HELIANTH
Bilder
aus dem Leben
zweier Menschen von heute
und aus der norddeutschen Tiefebene
in neun Büchern dargestellt
von
Albrecht Schaeffer
Der drei Bände erster
Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920
Widmung
In Lebens leichter Unbeständigkeit
Warst du der Sichre, der auch mich gefeit.
Und wie das Sternheer strahlt, auch unsichtbar
Am Tag: dein Bild mir dauernd’ Sternbild war.
So tritt vor dieses Werk auch hin im Geist,
Das nun zu Nachfahrn und Geschlechtern reist.
Ihr, teuren Namens Zeichen, flammt und seid
Gewähr und Bürgen seiner Dankbarkeit!
Kurt Albert Gerlach
Erstes Buch.
Hochsommertag
oder
Die Kinder
Glanz und ruhm! so erwacht unsre welt
Heldengleich bannen wir berg und belt
Jung und groß schaut der geist ohne vogt
Auf die flur auf die flut die umwogt.
STEFAN GEORGE
Erstes Kapitel
Wiese
Ununterbrochen feilten die Grillen.
Georg, zum Abgrunde des Sommers hinabgesunken, lag in der Tiefe des Grillenmeers. Über ihm hoch, in einer schönen Ewigkeit gab es einen Vormittag, Insel der Sonnenfriedlichkeit, und möglicherweise war es doch dort, wo sein Leichnam angenehm ruhte, in jenen farbigen, brodelnden Wiesen, von dem unzählbaren Zirpen des unsichtbaren Getiers dergestalt überfüllt, daß alles von ihm zitterte und schwoll wie von einer unsichtbaren, stampfenden Maschine, oder als brächten zehntausend Sonnenstrahlen an den geschliffenen Spitzen der Gräser dies Geräusch hervor, das fortebbte und erstarb und schon wieder von anderswo sich erhob und überschwoll und wieder hinsank und in Ewigkeit nicht verstummte — grün, grün, grün — und die flirrenden Stimmen. Georg bemerkte, den Kopf hebend, daß er allerdings inmitten jener Wieseninsel lag, sanft überflutet von Glut, und, geblendet vom Licht, gewahrte er durch die Spalte der Lider unendlich fern seine Beine und Füße in braunen Schnürstiefeln mit Messinghaken und Reitgamaschen, eine Art braunen Gebirges, umringt von bebenden Zitterhalmen und roten Sauerampferstauden wie von Zypressen und Kiefern, zu denen, klein vogelgleich, unablässig die roten Fliegen und Perlmutterfalter phantastisch heranflogen. Hummeln stimmten mit tiefem Geläut dazwischen. Unermeßlich fern und fein sang eine gedengelte Sense. Kühe, die in der Ewigkeit grasten, brüllten von dort herüber, selten nur und mit Seelenruhe. Die See hinterm Deich war nicht zu hören.
Helenenruh, dachte Georg, ach Helenenruh! Wenn ich nur wüßte, ob es auch so schön war, wie ich geboren wurde!
Er legte sich an die Seite und war an den Grund eines Urwalds geraten. Alle Halme, die Margeriten, Federnelken und Sauerampfer — Georg dachte: Auersampfe, träumerisch — waren zu einer sonnigen Lichtung geworden, wärmedurchrieselt, bebendes Gold in der Himmelsbläue. Er wälzte sich auf den Bauch herum und betrachtete die Stelle, wo sein Kopf das Gras plattgedrückt hatte. Eine Ameise arbeitete sich schwierig daraus hervor, kletterte, immer wieder einbrechend, aber nicht verzweifelnd, darüber hinweg und verschwand. Hinter dem Gräserwald stand der Himmel wie blaues Glas. Dahinter stiegen Käfer auf, schlugen einen Bogen, fielen, waren fort. Grillen schnellten wie abgebrannte Schwärmer in die Höhe, fielen, waren fort. Schön wärs, jetzt durch die blaue Glasscheibe zu greifen, die da ins Gras gestellt war — warum tat man sowas nur niemals? — die ja nicht zerbrechen würde, sondern im Gegenteil, sie würde ganz weich sein, ungefähr wie warme Luft, aber die Hand würde gänzlich blau dahinter aussehn. Jetzt wackelte ein Urwaldsbaum aufgeregt mit dem Wipfel; an seiner Wurzel arbeiteten mit Stricken und Äxten wild aussehende Kerle, mit Waffen bestarrt von oben bis unten, in befransten Leggins, mit Schlapphüten, unter denen sie Tücher um den Kopf gewickelt hatten; ihre Pferde knabberten in der Nähe, legten jeden Augenblick die Ohren zurück, hatten böse Augen und mißhandelte Mäuler von den pfundschweren Gebissen; ihre Sättel waren wie Kamelsättel, nämlich tief, unbeschreiblich tief im kanadischen Urwald. Oder brasilianischen. Oder wars vielleicht der Arkansas, der in der Nähe durch die Schnellen ging? Von Arkansas kam man nach Tennessee und so weiter durch die Staaten, die sich unerhört ausbreiteten. Wie das schon klang, wenn man sagte: Staaten ... Arkansas war auch ein fabelhaftes Wort, ebenso wie Rio de la Plata, — o grenzenlose, stille Wasserflächen! O Papageienschreie! Die Savanne, die Savanne ... Welch unsterblich kolumbische Worte, durch Ferne und Abenteuer zu strahlender Glasur gebrannt, Fayencen der Unsterblichkeit! Womöglich bezaubernder, als wenn man Tasso sagte. — Du siehst mich lächelnd an, Eleonore. — Wem es gelänge, einen solchen Anfang zu erfinden! Sieh, Ameise, da bist du ja! Ist es dir gelungen? Warum jetzt diese Sauerampferpappel ersteigen, Ameise? Indiana, das war auch so ein entzückendes Staatenwort. Emma — warum steht jetzt Emma ins Gras geschnitten, so groß, so fett, so ausdrucksvoll? Die Möwen sehn alle aus, als ob sie Emma hießen ... bewahre, das ist ja kein Grasboden, das ist ja tintig und löcherig, das ist das alte Klassenpult unter dem Bilde von Herkulanum. Ach, das wird nun wohl überhobelt sein, und die schön gemalte Tulpe Pilsener ist verschwunden, ebenfalls der unsterbliche Vers oben links in der Ecke unterm Lesevereinszirkel: Wer hier einschläft und nicht erwacht — Den hat der Daniel umgebracht. O Direx, o Daniel, o Gewesenheit! O wie schön sie nun dasteht, aufrecht und echt und dursterregend, die Tulpe Pilsener aus schönem Glase mit breitem Goldrand, zur obern Hälfte mit Schnee, zur untern mit klarem Honig gefüllt, und darunter, auf dem mit Zigarrenasche bestreuten Tischtuch —, — Georg las die mit Bleistift zierlich geschriebene Strophe Platens: Wer wüßte je das Leben recht zu fassen ...
Ja, wer wüßte je? O schwierige Fragen. Der Ernst des Lebens trat nun an einen heran. Man war ein Prinz, was hatte dies zu bedeuten, insbesondere? Wie gings weiter?: Wer hat die Hälfte nicht davon verloren ... Ja, ein Viertel war schon hin, zwölf bittre, griechische Jahre und noch sechs, dulde nur aus, mein Herz! „Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren.“ Das kann stimmen, ach Gott, wie faul bin ich heute! Nur die Ameisen müssen immer arbeiten. Nun wieder hinunter den Auer... „In Liebesqual, in leerem Zeitverprassen ...“ Verprassen ist ein wunderbarer Ausdruck, das spritzt so! In Liebesqual ... in — — Liebes... was heißt das? — Wer hier einschläft und nicht ... Du siehst mich lächelnd an ...
Wieso ist auf einmal alles rot? Sonnenuntergang? Nein! O verschlafene Tage! O Grillengezirp! O vergessene Geschichtszahlen! Ah, jetzt wird es bunt, das kommt vom Schlafen, ich habe eine kleine halbe — hu — ah! — halbe Stunde geschlafen, da liefen Ameisen in mir hin und her, ich glaube, ich war ein ganzer Ameisberg, so warm und voll Geruch von Erde, Kiefernadeln und kleinen Läusen, die gemelkt werden, es dampfte, es kribbel— es kribbelt noch immer, da am Ohr, wo sie ein und aus laufen ...
Georg faßte nach seinem linken Ohr, bekam einen Grashalm zwischen die Finger, hörte das Lachen einer Göttin vom Zenit und wachte ganz auf.
Da saß sie! Bei Gott, da saß dieses Mädchen ganz stille bei ihm! — Er konnte mit tränenden, geblendeten Augen nichts wahrnehmen als einen riesigen, weißen Kleidflecken, auf dem rote und grüne Scheiben durcheinanderliefen. Sein Herz klopfte stark. Aufgerichtet, in seinen Hemdsärmeln dasitzend, juckte er sich die Schultern, indem er das Hemd darauf hin und her schob, gähnte riesig und dachte: Was zuckte ich eben? Ich bin gezuckt, weil sie gekommen ist, weil sie nach mir gesucht hat, weil sie ... Er gähnte noch einmal, um möglichst gleichgültig zu erscheinen, und bemerkte, er sei so schlaftrunken. Da er keine Antwort bekam, sagte er nach einer Weile: „Weißt du, Anna, wie mir zumut ist? Als wär ich soeben geboren worden. Als hätt ich hier tausendundachtzehn Jahre im Grillengezirp geschlafen, bloß die letzten zehn habe ich einen schönen Unsinn geträumt. Weißt du, es giebt ein Bild, du wirst es nicht kennen, es ist von — von Philipp Otto Runge und heißt: Der Morgen. Ein kleines Kind liegt in einem Rübenfeld und streckt die Arme nach oben. So — Gott bin ich müde! — so komm ich mir auch vor!“
Während er sich in einem endlosen Gähnkrampf zusammenkrümmte, sah er doch das zarte Lächeln in den Fältchen ihrer Augenwinkel, dazu die roten Hitzeflecken über den fast brauenlosen Augenbuckeln, hörte sie auch etwas sagen von seinem Gesicht, das wie eine Rübe aussähe, die ein bißchen Wasser ausschwitzte, wo die Augen säßen, und es klebte eine Mücke auf seiner linken Backe.
„Mücken“, sagte er, „sind gut.“ Und dann dachte er, indem er sie sitzen sah, auf der Seite nach weiblicher Art und mit angezogenen Füßen: Kleines, weißes Mädchen! Kleines gesticktes Mädchen von siebenzehn! Du lieber Gott, was kleine braune Schuhe! Und diese herrliche Stickerei, die das halbe Kleid bedeckt! Und dieser weißliche Flaum auf den Armen, die schon braun werden! Und diese großen, braunen Eleonorenaugen! Und die breite, schöne Stirn! Und diese Biegung des großen Florentinerhuts, und wie das Gesicht darunter im Schatten ist, und überhaupt alles! — Zärtlichkeit zog sein Herz zusammen, ringsum waren die Wiesen, rote Sümpfe von Sauerampfer, Gefilde weißer Sternblumen, und darüber dies unablässige Geschwirre, auf und ab Fliegen und Schnellen und Schweben von Flügeln, eine ungeheure Bewegung, und doch so still ...
Wieder lag er auf dem Rücken, starrte in die blendende Bläue, blinzelte und dehnte sich innerlich, daß die Knochen knackten. Er hörte einen trocknen Zweig taktmäßig gegen seine linke Gamasche schlagen. Die Grillen feilten. Die Hummeln summten. In einer eigentümlichen Ängstlichkeit bemüht, fortzukommen, war er wieder dabei, sich einen Weg quer durch die Staaten zu bahnen, die Rifle in der Linken, das Bowiemesser in der Rechten, den Tasso in der Revolvertasche (Reclam).
Plötzlich wagte ers und fragte, woher sie käme. Spazieren, sagte sie. Ob sie ihn gesucht hätte. Gefunden, sagte sie. Und so redeten sie vielleicht noch viele Worte, bis er kühn wurde und mit Herzklopfen sagte: „Ich weiß jetzt! Du warst eine kleine Wolke, die vom Dent de la Neige heruntergeflogen kam. Hast du wohl die himmlischen Kühe gesehn und die Engel, die blaues Gras mähten?“
„O Georg,“ sagte sie vorwurfsvoll, „darum bist du auch in Mathematik durchgefallen. Schäm dich was! Ein Prinz und durchfallen!“
„Wenn er doch nie regieren braucht!“
„Wie hast du das bloß angestellt?“
„Angestellt? Der alte Kaffer fragte nach geometrischen Reihen, aber Fischer hatte mir gesagt — wir wurden an zwei Tagen geprüft, in zwei Gruppen, weißt du —, die hätte er am ersten Tage gefragt gehabt, und deshalb hatte ich bloß noch schnell die Formeln für die arithmetischen Reihen übergelernt, und da sagte ich die her. Da setzte er mir eine halbe Stunde auseinander, das wären die arithmetischen und nicht die geometrischen, und was ich denn nun davon wüßte. Mehr nicht, sagte ich, und da fragte er Dieckmann, und da war ich durchgefallen, und das war vorauszusehn. Es war sehr bequem.“
Da saß sie und dachte. Was denkt so ein Mädchen, wenn es auf seiner glatten Stirn mühselig eine kummervolle Falte erzeugt? Halb ist ihr Kleid Tülldurchbruch — wie kann man eigentlich sowas anziehn, wie muß das wohl sein? — und die Bluse ist halb Tülldurchbruch — und halb ist sie gar nicht; man kann sie in die Westentasche stecken, wie warm sie sein muß! — Da wurde ihm innerst heiß, unter der Sonnengluthaut, und er dachte unbestimmt Zärtliches. Wenn ich nur wüßte, was sie jetzt denkt, dachte er.
„Georg, woran denkst du jetzt?“ fragte sie.
Ach, sie hatte an gar nichts gedacht! — Er sagte, er hätte gedacht, was sie jetzt dächte. „O, muß man immer denken?“ antwortete sie seelenvoll.
„Wie wars denn nun“, fragte er, „an der Adria? Erzähle mal! Erzähle aus Genf, aus Venedig! Warum seid ihr nicht bis Griechenland gekommen, ich hätte euch alles gezeigt. Griechenland ist viel schöner. Sag, hast du in Innsbruck auch immer morgens, wenn du auf die Straße kamst, gedacht, es wäre schlecht Wetter, und dann warens die grauen Berge, und man mußte sich den Kopf ausrenken, um den Himmel oben zu sehn? Berge sind so scheußlich ...“ Er ließ nachdenklich den Kopf zur Brust hängen, die Hände links und rechts neben sich ins Gras gestützt. — Wie spät es sei ... Er merkte, daß sie schon zum zweitenmal fragte, zog, ohne die zugefallnen Augen zu öffnen, die Uhr an ihrem Lederriemchen aus der Westentasche und hielt ihr die glatte Seite hin, die er für das Zifferblatt hielt.
