DIE
JUNGFRAU von TREIDEN.
EIN
HISTORISCH-ROMANTISCHES GEMÄLDE AUS
DER VORZEIT LIVLANDS
VON
ADELBERT CAMMERER.
Motto: Honorem meum nemini cedo.
ZEIT DER BEGEBENHEIT 1600 à 1620.
RIGA, 1848.
BEI H. SCHNAKENBURG.
| Der Druck dieser Schrift wird unter den gesetzlichen Bedingungen gestattet. | |
| Riga, den 4. Mai 1848. | Dr. C. E. Napiersky, Censor. |
Seiner Hochwohlgeboren
dem
Herrn Assessor am livl. Hofgerichte zu Riga,
Collegienrath und Ritter
MAGNUS VON WOLFFELDT,
welcher den Preis-Juwel jungfräulichster Grossthat, aus
228jährigem Grabesmoder, mühevoll an das Licht, vor
die Augen und Herzen der Welt gebracht,
dankbar gewidmet
von
dem Verfasser.
Die
Jungfrau von Treiden.
I.
Prolog.
Zu dir, Livonen-Schweiz, hinan,
Und deiner Vorzeit Leben:
Lass mich, auf Clio's treuer Bahn,
Den Sänger-Flug erheben!
Wo schimmern dort, von Sonnengold
Und Abendroth beschienen:
Kremon, Thoreida, Segewold,
In klagenden Ruinen;
Wo seit dem Blutwerk' ihrer Schlacht,
Herab in Blumen-Auen,
Von ihrem Thurm bei Mitternacht,
Die todten Ritter schauen;
Wo Feinde nun ein Grab versöhnt;
Und, auf der Vorwelt Leichen,
Der Hügelreihen Stirne krönt
Ein Bürgerkranz von Eichen;
Wo Flora's holde Kinder mir
Das Pfühl zum Lager breiten;
Pomona dort, und Ceres hier,
Ein Erntefest bereiten;
Wo nach Mäander-Krümmen-Tanz
Des Stromes, die Najade,
Bei lauer Welle Silberglanz,
Dem Amor winkt zum Bade;
Wo aus der Felsengrotte spricht
Der Heidenwelt Sibylle;
Und bei Dryaden Kränze flicht
Die Muse der Idylle;
Wo hell, zum Morgenstern empor,
Der Haine Lieder wallen;
Und Wehmuth schwelgt im Tausendchor
Von Hölty-Nachtigallen: —
Zu dir hinan, Livonen-Schweiz!
Nach deiner Vorzeit Leben,
Und deiner Anmuth Blüthenreiz',
Will ich den Flug erheben.
Thoreida sei des Fluges Ziel!
Asträa soll mich führen! —
Ein Opfer, das dem Herrn gefiel,
Soll tief die Seele rühren!
Nicht Männer aus der Ritter Zahl,
Gegossen wie von Eisen;
Nicht Helden von Granit und Stahl,
Will meine Harfe preisen:
Der Weltgeschichte stolze Macht
Hat ihren Kranz gewunden;
Sie kann nicht leben ohne Schlacht,
Nicht ohne Völker-Wunden!
Ihr Griffel hat so manchen Wicht
Gigantisch aufgemessen;
Und mancher stillen Grösse Licht,
Das Welten strahlt, vergessen!
Die Jungfrau, die mein Lied erkor,
Zum Preis und Ehrenmale:
Sie trat aus öder Nacht hervor;
Nicht aus dem Marmorsaale.
Es war, in Gottes freier Luft,
Ein Schlachtfeld ihre Wiege;
Das Brautgemach — die Todtengruft;
Ihr Tod — ein Sieg der Siege!
Hat gross in Rom Lucretia
Die Schmach in Blut begraben:
So steht die Deutsche — grösser da,
Und fleckenlos erhaben.
Entweiht nur sank in Todeshand
Die römische Matrone:
Doch sie, Livona's Tochter fand,
Im Tod — die Martyrkrone!
Dort muss ein Frauentod dem Staat'
Die Freiheit vorbereiten:
Doch meiner Jungfrau Heldenthat —
Entschwand dem Buch' der Zeiten!
Sie lag, im Zweijahrhundertlauf',
Der Nächte Nacht zum Raube;
Da stieg sie neuem Leben auf,
Aus Moderschutt und Staube.
Und Jener, dem die That gelang,
Der Welt sie neu zu geben:
Er möge nun im Lobgesang,
Wie seine Jungfrau, leben![A]
II.
