Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1903 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Vereinzelt wurden Namen und Namensteile alphabetisch nicht korrekt eingeordnet; die originale Reihenfolge der Begriffe wurde dennoch beibehalten. Zu einigen Verweisen im enzyklopädischen Teil des Buches existiert keine Entsprechung. Verschiedentlich wurden Seitenzahlen in Verweisen dem gegebenen Inhalt angepasst. Die ‚[Berichtigungen]‘ am Ende des Buches wurden bereits in den Text eingearbeitet.

Hochgestellte Zahlen in geschweiften Klammern, z. B. {17}, verweisen auf Beispiele der altdeutschen Namensbildung, von welchen verschiedene ausgewählte Formen im Abschnitt 5, [‚Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.‘] vorgestellt werden.

Die [Fußnoten] wurden an das Ende des ersten Teils (‚Abhandlung‘) verschoben.

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Albert Heintze,

Die deutschen Familiennamen.

Die
Deutschen Familiennamen

geschichtlich, geographisch, sprachlich.

Von

Prof. Albert Heintze,
Verfasser von „Gut Deutsch“.

Zweite verbesserte und sehr vermehrte Auflage.

Halle a. S.
Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.
1903.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort
zur ersten Auflage.

Nachdem in den letzten Jahrzehnten eine ganze Literatur über die deutschen Eigennamen erblüht ist, habe ich den Versuch gemacht, die wesentlichsten Ergebnisse der bisherigen Forschungen, soweit sie die Familiennamen betreffen, einem größern Kreise, dem der Gebildeten überhaupt, in möglichst übersichtlicher und handlicher Form darzulegen. Demgemäß schildert der erste Teil dieses Buches zusammenhängend die deutschen Familiennamen nach ihrer Entwickelung und ihren Klassen, während der zweite Teil eine lexikalische Zusammenstellung der wichtigsten Bildungselemente (und Namen) enthält.

Die Grundlage dieser Darstellung bilden zunächst die einschlagenden Werke von Förstemann, Pott, Abel, Stark, Andresen, denen sich für die Namen der zweiten und dritten Schicht der freilich oft unkritische Vilmar anreiht. Wenig Ausbeute lieferten im allgemeinen die Namenbücher, welche den Wohnungsanzeiger irgend einer Hauptstadt, meist in ziemlich oberflächlicher Art, behandeln. Als entschieden wertvoller erwiesen sich dagegen einige Arbeiten in Jahresberichten höherer Schulen.

Besondere Aufmerksamkeit habe ich auf ein bisher weniger berücksichtigtes Gebiet, nämlich auf die geographische Verteilung der Familiennamen verwendet. Das bezügliche Material lieferten hauptsächlich, während der letzten Kriege (von 1866, 1870–71), die Verlustlisten der preußischen und deutschen Heere, aus welchen ich viele tausende von Namen zu diesem Behufe mit Vorsicht ausgezogen und geordnet habe.

Auf einem so schwierigen Gebiete, wie die Behandlung und Erklärung der Eigennamen ist, kann nur durch vereinte Kräfte vieler größere Sicherheit gewonnen werden. Daher gestatte ich mir an alle, welche sich für diesen Zweig unserer Sprache und Kultur interessieren, die Bitte, mich brieflich durch Beiträge, insbesondere durch Berichtigung etwaiger Fehler, die sich in meiner Arbeit finden, freundlichst zu unterstützen.

Und so möge denn dieses Buch, auf welches ich im Lauf der Jahre so manche Stunde verwendet habe, zum bessern Verständnis unserer Familiennamen und damit auch zur Belebung echt deutschen Sinnes an seinem bescheidenen Teile beitragen!

Vorwort
zur zweiten Auflage.

Das ganze die deutschen Familiennamen behandelnde Schrifttum, insbesondere die vielen in letzter Zeit erschienenen Einzelschriften auszuschöpfen, konnte auch bei dieser neuen Auflage nicht meine Absicht sein. Durch eine solche Erweiterung wäre das Buch übermäßig angeschwellt und somit auch für einen größeren Kreis übermäßig verteuert worden. Immerhin sind mehrere tausend Namen dem Lexikon neu eingereiht, unter steter Bevorzugung des Gesicherten und Feststehenden.

In der Abhandlung ist vornehmlich die Übersicht der landschaftlichen Verteilung der Familiennamen weitergeführt und auf einen großen Teil des hochdeutschen Sprachgebietes ausgedehnt worden.

Für freundliche Unterstützung sage ich besonderen Dank den Herren Archivrat Dr. Jacobs in Wernigerode, Gymnasial-Rektor Prof. Erbe in Ludwigsburg, Prof. Dr. Cascorbi in Münden, Prof. Böhme in Stolp.

Stolp in Pommern, im Juli 1903.

A. Heintze.

Inhalt.

I. Abhandlung. Seite
Einleitung [3]
 1. Die Elemente der deutschen Familiennamen (dreifache Schicht) [9]
 2. Die Personennamen überhaupt — ein Spiegel des Volksgeistes. Namen der Griechen, Römer, Israeliten [9]
 3. Die altgermanische Namenwelt [12]
 4. Übereinstimmung der deutschen Namengebung mit der griechischen [19]
 5. Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft [20]
 6. Fremdsprachige (kirchliche) Namen [24]
 7. Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen [26]
 8. Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen [30]
 9. [Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen:]
a) Kürzungen und Verkleinerungen [32]
b) Genetivische Namen [34]
10. Kirchliche Personennamen als Familiennamen [36]
11. [Familien-Namen der dritten Schicht:]
a) Stand und Gewerbe [39]
Werkzeuge und Kleidungsstücke [44]
Speisen [46]
12. [Familiennamen der dritten Schicht:]
b) Eigenschaften [47]
Körperteile [49]
Satznamen [50]
13. [Familiennamen der dritten Schicht:]
c) Herkunft und Wohnstätte [53]
Adelsnamen [58]
Häusernamen [59]
14. Würdigung der deutschen Familiennamen nach Gehalt und Form [62]
15. Latinisierungen [63]
16. Jüdische Namen [66]
17. Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der Neuzeit [68]
18. Geographische Verbreitung der deutschen Familiennamen [70]
19. [Genauere Angabe der Verteilung der Familiennamen:]
a) Niederdeutschland [73]
b) Oberdeutschland [78]
20. Stillstand oder Bewegung in der Namenwelt? [84]
Beilage 1. Godeberaht [85]
„   2. Entwickelung einer Namenreihe während der Neuzeit [87]
„   3. [Fremdsprachige Namen in Deutschland:]
a) Slawische [88]
b) Littauische [90]
c) Romanische [91]
II.
Namen-Lexikon [93]

I.
Abhandlung.

Einleitung.

Unsere Geschlechts- oder Familien-Namen erscheinen uns, wenn wir genauer nach ihrem eigentlichen Sinne fragen, in der weitaus größten Zahl rätselhaft und unverständlich. Denn was bedeuten Namen wie z. B.: Hildebrand, Gundlach, Odebrecht, Rüdiger, Amelung? Ist das nicht, wie wenn eine Reihe von Rittern vor uns aufmarschierte, aber alle mit geschlossenem Visier? Oder kürzere Namen wie: Renz, Wenz, Benz, Bopp, Dapp, Rapp, Rupp, Dromtra, Krumtum, Zumtrum! Wird uns da nicht zu Mut, als ob wir einen Chor wunderlicher Kobolde sähen, die uns neckend umhüpfen?

Nun, wir wollen es einmal versuchen, ob wir den Rittern ihr Visier nicht öffnen, ob wir die neckischen Kobolde nicht zwingen können, daß sie uns standhalten und Namen und Abkunft sagen.

Denn ein merkwürdig und wunderlich Ding ist es im Grunde doch, daß der Mensch in seinem Namen so einen Begleiter durch das Leben erhält, der ihm stets mit geschlossenem Visier zur Seite geht, einen Gefährten, der ihn von der Wiege bis zur Bahre geleitet, siebenzig, achtzig Jahre lang, und dennoch in seinem Wesen nicht erkannt wird, stets nur sein Äußeres, nie sein Inneres aufweist — dessen wahre Gestalt also verborgen bleibt. Und doch bewahren wir den unerkannten Begleiter so sorgsam, wir dulden es nicht, daß er in irgend etwas verkürzt werde, daß ihm ein Buchstab, sollte er auch für die Aussprache nichts verschlagen, genommen oder zugesetzt werde, wir bewahren den Namen mit allen unorthographischen ck und tz und dt.

So wachen wir sorglich über die äußere Gestalt und Hülle, und um den inneren Gehalt und Kern sollten wir uns nicht bekümmern, nie danach fragen?

Etwas Bedeutungsloses ist ein solcher Name jedenfalls nicht, so sinnlos und bedeutungsleer er auch vielfach scheinen mag. Es ist kein leerer Schall, welcher rein der Willkür und der Laune des Zufalls sein Dasein zu verdanken hätte. Etwas — das kann hier im voraus versichert werden — etwas bedeutet von Hause aus ein jeder Name, und dieser Satz behält seine Wahrheit auch gegenüber den tausenden unserer Familiennamen, die uns so dunkel und unverständlich klingen.

Aber wie hat denn Sinn und Bedeutung der Namen so sehr entschwinden können? — Das hat mehr als einen Grund. Vor allen Dingen liegt es am Alter der Familiennamen. Dieselben sind fest geworden in der zweiten Hälfte des Mittelalters, also vor mindestens 500–600 Jahren. Damals sind sie fest geworden, d. h. während bisher der Name vom Vater auf den Sohn wechselte, wie noch jetzt bei uns die Vornamen, so befestigte sich nunmehr allmählich in der Familie ein Name, der vom Vater auf den Sohn überging und an dem ganzen Geschlechte haften blieb. Diese Entwickelung trat allerdings erst vor etwa einem halben Jahrtausend ein; die Namen aber, welche sich damals als Familiennamen festsetzten, sind nicht erst damals auch entstanden, sondern gehen, als Personennamen, meist weit höher hinauf, bis in die Zeiten der Völkerwanderung — es braucht hier nur an die hervorragendsten Gestalten des Nibelungenliedes erinnert zu werden, an Siegfried, Hagen, Gunther, Dietrich, Rüdiger, Namen, die wir sämtlich, wenn auch vielleicht ein wenig verändert, in der Gegenwart als Familiennamen, zum Teil auch als Vornamen häufig finden. Einzelne reichen noch höher hinauf, bis zu den Anfängen der germanischen Geschichte, wie sie uns in freilich lückenhafter Kunde Griechen und Römer überliefert haben, ja über Armin und Marbod hinauf in Zeiten, da wohl noch kein Germane Fuß und Speer auf den Boden des nachmaligen Deutschland gesetzt hatte.

Nun haben aber die Eigennamen mit der stetigen Weiterentwicklung der Sprache nicht gleichen Schritt gehalten, sie sind je länger je weniger mitgegangen, zumal seit sie als Familiennamen festgeworden. Die Veränderungen, welche die Sprache zu erleiden gehabt, haben sie als das geheiligte Eigentum des einzelnen nicht gleichmäßig mitgemacht, sie sind stehen geblieben; die Stürme der Zeiten, welche die alten Sitten und Weisen hinweggefegt, haben sie nur wenig berührt. So stehen die Namen da gleich den Ruinen der Ritterburgen, als Zeugen einer vergangenen Zeit. Die alten Wortformen sind untergegangen in dem sonstigen Gebrauch der Sprache, manche Stämme und Wurzelwörter ganz abhanden gekommen, wie Zweige eines Baumes, ganze Stämme verdorren; doch in den Namen sind sie noch da, wenn auch dem Verständnis entrückt. So verstehen wir von dem Namen Hildebrand die letzte Silbe wohl noch, was heißt aber hilde? Hier gibt uns unser Neuhochdeutsch nicht mehr Aufschluß, wir müssen weiter hinaufsteigen, zum Altdeutschen, um den Schlüssel für diesen noch jetzt gar nicht seltenen Namen zu holen. Hild heißt Kampf, Schlacht, also Hildebrand: Kampfesbrand, Schlachtenbrand — gewiß ein trefflicher Name für einen Helden, der wie verzehrendes Feuer um sich her wütet in der Schlacht! Ähnlich ist es mit der Silbe mar, berühmt, in Waldemar (berühmt im Walten), Germar (speerberühmt), sowie mit rud, welches gleichfalls berühmt bedeutet, in Rudolf, Rüdiger. So könnten der verschollenen Stämme noch gar manche aufgeführt werden; andere haben wenigstens ihre Bedeutung geändert, wie schalk (ursprünglich „Knecht“), und wir als geborene Deutsche müssen bei den Gelehrten Rat suchen, um uns diese urdeutschen Namen wie fremde erklären zu lassen. Es ist Moos darum gewachsen, Rost hat sich auf das Metall gelegt und will mit behutsamer Hand entfernt sein, ehe uns wieder der edle, reine Metallglanz entgegenstrahlt.

So nehmen denn die Eigennamen eine besondere, eine Ausnahmestellung in der Sprache vor allen anderen Wörterklassen ein; sie gehen nicht mit der Zeit mit, sie kümmern sich nicht darum, ob man sie versteht, sie haben ihre eigenen Formen, die nicht angetastet werden dürfen, ja ihre eigene Rechtschreibung.

Aber es ist nicht allein das hohe Alter der Namen und ihre von daher großenteils bewahrte Form, wodurch sie so dunkel und rätselhaft, fast hieroglyphengleich geworden sind — auch die mannigfachen Mundarten, in welche sich das Deutsche spaltet, tragen dazu bei, die Bedeutung der Familiennamen zu verhüllen. Als diese sich bildeten, waren die verschiedenen Mundarten Deutschlands noch in vollerer Blüte, eine allgemein herrschende Schriftsprache war noch nicht vorhanden. So setzten sich denn auch die Familiennamen für jede Landschaft zunächst in der dort verbreiteten Mundart fest. Sieht man sich z. B. die lange Reihe pommerischer Namen aus der Zeit Herzog Bogislaws X. an, wie sie Klempin in seinen „Diplomatischen Beiträgen zur Geschichte Pommerns“ aufstellt, so wird man alles, was darin an Namen deutsch ist, eben als niederdeutsch erfinden: Apenborch, Benekendorp, van deme Berghe, Bilrebeke, Blome, Boddeker, Bokholt usw. Als nun nach Luther das Hochdeutsche auch im Norden allmählich als Schriftsprache durchdrang, wurden diese „plattdeutschen“ Namen allerdings zum größten Teile dem neuen Lautsystem angepaßt, aber doch nicht ausnahmslos: viel Niederdeutsches blieb und bleibt stehen. So schimmert die ursprüngliche mundartliche Grundlage für ganz Niederdeutschland in den Familiennamen noch überall durch in Formen wie: Schulte, Möller, Flashaar, Niebuhr (neben Neubauer), Voß, Utermöhlen („aus der Mühle“), Cassebaum (halbniederd. = Kirschbaum) usw. Dahin gehört besonders auch die große Zahl von Verkleinerungsformen auf ke, die meist von einheimischen oder auch ausländischen Vornamen herrühren, z. B. Gerike von Gerhard, Jahnke von Johannes. Im Oberdeutschen finden wir statt dessen die Endung el, auch z, z. B. Dietel, Dietz für Dietrich. Diese und viele andere Verkleinerungswörter, oder wenn man will „Schmeichelformen“, die sich vorzugsweis als Familiennamen festgesetzt haben, erfordern zu ihrer Entzifferung, wenn dieselbe mehr als ein bloßes Raten sein soll, Kenntnis der Dialekte und ihrer oft höchst eigentümlichen Formen. Wer möchte z. B. durch bloßes Vermuten darauf kommen, daß Hiesel aus Matthias, Gilles aus Ägidius, Grolms aus Hieronymus entstanden ist! Nicht minder macht sich dies geltend bei der zahlreichen Klasse der von Beschäftigungen, von Amt und Gewerbe entlehnten Familiennamen, da die Bezeichnungen gerade auf diesem Gebiete landschaftlich oft sehr verschieden sind.

