HELIANTH
Bilder
aus dem Leben
zweier Menschen von heute
und aus der norddeutschen Tiefebene
in neun Büchern dargestellt
von
Albrecht Schaeffer
Der drei Bände zweiter
Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920
Viertes Buch.
Fragmente aus den halkyonischen Jahren I
oder
Die Friedliebende Gesellschaft
Erstes Kapitel: Mai
Heimweh
Georg ging eine schräge, braungoldene Fläche hinunter. In der Tiefe war ein lichter, weißer Wald; die Bäume standen weit voneinander und sahen wie große, schneeweiße Tüten aus, die auf der Spitze standen. Im Näherkommen gewahrte er, daß es riesige, schön gewundene Muschelschnecken waren; ihre Windungen glühten rosig, und in ihnen rieselte es goldig. Vor der nächststehenden waren zwei Pfähle aus Ebenholz, einer immer etwas höher als der andere, so daß sie eine Treppe bildeten, und indem er noch dachte, es müßten, da sie sich gegenseitig stets überhöhten, doch wohl mehr als nur zwei Pfähle sein, war er schon hinaufgestiegen, beugte sich über den rundwulstig nach innen gebogenen Rand der Muschel und sah, daß eine Wendeltreppe hinunterführte. Er stieg sie hinab, sie wand sich ins Bodenlose unter seinen Füßen fort, es ward Abend und Finsternis, dieweil er stieg, aber dann wußte er, daß er wieder die verbotene Treppe im Trassenberger Pallas beging. Diesmal aber war die Tür doch offen, es wehte eisigkalt aus dem Gang, Georg wußte, daß ein solcher da war, ohne ihn sehen zu können, und tastete sich furchtsam, mit beiden Händen die ganz nahen Wände streifend, vorwärts. Bald kam er an eine Biegung, an eine andere, es ging rechts, ging links, Georg dachte: gleich muß die Falltür kommen, er schritt immer langsamer, in großer Angst, auf einmal war eine schwarze Türöffnung da und hinter ihr das Bodenlose. Die Angst verschlug ihm den Atem, er wußte, daß er sterben, daß er hinunterstürzen und zerschellen sollte, nein, er wußte, schon wenn er fiele, würde alles aus sein, und schon wich der Boden, er fiel, er löste sich, rücklings sinkend, auf in den Tod, noch denkend, es ist ja gar nicht so schlimm, das Sterben — —
Da schlug er die Augen auf.
Eine Weile unbegreifend, wo er sich befand, erkannte er langsam die braune Tür gegenüber mit dem hellen Lichtspalt von nebenan, dann in der Ecke rechts davon den kleinen Kamin mit dem Schattenriß des hängenden Teekessels über der roten Glut — langsam das ganze, kleine Zimmer, gefüllt mit Schatten, den Schattenriß des Tisches zwischen Kamin und dem Sofa, auf dem er saß, und er hörte die englischen, losen Schiebefenster knacken und leise prasseln unter gelinden Stößen des Nachtwinds. Im Nebenzimmer räusperte sich jemand, Benno ... Da saß er unsichtbar und komponierte bei seiner Lampe ...
Im selben Maß wie die Schlafbenommenheit entwich auch die Erscheinung des Traumes, nur die Erinnerung an den finstern Gang blieb noch; ihn schauderte leise im Gedanken des Sterbens, wie er sich auflöste, angstvoll und doch schon beruhigt ...
Da aber sah er wieder, wie immer, Renate, abgewandt von ihm, durch ein Zimmer gehn, undeutlich, nur ihre Erscheinung, fast nur ihre Haltung, als komme sie aus der Tür und ginge zu — zu einem Tisch — Georg sah ihn nicht — und legte etwas darauf, ein Buch, ein Schlüsselbund, worauf sie sich auflöste ... Immer dieselbe Erscheinung ...
Georg stand, trunken von Schlaf und Gefühl, vom Sofa auf, legte ein paar Stücke Holz in die Glut, setzte sich daneben auf den Stuhl am Tisch, klappte den daliegenden Briefblock auf, ergriff die Feder und stürzte sich ins Schreiben.
Serk, schrieb er, im Mai.
Galatea, o Galatea! Ich sterbe, ich sterbe ja vor Heimweh nach Dir! Im Traum eben litt ich einen leichten Tod, Du warst nicht in dem Traum, ich verstehe es nicht, wie konnte der Tod leicht sein ohne Dich! An meinem Leibe sind alle Adern geöffnet, das Blut strömt, auf jeder Welle entschwimmt mir Dein Lächeln mit dem fortfließenden Leben ...
Soll ich Dir Träume erzählen, süße Seele? Komm, höre einen Traum!
Es war ein Garten und ein Gebüsch. Eine Stimme war im Gebüsch, sie rauschte nur. Da kam ein Arm hervor, der die Zweige nach oben hob, ein weißer Arm, dann stand eine Frau in der Aprilnacht, holte zwei Schwerter hinter dem Rücken hervor, in jeder Hand eines, und stieß sie mir durch Rücken und Brust ...
In einer Nacht aber hatte ich diesen Traum:
Ich ging am Strande des Ozeans, da sah ich das Meerweib von fern. Sie stand, nahe von ihr war ein Felsenbogen, ein gewaltiger Grotteneingang, und sie stand, als habe sie beim Auftauchen aus der dunklen See eine Glocke von Gewässer mit hochgenommen, die wölbte sich nun als schwarzes Kleid um ihre untere Hälfte, um die obre hing Wellenschaum als weißes, dreieckiges Tuch mit langen, fließenden Fransen. So stand sie, die Hand am Kinn, in der anderen den Ellenbogen, sinnend, aber sie sang, ich hörte ihre Stimme:
Einsamkeit — —
Einsamkeit, du schöner Born
Stillgewordner Seelenklagen!
Rausche durch das Muschelhorn
Tönend in den langen Tagen.
Wenn der Gott das Horn ergriff,
Rollt der Donner an den Küsten,
Und es dröhnt des Gottes Schiff,
Und es tönt — —
Einsamkeit — — schrieb Georg noch, dann riß es ab, denn er hatte: ‚und es tönt in meinen Brüsten‘ schreiben wollen, verdrängte es aber, da es ihm frivol und unpassend vorkam, insgeheim derartig von ihr zu sprechen, als ob er sie entkleidete, ohne daß sie’s wußte; dann kam ihm auch der Reim zu alltäglich und gemein — heutzutage — vor, er ergänzte noch teilnahmslos die Lücke mit: ‚in Felsgerüsten‘, hörte nervös das störende Geklapper des Deckels auf dem Teekessel und hockte sinnlos. Vor seinen Augen verging der rötlich durchschienene Dampfstrahl aus der Tülle, nebenan wurde ein Stuhl gerückt, Benno ging behutsam durch das Zimmer, dann klangen ein paar Griffe auf dem Klavier und plötzlich ein leiser Akkord von solcher Süßigkeit, daß Georgs Herz sich zusammenzog. Angst, Sehnsucht, Schwermut sogen gewaltsam an seiner Brust; warum sitze ich hier? dachte er schwer.
Gedankenlos, nur um etwas zu tun, zog er die Schieblade gegen seinen Leib auf, holte eine Wachstuchkladde heraus und schlug sie auf. La vita nuova stand groß und einsam auf der ersten Seite. Georg machte kritische Augen. Auf der nächsten stand ebenso vereinsamt: Galatea ...
Georg schlug willkürlich einige Blätter um und las:
„Die See war schwarz und eigentlich unsichtbar, aber über ihren Rand aus dem Nichts stieg eine rote Scheibe, glühte und war ein großer, runder Fisch, der über das schweigsame Meer herschwebte. Auf seinem Rücken stand ein schwarzer Mann wie ausgeschnitten, mit einem abstehenden Kranz von wildem Haar, hielt ein Muschelhorn an den Mund und blies unhörbar. Da sagtest du: man muß die Einsamkeit in das Herz schießen. Ich hatte aber nur eine kleine Gummizwille in der Hand, wie wir sie als Jungens machten. Da zielte ich auf den Fisch, und wie ich ihn traf, blieb er langsam stehn, wurde wieder ganz rund und wedelte einmal mit dem Schwanz. Dann zauberte er ein glotzendes, grünes Auge in sich hinein, sah mich boshaft damit an und versank in die Flut, wo er sichtbar blieb im Tiefersinken, dieweil das Wasser in schwarzen Falten über ihn hinging. Der Mann, sein Horn noch immer am Munde, sank mit, und da wußte ich, daß das Ganze aus Pappe geschnitten und ein kleines Theater war ...“
Georg hob die Augen vom Ende der Seite, griff eine Zigarette aus dem Kasten, tastete, völlig aufgelöst in Bewußtlosigkeit, nach den Streichhölzern und blieb hocken, die Zigarette im Munde, minutenlang.
Der Teekannendeckel klapperte irrsinnig. Georg fuhr mit einem Ruck aus sich auf, hob den Kessel aus den Haspen und setzte ihn auf die Erde, wo er noch eine Weile ingrimmig vor sich hin kollerte und prustete, bis ihm der Atem ausging und er verstummte. Die Blätter des Hefts hatten sich in die Höhe gesträubt, Georg las irgendwo die Worte:
„Es giebt nichts, wozu man die Natur nicht gebrauchen könnte; ich will sie als Medikament gebrauchen. Es muß mir gelingen, einige Zeit ohne Gedächtnis zu leben. Wenn es nicht geht, werde ich es Benno übergeben. Es giebt nichts, was man ihm nicht anvertrauen könnte.“
Ja, ja ...
Die Nacht war totenstill, nichts zu hören vom Meer. Da saß man nun mitten im riesigen Kanal, die ungeheure Brust des Atlantischen Ozeans drängte gegen ihn heran, fern überall in ihrer Einsamkeit wanderten die Schiffe ...
Angst lag auf Georgs Brust. Hatte sich irgend etwas geändert? War irgend etwas klarer geworden? Ach, wenn doch Benno Klavier spielen wollte, daß er sich ins Dunkel daneben setzen könnte und wie als Knabe, wenn Onkel Salomon einmal spielte, das Ohr gegen die tönende Wand legen und sich vergessen im Staunen über das drinnen tosende musikalische Rumoren. Ach nein, er hatte Benno sein Gedächtnis nicht anvertraut, immer standen Dinge bevor, die er nicht begriff, als sollte er sich am nächsten Tag zur Bedienung einer Maschine stellen, von deren Bau und Wirkung er keine Ahnung hatte ...
Georg blätterte weiter in seinem Heft, über Seiten voller Verse hin, Sonette, Sonette, Sonette, und: welche Kunst, dachte er, seine Stimmung vermittels plausibler Vergleichungen zum Ausdruck zu bringen! — Dann kamen wieder Briefe an sie, die er Galatea nannte — indem es ja sein höchster und heimlichster Traum war, daß sie, dieser wunderbarlichste Marmor in Frauengestalt, durch ihn zum warmen Leben sich einführen lasse, — Ergüsse, Lobgesänge, Gebete, Beichten in blumenreicher Prosa ...
Und wiederum sah er ihre ungewisse Gestalt, abgewandt von ihm, hingehn und — — entschwinden in die Luft.