Vor dem Burggetrümmer von Treiden.
Fremdling, der sich mir gesellt!
Gast, bei Mondenscheine!
Sieh! von weiland stolzer Welt,
Deren Denkmal hier zerfällt,
Reden noch die Steine. —
Und — von jenem Ritter-Spiel,
Das im Blute stieg und fiel:
Zeugen, aus dem Grab-Gefild',
Helm und Panzer, Schwert und Schild,
Schädel und Gebeine; —
Segen-Grossthat — keine!
Oft, seit grauer Heiden-Nacht,
Spielwerk roher Völkerstürme:
Sank, Thoreida! deine Macht;
Sanken deine Riesenthürme!
Aber — liess versöhnte Zeit
Ihre Schlachtendonner schweigen:
Sah das Volk die Herrlichkeit
Wieder aus dem Grabe steigen.
Völkermark und Heldenblut
Sollte diese Fluren düngen!
Stets erneuter Kämpfe Wuth
Musste diese Welt verjüngen!
Fürst und Ritter, Herr und Knecht,
Schweden, Polen, Lithuanen,
Und der Reussen Landesrecht:
Fochten um den Sieg der Fahnen.
Ritterthum und Mönch-Asyl —
Beidem klang die Todtenmette;
Und von ihrem Trauerspiel'
Blieb dem Volke — nur die Kette!
Aber — als dem Siegerglück'
Treiden sank, im Opfertode:
Gab dem Fest' — ein Weltgeschick —
Noch ein Stück, als Episode!
Und, wenn Bücher ohne Zahl,
Hier, von Schlachtenruhm erzählen:
Will ich nun, zum Heldenmal',
Nur die Episode wählen.
Jungfrau, wie dein Schicksal gross!
Grösser noch, in deinem Falle!
Komm', aus tiefem Gräberschooss',
In des Ruhmes Ehrenhalle!
Manchem Helden sank der Muth,
Sein Verhängniss zu ertragen:
Aber du, in deinem Blut',
Hast dein Schicksal miterschlagen!
Wand'le denn, mit deinem Ruhm',
Durch die Wahrheit im Gedichte, —
Von Minerva's Heiligthum',
Hin, zum Tempel der Geschichte!
III.
Rosa Mai.
Luna schien zur Abendfeier,
Und in ihrem Sternenschleier
Kam die thränenfeuchte Nacht;
Tausende, noch unbegraben,
Geierbeute, Spiel der Raben,
Trug das Blutgefild der Schlacht.
Aber Manche, reich an Wunden,
Die das Ende nicht gefunden;
Sah'n aus Leichenschutt hervor!
Der Verzweiflung wilde Töne,
Fluch, Gebet, und Angstgestöhne,
Drangen noch zu Gott empor!
Tochter, Gattin und Matrone,
Fanden hier den Tod zum Lohne,
Treu der Ehre, sonder Schmach!
Ja, der Hekatombenspende
Sandten auch die Würgerhände
Noch das Kind der Wiege nach!
Doch — indess bei Mondenschimmer,
Droben auf dem Burg-Getrümmer,
Noch der Todesengel sass;
Und die ungelad'nen Gäste,
Bei Thoreida's Todtenfeste,
Lärmen, schwelgen, ohne Maass; —
Während dort, wie Feuerdrachen,
Brände durch die Lüfte krachen,
Mit der Hölle Glutgewalt:
Sieh, da wandelt, Gott-berufen,
Einsam auf den Trümmerstufen,
Eines Freundes Huldgestalt!
Greif, der Schreiber auf dem Schlosse,
Waffenlos im Kriegertrosse,
Und dem Sieger unterthan:
Gründet sich, den Muth zum Schilde,
Nieder zu dem Schlachtgefilde,
Mühenvoll die schwere Bahn.
Labsal für die rechte Stunde,
Oel und Balsam für die Wunde,
Und vielleicht das letzte Brot:
Trug er liebend und geschäftig;
Trug der Edle, thatenkräftig,
Für der Nöthen höchste Noth!
Spähend nun im Leichenbette,
Ob die Hand noch Leben rette:
Warf er seinen Blick umher;
Doch, bei allem Muth und Streben,
Fand er keine Spur von Leben,
Keinen Strahl der Hoffnung mehr.
Von des Todtenfeldes Mitte,
Wandt er, klagenvoll, die Schritte,
Wieder heim, an seine Pflicht;
Aber sieh! die Blicke schauen —
Noch ein Bild von Edelfrauen,
Weiss, wie Schnee, von Angesicht!