Nicht genug, daß die Mundarten ihre Einflüsse geltend gemacht haben — alles das ist immer doch noch deutsch — aber auch von außerhalb der Grenzen unserer Sprache sind bedeutende Einströmungen erfolgt. So wenig das jetzige deutsche Volk ein ganz ungemischtes ist, so wenig sind die Familiennamen durchweg deutsch. Vor allem ist die Beimischung der Slawen hervorzuheben. Diese erfüllten bekanntlich, von den Zeiten der Völkerwanderung her, den ganzen Osten Deutschlands bis zur Elbe und Saale. Als sie endlich wieder zurückgedrängt wurden, blieben doch viele in ihrer seit so langer Zeit eingenommenen westlichen Heimat sitzen und wurden erst allmählich und nicht überall germanisiert. Diese Grundlage des Slawischen auch in längst wieder deutsch gewordenen Strichen tritt wie in den Ortsnamen, so auch in den Familiennamen hervor, ein bedeutender Bruchteil ist slawisch: wendisch, polnisch — selbst Tschechen dringen aus Böhmen herauf. Vor allen kenntlich sind die polnischen Namen auf ski, wie Lichnowski, Kosinsky; nicht minder aber sind slawisch, meist eben von den entsprechenden Ortsnamen entlehnt, die Namen auf ow (mit stummem w): Passow; die auf itz: Miltitz, vergröbert itsch: Delitzsch; die auf in: Schwerin — nicht zu vergessen die mit slawa (Ruhm) selbst zusammengesetzten Personennamen: Bogislaw, Bugslaff, zuletzt Butzlaff (mit lang zu sprechendem u, „Gottesruhm“).

Dann ist ein, wenn auch lange nicht so starker, doch immerhin in Anschlag zu bringender Bruchteil romanischen Blutes aufgenommen worden, hauptsächlich aus Frankreich, in den Auswanderern, welche unter Ludwig XIV. ihres protestantischen Glaubens wegen ihr Vaterland als „Réfugiés“ verlassen mußten und in Deutschland liebevolle Aufnahme und eine neue Heimat fanden. Daher nun französische Familiennamen, wie Palmier, du Mesnil, de Convenant.

Zum Schluß verdient noch Erwähnung, daß selbst das Littauische, so entlegen es dem Völkerverkehr ist, sein Fähnlein gestellt hat, z. B. Kaprolatis, Adomeit. In Berlin sind littauische Namen nicht selten, und in Königsberg gar wimmelt es von ihnen.

So sind denn slawische Elemente von Ost und Südost, littauische von Nordost, romanische von West und Südwest eingedrungen und zwar in bedeutendem Maße. Man mache die Probe an irgend einer Namenreihe — eines Regierungskollegiums, eines Stadtverordneten- oder Lehrerkollegiums — in dem östlichen Deutschland, und man wird selten die Namen rein deutsch finden.

Wir haben es also in der Welt der Familiennamen, wie sie gegenwärtig in Deutschland ist, mit einem Gemisch nicht bloß aus verschiedenen Zeitaltern und Mundarten, sondern sogar aus ganz verschiedenen Sprachen zu tun. Dadurch wird begreiflicherweise die Erforschung der Namen außerordentlich erschwert. Denn wer vollkommen gerüstet ans Werk gehen wollte, um die in Deutschland jetzt vorkommenden Familiennamen zu erklären, müßte eine sehr umfassende Sprachkenntnis besitzen, nicht allein des Deutschen nach seinen Verzweigungen und des Romanischen, sondern vor allen Dingen auch des Slawischen, und zwar in seinen verschiedenen Mundarten.

Aber selbst wer diese umfassende Sprachkenntnis besäße, würde doch noch genug Hindernisse zu überwinden haben und oft mutlos das kritische Messer sinken lassen. Ja, wenn die Namen in reiner, unverfälschter und unentstellter Form vorlägen! Aber wieviel Entstellungen, Verstümmelungen und besonders Umdeutungen haben sie sich müssen gefallen lassen trotz aller beanspruchten Unantastbarkeit, die fremden zumal, die man nicht verstand! Butzlaff statt Bogislaw (Bugslaff) ist noch nicht arg; wenn aber Warneking (Verkleinerungsform von Werner) sich in Warnkönig, wenn Christian sich einerseits in Kirschstein, anderseits in Kasten, Bley gar sich in Pflaumbaum wandeln konnte, so sieht man, daß hier Dinge möglich und häufig sind, die bei den Gemeinnamen (Appellativen) glücklicherweise zu den größten Seltenheiten gehören.

Das alles sind unabsichtliche Entstellungen; es kommt aber auch vor, daß der Träger eines Namens in bewußter Weise diesen Namen, weil er ihm nicht zusagt, umändert und entstellt, z. B. ein Faßbinder nennt sich Vasbender, ein Knieriem schreibt sich wenigstens Cnyrim. Das ist ein harmloses Vergnügen; ganz anders ist es, wenn jemand seinen ehrlichen deutschen Namen verachtet, weil er eben nur deutsch ist, und ihn in ein fremdartiges Gewand hüllt, damit er vornehmer klinge. In der Art versündigten sich besonders die Gelehrten im 16. und 17. Jahrhundert, indem sie ihre untadeligen deutschen Namen latinisierten, ihnen eine zuweilen recht schlotterige Toga umwarfen. Weil man dabei ziemlich willkürlich und gewaltsam verfuhr, so ist die Rückübersetzung häufig schwierig. Olearius z. B. kann die Übersetzung von drei Namen sein: Öhlmann, Öhler, Öhlenschläger. Andere sind gar nicht mehr nach ihrer Bedeutung zu entziffern.

So haben denn gar mannigfache Einflüsse verschleiernd und verdunkelnd auf die Familiennamen eingewirkt. Dieselben sind, um es nochmals zusammenzufassen: 1. das Alter der Namen, das nach Jahrhunderten, zum Teil nach Jahrtausenden zu berechnen ist, und in Verbindung damit die verschiedenen Entwickelungsstufen der Sprache; 2. der trübende Einfluß der Mundarten; 3. die Mischung mit fremden Sprachelementen; 4. Mißverständnisse und willkürliche Entstellungen. Daher ist es denn auch kein Wunder, wenn die große Mehrheit der Familienbezeichnungen uns so unverständlich ist, wenn die tausende und aber tausende von Namen, die unter diesen Einflüssen zusammengekommen sind, das Bild eines dichtverschlungenen Urwaldes darbieten, in welchem man fast bei jedem Schritt auf Schwierigkeiten und Hindernisse stößt.

Aber diese Schwierigkeiten, so groß sie zum Teil sind, dürfen von der Betrachtung der Familiennamen und ihrer Erforschung nicht zurückschrecken. Das verbietet — abgesehen von dem Interesse, welches es doch für den einzelnen haben muß, die Bedeutung seines Namens zu wissen — die Wichtigkeit des Gegenstandes überhaupt. Die Eigennamen (Personen- und Ortsnamen) bilden einen Teil der Sprache, und zwar in den altdeutschen Namen den ältesten, den unsere Sprache überhaupt als erhalten aufzuweisen hat. Wenn man nun die übrigen Wörterklassen betrachtet, ihre Bildungsgesetze erforscht und darstellt, so sind die Eigennamen dabei nicht zu übergehen, ihnen gebührt dieselbe Aufmerksamkeit. Auch in ihnen webt und wirkt der Geist der Sprache. Wollte man sie beiseite lassen, so würde die Kenntnis der Sprache an einer bedeutenden Lücke leiden, ein großes Gebiet wäre unerhellt.

Das ist die Bedeutung, welche die Namenkunde nach der sprachlichen Seite hat. Aber in der Sprache spiegelt sich der Geist des Volkes, und in ganz besonderem Maße gerade in den Namen. Ihren Stolz und ihre Sehnsucht, ihren Glauben und ihren Aberglauben, ihre ganze Lebensanschauung haben ursprüngliche Völker, wie das germanische, in ihre Namen gelegt. Und weiter, auch die späteren Entwickelungen im Leben des Volkes, in Sitten und Einrichtungen, Zuständen und Anschauungen lassen hier ihren Niederschlag zurück, so daß wir ein gutes Stück unserer Kulturgeschichte an den Familiennamen herabbuchstabieren können. Dieselben gleichen den Versteinerungen der Urzeit: aus den Umwälzungen früherer Perioden sind sie übrig geblieben als Zeugen von dem, was einstmals war. Freilich ist es schwer und oft gar nicht mehr möglich, die Bedeutung mancher Namen zu ergründen; aber wo es möglich ist, da erschließen sich uns ganz neue, unverfälschte Quellen für die Erkenntnis der Denk- und Sinnesart unseres Volkes in längst vergangener Zeit. So ist es denn keine undankbare Mühe, es ist eine schöne und nach mehr als einer Seite hin lohnende und fruchtbringende Beschäftigung, in diese reiche Welt der Namen zu gehen, das nur schlummernde Leben in den scheinbar kalten und toten Zeichen wieder zu erwecken, der stillen Sprache zu lauschen, die sie, die unsere Vorfahren durch sie zu uns reden.

„Vergangenheit entsteigt dem dunklen Grab

Und gibt uns manche wundersame Kunde.“

1.
Die Elemente der deutschen Familiennamen (dreifache Schicht).

Die deutschen Familien- oder Geschlechtsnamen sind als solche, wie schon in der Einleitung hervorgehoben ist, verhältnismäßig jung; erst im Ausgange des Mittelalters, im 12. bis 14. Jahrhundert, haben diese vom Vater auf den Sohn vererbenden Bezeichnungen sich allmählich festgesetzt. Die Elemente jedoch, aus welchen sich damals die Familiennamen gebildet, gehen meist viel weiter zurück; es lassen sich darin drei Schichten unterscheiden, die sich wie Geschiebe eines Gebirges auf- und ineinander gelagert haben. Diese sind:

1. alteinheimische, ursprünglich heidnische Personennamen, d. h. nicht forterbende Benennungen einzelner Personen (z. B. Albrecht und Arnold);

2. später dazugekommene fremde Personennamen aus christlicher Zeit (z. B. Peter und Paul).

Beide Klassen haben das gemein, daß sie von Hause aus Personen- oder Einzelnamen gewesen sind und auch nach ihrem Festwerden (als Familiennamen) großenteils noch daneben als Personen-, d. h. nunmehr Vornamen, verwendet werden. Zu ihnen gesellt sich nun aber

3. eine dritte Klasse von Bezeichnungen, ursprünglich nur unterscheidende Zusätze zu den Personennamen der beiden ersten Schichten: Namen jüngster Periode (z. B. Weber und Wittenberg).[1]

Betrachten wir zunächst die beiden ersten Schichten genauer, um ein möglichst anschauliches Bild von den Grundlagen zu gewinnen, auf denen die Bildung unserer Familiennamen beruht.

2.
Die Personennamen überhaupt — ein Spiegel des Volksgeistes.
Namen der Griechen, Römer, Israeliten.

Daß in den Eigennamen eines Volkes sich der Geist dieses Volkes, der Charakter desselben in seiner Eigentümlichkeit abspiegele, nicht minder als in seinen Sitten und Taten, dieser Satz gilt in besonderem Maße von den ältesten Namen, welche sich bildeten, da das Volk noch unberührt von fremden Einflüssen, in voller Selbständigkeit sich entwickelte. So redet eben durch die Namen die uralte Vergangenheit zu der Gegenwart, die Vorfahren reden durch sie zu den nachkommenden Geschlechtern und enthüllen ihnen ihren Geist und Sinn.

Werfen wir zum Beweise einen vergleichenden Blick auf die drei Völker, welche für uns die Hauptvölker des Altertums sind, die Griechen, die Römer und die Israeliten, so treten uns hier die allerbezeichnendsten Verschiedenheiten entgegen.

Das edle, hochbegabte Volk der Griechen zeigt auch in seinen Personennamen eine reiche Phantasie, einen idealen Schwung. Die Namen gehen überwiegend auf das Geistige, auf edle Eigenschaften und Beschäftigungen. Das beweist die Fülle der Namen, die auf kles (Ruhm) endigen: Perikles (sehr berühmt), Sophokles (durch Weisheit berühmt), Themistokles (durch Gerechtigkeit berühmt), Kallikles (durch Schönheit berühmt) — oder die mit der Silbe kle anfangen: Kleophanes (ruhmstrahlend). Viele beziehen sich auf das Vorangehen und Erster sein, gleichsam Bezeichnungen für Männer, die jenen homerischen Wahlspruch: „Stets der Beste zu sein und vorzustreben den andern“ in sich zur Verkörperung gebracht haben. So die mannigfachen Bildungen von Aristos (der Beste), ferner Namen wie Poliarchos (Stadtherrscher), Agesilaos (Volksführer), Eurysthenes (weit gewaltig) — auch Thrasybulos (kühn im Rat), Megistophron (das Größte denkend). Auf Kampf und Sieg gehen Nausimachos (zu Schiffe kämpfend), Nikophanes (siegprangend). Wie jedoch jene homerischen Helden das Wort ebenso trefflich zu handhaben wissen wie das Schwert, so stellt sich neben die kriegerischen Namen eine fast ebenso lange Reibe von Namen, welche die Beredsamkeit feiern, z. B. Aglaophon (herrlich redend), Anaxagoras, Protagoras — letztere zum Beweise, wie hoch der Grieche seine Agora, die Volksversammlung, hielt. Aber in der Reihe dieser edlen und ruhmwürdigen Eigenschaften ist auch die Götterfurcht unvergessen; den Beweis geben die vielen mit Theos (Gott) zusammengesetzten Namen, wie Theodotos (gottgegeben), Timotheos (Ehregott), dazu mannigfache Ableitungen von den Namen einzelner Gottheiten, von Dionysos (Bacchus): Dionysios, von Hera (Juno): Herodotos, von Apollon: Apollonios. Im Einklange damit stechen unter den Tieren in der Namengebung hervor der Löwe, das königliche Tier, in vorgeschichtlicher Zeit in Griechenland einheimisch: Leon, Timoleon, das edle Roß, dem Poseidon heilig, in besonders zahlreichen Namen: Hippias und Hipparchos, Hippokrates, Philippos, Aristippos.

Während so die griechischen Personennamen ein ideales, poetisches Gepräge haben, indem edle, meistens geistige Eigenschaften in ihnen anklingen, bilden dazu den allerschroffsten Gegensatz die Römer. Hier ist von Poesie und Idealität wenig zu finden; die römischen Namen haben ein durchaus prosaisches Gepräge und bewegen sich meist in einer sehr niederen Region. Zunächst halten sie sich an die erste und hauptsächlichste Beschäftigung der alten Römer, den Ackerbau: Agricola (Landbauer), Fabius, Cicero, Piso (Bohnen-, Erbsen-, Wickenmann),[2] und in Zusammenhang damit an die Viehzucht: Porcius (Schweinezüchter), Asinius (Eselzüchter). Schon hierbei kann es befremden, daß die großen Römerhelden keine edleren Namen führten als Bohnenmann, Erbsenmann, Schweinemann. Doch mögen wir diese Namen trotz ihrem Erdgeruche noch gelten lassen, da der Ackerbau die Grundlage des römischen und überhaupt jedes italischen Gemeinwesens war und derselbe allewege eine hochehrenwerte Beschäftigung ist. Es ist freilich etwas Hausbackenes und Massives,[3] aber doch immer etwas sehr Praktisches und Solides in den Namen dieses Schlages. Aber was soll man zu der langen Reihe der Namen sagen, die von äußerlichen Zufälligkeiten und Gebrechen hergenommen sind, wie Niger, Rufus, Flavius, Livius (der Schwarze, der Rote, der Gelbliche, der Bläuliche), Longus, Paullus, Crassus, Macer (der Lange, der Kleine, der Dicke, der Magere), Calvus (der Kahlkopf), Capito (der Großkopf), Naso (der Nasenkönig), Paetus (der Schieler), Caecus (der Blinde), Balbus (der Stammler), Claudius (der Lahme), Plautus (der Plattfuß), Scaurus (der Klumpfuß) — die Reihe ist fast endlos, ich breche ab, um nicht durch fernere Aufzählung zu ermüden. Ist es doch, als käme man in ein Lazarett oder eine orthopädische Anstalt! Das Äußerste jedoch in nüchterner Prosa und Armut an Erfindungsgabe leisten die Zahlnamen: Secundus, Tertius, Quintus, Sextus (mit mehrfachen Ableitungen wie Sextius, Octavianus), die bloß herzählen, daß jemand der zweite, dritte usw. Sohn seines Vaters sei. Welche geistige Armut, wenn ein Vater seinem Kinde nichts weiter im Namen mitzugeben weiß, als daß es Nr. 2, Nr. 3 ist!

Diese Namen, welche eben die römische Namengebung beherrschen, verraten einen großen Mangel des römischen Geistes, eine starke Einseitigkeit der Anschauungs- und Auffassungsweise. Fürwahr, man braucht nur diese Namenliste anzusehen, um kühnlich zu prophezeien, daß ein solches Volk auch auf geistigem Gebiete, besonders in der Dichtung, wenig leisten werde. Auf solchem Boden können die goldenen Hesperidenäpfel der Poesie schwerlich gedeihen. Dagegen bekundet eine derartige Namengebung eine hervorstechende Anlage und Neigung zum Auffassen menschlicher Schwächen, d. h. zur Satire. In der Tat ist auch die Satire der einzige Zweig der poetischen Literatur, worin die Römer etwas Bedeutendes, Ureigenes geschaffen haben.

