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HANDBUCH DER
PHARMAKOGNOSIE

VON

A. TSCHIRCH

ERSTER BAND

ALLGEMEINE PHARMAKOGNOSIE

LEIPZIG 1909
VERLAG VON CHR. HERM. TAUCHNITZ

HANDBUCH DER
PHARMAKOGNOSIE

VON

A. TSCHIRCH

ERSTE ABTEILUNG

MIT 324 ABBILDUNGEN IM TEXT
UND AUF EINGEHEFTETEN TAFELN, SOWIE 3 KARTEN
UND 3 BEILAGEN

LEIPZIG 1909
VERLAG VON CHR. HERM. TAUCHNITZ

Das Recht der Übersetzung in
fremde Sprachen ist vorbehalten
DIE VERLAGSHANDLUNG

Vorwort.

Während an Lehrbüchern der Pharmakognosie, besonders solchen, die auf botanischer Grundlage ruhen, kein Mangel ist, fehlt in der Literatur ein modernes illustriertes Handbuch der Pharmakognosie, in dem gleicherweise die botanischen (systematischen, morphologischen, anatomischen, physiologischen und pathologischen) wie die chemischen, handelstechnischen und handelsgeographischen, sowie endlich auch die historischen Verhältnisse und die bei der Kultur, Einsammlung und Erntebereitung der Drogen üblichen Methoden unter kritischer Benutzung auch der älteren Literatur und auf Grund eigener Beobachtungen des Verfassers geschildert werden.

In dem vorliegenden Werke mache ich nun den Versuch, nach neuen Gesichtspunkten und auf breitester Basis ein modernes Handbuch der Pharmakognosie zu schaffen. Seit 25 Jahren vorwiegend mit pharmakognostischen Fragen — und zwar sowohl auf pharmakobotanischem wie auf pharmakochemischem Gebiete — beschäftigt, trage ich als akademischer Lehrer seit Jahrzehnten Pharmakognosie nach neuer Lehrmethode vor, und habe in einem modern eingerichteten, mit einem grossen Drogenmuseum verbundenen Institute zahlreiche Schüler aus aller Herren Länder in dem Fache ausgebildet. Diese von mir befolgte und in der Praxis des Lehramtes erprobte Methode wurzelt in der Erkenntnis, dass die Pharmakognosie nicht nur ein Zweig oder Anhängsel der Botanik ist, sondern eine selbständige Wissenschaft, zu der auch in sehr hervorragendem Masse die Chemie, speziell die physiologische und Pharmako-Chemie, als Hilfswissenschaft gehört, zu der Sprachen- und Länderkunde, Geschichte und Handelsgeographie ihr Scherflein beitragen und die nicht nur eine Sammlung von nebeneinander gestellten Tatsachen ist, sondern die lebensvolle Verknüpfung derselben unter höheren Gesichtspunkten erstrebt. Ich versuche zu zeigen, dass zahlreiche Fragen der Pharmakognosie experimenteller Behandlung zugänglich sind und dass ganz besonders die Einführung der Pharmakophysiologie in das Arbeitsprogramm der Pharmakognosie zu einer wissenschaftlichen Vertiefung der Pharmakognosie führt und sie aus einer rein deskriptiven zu einer experimentellen naturwissenschaftlichen Disziplin erhebt.

Um mir ein eigenes Urteil zu bilden, habe ich aber nicht nur in Gemeinschaft mit meinen Schülern einzelne Gebiete der Pharmakognosie, wie das der Harze, der Abführmittel, der Samendrogen usw., chemisch und botanisch durchgearbeitet, sondern auch die wichtigsten Einfuhrhäfen Europas und ihre Dockhallen besucht und bin ein Jahr nach Indien gegangen, um die Indischen Heil- und Nutzpflanzen an Ort und Stelle zu studieren. Ich habe sie in einem besonderen Werke geschildert. In langjährigen Laboratoriumsarbeiten sind dann die dort und bei Reisen durch die Länder Europas gesammelten Materialien bearbeitet worden.

Der „Anatomische Atlas“, den ich mit Professor OESTERLE herausgegeben habe und bei dem die entwicklungsgeschichtliche Methode auf pharmakognostisches Gebiet verpflanzt wurde, war eine der Früchte dieser Studien. Er beschränkt sich auf Pharmako-Morphologie und Pharmako-Anatomie. Das Handbuch geht weiter und zieht auch alle anderen Hilfswissenschaften mit herbei. So werden hier zum ersten Male eingehend die Arzneipflanzenkulturen und die zahlreichen Methoden der Erntebereitung (Fermentieren, Rollen usw.), die pharmakogeographischen Drogenreiche, die Verhältnisse des Grossdrogenhandels und die Handelswege, die Behandlung der Droge im Einfuhrhafen und die Handelssorten und Packungen unter Beifügung von Karten und zahlreichen, z. T. von mir selbst auf meinen Reisen aufgenommenen Abbildungen eingehend und auf Grund eigener Erfahrungen und Erkundigungen bei zuverlässigen Gewährsmännern behandelt. Dann aber ist auch ganz besonders der in den modernen Lehrbüchern der Pharmakognosie stark vernachlässigten Chemie der Drogen, die ja in den letzten 15 Jahren die grösste Wandlung erfahren hat, Aufmerksamkeit gewidmet worden.

Einen breiten Raum nimmt die Geschichte der Pharmakognosie ein, die im allgemeinen Teile behandelt wird. Hier kam es mir besonders darauf an, den Leser zu den Quellen zu führen und alles Wesentliche aus denselben aufzuführen, so dass dieser Teil eine ganze Bibliothek ersetzen wird. So werden z. B. alle Pflanzen des DIOSCURIDES, des THEOPHRAST, der HILDEGARD, vollständige Listen der Drogen des CORDUS, die Alphita, Circa instans, die Tabula des SIMON JANUENSIS, die Liste des SERAPION u. a. m. in extenso mitgeteilt.

Zum ersten Male wird auch hier der Versuch gemacht, die Entwicklung der Pharmakognosie, gestützt auf Quellenstudien, in ausführlicher Weise zu schildern.

Ein Gebiet, das in den Lehrbüchern in der Regel ebenfalls vernachlässigt wird, das ethnologische (Betelkauen, Opiumrauchen, Matetrinken, Pfeilgifte usw.), findet ebenfalls Berücksichtigung und auch die Linguistik und Etymologie ist dort, wo es nötig erschien, mit herangezogen. Sodann sind auch der Bibliographie einige Kapitel gewidmet, fehlt doch bisher eine Bibliographie der Pharmakognosie ganz. — Und wenn endlich auch dem Unterrichte in der Pharmakognosie die Aufmerksamkeit zugewendet wird, so dürfte dies gerade heute, wo über die Frage: was ist Pharmakognosie und wie soll man sie treiben? — vielfach noch Unklarheit herrscht, vielen willkommen sein und zur Klärung der Anschauungen beitragen.

Dass überall den Fragen der Angewandten Pharmakognosie (Verfälschungen, Prüfung auf Reinheit und Gehalt, mikroskopische und chemische Analyse, Aufbewahrung usw.) gebührende Beachtung geschenkt wird, ist selbstverständlich.

So entrollt sich in dem Werke, das das Resultat der auf alle Gebiete der Drogenkunde ausgedehnten Lebensarbeit des Verfassers darstellt, ein Gesamtbild der Pharmakognosie im weitesten Sinne. Wir sehen, zu wie zahlreichen Disziplinen die Drogenkunde, die nunmehr sich zu einer Drogenwissenschaft ausgewachsen hat, — gebend und empfangend — in Beziehung steht und wie wichtig sie nicht nur für den Apotheker, sondern auch für den Arzt, den Medizinalbeamten, den Chemiker, den Drogisten, kurz alle die, welche mit Arzneidrogen in Berührung kommen, ist, die alle ohne Ausnahme aus ihrem Borne schöpfen werden. Das Buch wird vielen die Augen darüber öffnen, ein wie ungeheuer reiches und interessantes Gebiet die Pharmakognosie ist, wie viele grosse Ausbeute versprechende Bezirke desselben noch unerschlossen sind und wie sehr gerade diese, in ihrer Anwendung auf die pharmazeutische Praxis so eminent wichtige Disziplin wissenschaftlicher Behandlung und Vertiefung zugänglich ist.

Pharmazeutisches Institut der Universität Bern.

TSCHIRCH.

Inhaltsverzeichnis
zur ersten Abteilung.

Allgemeine Pharmakognosie:

Seite

Erste Abteilung, Allgemeines.

I.

Begriff und Aufgaben der Pharmakognosie

[3]

II.

[Die Objekte der Pharmakognosie:]

1. Die Droge

[14]

2. Paralleldrogen und Quid pro quo

[18]

3. Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes

[23]

III.

[Pharmakoërgasie:]

Kultur, Einsammlung und Erntebereitung:

1. Kultur der Arzneipflanzen

[28]

2. Einsammlung

[75]

3. Erntebereitung

[104]

IV.

Pharmakoëmporia

[145]

[1. Handelswege:]

a) Handelswege in früherer Zeit

[145]

b) Handelswege in unserer Zeit

[156]

2. Die Behandlung der Droge im Einfuhrhafen

[166]

3. Produktions- und Exportziffern

[182]

4. Maße und Gewichte

[185]

4. Handelssprache

[186]

IV.

Pharmakodiakosmie

[187]

1. Handelssorten

[187]

2. Verpackungen

[203]

VI.

Pharmakognostische Systeme, Bibliographie der Hand- und Lehrbücher der Pharmakognosie, sowie verwandter Zweige, von POMET an

[216]

VII.

Die für die Pharmakognosie in Betracht kommenden Zeitschriften, Jahresberichte, Institutspublikationen, Handels-, Ausstellungs- und Kongreßberichte

[247]

1. Zeitschriften

[247]

2. Jahresberichte

[253]

3. Institutspublikationen

[253]

4. Handelsberichte und dergl.

[255]

5. Ausstellungsberichte

[256]

6. Kongreßberichte

[257]

7. Bibliographie

[257]

VIII.

Der Unterricht in der Pharmakognosie

[260]

IX.

Angewandte Pharmakognosie

[275]

1. Prüfung der Drogen auf Identität und Reinheit

[276]

2. Aufbewahrung der Drogen

[284]

X.

Die Beschreibung der Droge

[286]

Erster Teil.

Allgemeine Pharmakognosie.

PFAFF nennt die Pharmakognosie «physiographische Arzneimittellehre» und rechnet sie zur Pharmakologie, GÖBEL «pharmazeutische Warenkunde», FRISTEDT «organische Pharmakologie», FLÜCKIGER und HANBURY «Pharmacographia», die Engländer «materia medica», die Franzosen «matière médicale». Auch der Ausdruck «Drogenkunde», «Histoire des drogues», ist gebräuchlich. Der von HUMPHREY (1902) vorgeschlagene Ausdruck Pharmacopaedia (παιδεία = Wissenschaft) hat sich noch nicht eingebürgert, obwohl gerade in ihm der wissenschaftliche Charakter der reinen Pharmakognosie gut zum Ausdruck kommt. Ich hätte ihn gern als Titel benutzt, wollte aber nicht den eingebürgerten Ausdruck Pharmakognosie unterdrücken.

Die Pharmakognosie ist, wie alle pharmazeutischen Wissenschaften, aus der Medizin, speziell der Arzneimittellehre (Pharmakologie), hervorgegangen und wurde erst seit dem ersten Drittel des XIX. Jahrh. von dieser ganz abgetrennt.

Eigentlich hat schon DODART in seinen «Mémoires pour servir à l’histoire des plantes» (Pariser Akademie 1676) die Aufgaben der Pharmakognosie vorausschauend ganz richtig erkannt, wenn er auch der von ihm in ihren Zielen klar vorgezeichneten Wissenschaft nicht diesen Namen, ja überhaupt keinen Namen gab. Er fordert folgendes: 1. Beschreibung der Pflanze, 2. Abbildung derselben, 3. Kulturregeln, 4. Festsetzung der Heilkräfte, 5. Feststellung der chemischen Natur. Das ist ungefähr auch der Umfang der heutigen Pharmakognosie mit Einschluß eines Teiles der Pharmakologie, die wir jetzt abtrennen.

Fig. 1.
Von einem thebanischen Grabe des XV. Jahrhunderts v. Chr. Thot, der ibisköpfige Ärztegott (als Lotse vorn in der Barke des Tum), hier (links oben) als Ph-ar-maki bezeichnet = «achtgebend auf die Barke», also: Beschützer. Die ersten 6 Zeichen sind zu lesen: ar(t) mꜥki(t). ph ist der hier fehlende Artikel, die beiden letzten Zeichen sind Determinative (Oefele). Aus Dümichen, Die Flotte einer ägyptischen Königin.

Die von MARTIUS gegebene Umgrenzung (s. oben) hat sich im Laufe von 75 Jahren in doppelter Weise verschoben. Zunächst wurden die Vertreter des «Dritten Reiches» ausgeschieden und der sich selbständig entwickelnden pharmazeutischen Chemie überwiesen und die Pharmakognosie auf Pflanzen und Tiere beschränkt. So entstanden die drei pharmazeutischen Disziplinen: Pharmakognosie, Pharmazie und pharmazeutische Chemie, wie sie noch heute bestehen. Dann aber entwickelte sich die Pharmakognosie, speziell die des Pflanzenreiches, immer mehr zu einer umfassenden selbständigen Wissenschaft mit zahlreichen Hilfswissenschaften. Der Begriff Pharmakognosie, wie wir ihn heute meist verstehen, ist von FLÜCKIGER (in der «Pharmakognosie des Pflanzenreiches», I. Aufl. 1867, II. Aufl. 1883, III. Aufl. 1891) geschaffen und von FLÜCKIGER und mir (in den «Grundlagen der Pharmakognosie», II. Aufl. 1885) näher erläutert worden, also besonders von dem Gelehrten, der die Pharmakognosie, die im Begriffe stand, zu einer seichten Warenkunde zu versimpeln oder im Schlepptau der Botanik zu segeln und ein bescheidenes Dasein als Anhängsel derselben zu fristen, ganz auf eigene Füße stellte und mit wahrhaft wissenschaftlichem Geiste erfüllte, die Drogenkunde also zu einer Drogenwissenschaft, die Pharmakognosie zu einer Pharmakopädie machte. FLÜCKIGER betonte, daß die Pharmakognosie eine selbständige Wissenschaft und keine rein botanische Disziplin ist, und daß als Hilfswissenschaften außer Botanik in erster Linie die Chemie, dann aber auch die Geographie und die Geschichte herbeigezogen werden müssen. Ich habe dann diesen Gedanken weiter gesponnen (In dem Aufsatze «Die Pharmakognosie als Wissenschaft», Pharm. Zeit. 1881). Die Bedeutung der Chemie als einer gleichberechtigten Hilfswissenschaft neben der Botanik hob übrigens auch BUCHHEIM (1879) hervor. Die Anatomie war schon seit SCHLEIDENS berühmt gewordener Untersuchung über die Sarsaparille, und BERGS Atlas als notwendige Hilfswissenschaft erkannt worden. Die Entwicklungsgeschichte ist dann von mir (im «Anatom. Atlas») hinzugefügt worden, indem ich den Satz vertrat, daß die richtige Deutung pharmakoanatomischer Tatsachen oft nur durch das Studium der Entwicklungsgeschichte möglich ist. Die moderne Morphologie war schon vorher durch ARTHUR MEYER (in der «Wissenschaftl. Drogenkunde») zur Lösung pharmakognostischer Fragen herbeigezogen worden, die Mikrochemie noch früher durch A. VOGL. Die Geschichte der Drogen fand außer durch FLÜCKIGER besonders durch SCHÄR und HARTWICH, die Ethnologie der Drogen durch HARTWICH Förderung. Pharmakophysiologische Fragen habe ich mit meinen Schülern mit Vorliebe studiert. Der Gefahr, daß die in bester Entwicklung begriffene neue Wissenschaft, die sich einen Platz neben der Geographie und Pharmakologie erobert hatte, wieder dadurch verflache, daß sich botanisch oder chemisch ungenügend geschulte Kräfte mit pharmakognostischen Fragen beschäftigten, bin ich bei jeder Gelegenheit entgegengetreten und habe deshalb als Motto auf den Anatomischen Atlas, den ich mit OESTERLE herausgab, die Worte gesetzt: «Die Pharmakognosie hat keine anderen Methoden wie die der reinen Botanik und reinen Chemie, wohl aber eine andere Fragestellung, andere Aufgaben und Ziele». In neuerer Zeit haben sich denn auch viele gut geschulte Chemiker (z. B. JAHNS, HESSE, E. SCHMIDT, BOURQUELOT, SCHLAGDENHAUFFEN) mit pharmakochemischen, gut geschulte Botaniker (GUIGNARD, PERROT und ihre Schule) mit pharmakobotanischen Fragen beschäftigt.

So zerfällt denn die moderne wissenschaftliche Pharmakognosie (wissenschaftliche Drogenkunde) in sehr zahlreiche (15) Zweige, die selbständig betrieben werden können, aber von dem Lehrer der Pharmakognosie in ihren Grundzügen beherrscht werden müssen. Es sind dies nach meiner Definition (vgl. TSCHIRCH, Was ist eigentlich Pharmakognosie? Zeitschr. des österr. Apoth.-Vereins, 1896 und Pharm. Zentralh. 1907, S. 283):

1.

Pharmakoërgasie (von ἐργασία = Kultur), Kultur, Einsammlung, Erntebereitung.

2.

Pharmakoëmporia (von ἐμπορία = Großhandel), Handelswege, Ausfuhr- und Einfuhrhäfen, Behandlung der Droge im Einfuhrhafen.

3.

Pharmakodiakosmie (von διακοσμεῖν = Sortieren), Handelssorten, Verpackungen.

4.

Pharmakobotanik, Systematik, Morphologie, Anatomie, Physiologie, Pathologie.

5.

Pharmakozoologie. — 6. Pharmakochemie. — 7. Pharmakophysik.

8.

Pharmakogeographie. — 9. Pharmakohistoria.

10.

Pharmakoëthnologie. — 11. Pharmakoëtymologie.