Liebend folgte sie dem Gatten,
Selber in das Reich der Schatten;
Sein auf ewig, hier und dort!
Denn vermählte Seelen tragen,
Wann die Herzen nicht mehr schlagen,
Ihre Liebe mit sich fort.
Und an ihrem starren Busen
Lag, — zu fernem Lied' der Musen,
Grosser That noch aufbewahrt, —
Von dem Schicksal auserlesen:
Noch ein kleines Engelwesen,
Gleich der Perle rein und zart!
Halb dem Würger hingegeben,
Mehr schon Leiche, kaum noch Leben,
Mit dem Rest von Lebenslust:
Sog das Kind am Nektarbronnen;
Doch — er war zu Eis geronnen!
Marmor blieb die kalte Brust!
Greif, der Edle, Muthbeseelte,
Greif, der von dem Herrn Erwählte:
Nahm das Kind in Vaterarm;
Pflegte sein mit Lust und Bangen,
Küsste Rosen auf die Wangen,
Und die kalte Lippe warm.
Wie von Sturmes Macht getrieben,
Führt ihn Liebe dann zur Lieben,
Hin, zur Gattin, ihm vertraut:
Die, von hohem Söller droben,
Herz und Blick zu Gott erhoben,
Einsam in die Ferne schaut.
Und er kam mit froher Kunde!
Und aus seinem Rettermunde
Klang der Liebe Zauberton:
»Mutter, wirf den Kummer nieder!
Eine Tochter bring' ich wieder,
Nach dem früh verklärten Sohn!« —
Sieh! und Thau in holden Augen,
Liess die Mutter Kindlein saugen,
An der Lebensfülle Born. —
Beifall winken, aus der Ferne,
Myriaden gold'ne Sterne;
Luna mit dem Silberhorn!
»Für den Sohn, von Gott empfangen,
Für den Sohn, zu Gott gegangen:
Sei nun Tochter diesem Haus!« —
Also, nach dem Sturm' der Leiden,
Also sprechen — Eins die Beiden,
Dankbar, ihren Segen aus.
So nun, an des Todes Thoren,
Kaum dem Leben neu geboren,
Nicht zum Opferlamme reif:
Sieht der Säugling, zart umfangen,
Mit der Liebe Kussverlangen,
Auf den lieben Vater Greif.
Diesen führt, am nächsten Tage,
Ringsumher die Sorgenfrage:
Nach der Eltern Stammgeschlecht;
Aber, ach, die Todten schweigen!
Nimmer will sich Kunde zeigen;
Sein wird also Vaterrecht.
Segen wird der Herr verleihen;
Taufe soll die Tochter weihen,
Durch geweihte Priesterhand:
Doch, der Tempel, in Ruinen,
Kann dem Himmel nicht mehr dienen;
Sein Altar und Diener schwand! —
»Gottes Vaterblicke wachen!
Seine Gnade, stark in Schwachen,
Werde Schild und Wanderstab!
Seinen Engel wird er senden;
Unheil von dem Kinde wenden,
Dessen Wiege war — ein Grab!« —
So, gestählt von solchem Worte,
Wandelt Greif zur Eisenpforte,
Mitten durch die Kriegerschaar;
Eilt dann, muthig, mit der Kleinen,
Und im Treugeleit' der Seinen,
Fernhin, zu des Herrn Altar.
Bei der Taufe zu bekunden,
Wann die Tochter aufgefunden,
Und dem Tag' gewonnen sei:
Nannte Greif die Namenlose —
Rosa Mai, die Maienrose,
Nach dem Blüthenmonde Mai.
Dank nach Oben wird gesendet;
Opfergabe dann gespendet,
Wie sie dem Altar' gebührt;
Und so kehren heim die Beiden,
Wieder nach dem Schlosse Treiden,
Und — wohin der Himmel führt.
Dann — wie Vatergüte schalten,
Dann — wie Muttertreue walten,
Und die Liebe pflegen kann:
Soll hinfort das Kind erfahren! —
Monde reifen so zu Jahren,
Bis der Jugend Lenz begann.
IV.
Ihre Jugend, Erziehung und Geschäftigkeit.
Sieh, und Kriegesdonner schweigen!
Neue Lebensbäume steigen
Aus dem feuchten Modergrab'!
Holde Friedensengel schweben,
Ueber Saat und Flurenleben,
Für gemess'ne Zeit herab.