Da stand geschrieben:
„Ich reinige meinen inneren Menschen. Ich werde ein Stück Natur, Erdboden, wenn mich der Sonnenschein, Baum, wenn mich der Wind, hohle Muschel, wenn der unablässige Donner der See mich mit lärmendem Geläute erfüllt. Luftiger, offener, ausgebreiteter wird mein Wesen, ich fühls, ich leere, ich reinige mich. —“
Haben wir uns gereinigt, Benno? Gute Seele, was stauntest du doch über dies ossianische Eiland von grauem und rötlichem Fels, dies titanische Gefüge, Grotten, Felsenbögen und Höhlen wie auf Odysseebildern von Preller. Und ringsum der gewaltige Kanal. Da ließen wirs uns wohl sein, rollten im Ufersand gegen die Brandung, stürmten über den Felsendamm zwischen den beiden Inselhälften, hundert Meter über der Meeresfläche, mit flatternden Hemdkragen gegen den offenen Himmel, gegen den wild anrennenden Wind, schrien den englischen Möwen auf Deutsch unverständliche Beschimpfungen zu — dann —, dann schoß ich Kaninchen auf dem Eilande Brechou, und du bewundertest mich dabei. Ach, immer hast du mich bewundert! Als ichs allein nicht mehr ertragen konnte, als mir eines Tages das Gedächtnis alles Gewesenen wie ein Baum aus dem Haupt wuchs und riesige Früchte, die herunterstürzten, mich zu erschlagen drohten, da — ja, da vergingst du in Schaudern über das unerhörte Begebnis und in Bewunderung meiner, der sicherlich das Richtige treffen würde ...
Und Georg erinnerte sich, wie sie nächtelang miteinander sich besprochen, den Zweikampf wie mit beweglichen Puppen gefochten hatten, des Ideales hier, ein Fürst zu werden, wie die Welt einen verlangte, der Wahrheit dort, die Selbsterniedrigung von ihm forderte. Aber die Fehde blieb immer unentschieden, sie verstummten, schlichen trübe umher — nun, Benno freilich tat das nicht lange, er hatte ja unendlichen Mut geschöpft, und nachdem er früher kaum gewagt hatte, eine Zeile zu schreiben, aus Furcht, Beethoven könnte es ihm verargen, so getraute er sichs nun, es mit allen Stimmen des Ozeans und der Winde aufzunehmen ...
Und dann lagen wir auf einer der grünen, windüberstrichenen Inseln im Innern, gaben uns kummerlos der Sonne preis, träumten Buntes und Phantastisches, für Benno Unerhörtes, Gloria und Kränze, Frauen und Wettrennen, Yachten unter Riesensegeln und weiße, nackte Frauenleiber in einer azurenen See und in paradiesischem Durcheinander mit gestreiften, gelben Tigern und schwarzen Leoparden.
Bennos Schritte näherten sich der Tür, Georg hörte ihn fragen hinter seinem Rücken: „Schreibst du?“
„Nein, ich lese bloß! Du willst wohl schlafen gehn?“
Sich wendend sah er Benno, so lang er war, noch dünn- und langhalsiger in dem aufgeschlagenen Hemdkragen, Gesicht und Augen durchglüht und beschämt von Visionen, durchs Zimmer gehn und sich aufs Sofa setzen, gleich die Beine übereinanderlegend und sich schmal machend vor angeborener Demut. Der rötliche Schnurrbart hing zerzaust und wie bestraft, die Augen gingen — wie immer — nach oben.
„Sieh mal, was ich da geschrieben habe“, sagte Georg, nachdem Benno etwas wie „gar nicht müde“ gemurmelt hatte, und las:
„Widersetze dich niemals einer Erkenntnis. Jede seelische Geste, festgehalten in der Anmut gereimter Zeilen, strömt eine bestrickende Glaubwürdigkeit aus. Je leichter dir das Versemachen fällt, um so schöner werden deine Empfindungen. Es ist doch nur ein papierener Frühling. Wind und Sterne, Mond und Sonne, Wogen und Möwen, das alles treibt dich rundum, und am Ende liegst du da. Du bist nur ein Naturkreisel. — Horch, Benno, es giebt noch einen Zusatz. Zusatz: Wirbelt die Oberfläche eines buntbemalten Kreisels herum, so schwinden die Farben in belangloses Grau. So ist es auch mit der Seele. Wenn sie aber daliegt und stille wird, zeigt sie lieblich ihre reinen, farbigen Kreise ...“
Benno saß und lächelte freundlich.
„Benno, was denkst du?“
„Ich? Ach! Ich dachte“, sagte er schamvoll mit seiner gebrochenen Stimme, „an den Kiwi in Unterprima und —“
„Ach, weil ich von physikalischen Dingen rede, denkst du an Physikprofessoren! Ach du mein Gott, diese Physikstunden waren das Gräßlichste auf der Welt! Und wenn er mal ein Experiment machte, ging alles kaputt. Ja, da sitzen wir nun im Kanal ...“
Benno erhob sich mit einem Ruck zu seiner Länge und trat an das Fenster, stützte die Hände auf und sah in die Nacht. — Ich glaube, dachte Georg, er hat Heimweh.
Nach einer Weile, da weiter nichts geschah, sagte er:
„Ja, wie ist es, Benno, wenn du nicht zu müde bist, könnten wir ja noch einen Schritt vor die Tür und das Meer besehn ...“
Benno drehte sich still um; sie gingen hinaus und durch den engen, warmen Flur voller Schränke ins Freie. Die Nacht war dunkel, von den erloschenen Häusern kaum hier und da eine weiße Wand im Finstern zu erkennen; oben segelte der kleine Mond hastig durch silbergraues, bewegtes Gewölk. Da! — sagte die Kälte, indem sie auf die Stelle mitten auf Georgs Kopf, wo die Kompresse endlich entfernt war, aber noch das Haar fehlte, ihren kalten Finger setzte. — Als sie um die Hausecke bogen, warf sich der Seewind ihnen straff entgegen; Georg wars, als legte er ihm miteins ein glattes Kleid von Kühle um den ganzen Leib. Vor ihnen lag die schwarze Fläche von Haidekraut, die sich ins Nichts verlor; da und dort, über der unsichtbaren See in der Tiefe, war ein vereinsamtes Sternlicht. Langsam, während sie auf dem schmalen Pfad von Klinkern dahingingen, wurde die Brandung hörbar und lauter.
Eine leise Melodie, von Benno gepfiffen, ein kleines, getragenes Stück in Moll, zärtlich, feierlich, plötzlich abbrechend, wehte an Georgs Ohr, einmal und noch einmal. Er fragte: „Was ist das, Benno?“
Ja ... es sei das Thema des ersten Satzes: Sehnsucht nach der Ebene. Und übrigens hätten sich ihm, als er es fand, von selber die Worte unterlegt: Denk ich an Deutschland in der Nacht ...
„Ach, denkst du an Deutschland in der Nacht, Benno?“
Benno schwang einen Arm, warf den Kopf zurück — Georg konnte die Haare im Dunkel flattern sehn — und war ein wenig entrüstet. Ob es nun vielleicht eine Schande sei, Heimweh zu haben!
„Ach,“ sagte er, „ihr seid ja nun Alle Europäer! Aber wenn du dichtest, Georg, dichtest du dann vielleicht europäisch? Dichtest du international?“
„Aber die Musik, Benno? Überhaupt alles Geistige, Kunst, Wissenschaft, sind sie nicht allgemein?“
„Der Stoff, Georg, ach natürlich doch, der Stoff! Sind wir nicht Alle Menschen? Der Gedanke der Verbrüderung ist natürlich herrlich! Aber im Geist war sie doch immer schon da, und dem Bauern und dem Handwerker, wenn er einen Schrank macht oder Rüben baut — was soll dem Verbrüderung? Keine Feindschaft soll sein, keine gegenseitige Verachtung, alle sollen sich gelten lassen und ertragen, jawohl, aber — das ist doch weiter nichts als Menschenpflicht, da ist doch der nächste Nachbar der nächste Anlaß, dergleichen zu üben, und wozu brauchts da fremde Völker und Erdteile? Das Gute kommt doch immer von selbst.“
Benno mußte schreien, so laut war nun der Donner der Brandung. Georg sah im Finstern vor sich die Zaunpfähle am Rande des Abgrunds; jetzt bog ihr Weg ab und begann langsam anzusteigen; alsbald erschien auch der Schattenriß des kleinen Pavillons über ihnen in der Nacht. Georg sah Helenenruh, das weiße Haus, Wiesen und Park, eine sonnige Insel; dann erschien die Goethestraße in Altenrepen, sein Schulweg, das rote, vielfenstrige Haus mit der Sonne überm Türmchen. Ja, er hatte wohl auch ein wenig Heimweh ...
Sie betraten den Bretterboden des Pavillons, traten an die hölzerne Brüstung und stützten sich darauf. Alle Hörner der See stießen ihr gewaltiges Gebrüll aus; sich überneigend sah Georg, schaudernd vor der Tiefe, den weißen Gischt, wie er sich wütend aufwarf und zerflog. Da war nun, unsichtbar, unermeßlich nach Westen hin die schwarze, bewegliche Meeresebene, meilenweit kalte Wasser, Bergtiefen der Gewässer. Ein, zwei rötliche Lichter in der Ferne schienen eine Küste zu bedeuten, aber es waren Schiffe, in ungeheurer Einsamkeit verlassen durch die schwere See hinstampfend, aber innen in ihnen war es doch wieder warm und hell, waren Tische und Lampen, Keller und Lager voll Geruch von Teer und Waren, Kabinen voll Schlaf ... Seltsam, diese winzigen, fahrenden Wohn- und Kaufhäuser in der Meeresfinsternis ...
Georg ließ sich auf die Bank nieder, leise betäubt vom Brausen der Tiefen, Benno blieb am Pfeiler stehn.
„Und die schönsten Dinge, Georg,“ sagte er plötzlich mit Eifer, „die schönsten Dinge der Welt giebt es doch nur in Deutschland.“
„Zähle auf, Benno, zähl auf!“
Benno schöpfte tief Atem.
„Eine deutsche Sommernacht“, sagte er.
„Ja, Benno, da hast du recht. ‚Wenn die Brunnen verschlafen rauschen‘, nicht wahr? Und Kornfelder im Mondschein und silberne Ritter von Thoma auf allen Hügeln, die Wache halten. Oder — nein so, Benno: Eine Mondnacht ... Ein Stück weißer Straße — und eine weiße Hauswand mit dunklen Fensterscheiben, Gartenmauer, weiß, und darüber die dunklen, schweren Baumwipfel, in denen der Nachtwind rieselt — rieselt —, nun hier — nun da, nun rauschend, nun ganz leise nur — knisternd, daß du fast die einzelnen Blätter sehen kannst, die sich wenden ...“
„Ja, Georg! ja!“
„Und — — kennst du das von Rilke:
Und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,
Und eine Weile bleibt das Schweigen leer,
Und eine Geige dann ...
... und sagt ganz langsam: Eine Blonde ...“
Benno war begeistert. „Eine Blonde!“ hauchte er. „Ja, ein blondes deutsches Mädchen, das gehört auch zum Schönsten!“
„Ich will sie dir nicht rauben, deine Blonden,“ sagte Georg, „aber ich bin nun mal mehr für Dunkel.“
„Du für Dunkel, Georg? Aber Renate?“
„Renate? Ach, erstens ist sie nicht blond! Sowas nennt sich nicht blond, und zweitens: ist sie vielleicht ein Mädchen?“
Benno sagte, das verstünde er nicht. Georg wußte es selber nicht zu erklären. Nein, dachte er, sie ist weder Mädchen noch Frau, aber sie ist — — als wäre sie drei Nächte lang die Geliebte eines Gottes gewesen, und ist verzaubert von unsterblichen Küssen und überweltlicher Hoheit. — Aber wieso sagte ich nur eben, ich wäre für Dunkel? Magda ist doch blond — ja, deshalb liebte ich sie wohl auch nicht richtig! — Iris Runges elfenbeinernes Gesicht erschien ihm da und die türkisfarbenen Augen im schwarzen Oval der Haare.