„Halb elf,“ hörte er sie ganz fern sagen, „komm frühstücken!“
Georg nahm sich zusammen und hatte das bedrohliche Gefühl, daß auf einmal Zeit da war. Halb elf, unweigerlich. Etwas hörte auf.
Er erhob sich umständlich, nahm die Jacke aus dem Grase, die dalag wie ein schlafender Jagdhund, zog sie an, stülpte den Panama auf, klopfte die Hose ab und stampfte mit dem rechten Fuß, daß etwas braune Erde vom Spornrade fiel. Dann gingen sie über die Fenne, vor sich die riesig aussehende, majestätische Wand des Wäldchens, zerklüftete und durchrissene Wipfel, über ein Knicktor, wieder über eine Fenne, durchs Gatter, und waren, von plötzlichem Brombeeraroma umwogt, in der dunklen, schattigen Eichenallee, in deren entfernter, runder Öffnung lichtes Grün, oben ein wenig Blau und dazwischen Weißes war vom Haus. Waren hindurch und gingen über die ganz grüne, geschorene Wiesenfläche gerade auf die Terrasse los, die glitzernd weiß zur linken Hälfte, zur rechten dunkelgrau, vom Schatten des Südflügels bedeckt, mit Brüstungen und großen, grauen, von rotem Geranium oder gelbroter Kapuzinerkresse überwucherten Steinurnen vor dem blendendweißen Hause mit seinen weit vorgreifenden Flügeln, den grünen Läden, schwarzen Dächern und zwei Türmchen lag, an dessen einem die goldnen Uhrzeiger blitzten. Ach, in dem wundervollen Grasboden unhörbar, das war eine Wonne zu gehn, so schläfrig, hier und da stolpernd, in den heißen Hosentaschen die glühenden Hände, den Kopf gegen die Sonne gesenkt, durch halbgeschlossene Lider auf die braunen Stiefel hinuntersehend, die sich da unten sonderbar selbständig vor und zurück bewegten, und links die kleineren braunen Füße, die — — ach, es war zu schön!
Auf den Beetstreifen unterhalb der Terrasse blühten die Stockrosen vielfarbig, und oben saß Papa unterm rot und weiß gestreiften Leinenschirm am Tisch hinter der Brüstung zeitunglesend. Aus der Glastür trat der Diener, eine Figur aus undurchsichtigem blauen Glase, der gedrehte Flügel entsandte einen scharfen Goldblitz, er setzte einen funkelnden Silberkorb und Gläser auf den Tisch, und plötzlich ergraute alles und losch aus und schien verkleinert — oben hatte eine kleine Wolke sich vor die Sonne gestellt. Seltsam sachlich und wirklich erschien von rechts her auf dem Weg unter der Terrasse ein Unbekannter in einem grauen Anzug, blieb einen Augenblick vor einem Stock weißrosiger Rosen — Capitaine Christy? — stehn, ging sachte weiter, die zweimal vier Stufen hinauf, und wurde vom Herzog mit liebenswürdigem Eifer begrüßt. Georg dachte: Wer ist das? — Das Mädchen fragte dasselbe. Da waren sie angelangt.
Terrasse
Anna Magdalena ging um den Tisch zu dem wie immer sitzenden Herzog, der sie auf die Stirn küßte und nach den Träumen der ersten Nacht wieder im Vaterhause fragte (doch gab es keine bestimmten, bloß ein Erröten) und dann ihr und Georg den Fremden vorstellte, nämlich den Maler Benvenuto Bogner, dessen Bild oben im Klaviersaal Georg kenne. „Er erweist uns die Ehre seines Besuches und hat auch einen Freund mitgebracht, der aber leider krank ist.“
„Ach, das schöne Bild mit dem (sonderbaren wollte er sagen) Vers darunter!“ sagte Georg erfreut, während er eine feste Hand zu fassen bekam und in ein ziemlich langes, bartloses Gesicht mit fast unsichtbaren hellen kleinen Augen in sehr großen Höhlen blickte.
Alsbald saßen sie um den runden Tisch und frühstückten Spiegeleier und allerlei Köstliches. Der Herzog erinnerte den Maler an ihr erstes Zusammentreffen in Paris, das war bald fünfzehn Jahre her.
„Ja, sieh, mein Sohn,“ sagte er, „sieh dir diesen wohlwollenden Mann an. Damals war das ein Bursch wie du, verschlossen, boshaft, mager wie ein Hering, in seiner Dachkammer gedörrt, die mit den greulichsten Bildstücken angefüllt war, und er wie ein ertappter Lustmörder mitten drin sah aus, als ob er vor Hunger und Gewissensbissen umfallen wollte. Und er verkaufte nichts, keinen —“
„Hat Papa Sie damals schon eingeladen?“ redete Georg vergnügt dazwischen. „Na, Sie haben sich Zeit genommen!“
Der Maler, sacht mitlächelnd, meinte, nein, er sei vielmehr gekommen, um das Bild mit dem — er machte genau Georgs eigne Pause vor dem Wort — Vers abzumalen. Georg wollte überlegen, wie aus dem Lustmörder dieser findige und vornehme Mensch geworden sein mochte, hörte seinen Vater sagen: „Iß, Kleines, du ißt ja wie’n Vogel!“ und sah sie langsam an. Sie blickte, mit dem Rücken zur Hauswand sitzend, über die Brüstung und sagte: „Da kommt Papa,“ rot werdend. Jenseit des Rasenovals erschien im lichtgrünen Loch des Eichenwäldchens ganz klein das weiße Pferd mit dem Verwalter, kam rasch näher, sich vergrößernd, umtrabte den Rasenplatz nach rechts hin. Der Maler hatte sich umgedreht. „Der große Chalybäus,“ bemerkte der Herzog halblaut wie zu sich selber und fügte hinzu: „mein Verwalter.“ Der war jetzt auf dem Seitenweg hinter Bäumen und Gebüsch verschwunden, tauchte wieder auf in einer Lücke, grad vor der Tür des halbverborgenen Verwalterhauses und stieg ab. Der Stallbursche war da und führte den Schimmel weg, aus der Haustür kam ein Herr die Stufen herunter, begrüßte sich mit dem Riesen, dem er kaum zur Brust reichte, und verschwand wieder. Bald darauf erschien die gewaltige Gestalt auf dem Wege unter der Terrasse, über deren Brüstung das schiefe grüne Hütlein eben entlang schwebte, und wie er nun im langen Rock und Stulpstiefeln die Treppe heraufkam, wurde er immer größer, so daß selbst Georg wieder erstaunte. Ungeheuerlich über den Sitzenden ragend, lüpfte er hoch oben das verschossene Hütlein von der hohen Stirn und den grauweißen Schläfenbüscheln, dem auf ihn zutretenden Maler die Hand reichend.
Ob er auch Besuch bekommen habe, erkundigte sich der Herzog, als er neben seiner Tochter saß. Chalybäus, den dicken Schnurrbart mit beiden Händen windend und drehend, daß die Spitze der schön gebogenen Nase sich krümmte, lächelnd und nach allen Seiten blitzend mit Zähnen und blauen Augen, bejahte mit herrlicher Tenorstimme, begrüßte zunächst Georg in homerischer Sprache, weil der in Griechenland gewesen sei, im Lande der Hellenen, vergaß völlig die Frage des Herzogs, die in Magdas ängstlich unbestimmtem Blick brannte, und stürzte sich mit Feuereifer in seinen Bericht über den Morgenritt, den Stand irgendwelcher Feldarbeit und betrunkene Polen. Es hörte wohl niemand zu.
Georg träumte. Kleine Wolken wie Schmetterlinge, weiß und mit wunderbar leichten Schatten, tauchten über den Eichenwipfeln auf. Er sah wieder die Grasebenen und die Linie des Deiches, leer, wehend, blumenreich. Er ging drüberhin, in der Ferne war etwas Weißes, Io vermutlich, die jungfräuliche Kuh; er ging ungezählte Sommermittagsstunden darauf zu, es war Anna, sie saß im Grase und ließ blutrote Spinnen, wie Punkte klein, über ihre Hände laufen, die sie drehte, als wände sie einen Kranz. Plötzlich war ihr Kleid über und über bedeckt mit roten Punkten, die durcheinanderwimmelten wie ein Firmament, und sie sang leise: Spinn am Mittag, Glück am dritten Tag ... unaufhörlich die gleichen Worte. Es wehte über die Wiesen, es wehte; warm, zitternd kam die Luft, Heugeruch war darin, ferne ging die Stimme des großen Chalybäus sonor auf und nieder, zehntausend rote Spinnen wimmelten über das Mädchen hinweg, o Gott, wie heiß es war! Deutlich hörte er ihren Vater sagen: „Kinematograph ...“
Georg kam zu sich, begann zuzuhören und faßte den Maler ins Auge, der ihm gegenüber Honig aus der Porzellandose schöpfte und auf Semmel fließen ließ, indem er den Hornlöffel drehte. Er gefiel Georg überaus. Das Gesicht war graubraun, weniger hager als fest; die Knochenränder der großen Augenhöhlen waren unter der Haut erkennbar — so wie bei manchen Affen, ja, und auch dies Traurige wie bei ihnen war zwischen den Brauen manchmal. Die ernste Nase, das Kinn, der schmale Mund mit einer scharf gegrabenen Falte links und rechts, wie war all das ruhig und geschlichtet — geschlichtet ja, und das gescheitelte Haar war völlig grau gesprenkelt, so daß er an Vierzig schien, aber vor fünfzehn Jahren hatte Papa gesagt, war er so alt wie ich ... Georg dachte, er habe noch nie einen so stillen Menschen gesehn, geschweige einen, der zugleich so vielwissend aussah, ja so — kostbar innerlich.
Der große Chalybäus erzählte tönend von seinem Besuch, einem Bekannten von „old times“, einem Schauspieler, der jetzt für den Film mime.
„Alte Erinnerungen,“ sagte er, „fünfzig Erinnerungen, die schleppt so ein Mensch in seinen Taschen daher und merkts nicht. Auch ich war ein Mime im lockigen Haar,“ sagte er. „Er zieht sie mit dem Schnupftuch heraus, daß sie wie eine Mottenwolke aufflattern, er schneuzt sich in sie, er schenkt sie in sein Glas, er verschenkt sie gra—ties! Er braucht sie nicht, ein Mensch, der lebt, was braucht der Erinnerungen, ich aber muß danach schnappen, ich lebe nicht, ich zehre, ich habe meine Zeit versäumt.“
„Wieso?“ fragte der Herzog.
„O Durchlaucht dürfen nicht glauben, daß ich je Ihre Güte zu unterschätzen vermöchte! Ja, ich lebe auch hier, habe Amt, nehme Anteil an tausend Dingen, aber — der hat nie auf den Brettern gestanden, der sie jemals vergessen konnte, wie der Matrose seinen breiten Gang beibehält — ah Durchlaucht, jene Bretter sind schwankender als die einer Brigg, die sich im Seegang um Kap Horn herumwirft.“ Der große Chalybäus war wundervoll im Fahrwasser. „Ich bin zu spät geboren, Durchlauchten!“ sagte er pompös.
Georg fragte: „Wieso?“
„Durchlaucht, Sie kennen mein Unglück. Ich verlor meine Stimme.“ Er räusperte sich, dankbar lächelnd mehrmals mit dem Kopf nickend, da er Georg ungläubig dreinblicken sah. „Ah Durchlaucht, Sie hören mich reden und bezweifeln meine Worte. Dies sind beschämende Überbleibsel. Einst hätten Sie mich hören sollen, einst, als ich Tasso spielte, Tasso! und den göttlichen Posa. Ich darf mich ja nun rühmen, des Verlorenen darf man sich rühmen, und meine Stimme war ein Donner, Georg, ein Donner! Ach, was ist sie jetzt! Aber hören Sie, was ich sagen wollte — ich war auch ein Mime. Mitterwurzer sah ich in der Loge sitzen und weinen, wenn ich seine Rollen spielte, aber was half mir diese Gabe, als die Stimme brach! Jetzt könnte ich sie verwenden, jetzt spielt man ohne Worte, Herr Herzog, jetzt hat man den Kinematographen. Ich aber bin alt geworden ...“
Magda, wie früher auch in Verlegenheit bei den väterlichen Rodomontaden, stand sacht auf, flüsterte Georg zu, daß sie ihr Reitkleid anziehn und die Pferde bestellen wolle, und entlief, die Terrasse hinunter. Ihr Vater unterbrach sich, sah ihr träumerisch nach, murmelte: „Wie eine Elfe!“ und fuhr fort:
„Le théatre est mort, vive le cinéma! Man spielt nicht mehr zwischen pappenen Kulissen, kaschierten Möbeln, flatternden Türen, gemalten Bäumen und vor dem Souffleurkasten, sondern draußen in der herrlichen Gottesnatur! Die Anforderungen der Phantasie wurden ungeheure und sublime —“
Der Herzog fand und forderte den Maler zur Beistimmung auf, die Phantasie sei ein unseliger Greis geworden, den man zur Lust reizen müsse wie den König von Münster weiland.