Ein Element, welches schon in der griechischen Namengebung, doch nur in zweiter Reihe hervortrat, der fromme Sinn, die alles auf die Gottheit beziehende Lebensanschauung, kommt zur vollen Entfaltung bei den Orientalen, namentlich dem Volke der Israeliten. Dies wird durch das Vorwiegen der Namen bezeugt, die mit der Silbe ja (jo, je) — Abkürzungen von Jehova (Jahve) — oder mit el anfangen oder auch schließen. Beides bedeutet „Gott“, also[4] Josua (dessen Hülfe Jehova ist), Johannes (den Jehova geschenkt hat), mit ähnlichem Sinne Jonathan (den Jehova gegeben), Josaphat (dem Jehova Recht schafft); — Obadja (Knecht Gottes, vgl. arabisch Abdallah), Sacharja, Zacharias (dessen Jehova gedenkt); — Elimelech (dem Gott König ist), Elieser (dem Gott Hülfe ist), in derselben Bedeutung Eleasar (Lazarus); — Nathanael (den Gott gegeben), Joel (die beiden Gottesnamen verbunden: dem Jehova Gott ist). Hieran reihen sich noch mehrere, bei welchen diese Beziehung nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber doch leicht zu ergänzen ist, z. B. Nathan, abgekürzt aus Jonathan, Saul (der Erbetene, nämlich von Gott).

3.
Die altgermanische Namenwelt.

Wenden wir uns, nachdem wir dies vorausgeschickt, zu unserm Volke in seiner ungetrübten Ursprünglichkeit und fragen: Was ist das Eigentümliche der altgermanischen Namengebung?

Der Geist und Sinn, die ganze Anschauungsweise eines ursprünglichen Volkes spricht sich bezeichnend aus in den Vorstellungen, die es sich vom Übersinnlichen, von der Gottheit macht. Wie Gott die Menschen schuf nach seinem Ebenbilde, so denkt sich umgekehrt der Naturmensch die Gottheit gern nach seinem menschlichen Bilde. Was ihm als das Höchste erscheint, das überträgt er auf jene und stellt somit einen Spiegel auf seines eigenen Selbst. Wie hat nun der Germane sich die Gottheit gedacht? Hören wir darüber den beredten Mund eines neueren Forschers, der sich in der Hauptsache folgendermaßen ausspricht: „Während andere Völker die stille, starre Ordnung der Himmelskörper, der Gestirne, über alles andere gefeiert und das Leben der Menschen zu einem Abbilde dieser stillen, starren Ordnung zu machen gesucht haben; während wieder andere das in den Entwickelungen der Dinge bemerkbare Ebenmaß und die Schönheit des lebendigen, organischen Maßes, die Harmonie gefeiert haben — hat die germanische Glaubenslehre an die Spitze aller Götterfiguren eine Personifikation gestellt des ungebrochenen, rastlos jagenden, todverachtenden Heldengeistes, den Wuotan.[5] Damit ist der ungebrochene, gottbewegte, persönliche Heldensinn über alles andere gesetzt und zum höchsten Gegenstande der Verehrung und des sittlichen Strebens gemacht.“ (H. Leo, Vorlesungen I, 109).

Diesen stürmischen Heldengeist zeigt unser Volk von seinem ersten Auftreten in der Geschichte an. Heftig und ungestüm war die Kampfesart der Germanen, zumal ihre ersten Angriffe zu Beginn der Schlacht, und nur der überlegenen Kriegskunst der Römer gelang es, die furchtbare Kraft derselben zu brechen.[6] So in dem Kriege der Cimbern und Teutonen, welche fünf Jahre hindurch alle gegen sie ausgesandten Heere der Römer schlugen und vernichteten, bis es endlich dem großen Feldherrn Marius gelang, den Sturm zu beschwören und das drohende Verderben von Rom abzuwenden; so in dem Kampfe Cäsars mit Ariovist, so in allen nachfolgenden Kämpfen, bis zu dem gewaltigen Gewittersturm der Völkerwanderung.

Bekannt sind die Zeugnisse des Tacitus für die Tapferkeit der Germanen (nullus mortalium armis aut fide ante Germanos). Krieg und gefahrvolle Unternehmungen waren ihre Lust — daher jene nie gesättigte Begier nach Abenteuern, die Gier, Gefahrvolles aufzusuchen und mit dem Furchtbaren zu kämpfen; daher auch im Frieden die Lust, auf ungemessenen, ungebahnten Pfaden das Wild zu jagen. „Wer hat mehr Mut“, ruft der Römer Seneca, „als die Germanen? Wer stürmt mit größerer Gewalt? Wer liebt leidenschaftlicher die Waffen, mit denen sie gleichsam geboren, in denen sie aufgezogen werden? Die allein sind ihre Sorge, alles andere kümmert sie wenig.“ (Sen. de ira I, 11.) Im Einklang damit läßt der jüdische Schriftsteller Josephus den König Agrippa zu den Juden sagen: „Ihr habt ohne Zweifel von den Germanen gehört. Ihr habt ihre Stärke gesehen und die Größe ihrer Gestalt. Sie haben aber einen Geist, der größer ist als ihre Leiber, eine Seele, die den Tod verachtet, und einen grimmigern Zorn als die wilden Tiere.“

Dieser wilde Kriegsmut ist der „furor Teutonicus“, der im Altertume wie zum Sprichwort geworden noch von viel späteren Schriftstellern oftmals erwähnt wird.

So war der Geist unserer Ahnen, und diese todesverachtende Kühnheit, dieser wuotanische Heldensinn spiegelt sich ab auch in der Namengebung jener Zeit, des Heroenalters unseres Volkes. Und wenn uns keine Geschichte und keine Sage Kunde gäbe, so würden diese zahlreichen männlichen und auch weiblichen Namen vernehmlich genug sprechen, die da wiederklingen von Waffen und Krieg und Kampf und Sieg.

Hild, Gund, Had, Bad und Wig sind lauter Ausdrücke für Kampf, Schlacht, Krieg, Wortstämme, die, sonst in unserer Sprache längst erstorben, nur noch in den Namen und zwar hier um so häufiger fortleben. Es ist hier nicht der Raum, alle die Ableitungen und Zusammensetzungen aufzuzählen, von denen die Sprache damals eine staunenswerte Menge und Mannigfaltigkeit besaß. Nur zur Probe wollen wir, um an einem Worte diesen Reichtum zu zeigen, die von dem Stamme hild gebildeten Namen vollständiger hersetzen:[7]

Hildibald, Hildibern, Hildiberht, Hildibodo, HildibrandHildidagHildifrid, HildifunsHildigang, Hildigar, Hiltigast, Hildegaud, Hildegern, Hildigis, HildigrimHildehocHildelaic, Hiltilant, Hiltileip, HiltiloucHildiman, Hildimar, Hildimod, HiltimundHildinandHildirad, Hiltiram, Hildiric, HiltirochHiltiscalh, HiltistainHildulfHildowald, Hildiwar, Hildiward, Hildiwerc, Hiltiwic, Hildiwin.

Dabei sind die weiblichen Namen, wie Hildigunda, Hildiburg (von denen späterhin!) noch gar nicht berücksichtigt.

Von dem Stamme Gund kommen, um nur wenige Namen herauszugreifen, Gundachar (Kriegskämpfer), Gundobert (kampfprangend), Gundemar (kampfberühmt);

von Wig: Wigand (Kämpfer), Wiglef (Kampfessohn), Chlodowech (Ruhmeskampf), der Frankenkönig des 5. Jahrhunderts.

Zu Kampf und Schlacht gehören Waffen. Auch diese sind zahlreich vertreten. Haben sich doch ganze Völkerschaften danach genannt, wie z. B. die Sachsen nach ihren langen Kriegsmessern, althochdeutsch sahs, angelsächsisch seax, nach welchen selbst ein Gott, der Kriegsgott der Germanen, Saxnot (Schwertgenoß) benannt ist.[8]

Die deutsche Nationalwaffe, die Frame (bei Tacitus), ein Spieß mit schmalem, kurzem Eisen, geschickt für den Nahkampf wie für den Fernkampf, für Stoß und Wurf, begegnet in Framhard (speerkräftig) — das althochdeutsche ger, Wurfspeer, in Gairebald (gerkühn), Garibert (gerprangend), Ansigar, altsächsisch Osgar (Asenspeer d. i. Götterspeer); — das Schwert, ecka (Schwertecke = Schneide, Stamm ag) in Agabert (schwertglänzend), Agihard, Ekkihart (schwertstark).

Die Schutzwaffen treten zurück; waren doch die alten Germanen damit kärglich ausgerüstet: fast mit nacktem Leibe, nur mit einem langen, schmalen Schilde aus Holz und Leder traten sie furchtlos den wohlausgerüsteten römischen Legionären entgegen.

Der Schild heißt Rand, daher Rantowic (Schildkämpfer), Bertrand (leuchtender Schild).

Panzer besaßen die Germanen auch zu Armins Zeiten noch nicht, selbst nicht einmal eigentliche Helme. Statt dessen setzten sie die Kopfhaut von erlegten Tieren auf, deren Fell zugleich als Mantel die Schultern bedeckte. Daher die Namen Bernhelm, Ebarhelm, Wolfhalm. Doch später, als sie in der Kunst des Schmiedens sich vervollkommnet, traten eherne Helme an die Stelle, und somit gewannen Namen wie Helmperht (helmglänzend) eine Berechtigung.[9]

Die kriegerische Eigenschaft der Kraft und Stärke klingt an in magan, megin: Maganhard (machtstark), Magnobod (mächtig gebietend); in ellan, got. aljan: Ellanperht (kraftglänzend), Aljanmot (kraftmutig) — die Kühnheit in besonders vielen Namen; dahin gehören vor allem die zahlreichen Bildungen mit bald: Baldawin (kühner Freund), Liutbald und Theudobald (sehr kühn), Hunibald (riesenkühn); ferner die Zusammensetzungen mit nand: Nandulf (kühner Wolf), Siginand (siegeskühn).

Die Gesamtheit der freien, waffenfähigen Männer bildete bei den Germanen das Heer, althochd. hari, heri, altfränkisch chari. Hierher gehört, um den ältesten überlieferten Namen voranzustellen, wahrscheinlich das im römischen Munde wohl etwas entstellte Ariovist, sicher aber Hariman (Heeresmann),[10] Hariberaht (heerglänzend), Cariovalda (der heerwaltende), Bataverfürst des 1. Jahrh. (Tac. Ann. II, 11); dann besonders die vielen Namen, deren zweiter Teil aus diesem Worte besteht, wie Raganhar, Werinheri.

Aber die Tapferkeit der Germanen, so stürmisch sie war, war doch kein bloßes Dreinschlagen, das des klugen Rates entbehrt hätte. Wuotan ist nicht allein der Gott des Sturmwindes, sondern auch der der Weisheit, und neben den stürmenden, alles vor sich niederwerfenden Wate des Gudrunliedes stellt sich der kluge Frute. Welchen Wert die Germanen auf einsichtsvollen Rat gelegt haben, lehren nun auch lange Reihen von Namen. Da sind die mit rat: Adalrad, Chuonrat; da ist ragan (Rat): Raganfrid, Raginmund; mathal (Versammlungs-, Beratungs- und Gerichtsort des Volkes): Mathalwin; hugu (denkender Geist): Hugubert.

Solchem mit Kraft und klugem Rate zugleich geführten Kampfe kann der Sieg nicht fehlen: Sigifrith, Sigiberht, Sigimund und mit erweitertem Stamme Sigismund (Siegschutz, durch Sieg schützend).

So hören wir alles von Schwertergeklirr und Waffenklang wiederhallen, wir hören die Tapferkeit der Germanen heraus, ihren Schlachtenmut, ihre Siegesfreude; wir begreifen, daß Leute, die Krieg und Jagd für die einzigen eines freien Mannes recht würdigen Beschäftigungen hielten, die sich am liebsten nach ihren Waffen, nach Schwert und Lanze nannten, daß diese wohl ihren Nachbarn furchtbar sein mußten, ja den bis dahin unbezwinglichen Römern ein „bis hierher und nicht weiter!“ zurufen konnten.

Das mächtige Walten nach Kampf und Sieg liegt in Waldomar (im Walten berühmt), Sigiwalt, Chraftolt; — ferner in rich (mächtig): Ricohard, Frithuric, Ermanarich (der Gotenkönig aus dem 4. Jahrhundert, welcher sich in dem Schmerz über die Zurückdrängung seines Volkes durch die Hunnen im 110. Lebensjahre selbst den Tod gab).

Der mit solchem Siegen und Walten verbundene Ruhm wird, abgesehen von dem überaus häufigen beraht, bert, besonders durch die Stämme hlod, hrod und hrom dargestellt: Chlodowald (ruhmwaltend); Hrodegang (Ruhmesgänger), Romuald (ruhmwaltend); ferner durch mar, schon seit dem 1. Jahrhundert in Namen wie Catumer, Inguiomer (Armins Oheim, Tacit. Ann. I, 60).

Im vollen Einklang hiermit werden auch in den aus der Tierwelt entlehnten Benennungen starke, kampflustige, herrschende Tiere entschieden bevorzugt, solche, deren Schönheit, Kraft, Schnelligkeit der Germane bewunderte, wenn er auch mit ihnen als Jäger oder Hirt in Fehde lag.

Der Herrscher von Wald und Heide, der grimmige Bär, nahm einst in der Anschauung des Nordens die Stelle ein, aus welcher ihn später der fremdländische Löwe verdrängt hat: er war König der Tiere. Daher die Namen: Berinhard, Beringar, Isanpero.

Nicht minder passend, als Sinnbild der Größe und Stärke, ist der Ur, das gewaltigste einheimische Tier, oft im Kampfe mit dem Bären: Urold, Uremar. Beiden schließt sich der Eber an, ebenfalls durch wilde Stärke ausgezeichnet. Einfach Ibor (Eber) hieß der älteste, uns überlieferte Anführer der Langobarden aus dem 4. Jahrhundert; am bekanntesten ist Ebarhard.

Herrscher im Reiche der Lüfte ist der Aar: Arnoald (waltend wie ein Aar).

Doch die beiden königlichen Tiere Bär und Adler treten zurück gegen zwei andere von scheinbar geringerer Bedeutung: Wolf und Rabe. Dies rührt daher, weil letztere heilige Tiere sind. Freilich war auch der Eber schon ein geheiligtes Tier, doch nur des Gottes Fro, während Wolf und Rabe Diener des höchsten Gottes Wuotan sind. Zwei Wölfe, Geri und Freki (gierig und frech d. i. kühn), und zwei Raben, Huginn und Muninn (Gedanke und Erinnerung), sind Wuotans ständige Begleiter. Jene begleiten ihn als seine Hunde, wenn er in seinen Wolkenmantel gehüllt auf windschnellem Rosse auszieht. Der Wolf ist daher ein heil- und siegverkündendes Tier. Nach ihm hat der älteste Schriftsteller unserer Literatur den Namen: Vulfila (Ulfila, Wölflein), der westgotische Bischof und Bibelübersetzer aus dem 4. Jahrhundert. Ganz besonders häufig ist der Name des Wolfes als zweiter Teil der Zusammensetzung in der abgeschliffenen Form ulf (olf): Athaulf, Maginulf, Ebarolf.

Die Raben sind die beutegierigen Tiere des Schlachtfeldes, die Kriegs- und Siegesvögel und so dem Wuotan als dem obersten Schlachtenlenker heilig, der auch von ihnen den Beinamen „Rabengott“ führt. Einen Raben hatte der schreckliche Normannenhäuptling Ragnar Lodbrokr auf seiner Schlachtenfahne; je nachdem er auf derselben munter in den Lüften flatterte oder seine Flügel hängen ließ, schloß man auf Sieg oder Niederlage. So haben wir nun unter anderen die Namen: Hiltiram und Gundhram (Kriegsrabe), Sigihram, Walahram (Rabe des Wal d. i. der Gefallenen), Wolfhraban, die beiden heiligen Tiere verbunden.

Bei den von Wolf und Rabe hergeleiteten Namen stehen wir mit einem Fuße schon auf einem anderen Gebiete, welches dicht daran grenzt, auf dem Gebiete religiöser (mythologischer), von den Göttern entlehnter Benennungen. Die ungeheuchelte Ehrfurcht vor dem Heiligen, den sieg- und segenspendenden Göttern, liegt in zahlreichen Namen zu Tage.

Unser uraltes und ureigenes Wort Gott ist in Godolef (gotisch Gudilaibs, althochd. Cotleip), gottgeboren, enthalten; ferner in Godefrid, Godascalc (Gottesknecht), Godowin (Gottesfreund), Gotahard u. a.