„Zähle weiter, Benno, was giebt es noch?“
„Ach, der Frühling, Georg, einen deutschen Frühling, giebt es den vielleicht in Italien oder in Indien! Wenn die Ebenen noch ganz grau sind und ferne Wälder durchsichtig und kahl, und die Wolken gehen so niedrig und langsam übers Land. Der Wind ist feucht, man riecht die Erde, und irgendwo stehen schon Primeln ...“
„Ach, wohl, Benno, wohl, und ein deutsches Ährenfeld, du sagtest es schon! Diese Gelbe, und das lange Schwanken der glatten Mauer und Lerchen im Sommersonntag und ganz ferne Glocken!“
„Und bist du einmal im Herbst über Land gegangen, Georg —“
„Deutsche Herbstwälder, Benno, mein Gott ja, deutsche Herbstwälder giebts auch in Griechenland nicht! Goldgelbes Birkenlaub in flammend blauen Lüften ...“
„Ja, und ich dachte eben an die Ebene. Im September, wenn die weißen Morgennebel alles rings verschließen, und die Sonne bricht nun durch, und auf einmal ist da eine glühende, weiße, beleuchtete Hauswand, dann siehst du das Dach, und nun die Kronen von Obstbäumen, dunkelgrün, triefend naß, nun die roten Flecke der Äpfel, und am Zaun, der auf einmal aus den weißen Tüchern kommt, lehnt vielleicht ein ganz blaues Waschfaß ...“
„Herbstkräftig,“ murmelte Georg und fuhr lauter, damit Benno ihn hören könne, fort: „herbstkräftig die gedämpfte Welt — In warmem Golde fließen ...“
„Ach, ja, Georg, und die Dichter, glaubst du denn, daß je irgendwo die Dichter so ihr Land ausgesaugt hätten wie Eichendorff und Lenau, und wie Claudius und George? Wie war doch das noch: ‚Im Morgentaun — trittst du hervor —‘. Von George, ich weiß es nicht mehr, du lasest es vor ...“
Georg fuhr leise und seltsam schmerzlich fort:
„Den Kirschenflor
Mit mir zu schaun.
Duft einzuziehn
Des Rasenbeetes ...
Durch die Natur
Noch nichts gediehn
Von Frucht und Laub.
Rings Blüte nur ...
Von Süden weht es ...“
Benno, zu seinem Munde herabgebeugt, wiederholte voll Inbrunst: „Von Süden weht es ...“ Dann warf er sich mit einem Ruck hoch, trat weg und setzte sich auf die Bank.
„Ja, da sitzen wir nun im atlantischen Kanal in der Nacht und haben Heimweh nach Deutschland. Wenn wir jetzt Wiener wären und an Wien dächten, so würden wir weinen“, murmelte Georg. Aber im selben Augenblick brach alles immer Unterdrückte mit einer solchen Wucht in ihm los, daß er aufsprang, den Holzpfeiler neben Benno mit beiden Fäusten packte und, die Stirn darangepreßt, ächzte:
„Verstehst du es denn, Benno, ja versteht es denn ein Mensch, was das heißt, nicht mehr zu wissen, woher man kommt? Und ich, Benno, ich, der immer so stolz war auf Ahnen und alle Vergangenheit und Zusammenhänge, und daß all das nun Lüge war, Unsinn, gemeine, scheußliche, stinkende Lüge und Irrtum —“ Er brach ab und schüttelte sich.
Einen Augenblick später sich wieder aufrichtend und Haltung nehmend, trat er von Benno fort und lehnte sich mit dem Leib gegen die Brüstung und über das Meer. Hinter sich wußte er Benno, der so still in sich saß vor Scheu und Ergriffenheit, daß sich keine Muskel und keine Faser an ihm bewegte. Und wiederum erschien da, abgewandt, hingehend, die unsichtbare Gestalt Renates ...
Seltsam, seit wann ist das nur, daß ich sie so sehe? fragte sich Georg. Und woher gerade diese Bewegung an ihr? Es giebt ja wohl keine Stellung oder Lage, keine Tätigkeit und keine Bewegung, in der ich sie nicht geträumt hätte — woher nun diese? Als ob sie selber, indigniert, sich von mir fortwendete, jedesmal, und davonginge. Habe ich sie totgeträumt? fragte er sich erschrocken. Ja, ist mein Gefühl noch immer so stark wie im Anfang? Ich glaube — — nicht ... Ach, Renate, Renate, warum stehe ich denn hier über dem finstern Atlant, kalten Gewässern und landfremden Schiffen? Du bist es doch, die gilt, einzig gilt! Dich zu krönen, aus den Sternen den Thron, für dich, für dich, das ist doch — nun, wenn nicht das Ziel selber, doch der Leib, in dem es sich irdisch darstellen muß, um möglich zu werden. Nein, nun ertrage ich es nicht mehr. Dies ist ja eine dergestalt menschliche Angelegenheit, daß tatsächlich nichts weniger helfen kann als Fels und Meereswoge. Ich muß unter Menschen. Die Maske muß probiert werden, das Herz angestoßen werden auf reinen oder unreinen Klang.
„Wie ist es, Benno,“ sagte er, sich umwendend, „wenn wir morgen fahren, kann ich noch eben rechtzeitig zur Einschreibung ins Semester kommen.“
Benno sprang auf.
„Ja,“ sagte er, lang dastehend, aus tiefster Seele, „ja, reisen wir!“
Neben Georg tretend, legte er einen Arm um seine Schulter. Lange standen sie so, der Raum füllte sich mit dem Brausen der Tiefen, schläfriger dachte Georg an Deutschland, an Altenrepen und verlangend und hoffnungsvoll an einen Garten, Orgel und Liebe.
Magda
Renate saß spät am Abend an ihrem Schreibtisch, in ihrem Gedächtnisbuch blätternd, um eine Eintragung zu machen; sie schlug, unschlüssig, wie beginnen, einige Seiten zurück und las das zuletzt Geschriebene.
Helenenruh, am 20. April
Im Grunde bin ich doch froh, daß ich hierhergekommen bin. Zwar kann ich so gut wie nichts tun, aber sooft ich denke, ich sei überflüssig, so muß ich nur Magda ansehn und denke gleich, es kommt einmal der Augenblick, wo sie zusammenbricht, und es ist niemand da, der sie bettet. Und nun, wo auch Jason al Manach, der die ersten Tage nach meiner Ankunft nur heiß und stumpf umhersaß, sich mit einer schweren Gehirnentzündung hingelegt hat, so verbrennt sie ja in Mitleiden und Dienstbarkeit. Seitdem herrscht tiefe Stille in Helenenruh, nur das Motorrad des Doktors unterbricht das dumpfe Krankenzimmerschweigen, in dem wir Frauen, die Domina und die Pflegerinnen, umhergleiten, und während draußen der April grüne Seiden ausbreitet und die schönen Farben hineinstickt, lagert im Hause die beständige Dämmerung verschlossener Vorhänge oder des Nachtlichts und die schwere, dumpfe Luft.
Was war das doch für ein anderes Helenenruh in Magdas Briefen! Soviel Trauriges darin war, es war doch das Bogners und der kindlichen Magda, die ich damals noch vor Augen hatte und nicht auslöschen konnte trotz dieser fremden Briefe. Dies aber, das ich hier gefunden habe, das weiß von alledem nichts; es sind nur Wege und Bäume, ein Teich, die Wiesen und die See, ein schönes Haus mit Sälen und vielen Fenstern, und wenn ich im Klaviersaal gespielt habe und am Fenster stehe und zum Verwalterhause hinüberblicke, die Vorfrühlingswolken über dem Park sehe und den Wind, der silbergraue Streifen über die frisch ergrünte Wiesenfläche schleppt, so finde ich keine Spur von dem hier, was ich hineingedacht habe, und ich sehe wohl ein, daß wir alles für uns allein haben. Die Dinge bleiben sich gleich und lassen uns an sich vorüber.
am 1. Mai
Chalybäus hat sich langsam erholt und vor ein paar Tagen sein Bett verlassen in Gestalt einer schiefen, vertrockneten und zusammengekrümmten Steinzeitmumie. Gleich verlangte er Wein, und als der ihm verweigert wurde, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Es scheint nichts anderes übrig zu bleiben, als ihm zu willfahren; der Arzt wenigstens erklärt, es sei vorläufig nichts zu machen. Nun ist er bei einer alltäglichen Menge von drei bis fünf Flaschen Rotwein und verhält sich einigermaßen still. — Du arme Magda!
Jetzt beginnt nun auch Jason al Manach, dies fremde Wesen, auf der Bank neben der Haustür zu sitzen, einer kümmerlichen, weißen Kellerpflanze ähnlich und zuerst klagend, das Licht stürze sich wie brennende Vogelschwärme in seine Augen; aber das Brennen hörte auf, nicht nur seine Augen, sondern auch Lungen und alle Adern sogen still, er genas.
Viel habe er überstanden, sagte er heut abend zu mir und Magda. Sie stand in der Haustür nahe bei unserer Bank, über den drei Stufen, ach, so gebrechlich aussehend von der übermäßigen Anstrengung der Pflege, in ihrem schlecht und lose sitzenden Hängekleid von Nessel, das Haar in einem hellen Tuch, unter dem ihre Züge wie ausgewischt erschienen. — Man könnte auch sagen, fügte er hinzu, er habe sich selbst überstanden, und dann sagte er wieder einmal wie in seinen Delirien, aber mit ganz verständigem Ausdruck etwas sehr Sonderbares. Er habe ihn wohl gesehen, den großen Grauen am Fußende seines Bettes; freundlich habe er ihn, den kranken Jason, eingeladen, doch mit ihm zu gehn, aber er habe ihm ruhig geantwortet, daß er doch selber einsehn müßte, es sei durchaus keine Kunst, das Leben vermittels des Todes zu überwinden, allenfalls mit Hülfe des Sterbens, womit er sich ja auch eingehend beschäftige, aber solange es nach ihm gehe, wolle er nicht völlig sterben, sondern vielmehr so gesund wie möglich werden, und übrigens glaube er schon längst nicht mehr überzeugt an die Existenz des vor ihm Stehenden, der sich denn daraufhin auch achselzuckend entfernt habe. So gesund wie möglich, wiederholte er bekräftigend — er glaube, es würde ihm noch gelingen. — Magda, schwach und todmüde, begann leise zu weinen, es dämmerte zwischen den Bäumen, aus dem Heckengang quoll die Nacht, Jason blickte gegen den hellen, herniederleuchtenden Himmel oben, wir hörten hinter uns das kleine Weinen rinnen und gedachten des ewigen Lebens.
am 2. Mai
O, das sind garstige Dinge, die sich da zugetragen haben!
