichtsthun ist für die Neger der Tanz. Sie haben viele Tänze, die ich nicht namentlich kenne, und von welchen wieder manche in genauem Verbande mit ihrem Fetischismus stehen und von der Regierung strenge verboten sind. Es gibt häufig in den Negerhütten der Pflanzungen Sonntags kleine Tanzparthien, die gewöhnlich noch vor Mitternacht enden, und zu welchen sich blos einige Familien, jedoch nicht ohne Erlaubniss des Directors versammeln. Die Musik besteht dann blos in dem Schall einer Trommel (ein ausgehöhltes rundes Stück Holz, über welches eine Schweins- oder Hirschhaut gespannt ist), und dem Klang aus einigen alten Schaufeln oder dergleichen, auf die mit Eisenstücken taktmässig geschlagen wird.
Mit viel mehr Feierlichkeit werden die Tänze begangen, welche man an gewissen Jahrstagen zum Andenken an Verstorbene hält. Da werden Kuchen gebacken, Schweine und Hühner geschlachtet, und dem Todten wird ebenfalls ein guter Theil auf das Grab gebracht. Dabei kommen alle Kleidungsstücke, die sie sonst nie gebrauchen, zum Vorschein, und man sieht dann besonders unter den Männern groteske Gestalten. Die Haupttänze aber, zu welchen den Sclaven mehrere Tage freigegeben werden, sind am Neujahr, und zwar gewöhnlich im oder am Wohnhause des Directors, wobei die Männer mit Dram, die Weiber aber mit Wein oder schlechtem Liqueur bewirthet werden.
Gewöhnlich hat der Director Gäste bei sich, und es werden da oft Bacchanalien gehalten, dass es einem graust.
In Paramaribo finden um diese Zeit alle Abende solche Tanzparthien statt, die meistens unter Zelten bei guter Beleuchtung abgehalten werden. Die Eigenthümer von Sclaven lassen sich's um diese Zeit nicht wenig kosten, ihren Sclaven Vergnügen zu machen; Backwerk, Wein und Liqueur findet man bei diesen Parthien im Ueberfluss. Die Mädchen sind dabei nicht selten mit den Kleidern und Schmucksachen ihrer Haushälterinnen bekleidet, und es herrscht eine Pracht, dass man sich verwundert. Es haben aber auch die Haussclaven selbst gute Kleidungsstücke, die blos an diesen Tagen gebraucht werden. Es ist in der That ein prächtiger Anblick, diese in allen Farben aufgeputzte, von ächtem und falschem Gold und Juwelen glänzende, singende Masse in immerwährender Bewegung beim Scheine einer Menge Lampen, und beim Lärmen einer abominabeln Musik zu sehen, und man glaubt sich ins Morgenland versetzt. Die Tänze lassen sich freilich nicht mit unsern vergleichen, weil bei den meisten gesungen wird; es sind die Verse, die einige Dutzendmale im Chor wiederholt werden, und wegen ihres satyrischen Inhalts viel Lachen erregen. Der Tänzer oder die Tänzerin, welche solche improvisiren, tanzen um einander in immer kreisförmiger Bewegung, während der Chor sich nur auf den Füssen wiegt und mit dem Oberleibe bewegt, dabei aber nach dem Takte in die Hände klatscht oder mit Castagnetten die Musik begleitet. (Diese Castagnetten sind dreieckige, holzichte Schalen oder Nüsse einer Euphorbiacee). Häufig tanzt aber Alles, indem sich jedes einzelne Individuum kreisförmig durch den ganzen Raum dreht, ohne an den andern anzustossen. Der Anblick dieses Tanzes erregte mir stets Schwindel, und ich konnte es nie lange dabei aushalten.
Ich will nur noch kurz zum Schlusse etwas über die hier herrschenden Krankheiten beifügen, die ich freilich nur als Laie, nicht als Arzt beschreiben kann.
Die häufigsten Krankheiten, denen der Europäer wie der Creole unterworfen ist, und die unter Buschnegern und Indianern gleich stark grassiren, sind Wechselfieber, welche, wenn der Patient nicht gleich in geschickte Hände kommt, Monate und Jahre lang anhalten. Es ist gewöhnlich die erste Krankheit der Neuangekommenen oder das Aklimatisationsfieber. Gallenfieber sind ebenfalls häufig und machen ganz kurzen Prozess. Eine andere häufige Krankheit höchst beschwerlicher Art ist der sogenannte Kuk oder Kuchen, eine Anschwellung der Milz. Man fühlt sich dabei immer ermattet, hat kurzen Athem, unruhigen Schlaf und ist ausserordentlich reizbar. Dieses Unwohlsein dauert manchmal Jahre lang. Meistens befolgt man dagegen den Rath eines inländischen Quacksalbers, der stark abführende Mittel gibt. Die Wassersucht ist ebenfalls nicht selten, zeigt sich aber meist nur bei Individuen, welche dem Trunke ergeben sind.
Die Hauptkrankheit, die fürchterlichste von allen, weil sie zugleich die anstrengendste ist, ist die Lepra. Bei den von ihr Befallenen zeigen sich zuerst weissfarbige Flecken auf der Haut. Die Ohren, Nasen, Augenlieder u. s. w. schwellen auf; es zeigen sich Beulen im Gesichte und am Körper, welche manchmal aufbrechen; Finger, Zehen, Ohren, Nase oder einzelne Glieder fallen ohne Schmerzen ab; das Gesicht verzerrt sich aufs Scheusslichste und verräth nichts Menschliches mehr. Die meisten Kranken sind dabei innerlich gesund, können arbeiten und dabei selbst alt werden, während bei anderen die Krankheit schnellere Fortschritte macht.
Die damit Behafteten, seyen sie Freie oder Sclaven, werden, sobald die Behörde davon unterrichtet ist, nach einem, dem Lande gehörigen und eigens dazu bestimmten Etablissement, Batavia, abgesandt, wo sie, entfernt von der übrigen Welt, auf Kosten des Landes so lange verpflegt werden, bis der Tod sie von ihren Leiden erlöst. Noch nie ist ein Kranker von dieser Qual befreit worden, obgleich man neuerdings in Para in Brasilien Versuche mit dem Safte der Hura crepitans machte, die befriedigend ausgefallen seyn sollen. Leute von Vermögen oder höheren Ranges, welche davon befallen werden, leben einsam in ihren Häusern, oder reisen nach Europa, wo ihnen aber ebenfalls nicht geholfen werden kann.
Das Etablissement Batavia, das am Copenamstrom liegt, ist der Leitung des katholischen Präfecten anvertraut, hat eine hübsche Kirche und einen Priester, der die Kranken tröstet und lehrt, wobei er sich jeglicher Gefahr aussetzt. Die Zahl dieser Unglücklichen beläuft sich dort auf circa 700[ [12].
In Paramaribo befinden sich heimlich viele Leprosen, die von ihren Familien versteckt gehalten werden, wodurch diese entsetzliche Krankheit immer mehr verbreitet wird, was auch in der Nachbar-Colonie Cayenne der Fall ist, wo viel weniger auf Absonderung gesehen wird. Eine andere Krankheit, genau mit dieser verwandt, aber nicht ansteckend, ist die Elephantiasis. Es schwellen dabei die Beine, oder oft nur ein Fuss auf fürchterliche Weise an, und erhalten ganz das Aussehen von Elephantenfüssen. Häufig kommen noch Auswüchse und Knollen dazu, und eine rauhe, chagrinartige Haut überzieht das Ganze. Die Zahl der davon Angesteckten ist sehr gross, und besonders bei der Sclavenbevölkerung, die sich nicht so gut bekleiden kann, ins Auge fallend. Man sieht häufig Kinder von zehn Jahren mit solchen Klumpfüssen, die meistens bis zum Knie eine unförmliche Dicke haben. Auch dagegen hat man kein Mittel.
Ausser den angeführten ist noch eine andere Hautkrankheit nicht selten, die Jaws, eine Art Krätze, bei welcher sich einzelne runde Flecken auf dem Leibe zeigen, die aufbrechen. Auch sie ist eine langwierige, ansteckende Krankheit, zu deren Heilung Monate erfordert werden.
Dritter Abschnitt.
Geschichtliche Bemerkungen im Allgemeinen. Ursache des Verfalles des Wohlstandes der Colonie Surinam. Beschreibung des Landes. Gränzen. Ströme: Marowyne, Comewyne, Cottica, Surinam, Saramacca, Coppename, Correntin.
Für Manchen wird es nun von Interesse seyn, hier eine kurze Geschichte der Colonie Surinam zu finden. Ich hatte zwar im Sinne, dieselbe zu übergehen, weil ich mich nicht mündlicher Ueberlieferungen oder Auszüge aus früheren Schriften bedienen, sondern mich blos auf die Erzählung meiner Erlebnisse beschränken wollte; allein ich halte nun doch für nöthig, eine oberflächliche historische Skizze des Landes zu geben, damit ich in der Folge ohne weitere Erläuterungen bei der Beschreibung meiner ferneren Abentheuer verweilen kann.
Es ist hinlänglich bekannt, dass bei der Entdeckung von America Guyana und die umliegenden Länder von verschiedenen Indianerstämmen bewohnt waren, unter denen sich die Caraïben durch ihre Menge und ihren kühnen Charakter besonders auszeichneten.
Gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, nachdem man das Innere des Landes fruchtlos nach Gold durchforscht hatte, setzten sich europäische Pflanzer an dem Küstenlande fest, um diejenigen Produkte anzubauen, die man auf gefährlichem Wege nur allein aus Ostindien hatte beziehen können. Durch die Fruchtbarkeit des Bodens und die leichte Fahrt ermuthigt, zogen viele unternehmende Europäer nach dem neuen Lande, und im Laufe weniger Jahrzehnte bildeten sich französische, englische und holländische Niederlassungen.
Da die Indianer zur Arbeit nicht kräftig genug waren, so entstand der Sclavenhandel, indem von den Regierungen ermächtigte Schiffe bei den kleinen Fürsten in Afrika, die in immerwährenden Zwisten miteinander lebten, für Tauschartikel die gegenseitig gemachten Kriegsgefangenen kauften und dieselben nach Amerika brachten, wo man sie zur Feldarbeit verwendete. Da der Ankauf eines Sklaven nicht viel kostete, und man sich mit dieser Waare immer versehen konnte, so lockte der Gewinn manchen unternehmenden Mann nach dem heissen und feuchten Küstenstriche, und es bildeten sich Vereinigungen (Maatschappye) von beträchtlichem Kapital, um den Unternehmern, die ihr Leben dabei wagten, kräftig beizustehen.
Surinam selbst wurde zuerst von den Engländern in Besitz genommen, die sich am Surinamstrom festsetzten und die Stadt Paramaribo anlegten. Erst im Jahre 1667 wurde die Colonie durch Vertrag an die Holländer abgetreten[ [1].