Die Namen der obersten Götter: Wuotan, Donar, Ziu, Fro werden, wohl aus religiöser Scheu, nicht zu Personennamen verwendet (nur ausnahmsweise findet sich ein Thunerulf oder Donarperht) — desto häufiger die allgemeinen Götternamen und die Benennungen der untergeordneten Götterwesen. So die Ansen (Asen, Götter) in Anshalm (der mit dem Asenhelm, Götterhelm), Ansoin, Ansowald, die uns geläufiger sind in der altsächsischen und angelsächsischen Form, wo ans in ôs zusammengezogen wird, also: Osvine, Osvald.

In das geheimnisvolle Reich der Naturgeister, der Albe oder Elfen, von denen Sage und Märchen so viel zu erzählen wissen, führen uns Namen wie Albirich (Elfengebieter), Albarad, angels. Älfred (Elfenrat), Alfwin, Alboin (Elfenfreund).

Den Gegensatz zu dem kleinen, bald gutmütig helfenden, bald boshaft schadenden Elfenvolke mit ihrem Anhange der Zwerge und Wichtelmänner bildet das ungeschlachte, sinnlich rohe, naturkräftige Geschlecht der Riesen (Hünen und Thursen): Hunibald, Thurismund.

Es wird dies genügen, um mindestens in den Grundzügen ein Bild von der Namengebung jenes Zeitalters zu gewinnen. Kampf und Sieg tönen uns allerorten aus ihr entgegen mit hellem Waffenklang; daran schließt sich der kluge Rat und das ruhmvolle Walten — nicht ohne den Aufblick zu den sieg- und segenspendenden Göttern. Weiter ins einzelne zu gehen ist für unseren Zweck nicht erforderlich und alles gar zu erschöpfen hier ganz unmöglich, wegen der außerordentlichen Menge der Namen. Wie zur Frühlingszeit in Wald und Flur tausend und abertausend grüne Sprossen aufschießen, so ist auch in diesem Frühling deutscher Namengebung eine fast zahllose Menge von Namen erwachsen. Die oben angeführten sind nur beispielsweise genannt, sind nur geringe Proben aus der Fülle, derart, daß die einzelnen ganze Reihen vertreten. So sind der Namen, die auf bald auslauten, in Förstemanns großem Werke 199, der auf ric über 200, der auf beraht (bert) weit über 300, der auf wolf (olf) gar nahezu 500. Mehr als 12000 (männliche und weibliche) Namen hat Förstemann aus gedruckten Schriften und Urkunden gesammelt, eine Zahl, die durch spätere Forscher noch sehr vermehrt worden ist; wie viele mögen sich nicht noch in ungedruckten Quellen finden, wie viele nie zur Aufzeichnung gelangt sein!

Es ist eine hochgemute, eine ideale, eine poetische Namengebung, in der uns nichts Unedles stört. Sie ist einheitlich, wie aus einem Geist und Guß, gleich dem Germanenvolke selber, das ein einheitliches an Abstammung und Aussehen war, „ein eigenes, reines, nur sich selbst ähnliches Geschlecht“. Das Heldenhafte, Kühne, Gewaltige, Hohe finden wir in dieser Namenwelt ausgeprägt, das Liebliche, Sanfte, Milde tritt zurück — selbst in den weiblichen Namen. Auch diese sind wesentlich von demselben Gepräge, Kampf und Schlacht tönen aus ihnen fast ebenso wieder wie aus den männlichen. Die Walküre, die Schlachtenjungfrau Wuotans, erscheint als das Ideal des urgermanischen Weibes. War doch in jenen Tagen auch das schwächere Geschlecht dem Kriege, seinen Ehren und Gefahren nicht fern. Was uns griechische und römische Schriftsteller erzählen, spricht laut genug. Es wird uns da geschildert, wie die Frauen mit in den Krieg zogen, um in der Nähe ihrer Anverwandten hinter der Schlachtreihe sich aufzustellen, wie sie die Kämpfenden durch ihren Zuruf anfeuerten, die Verwundeten verbanden, die Weichenden wohl wieder zum Stehen brachten, die Sieger begrüßten und belohnten, aber auch mit den Unterliegenden zu sterben wußten und lieber sich selbst und ihre Kinder töteten, als daß sie sich in Gefangenschaft begaben.

Bei solcher Sinnesart der germanischen Frauen darf es uns nicht wunder nehmen, wenn auch ihre Namen dieses Gepräge haben und sich eng an die männliche Benennungsweise anschließen.[11]

4.
Übereinstimmung der deutschen Namengebung mit der griechischen.

Werfen wir, ehe wir weitergehen, einen vergleichenden Rückblick auf die Namengebung der alten Völker, so läßt sich wohl kaum ein schrofferer Gegensatz denken, als zwischen der römischen und der germanischen Namengebung. Dort körperliche Schwächen und Mängel, hier edle Eigenschaften und Vorzüge, leiblicher und ganz besonders geistiger Art! Dort niedrige Prosa — hier erhabene Poesie!

Dagegen tritt eine auffallende Übereinstimmung mit der griechischen Namengebung hervor, zunächst darin, daß die Namen auf beiden Seiten der großen Mehrzahl nach zusammengesetzte sind.[12] Namen dieser Art sind an sich schon poetischer, schwungvoller als einfache, und so tritt bereits hier in erfreulicher Weise übereinstimmend eine edle Anlage beider Völker hervor. Dann aber entsprechen sich auch die Zusammensetzungselemente in beiden Sprachen großenteils: so das griechische phanes (glänzend, prangend) und das deutsche beraht (bert), das griechische kles (berühmt) und das deutsche mar, das griechische krates (kräftig, gewaltig) und das deutsche rich; so ferner medon (waltend) und walt (old), stratos (Heer) und heri, demos (Volk) und theod (diet), theos (Gott) und got u. s. f.

Demnach kann man eine Menge griechischer Namen geradezu mit deutschen übersetzen, da sie sich wörtlich decken, z. B.:

Nikophanes (siegprangend) — Sigibert,
Kleophanes (ruhmstrahlend) — Hrodebert (Ruprecht, Robert),
Kleoptolemos (ruhmkämpfend) — Chlodowich (Ludwig),
Perikles (vielberühmt) — Vilmar,
Demosthenes (volksgewaltig) — Dieterich,
Thrasybulos (kühn im Rat) — Chuonrat (Konrad),
Laomedon (volkswaltend) — Leutold,
Demophilos (Volksfreund) — Volkwin,
Theodulos (Gottesknecht) — Gotschalk u. a. m.

Genug, die Anlage unseres Volkes ist, gleich der des griechischen, eine treffliche und edle; ein nach dem Hohen gerichteter Sinn tritt uns überall in dieser Namengebung entgegen, aus welcher der Geist unserer Ahnen mit beredten Lauten zu uns spricht. Unser Volk war berufen von der Vorsehung, die Ketten zu zersprengen, in welche römische Tyrannei die Welt geschlagen hatte, und als ein edles Reis in die Fäulnis des Römertums eingesenkt zu werden, um von jetzt an Hauptträger der Entwickelung des Menschengeschlechtes zu sein.

5.
Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.

Wie sehr diese Namengebung aus dem innersten Leben und Wesen des deutschen Volkes hervorgewachsen, das erweist sich durch die Zähigkeit, mit welcher lange Jahrhunderte hindurch an ihr festgehalten wird. Die Stürme der Völkerwanderung brausen dahin, die verschiedenen Stämme der Germanen lassen sich in den Provinzen des ehemaligen römischen Reiches nieder und bauen die Erde sich neu. Die staatlichen Verhältnisse ändern sich, das Christentum stürzt den alten Götterhimmel — doch die Namen bleiben und blühen ohne wesentliche Veränderung weiter auf einem vielfach umgestalteten Felde.

Die Beweise liegen zu Tage. Man werfe nur einen Blick auf die Namen der deutschen Könige und Kaiser! Ihre Reihe ist von Karl dem Großen an sechs Jahrhunderte lang rein deutsch: Karl, Ludwig, Konrad, Heinrich, Otto, Friedrich sind die herrschenden Namen. Unterbrochen wird diese Reihe erst durch Wenzel aus dem lützelburgisch-böhmischen Hause 1378 und später durch Maximilian den „letzten Ritter“ 1493. Ebenso ist es im Kreise der Reichsfürsten. Albrecht der Bär hatte sieben Söhne: Otto, Hermann, Sigfrid, Heinrich, Adelbert, Dietrich, Bernhard — kein undeutscher Name findet sich darunter, ein Fall, der sich jetzt schwerlich wiederholen würde.

Selbst im Stande der Geistlichen, wo das Eindringen fremder Namen am ersten zu erwarten wäre, behauptet sich die deutsche Namengebung überraschend lange. Bischöfe und Erzbischöfe, Klosteräbte und Mönche erscheinen fort und fort als Träger der altgermanischen Krieges-, Sieges- und Ruhmesnamen. Man denke an Adalbert von Prag, den Apostel der Preußen, an Otto von Bamberg, den Pommern-Apostel, an Willegis von Mainz, Adalbert von Bremen.

Ähnliches gilt von den romanischen Ländern. Trotz der fortwährenden Berührung mit der römischen Welt und dem teilweisen Aufgehen in dieselbe behaupten sich die alten Namen nicht bloß im eigentlichen Deutschland, sondern auch in Frankreich, Spanien, ja selbst in Italien. Nachdem die Sprachen längst romanisch geworden, erhalten sich noch die fränkischen, gotischen, langobardischen Namen in überraschender Weise. Man braucht sich nur die Führer des ersten Kreuzzuges zu vergegenwärtigen: Gottfried von Bouillon, Robert von der Normandie, Raimund von Toulouse, Boemund von Tarent usw., um dies bestätigt zu finden. Fügen wir noch ein Beispiel aus Frankreich, eins unter vielen, hinzu! Im Jahre 991 versammelten sich zu Reims die Bischöfe der Diözese: Guido von Soissons, Adalbero von Laon, Heriveus von Beauvais, Godesmann von Amiens, Ratbod von Noyon, Odo von Senlis; außerdem Erzbischof Daibert (Dagobert) von Bourges, aus der Lyoner Synode die Bischöfe Walter von Autun, Bruno von Langres, Milo von Maçon; endlich der Erzbischof Siguin von Sens mit den Bischöfen seines Sprengels Arnulf von Orleans und Herbert von Auxerre. Unter diesen dreizehn geistlichen Würdenträgern findet sich keiner mit nichtdeutschem Namen; nur sind einzelne dieser Namen oberflächlich romanisiert, wie Guido aus altdeutsch Wido, oder latinisiert, wie Heriveus aus Heriwic.[13]

Geschichtliche Erinnerungen und mehr noch Familienüberlieferungen kamen der Erhaltung der Namen zu Hülfe. Im karlingischen Geschlechte waren Karl, Ludwig, Lothar zu Hause, bei den Württembergern Ulrich und Eberhard, bei den Schwarzburgern Günther usw. Aber auch Stammesüberlieferungen machten ihren Einfluß geltend; noch jetzt läßt sich erkennen, wie einzelne Namen bei gewissen Stämmen besonders gebräuchlich waren. So kommen Friedrich, Rudolf, Albert vorwiegend in Schwaben, Luitpold, Dietpold bei den Bayern, Heinrich, Ludwig, Konrad bei den Rheinfranken vor. Wie beliebt der Name Wilhelm noch im 12. Jahrhundert bei den Normannen war, davon zeugt die Erzählung eines Zeitgenossen. Als nämlich Weihnachten 1171 der junge König Heinrich (Sohn Heinrichs II. von England) bei Bayeux ein großes Fest gab, kamen zwei Wilhelme, der Seneschall von der Bretagne und der Verwalter von der Normandie, auf den Einfall, es sollten in ihrem Saale nur Wilhelme sein dürfen. Wer einen anderen Namen führte, mußte hinaus, und als man zählte, waren noch 117 Ritter da, die alle Wilhelm hießen, ungerechnet die vielen andern, welche in des Königs Halle speisten.[14]

So behaupteten sich die Namen, nur daß sie mit der Entwickelung der Sprache im wesentlichen Schritt hielten und daher mancherlei Abschleifungen und Zusammenziehungen erfuhren. Aus Raganhar, wie es im 6. Jahrhundert gelautet hatte, entwickelte sich Reginher, Reginer und schließlich (im 10. Jahrh.) Reiner; ferner aus

Nun liegt es aber in der Natur der Sache, daß Eltern ihre Kinder mit abgekürzten Namen rufen. Solche Kürzungen, zunächst für den Hausgebrauch und vertraulichen Verkehr, kannte die alte Zeit auch schon, und sie waren regelmäßiger gebildet als die jetzt üblichen. Da nach deutscher Grundregel der erste Teil der Zusammensetzung betont ist, so behielt man diesen bei und ließ den zweiten fort, an dessen Stelle ein o trat, erwachsen aus dem im Gotischen und Altsächsischen noch haftenden a, z. B. [God-beraht]: [Godo]; Kuon-rat: Kuono; Sig-bert: Sigo.[15] Dies sind die einstämmigen gekürzten Formen. Häufig wurde jedoch der zweite Teil nicht ganz abgeworfen, sondern sein Anfangskonsonant blieb erhalten, und so entstand eine zweistämmige gekürzte Form, z. B. Rat-poto: Ratpo; Sig-bert (Sibert): Sibo; Thiet-mar: Thiemo.

Natürlich ist Godo Abkürzung nicht bloß für Godberaht, sondern für alle Vollnamen, d. i. unverkürzte Namen, deren erster Teil God ist, wie Godebald, Godofrid, Godomar usw., ebenso Sigo auch für Sigibrand, Sigifrid, Sigimar usw., Sibo wenigstens für Sigibert und Sigibrand.

Diese verkürzten Formen erlitten nun noch weitere Veränderungen, indem man Verkleinerungssilben an sie hängte. Die einfachste Art der Verkleinerung wird durch i bewirkt: Sigi, Kuni. Wichtiger jedoch sind die konsonantischen Suffixe k, l, z in den Endungen iko, ilo, izo. So entstanden Bildungen wie: [Godiko], [Godilo], [Godizo] (von Godo); Sigiko, Sigilo, Sigizo (von Sigo) — ebenso zweistämmig: Sibiko; Oppilo, Oppizo (von Oppo = Otbert).

Aber damit war man noch nicht zufrieden. Kann doch die elterliche, besonders die mütterliche Liebe sich in zärtlichen Benennungen nimmer Genüge tun. Man verband die Verkleinerungssilben, so daß dann doppelt verkleinerte Formen entstanden: ikiloilikoiziko, izilo und mit Zuhülfenahme des dem l so naheverwandten Suffixes n: ikînilînizîn.[16]

Dies sind die Verkleinerungsformen, die liebkosenden Deminutiva oder Schmeichelformen[17], mit welchen wir aus dem Hochwald der altgermanischen Namengebung (s. [Kap. 3]) nunmehr in den Niederwald eingetreten sind, der, was ihm an Mächtigkeit der einzelnen Stämme abgeht, durch ihre Menge und dichtes Wachstum zu ersetzen sucht.

Staunenswert ist die Vermehrungskraft, die in diesen alten deutschen Personennamen liegt. Einem einzigen können tausende entkeimen. Sie können es — denn freilich sind nicht alle Keime fruchtbar geworden, wie nicht aus jeder Eichel im Walde ein Baum entsteht; aber die Möglichkeit ist vorhanden. Dies weist sehr anschaulich Pauli an einem Beispiele nach, wozu er den Namen Godeberaht wählt.[18]

Aus ihm entstehen zunächst die einstämmige gekürzte Form Godo und die zweistämmige [Godbo] mit ihren Nebenformen [Gobbo] und [Gobo]. Daraus entstehen an einfach verkleinerten Formen mittels der Endungen ilo, izo und iko 21 Namen; hieraus durch doppelte Verkleinerung 49 Formen (s. [Beilage 1]).

Das sind 75 Grundformen, deren weitere Entwickelung Pauli mit Rücksicht auf das Neuhochdeutsche folgendermaßen berechnet. Jede dieser 75 Formen hat zunächst mindestens eine mundartliche Nebenform, indem für d auch t, für b auch p, für z niederdeutsch t, für k hochdeutsch ch eintreten kann. Das gibt also 75 neue Formen, zusammen 150. Nun wechseln ferner g und j häufig in Namen, und dadurch erhalten wir 150 weitere Nebenformen, zusammen 300. Der althochdeutsche Vokal o erscheint neuhochdeutsch bald als o, bald als ö, verdumpft auch als u und ü. Es ist demnach jede der 300 Formen in vier Variationen möglich — zusammen also 1200. Doch wir sind noch nicht zu Ende! Jede der obigen 1200 Formen kann die drei Arten Patronymika bilden, auf -ing, auf -sen und rein genetivische. Das gibt 3600 Formen, also zusammen bis jetzt 4800. Fast wie eine Laune der Sprache erscheint es, wenn sie an den Namen, der ja schon die Personen als solche bezeichnet, noch ein -mann anhängt. Dadurch ergeben sich schließlich noch 1200 Namen, in Summa also alles in allem 6000 Namen, die auf die eine alte Form Godeberaht zurückgehen.