Schon längst schien mirs eine fixe Idee von Ch. zu sein, daß der Herzog ihn tödlich beleidigt habe, daß es ein Verbrechen von ihm, dem Ch., wäre, nur einen Pfennig vom Herzog anzunehmen — eine eigentümliche Veränderung der Sachlage —, und daß daher ihm und seiner Tochter nichts anderes übrig bleibe, als mit einer Drehorgel auf den Märkten umherzuziehn. — Nun war er doch entlassen. Magda zeigte mir einen Brief vom Herzog an Ch. vor einigen Tagen; darin änderte er einen ersten Vorschlag an Ch., die Heilanstalt Frankenhöhe aufzusuchen — da er mittlerweile vom Arzt erfahren hatte, daß eine Kur vorderhand unmöglich sei —, in eine Rente nebst freiem Aufenthalt in Helenenruh, Magda zuliebe, die ja so an H. hängt. Der Brief hatte einen fürchterlichen Wutausbruch ihres Vaters zur Folge, hinterdrein ein Schreiben an den Herzog, das er insgeheim Jason diktierte, für den er noch immer eine schöne Sympathie bewahrt. Darin standen Dinge, von deren Unwahrheit Jason wohl überzeugt war, vielleicht auch ist sein Denkvermögen noch immer etwas imaginär, jedenfalls gab er den Brief M., in meiner Gegenwart. Magda las lange an dem Brief, schob ihn dann zu mir herüber, ohne das Gesicht zu verziehen, und sah auf den Tisch vor sich. So las ich denn, daß ihr Vater — auf welche Weise war nicht zu erkennen — Kenntnis erlangt hatte von einem nächtlichen Besuch des Prinzen in Magdas Zimmer (im vergangenen Juli). Ob ihr Vater nun mehr dazu neigte, die Ehe zu verlangen, oder ob er nur einen Erpressungsversuch machen wollte, das war infolge des Jammergeredes, in das er alles wickelte, nicht deutlich zu erkennen. — Als ich endlich aufsehn mußte vom Lesen, fand ich Magdas Augen auf mich gerichtet, so erloschen und hart, daß ich mehr darin lesen mußte als Abscheu vor ihrem Vater.
Im ersten Augenblick war ich so erschrocken — — Ich sah sie aufstehn und das Zimmer verlassen, endlich brachte ichs fertig, ihr nachzugehn, und im Park fand ich sie denn, wie sie wie eine Verlorene schwankend an den Fliederbüschen hinstreifte, und führte sie sanft ins Haus. Sie blieb aber stumm — und was ist auch zu sagen?
Es ist, als sollt es kein Ende nehmen mit den Lasten, die ihr aufgebürdet werden. Sogar bereits Überstandenes kommt nun wieder und trifft sie von neuem und von einer anderen Seite. Gott mag wissen, was er damit will.
Nun, dies wenigstens hat ein Ende, so ekelhaft es bis zur Neige war. Ich will auch dies aufschreiben, um mich später zu erinnern.
Jason schickte Ch.s Diktat an den Herzog mit ein paar Zeilen von ihm selber, in denen er ihm kühl vorlog, daß Ch.s Verdächtigung selbstverständlich aus der Luft gegriffen sei.
Diesen Brief hat der Herzog mit dem von Ch. an seinen Sohn geschickt und ist nach empfangener Antwort gestern hier eingetroffen. Ich sprach eine halbe Stunde mit ihm und hätt es gern länger getan. Ich hielt ihn für einen ergrauten Mann in den Fünfzigern, aber nun ist er kaum fünfundvierzig und sieht aus wie Ende Dreißig, ein wenig zu bärtig, aber kühn, und ein Riese, wenn er sitzt. Ihn gehen zu sehn, ist freilich ein Jammer. Georg also hat gelogen wie Jason, und somit hat der Herzog dem Ch. einfach eine donnernde, ungeheure Standrede gehalten — wir konnten sie in allen Zimmern und bis in den Obstgarten hören — und ihn wahrhaftig damit niedergeschmettert. Das alte Vasallenempfinden hat vielleicht auch mit geholfen, jedenfalls hat er sich geduckt und in alles gewilligt. Der Herzog hat Magda sehr gestreichelt und gutherzig bedauert, daß zwischen ihr und seinem Sohne alles aus sei, denn er hätte sich gefreut und so weiter, und sie solle Helenenruh nur jetzt schon als ihr Eigentum betrachten, erben würde sie es sicher einmal, und der neue Verwalter sei unverheiratet und könne vorderhand im Gestüt wohnen.
Übrigens ist der Herzog ein Filou, denn als der Sandschneider, den er selber kutschierte, den Heckengang hinunterrollte, stand ich gerade am Goldregen und schnitt Dolden herunter, und er rief: Danae! daß es schallte, nickte, freute sich, hieb auf den Schimmel ein und jagte ums Haus, daß die Funken stoben.
12. Mai. (Altenrepen)
Nun hab ich mein Mädchen hier, zwar auch den Vater in Kauf nehmen müssen, aber es ist gut so, und mich wird er nicht stören. Er hat nicht in Helenenruh bleiben wollen, nun wohnen sie ganz in meiner Nähe. Leider ist Jason al Manach auf der Reise hierher ihnen abhandengekommen.
Renate ergriff die Feder und schrieb:
18. Mai
Wieder acht Tage nicht zum Schreiben gekommen. Am Tage nach ihrer Ankunft legte Magda sich mit Lungenentzündung; von der Pflege der Andern, von aller eigenen Pein entkräftet, lag sie auf das schwerste danieder, dies arme Herz weigerte sich, weiterzugehn, und sie begehrte innig, zu sterben. Diese Gefahr ist nun vorüber, gebe nur Gott, daß es endlich die letzte war!
So darf ich denn wieder anfangen, an mich selbst zu denken, denn der gute Saint-Georges wartet schon lange ungeduldig mit seiner Geschichte der Vereinigten Staaten, damit ich ihm die in englischer Sprache geschriebenen Bücher deutsch vorlese; das wird eine schöne und keine leichte Arbeit werden.
Und Ulrika und Irene warten auf Musik. Josef, ob du merkst, daß du vermißt wirst? Freilich mehr dein Cello als du, und dies ist leider nicht unersetzlich wie du. Saint-Georges hat mir einen Cellisten versprochen; er trägt den etwas verqueren Namen Sigurd Birnbaum und studiert Medizin.
Wohlan, der Tag scheint gefüllt!
Bei Saint-Georges
Renate, zur ersten Arbeitsstunde mit Saint-Georges fahrend, wurde einigermaßen verwirrt vom haushohen Anblick der roten Gefängnismauer an der linken Seite der Freiherr-von-Stein-Straße, die sie sich freilich anders vorgestellt hatte, als Georges ihr den Namen nannte, — und gleich darauf hielt der Wagen vor einem ihrer häßlichen Häuser aus rotem oder gelbem Backstein — trübe und schmutzig vom Ruß der Fabriken —, und dieses war gelb obendrein. — Welch ein Gedanke, dachte sie, gegenüber vom Gefängnis zu wohnen! Aber paßt er nicht irgendwie zu meinem stillen Georges? — Noch fiel ihr sein gelähmter Bruder ein, als sie den schmalen Hausflur betrat, gleich umhüllt von einem Schwaden von Gerüchen — Kartoffeln, Kaffee, Kinder, alte Kleider. Dafür waren die Wände mit um so köstlicheren, freilich bereits abgeschabten und zerbröckelten Malereien bedeckt — eine Schneelandschaft mit Rehen sah sie im Hindurchgehn. Die ausgetretene Treppe hinansteigend, fing ihr denn doch einigermaßen zu bangen an vor der möglichen Ärmlichkeit seines Zimmers, und indem las sie auf der rechten von zwei gelbbraunen, im Winkel zusammenstoßenden Türen seinen Namen auf einer Besuchskarte, die an einem Reißnagel hing — auch das wenig versprechend —, und darunter war eine Porzellanklingel mit gräßlich hart aussehendem schwarzen Knopf. Das war er auch, als sie darauf drückte, wobei er mit zähem Widerstreben einen Ton aufspringen ließ, klanglos wie eine Greisenstimme, dann aber, beim Loslassen ihres Fingers, noch einen, als sagte er: Da! Bist du nun zufrieden? — Renate hatte während des Wartens das peinliche Gefühl, einen leibhaftigen Adamsapfel mit dem Daumen eingedrückt zu haben, was sie ein wenig wieder erheiterte.
Nun kamen eilige Schritte auf weichen Socken oder Filzschuhen, und in der Tür wurde — zu ihrer neuen, aber ganz angenehmen Überraschung — statt des erwarteten Dienstmädchens der graue Kopf eines freundlichen und listigen alten Mannes sichtbar, der auf ihr „Herr Saint-Georges erwartet mich!“ in den engen und dunklen Gang deutend, sagte: „Bitt schön, die Glastür zum Herrn Doktor!“ und lächelnd zur Seite trat. Sie ging auf den Schimmer in der linken Wand zu, an einem Gaszähler, einem Kleiderschrank und einer Kommode mit zwei Petroleumlampen vorüber und zauderte vor dem Arabeskenwerk von Milchglas, das die Scheiben bedeckte, weiter oben in klares verlaufend. Dann, mit Entschluß, hob sie sich ein wenig auf den Zehen und spähte hindurch.
Es war — erfreulich zu bemerken — ein sehr großer Raum, der sich langhin quer vor ihr erstreckte; sie selber stand in der Mitte der langen Wand, den vier Fenstern gegenüber, durch deren Gardinen sie noch eben die Bekrönung der roten Mauer und weiter zurück die vergitterten Quadrate einiger Gebäude mit flachen, grasbewachsenen Dächern gewahren konnte. — Kaum, dachte Renate, bin ich beim Gefängnis, benehme ich mich wie ein Spitzbube, — und brachte die Augen getrost näher ans Glas, sich tröstend, das Zimmer sei leer. — Im Gegenteil aber saß am Fenster ganz links ein junger, blonder Mensch mit sehr zartem, rosigem Gesicht, ein wenig spitzem Kinn und flachen, hellen Augen, die hinausblickten, in einem Lehnstuhl, die Beine unter einer Decke. — Das war sein Bruder; am Gesicht wäre die Gelähmtheit zu sehen gewesen, wenn Stuhl und Decke nicht von ihr gesprochen hätten. — Da sah sie ziemlich in der Mitte des Zimmers rechts, ihr den Rücken zuwendend, eine junge Dame sitzen, so hübsch angezogen, daß sie näher zusah. Ei das war reizend: ein kleiner grüner Strohhut mit langen dunkelgrünen Seidenbändern, die im Bogen tief herunterhingen; der Kleidrock wie die halblangen, spitzdütig auslaufenden Ärmel war weiß — Piqueeleinen augenscheinlich —, die Taille aber, die Brust, Rücken und noch die Hüften fest und schlicht anliegend umschloß — war aus einem buntgeblümten Stoff — Rot, Gelb und ein wenig Grün auf mattblauem Grunde. Sie hatte ein Bein über das andere gelegt, die Hände im Schoß, weiße Schuhe und Strümpfe, — und nun wandte sie auch das Gesicht nach links hinüber, so daß ihr Profil, zart mit vorgewölbter Oberlippe und dunklen Augen sichtbar wurde. Die Lippe bewegte sich, sie sprach. Aber dorthin, wohin sie zu sprechen schien, war für Renate nichts zu sehn, sondern nur noch eine braune Tür mit Giebel an der linken Querwand. — Wieder rechts hinüber schweifend, schon die Hand auf der Klinke, sah Renate noch einen großen, dunkelhaarigen Menschen, der sich quer über einen langen, schreibtischartigen Tisch vor der rechten Wand beugte, um aus einer Reihe von dastehenden Büchern eines herauszulösen.
Renate wunderte sich, wer alles da zusammen war, und trat ein.
Gleich sah sie in der Buchtung eines alten, braunen Flügels zur Linken Saint-Georges selber stehen, der nun auf sie zukam. Die junge Dame stand auf und hatte ganz runde braune Augen. Der Mensch am Schreibtisch drehte sich um und zeigte ihr ein langes, schönes Gesicht mit dunklen, ein wenig schwermütigen Augen. Alle Wände waren bis zur Decke, auch die Zwischenräume der Fenster mit Bücherreihen bedeckt.