Bei dem Fleisse dieser Ansiedler und der grossen Fruchtbarkeit des Bodens hätte Surinam gewiss der Maatschappy grosse Vortheile abgeworfen, wenn die noch im Werden begriffene Colonie zweckmässig organisirt und gegen Eingriffe von Aussen beschützt gewesen wäre. Die vielen Kriege der Franzosen und Engländer mit den Generalstaaten, in welchen von ersteren die Colonien der Holländer überfallen, und mit kaum zu erschwingenden Contributionen beschwert wurden, so wie die Wegnahme der mit den Erzeugnissen der Kolonie geladenen Schiffe machte, dass, ungeachtet aller Bemühungen, die Vortheile des Mutterlandes sehr unbedeutend waren. Erst nach beendigten Kriegen erhob sich Surinam; sein Reichthum übertraf den jeder andern Colonie, und unterlag keinem innerlichen Zwiespalt, und keinem Aufruhr rebellischer Sclaven, wie viele Kosten auch die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts geführten Feldzüge gegen jene verursachten. Den empfindlichsten Stoss erhielt der Wohlstand durch das Verbot der Einfuhr von Sclaven im Jahre 1824. Durch die Verminderung der Arbeitskräfte, die von Aussen nicht mehr ersetzt werden können, eilt die Colonie mit raschen Schritten ihrem Untergange entgegen. Viele einst so blühende Pflanzungen sind verlassen; ihre Zucker- und Caffeefelder, einst mit so vieler Mühe bepflanzt und unterhalten, sind jetzt mit baumhohem Gesträuche bedeckt; die schönen Alleen von Königspalmen oder hohen Tamarindenbäumen, die nach den Wohnhäusern der Pflanzungen leiteten, ragen jetzt einsam aus dem Gebüsche wildwachsender Pflanzen hervor, und der Landungsplatz, wo schön gefärbte Barken an- und abfuhren, liegt öde und verlassen.
Der grosse Landstrich, der umschlungen von den zwei grössten Flüssen Amerika's, dem Amazonenfluss und dem Orinoko, vom 0. Grade südlicher bis 9° nördlicher Breite und vom 49. bis 67° westlicher Länge von Greenwich sich ausbreitet, dessen Ost- und Nordküste der atlantische Ocean ist, der im Süden durch Brasilien, im Westen aber durch die Republik Columbia begrenzt wird, und dessen Küstenländer schon seit zwei Jahrhunderten Europa die köstlichen Erzeugnisse ihres milden Bodens zusenden, wird ins englische, holländische, französische und portugiesische Guyana eingetheilt.
Durchschnitten von grossen, schiffbaren Strömen und zahllosen, natürlichen Canälen, die untereinander in Verbindung stehen, macht es seine geographische Lage und ausserordentliche Fruchtbarkeit des Bodens zum wahren Eldorado, das seine Schätze über der Erde und mit weniger Gefahr bietet, als das in seinem Innern geträumte Goldland.
Auf seiner 7000 Quadratmeilen grossen Oberfläche leben sparsam verbreitet die Ueberreste mehrerer indianischer Stämme, die, roh und wild, die Bildung nicht mehr besitzen, die ihre Vorfahren gehabt zu haben scheinen. Viele dieser Stämme, so wie der grösste Theil des Innern, sind uns noch unbekannt, und nur durch Aussagen anderer und befreundeter Indianer, die das Binnenland bereisen, oder der Buschneger, welche mit jenen Stämmen Handelsverbindungen unterhalten, wissen wir, wie ungeräumt auch die Berichte über sie seyn mögen, dass sie existiren.
Wie schwierig und mit wie vielen Gefahren verknüpft Reisen ins Innere eines so wenig bevölkerten Landes auch sein mögen, so bleiben sie doch noch ausführbar, wenn blos Hindernisse zu besiegen sind, die die Natur in den Weg legt; wenn aber hiemit noch die Unwilligkeit und der Widerstand roher Völker sich verbindet, die den wissenschaftlichen Zweck solcher Reisen nicht verstehen, durch abergläubische Vorurtheile sich feindlich zeigen, oder ihre Handelsverbindungen mit den Völkern des Inlandes beeinträchtigt glauben, so kann man begreifen, dass, während die Welt in allen Richtungen durchreist wird, das Innere von Guyana noch grösstentheils eine terra incognita ist. Die bestbebaute, älteste und blühendste seiner Colonien, Surinam, ist in wissenschaftlicher Beziehung noch die unbekannteste. Ob nun dieses dem Materialismus, der blos die Speicher der Amsterdamer Kaufleute füllt, zuzuschreiben, oder in andern Verhältnissen zu suchen sey, wage ich nicht auseinander zu setzen.
Die Colonie Surinam liegt zwischen dem 3. und 6. Grade nördlicher Breite, und 53. bis 56° westlicher Länge von Greenwich. Im Osten grenzt es an das französische Guyana, von dem es durch den Maroni oder Marowyne getrennt ist, im Westen scheidet es der Correntin von der früheren holländischen, jetzt englischen Besitzung Berbice, im Süden, wo dessen Grenze noch nicht einmal richtig bestimmt ist, stösst es an die gebirgigen Savannen, die die Wasserscheide der in den Amazonenstrom fliessenden Flüsse und der nach Norden zu mündenden Gewässer ausmacht. Im Norden bespült der atlantische Ocean seine Küste.
Die Hauptströme sind der Maroni, Surinam, Saramacca, Coppename und Correntin, wiewohl noch eine Menge anderer Flüsse das Land bewässern, und in allen Richtungen durchschneiden.
Alle diese Flüsse stehen durch natürliche Kanäle, hier Kreeks genannt, mit einander in Verbindung, so dass man aus dem Correntin in den, 56 Stunden (in gerader Linie) östlicher gelegenen, Maroni kommen kann, ohne sich den Beschwerlichkeiten einer Seereise aussetzen zu müssen.
Die ganze Küste Surinams ist eben und angeschwemmtes Land, das, bedeckt mit Bäumen und niederem Gesträuche, mit jeder hohen Fluth unter Wasser kommt, und Veränderungen erleidet.
Durch diese niedrige Beschaffenheit des Bodens erstrecken sich die Bänke, die eigentlich blos eine Fortsetzung der Küste bilden, meilenweit in das Meer; sie bestehen aus einem weichen Schlamm, den Alluvionen der Flüsse, und sind also meist vegetabilischen Ursprungs.
Parallel mit der Seeküste ziehen sich Sandritzen oder Muschelbänke, die bisweilen sich bis an das Meer ausdehnen, und auf denen eine manchfaltige und üppige Vegetation, der des Inlandes ähnlich, herrscht. Sie sind höher, als der umliegende sumpfige Boden, von geringer Breite, aber manchmal bedeutender Länge, und scheinen die zurückgewichenen Meeresufer einer früheren Periode gewesen zu seyn. Diese Ritzen sind mit Hochwald bedeckt, in dem der Copalbaum (Hymenaea courbaril), die Weihrauchbäume, die Awara- und Cumu-Palmen und der indianische Pflaumenbaum (Spondias?) vorkommen.
Hinter diesen Ritzen dehnen sich grosse Süsswassersümpfe aus, die in den Regenzeiten beinahe undurchdringlich sind. Stundenlange Wälder der Mauritien-Palme (Mauritia flexuosa) und grosse Flächen des baumartigen Arons (Calladium arbor.) bedecken hier das Land; nur in heissen Sommern trocknen diese Sümpfe aus.
Der Seestrand selbst bietet dem Auge überall eine einförmige, traurige Scene dar: Tausende von abgestorbenen, entwurzelten und angeschwemmten Bäumen liegen in allen Richtungen umher; der Boden, ein weicher Schlamm, in dem man bis an die Kniee einsinkt, ist von Millionen Krabben durchlöchert, und in dem Gebüsche, mit welchem diese traurige Küste bewachsen ist, hausen Schwärme von Mosquittos und anderen stechenden Mücken. Schaaren von Wasservögeln aller Art finden zur Zeit der Ebbe in ungestörter Ruhe hier reichliche Nahrung, während bei der Fluthzeit Hai- und andere Raubfische in den von Wasser bedeckten Gebüschen umherirren. Eben so niedrig sind die Mündungen der Ströme, deren Ufer aber durch Waldungen von Mangrove-Bäumen, welche durch ihre Wurzeln und Schösslinge undurchdringliche Verschanzungen bilden, vor der Gewalt der Brandungen geschützt sind.
Je weiter man sich von der See entfernt, um so mehr verändert sich die Scene. Die Ufer schmücken sich mit anderen Gewächsen; grössere Bäume treten aus dem niedrigern Gebüsche hervor; die schlanke Pinapalme, das sichere Zeichen eines fruchtbaren Bodens, zeigt sich in Menge. Schling- und Schmarotzerpflanzen bedecken die Bäume und winden sich guirlandenartig von Zweig zu Zweig. Das Ufer, bewachsen mit stachlichten Papilionaceen, ist nicht sichtbar vor der Masse von Laubwerk, das bis weithinein ins Wasser hängt. Etwa 8-10 Stunden von der Meeresküste ab, da wo das Flusswasser rein, und nicht mehr vom Salze der See getrübt die schon höheren Ufer bespült, prangt der Grünhart mit seinen gelben Blumen. Die Heliconien entfalten ihre riesenartigen Blätter und die prächtige Maripapalme (Maximiliana regia) ragt aus dem dunkeln Laubgewölbe empor.
Doch ist Alles noch eben; nur selten unterbrechen kleine bewaldete Hügel die Fläche. Ueberall in allen Strömen herrscht dasselbe Bild der üppigsten Vegetation, und das klare, schwarze Wasser spiegelt die Landschaft herrlich zurück. – Nur wo Hügel den Lauf der Flüsse bestimmen, wo Felsen und Klippen diesen einengen, und den Transport von Produkten gefährden würden, ist auch die Grenze der Cultur, und die Pforte zum unbekannten Lande.
Der östliche Grenzstrom der Colonie, die Marowyne, Maroni oder indianisch Marauni, ein grosser, an seiner Mündung eine Stunde breiter Strom, ist durch die Menge von Sandbänken beinahe nicht befahrbar. Es mag diese gefährliche Einfahrt die Ursache davon seyn, dass, obwohl seine Ufer höher und ebenso fruchtbar, ja gesünder als die des Surinam sind, sie gleichwohl noch ganz unbebaut sind, und nur in der Nähe der See von Indianern, und im Innern waldiger Gebirge von den Aucaner-Buschnegern bewohnt werden. Die Mündung desselben hat nicht die einförmigen Mangrovegebüsche, wie die andern Ströme, sondern hohe Sandritzen, auf denen eine überaus üppige Vegetation von Palmen, Cactus, Weihrauch- und Copalbäumen, und Caschu's (Anacardium occidentale L.) sich längs den Ufern der See hinzieht. Ein kleiner Militärposten auf der holländischen Seite liess beim Vorübersegeln von Schiffen die holländische Flagge wehen.