Dies wollte der Chalybäus dahingestellt sein lassen, die Hauptsache bleibe: Alles muß echt sein. „Wirklich muß es sein, freie Natur, echter, windiger Wald, natürliche Zimmer und Pferde, vor allem Pferde. Ach, wer möchte nicht einmal drei Millionen Schimmel sehn! Die ganze Welt, sehn Sie her, ist zur Bühne geworden, Entfernungen? Wie? Der Raum schrumpft, der D-Zug bringt den Schauspieler an jeden verlangten Ort, Hotelvestibüle wechseln mit Ozeandampferpromenadendecks, Hafeneinfahrten, Freiheitsstatue und Spreewaldlandschaften. Das Büro eines Rechtsanwalts verwandelt sich, schneller als ich die Hand umdrehe, in diese Terrasse, diese Treppen hinunter treten wir in ein Warenhaus, Segelschiffe ziehn übers Meer, durch den Tubus eines Leuchtturmwächters gesehn, der Spielsaal von Monte-Carlo, Zypressen, Vesuv, das Zimmer einer Kokotte, Karlshorst vor den Tribünen, die Kulissen eines Va— — also die Steepler fliegen vorüber, alles, alles fliegt, saust, verwandelt sich, reißt ab, setzt meilenfern an und ist in atemlosem Endspurt vorbeigerast, abgewickelt, siebenhundert Meter Film in zehn Minuten — es muß eine Lust sein, darin zu leben!“
„Und das Ganze ist denn wie an die Wand gepißt,“ sagte der Herzog mit Nachdruck, fügte jedoch begütigend hinzu, daß er Chalybäus ja gern entbinde; er wolle ihn nicht hindern zu leben. —
Georg schien sein Vater, wie stets, wallensteinischer auszusehn bei einer derartigen Bewegung oder musketiermäßiger, mit dem beweglichen, starken schwarzen Bartzapfen am scharf rasierten Kinn, und er betrachtete gegen das des Malers dies bärtige Gesicht, die kupfrige Haut, die über den schrecklich gesträubten Schnurrbart hängende schiefe Nase, jenes Wahrzeichen der Trassenberge, das er selber entbehren mußte, die kleinen, seltsam glühenden und durchdringenden Augen und das breit und schräge Dach der Stirn; kugelrund der ganze Schädel und voll von Haar, schwarzem, glanzlosem. Beim Maler — freilich — schien alles Innere vor langer Zeit stille geworden, um sich nur zu rühren, wenn er es wünschte; beim Vater schien alles gebändigt, dabei sich wehrend, immerfort bereit, sich frei zu machen. Das war der Unterschied.
Der große Chalybäus fuhr derweil fort:
„Sehnsucht, Durchlaucht, ist besser als Erfüllung. Ich bin zu alt geworden. Bedenken Durchlaucht die Anforderungen an den Körper bei solcher Bühne. Zwar bin ich Offizier gewesen, Beuglenburger Dragoner, Herr Bogner, aber das interessiert Sie nicht, und ich habe unter den Augen von — — nun, was ich sagen wollte, da erzählt mir mein Freund, wie er in einem Drama „Der Mann mit der eisernen Maske“ (l’homme au masque de fer!) — mehrere Kilometer weit durch die Trassenheide hat reiten müssen, und zwar reiten: in einer schweren eisernen Plattenrüstung, mit geschlossenem Visier, rückwärts und mit auf den Rücken gefesselten Händen aufs Pferd gebun—“
„Verdammt kompliziert!“ meinte der Herzog und sah zu Georg auf, der sich erhob.
„Ich möchte zu Mama gehn,“ sagte er halb fragend, „sie ist doch schon aufgestanden?“
„Geh nur — ihr wollt reiten?“ fragte sein Vater, allwissend wie immer. „Ich möchte dich eine halbe Stunde vor dem Essen auf meinem Zimmer sprechen, richtet euch bitte danach ein.“
Er nickte ihm zu; Georg grüßte den Maler und ging ins Haus.
Saal
Georg durchschritt den Vogelsaal, stieg die breit und frei sich wendende Treppe empor und betrat den Klaviersaal, dessen vier Fenster nach dem Park weit offen standen, und es war wie im Freien. Nach rechts sich wendend, sah er gleich überm hellbraunen Harmonium das große, farbig leuchtende Gemälde, trat davor und las wieder den, auf eine Messingplatte im untern Rahmen gravierten Zweizeiler:
Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf, das Geliebte.
Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter vollbrachtens durch ihn.
Die Tiefe des breiten Bildes, fast die ganze linke Hälfte, war mit Landschaft erfüllt, entfernter, tief liegender Landschaft: sanft fallenden Wiesen, einem Hain, dem Stück eines blauen Flusses am Grunde, in der Ferne bläulichen Hügeln, von violetten Bergrücken überhöht, all dies gelbgrünlich im hellsten Sonnendunst verschwimmend und gläsern. Schräg über das Bild, diese Landschaft abschneidend, zog sich der obere Teil einer Balustrade von gelbem Marmor, neben der, auf einer lehnenlosen Bank von gleichem Stein, nahezu lebensgroß scheinend, ein Mädchen saß, in der rechten Bildhälfte, den einen Arm auf der breiten Platte der Brüstung. Ihr Antlitz lag, scheinbar aus dem Hinabschaun über die Schulter in die Gegend, flach nach oben gewandt, das Haupt tief im Nacken, die Züge fast unkenntlich durch die Verkürzung. Das, wonach sie zu sehn schien, war selber nicht sichtbar, aber sein Schatten, der eines Schmetterlings, lag bläulich und deutlich umrissen dicht vor ihrer Hand auf dem Stein. Ihr Gewand nahm das leichte Violettblau der Berge mit tieferem, röterem Ton wieder auf, durchsichtig, indem alle Stellen, die am Körper fest anlagen, rötlich schimmerten, und das alles, ohne Schwarz gemalt, glühte durchscheinend in blendender Hellfarbigkeit, wie von innen erleuchtet.
Keinen Zusammenhang zwischen Bild und Vers bekam Georg heraus. Leise angeweht von der allgemeinen Stille des Gemalten und dem unendlich in sich gekehrten Zauber des Augenblicks — so flüchtig und doch, als könne sie durch Jahrhunderte so sitzen — sah er irgendwo das fremde und bedeutende Gesicht des Malers, über welcher Erscheinung er sich nun genötigt sah, nach einer Jahreszahl zu spähn. In der rechten Bildecke entdeckte er sie neben einem kleinen roten Rad in roten Ziffern, doch war die letzte leider unleserlich, es schien 1897, und nun mußte er lächeln, wie klein er noch gewesen war, als das Bild gemalt wurde, worauf er sich losriß und augenblicks mit dem üblichen Herzklopfen zur nächsten, offen stehenden Türe ging, dann weiterhin durch die geöffneten Zimmer bis ins letzte, das dämmrig lag bei geschlossenen Vorhängen. Dahinter wars, das schwarze Zimmer, der Turm ... Er schauderte, zauderte leicht, nahm sich zusammen, trat zur verschlossenen Tür, klopfte an, öffnete, trat, sich schmal machend, durch den Spalt und schloß hinter sich.
Die Finsternis, in der er stand, traf ihn fast eisig nach der heißen Luft vorher, er blickte hastig nach oben, um ein Raumgefühl zu erlangen, sah den dünnen Lichtfaden weißlich aus der Laterne des Turms herabrinnen, hörte den großen Ventilator summen und gleich darauf die leise gleitenden Schritte seiner Mutter. Nun glaubte er auch ihren Schatten, schwarz in der Schwärze des Raumes, zu sehn, der wie eine Berghöhle tief und unterirdisch war. Der Schatten glitt näher, dort mußte die Wand sein, der Schein eines weißen Gesichts dämmerte, schwand plötzlich, und der Schatten glitt fort. Er hörte den Hauch eines Seufzers, der Schatten kam wieder und hielt nach einer Weile in seiner Nähe an. Georg drückte seine Stimme herunter:
„Wie geht es, Mutter?“
„Danke, schon besser“, antwortete sie kaum hörbar; dann fragte sie:
„Was giebt es Neues, mein Junge?“
„Es ist Besuch gekommen. Der Maler des Bildes im Klaviersaal, Bogner. Vater läßt es dir sagen, und ob du ihn heut abend sehn könntest.“
„Ich hoffe. Ist es ein angenehmer Mensch?“
„Sehr, Mama. Er spricht nicht viel, aber sein Schweigen scheint so klug und bedeutend. — Es ist sehr warm heut. Magda und ich wollen etwas reiten.“
„Heiße den Maler auch von mir willkommen. Ja, ich denke, ich werde heut abend mit euch essen können. Wie geht es Papa?“
„Gut, Mama, wie immer. Vielleicht giebt es auch ein Gewitter, das wäre doch schön für dich.“
„So, ein Gewitter? Ja, das wäre mir sehr gut. Nun, grüß Vater, mein Junge! Und Magda. Geh, mein Junge.“
Der Schatten war dicht an ihn herangekommen, auf einmal sehr groß und ganz weißlich; er ergriff eine eiskalte Hand, die aus der Dämmerung kam, küßte sie schaudernd, als wäre es eine Pflanze, und tastete sich nach der Tür. Er wartete wegen des einfallenden Lichts, bis der bleiche Schatten ganz fern von ihm war, öffnete die Tür, schlüpfte durch die Spalte und schloß sofort hinter sich wie vorhin. Draußen starrte er geblendet gegen das Lichtviereck der gegenüberliegenden Tür, in dem er nach einiger Zeit einen vergoldeten Sessel, dann unten den roten Zipfel eines Teppichs und oben ein Stück eines unkenntlichen Bildnisses erkannte, und nun ging er weiter bis vor die Saaltür, ohne Gefühl und Gedanken, wie betäubt, wie entronnen.
Langsam tröstete ihn der friedliche Anblick der drei, vor der drüben liegenden Schmalseite des Saales stehenden braunen Tafelklaviere, die sich still verhielten wie gute Tiere, und nun erst, da er dachte, daß eines von ihnen ein Geschenk des „flötespielenden Königs“ war, wie seine Mutter ihn einmal genannt hatte, tauchte aus allem Unbestimmten und Verworrenen des Gefühls sie selber und wirklich wieder auf, er fühlte sie an seiner Hand, fühlte den Druck ihres ewigen, wütenden Kopfschmerzes auf der Stirn und trat hastig von der Tür zurück ans offne Fenster. Wie warm es nur war! Er beugte sich hinaus.
Weit links saß sein Vater unter dem Sonnenschirm, seinen Stoß Zeitungen auf dem Stuhl neben sich, selber verborgen hinter der papiernen Wand vom „Manchester Guardian“, und nicht weit von ihm saß jetzt allein, den Rücken zur Hauswand, Doktor Birnbaum, Onkel Salomon, und frühstückte. Georg konnte die rechte, im Kauen auf- und niedergehende Hälfte des hängenden braunen Schnurrbarts sehn, darüber die nicht minder hängende, stark gebogene Nase, die rote, feste Wange und die eine der kräftigen, hochgezogenen Brauen. Er hatte sein Glas Milch vor sich stehn, schnitt auf dem Teller eine schinkenbelegte Brotscheibe in Streifen und Würfel und steckte sie in den Mund.
Ach, dachte Georg, nun tief bekümmert, meine Eltern, meine armen Eltern! Da sitzt nun Papa wie ein Riese, braun wie ein Seefahrer, und nach einer Weile wird Egloffstein mit den Stöcken kommen, und auf vier stelzendürren Beinen wird er weghumpeln, aber — aber selbst dann ist er wie ein Meermann auf dem Lande, der seinen Fischschwanz hinter sich herschleppen muß, ja, so ist es, als gäbe es ein andres Element, in dem er sich frei und herrscherlich ... und es giebt das ja auch, er hat seinen Geist, aber da in ihrem Turm hinter vermauerten Fenstern läuft meine Mutter in ihrer Finsternis auf und ab, von brennendem Feuer im Kopf gejagt, tagaus tagein, und jahraus jahrein, sie kann nicht einmal denken, vielleicht abends eine Stunde. Vater ist so gelehrt und klug, er erfindet sich Flügel für die zerschmetterten Füße, aber meine Mutter, sie hatte doch auch einmal eine schön fliegende Seele, oder ist sie noch da, ist sie wirklich noch da? — Schamvoll den Gedanken zerdrückend, meinte er: Vielleicht fliegt sie um mich, wo ich bin, und trägt, wenn ich schlafe, meine Träume zu den vollkommenen Sternen.
Unten wurde gesprochen. Georg setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken rechts gegen den Rahmen lehnend, doch konnte er von drunten nichts verstehn, da Onkel Sal von ihm abgewandt sprach. Langsam drang die Wärme wieder ganz in ihn ein, er dachte, hier zu warten, bis Anna und die Pferde kämen, und nun hörte er plötzlich, während der obere Zipfel der Zeitung langsam sank und dahinter das bärtige Gesicht seines Vaters, ruhig mit ein wenig ironischem Blick auf den Sekretär gerichtet, zum Vorschein kam, ihn sagen:
„Wenn es sich wirklich um politische Dinge dabei handelte. Sie sehen ja nur die Anlässe, Bester. Die Gründe aber sind schon beinahe metaphysisch.“
Wovon redet er denn? dachte Georg. Onkel Sals Antwort blieb unverständlich, seines Vaters Gesicht verschwand wieder hinter der Zeitung, und da er so weiterredete, war wieder nichts zu verstehn. Übrigens genügte die Sonne, und Georg ließ langsam die Lider sinken. Fern, aber deutlich hörte er die Stimme seines Vaters wieder:
„Es handelt sich um das Recht der Jugend, das ist das Ganze. Frankreich ließ sich von Camille Desmoulins und den andern leider enthaupten ...“
„Napoleon —“, hörte Georg von der andern Stimme.
„Napoleon war kein Franzose,“ tönte deutlicher die Stimme des Herzogs, „war ein italienischer Abkomme von Condottieres und überdies eine jener Gestalten —“ Georg entging das Nächste, er versank tiefer in Wohlsein, Magdas Gestalt erschien ihm.
„Aber das Recht, wo ist denn das Recht?“ schrie Onkel Sal. „No — nun sagen Sie mir ...“
„Was für ein Recht meinen Sie? Das, zu sein — aus dem sich als nächstes ergiebt: vor und über den andern zu sein. Jenes Recht, das — ich weiß nicht, ob es moralisch ist, aber das jedenfalls den Römern bei Cannä, den Griechen bei Marathon, den Ungarn vor Wien und den Preußen bei Gravelotte half.“
Sie sprechen vom Kriege, dachte Georg im Halbschlaf, neunzehnhundertund... es ist zu komisch! Halt, was sagte Onkel Salomon? No, sagte er, er sagte immer no.
„No — und das bestreite ich eben!“ Die Stimme kreischte etwas wie schlecht geölt. „Sind wir denn keine christliche Nation?“
„Das sind sie alle,“ versetzte der Herzog auflachend, „was wollen Sie daraus beweisen?“ Außerdem ist er Jude, der gute Onkel, dachte Georg schläfrig, aber was hat er für eine christliche Seele!