Der Begriff Pharmakognosie hat sich also vertieft und erweitert. Und wir können die Definition jetzt so fassen: «Unter dem Namen Pharmakognosie begreift man die Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, die Drogen pflanzlichen und tierischen Ursprungs nach allen Richtungen hin — mit Ausnahme der physiologischen Wirkung — wissenschaftlich kennen zu lernen, korrekt zu beschreiben und unter allgemeinen Gesichtspunkten miteinander zu verknüpfen». Es soll «die Pharmakognosie bis zu einem gewissen Grade alles umfassen, was zu einer monographischen Kenntnis der Arzneistoffe gehört» (FLÜCKIGER–TSCHIRCH, Grundlagen), aber darüber hinaus nicht nur ein Mosaik ohne inneren Zusammenhang schaffen, sondern eine lebensvolle Verknüpfung der Drogen auf Grund ihrer Bestandteile erstreben». «La science ne consiste pas en faits, mais dans les conséquences que l’on en tire» (CLAUDE BERNARD). Ich betrachte also, und damit gehe ich über FLÜCKIGER und alle anderen Pharmakognosten hinaus, die Aufgabe der wissenschaftlichen Pharmakognosie nicht durch eine monographische Beschreibung der Drogen, auch wenn dieselbe noch so umfassend und ins Einzelne eindringend ist, als erschöpft, wennschon dies natürlich ihre nächste Aufgabe ist. Ich fasse ihre Aufgaben weiter, stecke ihre Ziele höher. Letztes Ziel der Pharmakognosie ist die wissenschaftliche Verknüpfung der zusammengehörigen Drogen auf Grund ihrer wichtigsten Bestandteile. Denn nicht die botanische Beschreibung trifft das Wesen der Droge als Heilmittel. Die chemischen Bestandteile sind es, wegen deren wir die Droge als Heilmittel benutzen. Sie sind also das wichtigste. Oberste Aufgabe der Pharmakognosie wird es daher sein, die Drogen nach ihren Bestandteilen in Beziehung zueinander zu bringen, das Zusammengehörige zu vereinigen und so allmählich zu einem pharmakochemischen Systeme der Drogen zu gelangen, das zur Pharmakologie hinüberleitet. Erst hierdurch wird die Drogenkunde zur Drogenwissenschaft, werden die Drogengeschichten zu einer Drogengeschichte.

HUSEMANNS Vorschlag (in der Realenzyklop. d. ges. Pharmazie, I. Aufl.), die wissenschaftlichen Grundlagen der Pharmakognosie «allgemeine», die Einzelbehandlung der Drogen als «spezielle Pharmakognosie» zu bezeichnen, entspricht der üblichen Terminologie.

Dieser wissenschaftlichen oder reinen Pharmakognosie steht nun die angewandte Pharmakognosie zur Seite, die wesentlich praktisch-diagnostisch ist. Sie ist weniger eine Wissenschaft wie «eine Kunst für praktische Zwecke» (WIGAND) und für den Apotheker von größter Bedeutung. Der Name «Angewandte Pharmakognosie» ist zuerst von mir gebraucht worden (TSCHIRCH, Anwendung der vergleichenden Anatomie zur Lösung von Fragen der angewandten Pharmakognosie. Schweiz. Wochenschr. f. Chem. u. Pharm. 1897).

In den «Grundlagen» (1885) ist diese Abtrennung noch nicht gemacht. «Ganz besonders müssen wieder», heißt es dort, «aus diesem reichen Inhalte (des Gesamtbildes der Drogen) diejenigen Züge hervortreten, welche zu einer raschen, annähernden Wertbestimmung, zunächst ohne wirkliche chemische Analyse, führen können, wo dies nur irgend angeht.» Und auch WIGAND sagt: «Der praktische Zweck steht obenan, ohne ihn würde die Pharmakognosie gar nicht existieren.» Dasselbe oder etwas ähnliches finden wir in ARTHUR MEYERS Definition (1907), «die Pharmakognosie ist eine Disziplin, welche die Drogen in einer den Bedürfnissen der pharmazeutischen Praxis entsprechenden Weise wissenschaftlich zu bearbeiten hat.» Diese praktische Seite fällt jetzt zum Teil wenigstens der angewandten Pharmakognosie zu.

Aufgabe der angewandten Pharmakognosie, deren Begriff sich etwa mit dem deckt, was MARTIUS unter Pharmakognosie verstanden wissen wollte, ist es, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Pharmakognosie für die Praxis des Apothekers zu verwerten. Die Ergebnisse der Pharmakobotanik dienen durch Vergleich der morphologischen Merkmale zur Feststellung der Identität der Heilpflanze und zur Feststellung etwa vorkommender Verwechslungen oder Verfälschungen. Die anatomische Untersuchung führt zu dem gleichen Ziel und läßt noch am Pulver Identität und Reinheit feststellen. Die Ergebnisse der Pharmakoërgasie und der Pharmakophysiologie führen zu einer praktischen Verbesserung des Anbaus der Heilpflanzen. Die Ergebnisse der Pharmakochemie dienen dazu, zunächst durch qualitative Reaktionen die Identität festzustellen, dann aber durch quantitative Methoden zu einer Wertbestimmung zu gelangen.

Ausschließlich der wissenschaftlichen Pharmakognosie gehören an: Geographie, Geschichte, Ethnologie und Etymologie.

Die Beschäftigung mit wissenschaftlicher Pharmakognosie ist Sache der Fachgelehrten (resp. ausreichend vorgebildeter Praktiker), die angewandte Pharmakognosie dagegen Sache der praktischen Apotheker.

In der Lehrzeit soll der Eleve die Elemente der Pharmakognosie an der Hand von Drogen und frischen, sowie Herbarpflanzen praktisch erlernen und namentlich so weit gebracht werden, daß er — eventuell unter Zuhilfenahme der Lupe — rasch die Identität einer Droge feststellen kann, also die Droge und Heilpflanze «kennt». Es ist dies zugleich ein vorzügliches Mittel beobachten zu lernen — das Ziel jedes naturwissenschaftlichen Unterrichts.

Auf der Universität soll er die Grundzüge der wissenschaftlichen Pharmakognosie (in ihrer obigen weitesten Fassung) kennen lernen: durch allgemeine Vorlesungen über das Gesamtgebiet und Spezialvorlesungen über einzelne Teile der Pharmakognosie, mikroskopische und pharmakochemische, besonders auf die Wertbestimmungen gerichtete Übungen. Hierbei ist dann auch der Analyse pflanzlicher Pulver die gebührende Beachtung zu schenken. So ausgerüstet tritt dann der Apotheker in die Praxis, um hier die angewandte Pharmakognosie zu üben, und sich vor Betrug zu schützen. Denn die Drogen, ja sogar ihre Pulver lassen sich, und zwar meist mit der gleichen Schärfe wie die chemischen Präparate, auf Identität, Reinheit und Gehalt prüfen.

Die Aufgaben der reinen Pharmakognosie sind rein wissenschaftliche.

Die Aufgaben der reinen Pharmakobotanik sind nur zu lösen, wenn die systematische Botanik, die Morphologie, die Anatomie (und Entwicklungsgeschichte), sowie die Physiologie der Pflanzen als Hilfswissenschaften herangezogen werden. Die Feststellung der Stammpflanze, des morphologischen Aufbaues des als Droge benutzten Organs und des anatomischen Baues desselben sind selbstverständliche Elemente der Pharmakobotanik, nicht nur der deskriptiven, sondern auch der diagnostischen (z. B. bei der anatomischen Wertbestimmung eines Pulvers), aber auch die Physiologie, ja sogar die Pathologie der Pflanzen müssen oft herangezogen werden, z. B. bei dem Harzfluß, bei der Feststellung der besten Einsammlungszeit, bei der Beurteilung des Fermentierungsprozesses, dem viele Drogen unterworfen werden. Hier spielen bisweilen sogar bakteriologische Fragen mit hinein. Die chemische Physiologie ist von größter Wichtigkeit. Viele Fragen der Pharmakophysiologie sind experimenteller Behandlung zugänglich und gerade durch sie wird die Pharmakognosie aus einer rein beschreibenden zu einer experimentellen naturwissenschaftlichen Disziplin. Die Einführung der Pharmakophysiologie in das Arbeitsprogramm der Pharmakognosie bedeutet also eine wissenschaftliche Vertiefung und Erweiterung der Aufgaben unserer Wissenschaft und eröffnet ganz neue und weite Perspektiven.

Man muß geschulter Botaniker sein, um Pharmakobotanik wissenschaftlich betreiben zu können. Doch sei betont, daß die Pharmakognosie keine botanische Disziplin, sondern die Botanik nur eine der Hilfswissenschaften ist. Schon 1879 sagte BUCHHEIM: «Solange der Unterricht der Pharmazeuten in der Drogenkunde von einem botanischen Standpunkte ausgeht und vorzugsweise in den Händen von Fachbotanikern liegt, ist ein erheblicher Fortschritt dieser Disziplin nicht zu erwarten.»

Die Pharmakozoologie spielt bei der geringen Zahl tierischer Drogen nur eine untergeordnete Rolle. Viele Lehrbücher ignorieren sie daher. Neuerdings (1895) hat SAYRE die Aufmerksamkeit auf die tierischen Schädlinge der Drogen gelenkt. Ich werde im folgenden auch die Krankheiten der Arzneipflanzen behandeln, die ebenfalls hierher oder in das Gebiet der Pharmakopathologie gehören.

Sehr wichtig ist die Pharmakochemie, die als Zweig der Phytochemie mit der rapiden Entwicklung der Chemie zwar nicht gleichen Schritt gehalten, aber doch gerade in den letzten 20 Jahren bedeutende Fortschritte gemacht hat. Sie bietet noch ein ganz ungeheueres Feld für die Forschung dar. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Drogen ist bis jetzt chemisch durchforscht, bei den untersuchten sind oft nur einige wenige oder gar nur ein Bestandteil gut studiert. Darauf kommt es aber bei der Pharmakochemie (im Gegensatz zur Phytochemie) nicht an. Sie muß — und so faßten ihre Aufgabe schon die älteren Pharmakochemiker, wie TROMMSDORFF, PELLETIER, JOHN auf — das Ensemble möglichst aller Bestandteile kennen lehren, denn die Wirkung der Droge ist nur selten das Korrelat eines Bestandteils, und meist eine Mischwirkung. Deshalb ist auch die Arbeitsweise bei pharmakochemischen Arbeiten eine andere, wie bei gewöhnlichen phytochemischen. Der Abbau des Drogenauszuges wird zur Hauptsache, das genaue rein chemische Studium eines isolierten Körpers und die Ermittelung seiner Konstitution Nebensache. Das sind dann Aufgaben, die eher der reinen Chemie zufallen, aber natürlich auch vom Pharmakochemiker gelöst werden können und gelöst werden sollen, wenn er die nötige Schulung besitzt. Denn auch in der Pharmakochemie ist man längst von der Reaktionschemie abgekommen und begnügt sich nur dort mit Reaktionen, wo ein anderer Weg noch nicht gangbar ist. Oft ist es schon jetzt möglich geworden, die Ergebnisse rein theoretischer pharmakochemischer Forschung auch praktisch zu verwerten. Zunächst ist ja das chemische Studium einer Droge oder eines ihrer Bestandteile reine Wissenschaft, es führt aber zur angewandten, beispielsweise durch Verwertung der Resultate zur chemischen Wertbestimmung und weiter zur Beurteilung der Einsammlungszeit u. dergl. m. Zahlreiche Drogen stehen ja schon jetzt unter ständiger chemischer Kontrolle. Man muß geschulter Chemiker sein, um Pharmakochemie wissenschaftlich treiben zu können, denn besondere Methoden gibt es in der Pharmakochemie nicht. Es muß dies deshalb betont werden, weil sich vielfach in den Kreisen der Chemiker die Ansicht breit macht, es gäbe eine besondere — natürlich minderwertige — «Apothekerchemie», und Botaniker bisweilen in wegwerfender Weise von einer «Apothekerbotanik» sprechen. Diese irrige Ansicht, die auf den Erfahrungen einer vergangenen Zeit beruht, wird dadurch am besten bekämpft, daß der Dilettantismus in der Pharmakobotanik und Pharmakochemie dauernd überwunden und nur botanisch und chemisch vollwertige Arbeit in der Pharmakognosie geleistet wird. FLÜCKIGER ging nicht ganz so weit wie ich hier gehe. Er meinte, die Pharmakognosie solle nur die chemischen Bestandteile aufzählen, die Lücken andeuten und zu ihrer Ausfüllung beitragen oder anregen, die erschöpfende Behandlung der chemischen Bestandteile wies er der Chemie zu. Der Mikrochemie sollte noch mehr Beachtung geschenkt werden als seither geschehen ist, denn es eröffnet sich hier die Möglichkeit, den Sitz der sog. wirksamen Bestandteile zu ermitteln.

Physikalische Methoden werden nur selten in der Pharmakognosie benutzt. Immerhin sind das Kolorimeter, der Polarisations- und der Spektralapparat schon oft sowohl in der reinen wie in der angewandten Pharmakognosie mit Erfolg herangezogen worden.

Von großer Bedeutung ist die Geographie für die Pharmakognosie. Sie sollte auch in den Vorlesungen viel mehr als bisher berücksichtigt werden. Die Kenntnis der Produktionsländer, der Ausfuhrhäfen und der Handelswege gehört zu einer erschöpfenden Behandlung der Droge. Und auch die Kulturen der Heil- und Nutzpflanzen sind ohne pflanzengeographische und klimatologische Kenntnisse nicht verständlich.

Sehr schwierige Gebiete sind Geschichte und Linguistik der Drogen, z. B. die Etymologie der Namen. Um sie als Forscher treiben zu können, muß man außer Pharmakognost (und Botaniker) auch geschulter Historiker und Sprachforscher sein. Das dürfte sich selten zusammenfinden, und so gibt es denn auf diesem Gebiete die meisten Irrtümer (denn auch ein Historiker und Linguist, der nicht Pharmakognost ist, irrt oft auf diesem Boden) und das meiste ist noch zu tun. Merkwürdig ist es, daß jeder Pharmakognost, fast ohne es zu wollen, ganz unwillkürlich zu historischen Studien geführt wird. Kein Gebiet ladet ja so sehr dazu ein wie gerade das uralte der Heilpflanzen und Drogen.

Fast ganz vernachlässigt wurde bisher das Studium der Verpackungen der Drogen. Der erste Versuch, sie zu sammeln, zu beschreiben und übersichtlich zu gruppieren, wurde 1893 im pharmazeutischen Institute in Bern gemacht. Zum vollständigen Bilde einer Droge gehören auch sie.

Da ich den «praktischen Zweck», von dem WIGAND spricht, aus den Aufgaben der reinen Pharmakognosie ausschalte, könnte man fragen, ob denn überhaupt die Pharmakognosie als selbständige reine Wissenschaft Existenzberechtigung hat, da ja ihr botanischer Teil von Botanikern, ihr chemischer von Chemikern, ihr handelsstatistischer von Kaufleuten, ihr handelsgeographischer von Geographen, ihr historischer von Historikern betrieben werden könne. Und es hat ja auch nicht an Befürwortern gefehlt, die diese Teilung anstreben möchten. Aber die Selbständigkeit der Pharmakognosie als reine Wissenschaft hat die gleiche Berechtigung wie die Selbständigkeit der Pharmakologie und der Geographie. Die Pharmakologie setzt sich auch aus heterogenen Elementen (Chemie, Physik, Physiologie, Anatomie) zusammen, und verfolgt zunächst auch nur rein wissenschaftliche Ziele. Sie ist als eine «angewandte Physiologie» bezeichnet worden und doch wird jetzt keiner mehr ihr den Charakter einer selbständigen reinen Wissenschaft absprechen. Auch der Arzt hört auf der Universität reine Pharmakologie und treibt in der Praxis angewandte. Ebenso stecken in der Geographie ein ganzes Bündel von Wissenschaften (Geologie, Botanik, Zoologie, Meteorologie) und doch ist ihr selbständiger Charakter jetzt allgemein anerkannt.

Fig. 2.
Dioscurides und die Heuresis mit der Mandragora, zu deren Füssen ein sich in Schmerzen krümmender Hund. Aus dem Wiener Codex Constantinopolitan. des Dioscurides (512 n. Chr.) verkleinert.

Bei der Pharmakognosie sammeln sich alle Hilfswissenschaften in dem Brennpunkte der Pharmazie. Die ganze Ausbildung des Apothekers prädestiniert ihn zum Pharmakognosten, wie den Arzt zum Pharmakologen, und es sollten sich daher die Pharmakognosten nur aus Apothekern rekrutieren, da nur diese in allen, oder doch wenigstens in den hauptsächlichsten Hilfswissenschaften der Pharmakognosie gleichmäßig ausgebildet werden. Ich verkenne ja keineswegs die große Bedeutung der angewandten Pharmakognosie. Aber genau so wie der Mediziner reine Anatomie und Physiologie des Menschen hören muß, bevor er sie praktisch anwendet, genau so muß der Apotheker reine Pharmakognosie hören, bevor er in der Praxis angewandte treibt. Es muß also auch Vertreter der reinen Pharmakognosie, muß eine wissenschaftliche Pharmakognosie geben, wie es eine reine Anatomie und Physiologie geben muß. Sie darf nicht von vornherein eine angewandte Wissenschaft sein. Das hieße das Pferd am Schwanze aufzäumen. Kein Chemiker wird doch mit der angewandten Chemie beginnen. Die angewandte pharmazeutische Chemie war solange eine rein empirische Pröbelei, als sie sich nicht auf die reine Chemie stützte und sie zur Voraussetzung hatte. Und so ist ein wahrer Fortschritt in der angewandten Pharmakognosie nur möglich, wenn die reine Pharmakognosie als reine Wissenschaft betrieben wird. Die Ziele der reinen Pharmakognosie aber sind einfach und klar vorgezeichnet und so wissenschaftliche, wie die aller anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen.

Fig. 3.
Valerius Cordus (1515–1544).

Fig. 4.
Nicolaus Monardes (1493–1578).

Fig. 5.
Carolus Clusius (1526–1609).