Ohne Bucht oder Krümmung zieht sich der stattliche Strom in gleicher Breite drei Stunden aufwärts, wo er sich bei einer Gruppe von fünf niedrigen, mit Palmen und andern Nutzhölzern dicht bewaldeten Inseln südwestlich wendet.
Das Land auf beiden Seiten des Flusses ist meist über dem Niveau der höchsten Meeresfluth gelegen, und ein mit schwarzer Erde vermischter Sand, der dem Anbau der Maniok-Wurzel (jatropha) besonders günstig ist. Etwa eine Stunde den Fluss aufwärts, vom Posten Prinz Willem Frederik, zieht sich ein Riff von sehr eisenhaltigen Felsen weit in das Flussbett. An der Ecke des sandigen Strandes, die die Mündung des Stromes auf dem rechten Ufer bildet, findet man häufig helle krystallartige, abgerundete Steine, die sehr hart, und geschliffen wasserhell und glänzend sind; man nennt sie Marowyne-Diamanten. Sie sind aber nichts als Topase, und selten wird einer gefunden, der von einigem Werthe wäre.
Von den ersten Inseln, die von Sandbänken umringt und von untiefen Canälen durchschnitten sind, schifft man den Fluss in einer wenigstens zehn Stunden langen Bucht südwestlich hinauf. Eine Menge Inseln, theils niedrig und mit Palmen bewachsen, theils hoch und steinig, und mit Hochwald bedeckt, bilden prächtige Gruppen auf der weiten Wasserfläche. Die Ufer sind höher, an manchen Stellen hügelig und dicht bewaldet, und malerisch erheben sich an steilen Stellen kleine Indianerdörfer, deren Hütten halb versteckt sind unter Bananen und Papaia- (Carica-) Bäumen und Baumwollensträuchern. Grosse Sandbänke ragen mitten aus dem Flusse, es zeigen sich Klippen und kleine Cascaden. Das Wasser ist besonders in den trockenen Jahreszeiten krystallhell, und man kann bei zwölf Fuss Tiefe die Steine des Bodens sehen. Aus der Ferne erblickt man die hohen Gebirge des Inlandes gleich blauen Wolken. So nähert man sich, indem man bei den unmerklichen Krümmungen des Stromes stets eine Fernsicht von drei bis vier Stunden vor sich hat, dem 16 Stunden von der Mündung entfernten Militärposten Armina.
Der Fluss, der plötzlich einen Halbzirkel von Südost nach Nordwest bildet, stürzt über zahllose Cascaden, Klippen und Sandbänke braussend herab. Ungeheure Granitblöcke liegen in seinem Bette; sie sind mit stachlichten Palmen und einer wohlriechenden Guiaba (Psidium aromaticum) bewachsen. Am französischen Ufer, das eine ununterbrochene Hügelkette bildet, ergiesst sich der kleine Fluss Armina, der dem holländischen Posten seinen Namen gab, in den Strom. In den Trockenzeiten steigt die Meeresfluth bis unterhalb der ersten Fälle, wo bei einer Länge von etwa 80 Fuss der Fluss 6 Fuss hoch herabstürzt. Bis unterhalb dieser Fälle kann man mit grossen Booten kommen, doch ist bei den starken Strömungen viel Vorsicht nöthig, um nicht auf die unter dem Wasser verborgenen Klippen zu stossen. Fahren in den Trockenzeiten Buschneger oder Indianer den Fluss hinauf, so laden sie unterhalb der Fälle ihre Canots aus, und tragen ihre sieben Sachen auf dem Kopfe über die Klippen. Die leeren Canots werden mit Tauen heraufgezogen, und oben wieder eingeladen.
In den Regenzeiten aber, wo der Strom durch den ungeheuren Wasserzuwachs aus dem Innern angeschwollen ist, sind beinahe alle Klippen unter Wasser, und die Boote werden aus Leibeskräften gegen die Strömungen gerudert.
Der Unterschied zwischen dem hohen Wasserstande der Regen- und dem niedrigsten der Trockenzeit mag bei Armina wohl 20 Fuss betragen, wird aber, je höher man den Fluss hinaufsteigt, um so beträchtlicher.
Aus beiden Ufern vermehren beträchtliche Kreeken oder kleine Flüsse, die meist aus den Sümpfen des Inlandes entstehen, die Wassermasse des Flusses bedeutend. Auf der französischen Seite findet man nahe an der Mündung die grosse Waragama, oder Seekuhkreek; weiter aufwärts die Maipuribi oder Tapirkreek. Ihnen folgt die Balete; vier Stunden unterhalb Armina fliesst der Siparawinifluss in den Strom. Dieser, den man in den Regenzeiten Tage lang aufwärts fahren kann, kommt aus dem Südosten, und scheint in geringer Entfernung von der Lava zu entspringen. Indianer haben mich versichert, diesen Fluss vier Tagereisen aufwärts gefahren zu seyn, und bei Nacht in südlicher Richtung ganz deutlich den Klang von Negertrommeln und Schiessen gehört zu haben. Man kann daraus abnehmen, dass diese Indianer sich in der Nähe des Aufenthaltes von Boninegern befanden, welche die Ufer der Lava etwa unter dem dritten Breitegrad bewohnen. Auf die Siparawini folgt, unterhalb Armina, die Ruarua und auf diese die Armina. Auf der holländischen Seite sind bis Armina die Kreeken weniger bedeutend, weil das, zwischen der Marowyne und dem Cottica gelegene Land sich nach Westen zu mehr abflacht, wesswegen auch die Waldwasser und Entleerungen der Sümpfe nach Westen zu fliessen.
Drei Stunden von der Mündung der Marowyne ist am holländischen Ufer die kaum bemerkbare Wanekreek, die in einem Sumpfe entspringt, der sein Wasser gleichzeitig nach der Marowyne und dem Courmotibo sendet; da dieser in die Cottica fliesst, und diese wieder in die Comewyne mündet, so kann man in den Regenzeiten, wo die Sümpfe 4-5 Fuss Wasser haben, mit kleineren Fahrzeugen in fünf bis sechs Tagen Paramaribo erreichen. In der Trockenzeit aber sind diese Moräste ausgetrocknet, und es besteht dann keine andere Verbindung als über See. Die weiteren bedeutenderen Kreeken sind die Aramatta, Maturi und Aroarica, die man aber blos einige Stunden aufwärts fahren kann.
Die Marowyne, die durch Hügel eingeengt bei Armina blos ¼ Stunde breit ist, dehnt sich oberhalb dieses Postens bedeutend aus. Ihr Bett, mit Klippen, Sandbänken und Inseln erfüllt, zieht sich mit wenig Buchten beinahe südlich. 4-500 Fuss hohe, stark bewaldete Hügel liegen dicht am Strome. Vier Tagreisen oberhalb Armina, unter 3° 40' nördl. Breite, und etwa 25 Stunden oberhalb dieses Postens theilt sich die Marowyne, nachdem sie mehrere bedeutende Wasserfälle bildete, in zwei Arme, deren einer aus Südosten strömt und Lava heisst, während der andere, aus dem Süden kommende, Tapanahoni genannt wird. Auf der Ecke, welche durch die Vereinigung beider Ströme entsteht, wohnen die Nachkommen der im Jahre 1806 von verschiedenen Militärposten weggelaufenen Guides (Negersoldaten), die, nachdem sie zuvor ihre Officiere ermordet hatten, nach diesem unzugänglichen Felsenneste flüchteten, und mit Mädchen der Boni- und Aucaner-Buschneger sich verbanden. An diesem Platze, der durch seine natürliche Lage geschützt, mit Felsen und Klippen umgeben ist, ist ein bedeutender Wasserfall, Singa De De, und in der Lava das Ende der mehrere Stunden langen Cascaden »Itepuou«. Am Ufer der Lava wohnen die Boni-Neger, ebenfalls Abkömmlinge früher von den Pflanzungen entlaufener Sclaven, die aber mit der Regierung nicht befreundet sind, und nur durch die Aucaner-Buschneger, für welche sie Canots verfertigen, mit Geräthschaften, Tüchern u. s. w. versehen werden. Die Lava, ein breiter, aber nicht sehr tiefer Strom, steht in Verbindung mit dem Camopy, der in den Oyapok mündet, und es kommt also auch hier die merkwürdige Gabeltheilung der Gewässer vor, die sich beim Orinoco und Amazonenstrom in viel bedeutenderem Maase zeigt.
Der Tapanahoni, der viel tiefer ist, und weniger Klippen haben soll, entspringt wahrscheinlich in der Nähe des Aequators, und kann als die eigentliche Marowyne betrachtet werden[ [2].
Die Seeküste westwärts der Marowyne besteht bis zu dem 14 Stunden entfernten Posten Oranje beinahe ganz aus ungeheuren Morästen, die mit der Fluth unter Wasser gesetzt werden, und in denen nur Gesträuche und unbedeutende Bäume wachsen.
Millionen von Wasservögeln, als: Flamingos, rothe Ibise, weisse und blaue Reiher, Löffelgänse, Jabirus, Enten und Schnepfen finden da ihre Nahrung, und nisten theilweise. Auf den höheren Stellen findet man viele Hirsche (Cervus mexicanus) und Krebshunde (Procion cancrivorus), und nur selten verirren sich ausser dem Jaguar andere Vierfüsser dahin.
Grosse Sandritzen durchziehen diese Moräste und dienen seit undenklichen Jahren weggelaufenen Negern, die in kleinen Dörfern leben, und in dem äusserst fruchtbaren Boden alle Arten Erdfrüchte im Ueberflusse ziehen, auch Wild, Fische und Federvieh in Menge haben, zum Schlupfwinkel[ [3].
Vom Posten Oranje bis zur Mündung der Motkreek, einem Arme der Cottica, rechnet man vier Stunden und von da bis zu den Ausflüssen des Matappica-Canals ebenfalls vier. Eine Stunde weiter mündet ein anderer Arm der Matappica, die Warappa-Kreek, in die See. Von letzterer Kreek bis an die Mündung des Surinam sieht man keine Spur von Cultur. Uebereinandergestürzte Bäume, durch die Kraft der Brandung ausgerissen, bedecken den Seestrand, und aus dem sumpfigen Innern ragen trockene, halbverkohlte Bäume hervor, die traurigen Ueberreste früherer, durch das Feuer verzehrter Wälder.
An der sechs Stunden von der Warappa-Kreek entfernten Mündung des Surinam, Braamspunt genannt, verliert sich der sandige Seestrand in grossen Schlammbänken, und die Ufer dieses Stromes werden durch Waldungen von Mangrovebäumen, deren zahllose Wurzeln und Schösslinge ein beinahe undurchdringliches Bollwerk bilden, gegen die Gewalt der Brandung geschützt.