Eine Weile schien alles still, lange Zeit sprach jemand mit unterdrückter Stimme. Georg wars, als ginge eine Tür, er fuhr plötzlich auf, da seines Vaters Stimme unten ganz laut ertönte:
„Für jeden Alternden kommt einmal der Augenblick der großen Schlacht. Der Augenblick, wo er angreifen muß, wenn der wirkliche Angreifer, der Junge, auch zögert. Auch England ist in merkwürdiger Geschwindigkeit gealtert und liegt jetzt — ich habe immer diese etwas groteske Vorstellung, mit einer Fußspitze auf England, mit der andern auf Ägypten, mit einer Hand auf Indien, mit der andern auf Australien, und so ist es, nur damit beschäftigt, sich in dieser scheußlichen Lage zu halten, fett geworden, aber dies beiläufig, denn wenn es aufsteht, wird es immer noch einen fürchterlichen Kerl abgeben, wenn wir einmal dran glauben müssen, und das werden wir. Aus welchen Ursachen und wer dann angreift, ist so gleichgültig wie — na wie unser Gerede darüber. Die andern sind die Alten, Jugend ist Angriff eo ipso, drehen Sies —.“ Ein dumpfer Hundelaut blaffte, Georg riß die Augen auf, es flimmerte alles, er rieb heftig die Lider und sah endlich Magda im schwarzen Reitrock und weißer Bluse über den Treppenstufen stehn und, eine Semmel in der Hand bröckelnd, Krumen über die Stufen streuen, auf denen zwei schillernde Tauben und ein paar Spatzen auf und ab hüpften. Unten lief der weiße Pfau hin und her, suchte, was für ihn herunterkam, und vergaß keinen Augenblick Anmut und die zierliche Würde von Kopf und Schleppe, dieweil neben Doktor Birnbaum Benedikt stand, der hellrote Hühnerhund, mit schiefer, erwartungsvoller Kopfhaltung, ganz still, nur das Ende der gebogenen Rute ging leise hin und her, und Georg wußte, daß Onkel Sal von Qualen zerrissen war, weil er doch selber auch was essen mußte. Überdem zog die Erinnerung an seine Mutter schattenhaft schwermütig durch Georgs Herz, er dachte wieder: Helenenruh, ach Helenenruh! — und die Zeit stand ihm still.
Plötzlich drehte Anna sich um, ließ die Blicke suchend über die Hauswand gleiten und nickte herauf, sonderbarerweise aber nicht nach ihm, sondern nach einem Fenster weiter links. Georg stand auf, trat in den Saal hinein, und da sah er hinter dem Vorhang des letzten Fensters ein Stück von einem Menschen, Bein und Knie, und da wars Maler Bogner, der friedfertig auf der Fensterbank saß und eine kleine Pfeife rauchte, als wäre er zu Hause. Nun sah er Georg still, ein wenig fremd, an und begann langsam und auf unbeschreibliche Weise mit den Augen zu lächeln. Georg trat zu ihm und sagte verlegen ein paar entzückte Worte über das Bild, die der Maler nicht zu hören schien. — Ob es hier Kühe gäbe, fragte er, und ob es erlaubt sei, sie sich anzusehn. Georg versicherte, es wimmle von Kühen überall und der Maler müßte sich hier wie zu Hause fühlen. Schon im Forteilen, denn er hörte die Pferde, wurde ihm das Unpassende seiner Zusammenstellung klar, er wurde rot, suchte eine Entschuldigung, fand keine, glaubte, noch etwas sagen zu müssen, und fragte:
„Wo sind Sie daheim, wenn ich fragen darf?“
„Das ist auch verkehrt,“ versetzte der Maler freundlich, „ich bin nirgend daheim.“
Georg, dunkler errötend, fühlte sich wider Willen in eine neue Frage verstrickt:
„Aber Ihre Eltern, wenn ich fragen darf, leben doch noch?“
Bogner versetzte, daß er es hoffe. Dies gab Georg den Rest, er glühte, fand kaum die Tür und rannte die Treppe hinunter.
Als er die Terrasse wieder betrat, saß die Anna schon auf ihrem kleinen, hellbraunen Pferde. Ihr Vater ging um den großen, schwarzbraunen Hunter des Prinzen, zog am Sattelriemen und beschimpfte den Stallburschen, der statt Vorderzeug Matingal aufgelegt hatte, ob er, Chalybäus, vielleicht nebenher laufen solle, um den Sattel festzuhalten, ob er, Stallbursch, immer noch nicht wisse, daß das Aas von Unkas den Sattel auf die Hinterhand schöbe. Der Bursche sah wie eine Geraniumblüte aus, starrte betäubt Magda an, wagte es aber, als Georg aufstieg und er sich an den rechten Bügel hängen mußte, zu flüstern daß am Vorderzeug eine Schnalle durchgerostet sei.
Georg nickte ihm zu. Am Frühstückstisch war niemand mehr. Sie trabten nach Westen in den Park hinein. Der Sattel fing an zu rutschen.
Zweites Kapitel
Deich
Georg, innerlich mit ihm selber kaum bewußten Dingen verworren beschäftigt, schwieg lange Zeit, lachte endlich leicht auf und sagte:
„Weißt du, was mir einfällt? Einmal war Onkel Salomon auf einer Dienstreise in Altenrepen, besuchte mich und brachte mich ein Stück Weges zur Schule. Da kaufte er in einem Zigarrenladen eine besondere Sorte, so ganz große, du kennst sie ja, sein einziger Luxus, und wie er aus der Tür kam, hatte ich inzwischen irgendwen von den Jungens getroffen, drei oder vier, ich weiß nicht mehr, der lange Fischbeck war dabei, und schon gab er jedem dreie von seinen Kostbaren, eine einzige behielt er in der Westentasche. Und erinnerst du dich, wie Papa mal erzählte, wieviel Existenzen er schon mit seinem bißchen Gelde gegründet hat, Leute, die jetzt Warenhäuser besitzen, und er bleibt der unbekannte, kleine Sekretär, freilich, er wird mit keinem Großsiegelbewahrer tauschen wollen — Großsiegelbewahrer ist doch ein enormes Wort, nicht? Aber — was ich sagen wollte — da redeten sie eben vom nächsten Krieg zusammen, und Papa behauptete unchristlich, es gäbe morgen wieder einen, er aber war fürchterlich dagegen, sagte: No! und sprach von christlichen Nationen. Ich glaube, wenns einen richtigen Christen giebt, dann ist ers. Aber wo sind wir denn eigentlich?“
Die Pferde standen still auf dem schmalen Fußweg am Weiher, der leuchtend grün von Wasserpflanzen in der Sonne lag.
„Wohin wolltest du denn?“ fragte Anna gleichmütig.
„In den Schatten“, sagte Georg, drehte sein Pferd um, und antrabend ritten sie zurück, bogen nach links und traten alsbald in die schattige Eichenallee neben dem Wäldchen ein, zur Linken die Wiesenflächen, zur Rechten das undurchdringliche Dickicht von Unterholz, Farnen und Brombeergestrüpp, aus dem hier und da der lichtgrüne fedrige Wipfel einer Eberesche und die seltenen, riesigen und grauen Säulen der Eichen aufragten. Lautlos gingen die Pferde, so langsam sie konnten, auf dem weichen Erdboden. Georg, jetzt sehr wach, blinzelte insgeheim nach links, allein Annas zartes Profil schien sehr für sich allein. Sie sah vor sich hin. Angenehm beklommen war ihm um die Brust.
„Übrigens“, sagte er, „ein merkwürdiger Mensch dieser Maler.“
„Wieso?“
„Oben im Saal sprach ich mit ihm. Ob seine Eltern noch leben, weiß er nicht. Wo er zu Haus ist, weiß er nicht. Ob er wohl weiß, was die Verse unter seinem Bilde bedeuten? Warum kommt er auf einmal her und wills abmalen?“
„Davon hat dein Papa etwas erzählt. Als er vor drei oder vier — nein, es war in dem Winter, wo ich Lungenentzündung hatte, also neunzehn— na egal! — Drei Jahre müssens her sein, da wurde in Berlin der Nachlaß von einem Bankier Oster — Österheld oder so versteigert, und dein Papa fand dies Bild darunter. Als er dann wieder auf Trassenberg war, bekam er einen Brief von Bogner; er wäre zur Zeit der Auktion nicht in Berlin gewesen, sonst würde er selber das Bild zurückerworben haben, woran ihm aus gewissen Gründen besonders viel —“
„Na, deine gewissen Gründe!“ höhnte Georg. „Weißt du nichts Genaueres? Natürlich gewisse Gründe!“
„Dein Vater weiß auch nicht mehr.“
„Na, und denn?“
„In dem Brief erinnerte er deinen Vater an seine alte Einladung —“
„Also doch, der Schurke!“
„— und bat um Erlaubnis, das Bild kopieren zu dürfen. Dein Vater schrieb ihm dann, das Bild wäre hier, und er möge nur kommen, er ist aber nicht gekommen und hat heute morgen erst aus Böhne plötzlich telegraphiert, er habe auf der Durchreise mit einem kranken Freunde Aufenthalt in Böhne nehmen müssen, und ob er wohl kommen dürfe. Und da hat der Herzog zurücktelegraphiert, er schickte einen Wagen, und den Freund solle er mitbringen. Domina hat ihn übrigens gesehn und sich vor ihm gegrugt, ich weiß nicht warum.“
Wieder standen die Pferde, fünf Schritt vor ihnen lag das Gatter. Georg faltete die Hände vor sich auf dem Sattel und sah über die Weideflächen hin, die, von ihren Knicks durchzogen, nach links und rechts flach sich ausdehnend, gegen Norden — den Deich, das Meer — langsam anstiegen, und dort, mit der schnurgeraden Linie des Deichs, schien die Welt ein für allemal zu Ende. Überall waren die weißen und schwarzen Flecken der Rinder; Wolkenschatten wimmelten in sachter Schwebe darüber hin; links, fern im Süden, wo der Deich tief ins Land hineingebogen schien, stand der Schattenriß eines Fohlens einen Augenblick auf der Horizontlinie und sprang wieder hinunter; ziegelrot leuchtete das Dach des Fohlenhofs, auf den Himmelsrand gesetzt, in der Sonne. Georg atmete auf. O wie fern das war! O wie weit! Norddeutsche Tiefebene, dachte er mit einem sondren Gefühl von Sehnsucht, obwohl er mitten darin war. Er sah, nach Osten blickend, die Windmühle als unbewegliches, schwarzes Kreuz auf Lüdersens Deich; dann merkte er, wie aus dem unsichtbaren Meer die Wolken stiegen; weiß und schattig, immer fetter schwellend, zogen sie schweigsam, ungedrängt sich verschiebend, wie weidende Herden über die himmlischen Auen; auf den untern Weiden ihre leichten Schatten; davon leuchteten streckenweis die Wiesen sonnengelb; es wehte über den Norddeich, unablässig, schwellend, singend; sonst wars still, der letzte Vogelruf des Jahrs schon verstummt.
Georg zuckte zusammen. Anna mit ihrem Pferde schwebte im Sprung über das Gatter hoch in der Luft, landete, und nach zwei, drei Sätzen hielt sie drüben still und blickte ernsthaft herüber. Unkas stampfte, schien als geübter Springer den Abstand zum Ansprung weit genug zu befinden und sprang. Noch wurde der Sattel vom Matingal gehalten. Als sie dann Schritt vor Schritt schweigsam über die Wiesen und den Deich hinanritten, die Pferde die hangenden Köpfe schaukelten, zuweilen, das Kinn vorstreckend, an den Zügeln ruckten, nur die Gebisse leise klirrten, wurde die Beklemmung um Georgs Brust enger und süßer.
Da lag die See, herzbewegend immer wieder durch ihre plötzliche Erscheinung, glatt, graublau mit silbrigen Streifen. Unten leckten winzige Wellen gegen den gemauerten Fuß des Deichs, die letzten, halbtoten Seesterne behutsam fortnehmend. Der Horizont war nah. Vor Georgs Augen nahm die Bewegung der mächtig hochquellenden Wolken an Heftigkeit und Gewalt zu; fast bescheiden in seiner Friedfertigkeit verhielt sich der Meeresspiegel darunter. Unerschöpflich wogte es aus der Tiefe, schwankte, entformte, wandelte, löste und verteilte sich langsam und unaufhörlich, ein Segel erschien plötzlich, ein riesiger Arm. Fern hinten und leise nur sangen die unermüdlichen Grillen.
Die Pferde waren bis an den Rand des Deichs herangetreten, senkten die Häupter und machten lange Hälse, um Gras zu rupfen. Georg stieg ab, half Anna aus dem Sattel, drängte die Pferde zurück und warf sich, die Zügelriemen in der linken Hand, am Deichrande nieder; als er zu dem Mädchen aufblickte, setzte sie sich — erschreckend folgsam, mußte er denken, und da er sie nun still, mit vergrößerten Augen über die See gegen das Gewölk blicken sah, stieg ihm ein sonderbares Angstgefühl in die Kehle, — fast daß er fror. Dann störte ihn das Klappen der Gebisse zwischen den Zähnen der fressenden Pferde, er sprang unwirsch auf, riß ihnen die Kopfzeuge herunter und merkte zu spät, daß er dem Unkas wegen des am Sattelgurt hängenden Matingals nun auch den Sattel abnehmen mußte. Als er fertig war, hatte seine Angst zugenommen, und das Mädchen lag der Länge nach auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, die Augen geschlossen. Er setzte sich neben sie und fing eilfertig an zu reden.
„Hast du gehört, Anna, daß sie vom Krieg sprachen? Es giebt natürlich keinen, aber mir ist etwas Merkwürdiges eingefallen. Höre, kannst du dir etwas unter — deutschem Geist vorstellen?“
Eine Weile verging; plötzlich lagen da ihre Augen ganz groß offen im zarten Gesicht, den Blick weit von ihm fort gegen den Himmel gerichtet, so daß sein Auge unwillkürlich dort hinging, doch war da nichts. Er hörte sie leise: „ja“ sagen, sammelte seine Gedanken und fuhr fort:
„So — sieh mal —, so gab es einst einen hellenischen Geist, der — aber erst weiter —, und einen römischen, jenen, der unsrer Welt die bürgerlichen Staatsbegriffe und Gesetze gab, und einen Geist des Humanismus, der schon eine Art Europa war, einen französischen Geist und einen englischen, den Kaufmannsgeist und der äußeren Gesittung, und nun — ja, was wollte ich sagen?“ Auf den rechten Arm gestützt, auf der Seite neben ihr, fast über ihr liegend, fuhr er eifriger fort: „Ja, also an dem hellenischen Geist war das Sonderbare, daß er allein von den andern, abgesehen vom Humanismus, am stärksten dann glühte, als keine äußere Macht mit ihm verbunden war, nämlich unter der Herrschaft Roms.“ Eine ganze Gedankenkette hastig überspringend, schloß er: „Ob mit ihm der deutsche Geist das gemein haben soll, daß er die Welt von innen beherrschen wird? Vater sagte so etwas wie, daß Deutschland an der Reihe wäre, und deshalb dachte er an den Krieg, aber — ob es wirklich nicht ohne das ginge? Im Prometheus, in unserm Leseverein, weißt du, hatten wir mal eine schöne Streiterei darüber, nach einem Vortrag von mir über ein neues europäisches Reich deutschen Geistes, so wie „Römisches Reich Deutscher Nation“ weißt du, und ich erinnre mich noch —“ Er verstummte. Sie lag geschlossenen Auges nach wie vor. Hörte sie zu? „Ich rede von Europa“, sagte er nach einem langen Schweigen kühl und innerst gekränkt.