So zeigt auch die Sprache, was wir an der Natur so sehr bewundern, eine unendlich reiche Entfaltung eines einzigen Keimes, und zwar mit verhältnismäßig geringen Mitteln.

6.
Fremdsprachige (kirchliche) Namen.[19]

Trotz der eben geschilderten Lebenskraft und Zähigkeit der altdeutschen Personennamen war es unausbleiblich, daß bei der andauernden Einwirkung der fremden Gelehrsamkeit, die ja schon im Zeitalter der Ottonen (10. Jahrh.) zu einer deutschen Literatur in lateinischer Sprache führte, und bei der zunehmenden Macht der Kirche endlich auch fremde Namen Eingang gewannen. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Anzahl dieser in Deutschland auftauchenden kirchlichen, also hebräischen und griechisch-lateinischen Taufnamen verschwindend klein; seit der Hohenstaufenzeit aber und dem gesteigerten Verkehr mit Italien nimmt ihre Zahl sehr zu. Die ersten sind die Namen der hervorragendsten Apostel Johannes, Petrus, Paulus, Jacobus, auch Philippus (so unter den Hohenstaufen selbst ein Philipp von Schwaben); daran schließt sich eine Reihe Heiliger, als: Martin, Michael (der Erzengel), Christoph, Georg. Letztere jedoch, so unverdächtig kirchlich ihre Namen klingen, wurzeln im tiefsten Grunde noch in altheidnischem Boden. Wie sonst vielfältig, haben sich auch hier volkstümlich-heidnische Vorstellungen unter einem nur leicht darüber geworfenen christlichen Gewande erhalten. Bekannt ist die Legende vom h. Christophorus, der das Christuskind durch das tiefe Wasser trägt und daher eben seinen Namen (Christusträger) empfängt. Ebenso trägt nach der nordischen Mythe der Gott Thor (Donar) durch gewaltige Ströme gehend den Oervandil auf seinen Schultern, und wie Thor hat auch der h. Christoph rotes Haar und wurde vom Volke zum Schutzpatron gegen Blitz und Wetterschaden gemacht.

In St. Georg dem Drachentöter haben wir unverkennbar den alten deutschen Nationalhelden Siegfried vor uns, der selbst wieder nur die verjüngte und vermenschlichte Wuotansgestalt ist.

Am merkwürdigsten aber ist es, wie der h. Michael in die Stelle Wuotans getreten ist. Warum haben neben ihm die beiden andern Erzengel Raphael und Gabriel keinen Platz gefunden? Zunächst war ihm schon sein Name günstig, der an das altdeutsche michel (groß) anklang; dann aber erinnerte der Erzengel die jungen Christen dadurch an ihren Gott, daß er der Führer der himmlischen Heerscharen (caelestis militiae signifer) und der Vorsteher des Paradieses ist. Wie Wuotan die Seelen der gefallenen Helden empfängt und nach Walhalla führt, so wird von Michael gelehrt, daß er der Fürst der Engel und von Gott mit dem Amte betraut sei, die Seelen der abgeschiedenen Christen in Empfang zu nehmen und ins Paradies einzuführen.

So lehnen auch diese Heiligen sich noch an das altgermanische Heidentum, dessen Anschauungen und Gestalten unter der durchsichtigen Hülle christlicher Benennungen fortleben.

Ferner setzte sich eine Reihe von Ortsheiligen fest, die besonders in einzelnen Landschaften, Städten usw. als Heilige und Schutzpatrone verehrt wurden. So Gallus und Columban im Bereiche von St. Gallen, Stephanus in Österreich, Kilian der Franken-Apostel in Würzburg, Martin in Mainz, Florentius in Holland. Ihre Namen wurden Täuflingen beigelegt und wurden sehr natürlich Lieblingsnamen des Volkes in dem jedesmaligen Bereich.

Verwandt mit diesen Lokalheiligen sind die Schutzheiligen einzelner Stände. St. Georg, der Drachensieger im ritterlichen Harnisch, war der Patron der Ritterschaft. Ähnlich wurde der h. Nicolaus, ursprünglich Bischof von Myra in Syrien (Kleinasien), als Patron der Kaufleute und Seefahrer angesehen, seitdem im 11. Jahrh. italienische Kaufleute seine Gebeine glücklich nach Bari in Unteritalien entführt hatten. Daher nun unter anderem die vielen Nikolaikirchen, besonders auch im Norden Deutschlands, z. B. in Berlin, Stettin, Hamburg, daher die Beliebtheit des Namens als Taufname in früherer Zeit.[20]

So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer, fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B. Ignatius, Vincenz, Aloys, Xaver, Seraphin.

Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde, da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war, da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten. Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen Hindeutungen begnügen.

7.
Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen.

Bei den einfachen Verhältnissen der früheren Jahrhunderte, solange eben das Leben auf engere Kreise beschränkt war, hatte ein Name zur Bezeichnung einer Person genügt. So noch während der Herrschaft der sächsischen, der fränkischen Kaiser. Die Bevölkerung war verhältnismäßig dünn und dazu der Hauptmasse nach bodenständig; jeder, vom Grafen bis zum letzten Hörigen, war ein mehr oder weniger abhängiges Zubehör der Scholle, die ihn nährte, des Gaues, der Grafschaft. Jeder kannte seine Nachbarn, Aus- und Einwanderung fand, die slawischen Marken abgerechnet, nur in geringem Maße statt. Handel und Verkehr war nicht bedeutend, da die abendländischen Völker wenig Bedürfnisse hatten und was sie brauchten, meist selbst erzeugten. Da bedurfte es der Geschlechtsnamen so wenig, als noch heutzutage im Innern der Familie. Aber allmählich änderte sich die Sache. Die Bevölkerung wurde dichter. Es kamen die Kreuzzüge und bewirkten mannigfachen Wechsel im Besitztum; das Land wanderte in die Stadt, Fremde siedelten sich hier neben Fremden an; Handel und Wandel nahm zu und mit ihm die Zahl der gerichtlichen Verträge und Urkunden. So genügte die alte Bezeichnungsweise nicht mehr. Da überdies viele der alten Namen erloschen waren, andere, ursprünglich verschiedene, in der im gewöhnlichen Leben gebrauchten Form zusammenfielen (z. B. Baldhard, Baldram, Baldewin in der Form Baldo, vgl. [S. 23]), so war es unausbleiblich, daß besonders an den Brennpunkten des Verkehrs, in den Städten, derselbe Name sich bei vielen Personen wiederholte. Wie häufig der Name Wilhelm bei den Normannen gewesen, ist vorhin schon erwähnt ([S. 22]). So finden wir ferner in Köln unter den Ministerialen in den Jahren 1141 bis 1159 nicht weniger als zwölf verschiedene Hermann. Ähnlich war in Basel der Name Burkhard, in Zürich Heinrich verbreitet. Endlose Verwechselungen und Verwirrungen mußten daraus im täglichen Leben entstehen. Und wie unvollkommen war eine Unterschrift in dieser Art, wie eine Urkunde des Bistums Basel aus dem Jahre 1095 von 19 Personen bezeugt wird, die außer dem dux Bertholdus (nämlich von Zähringen) und comes Erimannus nur mit ihrem einfachen Personennamen unterschrieben sind: Arnolt, Sigebolt, Ruodolfus usw., zweimal Burchardus und zweimal Cuono, wo es dann höchst einfach heißt: Cuono, item Cuono!

Die Notwendigkeit einer genaueren Bezeichnung und Unterscheidung machte sich gebieterisch geltend, im täglichen Leben wie bei Ausstellung von Urkunden. Um zu wissen, welcher Hermann oder Heinrich oder Johannes unter den vielen dieses Namens denn gemeint sei, mußten allerhand Zusätze gemacht werden, wodurch die einzelnen genauer gekennzeichnet wurden. Dieselben bestanden in dem Personennamen des Vaters oder in der Angabe des Amtes und der Beschäftigung, oder sie waren von besonderen, an einer Persönlichkeit hervortretenden Eigenschaften oder endlich von dem Wohnsitz entlehnt. So finden wir unter jenen zwölf Hermann in Köln einen Razo’s, einen Sohn Ditwigs, einen Vogt, einen Schultheiß (Amt), einen roten, einen weißen, einen mit dem Bart (Eigenschaften), einen vom Neumarkt (Wohnung).

Diese Zusätze nun gingen auf die Nachkommen über, sie befestigten sich in der Familie und wurden so allmählich zu Familiennamen, wie dies bei den einzelnen Klassen derselben näher nachgewiesen werden soll. Erst dies, daß solche Zusätze nicht bloß eine bestimmte einzelne Person näher kennzeichnen, sondern auch auf die Nachkommen forterben, macht ja das Wesen der Familien- oder Geschlechtsnamen aus.

Doch vorher ist der Zeitpunkt, wann diese große Wendung eingetreten (daß sich aus den alten Personennamen, unter Hinzutritt ganz neuer Elemente, die Familiennamen bildeten), genauer ins Auge zu fassen und festzustellen. Dieser Zeitpunkt ist durchaus nicht überall derselbe, sondern ein sehr verschiedener, zum Teil um Jahrhunderte auseinanderliegender, eben in genauem Anschluß an die soziale Entwickelung der einzelnen Länder und Landschaften. Wo bürgerlicher Verkehr aufkommt, da wird auch das Vorhandensein fester, erblicher Namen notwendig, und es bilden sich Familiennamen, als natürliches Erzeugnis der Verhältnisse. Umgekehrt ist demnach das frühere oder spätere Emporkommen der Familiennamen ein Gradmesser für die frühere oder spätere Entwickelung des Bürgerstandes in den Städten. Von den Städten wird der neue Brauch dann auf das Land und andere Stände übertragen.

Am frühsten treten die Geschlechtsnamen in Süddeutschland und am Rheine auf; so (nach Becker)

in Köln 1106, in Zürich 1145,
in Basel 1168 —

etwas später in Mitteldeutschland, so

in Nordhausen im 13. Jahrhundert[21]

noch später in Norddeutschland; wenigstens weisen für Pommern die Verzeichnisse der Kamminer Prälaten[22] auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts hin.

Anfänglich tauchen einzelne Familiennamen auf, die sich aber schnell vermehren, und sehr bald, nach einer verhältnismäßig kurzen Übergangsperiode, hat der neue Brauch gesiegt und die Umwandlung ist allgemein. Zunächst finden sich die Geschlechtsnamen, nach Beckers Beobachtungen, bei den vornehmeren Bürgern der größeren Städte, nämlich bei den reicheren Ministerialen oder ritterbürtigen Dienstmannen der Bischöfe und bei den an Rang und Geltung ihnen nahestehenden Freibürgern oder Patriziern. Was an Rang über oder unter diesem Stande ist, der hohe Adel und die Geistlichkeit einerseits, der Handwerker und der hörige Bauer anderseits, das hält noch lange an dem alten Brauche der einfachen Namengebung fest. — Der hohe Adel nennt sich bekanntlich nach dem Stammsitz. Bei der Geistlichkeit setzen zuerst die Stiftsherrn aus städtischen Geschlechtern ihren Geschlechtsnamen der sonstigen Bezeichnung bei, z. B. 1230 in Zürich R. Manezo subdiaconus; bei ihnen mochte das bürgerliche Selbstgefühl dem geistlichen die Wage halten. Dagegen nannten Bischöfe und Äbte sich, wie meist noch jetzt, mit dem Taufnamen oder dem angenommenen Kirchennamen, unter Beifügung der Würde, der Diözese, des Klosters.

Die Handwerker in den Städten ahmten zwar bald den Brauch des städtischen Adels und der Patrizier nach; da sie sich aber stets aus der Landbevölkerung ergänzten und deren älteren Brauch in die Stadt hineinbrachten, so konnte es vorkommen, daß z. B. in Basel noch 1438 bei der Zunft „zu Brotbecken“ ein sonst namenloser „Hans des jebsmolers (Gipsmüllers) tochtermann“ aufgenommen wurde.

Bei dem Landvolke endlich hängt die Benennung mit dem Grade der errungenen Freiheit zusammen. Während die freien Landleute von Uri schon 1291 eine große Anzahl wirklicher Geschlechtsnamen bieten, entbehren die Leibeigenen in manchen Gegenden derselben bis ins 14., ja 16. Jahrhundert.

Doch ist hervorzuheben, daß an den Küsten der Nordsee, in Friesland, Holstein, Schleswig, wie auch in Dänemark eigentliche Familiennamen sich am spätesten festgesetzt haben, indem die alte Sitte, sich nach dem Vater zu nennen (z. B. Großvater Clas Petersen, Vater Peter Classen, Sohn Clas Petersen, Enkel Peter Classen) erst im vorigen Jahrhundert polizeilichen Verordnungen gewichen ist.[23] Es ergibt sich aus allem, daß der Gebrauch der Geschlechts- oder Familiennamen in den Städten und mit der Blüte der Städte entstanden ist; daß dieser Brauch in den einzelnen Städten um so eher aufkommt, je früher sich dieselben entwickeln, und daß er sich von der Stadt und ihren Bürgern auf das Land und auf andere Stände verbreitet hat.

Wie wenig befestigt anfangs die einzelnen Familiennamen waren, ergibt der leichte und häufige Wechsel. So wurde Lucas Cranach, also benannt von seinem Geburtsort im Hochstifte Bamberg, auch genannt „Lucas Maler“. Sein eigentlicher Familienname war wahrscheinlich Sunders (Pott, Personennamen, S. 43). Im Quedlinburger Urkundenbuche wird aus dem Jahre 1407 ein Ludeke Hugholdes, „andere geheten Ludeke Smet,“ erwähnt, aus dem Jahre 1429 ein Clauwes Hartwiges, „anders geheten Clauwes Groper.“

8.
Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen.

Um eine Person genauer zu bezeichnen und von „den Genamen“, den Namensvettern, zu unterscheiden, war es das Nächstliegende, die Abkunft anzugeben, also den Namen des Vaters hinzuzufügen, besonders wenn dies eine hervorragende Persönlichkeit war. Nennen sich doch schon in der deutschen Heldensage die Helden nach ihren Vätern: Hiltibrant Heribrantes sunu, Sigfrid Sigmundes sun — Zusätze, die jedoch damals noch nicht erblich geworden. Wurde nun der Name des Vaters beigefügt, so geschah dies in der Form „Sohn Arnolds“ oder auch bloß Arnolds, in den Bürgerrollen und Urkunden, die meist lateinisch abgefaßt wurden: filius Arnoldi oder mit Auslassung von filius bloß Arnoldi. Man würde demnach hier lauter genetivische Familiennamen als Patronymika erwarten, wie Arnolds, Friedrichs, Otten. Auffällig ist nun, daß die weit überwiegende Mehrzahl der Namen dieser Art nicht im Genetiv, sondern im Nominativ auftritt: Arnold, Friedrich, Otto (Otte) usw. Woher diese auf den ersten Blick überraschende Erscheinung? Sie ist wohl so zu erklären, daß man statt des genaueren Genetivs oder einer sonstigen patronymischen Bildung den Namen des Vaters einfach und unverändert im Nominativ hinzusetzte — infolge einer schon damals eintretenden Erstarrung der Sprache, vielleicht auch, weil man den Namen des Vaters deutlicher wollte hervortreten lassen. So finden wir bereits im 8. Jahrhundert in Urkunden unter andern einen Sigifridus filius Sigimundus, und im 11. Jahrhundert erscheint der Vatername schon oft dem des Sohnes im Nominativ als Beiname hinzugefügt, z. B. Uguo Folcaldus (im J. 1030.)[24] Ein besonders belehrendes Beispiel führt Becker aus Köln an. Dort finden wir unter den Dienstmannen der Abtei zu St. Pantaleon im Jahre 1128 einen Razo; dann unterzeichnet 1185 unter den Bürgern ein Henricus Razonis, derselbe 1195 Henricus Razo, und 1272 ist Theodoricus dictus Razo Bürgermeister. Ebenso erscheint im Göttinger Urkundenbuch im Jahre 1245 der Ritter Johannes Cusen (Genetiv), 1270 der Ritter Johannes Cuso.[25] Gewiß war dies, die einfache Beifügung des Vaternamens im Nominativ, im gewöhnlichen Leben noch häufiger.

So erscheint denn nun eine Menge jener altdeutschen Personennamen nunmehr als Familiennamen, teils wenig verändert, z. B. Hildebrand, Siegfried, Amelung, teils mannigfach abgeschliffen, wie Kiesel und Geröll des Meeres im Wogenschlag der Jahrhunderte, teils sogar verstümmelt und entstellt bis zur Unkenntlichkeit.