Von allen drei Disziplinen: Pharmazie, Pharmakognosie und pharmazeutische Chemie ist die Pharmakognosie die älteste, die pharmazeutische Chemie die jüngste. Die Rhizotomen waren die ersten Pharmakognosten, die ersten berufsmäßigen Kenner, Sammler und Beschreiber von Arzneipflanzen (Rhizotomica) und DIOSKURIDES der erste hervorragende Lehrer der Pharmakognosie, da er zum Zwecke der Lehre Heilpflanzen beschrieb. Neue Impulse erhielt dann die Lehre von den Arzneipflanzen durch die Araber, die als die Schöpfer der Pharmazie in unserem Sinne, der dritten Schwester, betrachtet werden können, obwohl die pharmazeutische Kunst sehr viel älter ist, und wie uns die Tempelinschriften, die Papyri und die Keilschrifttafeln lehren, schon 3000 v. Chr. geübt wurde. IBN BAITARS Kitāb al-dschāmi al-kabīr (liber magnae collectionis) ist das bedeutendste Werk der arabischen Pharmakognosie, aber doch viel zu sehr auf fremde Autorität und zu wenig auf eigene Beobachtung aufgebaut. Die Pharmakognosie blieb lange eine «philologische» Wissenschaft. Als die eigentlichen Patres pharmacognosiae müssen wir MONARDES, CLUSIUS und CORDUS betrachten. Sie stellten die eigene Beobachtung in die erste Reihe. Bei ihnen finden wir die ersten gedruckten, nach der Natur gezeichneten Abbildungen von Drogen und Heilpflanzen. Es war die Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien, die der Pharmakognosie neues Leben eingehaucht, ja sie eigentlich erst geschaffen hat. Aus dieser Zeit stammt denn auch die Errichtung des ersten Lehrstuhls der Pharmakognosie «lectura simplicium» 1533, in Padua, den BUONAFEDE innehatte, der also der erste Professor der Pharmakognosie war. Dann blieb sie lange stehen, bis auf POMET, NICOLAUS LÉMERY und ETIENNE FRANÇOIS GEOFFROY, denen wir die ersten Lehrbücher der Pharmakognosie verdanken. Die beiden letztgenannten waren aus dem Apothekerstande hervorgegangene Ärzte, und bis in unsere Zeit haben sich zahlreiche Ärzte als Pharmakognosten erfolgreich betätigt (PEREIRA, DIERBACH, SCHROFF, PHOEBUS, VOGL, MOELLER). PEREIRAS «Elements of materia medica» (1839) ist das beste Erzeugnis dieser Periode. Eine neue Epoche bezeichnet dann GUIBOURF, der die Pharmakognosie, ganz losgelöst von der Medizin, als eine eigene, eine pharmazeutische Disziplin auffaßte, aber ohne ihren ganzen Gehalt auszuschöpfen. Dann trat die Pharmakognosie in ihre botanische Periode. An ihrem Anfang stehen die Namen NEES VON ESENBECK und JUSSIEU, und in ihrem Verlaufe waren es SCHLEIDEN und BERG, WIGAND und OUDEMANS, FRISTEDT und HANBURY, die am Ausbau der Pharmakognosie als botanische Disziplin mit großem Erfolge arbeiteten. Durch sie erhielt die Pharmakobotanik erst ihre eigentliche Gestaltung. Die Pharmakognosie verdankt ihnen außerordentlich viel. Die Einführung der Lupe und des Mikroskopes eröffnete neue Gebiete. Aber die Pharmakochemie kam zu kurz dabei. Es darf wohl auf den Einfluß, den die mächtig vorwärtsdrängende Chemie auf alle Gebiete der Naturforschung in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. übte, zurückzuführen sein, daß sich auch auf dem Gebiete der Pharmakognosie chemische Aspirationen bemerklich machten. Es ist FLÜCKIGERS Verdienst der Pharmakochemie als gleichberechtigter Hilfswissenschaft neben der Pharmakobotanik zu der ihr zukommenden Bedeutung verholfen, gleichzeitig aber auch das Gesamtgebiet der Pharmakognosie durch Heranziehung von Geographie und Geschichte, Handelswissenschaft und Linguistik erweitert zu haben. Die wissenschaftliche Pharmakognosie im modernen Sinne datiert von ihm und seinem «Lehrbuch der Pharmakognosie», das zum ersten Male alle Teile des Faches gleichmäßig behandelt. Es war nun nur noch nötig, die Einzelfächer weiter zu vertiefen, in die Pharmakochemie die Methoden der modernen Chemie, in die Pharmakobotanik die Methoden der modernen Botanik (z. B. die Entwicklungsgeschichte) einzuführen und die Einzelbeschreibungen unter allgemeinen Gesichtspunkten zusammenzufassen, also von der Analyse zur Synthese vorzuschreiten, um die Pharmakognosie auf die Höhe einer mit den anderen Naturwissenschaften ganz gleichwertigen Wissenschaft zu erheben.

So ist die moderne wissenschaftliche Pharmakognosie, nicht nur wegen der engen Beziehungen zur Heilkunde und der großen praktischen Bedeutung der angewandten Pharmakognosie für das öffentliche Leben die wertvollste — nennt sie doch A. P. DE CANDOLLE «die unmittelbar nützlichste unter den menschlichen Kenntnissen» — wegen der Zahl ihrer Hilfswissenschaften, die umfassendste, und wegen des wissenschaftlichen Wertes der letzteren, die tiefgründigste, sondern auch die bei weitem interessanteste der drei pharmazeutischen Disziplinen — allerdings auch die am schwierigsten zu bewältigende. Eine wahre scientia regia! — und historisch betrachtet, wie SCHLEIDEN sagt, «die Mutter aller naturwissenschaftlichen Disziplinen».

Fig. 6.
Lectura simplicium im XVI. Jahrh. Holzschnitt aus dem Ortus sanitatis.

Jetzt steht sie freilich noch wenig beachtet im Winkel, aber es wird schon wieder eine Zeit kommen, in der man den Arzneidrogen und Heilpflanzen, deren Verwendung so alt ist wie das Menschengeschlecht, mehr Beachtung schenkt wie heute. Und wenn sich die Drogenkunde erst voll zur Drogenwissenschaft ausgewachsen hat, dann wird ihr auch der ihr zukommende Platz neben der Chemie und Botanik und nicht unter ihnen angewiesen werden.

Vielleicht grünet, das jetzt herfürkeimet mit der Zeit (PARACELSUS).

«Je niedriger die Kulturstufe eines Volkes ist, desto kleiner ist die Zahl der Pflanzen,die für die praktischen Bedürfnisse der Menschen verwendet werden.»

BJÖRKMAN.

II. Die Objekte der Pharmakognosie.

1. Die Droge.

In der oben (S. 6) gegebenen Definition des Begriffes und der Aufgaben der Pharmakognosie sind die Objekte der Behandlung kurzweg „Drogen“ genannt worden. Der Ausdruck ist in seiner Ableitung nicht ganz klar.

Im Französischen schreibt man drogue, droguiste, im Italienischen: droga, drogheria, im Spanischen: droga, drogueria, im Holländischen: droge, drogist, im Englischen: drug, druggist. Welcher Stamm aber dem Worte Droge zugrunde liegt, ist unsicher. Die einen (FRISCH, DIEZ) leiten das Wort von dem deutschen drog, droge, droêge, drög = trocken ab (im Niederdeutschen: droog, sächsisch: drêge, berndeutsch: troche, alt-bayrisch-österreichisch (Buch d. Natur): trucken, trücken, alt-englisch: dréze, holländisch: trook, in der heutigen Niederlausitzer Volkssprache: tre oder trëe); andere von dem keltischen droch = schlecht, noch andere von dem illyrischen drug = kostbar oder dem persischen (?) drogua = Betrug.

Es erscheint, wie FLÜCKIGER bemerkt, nicht sehr wahrscheinlich, daß die romanischen Sprachen das Wort aus den germanischen herübergenommen haben. Denn es waren zuerst romanische Völker (Italiener, Portugiesen, Spanier), die die Drogen nach Deutschland, Holland und England brachten. Doch ist es nicht ohne Beispiel, daß eine Bezeichnung von den Empfängern gegeben und von den Liefernden übernommen wurde.

Nur in England ist das Wort sicher bis in den Anfang des XIV. Jahrh. zurück zu verfolgen. In Close Roll I Edw. III. 1. mem. 32 (einem Jahrbuch aus der Regierung Eduard III.) aus dem Jahre 1327 findet sich die Stelle: «Novem balas de drogges de spicerie», dann 1386 oder 1388 (bei CHAUCER CANTERBURY Tales Prol. 426 Apothecaries): «to send him drogges» und 1398 (in TREVISAS Übersetz. d. Bartholomaeus de proprietatibus rerum, gedr. 1495): «of stronge drouges». Dann auch 1513 (in DOUGLAS, Aeneis): «huilsum of small as ony spicery, Tryakle, droggis or electuary», und 1655 in THOMAS GAGE, New survey of the West-Indias XVII: «drugs for Chocolatte, also Apothecary drugs as Zarzaparilla». (Hier werden also bereits die «Arzneidrogen» von den anderen unterschieden!) Außer diesen Formen findet sich im Englischen noch: drogis, drougges, droigis, drugges, drougs, druggs, drogs, drugge, ja sogar später auch die Formen drogue und drogues! Das Wort war also im XIV. Jahrh. schon in England gebräuchlich und zwar in der ältesten Form ohne u.

Bei den lateinisch schreibenden Schriftstellern läßt sich das Wort Drogue bestimmt nicht weiter als bis ins XV. Jahrh. verfolgen. Es findet sich im Dispensatorium ad aromatarios des PSEUDO-NICOLAI, eines unbekannten Verfassers (Lugd. 1536) einer Kompilation aus dem XV. (?) Jahrh. (in einzelnen Teilen aber wohl älter). Dort heißt es: «Et voco droguas medicinas magni precii quae ad nos deferentur a longinquis partibus», und der Verfasser zählt folgende «Drogen» auf: Ambra, Amomum, Balsamus, Bombax, Ben album und rubrum, Blacte bisaucie, Carpobalsamum, Camphora, Cassia lignea, Calamus aromaticus, Cardamomum, Cinnamomum, Cubebae, Celtica, Crocus, Doronicum, Folia, Galanga, Gariofili, Lapdanum, Lign. Aloes, Macis, Muscus, Malabatrum, Nux indica, Nux muscata, Piper, Ribes, Spica Nardi, Spongia, Spuma maris, Unicornum, Zinziber, Zedoaria, Zuccara.

Das sind, wie FLÜCKIGER (Arch. d. Pharm. 1881) bemerkt, in der Mehrzahl Aromata und auch GARCIA DA ORTA betrachtet diese Eigenschaft als wesentlich für den Begriff Droge: «aromaticum voco non odoratum — quod vulgo droguam vocant» (in der CLUSIUSschen Übersetzung, im spanischen Original steht droga, nicht drogua).

Es würde also ursprünglich das Wort Drogua oder Droga für einen wertvollen Arzneirohstoff, vorwiegend aus der Gruppe der Aromata gebraucht worden sein, wie das noch heute in dem illyrischen Worte für Droge dragomiris (drug = kostbar, miris = wohlriechend) zum Ausdrucke kommt. Doch scheint man auch schon im XVI. Jahrh. das «trocken» als wesentlich für den Begriff Droge betrachtet zu haben, da MARCO GUAZZO, wo er davon spricht, daß die «Drogherie» der Drogensammlung (Spetieria) des BUONAFEDE in Padua durch die Schiffe der Venetianer geliefert werden müssen, ausdrücklich von «cose secche di levante» spricht.

HUSEMANN meint, daß die oben genannte Stelle im Dispensatorium des PSEUDO-NICOLAUS der Ort sei, wo das Wort zuerst auftritt und von dem Verfasser wohl erfunden sei («et voco»). Der Verfasser ist unbekannt, könnte aber nach Lage der Sache ein im Orient lebender Kompilator sein oder ein aus orientalischen Quellen schöpfender, so daß der orientalische Ursprung des Wortes doch nicht ganz unmöglich wäre. (Sein Werk muß jedenfalls höher hinauf als ins XV. Jahrh. gesetzt werden, wohin es CHOULANT verweist.) Doch fehlt das Wort sowohl in den arabischen, spanisch-arabischen, algerischen und ägyptischen, persischen und türkischen Lexicis (HESS).

In Italien scheint schon im XV. Jahrh. der Ausdruck droga ganz gebräuchlich gewesen zu sein.

In Convent. Saonae (1526) findet sich die Stelle: «pro quibuscunque generibus specierum s. aromatum et drogariarum», und Drogaria wird in CANGES Glossar. mediae et infimae latinitatis definiert: «aroma quodvis materia ex qua medicamenta et aliae compositiones conficiuntur».

In Frankreich findet sich das Wort «drogue» mit u (Provenc.: drogua) zuerst im XIV. Jahrh. in Nat. à l’alch. err.: «dissoudre et distiller Tes drogues pour les congeler Par alambics» (LITTRÉ). Dann im XV. Jahrh. bei BASSELIN: «il n’y a chez l’apothicaire De drogue», auch 1484 in einer Verordnung über das Meisterstück der Apotheker, wo verlangt werden: «cognoissances de drogues». Im XVII. Jahrh. ist es allgemein gebräuchlich und wird z. B. auf den Titeln der Werke POMETS und LÉMERYS benutzt.

LITTRÉ denkt bei der Ableitung auch an drwg (kelt. kimry), droug, drouk (breton.) und droch (irländ.), was soviel wie eine schlecht schmeckende Substanz (tout ce qui est mauvais) bedeutet, und von ihm auf den gewöhnlich schlechten Geschmack der Arznei bezogen wird (?). Merkwürdigerweise wird der Ausdruck drogue in Frankreich auch für ein eingekerbtes Holzstück benutzt, das dem Verlierer bei einem gewissen Spiele auf die Nase geklemmt wird!

In Deutschland scheint die Bezeichnung Drogist oder Trochist älter zu sein wie Droge. — Droge kommt im Altdeutschen und Mittelhochdeutschen nicht vor, auch nicht in den Arzneibüchern des XVI. Jahrh. und wird erst im XVII. Jahrh. gebräuchlich, so daß HÖRNIG noch 1646 den Trochisten von den Trochisci viperini, die er einzuführen habe, ableiten konnte, was aber offenbar falsch ist (HUSEMANN).

Ziehen wir aus Vorstehendem die Schlüsse, so müssen wir zugeben, daß die Herkunft des Wortes Droge, das wir in deutschen Texten am besten wohl ohne u schreiben werden, unsicher ist. Es war schon im Anfang des XIV. Jahrh. in der Form drogge in England und zu gleicher Zeit in der Form drogue in Frankreich ganz gebräuchlich, dürfte daher kaum von dem Kompilator des Dispensatorium ad aromatarios erfunden sein, bei dem sich die Worte «et voco» wohl nur auf die Form «drogua» beziehen.

Die alten Griechen sprachen von ὕλη, d. h. Rohstoff (ursprünglich Holz) und nannten einen arzneilichen Rohstoff ὕλη ἰατρική — so z. B. auf dem Titel von DIOSKURIDES Arzneimittellehre. GALEN braucht diese Worte als identisch mit materia medica. Die Lateiner des Mittelalters nannten die arzneilichen Rohstoffe Simplicia, im Gegensatz zu den zusammengesetzten Arzneimitteln (Composita), dieser Ausdruck findet sich, wie es scheint, noch nicht im IV. Jahrh. — APULEJUS BARBARUS schreibt z. B. de medicaminibus herbarum, PLACITUS PAPYRIENSIS de medicamentis ex animalibus — aber noch auf zahlreichen Schriften «de simplicibus» im XV. und XVI. Jahrh. und verschwindet allmählich erst im XVIII. Jahrh. Immerhin nennt noch 1730 NEUMANN die Drogen Simplicia, VALENTINI gab 1716 eine Historia simplicium reformata und MONTI 1724 Exoticorum simplicium varii indices heraus.

In Holland ist bei den Apothekern der Ausdruck Simplicia für Drogen noch heute in Anwendung und auch in Frankreich nennt man sie «médicaments simples».

Berühmt ist des MATTHÄUS PLATEARIUS liber de simplici medicina (Circa instans) aus dem XII. Jahrh., und auch bei CONSTANTINUS AFRICANUS (XI. Jahrh.) findet sich ein Abschnitt de gradibus simplicium. Der MACER FLORIDUS aus dem X. Jahrh. schreibt aber noch de viribus oder de virtutibus herbarum.

Im Dispensatorium Nicolai (XII. Jahrh.) beginnt das erste Kapitel: «Medicina alia est simplex, alia composita. Simplex est quae talis qualis eam natura produxit vel quae artificio paratur sine alterius admistione talis autem est sicut piper, scammonea et multae in hunc modum».

In diesen Worten liegt eine Definition des Wortes Simplicia und damit auch des Wortes Droge, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt.

Da in dem jetzigen Sprachgebrauch das Wort «Droge» für alle Rohstoffe, mit Ausnahme der mineralischen, angewendet wird — und zwar für trockene, im Gegensatz zu frischen Pflanzen und Tieren — empfiehlt es sich, die technischen Rohstoffe als technische Drogen von den arzneilichen Rohstoffen, den Arzneidrogen, abzutrennen. Die Pharmakognosie beschäftigt sich, wie schon ihr Name sagt, nur mit den letzteren. Doch fasse ich den Begriff ziemlich weit und werde im Folgenden z. B. auch die Genußmittel (z. B. die Purindrogen), die ja auch gelegentlich Heilmittel sind und auch manches andere, z. B. einige Klebemittel, Farbstoffe usw. mit hineinziehen, da sich ja ganz scharfe Grenzen auch hier nicht ziehen lassen, und die Lehre von den technischen Rohstoffen auch vielfach auf pharmakognostisches Gebiet übergreift. Aber ich möchte doch nicht unterlassen zu betonen, daß die Verwendung des Pfeffer als Gewürz, der Quebracho- und Eichenrinde als Gerbemittel, von Catechu, Rhabarber, Kamala, Indigo, Tournesol in der Färberei, des Meccabalsam, Perubalsam und Weihrauch zu rituellen Zwecken, des Mohn zum Bestreuen von Backwerk, des Sandelholz zu kunstgewerblichen Gegenständen, der Hopfendrüsen in der Brauerei, eigentlich schon außerhalb der Pharmakognosie liegt. Endlich werden auch die Drogen noch eingehend behandelt werden, die zwar selbst mehr und mehr aus dem Handel verschwinden, die aber Ausgangsmaterialien für die Darstellung wichtiger chemischer Heilmittel bilden (Cina, Podophyllum, Fol. cocae).

«Freilich muß zugestanden werden, daß erhebliche Willkür in der Abgrenzung und Behandlung des pharmakognostischen Lehrstoffes nicht auszuschließen ist. Die Pharmakognosie ist keineswegs ein scharf begrenzter Wissenszweig, und darin liegt eben das Wesen und wohl auch ein besonderer Reiz des Faches, daß er die Hilfsmittel verschiedener Disziplinen zu dem einen Zwecke gründlicher Kenntnis der Rohstoffe des Arzneischatzes oder sonst vom Standpunkte der Pharmazie aus wichtiger Pflanzenteile oder Produkte verwertet» (FLÜCKIGER–TSCHIRCH, Grundlagen).

Zu den Arzneidrogen gehören nun aber sowohl die Pflanzendrogen wie die Tierdrogen, die arzneilich angewendet werden; also wenn man alle jemals arzneilich angewendeten Vertreter beider Reiche herbeizieht, ein ungeheueres Material. DIOSCURIDES führt bereits gegen 500 Heilpflanzen auf, bei PLINIUS finden sich gegen 1000, bei KASPAR BAUHIN ca. 6000 Pflanzennamen, überwiegend auch Heilpflanzen, die Alphita (XIII. Jahrhundert) verzeichnet 645, bei CORDUS finden sich rund 800. In SCHRÖDERS Pharmacopoea medico-chymica (1641), die ca. 6000 Simplicia enthält, figurieren noch 150 Arzneistoffe aus dem Tierreiche. Noch BERG und WITTSTEIN behandeln eine recht stattliche Anzahl. Diese nach Hunderten zählenden Arzneidrogen in der oben charakterisierten Weise wissenschaftlich abzuhandeln, nach allen Richtungen genau zu beschreiben, ist für einen Einzelnen ein Ding der Unmöglichkeit, da die überwiegende Zahl noch gar nicht genauer untersucht ist. Es ist aber auch gar nicht nötig, da die Zahl der noch heute wirklich arzneilich angewendeten Drogen relativ gering ist. Während die Gesamtzahl der seit dem Altertum jemals auf der Erde arzneilich benutzten Pflanzendrogen nach der DRAGENDORFFschen Liste (in den «Heilpflanzen», 1898) über 12700 beträgt — PICKERING führt gar in seiner allerdings unkritischen History of plants (Boston 1879) ca. 15000 Arznei- und Nutzpflanzen auf — werden jetzt in Deutschland, wie aus den Preislisten der Großdrogenhäuser hervorgeht, nur etwa 800 benutzt, und die Pharmakopoeen enthalten noch sehr viel weniger, das deutsche Arzneibuch IV 166 (dazu kommen im Ergänzungsbuch noch 171), die Edit. quarta der Pharmac. helvet. 218 Heilpflanzen und Drogen. Da es der modernen Heilkunde widerstrebt, Arzneidrogen zu benutzen, deren Zusammensetzung unbekannt oder ungenügend bekannt ist, hat sich die Zahl der von den Ärzten angewendeten Arzneidrogen seit der Mitte des XIX. Jahrh. fortdauernd verringert. Nur das Volk benutzt noch zahlreiche Pflanzen, die es teils selbst sammelt, teils kauft. In diese Verhältnisse erhält man erst einen Einblick, wenn man sich die Verkaufsziffern sog. obsoleter Drogen von einer größeren Drogenfirma verschafft. Man ist erstaunt, aus denselben zu ersehen, daß oft von den obsoletesten noch viele Zentner jährlich abgesetzt werden und doch kauft das Volk nur einen Teil beim Drogisten, viele werden in den Bauerngärten für den Hausgebrauch gebaut und die wildwachsenden selbst gesammelt. Einen Teil der «obsoleten» Drogen verwendet übrigens die Spezialitätenfabrikation.