Langsam ging ihr linker Fuß in die Höhe und senkte sich wieder; sie bewegte den Kopf und sagte endlich sanft und abgeneigt:
„Ach, Georg, was geht mich Europa an!“
Das Verlangen, sich über sie zu legen und sie zu küssen, überfiel ihn so, daß sein aufgestützter Arm heftig zitterte, allein gleichzeitig mit diesem machte ein andrer, schon seit langem erfundener Drang sich bemerkbar, und diesem, schien es, mußte durchaus und unabweislich nachgegeben werden, allein — es war peinlich. Georg legte sich hintenüber ins Gras, jedoch da war nichts zu wollen, er stand auf, und nach einer Weile schlenderte er davon, am Deichrand hin.
Wieder kehrte die Brustbeklemmung, doch erschien ihm nun plötzlich das Klassenzimmer an jenem beklommensten aller Wintermorgen, am Examenstag, grau, kalt, düster, passend für Leichenbegängnisse. Diese blassen, krampfhaften Gesichter, diese Unruhe, dies innerliche Zerspringenwollen, und warum wird geflüstert? Und keiner hält es nur eine Minute am selben Platz aus, sie wandern alle umher, sitzen, stehn, sehn aus dem Fenster, und zwischen alldem sitzt auf dem Katheder Barkhausen über hundert Notizenzetteln aus allen Fächern, den Kopf zwischen den Fäusten und lernt und murmelt und sieht auf, die Lippen bewegend, verglast und verloren wie ein Delinquent ...
Georg wandte sich zurück. Von Anna war nichts zu sehn als ein kleiner, weißer Fleck, sie mußte noch immer liegen — aber er hielt es doch für besser, die schräge Mauerwand ein Stück hinabzuklettern; um Halt zu haben, mußte er die linke Hand aufgestützt lassen und die Fußspitzen in die Ritzen der Quadern stellen, als in welcher verfluchten Stellung er denn tat, was zu tun war, dieweil er immerfort unsinnig dachte: Nil humanum, nil humanum ... Unterweil erblickte er unten am Mauerfuß einen angeklebten großen Seestern, der noch einen Zacken bewegte, zögerte und stieg großherzig und behutsam zu ihm in die Tiefe, machte ihn, der sich noch anklammerte, los und schleuderte ihn kräftig in die Flut. Dann sprang er auch das letzte Stück auf den Streifen wasserfreien Sandes hinunter und schlenderte langsam zurück. Bruchstücke von Erinnerungsbildern, andre Wintermorgen schwammen zuckend durch sein Gedächtnis, er sah das Gaslicht im Klassenzimmer, das in die Augen brannte, die Bankreihen, die verschlafenen, gedankenlosen, verheimlicht grinsenden, roten Gesichter, er hörte die Stille und die entsetzliche Eintönigkeit der Stimme, die an der Übersetzung herumnagt, und an den Wänden die alten Bilder! Das graugrüne Amphitheater von Verona bei Mondschein mit dem schattenwerfenden Einsamen in der Mitte, die olympischen Gipsbüsten, ganz schwarz von Staub — aber nun war er auf einmal auf dem Tennisplatz, nicht dem in Athen unter Ölbäumen und mit Prinzessinnen und Hofdamen, sondern dem am Waldrand, unter dem großen Plankenzaun, hinter dem die Motorräder der tränierenden Steher in Pausen herumknatterten, und sie saßen zu vieren auf einer Bank, Löbell und die Mädchen, und die Altenreperinnen, die auf den Plätzen vor ihnen umhersprangen, hatten alle so große Füße, bloß Iris Runge nicht, die ihn heimlich liebte, aber wer hätte sich das träumen lassen, und da kam schon das Examen. Ach, und die Nachtstunden mit stillem Lampenlicht und schauerlichen Aufsatzdispositionen — — wie ist das Verhalten Egmonts gegen Albanien im zweiten Aufzuge — oder wars der vierte? — und die unendlichen Thukydidesperioden, die Cosinuszeichen und völlig unbegreiflichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen — ach, aber auch Stunden gab es immerhin über herrlichen Blättern, auf die man schreiben konnte, was das Herz wollte, skandierte Dinge, die unermeßliche Geschehnisse zum Ausdruck brachten ...
Wie mittelländisch es heute aussieht, dachte Georg, gegen das Meer gewandt stehenbleibend. In Sizilien, das war wunderbar, die vier Frauen, wie sie mit antiken Krügen auf den Köpfen an der Felswand den Weg schräge emporstiegen, wie Mädchen aus Olympia, aus Lokris, aus Äolien. Und die Bark mit dem schiefen rostbraunen Segel, bis zum Sinken überlastet mit Bergen goldgelber Limonen, und die Männer darin, wie von Feuerbach gemalt, braun und in Hosen halbnackt, trugen die rote, phrygische Mütze.
Georg kletterte vorsichtig den Deich wieder hinauf und sah sich um. Richtig, da lag sie, etwas zu weit war er gegangen, sie lag wie zuvor. Er stand auf, sie wandte den Kopf zu ihm hin und lächelte schmelzend.
„Da liegst du,“ sagte er, „und ich vollbringe Lebensrettungen.“
„Wen hast du denn —?“ fragte sie leicht erschreckt.
„Einen Seestern“, sagte er und legte sich hin.
Als er eine Minute später vorsichtig nach ihr hinspähte, lag sie, die Augen wieder zu, auf der Seite. Wie das doch seltsam war, ein schlafendes Mädchen! Schlief sie tatsächlich? Wie rührend schutzlos sie aussah! Die dünne Bluse spannte sich über der sanften Brust; darunter senkte und hob sichs und straffte den Batist in langsamen Pausen, peinigend geheimnisvoll. Warum, fragte er sich, warum nur so süß, so schaurig auf einmal, nachdem ich sie seit meinen ersten Lebenstagen kenne? Es ist doch nur ein Mädchen. Oder würde es anders sein als jetzt, wo er es nur sah, doch es war zum Fühlen, er wußte es, woher? Er kannte es nicht. Alle Mädchen kannte er nur so. War das ‚kennen‘? Das Blitzen ihrer Augen, aus gänzlich unverständlichen Ursachen, diese immer verhaltnen Bewegungen, als würden sie zuviel verraten, dies ganze Anderssein, Weiblichsein, konnte das je — er suchte —, nein, konnte man je darin sein, nicht sich, sondern nur das andre fühlen, mehr als das: sein, wirklich sein? Wie still sie vor ihm lag! Wenn aber eine einmal seine Frau sein würde, Anna Magdalena — ja — o, war das möglich? Dann würde sie noch anders liegen und — um Gottes willen überhaupt —: wenn jetzt Dieckmann oder Graf Löbell oder der schöne Spiegelberg, dieser Frauenheld, oder — um von diesen verdammten Pennälern loszukommen — der schöne dänische Urne, der Botschafter — wenn einer von denen jetzt er wäre, würde er etwas tun? Was würde er tun?
Da schnürte ihm Angst das Herz zu vor dem, was er tun sollte und um alles in der Welt nicht gekonnt hätte; er warf sich ins Gras zurück, machte die Augen zu, und ein seliges Mitleid mit diesem Mädchen brach in seiner Brust auf und überspülte ihn mit Zittern und unbeschreiblicher Bangigkeit. Waldwege! O Waldwege! Da ging er, da ging sie neben ihm, wie eng war der Gang, sie blieb stehn, sie berührten sich, er legte seinen Arm um ihre Schultern, er fühlte etwas, ja, da fühlte er es nun ... Nichts. Und er stieß ihren Namen hervor, rauh und dumm klang es, und er richtete sich auf und sah nach ihr.
Sekunden danach öffnete sie die Lider — ach du mein Herrgott, da war einer in Genf, ein Student, ein Pennäler, ein Infantrist, an den hatte sie all die Zeit gedacht! Aber sein Herz stand völlig still, als er erkannte, daß die verdunkelten Pupillen mit unweigerlicher Süße auf ihn gerichtet waren, ja — es sah aus, als wären sie schon hinter den Lidern lange so eingestellt und so süß zu ihm gewesen. Sie lächelte wie eine Nymphe und hielt seine Augen mit diesem Lächeln fest, sein ganzes Herz mit diesem Netz aus Honig und Nachtigallen, eine Minute, eine Ewigkeit, — da wars fort, Herrgott, fort! War es gewesen, war dies, dieses, dies nun gewesen?
Sie ward langsam rot, richtete sich auf, strich ihr Kleid über die Füße und sagte: „Wie heiß es ist!“
„Findest du?“ fragte er unbeholfen und schwindelnd. „Na, nun erzähl mir mal was, kleines Mädchen“, sagte er dann brüderlich und packte ihren linken Fuß.
„Was denn?“
„Irgendwas aus Genf, aus eurer Pension. In Pensionen macht man doch immer Streiche, — aber hör mal, du hast ja gar keine Reitstiefel an!“
Sie saß, die Hände zu beiden Seiten neben sich aufgestützt, den Kopf im Nacken und bemerkte nichts als: „Kaputt!“
Warum nahm sie bloß den Fuß nicht fort? Das war ja beängstigend, wie sie sich alles gefallen ließ. Er drehte den Fuß hin und her. Dieser kleine Fuß in schwarzem Lack, und der Schuh, wie er über den Zehen etwas eingedrückt war, wie das rührend aussah, und diese runde, kindliche Spitze!
„Pfui Deubel, Anna, du hast ja grüne Strümpfe an!“ sagte er und hatte ihre Ferse im Schuhabsatz gelockert, schob nun den Schuh im Takt auf und ab und summte dazu alles vergessend: „Stiebelrin, stiebelraus, stiebelrin, stiebelraus!“ Überdem kam ihm ein Einfall, derart kühn, daß er augenblicks an die Ausführung ging, um nicht andern Sinnes zu werden. Er ließ den Fuß mit einer Hand los, faßte in die Brusttasche, nahm ein Päckchen Papiere heraus, legte sie ins Gras, suchte aus den Gedichten eines heraus, faltete es klein zusammen, zog leise ihren Hacken aus dem Schuh, schob das Papier hinein und den Schuh wieder fest. Gottlob, das war getan, nun konnten die Folgen eintreten!
Mit einem Ruck hatte sie den Fuß unter sich gezogen und mit der rechten Hand danach gefaßt. Er erwischte sie jedoch und hielt sie fest.
„Georg, was hast du da gemacht?“ herrschte sie ihn an.
„Gar nichts!“
„Laß gleich meine Hand los!“
„Gott bewahre!“
„Ich will wissen, was du da gemacht hast!“
„Keine Idee!“
„Wirst du jetzt loslassen?“
„Ich hab Zeit!“
„Sag mirs doch, Georg!“
„Georg, du bist gräßlich!“
„Weiß ich längst!“
„Bitte, bitte, Georg, laß los!“
„Warum?“
„Georg!!!“
„Ja, was ist denn, Kleines?“
„Loslassen! Du sollst loslassen!“
Plötzlich hatte sie nach heftigem Ringen ihre Hand freibekommen, versteckte sie im Kleid, zog sie aber gleich hervor und zeigte sie ihm, hoch atmend und empört.
„Da sieh nun mal, was du gemacht hast! Wie kann man so roh sein!“
Bestürzt sah er die roten Striemen. Mein Gott, roh war er gewesen, wer hätte das gedacht? Mit erstickter Stimme bot er ihr flugs an, sagen zu wollen, was er in den Schuh gesteckt habe, aber das war ihr nun egal. Er versuchte, sie durch die Mitteilung zu verlocken, daß es ein Gedicht sei, aber sie meinte wegwerfend: „Meinetwegen sieben Gedichte!“ Dann stand sie auf, hob ihren verbeulten Panamahut aus dem Gras, drückte ihn auf den Kopf und ging zu ihrem Pferde; dabei hob sie mit einem plötzlichen Knicks das Kopfzeug aus dem Grase und schleifte es hinter sich her. Er verfolgte sie mit gesenkten Lidern. Jetzt, jetzt würde sie es herausnehmen und wegwerfen. Wenn sie das tat ... wenn sie das tat ...! Kalt vor Aufregung drehte er sich nach der See hin und sah die Wolkenmassen in ungestümer Schnelle heraufstürmen. Als er es endlich wagte, sich umzudrehn, stand sie neben ihrem Pferde, das, ganz gerade stehend, zuzuhören schien, und las. Er wartete; sie las und las, zwanzigmal mußte sie es schon gelesen haben, und um genau zu wissen, daß sie gelesen haben mußte, sagte er selber sich vor:
Wärs dennoch möglich: Wenn ich einsam bin,
Nachdenklich in Verlassenheit, so gleitet
Ein liebes Wort aus einem lieben Sinn
Zu mir herüber, sicher hergeleitet.
Und wie es naht, entfaltet sich aus ihm
Die ganze Seele, schöne, flügellose
Gestalt von einem blassen Seraphim,
In Händen haltend, sonder Dorn, die Rose.
So bin ich nicht vereinsamt, wie es scheint,
Weil deine Seele lieblich vor mir steht.
Fast könnt ich hören, wie ihr Atem geht,
Fast könnt ich fühlen, wie sies gütig meint ...
Georg zuckte jählings zusammen. Herr des Himmels, das war ja — —! Ganz unverfänglich mit „einem lieben Sinn“ fing es an, und da, am Ende, da hieß es: „deine Seele!“ Deine Seele, o Herrgott, daran hatte er ja gar nicht gedacht, ach, was nun? Und er hatte es doch nicht einmal für sie geschrieben, sondern vor einem halben Jahr und eigentlich für niemand, nur so aus Sehnsucht und im Gedanken an Adriane Ziehrer, die zuweilen auf der Straße ... Ja, nun war das Unglück geschehn, was kam nun?
Ganz still faltete sie den Zettel zusammen, bückte sich, schob ihn in den Schuh, stampfte mit dem Fuß auf, und während Georg in einem wilden Seligkeitstaumel zu ihr hinlief, war sie schon auf dem Pferderücken und jagte, ohne erst das Knie übers Horn zu legen, mit der linken Hand sich anklammernd, über die Fenne deichabwärts gegen das Wäldchen zurück.