Wieder neu, zu Gottes Ehre,
Prangen Tempel und Altäre;
Fester stieg der Festen Bau.
Und von Treidens Thurm und Saale,
Grüsst der Blick im Blumenthale,
Neu, die alte Bilderschau.
Glockenton und Liederklänge,
Orgel und Choral-Gesänge,
Tönen festlich, nah' und fern;
Rosa kniet im Kirchenstuhle,
Horcht den Lehren in der Schule,
Vor dem Prediger des Herrn.
Seiner Pflege, seinen Sorgen,
Anvertraut am Jugendmorgen,
Auch in Liebe zugethan:
Also, stets bei regem Fleisse,
Ringend nach dem Ehrenpreise,
Blüht das holde Kind heran.
Keinem schnöden Wahn zum Raube,
Tief gegründet, ruht ihr Glaube,
Wie ein Fels im Meer' der Zeit!
Nur dem Bund der Christus-Lehre,
Frommer Sitte, Zucht und Ehre,
Blieben Geist und Herz geweiht.
So dann führt der Kirche Segen
Sie dem Tagberuf' entgegen,
Muthreich wider Missgeschick!
Und so kehrt sie, achtzehnjährig,
Wohl belehrt, zu Mehr gelehrig,
In der Lieben Arm zurück.
Kaum begrüsst im Vaterhause,
Kennt ihr Walten keine Pause,
Ihr Bemühen keine Rast;
Allem Winke zu genügen,
Schafft die Arbeit nur Vergnügen,
Und die Sorge keine Last.
Immer neuen Reiz entfalten,
Hass in Liebe umgestalten,
Gottes-Frieden in der Brust;
Kummer scheuchen, Groll versöhnen.
Auferbauen und verschönen:
Ist ihr Tagwerk, ihre Lust!
Soll ich nun die Zauber malen,
Die aus ihrem Auge strahlen,
Aus dem holden Angesicht'? —
O, der Götterwelt Gebiete,
Auch Homer und seine Mythe,
Malen ihre Zauber nicht!
V.
Die Freier.
Rein, wie die Rose von Eden, erblüht
Rosa, die herrliche Maid;
Hauchend den Balsam in wundes Gemüth,
Heilung in Kummer und Leid.
Nektar, wie Hebe, zu spenden bereit,
Kämpfern mit bösem Geschick;
Und zu verklären die Trübe der Zeit,
Hell, mit dem sonnigen Blick':
Also nur war sie danieden, der Welt,
Himmel zu gründen bedacht! —
Tage so wurden zu Tagen gesellt,
Süss, wie die Träume der Nacht!
Venus Urania — sie nur beseelt,
Rosa dich, ohne Gefahr!
Aber — auch Venus von Knidos erwählt
Treiden zu ihrem Altar!
Amor entsandte, mit Zaubergewalt,
Pfeile von seinem Geschoss;
Manche der Freier, von Heldengestalt,
Hält er gefangen im Schloss!
Lüstlinge reden von Wappen und Stand,
Preisen im Grabe den Ahn;
Zierlinge bieten vermessen die Hand;
Rühmen, was Jeder gethan.
Zärtliche Buhlen, von altem Geschlecht',
Malen die Ferne so klar!
Redliche — lieben nur schlicht und gerecht,
Doch die Gefühle sind wahr.
Aber — ob Mancher dem Auge gefiel;
Ob er auch liebe, so heiss!
Keiner gewann sich das herrliche Ziel:
Liebe für Liebe den Preis!
VI.
Victor Heil, der Fremdling.
(Vom Lande Würtemberg.)
Ein Jüngling, wie ein Göttersohn
Aus weiland gold'nen Tagen,
In dessen Auge seinen Thron
Gott Amor aufgeschlagen;
Der Kraft und Schönheit Conterfei,
Geschaffen, um zu siegen;
Wie Tanne schlank, wie Ceder frei,
Im Sturme sich zu wiegen:
Ein solcher Jüngling, hehr und mild,
Und frei von allem Fehle:
War Victor Heil, das Musterbild,
Von dem ich nun erzähle.
In Würtemberg, dem Schlosse nah',
Von dessen Blumenhügel
Der Ruhm von Stauffen niedersah,
Und schwang die Weltenflügel:
Da war dem jungen Heil die Zeit
Der Kindheit hingeschwunden;
Da grub in seine Seligkeit
Sein Loos — auch Todes-Wunden!