Ich werde mich in diesem Handbuche auf die wichtigsten Drogen beschränken, diese aber eingehender behandeln.

Ausgeschlossen sind jetzt von der Pharmakognosie die Mineralien, die «lapides» der früheren Autoren, von denen die oben erwähnte SCHRÖDERsche Pharmakopoee noch 30 enthielt und alle chemischen Präparate und chemischen Rohstoffe, die der pharmazeutischen Chemie zuzuweisen sind.

In den «Grundlagen» haben wir uns dahin ausgesprochen, daß die Substanzen auszuschließen seien, von denen die Chemie schon allein imstande ist, eine erschöpfende Schilderung zu gewähren, wie die Fette, Wachse, ätherischen Öle, Zuckerarten u. dergl. Ich möchte sie jedoch, soweit sie medizinische Anwendung finden, einschließen und nur die technischen Produkte der chemischen Rohstofflehre überweisen. Übrigens will ja auch FLÜCKIGER Ausnahmen zulassen.

Ganz ausgeschlossen werden die Bauhölzer und das Papier, während die Gespinstfasern wegen ihrer vielen Beziehungen zur Medizin — die Baumwolle steht ja sogar in den Pharmakopoeen — wenigstens teilweise behandelt werden müssen.

Einige Drogen sind beides, technische und Arzneidrogen. Von Arzneidrogen, die gleichzeitig z. B. auch als Farbdrogen zu betrachten sind, sei der Rhabarber, die Hydrastis und die Calumbawurzel genannt. Der (europäische) Rhabarber ist in der Lyoner Seidenfärberei noch bis heute in Benutzung.

So spinnen sich zwischen der technischen und der medizinischen Rohstofflehre Fäden hinüber und herüber und es verwischen sich die Grenzen. Keinesfalls erscheint es aber zulässig, daß die technischen Rohstoffe einfach kurzweg als «Rohstoffe» bezeichnet werden, wie dies auf dem Titel von WIESNERS Buche: Die Rohstoffe geschieht. Zu den Rohstoffen gehören unbedingt auch die Arzneidrogen, die ja schon von DIOSCURIDES «arzneiliche Rohstoffe» genannt wurden.

Die Stellung der Arzneidrogen im Systeme der Arzneimittel überhaupt geht aus folgender Übersicht hervor, die ich für die schweizerische Pharmacopoee (Edit. IV, 1907) entworfen habe.

Arzneimittel (Arzneistoffe, Arzneisubstanzen, Arzneien, Medikamente) sind Substanzen oder Substanzgemenge, welche zur Verhütung oder Beseitigung abnormer Zustände oder Vorgänge im menschlichen oder tierischen Organismus oder zur Beschwichtigung störender, unangenehmer oder gefährlicher Erscheinungen in Anwendung gezogen werden. Sie zerfallen in folgende Kategorien:

 I. In solche, die nicht in eine Arzneiform gebracht worden sind (Arzneiwaren).
a) Chemikalien mit Einschluß der anorganischen und organischen chemischen Präparate. b) Pflanzliche und tierische Rohstoffe oder Arzneidrogen.
a) Chemikalien mit Einschluß der anorganischen und organischen chemischen Präparate.
b) Pflanzliche und tierische Rohstoffe oder Arzneidrogen.
II. In solche, die in eine Arzneiform gebracht worden sind.
a) Einfache Arzneimittel. 1. Die einfachen pharmazeutischen oder galenischen Präparate. 2. Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate. b) Zusammengesetzte Arzneimittel, aus mehreren Substanzen oder einfachen Arzneimitteln oder beiden zusammengesetzte Mischungen.
a) Einfache Arzneimittel.
1. Die einfachen pharmazeutischen oder galenischen Präparate. 2. Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate.
1. Die einfachen pharmazeutischen oder galenischen Präparate.
2. Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate.
b) Zusammengesetzte Arzneimittel, aus mehreren Substanzen oder einfachen Arzneimitteln oder beiden zusammengesetzte Mischungen.

2. Paralleldrogen und Quid pro quo.

Die Organisation der menschlichen Rassen ist so wenig verschieden, daß auf der ganzen Erde bei allen Menschen ungefähr die gleichen Bedürfnisse nach bestimmten Genuß- und Heilmitteln bestehen. Da jedoch die Flora der Erde, die diese Genuß- und Heilmittel liefert, nicht überall dieselbe ist, so findet man auch nicht überall die gleichen Heilpflanzen. Das bestehende Bedürfnis kann nun auf doppelte Weise befriedigt werden, entweder durch Einfuhr der Droge von außen oder durch Aufsuchen von Paralleldrogen in der Heimat.

Die Einfuhr der Droge setzt das Bestehen von Handelsbeziehungen voraus. So gelangten viele wertvolle Drogen und Gewürze schon im Altertum aus Indien und Afrika in die Mittelmeerländer. Der Costus, der Weihrauch, die Myrrha, die Asa foetida, der Zimt sind im Mittelmeergebiet nicht heimisch. Aber oft genug haben ganz isoliert wohnende Völker, von einem natürlichen Instinkte geleitet, von sich aus Heil- und Nutzpflanzen in der Flora ihrer Heimat aufgefunden, die in der Wirkung im allgemeinen mit denen übereinstimmten, die andere ebenso isoliert wohnende in ihrer Heimat auffanden. So entstanden, aus demselben Bedürfnisse geboren, die Paralleldrogen. Das klassische Beispiel bilden die Glieder der Gruppe der Purindrogen, die sämtlich, wie wir jetzt wissen, ihre Wirkung Purinkörpern verdanken. Das wußten aber die Völker nicht und wissen es auch heute nicht. Der Abyssinier hat die Kaffeepflanze, der Assamit den Teestrauch, der Zentralafrikaner die Kolanuß, der Bewohner des Amazonasgebietes die Guarana, der Zentralamerikaner den Kakao, der Brasilianer den Mate aufgefunden und in Benutzung genommen, ohne davon eine Ahnung zu haben, daß anderwärts Drogen mit ähnlichen Bestandteilen und ähnlicher Wirkung in ähnlicher Weise benutzt werden. Es bestand ein Bedürfnis nach Anregungsmitteln und dies wurde aus der Flora des eigenen Landes gedeckt. Ein natürlicher Instinkt leitete das Volk und eine lange, einzelne Erfahrungstatsachen allmählich summierende Erfahrung tat das übrige. Ähnlich ist es mit den Bandwurmmitteln der Filixgruppe. Hier sehen wir in Europa Aspidium Filix Mas, in Finland und Schweden Aspidium spinulosum, in Südafrika Aspidium athamanticum (die Panna), in Nordamerika Aspidium marginale und goldieanum dem gleichen Zwecke dienen, ohne daß das eine Volk vom anderen und seinen Bandwurmmitteln etwas wußte. Ähnlich verhält es sich mit den Terpentinen, dem amerikanischen, französischen und Tiroler (Lärchen-) Terpentin; mit dem kleinasiatischen, dem amerikanischen und Formosa-Styrax; mit Podophyllum Emodi in Indien und Podophyllum peltatum in Amerika; mit Cort. frangulae und Cascara Sagrada; mit der Rhiz. veratri alb. Europas und der Rhiz. veratri virid. in Amerika. Die genannten sind Paralleldrogen, ein Ausdruck, der, soviel ich weiß, zuerst von HARTWICH in dem Buche «Die neuen Arzneidrogen» (Berlin 1897) benutzt wurde. Der Ausdruck Ersatzdrogen, den HARTWICH auch benutzt, ist weniger glücklich gewählt, da er voraussetzt, daß die eine die Hauptdroge, die andere das Ersatzmittel, gewissermaßen also nur ein Surrogat ist.

Die oben erwähnten Beispiele stellen also nur eine besondere Form der Paralleldrogen dar. Sie wurden gewissermaßen unbewußt gefunden. Man ging nicht etwa darauf aus, ein Bandwurmmittel oder ein Anregungsmittel zu suchen und musterte die ganze Flora daraufhin durch, sondern man beobachtete wohl einmal bei einem ganz gelegentlichen Genusse die eigenartige Wirkung, verfolgte die Sache weiter und kam so in den Besitz des Mittels.

Diesen aus dem Volke heraus geborenen Paralleldrogen stehen nun die bewußt gesuchten gegenüber. Dieselben datieren aus neuerer Zeit, sind aber zahlreicher als die vom Volke gefundenen, allerdings dafür auch in ihrem Werte umstrittener. Zu den Genußmitteln und Taeniciden traten die Herzmittel, die einen Ersatz der Digitalis oder eine verbesserte Auflage derselben bilden sollten, die Abführmittel «ohne schädliche Nebenwirkung», die Stomachica, die Diuretica u. a. m. Aber nur wenige derselben haben sich bisher behauptet und sind als ein bleibender Erwerb des Arzneischatzes zu betrachten. Immerhin soll auch ihnen im Folgenden Aufmerksamkeit gewidmet werden. Bestrebungen, die erst der neuesten Zeit angehören, sind die, welche darauf abzielen, für natürliche Pflanzenstoffe künstliche Ersatzmittel synthetisch darzustellen. So hat man für Chinin, Emodin u. and. Ersatzmittel darzustellen versucht, ist aber meist zu ganz neuen pharmakologischen Individuen gelangt mit neuen Eigenschaften. Diese Bestrebungen liegen schon außerhalb des Rahmens der Pharmakognosie.

Der Heilpflanzenschatz des Volkes ist noch lange nicht ausgeschöpft und für die Heilkunde wirklich nutzbar gemacht. Wenn die wissenschaftliche Medizin wieder mehr als heute zu den Drogen zurückgekehrt sein und die lange Liste, die DRAGENDORFF in seinen Heilpflanzen mitteilt, vorurteilslos durchmustern wird, dürfte sie manch eine finden, an der man jetzt während der Jagd nach neuen chemischen Heilmitteln achtlos vorübergeht. Dann werden sich nicht nur Paralleldrogen, sondern ganz neue pharmakologische Individuen finden, die aller Beachtung wert sind. Denn auch die Paralleldrogen sind doch niemals miteinander ganz identisch, sind nur ähnlich und jede zeigt wieder ihre besonderen Eigenheiten. Kaffee, Tee, Kakao, Guarana, Kola und Mate enthalten zwar alle Körper der Puringruppe, aber die begleitenden anderen Substanzen modifizieren so außerordentlich die Wirkung, daß keines dem anderen gleicht.

Nicht nur bei uns aber finden sich noch brauchbare, wenig beachtete Heilpflanzen, auch in den übrigen Weltteilen hat das Volk vieles entdeckt, was der wissenschaftlichen Heilkunde von Nutzen sein kann. Es gab aber auch wenigstens ehedem Leute, die die z. B. aus der Entdeckung Amerikas und der Auffindung des Seeweges nach Ostindien herrührende Vergrößerung des Arzneischatzes mit kritischen Augen ansahen und sich nichts Gutes davon versprachen, daß die Bewohner gemäßigter Klimate mit tropischen Heilmitteln behandelt wurden.

Auch PARACELSUS bemerkt: «Wie kann man Krankheiten, die in Deutschland auftreten, durch Arzneimittel heilen, die Gott am Nil wachsen läßt».

Die uns heute so merkwürdig anmutende Idee, daß die Heilmittel der Völker, die in gemäßigten Klimaten wohnen, nur im gemäßigten Klima gesucht werden dürfen, und daß die Pflanzen der Tropen nur Heilmittel für tropische Völker sein können, war im Beginn des XVI. Jahrh. weit verbreitet.

«Dieu et nature ont donné à chascune province ce que est nécessaire pour la vie de celle region: car Dieu et nature ne abondent en choses superflues ne délaissent en choses nécessaires et utiles aux vivans», sagt z. B. SYMPHORIEN CHAMPIER, der Verfasser des Myrouel des Appothiquaires, Lyon 1532 (oder 1533).

Dies merkwürdige Buch — eine spätere Auflage trägt den Titel «Le Mirouer des Apothiquaires» — ist von dem Lyoner Arzte CHAMPIER (Campese, Champerius, Camperius, Campegius, Campesius) (* 1471, † 1540) verfaßt und uns durch DORVEAUX (Paris, Welter 1895) zugänglich geworden. Er hält dem Apotheker (Apothecarius, Pharmacopola) einen Spiegel (Myrouel = miroir) vor und weist, kräftig polemisch, auf zahlreiche wirkliche oder vermeintliche Irrtümer in der materia medica hin. Aber nicht nur in diesem, mehr noch in anderen Werken: Castigationes (Lyon 1532), Hortus gallicus (Lugdun. 1533), De gallica theriaca (Lugdun. 1533) vertritt CHAMPIER die Ansicht, daß man die Heilmittel für Frankreichs Söhne in Frankreich suchen müsse. Er macht auch die verschiedensten Vorschläge. In den beiden letztgenannten Werken finden sich Kapitel «Analogia Medicinarum Judarum et Gallicarum» — «Simplicia quae maxime valent contra veniem et quae in Gallia reperiuntur». Lärchenschwamm soll den Rhabarber, Flieder die Aloe, Helleborus das Scammonium, die Pflaumen die Tamarinde ersetzen.

Das war nun freilich auch im XVI. Jahrh. nichts Neues mehr. Denn bekanntlich besitzen wir schon von GALEN ein (übrigens wahrscheinlich unechtes, d. h. ihm nicht zuzuschreibendes) Werk, περὶ ἀντεμβαλλομένων, und auch die Araber (wie z. B. AVICENNA und ABUL MUNA in seinem Minhag ed dukkân) und die ganze Salernitaner Schule lehrten, daß die Verwendung der naturgemäß meist (aber nicht immer) der heimischen Flora entnommenen Succedanea quid pro quo oder Antiballomena zulässig sei. Dem Antidotarium NICOLAI war gewöhnlich ein Tractatus quid pro quo angehängt, ebenso dem Ricettario fiorentino und dem Dispensatorium des CORDUS, in dem z. B. (Autor: SYLVIUS) als erlaubt bezeichnet wird bittere Mandeln durch Absinth, Coloquinten durch Ricinus, Ingwer durch Pyrethrum, Zedoaria durch Aristolochia zu ersetzen. Und auch in dem Compendium aromatariorum des SALADIN VON ASCOLO (XV. Jahrh.), «dem ersten wirklichen Apothekerbuche in unserem modernen Sinne», ist als vierter Abschnitt ein quid pro quo eingefügt. Anfänge eines quid pro quo finden wir übrigens schon in einem griechischen Zauberpapyrus, den LEEMANN und DIETERICH bekannt machten. In ihm finden sich auch Arzneidoppelbenennungen. Die Umnennung von Arzneistoffen in Rezepten ist also schon altägyptisch (OEFELE).

Auch noch in späterer Zeit sind Bestrebungen aufgetaucht, die ausländischen Drogen durch heimische zu ersetzen. TABERNAEMONTANUS vertrat in seinem Kräuterbuch diese Idee in Deutschland,BARTHOLINUS in der Epistola de simplicibus medicamentis Hafn. 1669 in Dänemark, BEVEROVICIUS in Holland, JEAN PRAEVOTIUS in Italien. Aus der Schweiz stammt ein Schriftchen von JAC . CONSTANT DE REBECQUE «Essay de la Pharmacopée des Suisses: En laquelle l’on prétend faire voir que les Médicaments qui naissent en Suisse ou d’eux mêmes ou par artifice, sont suffisans pour composer une Pharmacopée entière et pour la guerison de toutes les maladies du Corps humain, Berne 1709», und aus Belgien: FRANÇOIS XAVIER BURTIN’s «Mémoire sur la question: Quels sont les végétaux indigènes que l’on pourrait substituer dans les Pays-Bas aux végétaux exotiques relativement aux différens usages de la vie? Bruxelles 1784», sowie PIERRE ENGELBERT WAUTERS gekrönte Preisschrift «Repertorium remediorum indigenorum exoticis in medicina substituendorum, Gaud. 1810», und «de plantis belgicis in locum exoticarum sufficiendis, Gaud. 1785».

Besonders aber in Frankreich fand die Lehre von der Ersetzbarkeit der ausländischen Simplicia durch einheimische auch dann noch Vertreter, als Frankreich selbst schon Kolonien besaß; ja bis in die allerneueste Zeit. Außer CHAMPIER (s. oben) traten besonders dafür ein ANTOINE CONSTANTIN GARIDEL (Histoire des plantes, Aix 1715), sowie COSTE und WILLEMET (Matière médicale indigène ou traité d. plant. nation. substit. avec succès à des végét. exot., Nancy 1793), ferner P. H. H. BODART (Cours d. bot. méd. comparée ou exposé des substances végétales exotiques comp. aux plant. indigènes, Paris 1810) und J. L. A. LOISELEUR-DESLONGCHAMPS (Flora gallica 1806, Hist. médic. des succédanées 1830 und Herbier général de l’amateur 1816, 1832 und 1839), sowie in neuester Zeit F. J. CAZIN in seinem Traité pratique et raisonné de l’emploi des plantes médicinales indigènes (Paris 1850. Fünfte Auflage 1886) und GRIBAULT und BOUYSSONS in den Plantes médicinales indigènes (Paris 1905). Und der Apotheker MOUCHON hat 1856 ein Schriftchen verfaßt: Monographie des principaux fébrifuges indigènes considérés comme succédanés du quinquina, in dem er eine ganze Reihe von Ersatzmitteln der Chinarinde aufführt, die aber alle nicht im entferntesten dies Standard-Heilmittel ersetzen können.

Dem Aufsuchen eines heimischen Ersatzmittels für den teuren indischen Zucker aus Zuckerrohr verdankt ja auch die Rübenzuckerindustrie ihre Entstehung. MARGGRAF fand 1747 dieselbe Zuckerart (Rohrzucker) in vielen heimischen Pflanzen.

Das Bestreben, den Arzneibedarf des Landes im Lande selbst zu decken, tritt auch in unserer Zeit vielfach hervor. «Schutzzoll!» «Schutz für die heimische Industrie» sind Schlagworte geworden. Und so tönt denn auch da und dort auch der Ruf: «Fort mit den ausländischen Arzneipflanzen! Decken wir den eigenen Bedarf im eigenen Lande!» Solche Bestrebungen treten z. B. neuerdings in Nordamerika hervor. In Frankreich in dem erweiterten Sinne, daß die These: «Alles aus Frankreich und seinen Kolonien!» auch in allerneuester Zeit von vielen. z. B. von HECKEL, verfochten wird. Der Chinese verwendet seit Jahrhunderten fast nur chinesische Drogen, wenigstens nur solche, die in China gebaut werden. Der Drogenschatz Chinas hat seit Jahrhunderten keine Bereicherung von außen her erfahren.