Weiher
Georg geriet in schaurige Wut. Das konnte ja Nacht werden, ehe er den Unkas gesattelt und gezäumt hatte! Und als er alles mit fliegenden Fingern in Ordnung gebracht hatte, sah er Anna grade am Gatter absteigen und zwar — wie ihm schien, bemerkenswerterweise — an dem südlich gelegenen, vor der äußeren Allee. Sie war jedoch verschwunden, als er aufgesessen war, und schon nach den ersten Sprüngen merkte er, daß dies elende Vieh von Unkas sich natürlich beim Satteln aufgeblasen hatte wie ein Schwein und der Sattel nur so schlotterte. Also zog er die Füße aus den Bügeln und stürmte weiter, aber im selben Augenblick, wo der Wallach mit ungeheurem Satz das Gatter nahm, erstarrte sein Herz: sie schrie aus dem Wäldchen, oder schon dahinter, die Allee war leer, sie schrie gellend, schrie seinen Namen, einmal, zweimal, dann: Hülfe! Hülfe! — Großer Gott, was war das? Im Aufsprung rutschte der Sattel glücklicherweise ganz über den Widerrist, aber im Weiterjagen merkte er, daß er sich nicht halten konnte, er sank rechts herunter, Unkas sprang und bockte, der Matingal wickelte sich ihm um den Hals, Georg lag unten, sprang auf und lief weiter.
Im Ausgang der Allee sah er den Weg hinunter den Weiher vor sich liegen, scheinbar still, auch die Insel mit ihren großen Bäumen, dem Pavillon und kleiner Brücke, aber über das sichtbare Stück grüner Wasserfläche stürmte von rechts her auf die Brücke zu der Artaxerxes, der schwarze Schwan, gekrümmten Halses, rauschender, wütender Flügel, in einer glitzernden Wasserbahn. Georg rannte um die Ecke der Gebüsche, und da war Anna, die ihr kleines Pferd bis an den Hals in den Teich hineingetrieben hatte, aber Gott Lob und Dank, sie saß oben, es handelte sich nicht um sie, denn das Pferd stand artig still, und sie hielt, tief heruntergebückt etwas Schweres und Schwarzes über Wasser, ängstlich umherblickend. Georg lief in die Flut, die voll war von Pflanzen und Sumpfgras, erreichte sie schwierig genug, und zusammen brachten sie einen leblos scheinenden Körper ans Ufer. Magda sprang vom Pferd; soweit sie im Wasser gewesen waren, Magda bis zum Gürtel, Georg bis unter die Arme, waren sie mit Streifen von stinkendem, grünem Tang und den erbsengroßen Blättchen des Entenflotts bedeckt. Am Boden sahen sie das schneebleiche, kleine, ihnen fremde Gesicht eines Menschen in schwarzer, wie die ihre besudelte Kleidung; schlaff und triefend lag er da. Anna bückte sich sofort und riß ihm Weste und Kragen auf; ein Perlmutterknopf sprang ab und rollte ins Gras der flachen Uferböschung.
Georg dachte, daß sie alle drei bis nach Helenenruh stänken, und wollte Anna nach Hause schicken, da rauschte es über ihnen laut und heftig, und als sie zusammenfahrend aufsahen, zog der schwarze Schwan — ja, waren ihm denn die Flügel nicht beschnitten? — prachtvoll und stürmisch über ihren Häuptern, über die Bäume hin und war gleich darauf mit mächtig ausgreifenden Fittichen südwärts verschwunden. — Nach Süden! — dachte Georg, der ihm nachstarrte, und: Australien! das ihm in Gestalt einer dreieckigen Briefmarke mit dem Bilde eines schwarzen Schwanes erschien. Sie blickten sich stumm an; aus Annas großen, schwarz gewordenen Augen sah er Tränen laufen, während ihr Mund geisterhaft lächelte.
„Nun laß nur, Kind,“ sagte er, „ich weiß, wie man Scheintote behandeln muß, reite zum Schloß, schick Leute, und zieh dich um oder leg dich ins Bett!“
Sie erhob sich, ließ sich ohne Widerstreben aufs Pferd helfen und ritt davon. Georg kniete sich über den Leblosen und machte die vorgeschriebenen Bewegungen mit seinen Armen so lange, daß darüber Annas Vater zu Pferde, ein paar Feldarbeiter und zuletzt der Maler Bogner anlangten, als welcher sogleich seinen Freund in dem Fremden erkannte. Nach einstündigem Bemühen gelang es, ihn zum Atmen zu bringen; er nieste, schlug die Augen auf, erkannte das Alte und murmelte unwillig und matt: „Nicht mal sterben lassen sie einen!“
Der Maler lächelte, die beiden Arbeiter grinsten, der große Chalybäus machte ein mißbilligendes Gesicht, Georg, über und über zitternd von der Anstrengung, mußte stoßend lachen, alle fünf richteten sich auf und sahen sich erleichtert an. Dabei entdeckte Georg ganz in der Nähe das große, braune, mit den schwarzen Mähnenzotteln wüst aussehende Haupt des vortrefflichen Unkas, der sacht herangekommen war und nun wartete. Den Sattel unterm Bauch und das Kopfzeug schief über Stirn und Ohren, sah er verwegen aus wie ein betrunkener Student.
Während die andern den Kranken auf eine, mit rotkarierten Bettstücken in der Eile beladene Kornkarre legten und damit abschoben, nahm Georg Rock und Weste vom Boden auf. Er bebte und hatte starke Rückenschmerzen, bemerkte, daß er einen Manschettenknopf verloren hatte, und bemühte sich eine Weile schwerfällig, mit der klaffenden Manschette ins Ärmelloch zu gelangen, bis einer der Arbeiter aufmerksam wurde und zusprang. Der große Chalybäus, seinen Trompeterschimmel an der Trense, ging neben der Karre einher und ermahnte zur Vorsicht. Georg brachte Unkas’ Kopf- und Sattelzeug notdürftig in Ordnung und folgte den Andern mit dem Maler, den Gaul hinter sich, der ungeführt nachtappte, wie ers gewohnt war. Die Stunde war glühend und schwül, sonnenlos und farblos; die Fläche des Weihers hatte sich längst beruhigt, lag blaugrün mit den matten Spiegelungen der Inselbäume und rührte sich nicht.
Der Teich, dachte Georg, muß vom Teufel besessen gewesen sein, und der ist, wütend über den Selbstmord, in den schwarzen Artaxerxes und in die Lüfte gefahren. — — Vor ihm fiel jetzt ein brennendes Zündholz ins Wasser, daß die Flamme erlosch und es kleine Kreise gab, und Georg sah, daß der Maler sich für die Arbeit mit einer Pfeife belohnt hatte.
„Sie stinken unprinzlich,“ sagte er, „sind Sie wenigstens trocken?“
Georg bejahte; die Wärme und die Anstrengung hatten ihn schon getrocknet. Er erklärte Bogner nun, während sie am See weitergingen, den Zusammenhang, innerlich an einer verfluchten Kette von eisernen Schlüssen zerrend. „Sie muß instinktiv hineingeritten sein,“ sagte er, „instinktiv!“ als ob das Wort alles verdeutlichte.
„Immerhin“, meinte Bogner, „können Sie sich ja freuen, daß Fräulein Chalybäus diese Sache auf sich genommen hat.“
„Wieso meinen Sie?“ fragte Georg erschrocken, denn er hatte am Gegenteil herumgearbeitet.
„Wenn einer“, sagte der Maler, mit einem neuen Streichholz an seiner Pfeife bemüht, „mit seinem Dasein fertig zu sein glaubt und wirft es weg“ — zur Verdeutlichung scheinbar flog, während dem Pfeifenkopf Qualmwolken, süß duftend, entstiegen, das halbverbrannte Streichholz ins Wasser wie das erste — „und es kommt ein Andrer,“ fuhr der Maler fort, „hebts auf und giebt es ihm wieder, und er sagt: Nicht mal sterben ... wird er dann dem nicht die Verantwortung dafür zuschieben?“
Bogner lächelte mit den Augen; ein herrliches Lächeln, dachte Georg, sich dumpf um das Gehörte bemühend. Was war das für eine Seite, von der dieser Maler eine Errettung vom Tode ansah? Der Mensch war ein Selbstmörder, — das Wort „unzurechnungsfähig“ flog aus einer Zeitungsspalte vor Georg auf. Freilich, freilich, ihm schien — der Maler sah die Angelegenheit eigentlich. Einer wollte sterben und sollte nicht. Ja, wie konnte man ihm nun beweisen, daß dies Streichholz von Leben keineswegs abgebrannt, sondern ... Georg wurde es siedendheiß, und um diesen blödsinnigen Gedankengang loszuwerden, packte er den, mit dem er sich vorher herumgeschlagen hatte, blieb stehn und fragte den Maler grimmig, auf den Matingal seines Pferdes deutend, ob er wisse, was das sei. Der Maler verneinte.
„Dies,“ sagte Georg, „dieser Riemen, der hier unterm Pferdebauch vom Sattelgurt her zwischen den Vorderbeinen hindurch nach oben läuft, sich in diese zwei kleinen Riemen teilt und mit den weißen Ringen hier am Kandarenzügel hängt, nennt man einen Matingal, und nun passen Sie auf. Wenn ich dem Pferde das Kopfzeug abnehmen will, so hängt der Matingal fest, und ich muß, damit das Pferd Freiheit hat, den Sattel losschnallen, und das tat ich, als ich mit Anna, mit Magda Chalybäus — ich nenne sie Anna, wissen Sie, seit unsrer Kindheit, weil ich das besser aussprechen konnte — also, als ich mit ihr oben am Deich saß. Warum tat ichs? Weil es mich nervös machte, das Pferd hinter mir mit dem Gebiß fressen zu hören. Warum machte es mich nervös? Weiß Gott —“ steckenbleibend — denn hier schien ein Haken — starrte er Augenblicke lang ins Gesicht des Malers, der anscheinend nicht wußte, warum er nervös gewesen war. „Nun aber,“ fuhr Georg hitziger fort, „das Pferd trägt sonst keinen Matingal, ich reite es immer nur auf Trense, das heißt mit einem Zügel, dem hier, es bekommt aber ein sogenanntes Vorderzeug, Riemen, am Sattel angeschnallt, die ihn festhalten, damit er nicht rutscht, und bei diesem Pferde rutscht er, weil es einen eingesunkenen Rücken hat und sich außerdem beim Satteln aufbläst wie ein Schwein. Solch ein Vorderzeug hätte ich nicht abnehmen brauchen, verstehen Sie? Warum hatte es kein solches Vorderzeug? Weil eine Schnalle dran durchgerostet war! Warum reite ich aber ein solches Pferd? Weil ich gern galoppiere und querfeldein, und weil hier tausend Gräben und Knicks und Gatter sind, wo ich nicht immer absteigen kann, darum liebe ich dies alte Aas von Hunter, den sie in England als Jagdpferd für Ausdauer und Springen gezüchtet haben, — da sehen Sie die dicken Gelenke und die klobigen Hufe. Nun rechnen Sie mal all das zusammen, und Sie bekommen heraus, was für eine verrückte Anzahl von Nichtswürdigkeiten nötig war, damit ich Anna, die vorangeritten war“ — er stockte, denn da war wieder der Haken! — „— weil ich mit dem Satteln zuviel Zeit verlor, nicht einholen konnte.“
„Ja, und dann die andre Seite erst“, hörte er den Maler sagen, ohne es zu verstehn. Atem schöpfend stützte er sich unauffällig auf den Nacken des Pferdes; ihn schwindelte, und die Knie knickten ihm ein nach all der Anstrengung, dem Schrecken und der Grübelei. Der Maler bewegte leise den Kopf hin und her, indem er die dicken Gelenke des Braunen betrachtete. Langsam erschienen vor Georgs Augen wieder das Rasenoval, vor dem sie angelangt waren, und hinter den Bäumen rechts die Dächer des Wirtschaftshofes und der Südflügel von Helenenruh mit seinem Turm an der Stelle, wo er an den Stirnbau stieß. Das schwarz und goldne Zifferblatt oben zeigte ein Viertel nach zwölf Uhr, — so früh war es noch?
Hof
Das Rasenoval schien kleiner als je und von dem umgebenden Laubwerk enge umgrenzt; die verdunkelte Beleuchtung des wolkigen Himmels rückte alles umher zusammen; auch die Terrasse und das Haus schienen kleiner, bescheiden und geduckt, und jetzt fuhr ein plötzlicher Westwind in die Bäume, daß sie sich erschrocken schüttelten, der weißrote Schirm wankte und blähte sich, der Rasen schillerte grausilbern in breiten, wie von einer Riesenhand gekämmten Streifen; der Wind war heiß und trocken.
„Es wird ein Gewitter geben,“ sagte Georg erwachend, „ja, ich muß nun nach rechts.“
Sie trennten sich. Georg ging durch die Bäume bis ans offene Hoftor zwischen den Ställen und Scheunen, entließ dort Unkas mit einem Klaps auf die Hinterhand und sah ihn mit leicht stelzendem und ratlos scheinendem Gang in den Wirtschaftshof hineingehn. Vor einem Schwarm gelber, links und rechts auseinander stiebender Orpingtonhühner — zwischen denen ein schneeweißer Hahn ungemein erzürnt und aufgebracht war — blieb er stehen, warf den Kopf auf und nieder und sah sich klug und fragend nach Georg um. Dann bog er nach links und ging, den Kopf hängend und schaukelnd, auf seinen Stall zu und hinein, nun ganz sicher dahingelenkt. Ringsherum sahen die Erntearbeiter zu, die auf Bänken an den weiß und blauen Wänden der Fachwerkgebäude saßen und ihr Mittagbrot vertilgten. Das Licht war hier womöglich noch greller und dumpfer, der Mistgeruch wie ein starker und wilder Extrakt vom Sommer.