Der Ausfluss des Surinam ist etwa eine halbe Stunde breit. Das Fahrwasser in denselben wird den Schiffen durch drei an den Ecken der Bänke liegende eiserne Buien angewiesen. Eine grosse Kreek, die Jonkermans-Kreek, mündet sich eine Stunde von der Mündung auf dem östlichen Ufer, und etwas weiter liegt die schöne und fruchtbare Zuckerpflanzung Resolutie. Zwei Stunden von Braamspunt verbindet sich die von Osten her kommende Comewyne, ein stattlicher, beinahe ebenso breiter Fluss, mit dem Surinam. Auf der südlichen Ecke, wo beide Ströme zusammenfliessen, liegt das stark befestigte Fort New-Amsterdam, das mit seinen Geschützen beide Ströme bestreichen kann. Zwei kleine Redouten, Purmerend und Leyden, die gegenüber dem Forte auf dem westlichen Ufer des Surinam und dem nördlichen der Comewyne lagen, sind jetzt verlassen.
Auf beiden Seiten der prächtigen Comewyne, die ohne bedeutende Buchten bis zu dem fünf Stunden von Forteress-Amsterdam entfernt liegenden Posten Sommelsdyk in östlicher Richtung ausläuft, liegen die schönsten und reichsten Zucker- und Caffeepflanzungen der Colonie. Die freundlichen, weissen Gebäude der Pflanzungen, die Zuckermühlen mit ihren hohen Schornsteinen, die Alleen von Palmen, Tamarinden- und anderen südlichen Obstbäumen, an welche grosse Zuckerrohr-Felder grenzen, oder die unter dem Schutze der Bananen versteckten Caffeebäume mit ihren saftigen, dunkelgrünen Blättern, dabei die hohen, dunkeln Wälder des Hintergrundes gewähren einen prachtvollen Anblick. Ehe man das Fort Sommelsdyk erreicht, ergiesst sich auf dem rechten Ufer die Matappica-Kreek in den Fluss. Sie theilt sich in mehrere Arme, und in zwei in die See mündende Canäle, die kleine Matappica und die Warappa-Kreek. Zucker-, Caffee- und Baumwollen-Pflanzungen liegen hier so nahe beieinander, dass aller Wald ausgerottet ist: man würde in einer reichen Gegend Hollands zu reisen glauben, wenn nicht die tropischen Gewächse und die nackten Neger die Illusion stören würden.
Bei Sommelsdyk theilt sich der Fluss; der südöstlich auslaufende heisst die obere Comewyne; man fährt sie in vielen Krümmungen etwa 15 Stunden weit aufwärts, wo sie sich nahe bei dem verlassenen Posten Oranjebo in vier bedeutende Kreeken, Peninica, Tampati, Mapana und Comewyne vertheilt. Das Befahren dieser Gewässer, an denen früher viele bedeutende Pflanzungen lagen, ist sehr mühsam, da übereinander gefallene Bäume und Felsen den Weg versperren. Das Land ist hier hügelig, auf seiner westlichen Seite unterbrochen durch grosse Sandsavannen, die von hier an sich bis an den Essequibo im brittischen Guyana erstrecken, und den Scheidegürtel machen zwischen dem ebenen bewaldeten Küstenlande und den bergigen Waldungen des Innern.
Die Kreeken und Sümpfe des obern Comewyne sind sehr fischreich, und der köstliche Haimura kommt hier in Menge vor.
Die Cottica läuft in grossen Krümmungen stets parallel mit der Seeküste, und hat auf eine Länge von acht Stunden Zucker- und Caffeepflanzungen. Das umliegende Land ist niedrig, ja bedeutend unter dem Niveau des höchsten Wassers, und nur gute Dämme und Schleussen halten das unruhige Element im Zaume. Auch in sie münden bedeutende Kreeken: von Süden die Perica, an der viele und bedeutende Pflanzungen liegen, und die früher durch einen Canal, die Bottelskreek, mit der oberen Comewyne sich verband.
Von Norden fliesst die Motkreek in die Cottica, an der nur noch zwei Baumwollen-Pflanzungen liegen; sie mündet durch einen Canal in die See.
Nach einem mit der Küste parallelen Laufe von 16 Stunden wendet die Cottica sich südlich, und verliert sich in Sümpfen in der Nähe der oberen Comewyne. An der Stelle, wo sie ihren Lauf verändert, fliesst eine schöne und grosse Kreek, die Courmotibo, aus Südosten in sie, und mit dieser vereinigt sich zehn Stunden aufwärts die Wanekreek, oder der Ausfluss der Sümpfe, die ihr Wasser nach dem Surinam und der Marowyne senden.
Die Ufer der Cottica und Courmotibo sind meistens nieder, mit Mauritien- und andern Palmen bewachsen, nur im obern Lande werden die Ufer hügelig. Ein Theil der Aucaner-Buschneger bewohnt beide Flüsse; sie bearbeiten das Holz der umliegenden Wälder, und verkaufen es in der Colonie. Der Surinam kann, obwohl er an Grösse der Marowyne und dem Correntin nachsteht, wegen den vielen Pflanzungen, die an ihm liegen, als der Hauptfluss des Landes angesehen werden.
Seine Ländereien, schon seit so vielen Jahren bebaut, stehen aber an Fruchtbarkeit denen des Comewyne und besonders der Nickerie-Distrikte nach.
Von Forteress-Amsterdam aus zieht er sich in einem Halbzirkel nach der Bucht, an welche die Stadt Paramaribo gebaut ist. Sein Lauf zieht sich unter vielen bedeutenden Krümmungen südlich. Eine Stunde von Paramaribo empfängt er die aus Südwesten strömende Parakreek, an der drei Zuckerpflanzungen und verschiedene Holzgründe liegen. Dieser gegenüber mündet sich am östlichen Ufer die Pauluskreek, deren Pflanzungen jetzt bis auf eine verlassen sind. Zehn Stunden von der Stadt liegt ebenfalls auf dem östlichen Ufer das Dorf »Juden-Savanne«. Die Ufer werden von hier an bergig, sind mit dem herrlichsten Urwalde bedeckt, während landeinwärts grosse Savannen sich ausdehnen. Die Pflanzungen, meist verarmte Holzgründe, zeigen sich sparsamer, und die wilde Natur behält die Oberhand.
Fünf Stunden oberhalb des Judendorfes fliesst von der westlichen Seite die bedeutende Mareschalls-Kreek in den Surinam, deren viele Holzgründe schon längst verlassen sind. Durch diese Kreek kann man in die obere Saramacca gelangen, was übrigens, da sich in der Umgegend viele weggelaufene Sclaven aufhalten, noch Niemand unternommen hat. Vier Stunden weiter liegt der ansehnliche Holzgrund Bergen-Daal am Fusse eines etwa 200 Fuss hohen nackten Gebirges. In den Trockenzeiten ist der Strom sehr seicht, und manchmal stellenweise nicht über zwei Fuss tief, so dass die Verbindung mit Paramaribo sehr schwierig ist.
Vier Stunden weiter ist die unbedeutende Pflanzung und der Posten Victoria. Der Strom, durch ein hohes Ufer eingezwängt, ist höchstens 200 Fuss breit und voll Klippen und Sandbänken. Dicht bewaldete Hügel und Berge umgeben ihn an beiden Seiten; nach weiteren drei Stunden fliesst aus Osten die bedeutende Sarakreek in den Surinam, der jetzt wieder breit und ausgedehnt mit Klippen, Inseln und Sandbänken bedeckt ist. Der Charakter der Umgegend ist ganz der der obern Marowyne, wiewohl der Fluss bedeutend kleiner, und die Scene desshalb nicht so grossartig ist. An der Sarakreek und in der Nähe derselben haben sich ebenfalls Aucaner niedergelassen. Diese Kreek läuft südöstlich weit landeinwärts, und die Buschneger kommen durch dieselbe nach acht Tagen, nachdem sie aber einige Tage über Land reisen, an die Dörfer ihres Stammes am obern Tapanahoni.
Vier Tagreisen über Victoria und zwischen dem dritten und vierten Grade liegen die Dörfer der Saramaccaner Buschneger. Wie in der obern Marowyne, so hindern in der Trockenzeit eine Menge Klippen und Bänke die Fahrt. Dagegen ist im Innern der Wasserstand stellenweise in grossen Regenzeiten bei 50 Fuss höher, als in der trockenen Jahreszeit, und die Schnelligkeit der Strömungen ausserordentlich. Fallen heftige Regen im obern Lande, so kann in einer Nacht das Wasser um acht Fuss anschwellen, wie ich es selbst auf dem Posten Victoria gesehen habe. Das letzte Dorf der Saramaccaner-Buschneger, Mongo (Berg), kann 40 bis 50 Stunden von Victoria, und der Höhe der Wasserfälle nach zu urtheilen, 500 Fuss höher als Victoria liegen. Auch sie haben über die bewaldeten Gebirge einen Weg zu den Aucanern am Tapanahoni, so wie eine andere Verbindung mit den Matuari- und Becu-Musiuga-Buschnegern, die den obern Saramacca bewohnen. Auf alten Karten findet man die Lage eines Salzberges angegeben, der aber wahrscheinlich blos in der Phantasie existirt, weil die Buschneger mit vieler Mühe ihr Salz von Paramaribo holen, und in Ermanglung desselben die Asche der Pinapalme auslaugen, welche Soda ähnliche Substanz ihnen das Salz ersetzen muss.
Sieben Stunden westlich von Surinam ergiessen sich die Saramacca und Coppename in die See. Beide machen durch weit auslaufende Schlammbänke die Einfahrt mühsam. Ihre Wandungen sind nieder und mit Gesträuch bewachsen. Die Saramacca wurde erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angebaut und steht durch den bei Paramaribo mündenden vier Stunden langen Wanicakanal mit dem Surinam in Verbindung. Die Erzeugnisse der Pflanzungen an der Saramacca, meist Zucker und Kaffee, werden auf diesem Wege nach Paramaribo gebracht, wiewohl kleinere nicht tiefgehende Schiffe ihre Ladung manchmal selbst in Saramacca einnehmen.
Wenig kleiner als der Surinam läuft die Saramacca in den langweiligsten Krümmungen südlich; diese hat oberhalb des Wanicakanals nur wenige unbedeutende Holzgründe an ihren Ufern. Eine Menge Kreeken, die ihren Ursprung in den Savannen nehmen, fliessen von beiden Seiten in den Fluss. Der letzte bewohnte Platz, ein früherer Militärposten, Saron, und in alten Zeiten eine Station der Herrnhuter Missionäre, liegt etwa 18 Stunden von der See ab, was aber durch die bedeutenden Krümmungen wohl eine Reise von 30 Stunden erfordert.