Am deutlichsten treten hervor die zusammengesetzten Namen, von denen hier eine Übersicht der gewöhnlicheren Bildungen folgen möge, nach dem zweiten Teile der Zusammensetzung geordnet:

Durch Abfall der Schlußkonsonanten entwickelte sich aus bald, belt: ball, bel; aus fert: fer; aus old: ohl usw.

Manche dieser urspr. altdeutschen Namen treten infolge mundartlicher und anderer Einflüsse in außerordentlich vielen verschiedenen Formen auf, z. B. altdeutsch Ricohard findet sich als:

Richard, Richert, RiechertRiegertReichhardt, Reichard, ReichertRickert, RitschardRitsert;

ungerechnet die bloß orthographischen Abweichungen. Liutbald tritt gar (freilich gemengt mit Liutwald) in mehr als zwanzig Formen auf:

Liebaldt, Liebold, Liebhold, Libelt, Liebel, LiepeltLippelt, LippelLeopoldLepold, LepelLeppeltLuppoldLuboldLaubholdLeupoldLeybold, Leibel, Leibhold, Leipold, Leipel usw.

9.
Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen.

a) Kürzungen und Verkleinerungen.

Sehr zahlreich, mitunter zahlreicher noch als die vollen Formen, sind die verkürzten, sich anschließend an die altdeutschen Kürzungen und Verkleinerungen, die Seite 23 behandelt sind. Das o, welches dort an den Torso gesetzt wurde, hat sich nur in wenigen Familiennamen, wie Otto, Thilo, erhalten; meist ist es in e abgeschwächt: Otte, Thiele, Heine (altd. Heino aus Heinrich), Thieme (Thiemo aus Thiedmar) — oder es ist ganz abgefallen, so daß der Name einsilbig wird: Ott, Thiel, Heyn, Thiem.

Diese Verkürzungen bilden den Übergang zu den eigentlichen Verkleinerungsformen oder Schmeichelformen. Die verschiedensten Bildungen treten hier hervor, und eine wundersam reiche Flora beut sich den erstaunten Blicken. Jede Landschaft hat ihre besonderen Deminutivendungen, nach Maßgabe der Mundart.[27]

Der Kern der oberdeutschen Verkleinerungsendung ist ein l (altd. ilo, s. [S. 23]), welches auch in Appellativen in den mannigfachsten Formen auftritt: ele, el, le, li, la usw., z. B. Mädele, Mädel, Maidle, Maidli, Madla; Vogel, Vogerl.

Der Kern der niederdeutschen Verkleinerungs-Endung ist ein k (altd. iko, [S. 23]): ke, ken, z. B. Mäke, Mäken.

Im Schriftdeutschen sind beide vertreten, und zwar in der Verbindung mit n ([S. 23]): oberd. lein, niederd. chen.

Demnach finden wir im Oberdeutschen folgende Bildungen in den Familiennamen:

gewöhnlich, mit der Weiterentwickelung des Neuhochdeutschen Schritt haltend:

Weniger mannigfaltig sind die entsprechenden Bildungen in Niederdeutschland, wo man im allgemeinen die Verkleinerungsformen auch in den gewöhnlichen Hauptwörtern weniger liebt. Es ist hier besonders nur die Endung

Daneben finden sich

Friesisch lautet die Verkleinerungsform je: Meisje (Mädchen), Pottje (Töpfchen); so auch in Familiennamen

Diese Verkleinerungen bewirken in der Regel, wie aus den obigen Beispielen ersichtlich, den Umlaut, wegen des ursprünglich in der Endung steckenden i (iko, ilo).

Außer diesen beiden Hauptsuffixen, l und k, wird in Mittel- und Süddeutschland noch jenes dritte, nur in Eigennamen vorkommende gebraucht:

So wird aus Dietrich: Dietze, nachher einsilbig Dietz, aus Gottfried: Götze, Götz (vgl. Götz von Berlichingen), aus Ludwig: Lutze, Lutz, aus Heinrich: Heinze, Heinz — aber auch Heinitz (aus urspr. Heinizo, der Grundlage für alle drei Formen).

Diese Kürzungen der Rufnamen, welche als solche in Niederdeutschland, mit alleiniger Ausnahme von Fritz,[29] durchaus nicht üblich sind, haben von Oberdeutschland her als Familiennamen weite Verbreitung gewonnen.

Das z erweichte sich übrigens, der Entwickelung der Sprache folgend, häufig in ss: Diess, Russ, ja in s: Heinse, während es sich anderseits in sch, tsch vergröberte: Gersch statt Gerz, Dietsch.

Da nun aber die Sprache mit einmaliger Verkleinerung noch keineswegs zufrieden ist, so werden diese verschiedenen Endungen verbunden und auf solche Weise doppelt verkleinerte Formen gebildet, z. B. von Dietrich:

Ja es finden sich Formen, in denen alle drei Suffixe (z, l, k) vereinigt sind: Dietzelke.

b) Genetivische Namen.

Wenn (nach [S. 31]) auch die Form, in welcher ein Personenname sich als Familienname festsetzte, in der Regel die des Nominativs war, so war es doch unausbleiblich, daß bisweilen der Genetiv an seine Stelle trat. Entsprach es doch der strengen grammatischen Regel, wenn der Name des Vaters zu näherer Bezeichnung eben im Genetiv hinzugefügt wurde: Heinrich, Sohn Arnolds, lateinisch Henricus, filius Arnoldi, wobei die Bindeglieder „Sohn“ und filius auch wegfallen können.[30] Daher nun eine ziemliche Menge Namen, die sich im Genetiv festgesetzt haben und in dieser Form als Familiennamen erstarrt sind. Die beiden Biegungsarten, welche durch die Deklination der Hauptwörter im Deutschen hindurchgehen, treten nun auch hier hervor:

die starke, die sich durch ein s,

die schwache, die sich durch ein n

im Genetiv kennzeichnet. Erstere tritt an die vollen Namen, wie Diederichs, Hermanns, letztere an die Verkürzungen: Thielen, Otten (welche aber auch häufig das s der starken Biegung annehmen, z. B. Köhns neben Könen).

Dazu tritt als eine dritte Form im Friesischen ena (wie in Hagena, Tydena), die mit Ruprecht[31] als Genetiv Pluralis der schwachen Deklination zu erklären ist (vgl. den alten Wahlspruch „Eala freya Fresena“). Es bedeutet demnach z. B. Focke Uckena („hovetlink Focke U. van Leer“ in einer Urkunde von 1435) den Sohn oder Nachkommen der Uko, weist also nicht bloß auf den Vater, sondern auch auf die Ahnen hin. Da diese Bezeichnung besonders für angesehene Geschlechter Wert hatte, bei welchen der Name auch einen Anteil an dem alten Besitze und dem alten Ruhme der Familie zusicherte, so ist es nicht zufällig, wenn wir unter den klangvollen Namen dieser Bildung vielen alten Häuptlingsnamen begegnen.

Der genetivischen Bildungen sind aber mehr, als es auf den ersten Blick scheint, da sich dieselben nicht selten hinter entstellender Rechtschreibung verstecken; namentlich schmilzt ein t-Laut mit s zu tz zusammen: Seifritz (statt Seifrids, Siegfrids), Gompertz (statt Gomperts von Gundbrecht), Reinartz (Reinhards). Während in dem letzten ein zum Stamm gehöriges h ausgelassen ist, wird ein solches in den Zusammensetzungen mit old (walt) fälschlich eingeschoben, so daß der Schein einer Zusammensetzung mit Holz (niederd. Holt) entsteht. Reinold, schon entstellt und umgedeutet in Reinhold, nimmt so im Genetiv oder durch falsche Verhochdeutschung gar die Form Reinholz an.

Durch Vermittelung des Lateinischen, welches in den Bürgerrollen und öffentlichen Urkunden überwog, entstanden die Zwitterformen Arnoldi, Ruperti, Friederici, auch mit y: Bernhardy und ähnliche, Formen, die sich schon durch das Verschieben der naturgemäßen Betonung als Entstellungen der deutschen Namen kundgeben.

Ganz mit demselben patronymischen Sinne wie die Genetive werden auch Zusammensetzungen mit „Sohn“ gebildet, welches dabei aber fast immer in der abgeschliffenen Form sen erscheint: Wilmsen, Volquardsen. Es ist dies eine alte Bezeichnungsweise; schon in der Edda findet sich „Sigmundr Völsungsson“ (Siegmund, Völsungs Sohn). Dieselbe ist besonders im Norden heimisch,[32] während in einigen süddeutschen Landschaften, z. B. Kärnten, eine patronymische Bildung auf er (ler) hervortritt: Sebolter, Hartler (aus Leonhard).[33]

Auch Metronymika (Ableitungen von dem Namen der Mutter) finden sich, wenngleich nur sehr vereinzelt. Dahin gehören Vernáleken = (Sohn) der „Frau Aleke“ (Adelheid),[34] Nesensohn (der Agnes Sohn), Odiliae, Eisentraut, Liebetrut.

10.
Kirchliche Personennamen als Familiennamen.

Die Personennamen der zweiten Schicht, die kirchlichen, mußten eben als fremde Namen noch stärkere Umwandlungen erfahren wie die einheimischen. Aufgenommen sind sie zunächst in der griechisch-lateinischen Form, wie die Kirchensprache (nach dem Vorgang der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata) sie bot. In dieser vollen Form jedoch erscheinen sie als Familiennamen, einige kürzere wie Thomas, Lucas ausgenommen, fast nie; — es verbietet das schon ihre Länge, da sie meist 4–5silbig sind.

Es mußte also eine Kürzung erfolgen. Dabei kam alles auf die Betonung an. Im Althochdeutschen wurde bei den Fremdwörtern der Ton zurückgezogen, er strebte noch über die drittletzte Silbe nach vorn hin, auf die erste Silbe, die im Deutschen in der Regel als Stamm den höchsten Ton trägt, z. B. AntichristusÁntichristo, ConstántiaChóstanza, MathaéusMátheus.

Die Sprache hatte sich so gewöhnt, den Hochton auf den Anfang des Wortes zu werfen, daß in den Fällen, wo dies aus irgend einem Anlasse nicht geschehen war, der nun tonlose Anfang wie mit Mißachtung behandelt und durch eilendes Drüberhingehen des einen oder anderen Lautes beraubt, ja gänzlich abgeworfen wurde, z. B. apostolus — althochd. postul, HispanusSpân.

Später freilich wurde durch romanische Einflüsse die echtdeutsche Betonung der Fremdwörter mehr und mehr verdrängt zu Gunsten einer anderen, welche den Ton auf den Ausgang der Wörter wirft. Es ist dies die französisch-neuhochdeutsche Betonung, die, schon im Mittelalter beginnend (s. die zahlreichen Hauptwörter auf îe, jetzt íe oder ei), nunmehr leider zur Herrschaft in unserer Sprache gelangt ist.

Länger als in der Schriftsprache behauptete sich jene ursprüngliche, umdeutschende Betonung im Volksmunde, besonders den fremden Eigennamen gegenüber. Bei denselben wird noch heute der Ton auf die erste Silbe zurückgezogen, was dann Kürzungen am Ende (Apokopen) zur Folge hat: Andres, Béndix, d. i. Benedictus, Chrístian (Chrísten), Níclas[35] usw. Oder falls diese Zurückwerfung des Tones unterblieben ist, treten vorn Verkürzungen (Aphäresen) ein: Joachim — Achim, Erasmus — Rasmus, Asmus. Häufig ist beides, Aphärese und Apokope, vereint, wie Bonifacius — Fazi, Dionysius — Nis, wo von 5 Silben nur eine, die Tonsilbe selbst, übrig geblieben ist.[36]

Hinsichtlich dieser weitgreifenden Aphäresen treten die fremden Namen den deutschen gegenüber, bei welchen Kürzungen zu Anfang des Wortes durch die Betonung gehindert werden.

Aus diesen mannigfach gekürzten und umgewandelten Taufnamen ist nun eine verhältnismäßig bedeutende Zahl Familiennamen erwachsen, teils mit einer Kürzung am Ende: Máthies und Mathes, teils mit einer solchen am Anfang: AlexanderXander. Vielfach treten an demselben Namen wechselnd beide Erscheinungen hervor, wie von demselben Stamm eines Baumes Äste nach entgegengesetzten Richtungen ausgehen, und es entstehen Formen, die keine Ähnlichkeit mehr miteinander haben. So wird

aus Ambrosius einerseits Ambrosch, anderseits Brose,[37]
Andreas  „ Enders,    „ Drewes,
Nicolaus  „ Nickel,    „ Claus, Klaas.

Mitunter haben diese verschiedenen Sproßformen keinen Buchstaben des Stammes gemein, z. B. Barthel und Mewes aus Bartholomäus.

Wie das letzte Beispiel beweist, findet neben der Kürzung bisweilen Zerdehnung statt, indem zwischen zwei Vokale sich ein w oder g einschiebt. Dies ist auch der Fall bei Paul, woraus sich Pawel und Pagel entwickelt hat.

Nicht selten gehen diese Kürzungen, Zusammenziehungen und Umbildungen so weit, daß die ursprüngliche Namensform vollkommen unkenntlich geworden ist. Lex aus Alexius, Xander aus Alexander ist schon ziemlich gewaltsam; doch wird auch dies noch überboten. Wer würde z. B. denken, daß der Familienname Gille aus Aegidius entstanden ist, daß Grolms (der Bauer in der bekannten Fabel), Rohner und Muss ein und derselbe Name und daß alle drei aus Hieronymus entstellt sind?[38] Und doch beweisen dies die Formen, welche in den alten Schriften und Urkunden sich finden, nebst den lebenden der Volksmundarten. Bei fremdsprachigen Namen dürfen solche Erscheinungen nicht überraschen.

In betreff der genetivischen Ableitungen ist Vorsicht vonnöten; namentlich ist das s kein sicheres Kennzeichen, da es vielfach nur von dem Nominativ her stehen geblieben, z. B. Staats (aus Eustathius), Mews; auch Marx, aus Marcus. Das gilt besonders von der Endung ies (zweisilbig zu sprechen), die aus dem lat. Nominativ ius entstanden ist:[39] Borries aus Liborius, Plönnies, Lönnies aus Apollonius. Ganz unzweideutig genetivisch sind fast nur die mit fremden (lateinischen) Genetivendungen auftretenden Namen auf i, ae, is: Pauli, Matthiae, Michaelis.

Zusammensetzungen mit „Sohn“ sind häufig, und dabei ist mehrfach der volle Vokal bewahrt: Andersohn, Matthisson, Petersson, während allerdings in der Mehrzahl auch hier die Abschwächung in sen eingetreten ist.

Verkleinerungsformen dagegen sind im ganzen seltener: Köbke (aus Jakob) und Jahnke (aus Johannes), denen Jäckel und Hensel gegenüberstehen, weisen die Hauptform des niederdeutschen Deminutivs (mit dem Charakterlaute k) und des oberdeutschen (mit l) auf, während z bei den Fremdnamen überhaupt nicht vertreten ist.

Außer dem Genetiv und der Zusammensetzung mit Sohn wird das patronymische Verhältnis auch durch Vorsetzung von Jung oder Klein bezeichnet. Hieß der Vater z. B. Andreas, so wurde der Sohn, welcher denselben Namen in der Taufe erhalten hatte, Jungandres genannt, oder Michel: Kleinmichel, und zu den Zeiten der Söhne trat eben das Festwerden der Familiennamen ein, so daß nun Jungandres und Junghans, Kleinmichel und Kleinpaul auch der ganzen Nachkommenschaft des eigentlichen Jungandres usw. zuteil wurden. Übrigens scheinen es hauptsächlich nur die Fremdnamen Andreas, Johannes, Michael, Nikolaus und Paul, sowie die einheimischen Konrad (Kurt, Kunz) und Heinrich (Heinz) zu sein, welche Patronymika mit Jung und Alt, Klein und Groß bilden.

Aus einigen dieser Namen hat sich solchergestalt durch Kürzung, Ableitung, Zusammensetzung eine Menge Familiennamen gebildet; man sehe das Lexikon unter Andreas, Nikolaus, Matthaeus.

Alle überbietet jedoch der Name Johannes. Wie dieser als Taufname jederzeit einer der beliebtesten gewesen, so hat er auch als Familienname die weiteste Verbreitung und mannigfachste Gestaltung erfahren, so daß sich mehr als 100 Familiennamen aufzählen lassen, die sämtlich aus Johannes gebildet sind (s. das [Lexikon]). Wir haben hier wieder das Bild eines Waldes, der allmählich aus einem einzigen Baum entstanden ist.