Was ist mir denn? dachte Georg. Mir ist auf einmal ganz sonderbar! Habe ich das alles schon einmal erlebt, oder träume ichs? Diese Dinge sind auf einmal alle so erschreckend nah und drohend oder wie ... Wie stark der Geruch hier ist, und die Blechgefäße der Arbeiter und die roten Kopftücher, das Geflügel und der Truthahn und das Pferd, ja, vor allem das Pferd, wie ich es gehen sah, das war, als ob ich aufwachte. Wie es den Kopf aufwarf und die Ohren zurücklegte, und welch einen tastenden Gang es hatte, — aber so gehen die Pferde immer, wenn man sie allein läßt und sie den Weg noch nicht wissen und mit einmal auf eigene Verantwortung gehen sollen, — merkwürdig willenlos und unbewußt müssen doch diese Geschöpfe sein, und so gänzlich verschworen auf den Menschen, denn eine Kuh, die geht so lange, bis was im Weg ist, — und doch wieder — als ob sie das, das Andre nur nicht gelernt hätten, und man merkt sofort, alle Sicherheit ist geschwunden, und sie verlassen sich noch immer darauf, daß noch etwas kommt, ja, und dann wars der Geruch vom eignen Mist aus der Stalltür und die dunkle, innerliche Ahnung von Richtigkeit, von Gewohnheit eines hundertmal beschrittenen Weges ... Das bemerke ich, warum auf einmal heut? Freilich das macht die Gewohnheit — ja, du lieber Gott, wie dem Unkas eben, so ists ja auch mir ergangen! Wie er dahinging, einsam, seiner innersten, vermummten Ahnung folgend, da muß er doch einmal er selber gewesen sein, muß eine Art von Gefühl, von Erkennen seines Ich oder — seiner Welt gehabt haben, und so fand ich auch mit einemmal — mich! — Und ist dies so, ja, was ist denn das, was mich plötzlich los und allein gehen ließ? Wer war mein Reiter und — wird er wiederkommen, oder — ist — er — nicht — schon? Wie sich doch alles wieder schließt und ist wie zuvor! Und war das Erlebnis dran schuld mit dem Toten, dem — —, Erlebnis? war das nun ein Erlebnis? Ach, wenn man es selber durchmacht, vollzieht sich jedes so und ist gar nicht anders als alles, kommt eines wie das andre aus der gleichen Minute ... ich — nein, diese Anna ...
Georgs Gedanken wurden hier so flüchtig, daß sie sich ihm aus den letzten, kaum noch haltbaren Begriffen entwanden ins Undenkbare, als ob eine Blume sich in ihren Duft auflöste, und so zog sich auf einen Pulsschlag alles vor ihm in den brennenden Hofgeruch zusammen, er wankte, ging rückwärts, wieder vorwärts, der Geruch verschwand, er bemerkte, daß er vor den Rosenstöcken unter der Terrasse stand. Eilig lief er die Treppe hinauf ins Haus und weiter zu seinem Zimmer, wo er sich gedankenlos umkleidete, um den Kranken aufzusuchen, oder Anna ...
Drittes Kapitel
Gewitter
Als Georg den Nordflügel an seinem Ende betreten wollte, riß ihm ein jäher Windzug die Tür aus der Hand und schlug sie lärmend gegen die Innenwand der kleinen Halle; hinter ihm rauschte der Park murrend auf, der Pfau schrie irgendwo ganz fern, und ein verlorener Regentropfen traf ihn naß und warm am Halse; es donnerte schwach und entfernt, während er die Türe schloß.
O diese göttliche Kühle! — Die von draußen mit hereingedrungene heiße Luft verflüchtigte sich schnell unter die dämmrige, weißgetünchte Wölbung empor, in die gleich neben Georg die stille Wendeltreppe sich mit sanfter Aufforderung nach oben schwang, während zur Rechten der Korridor, still und dämmrig, mit weißen, geschlossenen Türen sich entfernte. Links hinter der Glastür, die auch ins Freie führte, waren die grünen Sträucher nahe heran- und zusammengetreten, als horchten sie herein; eine Art Lakaienhand von Wind packte sie hinterrücks und riß sie fort, aber sie ließen sich nicht wegschütteln und standen wie vorher, etwas zitternd nur und unwillig. Aber dort oben in der Wendeltreppe, wo es dunkelte, dicht an der weißgelben Wand, dort stand ja Anna, weiß und blaß. Wie eine Erscheinung stand sie wortlos, sah auf ihn hinunter und wartete. Er fand nichts zu sagen und stieg zu ihr.
„Willst du auch zu ihm?“ fragte sie leise, mit ihm höher steigend.
„Du hättest dich doch niederlegen sollen, Anna, wie blaß du bist“, sagte er nun, überronnen von unaussprechlicher Zärtlichkeit, und Mitleid, und Sucht, sie in die Arme zu schließen.
„Mir gehts gut, — das bißchen laue Wasser ...“ meinte sie lächelnd. „Komm, ich weiß, wo sie wohnen.“
Während sie den oberen, an der rechten Seite von Fenstern erhellten Flur neben den weißen Türen hinabgingen, hörte Georg den Donner abermals und etwas näher, und dann ...
„Höre bloß!“ sagte sie und blieb in der Fensterhelle stehn, den Finger erhoben. Über dem Dach war ein rauher, trompetender Schrei laut geworden, den Georg erst nicht verstand, eine, in ein wildes, zorniges, brüllendes Geröhre übergehende Tierstimme, die schreiend groß und ungestüm dahergeflogen war und fernhin verhallte.
„Das war er,“ flüsterte sie, „er schreit, ich weiß, so schreien die wilden Schwäne. O hast du gehört, wie seine Flügel donnerten, als er über uns fort brauste? Er ist wiedergekommen, er kann noch nicht fort.“
„Kann noch nicht fort?“ wiederholte Georg, „was meinst du damit?“
„Nein horch!“ — Und noch einmal, noch lauter kam der große Schrei über ihnen dahergefegt, warf sich gegen das Dach, quoll durch die Fugen und schwoll herein, brünstig, gellender als Hirschbrüllen und wiederum melodischer, posaunenähnlich, ja, wie die Heerhörner beim Jom Kippur. Dahinter glomm schwach der erste Blitz; spät kam der Donner. Magda klopfte leise an eine Tür, sie hörten drinnen das Herein von der Stimme des Malers, und Georg atmete auf.
Der Maler, der den Sitz in Fensterbänken zu lieben schien, saß in der linken der beiden Fensternischen, erhob sich, eine Zigarette hinauswerfend, und schloß das Fenster; drinnen blieb ein angenehmer feiner Duftrest von Tabak. Die Tür zum Nebenzimmer rechts stand halb offen, so daß Georg das weiße Fußende eines Bettes in tiefer Dämmerung erkannte, sowie die rechte Hälfte eines zartfarbigen, englischen Kupferstichs auf der rötlich gemusterten Tapete.
„Haben Sie das Geschrei gehört?“ fragte Georg den Maler.
„Ja, herrlich“, sagte der. „Ich sah ihn fliegen, er schlug ein paar große Kreise, dann stand er einen Augenblick dort vor der Wetterwand, pechschwarz in seinen Fittichen, mit hochgerecktem Hals. Der schlängelnde Blitzfaden lief von oben nach unten durch ihn hin; dann war er verschwunden.“
Magda war an das Fenster rechts getreten hinter die Seitenlehne des breiten, schwarzen Roßhaarsofas und faltete die Hände über dem Riegel. Georg sah an ihr vorüber die Wetterwand, die sich im Nordosten aufgestellt hatte, darunter die Bäume, wie mit Grünspan überzogen, und grellrot zwei Dächer vom Dorf. Auf Lüdersens Deich nordwärts stand die Windmühle als schwarzes Andreaskreuz; plötzlich hörte er im Zimmer das Meer.
Er sagte:
„Könnte man doch einmal eine Ahnung von dem Gefühl dieses Vogels haben! Wie der Schrecken in ihn fuhr, wie er aufschoß —, dies: auf einmal fliegen! Auf einmal fliegen zu können! Da ist er jahrelang zwischen seinen Rasenufern und Binsen herumgerudert, nur manchmal im Halbflug über die Fläche streifend, ahnend, was fliegen ist, und nun auf einmal losgerissen von der alten Kette, kein Schwimmvogel mehr, vielleicht zuerst entsetzt über die gewaltige Änderung seiner Bahn, seines Elements, seiner Welt — wie es unter ihm versinkt, wie die Baumwipfel gegen ihn anstürmen, wie er sie überstürmt, besinnungslos, nur hoch — hoch! — Und dann, mit einmal, der Flug ... das Fliegen können, das von oben Schaun, heraus aus aller Gewohnheit, neugeboren, wie göttlich!“ Georg schloß, innerlich erschreckt von dem Worte Gewohnheit, in seltsamer Erinnerung an das, was er vorhin auf dem Wirtschaftshof gedacht hatte. Magda, die sich halb nach ihm umgewandt hatte, sagte nach einer Pause:
„Und der da drinnen liegt, — ist er nun auch neugeboren? Gott!“ flüsterte sie vor sich hin, „ich habe es getan, wie kam ich nur dazu?“
Georg sah sie betroffen an. Was dachte sie denn?
„Ich möchte ihn nun sehn“, sagte sie leise, glitt mit einer plötzlichen, geschmeidigen Bewegung um den Sofatisch und ging auf den Zehenspitzen ins Nebenzimmer. Georg folgte ihr.
Über ihre Schultern hinweg nahm er in der Dunkelheit des handtuchschmalen Raums ein kindlich kleines, todbleiches Gesicht wahr, aber mit schrecklich altkluger, schwer hängender Stirn unter wirrem, schwarzem Haar, ohne Augen. Die weißen Kissen standen spitz rechts und links davon empor. Unter der Decke bewegte der Körper sich unruhig, auch das Gesicht drehte sich unaufhörlich, von einem schlaflosen Geiste bewegt.
„Ist er das?“ fragte Magda ergriffen und fassungslos. Noch standen sie beklommen beieinander, als der Name Angelika durch das Zimmer schwebte, leicht wie ein Gedanke, zart wie Laubduft von den fiebernden Lippen abgelöst, und kaum daß sie recht bedachten, was der Name hieß, füllte sich mit Engelsgestalten und Lilien der geweitete Raum.
Magda legte Georg leicht die Hand auf den Arm und drängte ihn mit sich hinaus; die Tür schloß sie zu. Der Maler saß in einem Stuhl am Fenster, rauchte seine Pfeife und sah hinaus. Voller Regen schlug kräftig gegen die Scheiben, daß sie für Augenblicke erblindeten; durch das tosende Rauschen war die größere Stimme der fernen Meeresbrandung deutlich zu hören; es blitzte unaufhörlich, auch der Donner war jetzt laut geworden, noch rollend und großmütig, aber jeden Augenblick war zorniges Knattern und Schmettern zu erwarten. — Magda blieb mit dem Rücken an der Tür; Georg, im Zimmer stehend, sagte:
„Haben Sie es gehört? Er sprach einen Namen aus.“
„Nein, soeben nicht; aber es wird der Name sein, den er immer spricht, wenn er sich vergißt.“
„Kennen Sie diese — diese —“
„Man kann sie nicht kennen, sie ist tot; das ist ungefähr alles, was ich von ihr weiß.“
„Können Sie uns auch von Ihrem Freunde sonst nichts sagen?“
„Er ist nicht mein Freund. Was ich von ihm weiß, will ich Ihnen gern erzählen, es ist nicht viel.“
Es war finster geworden. Magda zog sich hinter den Tisch in das Sofa zurück, Georg setzte sich in der Nähe der Flurtür auf einen Stuhl, sah die vielen kleinen Pferdeporträte an den Wänden bei jedem Blitzschein hell aufspringen und hörte des Malers ruhige, ungetrübte Stimme, manchmal vom Donner übertönt oder unterbrochen, von diesem Jason al Manach erzählen.
„Jason al Manach, ja, so heißt er, wie Almanach, aber auf der zweiten Silbe betont, das will er so. Ich lernte ihn vor längerer Zeit in Paris flüchtig kennen, in einem Kaffeehaus, und es stellte sich heraus, daß wir beide aus Altenrepen stammen, sogar in dieselbe Schule gegangen sind, aber er ist ein paar Jahre jünger.“ Ein paar Jahre? dachte Georg, ich dachte, er wäre siebzehn! — „Er sprach wenig und schien schwermütig. Dann traf ich ihn vor einigen Wochen wieder im Eisenbahnabteil auf der Fahrt von Paris nach Köln, wo wir das Unglück mitgemacht haben, an das Sie sich wohl erinnern.“
„Ich weiß nicht,“ fuhr der Maler nach einer Pause fort, durch die sich eine Kette von Geknatter des Donners spannte, „ob Sie sich eine Vorstellung von einem Zugzusammenstoß bei Nacht machen können. Nun. Wir saßen einander gegenüber, der al Manach und ich, hatten jeder die Beine neben den Sitz des Andern auf die Polster gelegt, ich war gerade aufgewacht, fröstelnd, weils gegen Morgen ging, und war fast erschreckt von seinen Augen, die mich ansahen wie zwei Kohlenstücke ohne Blick, so daß ich nach der blauen Halbkugel der verschleierten Lampe über mir emporsah. Da flog ich ohne weiteres gegen die Wand gegenüber und quetschte mir die Brust, so daß mir der Atem verging; mit der Stirn schlug ich gegen das eiserne Gepäcknetz, aber es war alles nicht schlimm, und ich dachte nur: Jetzt! Jetzt! — Ja, dann war das Geschrei, dagegen war mein eigenes Entsetzen gar nichts, das war — grausig. Nun. Im Abteil war ein queres Durcheinander von Leibern, aus denen Gestöhn und Schreien quoll, übrigens ist niemandem etwas geschehn. Auf einmal hatte ich den Türgriff in der Hand, öffnete und sprang ins Freie, sehr tief, aber weich ins Gras der Böschung, die ich ganz hinunterkugelte. Nun war alles hoch über mir. Unser Wagen hing die Böschung schräg hinunter; es war der vorletzte; der letzte lag unten, ein schwarzes Gewimmel kroch daraus hervor, dahinter war schwarzes Feld, und ein grünes Licht, und schwache Morgenröte. An der andern Seite lag die vordere Hälfte des Zuges in hellen Flammen, die überall hervorschlugen. In dem Feuerschein sah ich ganz fern die Lokomotive, hoch in der Luft wie ein bäumendes Pferd, das auf ein anderes draufgesprungen ist, dahinter noch ein schwärzliches Durcheinander von Wagen und Stangen. Kleine Flammen züngelten heraus. Es war ein Güterzug. Aus den brennenden Abteilen stürzten schwarze, weiße und brennende Körper heraus, die entsetzlich schrien. Einer rollte die Böschung hinunter, stand in Flammen auf und lief als lohende Fackel querfeldein — nun. Nun nahm ich mich also zusammen, kletterte die Böschung hinauf, nun — und dann half ich, so gut es ging, Flammen ausdrücken und so.