Von Saron führt ein Weg von acht Stunden durch Savannen und Wälder nach der Pflanzung Berlin am obern Para, von wo ein anderer Communicationsweg von 13 Stunden bis nach Paramaribo geht.
Etwa fünf Stunden über Saron liegt am Flusse ein göttlich verehrter Hügel, den die Buschneger im Vorbeifahren mit Flaggen und bunten Tüchern schmücken, und dabei nie versäumen, ihre Opfer darzubringen. Etwas weiter findet man die Mindrinetti- (Mitternacht-) Kreek, die durch die Mareschalls-Kreek den Surinam mit der Saramacca verbindet.
Fünf Tagreisen von Saron wohnen die Becu-Musinga- und Matuari-Neger, 5-600 an der Zahl. Ihren Aussagen nach müssen die Gebirge und Wasserfälle um vieles höher, als die der andern Flüsse, und die Savannen des Inlandes nicht so entfernt seyn. Die Coppenami, welche mit der Saramacca in die See fliesst, kommt ebenfalls aus dem Süden, und hat an ihren reichen und schönen Ufern blos das Leprosen-Etablissement Batavia, das etwa zwei Stunden von der See entfernt ist. Sechs Stunden weiter liegt die dem Gouvernement gehörende Holzsägerei Andresen, wo durch Sclaven feine Bau- und Möbelhölzer bearbeitet und nach den Antillen verkauft werden. Bei Batavia fliesst die grosse und sehr fischreiche Cusuwini-Kreek, die beinahe parallel mit der Saramacca in den wunderlichsten Krümmungen von Süden kommt, in die Coppenami. Mehrere grosse Kreeken, theilweise von Indianern bewohnt, münden in den Coppenami, dessen weiterer Lauf und Ursprung nicht bekannt ist.
Die Seeküste zwischen dem Coppenami und dem westlichen Gränzfluss Correntin wird in zwei Distrikte eingetheilt: Ober- und Nieder-Nickerie. Das niedrige Land ist dem Anbau der Baumwolle besonders günstig, und erst im Anfang dieses Jahrhunderts in Cultur gebracht. Der Oberdistrikt fängt etwa sechs Stunden westlich von der Coppenami an, und besteht aus einer Anzahl Pflanzungen, die längs der Seeküste liegen, und durch einen vier Stunden langen Fahrweg mit einander verbunden sind. Die Erzeugnisse werden mit Küstenfahrzeugen abgeholt und zum Weiterversenden nach der Stadt gebracht, was sehr schwierig ist. Der Boden ist ungemein fruchtbar, nur leidet dieser District, da er an keiner Kreek gelegen ist, in den Trockenzeiten manchmal grossen Mangel an Trinkwasser, das man aus den weiter abgelegenen Sümpfen manchmal 2-3 Stunden weit auf dem Kopfe herbeischleppen muss. Neun Stunden westlich vom Oberdistrikt und von diesem durch grosse Sümpfe abgeschieden, fängt der Niederdistrikt an, an dessen Seeküste sich ebenfalls verschiedene Baumwollen-Pflanzungen befinden. Auf der Landspitze, die durch die Mündung der Nickerie-Kreek gebildet wird, ist ein bedeutender Militärposten der Sitz des Landdrostes und verschiedener Kaufleute und Handwerker. Dieses kleine Dörfchen, das aus zwei Strassen besteht, führt den Namen New-Rotterdam. An der Nickerie-Kreek, die durch die Waiambo mit der Coppenami in Verbindung steht, liegen verschiedene Zucker- und einige Kaffeepflanzungen, deren Erzeugnisse durch holländische oder amerikanische Schiffe direct abgeholt werden.
Die letzte Pflanzung Krabbehoek ist ungefähr sechs Stunden von der Mündung entfernt, und die ganze bedeutende Kreek, so wie die in sie mündende Maratacca nur spärlich von Indianern bewohnt.
Die Correntin strömt, an ihrer Mündung mit der Nickerie-Kreek vereinigt, hier in die See. Beider Breite beträgt vom Posten Nickerie bis an das linke Ufer des Correntin etwa drei Stunden. Auf der englischen Seite sind zwei Zuckerpflanzungen, Mary's-hope und Skeldon. Die holländische ist aber gänzlich unbewohnt. Die Maratacca soll nach Aussage der Indianer mit der Correntin in Verbindung stehen.
Der Ursprung dieses grossen Stromes ist ganz unbekannt, vermuthlich entspringt auch er in den waldigen Gebirgen am Aequator. Richard Schomburgh hat diesen Strom befahren und hieroglyphenartige Schriftzeichen in den Felsen eingehauen entdeckt, woraus man schliessen kann, dass die Bewohner der Vorzeit den jetzigen an Bildung voraus waren. Im Correntin, bei den früheren Herrnhuterstationen Semira und Oreala, findet man einen weissen Thon, der der Kreide sehr ähnlich kommt, und im Flussbette einen rothen jaspisartigen Stein, der eine vortreffliche Politur annimmt, und den die Caraibenweiber zum Poliren ihrer Töpfe gebrauchen.
Vierter Abschnitt.
Beschäftigungen in Garnison. Abreise nach dem Posten Mauritzburg. Reiseabentheuer. Posten Gelderland und Dorf Judensavanne. Die Mauritienpalme. Termitennester. Posten Gouverneurslust. Markette. Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst. Abmarsch nach Nepheusburg. Beschäftigungen. Die Cumupalme. Bienen. Ameisen. Thiere der Umgebung. Der Bananenvogel. Natürliche Abendconzerte. Brokkodjokko. Fund eines jungen Tigers. Bau des Hauses. Die Capasischlange. Affen. Urlaub und Abreise nach Armina. Der Posten Oranjebo. Fang des Haimurafisches. Leuchtkäfer. Kwattas. Posten Armina. Fruchtbarkeit desselben. Der Cottontree. Fledermäuse. Zurückkunft auf Nepheusburg. Ueberfluss an Fischen. Vampyre. Avancement.
So leicht der Garnisonsdienst auch war, und so viel freie Zeit wir auch hatten, um in der Stadt und Umgegend herumzuschwärmen, so sehnte ich mich doch recht herzlich nach noch grösserer Freiheit. Die Erzählungen meiner Kameraden von der Lebensweise auf den Militärposten, von Jagd und Fischerei, hatten meine Phantasie so sehr aufgeregt, dass ich das Ende des Jahres 1836, zu welcher Zeit die Posten abgelöst wurden, und nun auch die Reihe an mich kommen sollte, kaum erwarten konnte.
Das Maschinenmässige des Dienstes, so gliederpuppenartig es auch ist, hatte für mich bei weitem das Langweilige nicht, als für die meisten meiner Kameraden. Nie kam mir, wenn ich Schildwache war, Schlaf in die Augen; denn immer gab es etwas bei Tag oder bei Nacht, das meine Sinne beschäftigte. Bei Tage unterhielten mich die Colibris, die in den Tamarindenbäumen, unter denen ich mit meinem Gewehr hin- und herspazierte, pfeilschnell herumschwirrten, oder die Aasgeyer, welche vor der Küchenthüre lauerten, und, wenn der Koch nicht auf seiner Hut war, sich selbst ein Stück Fleisch vom Tisch nahmen und damit aufs Dach der Kaserne flüchteten; bei Nacht war es das Spiel Tausender von Feuerfliegen, die in allen Richtungen über die Savannen und Gärten flogen, oder die Musik unzähliger Kröten, welche in den Gräben sich aufhielten; oder das Schwirren enormer Fledermäuse, welche auf Insekten Jagd machten.
Die Hälfte unseres Corps waren Deutsche; und man sah viele sehr gebildete Männer, die in bedeutend besseren Verhältnissen in ihrem Vaterland gelebt hatten, hier Schildwache stehen. Aber die meisten waren unerträgliche Trunkenbolde, die aus Verdruss oder Langeweile ihre Grillen im Schnapse ersäuften und jeden Cent, der ihnen beim sparsamen Solde übrig blieb, in die Kneipe trugen. Die Natur zog keinen an, für ihre Genüsse hatte keiner Gefühl. Desshalb war ich auf meinen Wanderungen auch immer allein, und die hier so ergiebige Insektenjagd hielt mich entfernt von Gesellschaften und lustigen Parthien, zu welchen ich nie Neigung fühlte. Da wir immer in weissen Hosen, in Uniform und bewaffnet ausgehen mussten, so führte ich im Tschako ein Kistchen und Hosen mit, auf dem Rücken stak unterm Wamms mein Schmetterlingsnetz, und auf der Brust trug ich eine alte Mütze. Ausserhalb der Stadt legte ich meine guten Kleider ab und gab sie in bekannten Häusern in Verwahrung; dann zog ich mit Netz und Säbel bewaffnet in den Wald. Es war eine glückliche Zeit; denn auf jeder Wanderung entdeckte ich neue, mir unbekannte Specien. Kam ich dann Abends mit meinem Fang nach Hause, so fand ich das delicate, für mich bewahrte Essen, und die kalten Bananen, mit 1/14 Pfund Speckfett übergossen, schmeckten vortrefflich.
Ich genoss stets der besten Gesundheit, wozu freilich mein diätes Leben viel beitrug.
Endlich, obwohl die Zeit mir schnell verging, wurde ich beordert, mich reisefertig zu halten, um nach den so gepriesenen Posten abzugehen.
Eine Pont vom Posten Gelderland, welche die Lebensmittel auf drei Monate abzuholen hatte, sollte mich mit fünf andern Soldaten mitnehmen. Wir kauften uns desshalb beim Sergeant-Major der Compagnie, welcher den Soldaten verkaufen durfte, was sie nöthig hatten, Seife, Speck, Hosenzeug, kurz dasjenige ein, was wir auf dem Posten nöthig zu haben glaubten.
Den Betrag dieser Gegenstände, die nicht sehr wohlfeil geliefert werden, zieht der Sergeant-Major von dem Solde ab, der den Soldaten jeden Monat nach den Posten geschickt wird.
Fast immer ist eine solche Abreise die Veranlassung zu einem Trinkgelage, das der Abreisende seinen Kameraden gibt. Fehlt es ihm, was beinahe immer der Fall ist, an Geld, um Branntwein zu kaufen, so werden die noch nicht bezahlten, theuren Waaren des Sergeant-Majors um Spottpreise verkauft und der Erlös vertrunken.
So treten denn die Meisten mit nacktem Leib, ohne Sold, arm und voll Schulden die Reise nach dem Bestimmungsorte an, um dort so lange Mangel zu leiden, bis sich der Sergeant-Major bezahlt gemacht hat. Diess war auch bei meinen Kameraden der Fall, von welchen zwei in die Pont getragen werden mussten. Sie war mit Kisten und Fässern so vollgepfropft, dass man beinahe keinen Fuss vorsetzen konnte.