Der Sache liegt ja ein brauchbarer Gedanke zugrunde, indem bei uns besonders in der letzten Zeit die fremden Drogen gegenüber den einheimischen über Gebühr bevorzugt wurden — man verfiel eben in das entgegengesetzte Extrem — und sicher auch die heimische Flora manch brauchbares Arzneimittel liefern kann. Ich erinnere nur an das ganz obsolet gewordene Equisetum, das ein ganz ausgezeichnetes Diureticum ist. Aber wer wollte heutzutage auf Rhabarber und Aloe, China und Ipecacuanha, Calabarbohnen und Coca, Strophanthus und Cubeben, Hydrastis und Senna, die sicher alle den alten Ehrentitel der «medicinae benedictae» verdienen, verzichten? Gewiß kann man in manchen Fällen Cascara Sagrada durch Rhamnus Frangula ersetzen und auch an den Anbau von Rheum palmatum in einigen Gebirgen Europas denken — wozu schon CONSTANT 1709 riet —, aber die einheimischen Pflanzendrogen sind doch nicht eigentlich Ersatzmittel der ausländischen, sondern besondere, in vielen Fällen gewiß sehr der Beachtung werte pharmakologische Individuen und die tropischen Heilpflanzen lassen sich nie und nimmermehr bei uns kultivieren.

Bei einem Heilmittel frägt man heutzutage nicht mehr woher es kommt, sondern ob es wirksam ist.

Eine sehr originelle Bestimmung hat das Indian and Colonial Addendum der British Pharmacopoeia. Es führt offizielle Ersatzmittel einiger in der britischen Pharmacopoee enthaltenen Drogen auf, die aber nur in den jeweils näher bezeichneten Teilen des britischen Weltreiches als Ersatz dispensiert werden dürfen. Das Addendum stellt folgende Zonen auf:

1. Indien, 2. Afrikanische Kolonien, 3. Australische Kolonien, 4. Östliche Kolonien, 5. Mittelmeer-Kolonien, 6. Nordamerikanische Kolonien, 7. Westindische Kolonien.

So darf z. B. Cort. quercus in 1, 3 und 4 durch Cort. Acaciae, Rad. senegae in 1 und 4 durch das Kraut von Acalypha indica, Chirata in 1 und 4 durch Andrographis paniculata, Rhiz. serpentariae in 1 und 4 durch Stengel und Wurzel von Aristolochia indica, Rhiz. Arnicae in 6 durch Flores Arnicae, Cort. fructus aurantii in 1 und 4 durch die Fruchtschale indischer Citrusarten, Lignum quassiae in 1 und 4 durch die Rinde von Melia azadirachta, Malabar-Kino in 1 und 4 durch das Kino von Butea frondosa, in 3 durch Eucalyptus-Kino, Santonin in 1 und 4 durch Buteasamen, Gambier in 1, 4 und 6 durch Cutch, Rad. Pareirae in 1 und 4 durch die Wurzel von Cissampelos Pareira, Rad. calumbae in 1 und 4 durch die Stengel von Coscinium fenestratum, Folia belladonnae in 1, 4 und 7 durch die Blätter von Datura fastuosa var. alba NEES und D. Metel L., Kusso und Filix in 1 und 4 durch Embeliafrüchte, Secale cornutum in 1, 4, 6 und 7 durch die Wurzel von Gossypium herbaceum, Gummi arabicum in 1 und 4 durch Indisches Gummi von Anogeissus latifolia, Sem. lini durch Plantago ovata, Tub. jalapae in 1 und 4 durch die Samen von Ipomoea hederacea, Gallae in 1 und 4 durch Myrobalanen, Ol. olivarum in 1, 2, 3 und 4 durch Ol. arachidis, Rad. sassafras in 3 durch die Rinde von Cinnamomum Oliveri BAILEY, Rhiz. podophylli in 1 und 4 durch das Rhizom von Podophyllum Emodi WALLICH, Lignum Campechianum in 1 und 4 durch das Holz von Caesalpinia Sappan L., Rad. calumbae durch die Stengel von Tinospora cordifolia, Cortex cuspariae durch die Wurzel von Toddalia aculeata, Tubera Jalapae in 1, 4 und 6 durch Rad. Turpethi, Rad. Ipecacuanhae in 1 und 4 durch die Blätter von Tylophora asthmatica, Bulbus Scillae in 1 und 4 durch die Zwiebeln von Urginea indica, Rad. valerianae in 1 und 4 durch das Rhizom von Valeriana Wallichii DC. ersetzt werden.

Diese Liste stellt also ein ganz modernes, aus dem XX. Jahrh. stammendes Quid pro quo dar, das allerdings durch die enorme Ausdehnung des britischen Reiches bedingt ist und gerechtfertigt werden kann, letzteres allerdings wohl nicht in allen Punkten.

Die Antiballomena oder Succedanea quid pro quo waren ursprünglich nicht pharmakologischen Bestrebungen entsprungen, sondern einer Notlage, die daher kam, daß es für den Apotheker in damaliger Zeit, besonders bei den unvollkommenen Verkehrsverhältnissen, nicht immer leicht war, die in den Dispensatorien vorgeschriebenen vielen Hunderte von Heilpflanzen und Drogen zu beschaffen, die ihm zudem meist nur durch den Namen, den sie trugen, nicht durch eine klare und sichere Beschreibung bekannt waren, deren Namen zudem so wechselnd und in ihrer Synonymie so schwankend waren, daß die Beaufsichtiger der Apotheken im XV. und XVI. Jahrh. jedem Apotheker die Anschaffung eines Synonymariums oder Glossariums zur Pflicht machen mußten. Heutzutage ist die Verwendung der Succedanea mit Recht verboten, da ja bei der geringen Zahl und leichten Beschaffbarkeit, sowie der scharfen Charakterisierung der Drogen ein Notstand nicht besteht. Aber wir können uns doch den in den oben zitierten Werken liegenden fruchtbaren Gedanken zunutze machen und mehr als bisher in der heimischen Flora nach brauchbaren Heilpflanzen suchen. Dort werden sich nicht nur Paralleldrogen und Succedanea längst auch von der Schulmedizin anerkannter Arzneipflanzen, sondern auch neue pharmakologische Individuen finden. Um sie aufzusuchen, brauchen wir nur einmal ein solches altes Verzeichnis der Succedanea, wie es den Antidotarien angehängt zu werden pflegte (s. oben), zur Hand zu nehmen. Da findet sich mancher Fingerzeig.

Auch der andere fruchtbare Gedanke, es mit der Kultur ausländischer Pflanzen bei uns zu versuchen, ist, wennschon, wie erwähnt, nur in beschränktem Maße, diskutabel.

Außer von Paralleldrogen spricht HARTWICH noch von Erweiterungsdrogen. «Sie schließen sich den alten an, übertreffen sie aber in irgend einer Richtung, sei es, daß sie kräftiger und sicherer wirken, sei es, daß ihnen schädliche Nebenwirkungen beim Gebrauche abgehen.» Dahin gehören: Hydrastis, Cascara Sagrada, Condurango, Strophanthus. Die Grenze zwischen den Paralleldrogen und den Erweiterungsdrogen ist vielfach verwischt. Guarana rechnet z. B. HARTWICH zu den Erweiterungsdrogen, ich zähle sie zu den Paralleldrogen. Das gleiche gilt von der Sagrada.

Als Strophanthus und Hydrastis bekannt wurden, begann man überall lebhaft nach neuen Pflanzendrogen zu suchen und in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. wurden gegen 1500 neue Drogen aus aller Herren Länder angeboten — meist solche, die in der Volksmedizin der betreffenden Länder in Anwendung waren.

3. Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes.

Die Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes vollzog sich in folgenden großen Zügen (das Detail im historischen Teile). Die von den Ägyptern, Babyloniern und Juden im Altertum benutzten Drogen (Mastix, Ladanum, Lein, Mohn, Sesam, Ricinus, Coriander, Faenum graecum, Gummi, Myrrha, Weihrauch, Galbanum, Curcuma), zu denen China den Zimt, Vorderasien noch den Safran, das Olivenöl und Aloeholz, die Phönizier durch ihre Handelsbeziehungen Aloe und Ingwer, sowie den Costus beisteuerten, kamen auf die Griechen, die den Arzneischatz nicht sehr vermehrten; die Züge Alexanders brachten ihnen aber z. B. den Pfeffer. HIPPOKRATES kannte nur etwa 60 pflanzliche Simplicia (darunter Scilla, Nieswurz, Mandragora und Opium — durch Pressen gewonnen), durch die Weltherrschaft der Römer, die sie mit fast allen bekannten Völkern in Berührung brachte, stieg der Bestand des Arzneischatzes rasch und DIOSCURIDES kannte schon ca. 800 Arzneipflanzen (darunter Absinth, Agaricum, Kalmus, Bdellium, Cardamomen, Iris, Levisticum, Salep). Auch das Süßholz, Cort. granati, Euphorbium, Castoreum, Sandarac, Scammonium, Terebinthina, Traganth, Succus liquiritiae, Styrax und Rhiz. filicis wurden damals bekannt Diesen fügten dann die Araber Tamarinden, Fruct. Sennae, Rhabarber, Myrobalanen, Sem. strychni, Cubeben, Nelken, Narde, Galgant, Campher hinzu. Im späteren Mittelalter trat dann noch Cina dazu und nun kamen auch die zahllosen heimischen Arzneipflanzen zu Ehren (Pimpinella, Anis, Althaea, Mentha, Petroselinum, Rosmarinus, Ruta, Salvia, Sinapis, Inula, Thymus, Valeriana, Aconitum, Conium, Daphne, Angelica), einige derselben als Ersatz orientalischer Drogen, also vom Charakter der Paralleldrogen (z. B. Carum carvi für Cyminum). Die Schule von Salerno brachte die schon früher bekannte Asa foetida und Ammoniacum zu Ehren und fügte Benzoe, Fol. Sennae, Macis und Sanguis draconis hinzu, die Kreuzzüge die Agrumi (Citrusarten), Zuckerrohr, Baumwolle und Datteln. Die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien führte dem Arzneischatz Sternanis, Tee (1638), Colombowurzel, Coccelskörner und Gutti zu.

Die wertvollste Bereicherung brachte die Entdeckung Amerikas, durch welche Europa viele neue Drogen erhielt (Chinarinde, Ipecacuanha, Jaborandi, Cacao, Tabak, Peru-, Tolu- und Copaivabalsam, Jalape, Vanille, Sabadilla, Guajac, Cascarilla, Elemi, Capsicum, Piment, Campeche und Fernambuc, Sassafras, Sarsaparille, Serpentaria, Orlean, Rhiz. podophylli).

Da zu den altüberlieferten und amerikanischen nun auch noch immer mehr einheimische Arzneidrogen traten, erreichte der pflanzliche Arzneischatz Europas im XVII. und XVIII. Jahrh. seinen Höhepunkt (s. oben S. 17). Im XIX. Jahrh. trat ein Rückschlag ein, der zunächst zu einem Zustande des Drogen-Nihilismus, dann aber, als wertvolle neue Drogen gefunden wurden, zu einer Gegenreaktion führte. Die Drogen kommen jetzt wieder zu Ehren. Die Entdeckung Australiens brachte das Acaroid, die Neu-Seelands das Kauriharz.

Das XVIII. Jahrh. fügte von wertvollen Drogen Lignum quassiae (1730 resp. 1742), Rad. Senegae (1738 TENNENT), Rad. ratanhia (1746 REIF), Capaloe (1773), Herb. menth. pip. (1705 DALE, 1724 RAY), Ol. cacao (1719 DE QUELUS), Rhiz. podophylli (1731 CATESBY), Ol. cajeputi (1731), Cort. simarubae (1718), Spigelia marylandica (1739), Kino (1757), Cort. salicis (1763 als Chinaersatz), Rad. calumbae (1771), Ol. jecoris (1782), Cort. Geoffroyae und Angosturae (1788), Ol. menthae pip. dem Arzneischatze ein.

Das XIX. Jahrh.: Rad. ratanhiae (1816), Cubebae (1818), Herb. lobeliae (1813 CUTLER, 1830 in Deutschland), Malabarkino (1811), Glandulae lupuli (1813), Ol. crotonis C(1819 ONWELL, 1830), Kusso (1822 BREYER, 1834), Bucco (1821), Spilanthes (1823), Fol. Matico (1827 in Amerika, 1839 in Europa eingeführt), Quassiabecher (1835), Copalchi (1817), Sem. Calabar (1863 FRASER), Coca (1860), Dammar (1820, resp. 1827), Guttapercha (1845 resp. 1847), Kautschuk (1840) und Balata (1860), Quebracho (1879), Condurango (1871), Coto, Boldo, Damiana, Rad. Gelsemii (1830), Eucalyptus (1866), Guarana (1817 CADET GASSICOURT), Penghawar Djambi, Cascara Sagrada (1877, resp. 1883), Kamala (1841), Japanwachs (1846), Herb. cannab. ind. und Rad. sumbul (1847), Piscidia erythrina (1835), Ol. sinapis (1836), Styrax (1865), Carrageen (1831 resp. 1834), Laminaria (1834), Sem. strophanthi (1860), Cort. adstringens, Araroba (1874), Palmöl (1827), Patchouli (1825, resp. 1844), Rad. ozizabae (1833), Tampicojalape (1863), Tupeloholz (1879), Balsamum Dipterocarpi (1842), Cera japonica (1834), Gallae chinenses (1845), Fol. jaborandi (1871), Chrysarobin (1874), Cort. quillajae (1857), Rhiz. hydrastidis (1833 in Amerika, 1884 in Europa), Sem. arecae (1803), Carnaubawachs (1846), Anacahuit (1860).

Fig. 7.
Die Erdteile bringen der thronenden Medizin ihre Gaben an Arzneipflanzen und Tieren dar. Verkleinertes Titelblatt der Pharmacopoea regia des Charas (1684).

Neuesten Datums sind: Cort. quillayae, Cort. Simarubae (erneut aufgekommen), Cort. winteranus, Cort. piscidiae erythrinae (Dogwood Bark), Cort. gossypii radicis (Cotton Root Bark), Agar-Agar (1885), Fol. Boldo, Fol. liatris, Mate, Sem. Colae (1880), Rhiz. podophylli, Syzygium Jambolanum, Cort. hamamelidis (Witch Hazel Bark) und Fol. hamamelidis, Cort. monesiae, Cort. rhois aromaticae, Cort. Yohimbéhé, Herb. grindel. robust., Herb. capillor. canad., Yerba Santa, Rad. Kawa Kawa, Rad. Manaca, Ustilago Maidis.

Noch wenig studiert ist die Abhängigkeit der Entwicklung des Arzneidrogengebrauches von Klima und Boden. Nur bezüglich der Fiebermittel wissen wir Einiges.

Eine sehr bemerkenswerte Erscheinung ist die, daß altbekannte Drogen oft lange Zeit vergessen waren, dann aber von neuem entdeckt und wieder zu Ehren gezogen wurden.

So kamen z. B. Conium, Aconit, Hyoscyamus, Stramonium, Datura und Veratrum, die lange vernachlässigt wurden, 1760 wieder durch STÖRCK zu Ehren, das schon den Ägyptern bekannte, dann lange vergessene Ricinusöl 1764 durch CAUVANE, die schon CELSUS bekannte Cort. granati 1805 durch BUCHANAN, der von den Arabern längst benutzte indische Hanf 1839 durch O’SHANGHNESSY, die schon seit Jahrhunderten bekannte Digitalis erst 1785 durch WITHERING, die Fructus quercus und das Ledum palustre erst 1774, die schon 1671 von REDI beschriebene, dann vergessene Colombowurzel 1773 durch PERCIVAL, die schon von TABERNAEMONTANUS angewandte Viola tricolor erst 1782 durch STRACK von neuem zu Ehren. Auch das schon den Alten (und auch in China) bekannte, dann von LONICERUS (1582), THALIUS (1588) und CAMERARIUS (1709) angewendete Mutterkorn wurde eigentlich erst im XIX. Jahrh. Arzneimittel, der Giftlattich und das Lactucarium waren schon den Alten bekannt, gerieten dann in Vergessenheit und wurden erst Anfang des XIX. Jahrh. wieder arzneilich benutzt. Styrax war lange vergessen und wurde erst wieder seit der Mitte des XIX. Jahrh. medizinisch beachtet. Auch die schon den Alten wohlbekannte Herbstzeitlose ist erst in neuester Zeit wieder — als Gichtmittel — zu Ehren gekommen, trotzdem der Samen schon 1820 (die Knollen 1763) empfohlen wurden.

Das den Alten auch bezüglich seiner taeniciden Wirkung wohlbekannte Filixrhizom wurde jahrhundertelang wenig beachtet und erlangte erst seit Einführung des Extr. filicis aethereum (1825) wieder Bedeutung, wie das Mutterkorn durch die Darstellung der Ergotin Bonjean (1842).

Vom Aconit, der den Alten wohlbekannt, dann lange vernachlässigt war, werden die Blätter seit 1762, die Knollen erst in unserer Zeit als Arzneimittel benutzt.

Die Cubeben, im Mittelalter als Gewürz beliebt, wurden dann vergessen und kamen erst 1818 wieder zu Ansehn, und zwar als Arzneimittel.

Das Opium, den Alten bekannt und gut von dem μηκώνειον, dem Extrakte der ganzen Mohnpflanze, unterschieden, ist während des ganzen Mittelalters vernachlässigt worden und erst in neuerer Zeit, seit SERTÜRNER in ihm (1811) das Morphin entdeckt hatte, mehr beachtet und dann bald als eines der wichtigsten Heilmittel erkannt worden. Es gehört jetzt zu den sex principes simplicium: Rhabarber, Ipecacuanha, Chinarinde, Opium, Digitalis, Secale cornutum.

Oft hat übrigens ein Wechsel in der Benutzung der Organe einer Arzneipflanze im Laufe der Jahrhunderte stattgefunden. So wurde im Altertum das Öl der Samen von Hyoscyamus, nicht der Same, im Mittelalter vorwiegend die Blätter, Samen und Wurzeln von Verbascum, nicht die Blüten und von der Malve die Samen und die Wurzel, nicht die Blüten und Blätter verwendet (vgl. die CORDUS-Liste im historischen Teil).

Auch sonst ist bei den Drogen bisweilen ein Wechsel in der botanischen Herkunft zu konstatieren. So wurde ursprünglich (vom VI. Jahrh. an) der Borneo- (Dryobalanops-)Campher, später (vom XVII. Jahrh. an) der Laurineen-Campher in Europa benutzt. Das Drachenblut der Alten stammte von Dracaena cinnabari, das jetzt im Handel befindliche stammt von Daemonorops Draco. Wahrscheinlich wurde auch die Aloe der Alten von einer anderen Aloe bereitet als die heutige. Die im Altertum benutzten Cardamomen waren nicht die von uns gebrauchten von Elettaria Cardamomum, sondern die anderer Arten. Unter Styrax verstand man im phönizischen Altertum das feste Harz von Styrax officinalis, erst seit dem VI. Jahrh. den flüssigen Balsam von Liquidambar orientalis. Das Altertum verwendete als Bilsenkraut hauptsächlich Hyoscyamus albus, als Stechapfel besonders Datura Metel.