Im Vaterhause früh gewöhnt
Zu Regelmaas und Fleisse;
Der Schule Vorbild, und gekrönt
Mit manchem Ehrenpreise:
Beschloss er, wach für jeden Keim,
Der Kenntniss zum Gedeihen,
Die volle Kraft dem Musenheim
Von Tübingen zu weihen.
Da — zehrte Brand am Vaterhaus!
Und — Staub war seine Habe! —
Dann starben ihm die Freuden aus,
An seiner Eltern Grabe!
Ein Oheim, der die Gartenkunst
In Meisterschaft betrieben:
War noch, in langbewährter Gunst,
Dem Jüngling hold geblieben.
Sein liebes Thal-Asyl umwand
Ein Garten, sonder Gleichen;
Denn alle Gärten, weit im Land',
Sie mussten diesem weichen.
Und hier, in ländlicher Natur,
Gewiegt auf ihrem Throne;
Vertraut mit Blumen jeder Flur,
Mit Blüthen jeder Zone!
Hier, in der besten Schule war
Die Probe bald gelungen;
Der Jüngling sah, nach Einem Jahr,
Den Meistergrad errungen!
Dann rief es ihn zu Wanderlauf,
Nach aller Deutschen Weise,
Gen Westen wie gen Süden auf,
Zur langersehnten Reise.
Gewandert viel, mit Forscherblick,
Beschloss er, Mehr zu wagen;
Bis Glückesruf und Missgeschick
Nach Norden ihn getragen.
Da hielt Livona's Blumenkranz
Den Jüngling bald gefangen;
Es war ein Stern von Wunderglanz
Am Himmel aufgegangen!
Der holde Stern gefiel sich dort,
Und wollte nimmer scheiden;
Und Zauber trug den Jüngling fort,
Es war — der Stern von Treiden!
Wie Pilger nach dem Gnadenbild',
Zu flehen dort um Segen:
So pilgert Heil, im Thalgefild',
Dem nahen Schloss entgegen.
Der Stern, im Rosa-Farbenspiel,
War sein Geleit' geblieben;
Die Burg umfing sein Wonneziel!
Er kam — und sah — zu lieben!
Das Götterbild der Phantasei,
Es prangt in vollem Leben!
Der Schatten soll, in Rosa Mai,
Zu Wahrheit sich erheben.
Er schien mit ihrem Blick vertraut,
Mit jedem Zug der Mienen;
Es war ihm ja die Todesbraut
In Träumen oft erschienen.
Der Holden klang sein Abendgruss,
Wie Lied von gold'nen Zeiten;
Und Beiden kam ihr Genius,
Mit allen Seligkeiten.
Dem Alten war, gesehen kaum,
Der Jüngling werth erfunden;
Und diesem schwand, wie Engeltraum,
Die seligste der Stunden.
Der Mutter kam ihr Sohn zurück;
Und lautlos horchten Alle:
Da Victor sprach von Jugendglück',
Und von des Glückes Falle.
Darauf im Dichterfluge mass
Der Jüngling noch die Reise;
Und bei dem Abendbrot' vergass
Der Frohe Trank und Speise.
Denn ihm zur Seite strahlte Sie,
Gleich einem Prachtjuwele:
Das Kleinod seiner Phantasie!
Das Leben seiner Seele!
Und zögernd schloss der Sehnsucht Wort
Den Sabbath stiller Pause:
»Mir ist so wöhlig hier am Ort',
Wie fern im Vaterhause!
O, lasset mich ein ödes Land
Auf Eurem Grunde finden!
Dann soll Euch meine Gärtnerhand
Ein Paradies begründen.«
Und Greif, dem jungen Eifer hold,
Entgegnet, ohne Säumen:
»Es fehlt, im nahen Segewold,
Dir nicht an öden Räumen.
Da führen an das off'ne Thor
Noch Reste von Alleen;
Auch war ein reicher Blumenflor,
Dem Schlosse nah', zu sehen.
Doch seit ihr Pfleger sank dahin,
Zu frühen Grabes Frieden:
War auch die Blumenkönigin
Von Segewold geschieden.
Der Schlossherr, dessen hoher Gunst
Die Meinen sich erfreuen:
Will durch Genossen Deiner Kunst
Die alte Pracht erneuen.
Er hält den Mann aus Deinem Land',
Vor Allen, hoch in Ehren;
Und wer die Probe treu bestand,
Kann reichen Lohn begehren.