„Guten Tag, Georges“, sagte sie.
Er stellte ohne weitere Verlegenheit seine Gäste vor: „Fräulein Cornelia Ring und der Student Sigurd —“
Renate hörte vor Überraschung beim Namen der Cornelia den zweiten Namen nicht mehr. Eilfertig im Unterbewußtsein suchend — denn bewußt hatte sie sich bestimmt keine Vorstellung von ihr gemacht — fand sie irgend etwas Bleiches, Stolzes, Einsames, — nun diese muntere Bereitwilligkeit der rundesten Augen von der Welt ...?
„Aber wie mich das freut!“ sagte sie, ihre Hand ergreifend. „Josefs Freundin, nicht wahr?“
Die errötete lächelnd und sagte nichts. Indessen war Renate inne geworden, daß der schöne jüdische Mensch Saint-Georges’ neuer Cellospieler sein mußte, und reichte auch ihm die Hand, die er mit linkischer Verbeugung ergriff. Mund und Kinn waren voll und weich, die Stirn hoch und rein unter buschigem, schwarzem Haar, die Nase ein langer, im oberen Stück heruntergebogener Haken, die geröteten Backenknochen standen ein wenig vor. — O, der gefiel ihr! Und wie fest und warm seine Hand war!
„Und hier ist mein kleiner Bruder“, sagte Saint-Georges.
Rasch hinübergehend, beugte sie sich zu ihm und fand ihn so rührend in seinem flammenden Rotwerden — das, da er keine Hand bewegen konnte, alles sagen und geben mußte —, daß sie ihn auf die Stirn küßte, worauf er ganz erschreckt „O danke!“ sagte.
Der Schreibtisch war nichts als eine lange fichtene Platte auf Böcken voller Papiere und Bücher. Daneben war noch eine braune Tür, und in der Ecke dahinter stand ein altes, rotes Plüschsofa vor einem ovalen Tisch und ähnlichen Sesseln; aber ein sehr schöner türkischer Schal, ein Longschal mit schwarzer Mitte, ein Erbstück, hing über dem Tisch.
Sie sei eben recht gekommen, um zu helfen, sagte Saint-Georges zu Renate, nachdem sie abgelegt hatte und im Sofa saß, die Cornelia im Stuhl neben sich, während Sigurd Birnbaum sich an dem Bücherstreifen neben dem Schreibtisch zu schaffen machte. — Ja, Fräulein Ring suche eine Anstellung, erklärte Saint-Georges, vor den Beiden stehend, weiter, aber bisher habe selbst Sigurd nichts gefunden. Sigurd nämlich wisse Rat für alles. — Sigurd hingegen verfinsterte sich und murmelte wegwerfend nach den Fenstern zu, er wisse gar nichts. Gar nichts!
„Sie tun immer so,“ grollte er, „als ob Gottweißwas an mir wäre, und dabei bin ich — bin ich —“ Er schloß, augenscheinlich keinen Grad der Niedrigkeit findend, mit einer verächtlichen Handbewegung und stellte sich an die Bücherwand, trotzig.
„Wie man alten Schweinslederbänden neuen Glanz verleiht,“ sagte Saint-Georges lächelnd, „wie und wo man einen vor fünf Jahren in einer völlig vergessenen Zeitschrift gelesenen Aufsatz über den Anteil des rumänischen Bauern an der Weltwirtschaft wiederfindet, — wie man für einen aus Sibirien entsprungenen politischen Verbrecher Geld, Pässe und Gönner in Amerika findet — — und so weiter, nicht wahr, Sigurd?“
Der mußte wider Willen lachen, gebärdete sich aber ergrimmt.
„Und Sie suchen eine Anstellung?“ fragte Renate Cornelia. „Ja, was können Sie denn Gutes?“
„Gar nichts!“ lachte sie munter, „das ists ja eben. Alles, was ich gelernt habe, war Singen — bis mein letzter Lehrer mir die Stimme verdarb. Und da —“ sie verstummte.
— kam Josef, ergänzte Renate im stillen, indem sie „Wie traurig!“ sagte. Wie gut, dachte sie, könnte sie zu uns ins Haus kommen und mir helfen, allein — das würde sie selber nicht wollen, das selbe Haus in Josefs Abwesenheit betreten, das ihr, als er da war, nicht offen stand. Aber, als habe etwas aus diesen Gedanken den Weg zu Cornelia gefunden, sagte sie jetzt mit scherzender Betrübtheit: dann könnte sie ja Köchin werden ...
„Die Kochkunst“, sagte Saint-Georges, „darf niemand verachten. Wo haben Sie gelernt?“
„In Budapest.“
„Glänzend! Die besten Mehlspeisen in Böhmen, die besten Fleischgerichte in Ungarn. Wer mit Liebe und Ehrfurcht kocht, erhebt diese Verrichtung zu einer wahren Kunst, wie auch alle anderen nur dadurch zu einer werden.“
„Aber für wen kocht man mit Liebe?“ meinte sie kläglich.
Sigurd bemerkte schlechtweg:
„Für Bogner, nicht wahr? Der sucht doch eine Haushälterin.“
„Ich habe doch gesagt, Sigurd, du würdest es wissen. Bogner —“ wandte er sich an Renate, die eben dabei war, sich hastig den Kopf zu zerbrechen mit der Frage, ob sie wohl auch mit Andacht und Liebe für ihn kochen könnte, — „Bogner hat ein einsames Haus an einem unbekannten Waldrand gemietet und sucht eine Vertrauensperson, die ihn pflegt, denn die es zuletzt tat, ist vor kurzem selig geworden. Abgemacht, Verehrteste, Sie gehen zu Bogner. Sie wissen doch, wer das ist?“
„O — ob ich will?“ sagte sie aufstehend heiß und wie es schien ergriffen. „Ja — o ich kenne ihn! Aber — glauben Sie denn, daß er will?“
„Welche Frage! Wenn ich Sie bringe. Er hat mich doch beauftragt.“
„Dann ists gut“, sagte sie fromm und bereit, nahm ein Paar langer Schwedenhandschuhe von der Tischdecke und streckte Renate die Hand hin, sich entschuldigend, daß sie gestört habe. Renate, innerlich schwach, äußerlich mit Nachdruck „Auf Wiedersehn!“ wünschend, bedauerte sehr, daß sie ging. Wie leicht ihr Gang war! —
Saint-Georges, der sie hinausgeleitete, blieb eine Weile aus; so benutzte sie die Gelegenheit, gleich auf ihren Quartettenplan zu stoßen und Sigurd zu fragen, ob er in ihr Haus zum Spielen kommen wollte. Allein Sigurd lehnte völlig ab. Das sei ganz ausgeschlossen, denn er könne nicht das geringste. Er sei ein Stümper, behauptete er, den Kopf gesenkt, mit den Füßen bemüht, den umgeschlagenen Rand eines grauen Läufers mit roter Kante zu glätten, der seiner Länge nach am Boden durch das Zimmer gespannt war.
Ablenkend fragte Renate zu dem Gelähmten hinüber, sein Bruder laufe beim Arbeiten wohl fleißig auf und ab, daß er diesen Läufer hergelegt habe? — Der Gelähmte lachte nur heiser zur Antwort, Sigurd aber bemerkte lächelnd, der Läufer sei doch seine Erfindung! Der Fußboden wäre ganz weiß abgelaufen darunter.
„Sie studieren Medizin?“
„Ja — leider“, erwiderte er mit tiefem Ernst.
„Warum sagen Sie leider?“
Ganz düster versetzte er: „Weil mir als Juden doch die besten Wege verlegt sind. Ich meine natürlich nicht,“ fuhr er hochmütig fort, „daß ich nicht ordentlicher Professor werden kann, sondern daß mir die technischen Hülfsmittel verschlossen bleiben, die mit solchen Stellen verbunden sind. Und ich bin solch ein kraftloser Mensch ...“
Renate, ganz unwirsch von soviel Erniedrigung, war froh, Saint-Georges wieder im Zimmer zu sehen, der lächelnd dastand, gegen Sigurd blickend, die Finger in den Westentaschen. Ernst werdend, sagte er dann zu Renate:
„Wir kamen früher schon überein, Sigurd und ich, daß alle Juden sollten umgebracht werden.“ Und schon rief Sigurd erzürnt:
„Sogar die Russen sind vornehmer, tun wenigstens wie Herren, behandeln den Juden als Sklaven und schlagen ihn tot zum Zeitvertreib. Dies aber, dies ist das Verruchte, dies Geltenlassen und Verachten, daß wir herumgehen wie in einem Labyrinth schmaler Mauergänge, abgeschlossen, aber nicht ausgeschlossen, beklebt von oben bis unten mit Erlaubnissen und Verboten, und die Türen stehen uns alle offen, aber kein einziges Herz.“
Renate hatte sich auf das Sofa gesetzt, aber er vermied ihren Blick.
„Ja, Saint-Georges, was ist da zu sagen?“ fragte sie.
„Ich,“ brach Sigurd los, nicht ohne Pathos: „ich will nichts sagen, ich will was leisten, mich einsetzen, dazu ist mein Volk das nächste; ich will kämpfen und mich ereifern, solange ich jung bin. Ich kann nicht die Achseln zucken und mein Schicksal anerkennen, kann auch nicht jüdische Witze reißen in christlicher Gesellschaft. Sie, gnädiges Fräulein, kommen doch aus einem Pfarrhaus, und da können Sie mir vielleicht sagen, ob Ihr Christus, den ich gewiß so gut zu lieben verstehe wie Sie, ob er die Silbe anti gekannt hat? Und wenn er sie gekannt hat, ob nicht etwa sein ganzes Leben und Sterben darin bestanden hat, sie auszurotten? Sie haben doch recht behalten, die unten standen und schrien: Dein Blut komme über uns!“
„Sein Blut doch nicht“, sagte Renate begütigend und mit innerem Lächeln, denn von seiner grad eben betonten Kraftlosigkeit schien in diesem Augenblicke keine Spur vorhanden.
Verächtlich erwiderte er: „Freilich, er hat ja vergeben — was das schon hilft!“ und setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand.
Jetzt sah Renate, da er den linken Arm auf die Tischplatte legte, diese große, prachtvolle Hand, die wie ein sicherer Bergsteiger vom Halse des Cellos zur Brust nieder und wieder aufwärts klettern mußte, und sie winkte Saint-Georges mit den Augen zu ihr hin. Der sah sie an und sagte langsam:
„Ja, das ist Gideons Hand, die Hand der Makkabäer, Salomos Hand war nicht anders, sie weiß noch von davidischen Harfengriffen, und es ist eines Fischers Haus, und Saulus erhob sie bei Damaskus. Es ist eine gute Hand, und warum sollte Christus eine andere gehabt haben?“
Sigurd errötete und schnob grimmig, die wären Alle hin, und Christus am längsten tot. Taten müßten geschehen, hätte er in einem neuen Buche gelesen, und er zog ein Zeitungsblatt aus seinen mit Broschüren vollgepfropften Taschen, warf es auf den Tisch und sagte:
„Da hat wieder einer eine Umfrage losgelassen, woher es denn nun eigentlich käme, daß kein Mensch uns leiden könnte, und er faßt alles über uns gut und glatt und schonungslos zusammen, ich könnts nicht besser, und meint ihr, wir wüßten selber nicht, wo’s uns fehlt? Und das natürlich steht auch drin, daß, wo ein Arier gemein handelt, er, wo ein Jude gemein handelt, die ganze Rasse verdorben und schuld dran ist. Gott im Himmel, was haben wir denn gegen euch, warum streuen wir denn Gift aus, wie kommen wir denn dazu, will denn nicht jeder am liebsten in Frieden leben, wenn man ihn nur läßt? Wir sind doch nur da und wollen leben, nur die schmählichste Achtung haben, warum muß denn immer auf uns herumgetreten werden, seid ihr denn besser? Freilich, ohne Sklaven gings nirgends, der Amerikaner hat noch immer seinen Neger, und ihr habt euren Juden.“
Er sprang auf und stellte sich an seinen Bücherstreif, um daran zu zerren. Das Buch, das er in die Hand bekam, schlug er auf, blätterte, schlugs wieder zu und bohrte es vorsichtig, die unteren Ecken voran, hinein. Überdem klopfte es.