Natürlich hat auch die Wertschätzung einzelner Drogen im Laufe der Zeit so abgenommen, daß sie jetzt als obsolet zu betrachten sind oder doch nur noch in geringem Ansehn bei der Schulmedizin stehen. Der im Altertum und Mittelalter hochgeschätzte Meccabalsam, das ehedem mit Gold aufgewogene Silphium, der Costus, die edle Narde, die ewige Jugend bringende Soma, die heilige Mistel, die Myrobalanen und die vielgepriesene Mandragora sind jetzt ganz oder fast ganz vergessen, und auch Guajac, Sarsaparille und Tubera chinae, an die sich im XVI. Jahrh. so außerordentliche Hoffnungen für die Behandlung der Syphilis knüpften, sind durch das Quecksilber entthront. Nur das Volk, das zäh an seinen Gewohnheiten festhält, und die Naturheilkünstler benutzen noch die zahllosen Kräuter unserer Flora, die im XV. bis XVIII. Jahrh. so hoch gepriesen und auch von der damaligen Schulmedizin so viel angewendet wurden; übrigens zweifellos mehr Wirksames enthalten, wie man heute gewöhnlich meint.

Auch vom Arzneischatze kann man sagen: πάντα ῥεῖ. Es ist alles im Fluß. Altes versinkt, neues taucht auf und wird durch neuestes verdrängt, bis man wieder zum Alten greift und Vergessenes zu neuen Ehren bringt. Es ist ein ständiges auf und ab. Ein Allheilmittel, ein wahres Opopanax (von ὀπός Saft, πᾶν und ἄκη Heilmittel), ein Saft, der alle Krankheiten heilt, ist noch nicht gefunden und kann nie gefunden werden.

Contra vim mortis nulla herba in hortis! steht schon im Regimen sanitatis.

Der Herr läßt die Arznei aus der Erde wachsen und ein Vernünftiger verachtet sie nicht.

Sirach 38, 4.

III. Pharmakoërgasie.

Kultur, Einsammlung und Erntebereitung.

1. Kultur der Arzneipflanzen.

Die Pharmakoërgasie (von φάρμακον und ἐργασία = Kultur) oder Arzneipflanzenkultur ist kein neuer Zweig der Pharmakognosie, sondern sehr alt. Wir müssen hier zunächst die zum Zwecke wissenschaftlichen Studiums unternommene, also gewissermaßen theoretisch-wissenschaftliche Kultur von Arzneipflanzen ausscheiden. Diese wird weiter unten besprochen (im Kapitel Pharmakobotanik). Hier interessiert uns nur der Anbau zwecks Gewinnung von Drogen, also der gewissermaßen praktisch-geschäftliche Drogenanbau. Ganz scharf läßt sich beides allerdings nicht auseinanderhalten, wenigstens nicht in alter Zeit, wo es z. B. vielfach vorkam, daß ein Arzt für seinen Privatbedarf Arzneipflanzen zog und sie dabei natürlich auch studierte.

Der griechischen Sage nach war Iberien und Colchis die Heimat der Heilpflanzen und es hatte bereits HEKATE (φαρμακίς, s. S. 3) in Phasis einen von hohen Mauern umschlossenen, von Artemis bewachten Heilpflanzengarten, in dem Asphodelos, Adiantos, Mandragora, Dictamnos, Megon, Smilax, Panakes, Stoechas, Eurycimon, Aconiton und andere Heilkräuter gezogen wurden.

Der Versuch, Pflanzen außerhalb ihrer Heimat zu kultivieren, ist uralt. Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung schon legte die Königin HATSCHEPSUT ein Treibhaus für Heilpflanzen an und ließ lebende Weihrauchpflanzen mit den Wurzelballen nach Ägypten bringen, um sie dort zu kultivieren.

Uralt ist die Kultur des Lein. Linum usitatissimum ist eins der allerältesten Kulturgewächse des Orients, z. B. Ägyptens (IV. Jahrtausend v. Chr.), wie Linum angustifolium (die Urform des Lein) des Nordens. Letzteres wurde z. B., wie Pfahlbaufunde zeigen, in der jüngeren Steinzeit in der Schweiz gebaut. Ricinus wurde im alten Ägypten angebaut, wie Gräberfunde von Samen schon aus der Zeit der XII. Dynastie zeigen. Uralt ist die Kultur der Indigopflanze in Indien und Ägypten. Indigo läßt sich bereits an Mumien aus dem Jahre 1580 v. Chr. nachweisen. Sehr alt sind auch die Mohnkulturen, denn schon in den Pfahlbauten (c. 2000 v. Chr.) finden sich Mohnsamen. Auch eine Mohnkultur zwecks Opiumgewinnung scheint in den Ländern südlich vom Schwarzen Meer ziemlich frühzeitig geblüht zu haben. Die griechische Stadt Sicyon heißt bei HESIOD Mekone, «Mohnstadt». Daß Pfefferminze oder wenigstens eine nahe verwandte Menthaart im alten Ägypten kultiviert wurde, ist durch einen Grabfund aus der Zeit zwischen 1200 bis 600 v. Chr. und durch Inschriften bezeugt. Noch älter sind die Zeugnisse für das Vorhandensein einer Corianderkultur daselbst, sowie der Kultur der Feige (XII. Dynastie).

Die Kultur der Dattel schildert bereits THEOPHRAST. Vielleicht bestand auch bei den Israeliten so etwas wie eine Heilpflanzenkultur oder doch -pflege, da wiederholt in der Bibel von Würzbergen, Weihrauchhügeln, Myrrhenbergen die Rede ist S(CHELENZ). Daß bei Jericho zur Zeit des Herodes «Balsamgärten» bestanden, ist erwiesen.

PLINIUS gibt zahlreiche Kulturvorschriften. Das ganze 17. Kap. z. B. handelt von angepflanzten Bäumen und das 19. Kap. von der Kultur der Gartengewächse. Er gibt auch an, wann einige derselben zuerst nach Italien gebracht wurden.

Bei Beginn unserer Zeitrechnung muß in Ägypten eine ziemlich umfangreiche Arzneipflanzenkultur bestanden haben, denn oft wird bei Drogen (z. B. Anis) eine ägyptische Sorte erwähnt.

Auch Kulturen der Mastix-Pistacie bestanden schon im frühen Altertum.

Die Mandel (nuces oder avellanae graecae) wurde im Altertum besonders in Griechenland kultiviert. Der Weinstock wurde durch die Phönizier zuerst nach den Inseln des Archipelagus und von dort durch eine Kolonie von Phokiern nach Marseille gebracht. Nach den ersten griechischen Feldzügen dehnte sich der Weinbau über ganz Süditalien aus und schon im V. Jahrh. v. Chr. war Italien das Hauptweinland. Citrus medica, die schon THEOPHRAST beschreibt, wurde im I. Jahrh. n. Chr. in Italien akklimatisiert, Pomeranze und Zitrone kamen aber erst zur Zeit der Kreuzzüge nach Italien. (Der Apfel des Paris, die Äpfel der Hesperiden waren Quitten.) Die Kultur der Orangen (Hesperides), der ersten und lange Zeit einzigen Gewächshauspflanze, besang JOVIANUS PONTANUS in dem Werke Hesperidum libri II, Flor. 1514. Dieser Kultur gedenkt auch MONARDES (1565).

Der Anbau der Feige in Italien scheint in die Zeiten der griechischen Kolonisation zurückzureichen. Der erste Anbau der Feige in Griechenland fällt in die späthomerische Zeit (HEHN). Die Mandel ist wohl zur Zeit CATOS eingeführt worden. Den Anbau des Ölbaums lernten die Römer von den Griechen zur Zeit der TARQUINIER kennen. Der Granatbaum war in Italien seit CATOS Zeiten allgemein verbreitet. Aber erst die Araber brachten das Zuckerrohr, die Mannaesche (?) und die Baumwollstaude nach Sizilien (WENRICH).

Im Altertum war Kreta ein bekanntes und zeitweise berühmtes Zentrum der Arzneipflanzenkultur, gegen dessen Arzneipflanzenmonopol in späterer Zeit vielfach angekämpft wurde mit der Begründung, daß auch außerhalb Kretas sicher ebensogute Arzneipflanzen gezogen werden können (s. [Geschichte]).

Von den Rhizotomen und wohl auch den Pharmakopolen der Griechen dürfen wir annehmen, daß sie einige der Pflanzen, die sie den Ärzten lieferten, anbauten. Daß dies bei den Römern geschah, ist sicher. Das ersehen wir schon aus den Werken der römischen Schriftsteller über Landwirtschaft, CATO, VARRO, VERGIL, COLUMELLA, PALLADIUS u. a., von denen im historischen Teile die Rede sein wird. Bei PALLADIUS z. B. wird bereits die Kultur von Anis, Coriander, Cydonia, Malve, Serpyllum, Inula, Foeniculum direkt erwähnt. Während sich zur Zeit des TARQUINIUS (571 v. Chr.) noch kein Ölbaum in Italien befand, scheint Marseille schon um 600 v. Chr. solche besessen zu haben, die wohl von den Phöniziern dahin gebracht wurden. Unter APPIUS CLAUDIUS waren aber die Ölbaumkulturen in Italien schon so zahlreich, daß 249 v. Chr. 12 Pfund Öl nur 8 Pfennige kosteten und unter POMPEJUS schon Öl exportiert werden konnte. Die Gewinnung des Olivenöls schildert PLINIUS ausführlich.

Und auch im Orient stoßen wir schon in sehr früher Zeit auf Anfänge einer Heilpflanzenkultur. Die Crocuskultur z. B. läßt sich in Persien bis ins X. Jahrh. verfolgen (EDRISI und ISTACHRI). Der Kalender des HARIB berichtet von Arzneipflanzenkulturen in Spanien im X. Jahrh. Es wurde dort Melisse, Majoran, Reis, Crocus, Zuckerrohr, Mohn, Senf gebaut, und HARIB gibt an, wann diese zu pflanzen oder zu säen und wann sie zu ernten sind.

Sehr alt ist jedenfalls auch die Tabakkultur in Südamerika, die sich schon vor der Entdeckung Amerikas auch nach Nordamerika bis nach Canada hin verbreitet hatte. Das alte Mexiko besaß nicht nur die berühmten königlichen Gärten von Hoaxtepec (bei Mexiko), über die schon CORTÉS 1522 an Kaiser Karl V. berichtete und in denen z. B. der Perubalsambaum (Huitziloxitl) gezogen wurde, sondern auch zahlreiche andere, vorwiegend der Arzneipflanzenkultur dienende botanische Gärten. FERNANDEZ berichtet (1514–1523) von Cacaogärten in Mexiko.

Den Garten der Königin ULTROGOTHO in Paris (um 560) kennen wir aus FORTUNATUS Gedichten.

Die Teekultur in China — die Teepflanze stammt aus Assam — ist alt. Sie scheint bis ins IV. Jahrh. zurückzureichen (?), doch erst im IX. Jahrh. größeren Umfang angenommen zu haben. In Japan begann umfangreichere Teekultur erst im XV. Jahrh.

Jedenfalls uralt ist die Kultur der Hennah (Lawsonia alba), die schon in sehr früher Zeit sich von Persien über Indien und Nordafrika verbreitete. Sehr alt sind wohl auch die Kulturen der als Zuspeise benutzten Angelica in Island und Norwegen.

Der Anbau des Krapp, der ebenfalls schon im Altertum kultiviert wurde, wurde von KARL DEM GROSSEN empfohlen, verbreitete sich aber in Frankreich erst einige Jahrhunderte später, erlosch dann und war im XVI. Jahrh. fast nur auf Holland beschränkt. Im XVIII. Jahrh. blühte der Krappbau in Frankreich und wurde von dort aus auch nach dem Elsaß übertragen. In Böhmen und Schlesien blühte er seit dem XIV. Jahrh. Den größten Aufschwung nahm der Krappbau im XIX. Jahrh. durch die Einführung der roten Hosen beim französischen Militär. Jetzt ist er durch die Entdeckung der künstlichen Darstellung des Alizarins bis auf kleine Reste vernichtet.

«Der große Wohlstand, der in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters in Deutschland herrschte, wurde nicht zum geringsten durch den Anbau von Farbpflanzen bedingt» (LAUTERBACH). Es wurden in erster Linie Waid (Isatis tinctoria), dann Krapp (Rubia tinctorum), seltener Wau (Reseda luteola), Scharte (Serratula tinctoria) und Färbe-Ginster (Genista tinctoria), aber auch Safran und Saflor für Färbezwecke gebaut, und Deutschland versorgte besonders mit den zuerst genannten auch das Ausland.

Waid, die wichtigste Färbepflanze des Mittelalters, muß aber schon von den Briten und Galliern um Christi Geburt gebaut worden sein, von den Slaven wohl schon vor ihrer Unterwerfung unter die Deutschen. Doch datiert die älteste deutsche Urkunde über größere Waidkulturen erst aus dem Jahre 1236. Am Ende des XIII. Jahrh. bestand ein umfangreicher Waidbau besonders in Thüringen, dann bei Magdeburg, in Sachsen, Braunschweig, Schlesien, am Niederrhein, bei Nürnberg und in Österreich. Die Dörfer, die Waid bauten, mußten ein bestimmtes Waidgeld entrichten. Die Erfurter «Waidaristokratie» war so reich, daß sie 1392 die Mittel für Gründung und später auch für Erhaltung der ehedem berühmten Universität Erfurt aufbringen konnte, die also gewissermaßen aus den Erträgnissen der Waidkultur errichtet wurde. Die Einführung des Indigo, die selbst durch die strengsten Gegenverordnungen aus dem XVI. und XVII. Jahrh. nicht aufgehalten werden konnte, führte zum Untergange der einst so ertragreichen Waidanpflanzungen.

Außer Waid wurde Krapp in Deutschland seit den ältesten Zeiten gebaut und seine Kultur, die besonders im XIV. Jahrh. blühte, hielt sich am längsten. Die Kultur des Wau scheint dagegen keinen größeren Umfang erlangt zu haben.

Der Hanf ist sehr wahrscheinlich noch vor der Auswanderung der Angelsachsen nach Nord-Europa gelangt. Die Hopfenkultur wurde aber erst im Laufe des Mittelalters in Nord-Europa eingeführt (HOOPS).

Berühmt und eine der größten Sehenswürdigkeiten des Orients war im Mittelalter der künstlich angelegte, durch den heiligen Quell aufs beste bewässerte und sorgfältig bewachte Balsamgarten von Matarea, eine Stunde von Kairo, am Rande der Wüste, in dem die besten Balsamsträucher der Erde (eine Varietät von Balsamodendron gileadense Kunth) gezogen wurden, die den Sultanen von Ägypten den kostbaren «Balsam» (Meccabalsam) lieferten ([Fig. 8]).

Fig. 8.
Der Balsamgarten von Matarea mit der Bethalle und (links) dem Bewässerungswerk. Rechts die Gewinnung des Balsams. Aus Pomet, Hist. gen. des drogues 1694. Verkleinert.

Im Mittelalter, währenddessen sich ja fast das ganze geistige Leben in die Klöster zurückgezogen hatte, waren in Europa die Klostergärten (auf die ich im historischen Teile noch zu sprechen komme) Hort und Hüter, und da die Klöster untereinander in Verbindung standen, auch Verbreiter der Arzneipflanzenkultur. Daß diese auch außerhalb derselben blühte, ist wohl das Verdienst des Capitulare de villis et cortis imperialibus KARLS DES GROSSEN, dessen Pflanzen noch heute in den Bauerngärten Frankreichs, Deutschlands, Österreichs und der Schweiz den Stamm der dort kultivierten Gewächse bilden. Im Mittelalter waren auch sog. (schon in Pompeji bekannte) Viridarien, die den Bedarf einer Stadt oder einer Apotheke an Drogen zu decken hatten, häufig und noch im XV. Jahrh. gehörten sie zu einer wohleingerichteten Apotheke in Italien und Deutschland. Zweifellos ist der zur Westgotenzeit auf dem Monte Casino gestiftete Benediktinerorden als gemeinsame Quelle der altdeutschen Gartenkultur und damit auch der der volkstümlichen Heilkräuter anzusehen. Er war es, der die Heilpflanzenkultur im Mittelalter über die Alpen brachte und in den Klostergärten heimisch machte. Sie ist also ein Erbteil der Römer, die man als die eigentlichen Schöpfer des Gartenbaues überhaupt betrachten muß (s. d. historischen Teil). In dem um 1240 geschriebenen Werke De vegetabilibus libri VII gedenkt der Benediktiner ALBERTUS MAGNUS in dem Kapitel de plantatione viridariorum auch der Arzneipflanzenkultur.

Daß Crocus und Melisse im X. Jahrh. in Spanien, Isatis tinctoria schon 1290 um Erfurt, und Süßholz (ursprünglich auf Befehl der Kaiserin Kunigunde, «culturam liquiritiae saeculi primum XI initio in agro Bambergensi instituit S. Cuningundis imperatrix» sagt WALAFRIDUS STRABO) im XV. Jahrh. bei Bamberg gebaut wurde, ist sicher. Aber noch früher, wohl schon im XIV. Jahrh., wurde Süßholz in Italien kultiviert (CRESCENTI) und auch die spanischen Kulturen sind sicher sehr alt. Im XV. Jahrh. brachten es die Benediktiner nach Bamberg, und schon zu CORDUS Zeiten hatte die Kultur dort großen Umfang angenommen. Auch in WALTER RYFF Reformierte deutsche Apotheke, Straßburg 1573, finden sich einige Angaben über Arzneipflanzenkulturen, z. B. von Süßholz bei Bamberg. Arzneipflanzenkulturen bestanden im XVI. Jahrh. in Deutschland vielfach. So berichtet BOCK über solche des Coriander (er nennt ihn fälschlich Anis) bei Metz und Trier, solche des Anis bei Straßburg und Speier, solche der Mandel in der Pfalz. Auch Melisse wurde damals viel kultiviert. SEBITZ scheint 1591 den Kalmus bei Straßburg verbreitet zu haben. (SEBITZIUS, de alimentorum facultatibus lib. V. Argent. 1650). JOHANN BAUHIN (Histor. plant. II 1650) verpflanzte den Kalmus aus süddeutschen Gärten nach Montbéliard. Eingeführt und durch Mitteleuropa verbreitet wurde der Kalmus um 1564 durch CLUSIUS, dem um die Arzneipflanzenkultur viel verdienten pater pharmacognosiae. Amygdalus wurde in Straßburg, Breslau und Torgau angebaut, Angelica bei Stettin, im Harz, in Sachsen und in Steiermark. Auch Cardobenedicten wurde vielfach gebaut. Kümmel, der sicher aus Kulturen stammte, traf ANGUILLARA als Großhandelsartikel auf der Rialtobrücke. Römische Kamille ward bei Stolberg, Torgau, Basel, Straßburg gebaut. R. CYSAT kultivierte in seinem Garten in Luzern Kirschlorbeer.