So pflege denn für diese Nacht
Der Ruhe noch in Treiden!
Der nächste Tag, der uns erwacht,
Soll über Dich entscheiden.«
VII.
Victor's kurze Nacht in Treiden.
Die Schlossuhr kündet Mitternacht,
Und Schlaf regiert im Hause;
Nur Heil und seine Liebe wacht
Noch einsam in der Klause.
Die Geisterstunde ging und schwand,
Wie Augenblicke schwinden;
Doch — was die volle Brust empfand,
Liess keine Ruhe finden!
Die Schatten der Vergangenheit,
Bald heller und bald trüber:
Sie zogen aus dem Grab' der Zeit,
An seinem Blick vorüber.
Dann voll der Zukunft-Sorge, schlug
Der Geist an ihre Pforte;
Und sandte dem Gedankenflug',
Geflügelt nach, die Worte:
»Hinweg denn mit dem Wanderstab!
Mein Schicksal ist entschieden!
Du Wiegenland und Vätergrab',
O, grünet fort, im Frieden!
Du Paradies der Heimathflur!
Des Neckar-Landes Auen!
Der Jüngling wird im Traume nur
Hinfort euch wieder schauen.
Der Gärtner zog durch Länder hin,
Um fern, im Rosengarten,
Der zarten Blumenkönigin
Zu pflegen und zu warten.
Und leb' ich nur vereint mit Ihr,
Der Einzigen auf Erden:
Soll auch die starre Wüste mir
Ein Garten Gottes werden!« —
Mit solcher Tröstung schien dem Gast'
Der Wünsche Ziel gefunden;
Und einer Zukunft Weltenlast
War seinem Traum geschwunden.
Doch draussen ging sein Wunderstern,
Von Trauerflor umhangen!
Und dräuend war, im Osten fern,
Sein Schicksal aufgegangen.
VIII.
Die Felsengrotte des Victor Heil.
Dort, im Schattenkühl der Guttmann'shöhle,
Deren Felsendach die Eiche ziert;
Wo, seit Rosen's Heimgang, Philomele
Tief, wie Schwermuth, Dir die Seele rührt;
Wo der Live seinem Freudengotte,
Gern und einsam in der Sommernacht,
Gaben senkend in den Quell der Grotte,
Seine Dankesopfer dargebracht:
Dort auch fanden, nach der Tage Sorgen,
Unter Blüthenduft im Abendschein,
Sich vertrauend und der Welt verborgen,
Victor Heil und Rosa Mai sich ein.
Amor lieh sein Flügelpaar den Beiden,
Wann der Sonnengott zu Bette ging;
Ihm von Segewold und Ihr von Treiden,
Bis die Grotte dann ihr Glück umfing.
Greifen's Tochter war der Braut Geleite;
Kind, das kaum den neunten Frühling sah:
Blieb sie gern den Lieben an der Seite;
Winkes harrend, ihrem Wunsche nah',
Aus der Ferne schon die Maid zu schauen,
War der Jüngling bald bei Nacht bemüht:
Noch ein zweites Höhlenwerk zu bauen,
Das der Fremdling noch zur Stunde sieht.
Droben, dem Naturgebäu zur Linken,
Das sich unten wölbt, in Thalesgrund:
Seh'n wir heute Victors Höhle winken,
Denn sein Name schmückt ihr Felsenrund.
Fleiss der Liebe, Fleiss der Hände schufen:
Was gen Segewold den Blick gewährt;
Doch so manche, sonst bequeme Stufen
Haben Zeiten und ihr Sohn zerstört!
Welche Freude kam auf ihre Seele:
Da die Holde nun dem Ziele nah',
Droben aus dem Bauwerk seiner Höhle,
Den Geliebten in der Ferne sah!
Und so weilte sie, bei Tagesneige,
Mit der Schwester, an der Grotte Rand':
Bis sie, schauend durch das Grün der Zweige,
Ihren Freund auf seinem Wege fand.
Wie das ew'ge Licht der Kathedrale,
Hing der Abendstern am Himmelsdom;
Widerstrahlend, längs dem Zauberthale,
Sah der Vollmond aus dem Silberstrom.
Unten sang ihr Lied die Grottenquelle;
Ferne sprach der Mühle Wasserfall;
Und im Laubdach auf der Felsenzelle
Schlug die Flötenuhr der Nachtigall.
Und die Lieben sassen, wonnetrunken,
Hand in Hand, auf moosig weichem Pfühl,
In der Liebe Seligkeit versunken,
Voll der Andacht, voll von Dankgefühl!