„Nun Jason — — Ja, eins will ich noch sagen, weil es das Schrecklichste war, was ich erlebte. Da hielten zwei Männer eine wahnsinnig schreiende Frau. Ihr Kind lag im Abteil, das brannte, und ich wickelte mir, ohne daß ich dachte, mein Taschentuch um die Hand, riß die zugeschlagene Wagentür auf, sie war glühend, ich merkte es an der Hand, nachdem mein Tuch wie Zunder geschmolzen war, den Schmerz fühlte ich erst viel später. Drinnen war roter und schwarzer Qualm, und ich warf meinen Rock über ein brennendes Bündel, das auf der Bank lag, — ja, ich hätte es wohl besser liegen lassen sollen. Denn als ich der Frau dies — nun, dies Kind auf die Arme legte, starrte sie es an, und dann mich, und dann warf sies an die Erde und schlug auf mich los. Danach habe ich lange Zeit mich um nichts gekümmert. Ich glaube, ich habe irgendwo gesessen und geweint.
„Als ich später aufstand und umhersah, brannten die Flammen aus, und ich ging ein Stück auf dem Bahndamm weiter, um vielleicht noch zu helfen. Da sah ich dort den al Manach sitzen. Zwischen den Knien hatte er den Oberkörper eines Mädchens, dem die Brust zerquetscht war. Sie atmete noch, und mit jedem Atemzug kam eine Welle Blut. Er streichelte sie unaufhörlich und redete ihr gut zu, und ich stand davor und sah zu. Die nannte er auch Angelika. Auf einmal kam kein Blut mehr, und sie atmete nicht mehr. Wie er das merkte, packte er ihren Kopf mit beiden Händen, starrte in ihr Gesicht und stöhnte so merkwürdig. Dann ließ er sich von mir wegführen und sonst mit sich tun, was ich wollte. So nahm ich ihn mit nach Köln. Er war stumpf, saß nur da, aß kaum, brütete vor sich hin. Später murmelte er beständig. Meist redete er mit jener unbekannten Angelika, dazwischen sagte er lange Stücke aus Dichtern auf mit einem merkwürdigen Gedächtnis, aber alles durcheinander. Als ich mit meinem Auftrag in Köln fertig war, las ich in der Zeitung, daß der Herzog hier wäre. Ich hatte Zeit das Bild zu kopieren, und weil ich dachte, die Landschaft hier wäre vielleicht angenehm für den Kranken, nahm ich ihn mit. Ich hielt ihn ja für ruhig und gewissermaßen unschädlich.“ Bogner schwieg.
Ein heftig auflodernder Blitz setzte alle Winkel des Zimmers in Flammen, es war blendend hell, vor der blauflammenden Fensterfüllung erschien das Profil des Malers fast schartig, mit einem Ausdruck von großer Geduld. Georg wunderte sich, wie er mitten in den Blitz hineinzusehn schien. Anna hatte das Gesicht in Händen, aber Georg wagte nicht, sich zu rühren, zumal, alles Vorhergegangene zerschmeißend und austilgend, ein fürchterlicher Donnerschlag über das Dach hinschmetterte, immer weiter tobend, knatternd, dann langausrollend wie ein zornig hinfahrender Gott.
Als nur wieder der Regen langmütig herabgoß, das Mädchen wieder aufrecht saß, still und wie es schien ganz friedfertig, fragte Georg dumpf und gezwungen:
„Ist das nun Schicksal? Einer will sterben, er hat — er meint, den Willen zu haben. Da greift ein andrer ein, ein ganz Fremder, ganz Unwissender, der wollte, daß er lebe — ich meine: war das sein verlorener Wille zum Leben, der eine andere Seele ergriff und zwang, für ihn zu handeln, der sich verloren hatte ...“
Das ist alles so schaurig verwickelt, dachte Georg hülflos, und plötzlich fiel ihm ein, daß er vorher, als er jene Kette nichtiger Notwendigkeiten zusammenfügte, ja nur die eine Seite gekannt hatte. Welche Reihe von Zufälligkeiten sah er nun auf der andern Seite am Werk, um diesen Maler mit dem al Manach einen Tag nach Annas Rückkehr ... Herrgott! schüttelte er dies von sich, das ist, glaub ich, das Schreckliche an mir, daß ich immer alles denken, sehen, begreifen, durchschauen muß. Da geht die ganze Wirkung verloren, weil das Denken mich mehr bewegt als das Fühlen, — arme, kleine Anna! — Indem sagte sie ganz leise:
„Gott weiß wohl mehr von uns, und wie wir zusammengehören, und er führt den einen zum andern, wenn ers für gut hält.“
Da, als ein sanfterer Donner hinter diesen Worten einherrollte, stieg in ihm das Gefühl. Ihm war, als hätte ein himmlisches Tor sich für eine Minute geöffnet, eine Stimme sang die guten Engelsworte heraus, das Tor fiel rollend zu.
Das Gewitter, dachte Georg, macht uns alle seltsam, und wir sitzen wie beratende Götter zusammen. — So schien ihm wenigstens dieser langmütige Maler.
„Kinder,“ sagte der ernst, „was wißt ihr denn, was glaubt ihr denn, sei Tod, Verantwortung und Schuld? Man tut, was sich anbietet, das Nächste. Wir gehn über die Straße, wir fahren mit der Bahn, mit dem Schiff, und keiner denkt, daß er im nächsten Augenblick bei den Gestorbenen sein kann. Gewiß, sonst bliebe alles ungetan, Gutes und Böses.“
„Und doch“, widersetzte sich Georg, „könnten wirs denken, wir würden uns auch der Schuld bewußt sein, die hinter uns unsühnbar zurückbleibt.“
„Sühne giebt es nicht“, sagte der Maler.
Aber während Georg betroffen fragte: „Wieso?“ hörte er Magda seine eigenen Worte fortsetzen:
„Und die Liebe, und die Verzeihung, die auch hinter uns zurückbleibt, bei den Andern, würden wir daran nicht auch denken?“
Nach einem Schweigen sagte der Maler:
„Liebe vergeht, Schuld besteht. Schuld ist Tat, und Tat wirkt so fort, was soll da Sühne! Alles bleibt unverändert.“
Georg sprang auf.
„Aber tun!“ rief er, „tun muß man doch etwas!“
„Gewiß,“ antwortete der Maler, „das verlangt die Natur.“
Georg setzte sich wieder, stützte die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände und ergab sich; dieser Maler war ein Fels. Da hörte er Magdas Stimme, irgendwie verändert, blickte vom Boden auf und sah sie dicht vor Bogner stehn; schlank, weiß, die Hände vorm Schoß zusammengelegt, stand sie mit leicht geneigtem Kopf wie eine Bittende.
„Herr Bogner,“ sagte sie, „ich möchte Ihnen gern etwas sagen, Sie etwas — fragen, denn ... Ich hab auf einmal solches Vertrauen zu Ihnen ...“
Also nicht zu mir? fragte Georg sich gekränkt.
„Ich hab Angst, Gott, ich hab solch wahnsinnige Angst!“ stammelte sie plötzlich. Beide sprangen auf und traten zu ihr, aber sie wehrte ab und sagte sanft, es sei schon vorbei.
„Darf ich es sagen?“ fragte sie wieder. „Es ist freilich sehr sonderbar. Es ist — mir ist einmal von einer Zigeunerin prophezeit worden, aus der Hand, und das fängt jetzt an einzutreffen.“
Sie setzte sich in die Sofaecke wie erschöpft. Es war wieder still im Zimmer, das Gewitter ließ nach. Bogner öffnete ein Fenster; wundervoll floß da, gleich erbötig, die Erfrischung herein. Der Regen ging in geradem, leichtem Strom draußen nieder, alle Ferne war darin verschwunden bis auf den Schatten des Windmühlenkreuzes. Als habe der Maler ihr mit dem Öffnen des Fensters eine beruhigende Antwort gegeben, fuhr das Mädchen nun fort.
„Es war auf einem Ausflug mit unsrer Genfer Pension, da trafen wir Zigeuner, in einem französischen Dorf. Sie ließen sich alle aus der Hand prophezeien, auch die Lehrerinnen, und sie bekamen alle nette Weissagungen, Briefe und Heiraten und Geld, und es paßte immer, was jede heimlich gewünscht hatte. Ich mochte das gelbe Weib nicht mit den weißen Flecken im Gesicht, aber dann drängten die andern mich, und sie nahm meine Hand und sah sie erst gleichgültig an wie die andern Hände, aber es klang schon so merkwürdig, was sie murmelte: Coeur de fleures ... ich behielt es gleich wie einen Vers: Coeur de fleures, — coeur sans peur ... Aber dann sah sie mich scharf an und sagte, da wäre wenig Freude zu sehn, das Schlimme aber erführ ich ja früh genug, wenn es käme. Nun wollte ich auf einmal mehr wissen, da zog sie mich abseit und flüsterte mir zu, sie würde mich schon finden, wenn ich allein wäre, und damit lief sie weg. Als ich nun ein paar Tage später mit Renate, mit meiner Freundin, im Garten auf und ab ging, stand sie auf einmal am Gitter. Und dann hat Renate zugehört, wie sie aus den Linien hier in meiner Hand las, und sie sagte mir erst aus meinem vergangenen Leben genau Bescheid, — ich weiß nicht, woher sie das erfahren haben soll — von Papa und dem Herzog und dir, Georg, und von Mamas Tode, was sonst keiner weiß —“
Georg, unter einer angenehmen Empfindung errötend, sagte möglichst vernünftig: „Sag mal, sollte sie das nicht aus dir herausgefragt haben?“
„Vielleicht, aber — darauf kommt ja nichts an. Sie prophezeite mir nämlich, ich würde dreimal einem Menschen das Leben retten —“
„Anna!“
„Aber das dritte Mal würde es mir das Leben kosten“, schloß sie tapfer.
Georg schäumte innerlich vor Wut. Dies verruchte Weib! Anna lachte auf einmal hell.
„Weißt du noch, Georg, wie du das von dem Seestern sagtest? — da erschrak ich so merkwürdig, — und nachher dachte ich an gar nichts. Es kam ja alles so schnell, so plötzlich, wie er da im Wasser schwamm, und der Schwan schlug mit den Flügeln und sah hin. Erst als ich hineinritt, erschrak er und brauste davon. Die Prophezeiung ist mir erst viel später eingefallen. Als Artaxerxes davonflog, fiel sie mir plötzlich ein. So sind Sie doch auch in das brennende Abteil gesprungen, ohne zu denken, und nun bin ich auf so viele Gedanken gekommen und fing an, mich zu fürchten, oder ob das Gewitter ... denn ich wollte mich nicht fürchten, gewiß nicht, ich dachte, als ich nebenan vor seinem Bett stand, wo er so kindlich aussah, ich wollte es gewiß gern tun, dreimal, wenn es sein müßte, und auch selbst dabei ...“
Sie brach ab, weinte auf, legte hell jammernd das Gesicht in die Hände und auf den Tisch, und eine lange Zeit war sie nicht zu beruhigen, auch verzweifelte Georg an sich selber, weil er, sie in den Armen haltend, alle möglichen Empfindungen hatte. Schließlich ward sie doch stiller, trocknete ihr Gesicht, stand auf, nickte den Beiden durch nasse Schleier lächelnd zu und ging schnell und leise hinaus.
Zwiegespräch
Georg hatte, als Anna gegangen war, gedankenlos die Uhr gezogen; es war etwas nach halb zwei, und so blieb immer noch eine halbe Stunde bis zur Unterredung mit seinem Vater, auch wenn er berechnete, daß er sich für das Mittagessen noch anziehen mußte — was ich eben schon hätte tun können, dachte er.
Er steckte die Hände fest in die Rocktaschen, sie nach vorn drückend, lief ein paarmal auf und ab und mußte plötzlich losbrechen:
„Verstehen Sie denn das alles? Nun liegt die Geschichte ja noch anders, als ich Ihnen vorgerechnet hab, Ihr Eisenbahnunglück kommt auch noch dazu, und das Bild, das Sie doch seit Jahren hätten abmalen können, und das alles, damit eine gottverdammte Prophezeiung eintrifft, das ist ja zum Haarausraufen! Glauben Sie eigentlich daran?“
„Prinz,“ sagte Bogner, „ob wir daran glauben, das ist hier wie immer wohl nebensächlich. Es scheint: sie glaubt daran. Was man glaubt, pflegt zu geschehn.“
„Sie muß wohl,“ knurrte Georg, „wenn es doch schon eintrifft. Daß sie vorher nicht daran glaubte, haben Sie ja selbst gehört. Es ist ja grauenhaft!“
„Leider!“
„Das sagen Sie so, als ob ...“
„Ich will mich gern erklären“, äußerte der Maler willfährig. „Mir fielen antikische Weissagungen ein, Achilleus, Odysseus, Ödipus. Das waren, wie soll ich sagen, Opfer der Phantasie, Opfer ihres Volkes, die es mit dem Schauerlichsten oder Erhabensten belud, wovon ihnen selber nichts zuteil wurde. Aber warum, meinen Sie, bekamen diese Erhabenen stets die Weissagung obenein?“
„Ich verstehe schon,“ meinte Georg, „Sie denken an das Vorherwissen ihres Schicksals, die Unabänderlichkeit des Erfüllenmüssens, ja dies Erfüllen, wo die andern einfach betroffen wurden. Nun, dafür waren jene eben Helden.“
„Keineswegs. Sondern eben dadurch wurden sie es. Dem einfachen Menschen ist das Vorherwissen — damals wie heute — ein — manchmal verlockender — in Wahrheit immer grauenvoller Gedanke, und jene wurden, die erhabenen Einzelnen wurden zu Helden, weil sie diese Ausnahme ertrugen und in ihr Schicksal sahn. Sie hatten ihr Schicksal, über den Vielen, die das Schicksal hatte.“
„Ödipus etwa?“
„Ödipus war doch kein Held, Prinz.“
Georg schwieg eine Weile und fand endlich das erlösende: „Das beweist gar nichts. Anna ist keine Penelope, kein — kein Heldenweib.“
„Woher wissen Sie denn das? Wird man zum Helden geformt, gestempelt und eingetragen, wie Herr Chalybäus: Tenor alles in allem? Sie begehen auch eine Verwechselung, glaube ich. Penelope und andre, auch männliche Berühmtheiten waren schöne Gestaltungen des Durchschnitts. Sie taten das Nötige, aber sie glänzten, weil sie im Glanze standen. Troja und der große Krieg, Odysseus und die wilden Fahrten überglänzten alles, was drin auftauchte —“