Der Kommandant über uns und das Fahrzeug war ein Sergeant, der auf dem Hauptposten detachirt lag. Ausserdem machte die Frau eines Corporals, der auf dem Posten Gelderland eine Herberge hatte, die Reise mit. Sie hatte unter andern Dingen zwei Kisten Genever eingekauft, die ebenfalls im Fahrzeuge waren. Für uns Soldaten blieben blos zwei Plätze übrig, um zwei Hängematten zu hängen; denn der meiste Raum wurde von dem Sergeanten und der Frau eingenommen, welche die Nacht bequem in ihren Hängematten durchbrachten. Ich war seit einigen Wochen mit einem Hautausschlag, dem sogenannten rothen Hunde, so geplagt, dass mein Leib wie Eine Wunde aussah, und meine Kleider mir überall anklebten. Es war desshalb beim Liegen auf den Fässern an keinen Schlaf bei mir zu denken, und das Krähen der Hähne auf den Plantagen, an welchen wir vorbeifuhren, mir eine erwünschte Musik.
Kaum erhellte der anbrechende Tag das Chaos unseres Nachtlagers, als ein Zetergeschrei der Corporalsfrau uns Alle ermunterte.
In der Dunkelheit der Nacht hatte nämlich ein Durstiger einen ihr gehörenden Kelder (Kiste) Genever erbrochen und zwei Flaschen von diesem Lebenswasser gestohlen. Eine grosse Untersuchung ihrerseits und unser fürchterliches Raisonniren zauberten die fehlenden Flaschen nicht herbei. Ihr Verdacht fiel auf einen alten Soldaten, der schon seit ein paar Tagen nicht nüchtern geworden war und eben vom Boden der Pont aufstand, wo er die Nacht zugebracht hatte. Die Frau, welche schon seit 16 Jahren in Ostindien gedient hatte, und ihre Zunge zu gebrauchen wusste, beschuldigte unter argen Scheltworten den armen Kerl des Diebstahls. Da es ihm nun nicht möglich war, mit nüchternem Magen gegen eine solche Fluth von Ehrennamen, mit welchen sie ihn überhäufte, zu protestiren, so wirkten gekränktes Ehrgefühl, Alteration und Katzenjammer dermasen auf seine Sinne ein, dass ein Anfall von Epilepsie erfolgte, und wir kaum im Stande waren, ihn festzuhalten.
Heulend betheuerte er, als er sich ein wenig erholt hatte, seine Unschuld; er zerschlug sich die Brust, welche so haarig, als das Fell eines Bären war, und rief seine verstorbene Mutter zum Zeugen seiner Unschuld auf. Uns standen vor Rührung Thränen in den Augen.
Gegen Mittag, nachdem alle Geister beruhigt waren, hielten wir an einer Zuckerpflanzung, auf welcher der Sergeant und die Frau beim Director assen, während wir in der Mühle unser Essen bereiteten, zu welchem uns der Director einen Busch Bananen und eine Flasche Rum sandte. Da wir der Meinung waren, wir würden des andern Morgens auf Gelderland ankommen, und uns auf die Gastfreundschaft der dortigen Kameraden verliessen, so warfen wir unsere sämmtliche Ration an Fleisch und Speck in den Topf.
Mit anbrechender Nacht fuhren wir weiter, hatten aber am zweiten Mittag den Posten noch nicht erreicht. Die Ebbe trat ein, und an einem armseligen Holzgrunde mussten wir die Fluth erwarten.
Jetzt bereute man es, den Tag zuvor so flott gelebt zu haben. Mit vieler Mühe bekamen wir einen Busch Bananen, wozu die mitleidige Corporalsfrau einen Häring beifügte, an welchem sich keiner den Magen überlud, da wir ihn unter sechs theilen mussten. Endlich in der Frühe landeten wir am ersehnten Posten, wo unsere Kameraden, so wenig sie auch für sich hatten, doch ihr Essen mit uns theilten.
Der Posten Gelderland, oder richtiger die Judensavanne (zehn Stunden von Paramaribo entfernt), ist der erste Platz, wo sich das Land bedeutend erhöht und die Einförmigkeit der Ebenen durch Sandhügel unterbrochen wird. Auf einem, etwa 70-80' über den gewöhnlichen Wasserspiegel des Surinam erhabenen Hügel liegt ein sehr in Verfall gerathenes Dorf: der Portug, Judengemeinde, dessen aus Backsteinen gebaute Synagoge von früherem Wohlstand zeugt. Das Dorf war von mehr als 200 Familien bewohnt, jetzt aber leben nur noch einige in alten, halbverfallenen Häusern von den Wohlthaten ihrer Glaubensgenossen in Paramaribo, und dem Nutzen einiger Kühe, die in den dürren Savannen ein spärliches Futter finden. Das hohe Alter dieser Menschen, deren einige tief in den achtziger Jahren sind, ist eine Folge ihrer einfachen Lebensweise und der gesunden Lage ihres Orts.
Der Posten und die Wohnung des Kommandanten liegen im Thale am Strom. In einer Schlucht des Hügels entspringt eine Wasserquelle dem Felsen, welche einen Sumpf bildet, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt ist. Baumfarnen, viele Arten Melastomen und Aroideen, durchschlungen von schönen, blühenden Lianen, wachsen an den Felsen herauf, während am Rande der Savanne zahllose Bromeliaceen undurchdringliche Büsche bilden. Der blendend weisse Sand der Savannen bildet einen mächtigen Contrast mit den dunkeln Wäldern, die sie umsäumen, und schmerzt das Auge ebensosehr, als er durch seine Hitze dem Wanderer beschwerlich ist, der an schwülen Tagen darin marschiren muss.
Oben auf dem Hügel sieht man in südwestlicher Richtung ein hohes, blaues Gebirge sich über den dunkeln Waldungen ausdehnen. Eine Insel im Flusse verbirgt zur Hälfte einen kleinen Wachposten, der an der jenseitigen Seite sich befindet. Einige Caraibendörfer lagen zerstreut in den benachbarten Savannen.
Ich und ein anderer Soldat waren nach dem Hauptposten Mauritzburg bestimmt, und wir mussten, ohne auf Gelderland verweilen zu dürfen, dahin abgehen[ [1].
Der rechte Flügel des Cordonwegs, der in einer achtstündigen Entfernung von den Ufern des Surinam nach dem obern Comowyne sich hinzieht, wurde um das Jahr 1770 desswegen angelegt, um die Colonie vor den Einfällen der Buschneger zu bewahren, und dem Weglaufen der Sklaven vorzubeugen. Mehrere grosse Posten und viele kleine Pikete zogen sich längs desselben hin, und waren mit vielen Truppen besetzt. Die meisten sind übrigens eingegangen, und bloss Gelderland am Surinam, Mauritzburg am Casawinika und Imotappie am obern Comowyne bestanden noch und waren unter dem Commando von Officieren.
Zwei kleine dazwischen gelegene Posten dienten zur Beförderung von Briefen.
Der Weg geht grossentheils durch Savannen, in welchen man alles Schattens beraubt ist und eine erstickende Hitze herrscht; nur in Niederungen, wo Bäche und Wasser sich sammeln, ist Hochwald und üppige Vegetation. Die Savannen gewähren einen wunderbaren Anblick. Grosse, stundenlange Flächen sind mit niederem Strauchwerk und falbem Grase bedeckt, und gestatten dem Auge eine ungeheure Uebersicht. Einzeln und gruppenweis stehende Mauritzenpalmen geben durch ihr mattes Grün und ihre welken Blätter einen melancholischen Anblick. Der Saum der Savannen besteht fast ganz aus diesen Bäumen, in denen Schwärme von Raben und Papageyen nisten.
Die Mauritza (Mauritia flexuosa) ist die höchste der surinamischen Palmen und besonders auf Savannen und sandigen, feuchten Plätzen in ungeheurer Anzahl zu finden. Etwa ein Dutzend Blätter, die sich am Ende des Stiels fächerförmig ausbreiten, und gegen 18' lang sind, zieren ihren Gipfel. Ihre Höhe beträgt manchmal über 100'. Sie liefert den Indianern viele Dinge zu ihrem Lebensunterhalt: die Blätter werden gespalten und zu Tauen und Bindfäden verarbeitet; das Mark der Stiele reihenweise mit den aus Blattfasern gedrehten Schnüren zusammengebunden, gibt leichte und sehr zweckmässige Segel.
Ehe die Blüthentrosse sich öffnet, läuft aus einem, zu diesem Zweck unten in den Baum gemachten Einschnitt eine Menge süssen Saftes, welchen die Arowaken wie Wein trinken. Wenn der Stamm umgehauen und ein, etwa 4' langes Loch hinein gemacht ist, wird das Mark desselben von den Larven eines grossen Rüsselkäfers (Curculio palmarum), welche Cabbiswürmer genannt und für eine grosse Leckerei gehalten werden, zernagt gefunden. Sie sind fingerslang, daumendick, nankinfarbig, fühlen sich fett an, und haben einen braunglänzenden harten Kopf. In Butter gebacken und mit Pfeffer bestreut gehören sie gewiss zu den feinsten Delicatessen Surinams.
Die Früchte dieser Palmen sind von der Grösse eines mittelmässigen Apfels, braun von Farbe, zierlich wie ein noch nicht reifer Tannenzapfen geformt, und sitzen zu Hunderten an der Blüthentrosse. Sie wachsen manchmal in solcher Menge am Stamm, dass ich das Gewicht mancher Rispe zu 400 Pfund schätze. Die Indianer essen diese Früchte, obwohl sie nicht besonders gut schmecken.
In den Savannen sind viele Termitennester, die in kleinen, spitzigen Kegeln aus der Erde steigen, jedoch nie über 4' hoch sind. Hier nennt man diese kleinen, den Ameisen ähnlichen Insekten, deren Hinterleib weisslich und weich, der Kopf aber mit scharfen Zangen bewaffnet ist, Holzläuse. Sie leben gesellig wie die Ameisen und in solcher Anzahl, dass sie dieselben an Menge noch zu übertreffen scheinen. In den Wäldern findet man ihre Nester beinahe an jedem Baum und zuweilen so gross, dass alte Bäume unter ihrer Last erliegen. In alten Häusern, wo sie ihre centnerschweren Nester, welche oft zwei bis drei Fuss im Durchmesser haben, ans Gebälke bauen, sind sie eine grosse Plage. Die Nester bestehen aus zernagtem Holz oder Erde; das Material hiezu wird manchmal weit hergeholt. Nichts ist vor ihnen sicher, und man hat Beispiele davon, dass Kleidungsstücke, welche in einem verschlossenen Koffer waren, in einer Nacht total aufgefressen wurden. Man bekommt sie aber nie zu sehen, weil sie bei ihren Raubzügen von zernagtem Holze oder Erde einen Gang bilden, der nach bestimmten Orten hinleitet. Bäume, Balken und dergleichen werden auch nur von innen ausgefressen, so dass man von aussen nichts bemerkt, obwohl diess bis zur Dicke eines Kartenblatts geschieht. Sie sind immer thätig und arbeiten Tag und Nacht an ihren Nestern, in welche, wenn sie verlassen werden, die Sabacarra (eine grosse Eidechse) häufig ihre Eier legen. Hühner werden von ihnen fett.