Gleich dem Blüthenthal vor ihrem Blicke,
Gleich des Stromes ungetrübtem Lauf':
Fern dem Unheil, fern dem Missgeschicke,
Ging die Zukunft ihren Träumen auf.
Keine Ahnung jener Schicksalmächte,
Die dem Glücke liefern blut'ge Schlacht:
Weckte noch den süssen Schlaf der Nächte;
Trübte noch der Tage Rosenpracht!
Ach, — und morgen, eh' dem Sonnenwagen
Folgt der Abendröthe letzte Gluht:
Hat Dich, Rosa, schon der Mord erschlagen!
Trank die Erde schon Dein Heldenblut!
IX.
Der 6. August.
»Junker Victor lässt Euch grüssen,
Mit dem Wunsch' an Euer Herz:
Ihm noch, tröstlich, zu versüssen
Bald'ger Trennung-Stunde Schmerz!
Hat am Abend noch zu sorgen,
Im Geschäfte für den Herrn:
Aber schon der nächste Morgen
Findet ihn — dem Hause fern.
Fräulein möge sich bequemen:
Von dem Treuen noch ein Wort,
Vor der Reise zu vernehmen,
Dort, am ihr bewussten Ort'!
Heute, nach vollbrachtem Mahle,
Bei der Mittagsonne Strahl',
Harret Victor Heil im Thale;
Und — vielleicht — zum letzten Mal!«
Diese trauervolle Kunde,
Nicht der Liebe Träumen hold:
Kam der Braut aus Boten-Munde,
Nach dem Schein, von Segewold.
Sinnend ob des Wort's Bedeuten,
Sprach sie dennoch schnell gefasst:
»Wenn sie heut' zu Mittag läuten,
Bin ich meines Trauten Gast.« —
Und der Bote zieht von dannen,
Eilig wie Verhängnissflug:
Seinem Orte zu, von wannen
Ihn der Hölle Dämon trug.
Todeskälte, Fieberbeben,
Namenloses Weh' und Leid:
Ueberzog Dein Rosenleben,
Rosa, wundersüsse Maid!
»Heute, nach vollbrachtem Mahle.
Bei der Mittagsonne Strahl,
Harret Victor Heil im Thale;
Und — vielleicht — zum letzten Mal?«
»Welch Gebot ist dir geworden?
Welche Sendung trägt dich fort? —
Wer, um unser Glück zu morden,
Sprach dir solches Unheilwort? —
Dich, mein Leben, soll ich meiden,
Noch im Frühling deiner Bahn?
Von dem Himmel soll ich scheiden,
Der sich kaum mir aufgethan? —
Träger Morgen, nimm dir Schwingen!
Mittagstunde, komm herbei!
Sich're Kunde mir zu bringen,
Ob mein Traum zu Ende sei. —
Kommen will ich, zu dir eilen:
Einer flücht'gen Stunde Frist,
Glücklich noch, bei Dem zu weilen,
Dessen Glück mein Himmel ist.« —
Also tönt der Jungfrau Klage;
Und sie eilt im Flügelschritt';
Und den Pflegern ihrer Tage
Theilt sie schnell die Kunde mit.
Bergend in der Brust die Wunde,
Ruhig scheinend, ohne Ruh',
Sprach sie; — und der bösen Kunde
Hören bang die Lieben zu.
Inn're Warnerstimmen sprechen,
Zweifel stürmt die alte Brust:
Rosa weiss den Sturm zu brechen,
Sich nur frommer That bewusst.
Weich, wie Flötenklänge wehen,
Zärtlich, wie das Auge sprach,
Sendet sie der Blicke Flehen
Noch einmal die Worte nach:
»Möge Vaterhuld gestatten,
Was die Mutter nie versagt!
Jener Gang im Abendschatten,
Sei zu Mittag heut' gewagt!« —
Und die Lieben? — Sie gewähren
Ihr, zu Tages heller Zeit,
Neu, den alten Gang in Ehren,
Und die Schwester zum Geleit'.
Dann enteilt sie; wählt zum Kleide,
Aus dem hellgebohnten Schrein,
Ihren Festtagschmuck von Seide,
Perlen auch und Edelstein.
Alles muss den Reiz erheben,
Was die schöne Welt entzückt;
Was da ziert der Liebe Leben,
Und — die Braut im Sarge schmückt.