Renate hatte bereits vor Sekunden die Flurglocke gehört und wunderte sich, wer nun erscheinen würde. Was hereinkam, war eine liebliche kleine Chinesin — Renate hätte es auf den ersten Blick geschworen — in einem schwarzweiß gestreiften Kleide von leichter Halbseide, einen großen, flachen, schwarzen Strohhut in der Hand. Ja — ganz eiförmig war das kleine, dunkelhäutige Gesicht; die nach hinten gekämmten, glattschwarzen, glänzenden Haare waren zu einem kunstvollen, chinesischen Bau getürmt, in dem etwas Silbernes steckte; ganz klein und lackrot war der Mund; die Augen, geschlitzt, funkelten schwarzbraun im Lächeln, wie sie knickste und vorwärts getrippelt kam und, wieder lächelnd, stehen blieb. Und doch lag wieder ein deutlicher Hauch von Europa über dem Ganzen, der das Befremdliche lieblich vertuschte und versüßte. — Richtig: das waren die Brauen; sie schienen, so dünn und fein sie gezogen waren, doch nicht chinesisch geführt.
„Sieh da, Esther!“ sagte Saint-Georges und zu Renate: „Das ist Sigurds kleine Schwester.“
Esther sah ein wenig schüchtern aus glitzernden Augen zu Renates Größe auf, während sie ihr die Hand gab.
„Ach, entschuldigen Sie nur,“ sagte sie ganz deutsch, „ich wollte nur — ich dachte, du kämest mit spazieren. Bitte, entschuldigen Sie vielmals.“
Sigurd, noch mit dem Hineinstecken seines Buches beschäftigt, nickte und murmelte, er komme.
„Du wirst doch noch mal Bibliothekar, Sigurd!“ sagte sie träumerisch und lachte. — Saint-Georges, während Renate lächelnd bekräftigte, das wäre ja ein Ausweg, meinte auch: gewiß, in eine Bibliothek vergraben brauchte er sich um nichts zu bekümmern.
„Und nun macht, daß ihr fortkommt! Jetzt müssen wir arbeiten!“ rief er.
Esther knickste gleich und ging zur Tür. Renate konnte es nicht lassen, zu Sigurd, als er ihr die Hand gab, bittend zu sagen, er werde doch einmal kommen, versuchsweise, — und nun versicherte er errötend und bereitwillig, ja, sehr gern, außerordentlich gern. Dann waren sie Beide draußen.
„Nein, woher kommt dieser Tapfere?“ fragte Renate gleich. „Und diese Chinesin? Ach, die ist ja zu reizend! Georges, die müssen Sie mir bringen.“
„Zuerst“, sagte Saint-Georges, „muß ich um Entschuldigung bitten wegen der Besucher. Allerdings kam nur Cornelia unerwartet; Sigurd ließ ich selber holen, einesteils damit er helfe, andernteils weil er Ihnen auf diese Weise am einfachsten gegenübergestellt wurde, denn in Ihr Haus hätte ich ihn schwerlich bekommen. Wie gefällt er Ihnen?“
„Sehr gut, Georges! Aber wie ist er sonderbar! Und von Ihrem Läufer sagte er, er hätte ihn hingelegt. Und warum holt er immer Bücher heraus und —“
„Das ist wieder ganz Sigurd“, lachte er. „Unseren alten Läufer, Jürgen,“ rief er zu seinem Bruder hinüber, „den schon mein Vater abzulaufen angefangen hat, den hat er hingelegt!“
„Ja, lügt er denn?“
„O niemals, Renate! Er ist nur immer gleich so bei jeder Sache, daß es ihm scheint, sie stamme von ihm her. Er ist ganz wundervoll. Wenn man ein Mensch ist, der Pläne hat, Aussichten in die Zukunft, kann man keine bessere Stütze finden als ihn. Was man ihm sagt — Dinge, die einem selber vielleicht noch unklar sind —, davon läßt er sich mit seinem guten Herzen und hellem Geist augenblicks dergestalt durchflammen, als wär es sein Eigentum, als habe er nichts getan, als eben diese Sache von Grund aus zu treiben, und kommt man drei Tage später und sagt: Sigurd, das war alles Unsinn, was ich neulich geredet habe, die Sache sieht vielmehr so aus, dann ist er wieder völlig derselben Meinung, gänzlich als habe er das erstemal keine andere als die zweite Meinung verfochten. Ja, schlüpfrig ist er schon, fassen läßt er sich nirgend, aber welches Juwel! Sein ganzes Dasein scheint nur darauf gestellt, Andern zu helfen. — Ja, was ist denn?“ brach er ab, trat ans Fenster und öffnete, indem er sagte: „Es hat gepfiffen.“
Sich hinauslehnend, bemerkte er zurück: „Es ist Esther!“ Renate hörte ihn dann nach draußen sprechen und lachen, ohne die Worte zu verstehen. Dann schloß er das Fenster wieder, lächelte hocherfreut und sagte:
„Da haben wir ihn wieder. Esther sagt: vor ihrer Haustür — sie wohnen gleich hinter der Ecke — habe Sigurd erklärt, er hätte noch eine Postkarte zu schreiben. Sie habe dann gewartet, er aber kam nicht, und wie sie endlich zu ihm ins Zimmer geht, sitzt er und liest, und dann schmollt er und behauptet, wir hätten Alle gesagt, er wäre ein Trottel.“
„Was?“
„Nämlich, weil wir gesagt haben, er müßte Bibliothekar werden, denn alle Bibliothekare wären Trottel und ergo — — ja, das ist Sigurd! Ein eirundes Kind mit einem Goldfasan innen!“
„Ich glaube, Georges, zum Arbeiten kommen wir heut doch nicht. Da erzählen Sie lieber noch von ihm!“
„Ja, beim erstenmal pflegt das so zu sein“, meinte Saint-Georges gelassen und setzte sich vor den Schreibtisch, Renate zugewandt.
„Er ist Balte,“ begann er dann, „sein Vater ist tot, von seiner Mutter läßt sich seit langen Jahren nur sagen, daß sie ‚noch lebt‘. In ihrer Jugend hat sie einen jungen Menschen geliebt, den sie wegen beiderseitiger Armut nicht heiraten konnte. Dann besorgte sie ein paar Jahre einem alten und sehr reichen, verwitweten Verwandten das Haus, bis er starb, beerbte ihn und heiratete nun ihren Jugendgeliebten. Der Vater war nach Sigurds Beschreibung der edelste, wahrhaftigste Mensch, aber er verstand nichts vom Gelde, machte Konkurs und schoß sich leider tot. Seitdem ist die Mutter so wunderlich. Aus der Masse kam dann doch noch genug zum Vorschein, daß die Drei kümmerlich leben können, wenigstens bis Sigurd selber verdient.“
„Was mag aus ihm werden?“ fragte Renate nachdenklich.
„Ich hoffe, das, was er vor hat, ein Kinderarzt und ein guter. Er ist ein Mensch mit natürlicher Anlage, sich aufzuopfern. Sie haben wohl auch seine Sucht bemerkt, sich herabzusetzen.“
„Freilich! und er sagte, alle Wege wären ihm verschlossen.“ Saint-Georges lachte herzlich. „Wegen seines Judentums, nicht wahr? — Aber das ist seine Jünglingsmelancholie, die sich bei Andern in Weltschmerz oder in Weltwonne zu äußern pflegt, bei ihm in Selbstverachtung. Seine Tüchtigkeit, sein praktischer Blick, seine Arbeitskraft stehen außer Frage, und den Ausnahmen im Lande, wie er eine ist, haben noch immer alle Wege offen gestanden, außer dem in den Staatsdienst, den er sicher nicht gehen wird, — um so besser. Sein Kopf ist ebenso greisenalt wie sein Gemüt knabenjung. Da sieht er aus wie ein verbannter Erzengel und kommt sich vermutlich so abstoßend vor wie Beelzebub. Wer ihn drei Tage lang kennt, liebt ihn, er aber bejammert seine Unbrauchbarkeit und Niedrigkeit. Eher erschrecken könnte man schon, wenn er schwört — in seinen trübsten Stunden tut ers —, er würde irrsinnig, weil seine Mutter — und so weiter. Nun, man muß ihn reden lassen und warten, daß er älter wird. Gott erhalte ihm nur den Knaben im Herzen. — Heute ist der Zionismus seine Leidenschaft, weniger aus Überzeugung, daß die Rückkehr nach Zion die einzige Rettung sei, als um seiner selbst willen: um was tun zu können.“
Renate schwieg in Gedanken, hörte ihn nach einer Weile fragen, ob es ihr recht wäre, anzufangen, nickte und hatte gleich darauf ein englisches Buch in der Hand, während sie Saint-Georges drüben am Schreibtisch sich zurechtsetzen sah, um seine Notizen zu machen.
Balto-Borussia
Georg, nicht unfroh unterm Absingen des schönen Liedes von der ‚aura academia‘, saß auf der Gartenterrasse des Baltenpreußenhauses bei seinem Pflichtbesuch.
Die vielen Verse des Liedes ließen ihm Muße, umher- und alles anzusehn. Es dämmerte bereits; zum Erstaunen geschmackvolle, schön geformte und zartfarbene Japanlampions schwebten in der dunklen Luft. Grüne Gärten in allen Tiefen schauerten angenehm im Sommeratem, wenn es still war in den Pausen des Gesangs; dahinter waren die roten, festungsartigen Mauern der Papierfabrik dunkel zu gewahren. Georgs Blick kehrte zurück und schweifte über die kleine Tafel mit ihren Gästen in kornblumenblauen Alltagszerevisen von Mützenstoff und Pekeschen, deren Blau infolge der Größe heller schien als das der Mützen, indem er bedachte: wie nett, daß es so Wenige sind, und die Wenigen obendrein so nett, wie es scheint. Besonders sein Gegenüber war ihm herzerfreuend, wie er dasaß, gut mittelgroß, eingepreßt den rundlichen Leib in die zartgrüne Einjährigenuniform der schweren Jäger mit hohem und engem, grünem Kragen, voll- und rotbäckig, die linke Wange leider von Narben zerfetzt, freundlich umherglänzenden Auges hinterm ungerandeten Kneifer, die Stirn mächtig gewölbt und gebuckelt unterm geschorenen Schädel, — im ganzen nicht nur älter und gesetzter, sondern durchaus anders scheinend als die Übrigen, fast fremdartig, aber nicht ohne Behagen in sich selbst beschlossen und für sich allein bei aller Teilnahme. Beim Vorstellen hatte er nur „Schwalbe“ gesagt, doch gehörte er vermutlich zu den kurländischen Freiherren, die mit den Keyserlings verwandt waren, von denen wieder Georgs Fuchsmajor bei den Schwaben und — vor allem — der Dichter abstammte; ein tröstlicher Gedanke. Der Präses neben Georg, zufällig auch Korpssenior, Graf Ellerau, sah in seiner gewaltigen Größe und Breite, dunkelhaarig und kleinäugig, gutmütig und ein wenig schläfrig aus, dagegen unten am Fuchsmajorat der kleine, kaffeebraune portugiesische Marquis, der aufs Haar einem seltenen Azteken glich, mißfiel Georg. Beim Vorstellen hatte er bloß gegurgelt. Was kann er den Füchsen beibringen, wenn er kein Deutsch redet? Ja, etwas schien er ihnen beizubringen: er schenkte ihnen Allasch aus einer Kruke in jedes Bierglas, — was doch wohl nur dazu dienen konnte, daß sie sich übten, bei früher Betrunkenheit sich lieblich aufzuführen, — eine wahre Hundsfötterei. — Reizend, was so die Ausländer bei uns lernen! — Georg bedauerte die drei Füchse, besonders die übermäßig langen und dünnen Zwillinge Rotenhahn — seltsam vergoldet von literarischen Erinnerungen — mit ununterscheidbaren, eben handgroßen, blassen Gesichtern, über denen die kleinen, blauen Mützendeckel schwebten. Der dritte Fuchs war belanglos, klein und schwärzlich. — Unangenehm waren die Gläser, aus denen ein scheußliches dünnes Biergemisch getrunken wurde, weil wenig über faustgroß: Georg, an seinen Münchener Maßkrug gewöhnt, glaubte mindestens schon zehn verschluckt zu haben in kaum mehr Minuten, allein, wie er bemerkte, war es Sitte, überhaupt nur Ganze zu trinken ...
