Die Weltensegler
Drei Jahre
auf dem Mars
Erzählung für die Jugend
von
Albert Daiber

Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen

Dritte Auflage

Verlag von Levy & Müller in Stuttgart

Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart

Inhalt

Erstes Kapitel
Vorbereitungen[1]
Zweites Kapitel
Die Abreise der Weltensegler[16]
Drittes Kapitel
Zwischen Himmel und Erde[28]
Viertes Kapitel
Auf dem Mars[53]
Fünftes Kapitel
Lumata und Angola[78]
Sechstes Kapitel
Im Reiche der Vergessenen[101]
Siebentes Kapitel
Der Abschied[113]
Achtes Kapitel
Ein Abtrünniger[122]
Neuntes Kapitel
Wieder auf der Erde[128]
Zehntes Kapitel
In der Heimat[142]

Erstes Kapitel
Vorbereitungen

Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weißlich schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze.

Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius, der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen, selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen, ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht.

Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt, um so ungestörter der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt, Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu dem fernen Planeten, daß in Professor Stiller der Gedanke immer festere Wurzeln faßte, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit andern Worten — ihn zu besuchen.

Gerade gegenwärtig stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnützung, vor allem aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können.

Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen. Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe, gedankenschwere Stirn.

„Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich nicht wert, daß ich mich noch länger über sie ärgere! Dem Himmel Dank, daß ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!“ Der Gelehrte stand auf. „Ja, ja,“ fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort, „ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund. Für meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der Pünktliche, nie Fehlende!“

Professor Stiller sah auf seine Uhr. „11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden, und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das Instrument!“ Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten.

„Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben sprechen,“ kam es laut über die Lippen des Gelehrten. „Der Mars besitzt trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig auszunützen, daß, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!“ rief Professor Stiller voll Begeisterung. „Ja, ein Volk mit hoher Kultur muß auf dem Mars wohnen, denn nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende Bauten auszuführen,“ fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort. „Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflußt. Und dieses aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle. Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muß sich da längs der Kanäle, an ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus! Unmöglich wäre dies nicht. Ich muß sie kennenlernen wie den Boden selbst, auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.“

Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch wieder an das Instrument. So verfloß Stunde auf Stunde mit astronomischen Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaßten allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand.

Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser strömen ließ.

Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger Bretterbau.

„Luftschiff für die Mars-Expedition“

stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die üblichen Worte:

„Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!“

Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht schon beendet war.

Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen, die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung übertragen worden.

Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen, doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller geeilt.

Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig mit dem „Weltensegler“, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach. Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie er selbst.

So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei „engeren Stuttgarter“ zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.

Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter), da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mußte wieder von neuem aufgenommen werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzögerte sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem Mars zu fahren!

Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten Wünsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, daß er, unfähig zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte, sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden.

Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock, in seinem von der Sonne durchfluteten, geräumigen Studierzimmer, die Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr günstig. Jetzt, oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich, von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist. Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche Zeitverlust mußte auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnützung der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen, gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so mußte mit jeder Stunde gerechnet werden.

„Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden Langohre da unten“ — Professor Stiller schaute bei diesen Worten von seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt — „einen kleinen Strich durch meine Rechnung machen!“ Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem Professor gegen den Kopf.

Da wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und Schnabel. „Lupus in fabula!“ lächelte Professor Stiller vor sich hin, erinnerte sich aber plötzlich, daß er gestern auf dem Wasen die beiden Herren zu sich bestellt hatte und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen.

„Pünktlichkeit ist Höflichkeit!“ Mit diesen Worten begrüßte Professor Stiller die Eintretenden. „Nehmt Platz,“ fuhr er fort, „und sagt mir sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am Weltensegler in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.“

„Ich wüßte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte,“ meckerte Blieder mit seiner blechernen Stimme.

„Was?“ schrie der Professor erbost, „muß ich dir altem Baumeister, dem vor lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was ich dir gestern tadelnd sagte?“

An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken.

„In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das könntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte,“ entgegnete der Gelehrte.

„Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .“

„Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen niederen Temperaturen im Ätherraum gegenüber völlig widerstandslos. Also hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen, widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muß die Änderung gemacht sein.“

„Aber wenn . . .“ begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor unterbrochen.

„Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, daß ich dir in Anbetracht der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige Sache muß noch verbessert werden. Du dachtest nämlich nicht mehr daran, obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, daß eine Gondel, die während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben muß. Wir benötigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste schließenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am Boden.“

„Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.“

„Glaube ich,“ erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, „wir wünschen aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womöglich heil und gesund den Mars erreichen.“

„Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen die Akkumulatoren und . . .“

„So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu dir, Schnabel! Wovon meinst du, daß unsere Expedition unterwegs leben soll?“

„Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen,“ antwortete schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, eß- und trinkfeste Mathematiker.

„Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?“

„Nun, von Luft!“ entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage.

„Gewiß! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange vor.“

„O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß anbringen zu lassen.“

„So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als möglich gut. Blieder soll dir dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes unmittelbar auf die Aluminiumschraube übertragen.“

„Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!“ brummte Schnabel.

„Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch offenkundigen Unsinn zeitigt!“ entgegnete zornig Professor Stiller. „Ich trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr irgendwie vermehren kann, muß ich nachdrücklich zurückweisen, alles dagegen willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen beizutragen vermag.“

„Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns verlangtest! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist selten etwas recht zu machen.“

„So scheint es wirklich zu sein,“ bestätigte seufzend Blieder.

„Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, daß der Weltensegler nächste Woche segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen, denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben hatte, und zwar als äußersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine Verzögerung. Die Sache muß rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnützen zu können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.“

„Wie lange wird die Reise dauern?“ fragte Schnabel neugierig und bestrebt, der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben.

„Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren können,“ entgegnete Professor Stiller. „Die für die Verbesserung der gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume dauern wird, läßt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurückzulegen haben. Dank der mächtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.“

„Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise mißlingt, was dann?“ forschte Schnabel.

„Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Märtyrer der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse, Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den Triumph der Wissenschaft.“

„Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und kommt ihr einst mit dem Weltensegler glücklich wieder zurück, so werdet ihr in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen vor euch geschah,“ warf Blieder ein.

„Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine Rückkehr denken können,“ entgegnete Professor Stiller lächelnd. „Einige Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wißt, beweisen uns unsere teleskopischen Beobachtungen, daß es ganz besonders hochstehende Wesen sein müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich weit überragen.“

„Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich wäre,“ bemerkte Schnabel hochmütig. „Auf keinen Fall möchte ich mit.“

„Du bleibst auch besser unten auf der Erde,“ entgegnete Professor Stiller. „Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muß die Abreise des Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern, liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruß bereitet, macht also, daß ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden kann.“ Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher.

Zweites Kapitel
Die Abreise der Weltensegler

Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder regste Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen, gewissermaßen wie Mutter und Kind.

Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen, zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.

Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren. Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber doch so, daß auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter Ballon.

Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf das sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen Gase Argonauton gefüllt.

Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt, dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar.

In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war, auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.

Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.

Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze (+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der Gelehrtenwelt.

Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht. Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck. An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den verschiedenartigsten Nahrungsmitteln.

Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem Weltensegler möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht, die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war eine Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch vertikal.

Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge, ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.

So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht allein Groß-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen das große Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der Ozeane, bekannt geworden, daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen Schöpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des Weltenäthers durchschnitt.

Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen werden mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige Preise für ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom erlebt, wie in diesen Tagen.

Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen; sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand.

Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte, was die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.

So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch. Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten Arbeiter.

Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten. Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es ausgegangen war.

Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem günstigen Ergebnis führen mußte.

Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gönnte ihnen den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers überschüttete.

Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute, eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war. Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden, der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine solche Großtat vollbracht werden sollte.

Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen. Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.

Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen. Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten folgende Fächer:

Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,

Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,

Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,

Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,

Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,

Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,

Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.

In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste Umgebung zu richten.

„Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist, ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch — und dies ist der springende Punkt — den Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen, die vorher erfüllt werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde des Abschiedes laut und offen zu erklären, daß möglicherweise unsere Reise von manchen Faktoren ungünstig beeinflußt, durch diese „Unbekannten“, die wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann. Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen Forschung stellen läßt.

Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.“

Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach zerstreuten.

Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten Cannstatter Kursaal ein prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern.

Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei dem kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die mitternächtliche Stunde.

Drittes Kapitel
Zwischen Himmel und Erde

Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor, zunächst einen bescheidenen Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch- und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten keine Abstinenzler waren.

Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt. Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art war für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für gewisse Zeit allein zu übernehmen.

Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7 Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120 Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von 220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden würde.

Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich darüber zu äußern.

„Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren Mangel,“ sprach Professor Dubelmeier.

„Das ist wohl wahr,“ bestätigte Friedolin Frommherz, „alles Licht, auch das unserer Seelen, kommt von oben.“

„Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,“ ergänzte Professor Hämmerle.

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen, und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist,“ entgegnete Frommherz.

„Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für längere Zeit,“ warf Professor Stiller ein.

Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen. Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel.

„Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?“ Diese Fragen kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.

„Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde, liebe Freunde!“ besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen Gefährten. „Es scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches Erzittern,“ fuhr Herr Stiller fort. „Nun seht, er beruhigt sich und treibt wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die Richtigkeit meiner Vermutungen.“ Mit diesen Worten trat Stiller von seinem Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen.

Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke von 4500 Kilometern.

„Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?“ fragte Professor Piller den Kollegen.

„Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen Berechnungen erwartet hatte.“

„Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen, macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt alles, selbst die kühnste Rechnung,“ warf Brummhuber ein.

„Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen haben, um unser Ziel zu erreichen,“ entgegnete Professor Stiller. „Doch ich hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,“ fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, „mit allzu großer Verspätung auf dem Mars an.“

„Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,“ antwortete Thudium.

Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch — Hilfe.

So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise.

Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000 Kilometer. Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen, dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden. Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes gelangen.

Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen. Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute Begeisterung Bahn.

„Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der Mond, der Mond!“ so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden von dem, was die Herren von der Erde her kannten, daß sie einen Vergleich damit gar nicht zu ziehen vermochten.

Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom, kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen, dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen.

„Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm erfrieren,“ rief Professor Stiller. „Wir müssen also schleunigst aus seiner wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den Weltäther.“

Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.

Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß, wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand als der Erde.

Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau — nach Passage der Mondbahn — 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele.

Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu schützen.

Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite, aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen.

Eines Tages — es war in der vierten Woche der Reise — begann die Stille des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen.

„Was ist denn los?“ fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.

„Ich kann es mir nicht erklären,“ entgegnete dieser. „Weder unsere Uhren noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.“

Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr und mehr verstärkenden Lärmes.

„Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos. Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst, die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen muß.“

„Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt sind,“ warf Professor Hämmerle besorgt ein.

In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären.

„Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!“ brüllte Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln erstarb seine Stimme.

Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang, schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den Universitätsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht. Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen. Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer.

Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen.

Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden. Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille seines Freundes und folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen, versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für den Weltensegler war bei der immerhin noch großen Entfernung und der ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster.

Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach abzunehmen begann.

Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.

„An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen Dienst geleistet.“

„Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall, eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?“ fragte Professor Piller neugierig.

Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung, solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine Gletscherbrille eingesteckt.

„Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe ich nichts,“ forschte Professor Brummhuber.

„Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in Tübingen gelassen,“ antwortete Herr Dubelmeier.

„Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,“ lachte Professor Stiller. „Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.“

Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller mit Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter Umständen noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte.

An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile, der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen, eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung.

Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten, warmen Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht, was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing, herumwälzten.

Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen, schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise überhaupt unternommen zu haben.

„Hol’ der Teufel den Mars!“ kam es einmal laut über die Lippen von Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.

„Das wollen wir nicht wünschen,“ erwiderte in etwas herbem Tone Herr Stiller. „Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren. Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für uns.“

„Wahr gesprochen!“ bestätigte Bombastus Brummhuber. „Aber schließlich muß auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.“

„So warten Sie doch erst ab, was kommt!“ rief Professor Stiller zornig.

„Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern werde,“ warf Frommherz ein, „und nun ist diese Zeit herum und . . .“

„Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,“ unterbrach Stiller den Gefährten. „Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch, daß die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.“

„Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!“ tönte es von verschiedenen Seiten.

„Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft alle Anforderungen stellt.“

„Wie groß ist die Entfernung noch?“

„Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!“

„Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!“ stöhnte Professor Dubelmeier.

„Wie soll das enden!“ seufzte Frommherz.

„Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,“ spottete Professor Stiller, über den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.

Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten, schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer strengen Selbstkritik zu unterziehen.

Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen ließen wie im Anfange.

Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet, daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde, und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.

Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen auch noch die Sorge um die Ernährung.

Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu erschreckende Lücken auf.

So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster, in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte. Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte, seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen, ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.

„Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!“ dachte Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.

„Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen — wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten! Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung das bißchen Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!“ Zu diesem Entschluß kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch.

Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert, der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft bemächtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen.

„Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,“ äußerte sich eines Tages Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren kopfnickend bei.

Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise nachzusinnen.

„Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?“ fragte Professor Stiller sich. „Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt wurde?“

Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers, der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren. Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da? Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art des Unterganges seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein großer, stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen, mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfältigste festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil der gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben, nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige Möglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich schließe. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl.

Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm, nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.

„Stiller, was machen Sie da?“ fragte man den Professor aus den verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.

„Ich arbeite an unserer Rettung,“ entgegnete kurz der Gefragte.

„Fürwahr, ein löbliches Werk!“ bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.

„Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!“ bat Professor Dubelmeier.

„Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer Schonung.“

„Stiller hat recht!“ entschied Professor Piller. „Reichen Sie mir lieber aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines. Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!“

„Piller, Sie trinken entschieden zuviel,“ mahnte Dubelmeier, entsprach aber doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten „Zuckerle“ hinüberreichte „Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.“

„Meinetwegen!“ gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. „So, das hat geschmeckt. Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,“ brummte Piller. „Und nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut’s freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise mobil zu erhalten.“ Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in den alten lethargischen Zustand zurück.

Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet. Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, — da trat ein neues Ereignis ein.

„Was, Teufel, ist denn wieder los?“ fragte Piller, plötzlich aus seiner Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in der Gondel hören ließ.

„Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer mit sich führt!“ warf der bergkundige Dubelmeier ein.

Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf. Erregt sprang Professor Stiller auf.

„Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so ist ein kosmischer Regen im Anzuge.“

Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet, als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel lag.

Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden, daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten, ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor Stiller konnte annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr unerwartet glücklich hervorgegangen sei.

Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.

„Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,“ spottete Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.

„O Himmel, das fehlte gerade noch!“ stöhnte der Verwundete, als Piller die Nadel durch die Wundränder stieß. „Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl für mein Leiden?“

„Bah,“ entgegnete Herr Piller trocken, „Unmensch hin, Unmensch her! Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich rote Streifen.“

„Was wird man dann von mir denken?“

„Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die Sache hat ein Ende.“

„Ach, wäre es nur erst vorüber!“

„Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal aber muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,“ brummte der Medizinmann unmutig in den Bart.

Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar, funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert. An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung. Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor.

Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte. Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab.

Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte, die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ, machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art von Bewußtlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß. Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.

Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich alle Lethargie von ihnen gewichen.

Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine mögliche Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Körper zu erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem Gelehrten sofort klar.

„Hurra! Hurra!“ rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen Gefährten zu. „Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe, vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab, da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . .“ Professor Stiller fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.

Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben.

„Wo sind wir?“ fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer Stimme.

„Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und noch nicht auf festem Boden,“ antwortete Professor Piller.

„So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und vorsichtig zum Fallen bringen,“ entschied Stiller.

„Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen übernehmen zu können?“

„Es muß einfach sein!“ Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des Ballons zu orientieren.

Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute Felder und Gärten. Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näherkamen.

Viertes Kapitel
Auf dem Mars

Vom Mars aus — denn er war es wirklich — hatte man das Luftschiff schon längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast, aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker.

Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins, unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren Füßen spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden, um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-, abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.

„Donnerwetter, wie sehen wir aus!“ rief voll Entsetzen Professor Piller, als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.

Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne betrachteten.

„Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen sein?“ bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.

„Warum das?“ fragte Professor Dubelmeier.

„Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken Gewänder!“

„Der Vergleich hat entschieden viel für sich,“ antwortete Professor Stiller, „aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber Hämmerle.“

Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.

„Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.“ Mit diesen Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des Erstaunens an sich herankommen ließen.

„Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?“ Diese etwas banale Frage richtete er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht begriffen zu haben.

„Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von vornherein selbst sagen müssen, Stiller,“ warf Professor Hämmerle tadelnd ein.

„Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.“

Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: „Freunde, wir grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen sind, um euch zu besuchen.“ Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und dasselbe Lächeln als Antwort.

„Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,“ sprach Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele.

„Das fängt gut an!“ murrte Professor Brummhuber.

„Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,“ bemerkte Thudium.

„Wahr gesprochen!“ bestätigte Frommherz.

„Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?“ rief Dubelmeier.

Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart, ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande erkannten daraus sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer Stellung entgegentrat.

Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren, dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen.

Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen. Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an, die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben.

Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen.

„Ein Paradies, in das wir gelangt sind,“ sprach Professor Stiller leise zu dem neben ihm schreitenden Professor Piller. „Ich muß meinen Gefühlen Luft machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?“

„Na, na!“ entgegnete Piller trocken. „Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag. Wußten Sie das nicht, Stiller?“

„Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig. Woher aber wissen Sie das?“

„Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage. Wir haben heute Sonntag, den 7. März.“

„Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch weiter schirmend und schützend umgeben!“ rief Professor Stiller.

„Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und an einen richtigen Herd zu gelangen.“

„O Sie ewig Prosaischer!“ erwiderte lächelnd Professor Stiller. „Hungern und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den Früchten da drüben!“

Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung. „Donnerwetter!“ entfuhr es seinen Lippen. „Sollen diese kolossalen Beeren, die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?“

„Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.“

„Dann leb’ wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!“ rief Herr Piller so laut, daß ihn die andern Kollegen hörten. „Leb’ wohl, Zuckerle, denn den Tropfen, den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.“

„Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,“ flötete Frommherz.

„Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,“ antwortete Piller.

Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten, nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe, säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die Reisenden.

Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen Gebäude, das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen, offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster. Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in die obere, geschlossene Galerie, die durch große Fenster erhellt wurde und mit einer prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Von der Galerie aus gelangte man in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich die Schlafzimmer und Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit.

Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen. Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade.

„Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!“ sprach Piller lachend zu Professor Stiller. „Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.“

„Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht, im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken. Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!“

„Mit Speise und Trank,“ ergänzte Piller den Freund. „Jawohl, Stiller, wenn Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem Mars. Also bis nachher!“ Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser ihrer geräumigen marmornen Badewanne.

Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen, luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den Tisch.

„Das nenne ich fürstliche Pracht,“ rief entzückt Frommherz, nachdem er im Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. „Hier, Freunde, wollen wir uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem Paradiese nahe.“

„Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,“ meinte lächelnd Hämmerle.

„Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das Essen gespannt,“ sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne Piller. „Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande des Neckars.“

„Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,“ entschied Brummhuber, als Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern Kollegen niederlassen wollte.

„Natürlich!“ pflichtete Professor Piller bei. „Ehre, wem Ehre gebührt! Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor!“ Mit diesen Worten goß er sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein und hielt ihn prüfend an die Nase.

„Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines Bouquet.“ Vorsichtig nahm er einen Schluck.

„Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,“ entschied Piller, nachdem er getrunken. „Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!“

„Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem fernen Mars gekommen!“ warf Professor Dubelmeier ein. „Ihr ewiger Durst und Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten auf der Erde festhalten sollen.“

„Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!“ rief Piller voll Grimm. „Was verstehen Sie denn von . . .“

Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich. „Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle. Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und tun Sie mir Bescheid!“

„So, das laß ich mir gefallen,“ brummte Piller; „Stiller ist wirklich ein vernünftiger Knabe.“

„Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!“ Nach dem Beispiele des Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise ausgezeichnet geschmeckt habe.

Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk.

Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und stand auf.

„Silentium, meine Herren!“ Die laute, anregende Unterhaltung der Herren verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. „Meine lieben Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,“ hub Piller an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und schön, daß die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde.

„So empfängt uns der Mars!“ rief in heller Begeisterung Professor Stiller, als die Musik geendet hatte. „Kann es einen schöneren und zugleich erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche Saitenspiel?“

„Nein, gewiß nicht!“ erwiderten die Gefährten einstimmig und voll Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.

„Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,“ foppte Dubelmeier den Freund.

„Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie — Sie unverbesserlicher Wasserphilister.“

Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren.

Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste, ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen. Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie diesen Morgen gekommen waren.

„Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen sind,“ bemerkte besorgt Professor Frommherz.

„Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,“ erwiderte Professor Stiller. „In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen worden.“

Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese den Greis.

„Sehen Sie, daß ich recht hatte?“ Mit diesen Worten wandte sich Stiller an seinen Kollegen Frommherz. „Man kommt doch nicht von der Erde zu so freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht denken.“

„Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!“ antwortete Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.

Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.

„Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in nächster Nähe!“ rief Stiller erfreut. „Freunde, da müssen wir noch heute abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.“

Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte.

Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden, die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu schwelgen.

Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus den Augen.

„Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,“ erklärte Piller, seinen Pokal füllend. „Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun Sie mir lieber Bescheid!“