Dann der Liebe zu genügen,
Wählt sie noch ein Busentuch,
Dessen Rand, in gold'nen Zügen,
Darbot diesen Römerspruch:
»Lass' des Muthes Fahne wehen.
Wenn den Stab dein Schicksal bricht!
Lass' dein Leben untergehen,
Aber deine Ehre nicht!«
»Ja,« so sprach sie, »diese Gabe,
Seiner Liebe Brautgeschenk:
Soll mich finden bis zum Grabe,
Treu, des Treuen eingedenk!« —
Rosenroth, wie Rosen's Wangen,
Malet sich des Tuches Grund;
Zarte, gold'ne Sterne prangen,
Mitten d'rauf, im Zirkelrund.
Also, wie zum Hochzeittage,
Schmuckreich, glänzend angethan:
Eilt sie, mit dem Glockenschlage;
Und die Schwester geht voran.
Leutha hüpft im Jubelreigen,
Durch den Hain, ihr Königreich;
Rosa folgt, in düst'rem Schweigen,
Ihrem Todesengel gleich!
Oft noch, wie von Ahnung bange,
Wendet sie den feuchten Blick,
Auf des Lebens letztem Gange,
Nach dem Vaterhaus zurück!
Und mit Augen, deren Milde
Nur von Glück und Segen sprach:
Schauen ihrem Engelbilde,
Lange noch, die Lieben nach.
Sinnend geht sie weit und weiter,
Näher doch dem frühen Grab'!
Engel, auf der Himmelsleiter,
Steigen ihrem Traum' herab.
Doch, die guten Engel weinen!
Schmerz umflort ihr Angesicht!
Und — die Zeichen, die erscheinen,
Melden Glück der Liebe nicht.
Raben, Krähen, Dohlen kreisen,
Wie zu wehren diesem Gang';
Und es tönt, in Schauerweisen,
Um sie her wie Grabgesang!
Durch des Thales grüne Matten,
Sucht und wählt sie neue Bahn;
Sieh, da starrt ein bleicher Schatten
Sie mit Todes-Augen an!
Horch! und Geisterworte schallen,
Wie aus Gräbern, hohl und tief:
»Weh', der Würfel ist gefallen!
Todesbraut — dein Schicksal rief!«
Doch, von Schrecken ungeblendet,
Muthbewehrt am Schauerort,
Ruft, dem Schatten zugewendet,
Rosa Mai — des Bannes Wort:
»Bist du Gottes: lass' mich wandern!
Hab' in deinem Grabe Ruh'!
Aber dienest du dem Andern,
Weiche — deiner Hölle zu!«
Und sie sah das Bild entschwinden,
Wesenlos, in blauer Luft;
Doch, von seiner Heimath künden
Schwefeldampf und Moderduft.
Rosa weilt nun, an den Stufen,
Deren Weg zur Grotte führt;
Aber — and're Stimmen rufen,
Deren »Ach« die Felsen rührt:
»Nah' ist, Jungfrau, dein Verderben!
Nah' der Rose Blüthenfall!« —
Doch die Geistertöne sterben,
Ohne Frucht, im Widerhall.
Muth und Kraft der Liebe siegen;
Das Phantom der Schrecken weicht;
Und sie hat den Fels erstiegen,
Und der Grotte Ziel erreicht.
Ringsum, nach dem Stern des Lebens,
Wendet sie den Blick umher:
Doch ihr Auge sucht vergebens!
Rosa fand — die Grotte leer.
Bleich und kalt, in Weh' begraben.
Schaut sie nach dem Thalgefild;
Einsam, schweigend und erhaben,
Wie am Grab' ein Marmorbild!
So ermass, am Felsenhügel,
Ariadne den Betrug:
Der ihr Glück, mit Windesflügel,
Flüchtig, in die Ferne trug. —
Endlich naht es, — auf den Zehen!
Doch der Ton der Tritte gleicht —
Wolfesgang', der ungesehen,
Leise nach dem Raube schleicht.
Wie ein Tiger gräbt die Zähne
Tief dem Opfer in die Brust;
Wie bei Nacht die Grabhyäne
Nährt an Leichen Würgerlust:
Also naht in Gluht und Feuer,
Ungezähmter Gierde Raub,
Rosa, Dir, das Ungeheuer!
Tränkt mit Blut der Höhle Staub!
Fremdling! soll ich Mehr Dir sagen?
Heute, Fremdling, frage nicht!
Aber, wird ein Morgen tagen:
Folge mir — zum Weltgericht!