Indem hob Georgs Nachbar zur Rechten, der Nordeck hieß und bei erstaunlich langer Nase und blassen, ein wenig idiotenhaften Zügen, blondes, zierlich gekräuseltes Haar trug, sein Glas und trank Georg zu, der, mitkommend, das seine gegen jenen, merkwürdigerweise pockennarbigen, finster und vereinsamt wie ein Anarchist aussehenden Grafen Tastozzi schwang: „Übers Kreuz vor, Graf, mit Ihrer Erlaubnis!“ Der errötete heftig, ergriff tastend sein Glas und trank mit. — Der Diener kam, beide Hände voll gefüllter Gläser, und Georg bemerkte, daß er jedem immer gleich mehrere hinsetzte, praktisch unleugbar — für ihn, weniger für das ohnehin schale Bier; jedoch gehörte vielleicht auch dies zur Erziehung.
Ja, wenn nicht das Trinken wäre, seufzte Georg, könnte es ja reizend sein. Ich bin doch überrascht ...
Der Präsidenspeer knallte auf der Tischplatte. „Schönes Lied ist aus, ein Schmollis den Sängern! Prost Markwis!“ rief der Senior stehend, schüttete den Inhalt seines Glases hinunter und setzte sich. Georg beugte sich zu dem Freiherrn gegenüber: ob er nicht Balte sei ...
„Ich bin Balte“, wiederholte der, schnell und fest, bereitwillig sich zusammenraffend und die Arme auf den Tisch legend. „Nein, danke,“ wehrte er Georgs Zigarettendose ab, „ich rauche nur, wenn ich mich langweile.“ — Recht behaglich klang sein nicht allzubreites Ostpreußisch mit leicht zungengeschlagenem R-Laut. Er hatte die Gewohnheit, die Augen hinter dem Kneifer niederzuschlagen, sobald er sprach.
„Und sind mit den Keyserlings verwandt?“
„Ich bin mit Keyserlings verwandt, allerdings, aber mit welchen meinen Durchlaucht? Mit Ihrem Keyserling bin ich nicht verwandt“, betonte er lächelnd mit tippendem Zeigefinger.
„Ich dachte an den Dichter.“
„Mit dem Dichter bin ich verwandt, jawohl“, bekräftigte er, den Kopf vorwärts drückend, während Graf Ellerau ihm die Hand auf die Schulter legte und nicht unfreundlich sagte:
„Unser Schwalbe ist selbst Dichter. Er macht schöne Verse. Ja, wir sind solch ein Ästhetenklub. Die Zwillinge sollen auch dichten insgeheim; sie schwärmen für alle schönen Künste, besonders Malerei, glaub ich. Wie ists, Füchse, Erwin! Emil! Prost! Für welche Kunst schwärmt ihr grade?“
Die verdonnerten Fuxen griffen nach ihren Gläsern und schwiegen. Georg sagte, um die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, in das Gelächter der Andern:
„Das ist ja aber erstaunlich! Sie machen Verse — und Sie lesen sie womöglich?“
„Ab und zu“, gestand der Senior lächelnd ein. „Ein gutes Buch hin und wieder ist man doch schon seiner Gesundheit schuldig.“ Schwalbe ließ seine Augen standhaft und freundlich in Georgs. „Es zuckt mir manchmal geradezu in den Fingern nach Seitenblättern — wie’s einem im Herbst drin zuckt, wenn die Krickente streicht, nach dem Abzug.“
Der gekräuselte Nordeck, ein mächtiges, tiefes und hohles Gelächter herausschüttend, sagte breit altenrepenisch: „Ja, man bodet ja auch alle vierzehn Toge! Ihr Wohl, hohoho, Durchlaucht, ich gestatte mir.“
Georg trank. „Unser Keyserling“, wandte er sich dann wieder zu Schwalbe hinüber, „pflegte gern von zu Haus zu erzählen. Sagen Sie, ist das wahr: er behauptete, er hätte, bevor er zu uns kam, nie einen Buchenwald gesehen.“
„Ja!“ Schwalbe setzte sich wieder in Anteil und Bewegung, „das ist wahr. Als ich selber zuerst einen Buchenwald sah, dachte ich, ich käme in einen Palmenhain. Es jiebt ke—ine Buchen bäi uns.“
„Was dann? Fichten? Nadelholz?“
„Jawohl; Fichten. Vor allem aber — Birken. Und die Birken wachsen nicht wie hier, in Trupps und kaum mehr als armdick. Bei uns sind es janze Wäldchen, aber die Stämme stehen janz ver—e—inzelt, doch wie die E—ichen, und der Bo—den ist Wiese und daher janz mit Blumen bedäckt.“
„Ah!“ Georg sah lebhaft die einzelnen, weißen Säulenstämme mit grünem Laubgeschleier vorm Himmelsblau und unterhalb einen Teppich buntfarbener Anemonen. „Das muß ja beinah — arkadisch aussehen.“
„Stellen Sie sich Orkodien so vor, Durchlaucht?“ schüttelte der blonde Nordeck mit seinem unmäßigen Gelächter heraus. Der Tastozzi drüben lächelte gezwungen mit; Georg entschloß sich, ihm „definitiv“ zu kommen, was ihn wieder sehr zu erschrecken schien, und Georg gewann ihn fast gern dadurch.
Ach, deine Sicherheit! durchzuckte es ihn beim Trinken jählings. Er stellte mit innerlichem Achselzucken sein Glas hin. Ich bin, der ich je war, stellte er fest und biß die Zähne zusammen.
Da er nun den Präsiden mit dem Korpsdiener flüstern und die Worte „telephoniert haben“ sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen etwas vorgehe — womöglich die Alten Herren behelligt würden —, und Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs Erscheinen sei erst so spät gekommen, — da habe er sich bei dem ohnehin geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst kämen, noch telephonisch herbeizurufen —, worauf er, abbiegend, die Gelegenheit geschickt benutzte zu höflichem Keilen, indem er Aufklärungen gab über die hiesigen Korpsverhältnisse, die durchweg leider nur geringen Bestände an Aktiven, die Erwünschtheit des Zuwachses — wo dann eine kleine Schmeichelei über die Beziehungen zu den Münchener Schwaben seit altersher einlief —, ferner über die verhältnismäßig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen Großstadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles gelte und jedem bekannt sei, — was alles Georg mit schweigsam nickender und lächelnder Höflichkeit über sich ergehn ließ, am Ende einen Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehörten Namen Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehöre.
„Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel — Schley-Schleyenburg — ist ein bißchen sehr — jung; zu jung für manchen unter uns ... ich weiß nicht, wie Durchlaucht ...“
Georg äußerte, ihm wärs egal, wenn —
„Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht?“ lachte Nordeck an seiner Seite, sich vornüber kippend, „Ihr Wohl, Durchlaucht, ich gestatte mir!“ — Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur Rosegger, — aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die gesamte Fuchskorona von den Stühlen schnellte und ihr Major beinahe verständlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit — vier Ganze! — — „O, der Teufel hole eure Freiheit“, murmelte Georg, hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach und, was seit langem nötig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann stand er auf, um hinauszugehn.
Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flügeltür zugehend, gewahrte er draußen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel steckte; im übrigen war es blaß, die lange Nase verlief oben in die schräge zurückfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den nackten Schädel verging unter das spärliche blonde Haar; auch hier war ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. — Jetzt aber, der Türe näher kommend, sah Georg eine überlange Gestalt darin erscheinen und erkannte, freudig überrascht, an ihrem oberen Ende das schmale rechteckige und rötliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen Augen und die breit auf den breiten, von dünnen blonden Bartzipfeln chinesenhaft umrahmten Mund gedrückte Nase von ‚Novalis‘, altem Herrn seines Schülerlesevereins, — und sein Kinn fiel genau wie damals zurück. Georg streckte heiter die Hand aus:
„Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch nicht Baltenpreuße? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen gelesen. Sie haben doch nicht aufgehört? Und was macht Ihr Pollux oder Kastor, Ihr Freund — wie hieß er doch noch? Nun, das müssen Sie mir alles drinnen erzählen, ich bin eben auf dem Weg nach draußen, ja, vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...“
Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang, begnügte sich mit Verbeugungen und Händedruck. Da kam Georg, der weiter wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt über sehr breiten Schultern und — bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Füße unten — so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, daß er einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und überrannt zu werden. Doch fiel jetzt, einem großen Wassertropfen gleich, das Einglas herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:
„Schley.“
Georg schüttelte ihm die Hand und versicherte, entzückt zu sein. Der Freiherr fing an, überaus langsam und mit näselnder, nein nöliger Stimme zu sprechen:
„Durchlaucht — wollten wohl nach — draußen. Ich erlaube mir — mitzukommen.“
Also gingen sie zusammen.
Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg über seiner Verrichtung vor der marmornen Nische, aber Hardenberg — das war wirklich eine neue Freude. Dies Haus steckte ja voll Überraschungen. O, Hardenberg schrieb die entzückendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten Dinge verfocht. Ja — zudem war er allerdings homosexuell, allein er machte — wie es in der Schülersprache hieß — keinen Gebrauch davon, und angesichts seiner stillen Würde und unwandelbaren Vornehmheit hätte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges Freundschaftsverhältnis zu — — Georg konnte nicht auf den Namen kommen — etwas anderes als eben — Freundschaft zu argwöhnen. Wie sich die Kunde von seiner Anormalität verbreitet hatte, war unklar, doch die Tatsache stand fest.
Um etwas zu sagen, äußerte Georg beim gemeinsamen Händeabtrocknen zu Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam bejahte.
„Mein Vater allerdings“, fuhr er in seiner Nöligkeit fort, „war — Kölner. Aber ich bin ei’nlich ’n halber Franzose. Ich seh bloß nich so — aus.“ Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und ließ — plötzlich — das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder betraten, machte er sich erbötig, Georg das Haus zu zeigen, und so wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:
„Da liegt ja der ‚siebente Ring‘. Wem mag der denn gehören?“
Schley sah näher hin. „Das wird wohl meiner sein“, bemerkte er zögernd, nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten und erklärte, ja, es wäre seiner.