Tiger, Ameisenfresser und Hirsche sind die Bewohner der Savannen, und in den sie begrenzenden Wäldern sind Armadille und Kaninchen, sowie hühnerartige Vögel, als Powisen und Agamis, sehr häufig.
An manchen Stellen, wiewohl selten, findet man die Agave americana mit ihren manchmal 30' hohen Blüthenstengeln. Man macht von dieser nützlichen Pflanze keinen Gebrauch; nur Buschneger und Sklaven gebrauchen zuweilen ihre dicken Blätter als Seife, wesshalb man sie hier Ingisopo nennt.
Auf dem 2½ Stunden von Gelderland entfernten kleinen Posten Frederiksdorp blieben wir während der grössten Hitze des Tages. Drei Soldaten, zwei weisse und ein schwarzer, sind die ganze Besatzung. Sie müssen wechselweise die von Mauritzburg und Gelderland kommenden Briefe nach beiden Posten besorgen und ihren Lebensunterhalt von ersterem Posten auf dem Rücken herbeitragen; sonst lebt jeder nach seiner Weise. Manchmal passirt in 14 Tagen kein Mensch diesen Posten.
Das Land ist unfruchtbar und bringt nichts hervor; dennoch hielten diese Menschen wohl 100 Hühner auf dem Posten, die sich beinahe allein von Termiten und Heuschrecken nährten.
Zwei kleine Stunden weiter befindet sich der Posten Mauritzburg, an welchem wir Abends 5 Uhr ankamen. Dieser liegt in einer weiten, sumpfigen Savanne, und besteht eigentlich aus drei Plätzen, von welchen der erstere Wohnort des kommandirenden Officiers ist und Gouverneurslust heisst. Durch Citronenhecken ist er von dem andern, einem nahe gelegenen einzelstehenden Haus, »Markette«, abgesondert, in welchem die weissen Verbrecher der Colonie aufgehoben werden. Der dritte, eine Viertelstunde davon abgelegene heisst Mauritzburg, wo sich die Kaserne und Bäckerei, das Hospital und die Magazine befinden. In der Mitte des Weges führt eine Brücke über die Casiwinika, welche aus nahe gelegenen Sümpfen entsteht und in die obere Comowyne sich ergiesst. Unterhalb des Postens liegen an ihr zwei armselige Holzgründe, und auf den Savannen zwei Arowakendörfer. Etliche zwanzig Kühe waiden auf den Savannen und versehen die Haushaltung des Commandanten mit Milch. Ein Pferd ist zu seinem Dienste, und ein, von drei Mauleseln gezogener Wagen zum Transport der Kranken bestimmt, welche von den andern Posten, wo sich keine Aerzte befinden, abgeholt, und bei erlangter Gesundheit wieder zurückgebracht werden. Ein zweckwidrigerer Transport lässt sich nicht leicht auffinden; denn das Gerüttel auf den manchmal abscheulichen Wegen ist selbst für Gesunde unausstehlich, und für Kranke entweder eine Parforcecur, oder wenigstes ein Mittel, um sie noch kränker zu machen. Im Blockhause werden sowohl Civil- als Militärverbrecher verwahrt und zur Unterhaltung der Wege und Posten angehalten. Doch wird ihr Loos durch gutes Betragen sehr erleichtert.
Ich wurde schnell mit der Umgegend bekannt. Der Dienst war leicht und angenehm und alles lebte im Frieden, weil der allgemeine Friedensstörer, der Branntwein, nicht zu bekommen war.
Doch schon nach 14 Tagen wurde ich nach dem zwei kleine Stunden entfernt liegenden Posten Nepheusburg detachirt, um einen der zwei blanken (weissen) Soldaten, der nach der Stadt musste, abzulösen.
Dieser kleine, nur von zwei Weissen und einem Schwarzen besetzte Posten hat denselben Zweck, wie der, an der andern Seite sich befindliche (Frederiksdorp), und liegt in einer morastigen Gegend mitten im Walde. Ein grosses Haus, das einzustürzen drohte, war unsere Wohnung, und in den Regenzeiten schwammen Buschfische beinahe vor die Thüre.
Vor Gras und Strauchwerk sah man den Posten erst, wenn man sich ihm auf 15 Schritte genähert hatte. Früher, als die Besatzung stärker war, wurden bedeutende Gärten und Aecker unterhalten, und davon die andern Posten mit Gemüse versehen; denn der Boden ist sehr fruchtbar und ergiebig.
Apfelsinen-, Orangen-, Citronen- und Sauersackbäume waren hier in Menge. Ich, mein weisser und schwarzer Kamerad hatten gleichviel zu sagen, und es brachte desshalb jeder den Tag nach seiner Weise zu.
So angenehm auch das Nichtsthun Jedem war, waren es doch ein paar Dinge, die zu diesem Schlaraffenleben gerade nicht passen wollten, z. B. das Uebertragen der Briefe, welches von uns wechselweise, oft mitten in der Nacht, oder beim heftigsten Regen besorgt werden musste. Ferner war man genöthigt, die Lebensmittel in Mauritzburg zu holen, was jede Woche zweimal geschah. Hiezu bedienten wir uns eines aus Palmblättern geflochtenen Tragkorbs, Balatta genannt, den ich gar oft, mit zwei Boschen Bananen und zwölf Pfund Brod befrachtet, durch Dick und Dünn trug, oder bei brennender Hitze nach Hause schleppte. Unsere Kleidung war daher auch diesem Geschäfte angemessen. Schuhe wurden beinahe nie gebraucht, da sie leicht im Koth stecken blieben, und die Hosen wurden durch das Schneidgras so zerfetzt, dass sie wie mit Spitzen besetzt aussahen. Das Hemd zog ich blos an, wenn ich mich dem Posten Mauritzburg näherte, oder wenn wir Besuch erhielten, was jedoch wenig der Fall war. Daher sah auch meine Haut so braun aus, wie die eines Mulatten. Doch hatten diese Beschwerden auch ihre guten Seiten.
Auf den Wegen nach beiden Posten fing ich manches schöne Insekt, und beim Nachhausekommen fand ich stets eine Schüssel Bananen, welche von meinen Kameraden gekocht waren, und wobei mir das Herz im Leib lachte. Besonders schlecht war der Weg nach dem Posten Imotappie. An beiden Seiten desselben, der etwa 50' breit ist, sind zwei tiefe Gräben, in denen sich die Waldwasser sammeln, die bei anhaltendem Regen austreten und den Weg überschwemmen. Breites, schneidendes Gras, das bei der üppigen Vegetation wohl 12' hoch wächst, bedeckt den ganzen Weg so dicht, dass man kaum einen Schritt voraussehen kann. Es ist überhaupt nicht möglich, die Mühseligkeiten dieser, obwohl nur zwei Stunden langen Strecke zu beschreiben; oft watet man bis um die Kniee im Morast; beinahe jeden Augenblick wird man ins Gesicht, in die Füsse oder Hände geschnitten; dabei erfrischt kein Windzug in dieser drückenden Schwüle. Der ganze Cordonweg wird alljährlich durch Plantagen-Neger, welche das Gouvernement bezahlt, abgemäht und ausgebessert; aber dennoch kann man die Einflüsse der Witterung nicht unterdrücken.
Einige Tage nach meiner Ankunft bereitete mein Kamerad einen mir noch unbekannten Trank aus einer Palmenart, den ich zwar noch nicht gekostet, aber schon oft hatte rühmen hören; man nennt ihn Cumu.
Eine, etwa 60' hohe Palme (Oenocarpus Comon. Aube), welche der Königspalme ähnlich ist und in sandigen Wäldern wächst, treibt eine über 3' lange Traube in Gestalt eines Pferdschweifes, an deren Stielen oder Schnüren Tausende von Beeren sitzen, welche so gross wie eine Flintenkugel und von dunkelbrauner Farbe sind. Die Frucht ist eigentlich nur ein runder, harter, von einer fleischigen Haut überzogener Stein. Sie wird von Vögeln und Affen sehr gerne gefressen, und ist ein vortreffliches Futter für die Schweine.
Die Beeren werden in warmem Wasser eingeweicht, und dadurch wird in einer Viertelstunde das Fleisch so weich, dass es sich vom Stein durch Drücken abschälen lässt. Durch fortwährendes Drücken der Steine im Wasser wird dasselbe dick, chocoladfarbig, und man lässt es, wenn kein Fleisch mehr an den Steinen sitzt, durch ein indianisches Sieb, Menari, laufen, wodurch Haut und Steine zurückbleiben. Mit etwas Zucker vermischt ist der Trank fertig, gesund, nahrhaft, und mit dem Rahm der Milch zu vergleichen. Die breiartige, von den Steinen abgeriebene Masse wird von den Indianern ausgepresst, worauf sich auf der Oberfläche der erhaltenen Brühe ein klares, gelbes Oel zeigt, das gereinigt gut zum Bereiten der Speisen dienen könnte, von den Indianern aber zum Einschmieren der Haare verwendet wird.
Um die Frucht zu bekommen, wird der Baum umgehauen; die meisten haben bloss eine, manche zwei, aber selten drei Trossen und vom December bis Junius Frucht. Sie wachsen, wie alle Palmen, schnell, haben aussen hartes Holz, innen eine markige Substanz, die schnell voll Cabbiswürmern, essbaren Larven, ist.
Den Werth dieses Trankes lernte ich erst schätzen, als einmal auf Mauritzburg die Bananen unglücklicher Weise fehlten, und die dortige Besatzung von Reis, Mais und Maniok leben musste.
In dieser Zeit des Mangels assen wir bloss all ander Tage, und in der Zwischenzeit wurde von Cumu gelebt; Mais assen wir bloss zweimal, weil viele süsse Bataten (Convolvula batata) auf dem Posten wuchsen, die zwar hart und faserig, aber doch besser als Gänsekost waren.
Mein Aufenthalt in dieser Einöde gab mir manchfache Gelegenheit, Naturmerkwürdigkeiten mancherlei Art zu beobachten.
Im Gemäuer, auf dem unser baufälliges Haus ruhte, befand sich ein Bienennest von inländischen sogenannten Honig-Waschiwaschis. Sie gleichen in der Gestalt ganz den Bienen, sind aber schwarz, nur halb so gross und stechen nicht. Sie leben meistens in hohlen Bäumen oder in den von Termiten verlassenen Nestern, manchmal in so grosser Menge, dass ein Nest zwei europäische Bienenkörbe übertrifft. Ihr Honig, der klar, säuerlich und von vortrefflichem Geschmack ist, befindet sich nicht in Waben, sondern in runden, aus Wachs verfertigten Blasen, welche klumpenweise zusammenhängen, während die Waben, welche aus einer gelben und schmierigen Substanz bestehen, und geschmolzen nicht die geringste Aehnlichkeit mit Wachs haben, zum Aufenthalt der Jungen dienen. In Savannen, wo viele Blumen wachsen, findet man sehr viele Bienen, welche auch vorzugsweise die Blüthe der Palmen lieben.