Indessen sind es nur einzelne unter den fremdsprachigen Namen, welche eine solche Fruchtbarkeit entwickeln. Im allgemeinen können dieselben, schon als Fremdlinge, nicht eine so vielseitige Bildsamkeit besitzen wie die einheimischen, von vornherein in deutschem Sprachgrunde wurzelnden. Es bleibt daher die Zahl der von kirchlichen Taufnamen stammenden Familiennamen im ganzen eine beschränkte im Vergleich mit den Gebilden altdeutschen Ursprunges.

11.
Familiennamen der dritten Schicht.

a) Stand und Gewerbe.

Den aus den Personennamen gebildeten Familiennamen gesellt sich eine gleich große Zahl solcher Bezeichnungen zu, die niemals Personen- (Tauf-)namen gewesen. Diese wurden zunächst entlehnt von der Beschäftigung. Um unter den vielen Konrad oder Johannes einen bestimmten zu bezeichnen, setzte man das Handwerk, welches er trieb, oder das Amt hinzu. Solchen Zusätzen begegnen wir bereits bei den Goten, indem sich unter zwei sonst lateinisch abgefaßten Verkaufsurkunden, die sich aus der ostgotischen Zeit erhalten haben, als Zeugen neben Römern auch finden: Merila bokareis (M. der Bucherer, d. i. Schreiber), Ufitahari papa (U. der Pfaffe), Sunjaifrithas diakun (S. der Diakon), Viljarith bokareis, Gudilub diakun. Dies sind die ältesten germanischen Zusätze von Stand und Gewerbe zur näheren Bezeichnung einer Persönlichkeit. So finden wir denn auch in spätern Urkunden häufig solcherlei Zusätze, wie „Herman der Perchmayster“ (in einer Marburger Urkunde aus dem Jahre 1290), „Herman der Amman“, „Schechel der Mawter“ (Mautner), „Nicla der Schreiber“ (alle ebenda aus dem 14. Jahrhundert) „Huch de smet“ und „Schrift de kremere“ (im Göttinger Urkundenbuch um 1383) usw.

Eine solche Beifügung konnte nun sehr leicht auf den Sohn übergehen, so sich allmählich in einem Geschlechte befestigen und zum Namen der gesamten Familie werden, besonders wenn der Sohn, wie es doch ohne Frage häufig und häufiger als jetzt geschah, die Beschäftigung seines Vaters fortsetzte. Doch war das kaum einmal nötig: der Name des Familienhauptes wurde ohne weiteres auf die übrigen Glieder der Familie, insbesondere auf die Kinder übertragen.

Erscheinungen dieser Art zeigen sich noch heutzutage, da doch längst die feststehenden Familiennamen durchgedrungen sind, im Volksmunde gar nicht selten. So wird in Fr. Reuters „Reis’ nah Belligen“ der Pastorsohn nie mit dem Geschlechtsnamen, sondern immer „Heindrich Paster“ genannt.[40]

Hier muss doch ein schon vorhandener Familienname verdrängt werden, damit die Amtsbezeichnung an die Stelle trete; wie viel leichter war die Sache, wenn solche Verdrängung noch nicht nötig war!

Bei dem Übergange zum Familiennamen fiel zunächst der Artikel, wenn er nicht etwa schon von vornherein gefehlt hatte, regelmäßig fort. So bietet das Göttinger Urkundenbuch neben den vorhin erwähnten Huch de smet und Schrift de kremere in demselben Schriftstück aus dem J. 1383 Eckel Smet und Herman Kremere. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist der Artikel stehen geblieben, z. B. in de Pottere (= Töpfer), de Boer (spr. Bûr).[41]

Eine lange, fast endlose Reihe ehrsamer Meister vom Handwerk zieht an uns in diesen Namen vorüber, die uns einen Blick in die friedliche Tätigkeit unserer Vorfahren während des 12.-16. Jahrhunderts tun lassen. Greifen wir einige Gruppen heraus — solcher Handwerke, die für jene Zeit besonders bezeichnend sind.

Auf das alte Kriegswesen, wie es vor der Erfindung und allgemeinen Anwendung des Schießpulvers war, gehen Namen wie Harnischmacher, Harnischfeger (der den Harnisch fegt, d. i. glänzend macht, poliert); Armbruster, Pfeilschmidt, Bolzer, Pfeilsticker, niederl. Pielsticker (Verfertiger der Stecken für die Pfeile); Lersner (Verfertiger der Lersen d. i. Lederhosen).

Während diese durch ihr meist geräuschvolles Handwerk dem Schwerte dienten, bewegte in stiller Klause der Bücherabschreiber unermüdlich die Feder im Dienste friedlicher Kunst: Bucher, Pucher (der Bücherabschreiber). Ihn unterstützten der Buchfeller (der die Felle zu Büchern bereitet) und der Rothmaler (der die bunten Anfangsbuchstaben malte). Alle drei Namen stammen vorzugsweis aus Oberdeutschland, wo die Kunst des Bücherabschreibens und des Ausmalens der Titel und Anfangsbuchstaben mehr als in Niederdeutschland zu Hause war.

Begeben wir uns aus der Enge der Städte hinaus aufs Land, in die freie Natur, so sprechen uns hier besonders die Namen an, welche der Jagd und Waldwirtschaft entlehnt sind. Ist doch das Jagen im schönen, grünen Walde von jeher eine Lieblingsbeschäftigung der Deutschen gewesen! Und wieviel ausgedehnter war noch im Mittelalter das Jagdgebiet, da die Wälder einen so unvergleichlich größeren Raum einnahmen, derart, daß die bewohnten Stätten in manchen Landschaften fast nur wie Inseln im Waldmeer erschienen!

Der älteste Name des Jägers ist Waider, Weidmann; er bedeutet denjenigen, welcher auf Weide, d. i. Nahrung ausgeht, und weist somit auf jene uralten Zustände in dem Leben unserer Vorväter hin, in welchen die Jagdbeute den vornehmsten Teil der Speise ausmachte. Jünger ist das so häufige Jäger mit den Zusammensetzungen Gambsjäger, Hasenjäger, während ein Name wie Bärenfänger beweist, daß auch die wilden, starken Tiere des Waldes, die einst der Germane bekämpft hatte, noch nicht ausgestorben waren. Auf die Jagd mit Falken („Federspiel“), einen der beliebtesten Zeitvertreibe in der ritterlichen Zeit, gehen Falkner (Felkner), Hachmeister (s. v. a. Habichtmeister, Abrichter der Stoßvögel). Die älteste Bezeichnung des Waldverwalters dauert noch in dem Familiennamen Widemarker fort; derselbe bedeutet den, welcher für die Holzmark (witu Holz) zu sorgen hat. Der Name setzt das Vorhandensein einer gemeinsamen Mark voraus; in der Privatwaldung eines Fürsten oder Adligen dagegen war ein Holzknecht angestellt — nach Vilmars treffender Bemerkung ungefähr das, was jetzt Oberforstkollegium, Oberforstrat, Forstinspektor, Oberförster, Unterförster und Forstläufer zusammengenommen sind. Viel häufiger ist indes der Name Förster (Vorster). Daneben sind Zeugen für die ehemalige verschwenderische Waldwirtschaft die Familiennamen Aschenbrenner und Aschenbrand; dieselben bezeichnen ein eigenes Gewerbe, welches darin bestand, ganze Waldstrecken niederzubrennen, bloß um Asche zu gewinnen, teils für die Glashütten, teils für die Seifensiederei.

Die zuletzt angeführten Namen sind zum Teil nicht mehr reine Handwerksnamen, sondern bezeichnen, wie Hachmeister und Förster, ein Amt. So reihen wir denn hier die Amtsnamen an.

Weltliches Amt und weltliche Würde war im Mittelalter meist erblich geworden. Somit werden wir uns nicht wundern, in unseren Namenverzeichnissen den vollständigen Hofstaat weltlicher und geistlicher Fürsten, vom Kanzler bis zum Schergen, wiederzufinden. Man vergleiche nur folgendes Verzeichnis der Hof-Verwaltungsämter eines Fürsten jener Zeit mit deutschen Familiennamen: Dapifer Truchsess, Droste; Pincerna Schenk; Marescalcus Marschall; Camerarius Kämmerer; Causidicus oder Scultetus Schuldheiß, Schulz; Advocatus Vogt; Minister Ammann; Villicus Meier; Cellarius Keller; Telonarius Zoller, Zöllner; Magister coquinae Küchenmeister; Monetarius Münzer usw. Daran reiht sich eine Menge Namen von städtischen und Klosterämtern, richterlichen, polizeilichen und militärischen Stellen wie Fürbringer (Advokat); Küster, Glöckner, Sigrist (auch Sacristan); Stocker und Sulzer (Gefängniswärter); Venner (Fähnrich).

Während so diese alten Ämter viele Familiennamen geliefert haben, sind die neueren Amtsbenennungen — glücklicherweise — nicht so fruchtbar gewesen. Weder Kammerherr noch Kammerdiener, weder Präsident noch Superintendent, weder Steuerperäquator noch Hauptzollamts-Kassenkontrolleur werden aus naheliegenden Gründen je zu Familiennamen werden.

Einige Schwierigkeit machen Namen wie Kaiser, König, Herzog und ähnliche, bei denen allerdings „gerechte Zweifel sich erheben können, ob solche Familien häufig in den Fall gekommen sind, die durch derlei Namen bezeichnete Würde als wirkliche Lebensbürde zu tragen“ (Pott). Es sind jedenfalls Übernamen, welche die betreffenden Persönlichkeiten in dem sie umgebenden Kreise führten.[42] Ähnlich ist es mit Bischof, Probst, Mönch und anderen geistlichen Würden, die sich freilich auch sehr wohl auf patronymischem Wege als Familiennamen festsetzen konnten — trotz dem Cölibat.

Spottnamen sind: Bratengeiger, Giegengack (Bierfiedler), Pinkepank (Schmied), Gaugengigl (Narr, Geck).[43]

Manche alte Bezeichnungen von Amt und Gewerben sind nur in diesen Familiennamen erhalten, da sie sonst, zugleich mit der bezeichneten Sache, erloschen sind — so Platner, Armbruster. Andere Gewerbe bestehen noch, aber die alten Namen sind erloschen, z. B. Menger = Händler, in Zusammensetzung Eisenmenger, Winkler = Kleinverkäufer, Preiswerk = Posamentier.

Interessant sind auch die mundartlichen und landschaftlichen Verschiedenheiten, die sich hier geltend machen. So ist Müller, Miller die oberdeutsche, Möller die niederdeutsche Form; Beck (Mehrh. Becken) oberdeutsche Form statt des norddeutschen Becker (in Basel Pfister vom lat. pistor). Leiendecker ist (nach Vilmar) am Rhein und nach Oberhessen hinein wohl verständlich, aber schon in Niederhessen ein Fremdling: ein Schieferdecker; denn der Dachschiefer heißt am Mittel- und Niederrhein die Leie. Manches Handwerk hat infolgedessen die verschiedensten Bezeichnungen; so heißen die Schlächter: Fleischhauer, Fleischhacker, Fleischer, Metzger, Knochenhauer, Beinhauer; die Töpfer: Hafner, Potter, Eulner. Ebenso bedeuten Binder, Küfer, Böttcher, Büttner, Scheffler im wesentlichen dasselbe.

Manche dieser Gewerbenamen sind außerordentlich häufig, vor allen die fünf:

Müller, Schulze, Meier, Schmidt, Schneider,

die man deshalb auch die fünf Großmächte in der Namenwelt genannt hat. Den vier ersten wird man diese Stelle nicht bestreiten; doch gegen Schneider als fünften möchten mehrere andere nicht ohne gute Aussichten in die Schranken treten, als da sind: Bauer, Becker, Richter, Weber, Lehmann. Zu Berlin gab es im Jahre 1867 nach Ausweis des Adreßbuches 929 Familien und alleinstehende Personen des Namens Müller und sogar 1267 des Namens Schulze (Schulz); nächstdem waren die Schmidt mit 884, die Meyer mit 509 Nummern vertreten. Die Lehmann und die Krüger brachten es gleichmäßig auf 474, die Richter und die Hoffmann ebenso gleichmäßig auf 354. Alle gehören ausnahmslos in diese Klasse, ihre Häufigkeit erklärt sich aus dem häufigen Vorkommen des betreffenden Gewerbes oder Amtes, besonders auch auf dem Lande. Das trifft bei sämtlichen oben angeführten Namen zu, vor allen bei Müller und Schulze. Da jedes Dorf (in Norddeutschland) seinen Schulzen hatte, fast jedes, wenigstens größere, seinen Müller, so war eine Überfülle daher entspringender, meist gleichlautender Familiennamen unvermeidlich.[44] Obenan steht in dieser Hinsicht unleugbar der Name Schulze (Schulz), den man deshalb versucht wäre kaum noch als Namen gelten zu lassen.

Die hier hervortretende Einförmigkeit wird dadurch noch vermehrt, daß die Namen dieser Klasse an Sproßformen so arm sind. Deminutive Bildungen sowie patronymische fehlen fast ganz, auch genetivische, z. B. Schiffers, Snyders, Zimmermanns sind selten und finden sich nur in einzelnen Landschaften, besonders am Niederrhein.

Eine Ausnahme macht der Name Schmid, der mehrfache Ableitungen, namentlich auch Deminutiva wie Schmiedecke, Schmidel, Schmidtlein bietet. Dies erklärt sich daher, daß der Name schon sehr früh vorkommt, schon im 9. Jahrhundert in den Formen Smithart, Smido, Smidilo; er gehört demnach zu den altdeutschen Personennamen, welche ja eine so große Umbildungsfähigkeit im Bereich der Schmeichelformen entwickeln (s. [SMID]). Nebst Kaufmann (althochd. Caufman) ist Schmid wohl der einzige vom Gewerbe entlehnte Personenname der altdeutschen Zeit. Das Schmiedehandwerk ist eben das älteste Handwerk der Deutschen; zugleich war es das vornehmste, da seine Aufgabe war, Waffen für den Kampf zu liefern. Mit den Namen berühmter Schwerter wurde auch der des kunstreichen Verfertigers fortgepflanzt, so die Namen Wielands (in der nordischen Wilkinasage), Mimes (in der Wölsungensage). In manchen Gegenden hat der Schmied noch einen mythischen oder heidnischen Schimmer behalten; vielleicht versteht er die Schwarzkunst; man zieht ihn zu Rate, wenn man bestohlen ist. Daher die zahlreichen Schmiedesagen (wie von dem Schmied zu Jüterbogk, der selbst den Teufel zu überlisten weiß und ihn auf dem Amboß übel zurichtet). Es liegt einmal etwas Geheimnisvolles in der Beschäftigung mit dem glühenden Stahl und Eisen.

Wenn, von Schmied abgesehen, sich Sproßformen bei dieser Namenklasse selten finden, so sind dagegen Zusammensetzungen häufiger und ersetzen zum Teil den Mangel an eigentlichen Sproßformen. Um manche dieser Handwerksnamen gruppiert sich eine überraschende Zahl solcher Kompositen; dieselben rühren größtenteils daher, daß das betreffende Handwerk früher in weit mehr Spielarten zerfiel als heutzutage. So finden sich in Nürnberg von 1300–1500 neben Beck: Brodbeck, Fladenpeck, Schwarzpeck (Schwarzbrotbäcker), Tachspeck (später Täglichsbeck, der alle Tage backt), Judenpegk (der den Juden Matzen backt), Pfennigspeck (der Pfenniglaibe backt), Wasserbeck (der Wasserwecken backt).

Obenan steht in betreff der Zusammensetzungen ohne Frage der Name Meier (Meyer, Maier), vom lat. major der Ältere, sodann Aufseher (eines Landgutes), Verwalter. Dieser Name, welchen einer der großen Sippe, Franz Meyer in Osnabrück, in einer besonderen Einzelschrift („Der Name Meyer und seine Zusammensetzungen“) behandelt hat, zählt weit über 1000 Zusammensetzungen, so daß schwerlich ein anderer Name dieser Klasse sich darin auch nur entfernt mit ihm messen dürfte.

Werkzeuge und Kleidungsstücke.

Eine nicht unwesentliche Ergänzung erhält diese Klasse durch die von Werkzeugen und Geräten entlehnten Namen. Womit jemand hantierte, danach wurde er benannt. So konnte einen tapfern Krieger der Name Degenkolb, einen Schmid der Name Boßhammer zieren (von boßen = schwer aufschlagen), wie für einen Koch Schaumlöffel sehr bezeichnend war. Pfeffersack ist ein alter Spottname für Kaufleute, während Knieriem und Leimpfann noch heutzutage für jedermann verständlich die betreffenden Handwerke bezeichnen.