Auch über Kulturen von Angelica bei Freiburg besitzen wir Nachrichten aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrh. Sie sind längst eingegangen. Anis und Fenchel wurde schon im XII. Jahrh. in Castilien und Icon gebaut, Iris im XIII. Jahrh. in der Umgegend von Florenz. Letzteres berichtet CRESCENTI, in dessen landwirtschaftlichem Werke Opus ruralium commodorum aus dem Jahre 1305 wir überhaupt viele Angaben über Arznei- und Nutzpflanzenkulturen finden. In Meddygon Myddfai (XIII. Jahrh., s. [Geschichte]) findet sich die Angabe, daß jeder Arzt für seinen Gebrauch Aconit anbauen solle.

Ein Zentrum der Arzneipflanzenkultur in Italien war in früherer Zeit Aquila in der Provinz Abruzzo ulteriore secondo, dem Vestinerland, wo man z. B. Crocus («Safran vom Adler») viel kultivierte, der auch in England (zwischen Saffron Walden und Cambridge), in der Schweiz (Wallis, Basel), in Deutschland (Altenburg, Landau, Worms), in Niederösterreich (Meissau, Ravelsbach, Krems, Melk, Hürm, Loosdorf, Tullnerfelde), in Ungarn (Neutra und Premsin), in Frankreich (Agen, Narbonne) ehedem gebaut wurde. Die Aufführung zahlreicher Sorten Safran in PAXIS Tariffa (1540) deutet auf eine ausgebreitete Crocuskultur in Italien im XVI. Jahrh. In Italien wurde Cassia obovata im XVI. Jahrh. bei Florenz gebaut. Sie hieß «toskanische Senna» und wurde auch in Südfrankreich und Spanien kultiviert. Cassia acutifolia hatte ANGUILLARA 1561 in seinem Garten. Indigopflanzungen befanden sich gar schon 1239 bei Palermo in Sizilien. Alle diese Kulturen sind jetzt eingegangen.

Im XV. Jahrh. scheint Indigo auch in Spanien gewonnen worden zu sein (HÄBLER). Das Zuckerrohr kam im XII. Jahrh. aus Indien zuerst in das Mittelmeergebiet (Malta oder Melite — Saccharum meliteum —, Candia — S. candum —, Sizilien), dann (Anfang des XV. Jahrh.) auf die Azoren und Canaren — Canarizucker — und bereits im XVI. oder Ende des XV. Jahrh. nach Südamerika und Westindien, wo es sich rasch akklimatisierte. Über die Einführung der Kultur des Zuckerrohres nach Frankreich im XVI. Jahrh. berichtet FOURNIER (Bull. de Géogr. histor. 1903).

Fig. 9.
Kräutergarten und Destillierherd. Holzschnitt (um 1530) vom Meister des Trostspiegels.

CONRAD GESNER berichtet in seinen Horti germanici über Arzneipflanzenkulturen Mitte des XVI. Jahrh. bei sich selbst in Zürich, durch den Arzt OCCO, in Straßburg durch den Arzt MASSARIUS, in Freiburg im Garten der Mönche, in Rom von SCIPIO im Garten von St. Apostoli, dann in Florenz in den Gärten der Herzöge, in San Gervasio (Venedig) durch den Venezianer PETRUS MICHAELIS und durch den Kaufmann JOAN. SCHMIDLAPPIUS in Schorndorf (Württemberg), und teilt die Liste der von diesen dreien kultivierten Pflanzen mit. PETRUS MICHAELIS in Vico S. Gervasio in Venedig kultivierte über 70 Arzneipflanzen, darunter: Sementina ex Oriente, Canella seu Cinnamomum, Eugenia caryophyllata, Aristolochia, Asphodelus, Carus, Daucus creticus, «Ficus Aegyptica», Faenum graecum, «Hyoscyamus aegypticus», Hyssopus, Nardus montana vera, Mandragora, Smilax lenis ex Creta, Rhaponticum, «Panaces Chironium», Spina cervina, Verbascum viscosum ex Creta u. a. In den Gärten der Herzöge von Florenz fanden sich: Myrtus laurea, Laurocerasus, Solanum somniferum verum, Thapsia, Ferula, Smilax laevis vera und einige andere. In SCHMIDLAPPS Garten waren 114 Arzneipflanzen, darunter: Absinthium rom., Alcea hortens., Calendula, Caryophyllus turcicus, Centaurium majus, Coriandrum venetum, Digitalis Fuchsii major, Elleborus alb. und nig., Gentiana, Hyoscyamus alb., Iris sylvatica, Malva crispa, Melilotus italicus, Melissa major, Papaver crispum, Piper indicum, Pyrethrum odoratum, Solanum indicum u. a. Wie wir durch BOCK und FUCHS wissen, wurde zur selben Zeit der nordafrikanische Anacyclus Pyrethrum in deutschen und (nach DODONAEUS) auch in holländischen Gärten gezogen. RAUWOLF erwähnt (1583) einen Garten von Simplicien des Apothekers SEBASTIAN VOLMAR, Hortulanus des Herzogs von Württemberg in Eßlingen.

Sehr frühzeitig sind amerikanische Drogen, Nahrungs- und Genußmittel nach Europa und Asien übergeführt worden, so früh, daß man für einige, wie z. B. den Mais, die Ananas, Capsicum und Guajac früher sogar asiatischen Ursprung annahm oder sie als an beiden Orten heimisch betrachtete.

Ananas muß schon 1599 in Java kultiviert worden sein, und um die gleiche Zeit Mais in China. Und auch in Europa wurden frühzeitig amerikanische Pflanzen angebaut, so z. B. im Hortus Eystettensis schon Mitte des XVI. Jahrh. Capsicum, Helianthus, Nicotiana, Lycopersicum, Canna, Aloe.

Den Tolubalsambaum zog der Direktor des Chelseagartens bei London, PH. MILLER, aus Samen, die er 1736 aus Cartagena erhalten.

Die ersten Samen der Nicotiana Tabacum brachte der Franziskaner ANDRÉ THEVET 1558 nach Europa. JAQUES GOHORY kultivierte Nicotiana Tabacum bereits 1572 in Paris.

Wie aus den Küchenausgaben des Piaristen-Konvents in Szeged vom Jahre 1750 hervorgeht, wurde aber erst zu dieser Zeit Paprika in Ungarn in Klostergärten gebaut (nicht schon 1585!). In ungarischen Wörterbüchern findet er sich schon 1604. Die Ungarn erhielten den Paprika von den Südslaven (Bulgaren), wo er «Piperka» genannt wird, diese von den Griechen (AUGUSTIN).

Sassafrasbäume wurden schon 1597 und 1633 (JOHNSON) in England kultiviert.

Berühmt war seinerzeit der Garten von JOHN GERARDE (1545–1607). Er war Wundarzt in London und besaß einen botanischen Garten, über dessen reiche Schätze er einen Catalogus arborum, fruticum ac plantarum tam indigenarum quam exoticarum in horto Gerardi nascentium (London 1596, II. Edit. 1599) herausgab. Aus diesem und seinem reich illustrierten Werke: The herball or generall historie of plantes (London 1597) erfahren wir viel über damals neu eingeführte oder bekannte, in England kultivierte Pflanzen und Drogen. So z. B. über Sarsaparille (Ende des XVI. Jahrh. reichlich eingeführt), über Cocculus indicus (schon 1597 in England bekannt), Arnica (Calendula alpina), Cochlearia Armoracia, Herb. Scopariae, in Italien kultivierte Senna, Rosa canina, Capsicum longum (Ginnie Pepper, vor 1597 gut bekannt), Mentha viridis (Mentha romana vel sarracenica, Common Garden Mint), M. Pulegium, Ricinus commun., Aschantipfeffer, Orchisknollen, Veratrum album, Tub. colchici (Mede Saffron). Vor 1597 wurden in England kultiviert: Kirschlorbeer, Datura Stramonium, Thymus vulgar., Sassafras officin., Hopfen, Iris germ. und florentin.

PETER COUDENBERG, ein belgischer Apotheker, «le père de la Pharmacie belge», wie ihn BROECKX nennt, kultivierte um die Mitte des XVI. Jahrh. Guajacum in seinem Garten. Am besten werden wir über das, was um Amsterdam im XVII. Jahrh. kultiviert wurde, orientiert durch das von FREDERIC. RUYSCHIUS und FRANCISC. KIGGELARIUS herausgegebene posthume Werk des JOH. COMMELINUS, Horti medici Amstelodamensis Rariorum tam orientalis quam occidentalis, aliarumque peregrinarum plantarum descript. et. icones., Amsterd. 1697.

Aus dem XVI. Jahrh. sei noch erwähnt: GIAMBATTISTA PORTAS Villae libr. XII, domus, sylva caedua, sylva glandaria, cultus et insitio, pomarium, olivetum, vinea, arbustum, hortus coronarius, hortus olitorius, seges, pratum. Frankf. 1592, ein wichtiges Werk über Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und Verwandtes, in dem alle erdenklichen Nutz- und Heilpflanzen und deren Kultur erwähnt werden, z. B. die Korkeiche, die Stockrose (Alcea rosea) u. a. m.

Fig. 10.
Afjun Karahissar. Eines der Zentren der kleinasiatischen Opiumgewinnung. [Aus Tchihatcheff, Asie mineure.]


GRÖSSERES BILD

Campherbäume wurden 1724 in Leipzig, 1757 in Dresden kultiviert. Berühmt ist der riesige alte Campherbaum auf der Isola bella. Auch sonst trifft man Campherbäume allenthalben in Italien, meist in sehr alten Exemplaren.

Im XVII. Jahrh. erhielt PROSPER ALPIN in Baden von Bulgarien durch den Arzt F. GRASSUS in Ragusa Rheum Rhaponticum und kultivierte es. Auf diese Kulturen ist wahrscheinlich der Rhaponticbau in Westeuropa zurückzuführen (HARTWICH).

Im XVII. Jahrh. gab es in Rußland zahlreiche «Apothekengärten», in denen Heilpflanzen für die Apotheke kultiviert wurden (LACHTIN).

Im XVII. und XVIII. Jahrh. bestanden durch die Jesuiten angelegte, jetzt eingegangene Kulturen der Matepflanze in Südamerika.

In neuerer Zeit sind durch den 1907 gestorbenen Deutschen FR. NEUMANN in Paraguay Yerba-Matekulturen angelegt worden, ebenso in Argentinien durch MARTIN & CO. Bei dem Raubbau, dem die Ilexwälder unterworfen sind und ihrer weiten Entfernung von bewohnten Gegenden, dürften diese eine große Zukunft haben.

Vanille wird in Mexiko seit der Mitte des XVIII. Jahrh. kultiviert.

Fig. 11.
Ansicht von Grasse, dem Zentrum der französischen Industrie ätherischer Öle, links ein alter Olivenbaum.
[Roure Bertrand fils phot.]

Anleitungen zur Kultur einzelner Arzneipflanzen finden sich in beschränkter Zahl schon bei den Alten. Die erste ausführliche Anleitung gab aber erst PIERRE BELON in seinen Remonstrances sur le défaut du labour et culture des plantes, et de la connoissance d’icelles, contenant la manière d’affranchir les arbres sauvages, Paris 1558 (von CLUSIUS ins Lateinische übersetzt und den Exotica angehängt, s. [Geschichte]). BELON, der den Orient kannte, kultivierte selbst einige Heilpflanzen.

Für die Akklimatisation außereuropäischer Heilpflanzen und ihre weitere Verbreitung wirkten natürlich die botanischen Gärten außerordentlich nützlich. Gar oft gelangten Samen oder junge Pflanzen aus der ursprünglichen Heimat zunächst in einen botanischen Garten Europas und wurden von diesem dann weiter verbreitet. Eignete sich die Pflanze zur Kultur in Europa, so wurde sie hier angebaut, war es ein tropisches Gewächs, so wurde sie in eine der Kolonien des Landes gesandt, dem der Garten gehörte. So bildeten lange Zeit die holländischen botanischen Gärten die Vermittelung zwischen Amerika und Niederländisch-Indien. Für die portugiesischen Besitzungen war der botanische Garten in Coimbra wichtig. Und jetzt versorgt der Pariser und Marseiller Garten die französischen, der Garten in Kew die englischen, der Garten in Berlin die deutschen Kolonien.

Fig. 12.
Kina-Etablissement und Chinaplantage in Riung-Gunung (Java) am Rande des Urwaldes.
[Aus Verslag der Gouvernements Kina-Onderneming Java.]

Die Kataloge der botanischen Gärten (Verzeichnis in PRITZEL, Thesaurus) enthalten daher manche Angaben über Akklimatisationsversuche. So erfahren wir, um nur ein Beispiel anzuführen, aus einem solchen, daß Kirschlorbeer schon 1654 in Königsberg kultiviert wurde.

Berühmt ist ja die Rolle, die die botanischen Gärten Hollands, besonders die von Lüttich und Leiden, in der Geschichte der Akklimatisation der Cinchonen und der Vanille in Java gespielt haben. In dem Garten in Lüttich hat MORREN 1836 die künstliche Befruchtung der Vanille erfolgreich ausgeführt. Durch diese Versuche wurde die Überführung der Vanille in ein Land, dem die die Befruchtung vermittelnden Insekten fehlen, erst möglich. (Vgl. auch das Kap. [Pharmakosystematik].)

Tausende von WARDschen Kisten mit lebenden Pflanzen (— WARD publizierte sein Verfahren 1842 —) gehen jetzt alljährlich von den botanischen Gärten Europas in die Kolonien, und Tausende von Samensendungen der tropischen botanischen Gärten, besonders des Buitenzorger Gartens bewirken die Verteilung tropischer Gewächse innerhalb der Tropenzone. Die botanischen Gärten sind die wichtigsten Vermittler der Kultur von Heil- und Nutzpflanzen geworden. In zahlreichen tropischen Gärten, wie im Kultur-Tuin in Buitenzorg, in Peradenija (Ceylon), in Trinidad, in Amani (Ostafrika) u. a. werden fortdauernd Kulturversuche mit den verschiedensten Arzneipflanzen (Coca, Kola, Calumba, Ipecacuanha, Cardamomen, Jalape, Cinnamomum, Myroxylon u. a.) gemacht. Die «Reports» berichten regelmäßig über die Erfolge. Denn die größte Aufgabe, vor die die Pharmakoërgasie gestellt wurde und fortdauernd noch wird, ist ja die Akklimatisation wertvoller Heil- und Nutzpflanzen außerhalb ihrer Heimat.

Fig. 13.
Blick auf den Tankubanprahu (Mitteljava) und die ihn bedeckenden Chinakulturen von Lembang aus. Rechts Reisfelder.
[Tschirch phot.]

Das klassische Beispiel bilden die Cinchonen, die durch MARKHAM und SPRUCE in den sechziger Jahren des XIX. Jahrh. aus Amerika nach Vorderindien, und schon 1854 durch HASSKARL nach Java gebracht worden waren und an beiden Orten sich vortrefflich akklimatisierten — dank der Einsicht und Energie der leitenden Beamten und der eigenartigen Verbindung botanischer Kenntnisse, gärtnerischer Geschicklichkeit und der Sorgfalt chemischer Kontrolle.

«Überblicken wir das ganze Bild der Einführung der Kultur der Chinabäume, so sehen wir, daß sie nicht das Werk eines Mannes, ja auch nicht einmal eines Landes ist, sondern daß gar viele anregend, fordernd, selbst mit angreifend, dabei beteiligt waren. Schon CONDAMINE hatte 1744 junge Cinchonenpflänzchen nach Europa bringen wollen. Sie gingen zugrunde wie die Pflanzen von JUSSIEU. Dann regten ROYLE (1839), FALCONER (1850), FÉE (1842) und in Holland KORTHALS (1829), BLUME (1830), MULDER (1838), VROLIK (1839), MIQUEL (1846), FROMBERG (1848) immer von neuem zur Kultur der China an. Dann brachte — der erste Erfolg — WEDDELL 1848 Calisayasamen in Paris zum Keimen und erzielte in den Gärten von THIBAUT und KETELEER exportfähige Pflanzen. Einige derselben wurden im April 1852 in Java gelandet. Dann kamen zuerst (1854) HASSKARLS, dann (1865) LEDGERS Samen nach Indien. Es folgte (1860) MARKHAMS und SPRUCES erfolgreiche Expedition, die unter Mithilfe von CROSS und TAYLOR Samen und Pflänzchen, besonders von Succirubra, die neben Ledgeriana heute wichtigste aller Arten, sammelten und nach Britisch Indien sandten. Dabei half auch WILLIAM HOOKER mit durch Rat und Tat. MARKHAMS Feuereifer hat dann die indischen Kultivateure entzündet und die Fabrikation billiger Febrifuge durchgesetzt, bei deren Darstellung wieder DE VRIJ half.» (TSCHIRCH, Die Chinologen des XIX. Jahrh. Schweiz. Wochenschr. f. Chem. u. Pharm. 1900).

Jetzt stehen in Java c. 9 Millionen Cinchonen allein in den Regierungsplantagen und wohl zehnmal mehr in den Privatpflanzungen.

Die ersten Versuche, Cinchonen in Afrika anzupflanzen, erfolgten in Algier (1849). Dorthin gelangten Samen direkt von Bogotá. Die Versuche scheiterten — natürlich — ebenso wie ihre Wiederholung (1866). Auch die 1814 begonnene Cinchonenkultur hatte zunächst keinen Erfolg, größer war derselbe 1868. Jetzt ist die Kultur zurückgegangen, wie auch auf Teneriffa. In Réunion, wohin Cinchonen 1865 gebracht wurden, gelang die Kultur. 1894 zählte man dort schon 80000 Bäume. Mißlungen ist die Kultur auf Mauritius, Madagaskar, den Kapverden, in Angola und Abyssinien.

Gut geglückt ist sie besonders auf S. Thomé, wo schon 1891 250000 Chinabäume standen. Nach Kamerun kamen Cinchonen 1900 und 1902 aus Java.

Schon 1685 sah übrigens TEMPLE im Botanischen Garten in Chelsea bei London lebende Cinchonen, die WATTS «Keeper of the Apothecaries garden of simples at Chelsea» aus Samen gezogen hatte.

Den ersten — allerdings gescheiterten — Versuch, lebende Cinchonen nach Europa zu bringen, machte DE LA CONDAMINE, den ersten Versuch, Cinchonen in ihrer Heimat zu kultivieren, MUTIS in Bogotá — doch sei daran erinnert, daß noch früher die Jesuitenpatres den Cascarilleros das Versprechen abnahmen, für jeden gefällten Chinabaum 5 Stecklinge in Kreuzesform ⸭ zu pflanzen.

Die Vanille wurde besonders auf MORRENS Betreiben 1841 nach Java überführt. Schon 1820 war sie durch PERROTTET nach Réunion gebracht worden. 1839 wurde dort mit der künstlichen Befruchtung begonnen. Die erste Vanille von Réunion erschien 1862 im Großhandel. «Vanilleries» finden sich aber dort schon seit 1841. Vanilla gelangte im ersten Drittel des XVIII. Jahrh. nach England und wurde zuerst in den Warmhäusern von PH. MILLER kultiviert, zur Blüte gelangte sie 1800 in den Gärten GREVILLES in Paddington. Von hier kam sie (1812) nach Amsterdam, Paris, Brüssel, Löwen, Gent, Lüttich und (1819) nach Buitenzorg. Es waren von GREVILLE erhaltene Pflanzen, an denen MORREN sein berühmtes Befruchtungsexperiment (1836) in Lüttich vornahm.