Das schwarze Wachs wird von den Indianern zum Verpichen ihrer Corjaalen und zu Wachslichtern gebraucht; den meisten Honig findet man um die Zeit des Vollmondes. Man findet dreierlei verschiedene Arten Bienen von gleicher Grösse, nämlich zwei schwarze und eine gelbliche. Ob sie sich in der Lebensart von einander unterscheiden, weiss ich nicht. Sie vertheidigen ihre Wohnungen sehr tapfer, setzen sich in Haare und Kleider und beissen wacker darauf los.
Um die verschiedenen Arten Ameisen, welche ich sah, richtig zu beschreiben, musste ich die Erfahrung vieler Jahre haben, da sowohl ihre Anzahl als ihre Verschiedenheit unbeschreiblich gross ist.
Die merkwürdigsten sind ohne Zweifel die Wander-Ameisen, die zu sehen ich nur einmal Gelegenheit hatte. Sie waren eines Morgens in ungeheurer Menge in der Kaserne in allen Löchern und Ritzen verbreitet; nicht ein Tausendfuss, Kackerlack oder Scorpion, wie flink sie auch sein mochten, entkam diesen mörderischen Insekten. Was sie einmal fassten, hielten sie so fest, dass sie sich lieber den Kopf abreissen liessen, als es loszulassen. Zu Zwanzigen hingen sie an einem Tausendfuss, und bissen ihm seine Füsse ab. Unter dem Dach hatten sie ihr Hauptquartier, wohin sie auf den Seitenbrettern der Treppe liefen und sich in einer Ecke an einen Balken wie ein Bienenschwarm anhingen, welcher Klumpen wohl 2' lang und 1' dick war. Die immer auf- und abmarschirenden Ameisen trugen übrigens nichts in ihr Nest, sondern frassen wahrscheinlich Alles gleich auf. Sie schienen viele Anführer zu haben, die sich durch ungeheuer dicke Köpfe und gewaltige Fresszangen auszeichneten. Der ganze Haufen blieb zwei Tage auf dem Posten und verschwand eben so schnell, als er gekommen war. Eine andere Art von derselben Grösse, doch braunrother Farbe, nennt man Cassave-Ameisen. So nützlich die vorigen sind, da sie die Häuser vom Ungeziefer reinigen, so schädlich sind diese, weil sie oft in einem Tage einen Acker total kahl fressen können. Sie leben gemeinschaftlich in Nestern unter der Erde. Man erkennt diese an kleinen Hügeln, welche manchmal bei einer Höhe von 6' oft 20 Schritte im Umkreise haben. Die einzelnen Nester sind von der Grösse eines Kopfes, und von einer aschfarbenen, leicht zu zerreibenden, blätterartig auf einander liegenden Substanz zusammengestellt. Junge und Eier sind nicht in den Waben, sondern in den unregelmässigen Zellen der Zwischenräume. In der Mitte findet man Blätter, Körner und Knospen, die sie zusammentragen, und in Ruhe zum Nahrungsbrei für die Jungen zernagen. Alle diese einzelnen Nester stehen durch Gänge mit einander in Verbindung, und es befinden sich manchmal 200 an der Zahl in verschiedener Tiefe, 1-6 Fuss unter dem Boden, so dass man tagelang arbeiten muss, um ein solches Nest auszurotten. Dabei vertheidigen sich die mit grossen, scharfen Zangen bewaffneten Ameisen aufs Hartnäckigste, beissen aufs Grimmigste in Hände und Füsse und lassen sich lieber den Kopf abreissen, ehe sie loslassen.
Zu diesen gemeinschaftlichen Nestern führen über der Erde regelmässige, einen halben Fuss breite Wege von wenigstens einer Viertelstunde Länge nach dem Platze, wo sie ihre Verheerungen anrichten. Diese Wege sind von Gras und allen Blättchen gereinigt, damit die mit Raub beladenen Insekten nicht gehindert sind. Ihr Fleiss, sowie ihre bei der Arbeit beobachtete Ordnung und Ueberlegung sind bewundernswürdig.
Ein Baum wird bloss von einer Seite bestiegen, worauf sie sich in die Blätter vertheilen und mit ihren Zangen so grosse Stücke abschneiden, als sie zu tragen vermögen. Ist das Blättchen abgesägt, so wird es mit der Fresszange gehalten und mit den Vorderfüssen so gerückt, dass es aufrecht zu stehen kommt; hierauf wird schwankend unter der Last der Rückweg angetreten. Es kostet viele Mühe, den Baum hinabzukommen; sie lassen aber dessenungeachtet ihr Blättchen nicht fahren, und treten unverdrossen den manchmal eine Viertelstunde langen Rückweg an. Wenn der Weg übers Wasser geht, klettern sie an Bäumen hinauf, um durch die Zweige auf andere, an der Ueberseite sich befindliche Bäume zu kommen und ihren Weg fortsetzen zu können. Im Innern des Landes halten sie sich sehr häufig auf. Sie haben kein bestimmtes Futter, sondern tragen Mais, Cassaven, Orangen, Mangos und Blätter verschiedener wilder Bäume weg.
Im December fliegen die Weibchen in grosser Anzahl umher. Sie sind viel grösser, als die Männchen und haben einen dicken Leib. Ihre Flügel sind ihnen mehr zur Last als zur Hülfe gegeben, weil sie leicht abbrechen, und das nun hilflose Geschöpf von allerlei Vögeln aufgefressen wird. Die Buschneger fangen sie in Masse und essen den dicken Leib gebacken oder geröstet. Sie schmecken ungemein angenehm; doch braucht man viel, um satt zu werden.
Diese Ameisen sind eine furchtbare Plage für den Landbau; man umgibt desswegen im niedern Lande ihre Hügel mit Gräben, in welchen das Wasser sich sammelt und so die Nester durchdringt, im höhern aber ist Ausgraben schlechterdings nöthig.
Indianer und Neger glauben, dass sich die blinde Schlange, eine wurmförmige Eidechse (Coecilia –?) in den untersten Nestern aufhalte und von den Ameisen gefüttert werde.
Andere Ameisen erregen durch ihren Biss ein heftiges Brennen auf der Haut. Sie sind meistens so klein, dass man sie erst dann bemerkt, wenn man sie fühlt. Diese sind in den Häusern die lästigsten, weil sie an alle Esswaaren, sie seyen gesalzen oder süss, gehen, so dass man sie kaum vor diesen Thieren sichern kann.
Ausser Ameisen und Holzläusen hatten einige hundert Fledermäuse den Giebel in verjährtem Besitz, und belästigten uns durch den immerherabfallenden Unrath, noch mehr aber durch ihr unaufhörliches Gezwitscher, und so wenig Gesellschaft wir auch von Menschen hatten, um so mehr war unsere Einöde von Thieren aller Art belebt. Kaum graute der Morgen, als im nahen Busch die Wakagos (Ortalida paragua), hühnerartige, bräunliche Vögel mit langem Schwanze, ihr gellendes Geschrei anhoben. Raben und Papageien, die im Mauritzenwäldchen, das an's Haus stiess, nisteten, schrieen uns den ganzen Tag die Ohren voll.
In einer Citronenhecke hingen einige Dutzende, drei Fuss lange, sackförmige Nester von Bananenvögeln (Cassicus), die gar nicht wild sind und gern in der Nähe der Menschen wohnen. Diese Vögel, wahre Affen unter den Luftbewohnern, ahmen alle möglichen Stimmen nach; bald schreien sie wie Hühner, bald wie Affen, verdrehen dabei ihre Augen und machen tausenderlei Possen. Sie sind immer in Truppen beieinander, und bauen ihre Nester immer an's Ende von meist dornigen Zweigen, wobei sie diejenigen vorziehen, an welchen grosse Wespen sich angesiedelt haben. Es herrscht zwischen beiden so ungleichen Thierarten eine merkwürdige Freundschaft; denn ich habe häufig bemerkt, dass, wenn die Vögel beim Durchfliegen ihre Nester auch berührten, sich diese Insekten nicht darum bekümmern, es aber einen Menschen, der diess zu thun wagen würde, schwer büssen lassen würden.
Der Bananenvogel hat die Grösse einer Amsel; er ist schwarz, hat jedoch einen goldgelben Schwanz und Rücken, einen weissen Schnabel und hellblaue Augen.
Eine andere Art derselben Grösse ist statt gelb brennendroth, lebt aber ebenso. Die Nester sind sehr merkwürdig und bilden einen zwei bis drei Fuss langen Sack, dessen Oeffnung aber wie ein Backofen überwölbt ist; sie sind netzartig, mit einer Art Gras überflochten und elastisch. Pfefferfrasse sind ebenfalls sehr häufig; sie sitzen gegen Abend auf den höchsten Bäumen, wo sie sich bald nach dieser, bald nach jener Seite wenden und ihre gellende Stimme erschallen lassen.
Doch all diess Geschrei ist nichts gegen das Concert, das in der Regenzeit des Nachts ertönt, und keine Feder ist im Stande, davon eine richtige Idee zu geben.
Kaum ist die Sonne untergegangen, so ertönen in den, den Posten umgebenden Orangen- und Sauersackbäumen grässlich schnarrende Töne von grossen Laubfröschen, accompagnirt von dem tiefen Bass einer ungeheuren Kröte, die auch im Sumpfe sich ihres Lebens freut und ihren feierlichen Gesang durch ein schallendes Gelächter oder Pausen endigt. Kleine Kröten, die in den Gräben zu Hunderten sitzen, quacken unaufhörlich im höchsten Diskant, und Legionen Scheerenschleifer (Cicaden), die im Wald herumschwärmen und die man ¼ Stunde weit hören kann, ersetzen den Chor. Von Zeit zu Zeit ertönt aus der Ferne der melancholische Gesang einer Nachtschwalbe (Caprimulgus lud.), der sechs Töne der abwärts gehenden Scala umfasst, oder der kleinen Eule, »Urukuku«, nach ihrem Rufe so genannt. Zählt man noch hiezu die lieblichen Stimmen von einigen Brüllaffen, deren Geschrei selbst das Gebrüll eines Löwen übertönt, so ist ein Orchester besetzt, wie man kein zweites in der Welt finden wird.
Ich bin später noch auf andern Posten gelegen und habe viele Plätze besucht, aber den Lärm von Nepheusburg habe ich nie wieder gefunden; denn seine niedrige, ganz von Gebüsch umgebene Lage begünstigt diese Schreier.