Unter den hierher gehörigen Familiennamen nehmen auf dem Gebiete der Hausgerätschaften die der Küche den größten Raum ein: Schaumlöffel, Kessel, Wiegelmesser, Fetthake (ein Hauptgerät der Küche des 15. Jahrhunderts), Feuerhake, Pfannstiel, Ölhafen u. a. — unter den Handwerksgeräten die, welche sich auf grobe Holz- und Eisenarbeit beziehen: Axt, Breitbeil, sowie die Zusammensetzungen mit Hammer.[45]

Geräte der Feldarbeit erscheinen beispielsweis in: Schellpflegel, Pflug (Keil-), Rollwagen, Spannagel.

Doch dieser friedlichen Vereinigung tritt auch hier sofort ein starkes Fähnlein kriegerischer Namen gegenüber: Eisenhut, Stahlhuth, Harnisch, Kempeisen (die Eisenkolbe der Gottesgerichtskämpfe), Bauerneisen, die berüchtigten Kirmeßspieße des 15.-16. Jahrhunderts, „mit denen die Bauern sich leichtlich zur Ader ließen“; einen Reitersmann bezeichnen: Klingspor, Holzsadel, den altertümlichen Pfeilschützen Armborst und Pfeil, während die Feuerwaffen in dem Namen Feuerrohr vertreten sind. Manche dieser Namen gehen zugleich auf die Jagd.

Entsprechend dem Goetheschen „Saure Wochen, frohe Feste“ schließt sich ein heiterer Reigen solcher Namen an, die von Lustbarkeiten und dabei gebrauchten Geräten entlehnt sind.

Danzglock, Schombart (Maske), Glückrad, Kranz, Maikranz und Grünemay, Rosenkranz, Kuttruf (eines der im 15.-16. Jahrhundert äußerst zahlreichen Trinkgefäße). Diese Namen stammen besonders aus Süddeutschland, wo überhaupt mehr leichtlebiger Frohsinn als im Norden herrscht und wo frühzeitig schon im Mittelalter auch ein freier Bauernstand sich bildete. Einen Beleg für die Blüte des letzteren haben wir in der höfischen Dorfpoesie des bayrischen Ritters Neidhart von Reuenthal.

Hierher rechnet Vilmar auch die Münznamen, deren er volle 20 aufzählt. Darunter sind freilich manche zu streichen, wie Dreier, welches die niederdeutsche Form für Dreher, Drechsler ist; auch Schilling und Heller sind zweifelhaft zu nennen. Doch bleiben immer noch einige übrig, wie Weißpfennig, Redepenning (barer Pf.), Wucherpfennig und dessen Gegenteil Schimmelpfennig, Fünfschilling, bei denen eine Beziehung auf die betreffenden Münzen nicht abzuweisen ist.

Den Geräten mögen sich die Kleidungsstücke anreihen, wie denn schon bei Namen wie Eisenhut, Harnisch sich beides nicht scharf trennen ließ.

Eine Benennung nach einem auffälligen Kleidungsstücke, welches jemand trägt, ist auch für uns noch etwas Naheliegendes und Gewöhnliches. So sprechen wir von Grünröcken (Jägern),[46] Rotröcken (roten Husaren — englischen „Rotröcken“), Schwarzröcken, von Weißmänteln und Rotmänteln.[47]

Fangen wir mit der Kopfbedeckung an, so haben wir hier vor allem die Zusammensetzungen mit Hut: Webelhut (d. i. Wackelhut), Weißhut, Grünhut, Spitzhut; vereinzelter Wittkugel (weiße Gogel oder cucullus, eine Kaputze, an einem Kragen desselben Stoffes befestigt, der Schultern und Hals umschloß, so daß vom Kopfe nichts zu sehen blieb als das rings umrahmte Gesicht), Rothkepl u. a.

Das Leibkleid, der Rock, findet sich ebenfalls in mannigfachen Zusammensetzungen: Blaurock, Wittrock (auch Weißkittel), Langrock, Kurzrock; dazu Ärmel in Rothärmel, Weißermel (wohl Spottname für Müller); ferner der Mantel in Wintermantel, Rothmantel.

Die Beinbekleidung haben wir in: Leinhose, Mehlhose (Spottname für Müller), Kurthose.[48] Die scherzhaftesten unter allen sind: Lodderhose, Schlaphose und Lumphose, ein Kleeblatt, in welchem sich die unsinnige, zuerst von renommistischen Landsknechten aufgebrachte Pludertracht des 16. Jahrhunderts verewigt hat, gegen die der Brandenburger Hofprediger Andreas Musculus 1556 in gerechtem Zorn seine „Vermahnung und Warnung vom zuluderten, zucht- und ehrverwegenen Hosenteufel“ schrieb.[49]

Die Fußbekleidung endlich ist vertreten durch Schuh, Knabenschuch, Holtzschue, Rothschuh (Tanzliebhaber), Bundschuh (der von den Bauern getragene Schnürschuh, der nicht nur eine sprichwörtliche Bezeichnung des Bauern überhaupt, sondern auch ein bekanntes Parteizeichen hat abgeben müssen).

Speisen.

Namen von Speisen entlehnt gehören hierher, soweit sie Personen bezeichnen, welche die betreffende Speise bereiteten, sie an Gäste verabreichten, damit handelten; doch ist gewiß auch häufig jemand nach einer Speise benannt worden, die er besonders liebte.

Auf dieser Tafel stehen im Vordergrunde Brot und Fleisch, Bier und Wein, die sich in mannigfachen Zusammensetzungen finden:

Milch- und Mehlspeisen sind vertreten durch: Süßmilch, Schlegelmilch (Buttermilch), Hafermehl, Pfannkuch, Butterweck.

Mehr Vereinzeltes übergehen wir hier; doch zu erwähnen ist noch ein deutsches Nationalessen, die Wurst, wonach der deutsche Lustigmacher den Namen „Hanswurst“ (Hans Wurst) erhalten hat, während der französische als „Jean Potage“ (Suppe) und der englische als „John Plumpudding“ auftritt. Die Wurst kommt in deutschen Familiennamen sowohl einfach vor, als auch in genaueren Zusammensetzungen wie: Blutwurst, Krautwurst, Leberwurst.

Es ist im ganzen eine einfache Küche; man braucht sich besonders nur die häufigen Zusammensetzungen mit sauer vorzuhalten:

um sich mit einem Schlage an die genügsamen Tische des 15. Jahrhunderts zurückversetzt zu sehen. (Vilmar, Namenbüchlein S. 48 ff).

Außerdem zeigen sich in den Familiennamen noch Speisen und Getränke, die bereits im 16. Jahrhundert verschwinden, z. B. Gossenbrod, warmes Brot mit Fett begossen, eine Lieblingsspeise alter Zeit, selbst von Dichtern öfter erwähnt,[51] und Moras, über Maulbeeren abgezogener Wein.

12.
Familiennamen der dritten Schicht.

b) Eigenschaften.

Wie aus der Geschichte bekannt ist, wurden hervorragenden Personen, namentlich fürstlichen Standes, in früheren Zeiten häufig Beinamen gegeben, mit welchen der Deutsche in diesem Falle sehr freigebig war. So finden wir schon im 9. Jahrhundert unter den Karolingern einen Karl den Dicken und einen Karl den Kahlen, später unter den sächsischen Kaisern einen Otto den Roten und einen Heinrich den Heiligen. Was letzteren Namen betrifft, so kennt die Geschichte außerdem noch Heinrich den Stolzen, den Schwarzen, den Zänker. Und wie hieraus ersichtlich, gab man nicht immer ehrende Beinamen, sondern auch tadelnde und spottende, und das Mittelalter war darin durchaus nicht blöde. So hieß Kaiser Wenzel der „Faule“, Landgraf Ludwig von Thüringen der „Unartige“, Eberhard von Württemberg der „Greiner“, d. i. Händelsucher.[52]

Zu diesem Zwecke werden zunächst und am einfachsten verwendet Eigenschaftswörter selbst, die mit dem Artikel dem eigentlichen Namen nachgesetzt werden: Otto der Rote, Friedrich der Lange usw. Aus diesen Zusätzen entwickelten sich dann dauernde Bezeichnungen der Familie, wobei der Umstand zu Hülfe kam, daß eben die Eigenschaften des Vaters vielfach auf die Kinder vererben. Dabei fiel der Artikel vor dem Zusatze fort;[53] doch blieb trotzdem sehr oft die gebogene Form des Eigenschaftswortes stehen: Kluge neben Klug, Weiße neben Weiß, Grote (Große) neben Groth (Groß), und in manchen Fällen ist es sogar die herrschende Form geblieben, wenigstens in Norddeutschland, wie in Krause, Lange.

Die Zahl der einfachen Namen dieser Art vermindert sich übrigens bei näherer Untersuchung sehr. Einmal finden sich viele davon schon im Altdeutschen, gehören demnach — wenn auch vielleicht nicht in allen Fällen — zur ersten Schicht; so die Namen Guth, Fromm, Jung (schon im 6. Jahrhundert ein Goda, im 10. ein Jungo). Dann sind manche auch nur scheinbar Eigenschaftswörter, z. B. ist Voll schwerlich einer, der immer „voll“ ist, sondern es ist das altdeutsche Fulko (vgl. Volkbrecht und Vollbrecht). Auch Rohde kann zwar die niederdeutsche Form des Eigenschaftswortes rot sein — auf das Haar bezüglich, wie schon Krause; gewiß aber mindestens eben so häufig ist es das altdeutsche Hrodo (zu dem Stamme hrod „Schall, Ruhm“).

Sicherer sind Zusammensetzungen, wie

Viel seltener finden sich Hauptwörter zur Bezeichnung einer Eigenschaft oder charakteristischen Tätigkeit, wie Becker aus Köln (12. Jahrhundert) anführt: Fraz (Fresser), Schad (Räuber), Slevere (Schläfer); aus Zürich (13. Jahrhundert): Manesse (Menschenfresser), Boneze (Bohnenesser). Letzteren stellen sich zur Seite von neueren Namen: Fleischfresser nebst Holtfreter (niederd. = Holzfresser) und Speckäter — insbesondere aber gehören hierher manche Zusammensetzungen mit Mann: Biedermann, Großmann; auch Abstrakte wie Frischmuth, Sanftleben, und präpositionelle Zusammensetzungen: Ohnesorge, Woltemate (wohl zu Maß).

In bildlicher Weise wurden auch Namen von Tieren, an denen man bestimmte, stark hervortretende Eigenschaften fand, in diesem Sinne verwendet. Bekannt sind aus der Geschichte Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär. Noch häufiger waren wohl spottende Zusätze der Art. So wird in der Lübecker Bürgermatrikel von dem Jahre 1322 der eine von zwei Brüdern Johannes de rode, der andere Richard Vos genannt, offenbar nach derselben Ursache.[54]

Körperteile.

Die bisher angeführten Namen dieser Gattung beziehen sich, wie leicht zu erkennen, teils auf geistige, teils auf leibliche Eigenschaften. Familiennamen der letzteren Art sind nun mit Vorliebe von einem Körperteile hergenommen, der eben von hervorstechender Eigentümlichkeit sein muß, um Anlaß zur Benennung der ganzen Person zu geben. Darum eignen sich allgemeine und einfache Bezeichnungen wie Haar, Hand, Finger, Mund wenig zu Familiennamen, weil sie als solche meist zu nichtssagend wären.

Die Namen dieser Art, die sich dessenungeachtet finden, sind verdächtig und bedeuten offenbar großenteils etwas ganz anderes. So ist Mund sicher meist das altdeutsche Munto (von althochd. munt d. i. Schutz, vgl. Vormund), Haar das altdeutsche Haro (von hari d. i. Heer).[55] Andere bedeuten allerdings Körperteile, sind aber durch Häuserzeichen vermittelt (s. weiterhin).

Mit viel größerer Sicherheit gehören hierher die zusammengesetzten Benennungen, unter denen besonders häufig sind die Komposita mit Haupt und Kopf, mit Haar und Bart, mit Bein und Fuß. Die Beschaffenheit und Form des Kopfes, wie anderseits die des Fußes, die Farbe und Beschaffenheit des Haares und Bartes, weil ja am meisten in die Augen fallend, wurde vorzugsweise bezeichnet.

Haupt: Breithaupt, Rauchhaupt (= Rauh-), Wollenhaupt.
Kopf: Großkopf, Breitkopf, Wittkopf (niederd.).
Haar: Flachshaar, niederd. Flashaar, Geelhaar (= Gelb-), Weißhaar.
Bart: Rothbart, Spitzbart, Weißbart.
Bein: Einbein, Krummbein, Langbein.
Fuß: Leichtfuß, Schmalfuß, Stolterfoth (niederd.).

Wie sehr Bezeichnungen dieses Schlages sich zu Familiennamen eignen, geht daraus hervor, daß manche derselben noch jetzt appellativ gebraucht werden. So reden wir von einem „Flachskopf, Rotkopf“, einem „Großmaul“, nennen einen Invaliden mit hölzernem Bein „Stelzfuß“ usw.[56]

Hier, bei den von körperlichen Eigenschaften entlehnten Namen, verrät sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit der Seite 11 geschilderten römischen Namengebung, in der Art, daß die Namen beider Sprachen sich vielfach decken:

Longus: Lange, Capito: Großkopf,
Paullus: Klein, Crispus: Krause,
Niger: Schwarz, Plautus: Platzfuß (= Platt-) usw.

Doch sinkt das Deutsche auch hier nicht zu der geistlosen Einförmigkeit und Äußerlichkeit der lateinischen Namengebung hinab. Das verhindern vor allem die

Satznamen,

eine besonders anziehende und reichhaltige Gruppe.

Die Eigentümlichkeit, kurze Sätze, namentlich befehlender Art, zusammenzuschieben in uneigentlicher Komposition und daraus Hauptwörter zu bilden, erscheint innerhalb der deutschen Sprache zuerst im Mittelhochdeutschen, wo Gebilde wie habedanc (Danksagung), rûmelant (räume das Land, ein Landflüchtiger) und einige andere auftreten. Diese Bildungsweise scheint dann besonders in der volkstümlichen Literatur des 15.-16. Jahrhunderts geblüht zu haben. So finden wir unter anderem im Liederbuch der Klara Hätzlerin, welches zahlreiche lyrische Stücke, größtenteils aus dem 15. Jahrhundert, enthält: „Vergiß mein nit das plümlein, das krautt denck an mich“ — in Sebastian Brants Narrenschiff: Füll den mag, schmirwanst (Namen von Fressern) — bei Fischart: Hebdenmann, ein rechter Jag den Teuffel, Reckdendegen, Streichdenbart (lauter Personennamen); Dörflein Beiteinweil (d. i. Wart ein Weilchen), Trotzdenkaiser (N. einer Burg), Luginsland (N. eines Turmes)[57] — dann besonders in Rollenhagens „Froschmeuseler“ bezeichnende Tiernamen wie Blehebauch, Ruerdendreck, Rufflaut (Frösche); Beißhart, Luginsloch, Spahrkrümlein (Mäuse). Niederdeutsche Bildungen dieser Art bietet Reineke de Vos in den Tiernamen Merkenouwe (Merke genau, die Krähe), nebst dem Krähensohn Slindepier (schlinge den Wurm); Pluckebudel (pflücke den Beutel, die räuberische Natur der Raben bezeichnend).

Diese Fähigkeit ist allerdings im Neuhochdeutschen, je mehr dasselbe Buchsprache wurde und an lebendiger Beweglichkeit einbüßte, desto mehr erloschen; trotzdem läßt sich auch jetzt noch eine ziemliche Reihe solcher Bildungen zusammenbringen: Habenichts, Störenfried (störe den Frieden), Wagehals, ThunichtgutLebewohl, Stelldichein u. a., wozu noch die Blumennamen Vergißmeinnicht und Gedenkemein zu rechnen. Auch die Büchertitel Trösteinsamkeit, Trutznachtigall und Wendunmuth erklären sich hieraus. Manche unter diesen Ausdrücken sind allerdings weniger schriftgemäß als volkstümlich, und begeben wir uns ganz von der einförmigern Landstraße des Schriftdeutschen herunter auf die Nebenpfade volkstümlicher, mundartlicher Rede, so können wir noch manches Blümchen dieser Gattung pflücken.[58]

In ganz besonderem Maße hat diese Zusammensetzungsweise ihren Tummelplatz im Bereiche der Personennamen. Bekannt sind unter den Vornamen Leberecht, Fürchtegott, Traugott — auch wohl Kreuzwendedich (hin und wieder einem Kinde gegeben, wenn schon mehrere vor ihm gestorben). Weit größer aber ist die Zahl unter den Familiennamen. Vilmar hat drittehalbhundert zusammengebracht, eine Zahl, die sich noch erheblich vermehren läßt.[59]