Jetzt gibt es keine wertvolle amerikanische Heil- und Nutzpflanze, die nicht z. B. im Kultur-Tuin des botanischen Gartens in Buitenzorg kultiviert würde, Coca und Myroxylon, Hevea und Manihot, Cacao, Bixa Orellana, Ipecacuanha und viele andere werden dort gezogen und auch für die in Indien heimischen Pflanzen ist der Garten eine Pflegstätte geworden. Daß wir der allmählichen Ausrottung der wilden Guttaperchabäume ohne große Besorgnis entgegensehen können, verdanken wir besonders den daselbst und in Tjipetir schon vor vielen Jahren in weitsichtiger Weise angelegten Palaquium- und Payena-Kulturen.

Aber nicht nur die Verbreitung der amerikanischen Heilpflanzen über andere tropische Gebiete, zunächst Asiens, dann Afrikas ist versucht und erfolgreich durchgeführt worden, auch unter sich tauschten die Länder Asiens ihre Produkte aus. So gelangte der Teestrauch von Assam nach China und in neuerer Zeit auch nach Vorderindien und Java. Die Verbreitung der Gewürznelken und der Muskatnuß füllt ein ganzes Kapitel, das in seinem ersten Teile, wo von der Verhinderung der Verbreitung seitens der holländisch-ostindischen Kompagnie die Rede ist, nicht in die Ehrentafeln der Kulturgeschichte der Menschheit gehört. Das Muskatmonopol der genannten Kompagnie, das durch die berüchtigten Hongitogten geschützt wurde, bestand von 1621–1796. Aber schon 1750 (bezw. 1754) brachte trotz aller Wachsamkeit der Holländer der französische Gouverneur von Isle de France und Bourbon, POIVRE, die ersten Muskatnüsse und Nelken nach Isle de France. Eine zweite Expedition brachte 1769 450 Muskat- und 70 Nelkenpflänzchen, 10000 Muskatnüsse und eine Kiste Nelkensamen dorthin und die Kultur hatte Erfolg. Nach Penang wurde die Muskatnuß durch CHR. SMITH (c. 1797) überführt, nach Sumatra brachte sie HUGH MOORE 1798. Die ersten Nelken gelangten schon 1793 nach Cayenne und bald darauf (1800) von Mauritius nach Sansibar. Zur Zeit, da England die Gewürzinseln besetzt hielt (1796–1802), brachte ROXBURGH den Muskatbaum nach Bengkulen und Penang.

Fig. 14.
Rubber-Plantage von Hevea brasiliensis (Para rubber tree) in Heneratgoda (Ceylon).
[Kew Museum.]

Die heutigen Ceylonzimt-Plantagen (Cinnamom gardens) wurden 1770 von DE KOKE gegründet und von dem Gouverneur J. W. FALCK 1785 konsolidiert. Die Kultur des Zimtes in Ceylon reicht übrigens bis in das XIV. Jahrh. zurück; sie nahm zuerst unter den Portugiesen (1505–1656), dann unter den Holländern (1656–1797), die beide die Insel besaßen, einen großen Aufschwung. Die englisch-ostindische Kompagnie monopolisierte dann den Zimt (bis 1833).

Mitte der siebziger Jahre des XIX. Jahrh. wurde die wichtigste Kautschukpflanze, die im Amazonasgebiet heimische Hevea brasiliensis, nach Indien, speziell Ceylon, gebracht. Die Anpflanzung von Kautschukpflanzen in Ceylon hat in kurzer Zeit enorm zugenommen. Während 1890 nur 300, 1900 1750 acres damit bepflanzt waren, waren 1905 schon 40000, 1907 bereits 120000 acres (1 acre = 4000 qm) mit Hevea brasiliensis bepflanzt ([Fig. 14]). Auf der malayischen Halbinsel gab es 1906 schon 6 Millionen Heveabäume.

Ein solches rasches Ansteigen nennt man in Englisch-Indien einen «rush». Es gab seinerzeit auch einen «rush into coffee» und einen «rush into tea». Solche rushes sind in Niederländisch-Indien unbekannt. Der bedächtige Holländer meidet solche Sprünge.

Die Teepflanze kam 1826 durch SIEBOLD nach Java. Schon 1827 besaß Buitenzorg eine Pflanzung von 800 Bäumchen und 1839 waren schon 8 Millionen Teesträucher auf Java. Die ersten Versuche, Tee in Vorderindien zu pflanzen, wurden schon Ende des XVIII. Jahrh. von KYD in Kalkutta gemacht, im größeren Stil aber erst 1834 bezw. 1839. 1852 brachte FORTUNE 20000 lebende Teepflanzen aus China in die Himalayagegenden. 1842 kam die Teepflanze nach Ceylon. Lebende Teepflanzen erhielt LINNÉ 1763 für den Garten in Upsala.

Die Kaffeepflanze gelangte im VI. Jahrh. nach Arabien, im IX. Jahrh. nach Persien, 1696 nach Java, aber erst im Anfang des XVIII. Jahrh. nach Amerika. Theobroma Cacao kam schon in der Mitte des XVI. Jahrh. nach Celebes, aber erst im XVIII. Jahrh. von dort nach Java. Die Holländer brachten dann die Pflanze auch nach Ceylon. Nicotiana Tabacum gelangte 1558 nach Frankreich und Italien, 1605 nach Japan. Der Ölbaum kam um 1560 nach Peru, wenig später nach Chile und Kalifornien, auch die Tamarinde wurde um diese Zeit nach Amerika gebracht; der Ingwer gelangte zu Beginn des XVI. Jahrh. oder schon Ende des XV. Jahrh. durch die Spanier (FRANCISCO MENDOCA) nach Westindien. Die Tapiokapflanze (Manihot utilissima) wurde von den Portugiesen aus Brasilien nach Indien gebracht. 1786 kam sie von Mauritius nach Ceylon, 1794 aus Südamerika nach Kalkutta und Serampur. Aloe vera (A. vulg.) ist im XVI. Jahrh. nach den Antillen (Barbados) gekommen. 1650 war sie in Barbados schon ganz heimisch.

Fig. 15.
Ein Wald von Pinus Laricio in Niederösterreich mit geharzten Stämmen.
[Mitlacher phot.]

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß auch vielfach, und zwar natürlich erfolgreich, der Versuch gemacht worden ist, tropische Heil- und Nutzpflanzen in ihrer Heimat selbst zu kultivieren. Dies geschieht z. B. mit der Cinchona Calisaya in Bolivien, mit Castilloa in Nicaragua und Mexico, mit Vanille in Mexico, mit Ipecacuanha in Brasilien, mit den Balsambäumen in San Salvador, mit Mate in Südamerika (s. [oben]).

Von Kulturen europäischer Heilpflanzen seien nur einige erwähnt. (Im übrigen verweise ich auf die [Tabellen] weiter hinten.)

Die Kultur der Lactuca virosa zur Lactucariumgewinnung im Moselgebiet wurde besonders durch den Apotheker ALOIS GOERIS in Zell an der Mosel 1847 in Gang gebracht.

Fig. 16.
Junge Plantage von Myroxylon Pereirae im Kultur-Tuin in Tjikeumeu bei Buitenzorg (Java).
[Tschirch phot.]

Mohnkulturen zwecks Opiumgewinnung fanden sich 1828–1830 bei Erfurt, 1860 bei Bern, 1870 in Süddeutschland und Schlesien; noch in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. bei Clermont Ferrand (Frankreich). Mohn, zum Teil zur Opiumgewinnung, wird übrigens auch seit 1788 in den Vereinigten Staaten östlich vom Mississippi gebaut.

Fig. 17.
Mannaeschen-Hain bei Castelbuono (Sizilien).
[Benedicenti phot.]

Fig. 18.
Kinatuin (Chinaplantage) von Cinchona Succirubra in Lembang (Java).
[Aus Verslag der Gouvernements Kina-Onderneming Java.]

Fig. 19.
Cocospalmen-Hain, Java.
[Tschirch phot.]

Im allgemeinen besteht ein Vorurteil gegen kultivierte Arzneipflanzen. Dasselbe gründet sich darauf, daß in einer Anzahl von Fällen kultivierte Digitalis purpurea, Aconitum Napellus, Artemisia Absinthium, Atropa Belladonna, Hyoscyamus niger und Datura Stramonium bisweilen eine geringe Verminderung ihres Alkaloid- bezw. Glukosidgehaltes gegenüber den wildwachsenden Pflanzen zeigten. (Trotzdem verlangt übrigens Pharm. nederl. ausdrücklich kultivierte Atropa, Digitalis, Conium, Hyoscyamus.)

Das kommt nun aber nicht daher, daß die Kultur überhaupt den Alkaloidgehalt vermindert. Die Cinchonen sind ja ein flagrantes Beispiel dafür, daß man durch Kultur sogar den Alkaloidgehalt erhöhen kann — sondern daher, daß die obengenannten Arzneipflanzen in ungeeigneter Weise kultiviert wurden. Wenn man eine Schattenpflanze in der Sonne, eine Sonnenpflanze im Schatten, eine an Sandboden akkomodierte Pflanze in fetten Böden mit starker Düngung, eine an nährstoffreiche Böden angepaßte in armen Böden kultiviert, so wird die natürliche Folge die sein, daß sich ihre Bestandteile ändern. Es kommt also nur darauf an, die Arzneipflanzen in geeigneten Böden und unter dem natürlichen Standorte nahekommenden Beschattungsverhältnissen anzubauen und man wird nicht nur gleichwertige, sondern unter Umständen sogar höherwertige Produkte erzielen. Nicht die Kultur an sich beeinflußt also den Gehalt der Arzneipflanzen an wirksamen Bestandteilen ungünstig, sondern die ungeeignete Kultur. Alle Erfahrungen sprechen dafür, daß dies richtig ist. Die Cinchonen sind schon oben erwähnt. Auch alle unsere Nutzpflanzen, die Obstsorten, der Wein, das Getreide, die Feige sind gegenüber den wilden Mutterpflanzen wertvoller geworden und haben erst durch die Kultur ihre Bedeutung für uns erlangt. Die Dattelpalme ist zum Fruchtbaum erst durch die Veredelung geworden, die ihr in ihrer Heimat, den Ebenen des Euphrat und Tigris zuteil geworden ist; von hier aus hat sich der Baum dann nach Palästina, Phönizien und Afrika, besonders Ägypten und Kyrene weiter verbreitet. Fortdauernd vollziehen noch heute die Gärtner die «Veredelung» durch Auslese und geeignete Kultur. Warum in aller Welt sollen allein die Arzneipflanzen von dem Gesetze, daß Kultur veredeln kann, eine Ausnahme bilden? Es kommt also nur darauf an, die Verhältnisse bei jeder Pflanze genau zu studieren und die Kulturen richtig zu leiten. Das kann aber nur geschehen, wenn wir, von physiologischen Gesichtspunkten ausgehend und mit physiologischen Methoden arbeitend, nicht nur die Ernährungsbedingungen der Arzneipflanzen, die zu einem kräftigen Wachstum führen, sondern auch den Stoffwechsel innerhalb der Pflanze und die Bedingungen, unter denen Alkaloide, Glukoside und andere für die Arzneiwirkung wertvolle Substanzen in vermehrter Menge entstehen, kennen lernen. Gerade in diesen physiologischen Studien liegt eine der Hauptaufgaben der künftigen Arzneipflanzenkunde (vgl. [S. 7]). Einige Anfänge sind schon gemacht (vgl. meinen Artikel «Arzneipflanzen» in der Realenzyklopädie der gesamten Pharmazie und das Kapitel [Pharmakophysiologie]).

Fig. 20.
Am Rande einer Muskatnussplantage (Perk). Rechts zwei Muskatnussbäume (Java).
[Tschirch phot.]

Wenn wir die Bedeutung der einzelnen Stoffe für die Pflanze selbst erkannt haben, so werden wir auch Mittel und Wege finden, hier hemmend, dort fördernd einzutreten und durch geeignete Kultur die Stoffe, auf die wir namentlich Wert legen, in größerer Menge zu erzielen. Auf rein empirischem Wege ist man hier schon zu einigen Resultaten gelangt. Man hat durch Schälen bei den Cinchonen eine alkaloidreichere Rinde (renewed bark), bei der Korkeiche einen besseren Kork erzielt. Auch das Studium der einzelnen Bestandteile zueinander führte schon zu einigen Resultaten. Wir wissen beispielsweise, daß zwischen dem Stärkegehalte und dem Gehalte an mydriatischen Alkaloiden bei der Belladonnawurzel, zwischen dem Gehalte an Stärke und dem an Harz bei dem Galgantrhizom Beziehungen bestehen.

Wir wissen, daß der Boden von großem Einfluß für die Bildung gewisser Stoffe ist, daß z. B. trockener Boden die Bildung ätherischer Öle und Schleimstoffe begünstigt. Auf trockenem Boden erzogene Althaea ist schleimreicher als auf feuchtem gewachsene, auf trockenem Boden gebauter Baldrian ist ölreicher und kein Boden erzeugt so aromatischen Ceylonzimt wie der trockene weiße Quarzsand der Cinnamon Gardens an der Küste Ceylons. «Bei Taraxacum zeigt die Wurzel in chemischer Hinsicht große Unterschiede, je nach ihrem Standorte und der Jahreszeit» (Grundlagen).

Fig. 21.
Plantage von Cinchona Ledgeriana, davor eine Pepinière von Cinchona Succirubra in Lembang (Java).
[Tschirch phot.]

Fig. 22.
Tabakpflanzung in Sumatra.
[Abbild. im Kew Museum]

Das sind Verhältnisse, die in das Kapitel Pharmakophysiologie gehören und die von physiologischen Gesichtspunkten betrachtet werden müssen.

Der Fall, daß Arzneipflanzen in der Kultur — aber einer Kultur jedenfalls am unrechten Orte — degenerieren, kommt allerdings vor. Die Rhizome der in Europa kultivierten Rheum officinale und palmatum z. B. gleichen nicht mehr dem echten Rhabarber und sind chemisch minderwertig geworden. Daß aber ein Rhabarber, der bei uns in der Ebene gebaut wird, degeneriert, ist leicht begreiflich, da er in den Gebirgen von Szetchuan am besten zwischen 8000 und 12000´ gedeiht und bis auf 14000´ steigt.

Fig. 23.
Balsamal in San Salvador. Kultivierte (und wilde) Pflanzen von Myroxylon Pereirae.
[Nach Preuss.]

Der günstige Einfluß einer richtigen und der ungünstige einer falschen Kultur wird vortrefflich durch das Beispiel der Chinarinden illustriert. Während die von wildwachsenden Pflanzen gesammelten Chinarinden Südamerikas c. 2% Alkaloid enthalten, bringen es die einer geregelten Kultur entstammenden Rinden Javas auf 10–16% Alkaloid; die in europäischen Gewächshäusern — also unter ungünstigen Bedingungen erzeugten — Rinden enthalten dagegen gar kein Chinin (A. VOGEL, 1886).

Daß Klima und Standort von Einfluß sind, zeigt auch die Beobachtung ROCHLEDERS, daß der in Schottland wachsende Schierling nicht giftig ist (war der untersuchte aber auch wirklich echter Schierling oder nicht vielmehr eine physiologische Varietät?) — zeigten die ersten verunglückten Kulturversuche der Cinchonen in Java. Jetzt wissen wir, daß man Cocos und Cacao nicht in den Bergen, Tee, Kaffee und Cinchonen nicht im tropischen Tiefland kultivieren darf. Bevor man heutzutage eine Kultur in Angriff nimmt, werden nicht nur die klimatischen Bedingungen (Meereshöhe, Regenmenge, mittlere Jahrestemperatur) der alten Heimat der Arzneipflanze, sondern auch die der neuen aufs sorgfältigste studiert. Bisweilen ist der Erfolg, d. h. die Erzielung vollwertiger Droge, von scheinbar ganz nebensächlichen Dingen bedingt, wie Anpflanzung an Südhängen, Schutz gegen Wind u. a. m.

Daß vernünftige Kultur den Gehalt der Indigopflanze an Indican bedeutend zu steigern vermag, zeigten neuere Versuche in Indien und die in Shenandoah Valley (Virginia) unter vernünftigen Bedingungen kultivierte Belladonna lieferte Blätter mit 0,32–0,68% Alkaloid (REPPETOE), also vollwertige Droge.

Auch für das «Harzen» der Coniferen gilt das gleiche: Nur unvernünftiges und irrationelles Harzen schädigt den Baum.

Fig. 24.
Terassiertes Reisfeld (Savah) in Mitteljava.
[Tschirch phot.]

Natürlich sind die chemischen und physikalischen Eigenschaften des Bodens, Drainage oder Wasserzufuhr von größter Wichtigkeit für das Gelingen der Kultur der Arzneipflanzen. Für jede Pflanze müssen die Bedingungen ihrer Kultur besonders ermittelt werden. Hier können die Großkulturen in den Tropen als mustergültige Vorbilder betrachtet werden, bei denen diese Bedingungen oft bis ins kleinste ermittelt wurden.

Der erste, der den Einfluß verschiedener Bodenarten auf die Entwicklung der Arzneipflanzen studierte, war der erste Direktor des botanischen Gartens in Montpellier, P. R. DE BELLEVAL (1593).

GORDON machte Kulturversuche mit Belladonna, Hyoscyamus und Carthamus auf verschiedenen Böden (Am. Journ. pharm. 1900). Den Einfluß der Kalidüngung studierten FELBER und WALTA (Die Kalidüngung in den Tropen und Subtropen, Halle 1907); die Elektrokultur LEMSTRÖM (Elektrokultur, Erhöhung der Ernteerträge aller Kulturpflanzen durch elektrische Behandlung, übers. v. O. PRINGSHEIM, Berlin 1902).

Fig. 25.
Musa paradisiaca (Pisang, Banane) in Plantagenkultur auf Java.
[Tschirch phot.]

Fig. 26.
Links: Indigofera-, rechts: Lemongras-Kultur. Im Hintergrunde ein Dorfwäldchen mit Mango, Areca Catechu, Musa u. a.
[Tschirch phot.]

Neuerdings (1905) wurde von A. POEHL mitgeteilt, daß ein Radiumgehalt des Bodens die Arzneipflanzenkultur günstig beeinflußt (?).

Besonders wichtig ist für die Kultivateure die ertragreichste und das beste Produkt liefernde Art zu finden. So hat man Coffea arabica vielfach durch die fruchtreiche, großfrüchtige und kräftigere Coffea liberica, die kleinblätterige Thea sinensis durch die großblätterige Thea assamica ersetzt und statt Theobroma Cacao wird jetzt vielfach (z. B. in Ecuador) Theobroma bicolor, die fettreichere Samen liefert, kultiviert. (Über physiologische Varietäten vgl. das Kapitel [Pharmakophysiologie].)