„Ich hab’n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut vergessen hatte. Meine Frau — ich bin drei Tage verheiratet — hat ’n mir grad erst geschenkt.“
„Haben Sie denn schon drin gelesen?“ fragte Georg neugierig.
„O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr — schwierig, aber wenn man sich ’n büschen Mühe giebt, dann — geht es. — George — — ja, das ist so ’n — großer Saturn möcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger Weltkörper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie,“ fuhr er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend, „wissen Sie, da is ein Gedicht in einem früheren Buch, das fängt an: ‚Die Herden trabten aus den Winterlagern ...‘ Kennen Sie das? — Ja, ich muß doch sa—gen,“ sprach er wieder langsamer, „wie ich das zuerst las — da sind mir die Tränen in die Augen getreten.“
Georg fühlte sich eigentümlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft und echt sprach.
„Ja, nicht wahr,“ erwiderte er eifrig dann, „so ists mir mit manchem Gedicht ergangen, und —“
„Und er hat so was Heiliges, muß ich sagen,“ hörte er die gar nicht mehr näselnde Stimme wieder, „so etwas Götternahes wie sonst nur Hölderlin. Das ist alles wie so große eherne Platten ...“
„Ja, eingegraben, nicht wahr? So unabänderlich und unerbittlich!“
Georg ärgerte sich, daß ihm Worte und Geist versagten, wandte sich und trat an das offene Fenster, das nicht eben hoch über der Straße lag.
Plötzlich gab es einen Stillstand in Georg.
Die Bogenlampe über dem Portal verbreitete ein stark flutendes rotes Licht. Jenseits von dessen Grenze lagen die Anlagen im Dunkel, wo wenige, grünlich weiße Laternen brannten. Eine Zeile von ihnen führte unterhalb des hochübertürmten Schattenrisses der Universität vorüber; eine andere zur Linken in die Ferne, unterm schwarzen Wall der Alleebäume. Das Pflaster war schwarz, naß beregnet. In ein und dem selben Augenblick spürte Georg einen sehnsuchterregenden Atemzug aus der Mainacht und hörte er eine Stimme in seinem Innern sagen:
‚Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren —
In Liebesqual — in leerem Zeitverprassen ...‘
O mein Himmel ja, ‚wer wüßte je das Leben ...? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?‘
Schley hinter ihm im Zimmer sagte etwas; Georg konnte sich nicht losmachen, blickend, ohne zu sehen, doch fing er willenlos an zu zählen, als die Uhr im Turme der Universität schlug, und zählte zehn Schläge. — Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren ... Nein, das ging ein wenig zu weit ... Freilich, was kam auch heraus bei solchen Gesprächen? Nun, wenns gut ging, eine angenehme Bekanntschaft — man mußte doch Menschen kennen lernen — eine Freundschaft womöglich. Schade, daß Schwalbe, als Soldat, selten zu haben sein würde ... Aber wenn ich öfter herkäme — Verkehrsgast würde ... Öfter herkäme ... öfter herkäme ...
Ja: meine Maske ... Deshalb kam ich ja. — Georg merkte den leisen Druck der Angst auf der Brust und fuhr auf. Mit heftigem Schnarchen warf ein gewaltig großes, offenes Automobil mit blendenden Scheinwerfern sich um die nahe Hausecke zur Linken und rauschte heran; etwas Kleines, Weißgekleidetes befand sich einsam im erhöhten Rücksitz, eine junge Dame, die, gegen den Fahrtwind geneigt, mit der einen Hand, erhobenen Armes, einen helmartigen kleinen Hut aus rosafarbenem Stroh auf den Kopf drückte, und im nächsten Augenblick hielt der Wagen dicht vor Georg. Aus einem kleinen, weißen, fast dreieckig geformten Antlitz richteten sich übergroße schwarze Augen auf ihn. Dann öffnete sie den Mund und sagte:
„Guten Abend. Ach bitte, ist mein Mann vielleicht hier? Baronin Schley.“
Baronin Schley? Georg staunte. „Aber gewiß, Baronin!“ rief er, „Augenblick!“ und zu Schley zurück: „Herr von Schley, freuen Sie sich, Ihre Gemahlin ...“
Schley kam ungläubig und mit Seelenruhe ans Fenster, hatte aber kaum einen Blick hinausgeworfen, als er nur: „Virgo?“ sagte und schnurstracks hinausging. — Virgo? dachte Georg. Mein Gott, das ist hinreißend! — Und ging flugs hinterher.
Durch das offene Haustor, die Stufen hinunterblickend, sah er sie im geöffneten Wagenschlag stehn, leicht mit dem einen Fuß hin und her schlenkernd — ganz rosenfarben war der von Strumpf und Seidenschuh — emsig auf ihren Mann herunter redend und lachend, und während Georg nun hinzuging, rief sie ihm entgegen:
„So, also Sie sind dieser Prinz, dessentwegen er mir durchgegangen ist! Was gehn dich wohl fremde Prinzen an, wenn du gerade geheiratet hast! — Er telephonierte, ein Prinz wäre da und er müßte hierher.“ Sie schöpfte Atem. Ihr Mund mit gesenkten Winkeln war ein entzückendes kleines rotes Dach. Die Nasenflügel blähten sich zitternd, und wie hoffärtig war die kleine Biegung der Spitze! Tiefe, bläulich schwarze Ränder unter den Lidern machten die Augen noch größer, als sie waren.
„Und da wollten Sie ihn wegholen?“ hatte Georg gefragt.
„Nein,“ sagte sie, „nun will ich hinein. Nun will ich die akademischen Sitten kennen lernen.“
Schley, während Georg nur „Ach weh!“ äußerte, meinte, zu ihr aufsehend, langsam und ruhig: „Ach, davon verstehst du ja — gar nichts“; worauf sie aus dem Wagen kletterte.
„Los!“ sagte sie, zwischen den Beiden stehend, „Ihren Arm, Durchlaucht! und deinen, Wolf!“ Sie warf auflachend den Kopf zurück und zog die Beiden wie ein Kind mit sich; und wie bei einem Kinde — Georg sahs, als sie vor den Haustorstufen den Kopf senkte — war unter der tiefen Krempe von zartem, rosigem Stroh — eine einzige goldene Rose saß daran — das Haar, braun, kurzgeschnitten, in lockeren Büscheln durcheinanderstehend.
Augenblicke später fuhr die freudig überraschte Korona auf der Terrasse von den Stühlen, wurde vorgestellt, der Senior legte seine Würde nieder und — die Fidelität eröffnend — die des Vorsitzes zur ersten Attischen in die Hände Georgs.
Ja, nun würde es köstlich werden ... Georg drückte sich mit Behagen gegen die hohe Rücklehne des Präsidenstuhls zurück, die Tafel hinunterschauend, die kleine Fremde zur Rechten, ihren Mann zur Linken und weiterhin all die erwartungsvollen, blitzenden Augen und roten, vergnügten Gesichter, Schwalbes feste, bereitwillige Freundlichkeit und des überragenden Hardenbergs Georg zugewandtes Lächeln, das merkwürdig menschlich an dem, wie ein Zaunpfahl ungefüge zurechtgeschnittenen Haupte angebracht war.
„Entschuldigen Sie, Baronin,“ sagte Georg, „nun giebts einen Knall!“ und sie fuhr zusammen, als das Schlägereisen über die Tischplatte prallte. Dann sagte Georg schnell ein paar verehrungsvolle Begrüßungsworte auf und befahl — ihr zumurmelnd: „als erste Vorführung“ — den Salamander.
„Ad exercitium salamandri! Salamander incipitur eins, zwei, drei, eins!“
Georg spähte, während hörbar ringsum aus den angesetzten Gläsern das Schlucken gluckste und sichtbar die gelbe Flüssigkeit abnahm, nach Virgo — denn so nannte er sie. Sie sah großäugig, den Mund halb offen vor Staunen, zu ihrem Mann auf.
„Zwei, drei. Eins — — zwei — — drei.“ Die Gläserböden rumorten auf dem Tisch. „Eins! — zwei! — drei!“ Der Aufschlag sämtlicher Gläser erdröhnte tadellos. „Füchse haben nachgeklappt, in die Kanne eins, eins, Blume melden! Salamander ex, silentium ex, colloquium!“ schnurrte Georg zu Ende und setzte sich, nicht ohne Stolz.
„Wolf, was für’n — Unsinn!“ sagte sie hörbar in das allgemeine Schweigen, worauf ein Gelächterhallo folgte. Drei, viere begannen auf sie einzureden, aber sie schnitt alles ohne weiteres ab und gebot spöttisch: „Na denn weiter! nächste Nummer!“
Georg schlug vor, ein Lied zu singen. „Von Scheffel,“ sagte sie, „die sollen ja so komisch sein,“ und da mehrere Stimmen den ‚Enderle‘ beantragten, befahl Georg diesen. Das Klavier ertönte, vier, fünf Hände reichten ihr Liederbuch der Kleinen, Füchse kamen viel zu spät, aufgeregt noch blätternd, zu dem selben Zwecke herangesegelt, Georg erhob sich, das Lied begann.
Leider verzog sie, wie Georg bemerkte, bei keinem der köstlichen Verse eine Miene; selbst das ‚Jetzt weicht, jetzt flieht, jetzt weicht, jetzt flieht, mit Zittern und Zähnegefletsch!‘ entlockte ihr kein Lächeln, und das Lied war aus.
„Aus“, sagte sie seufzend und sah umher. „War das komisch?“ Sie zog ein Gesicht, als argwöhnte sie, daß man sich über sie lustig machte. „Warum singt ihr dann nicht lieber von Christian Morgenstern etwas; darin ist doch wenigstens Sinn. Na, also dann weiter, was giebts noch zu sehen?“
Also wurde ihr der Trinkkomment vorgeführt. Ein Feuerwerk von Zuprosten nach allen Seiten sprühte. Vor-, mit-, nachkommen, übers Kreuz, unter demselben, definitiv, bis keiner mehr wußte, was er wem schuldig war, während die Füchse in die Kanne steigen mußten, daß sie verreckten, in den Verruf flogen und sich verzweifelt herauspaukten, der aus dem zweiten, der aus dem dritten, ein Tohuwabohu, in dem sie immer stiller und immer blasser und immer schmaler an ihrer Stuhllehne wurde, selten matt lächelnd, wenn jemand auf ihr Spezielles mit ausgeschlossener Löfflung trank, — als wovon ihr Georg erklärte, daß es keine Beleidigung sei, sondern eine Ehre.
„Nun ists genug,“ raffte sie sich endlich auf, „ihr werdet ja alle betrunken werden.“
Schley und Georg betrachteten sich sardonisch während des Höllengelächters der Übrigen, Beide augenscheinlich das gleiche Wort auf den Lippen, das sie verschwiegen. Georg selber keuchte einigermaßen vom quellenden Bier in seinem Innern.
„Ich hab mal“, hörte er sie erst nach einer Weile leise sagen, „was von Bier — Bierjungen — heißt es nicht so? gehört. Was ist denn das? Das ist noch nicht vorgekommen“, meinte sie mit mühsamer Heiterkeit. Georg seufzte.
„Also los, Baron, zanken wir uns. Ein Bierjunge“, erklärte er ihr, „ist ein Bierduell nach vorangegangener Beleidigung. Ich muß mich doch wundern, Baron, Sie nach kaum angefangener Ehe in solcher Gesellschaft zu sehn.“
„Das geht Sie ja gar nichts an, Durchlaucht.“
„Nichts angehen! Das ist Tusch!“ schrien ein paar Stimmen.
„Bierjunge!“ sagte Georg finster.
„Doppelt!“ erwiderte Schley, „das ist hier so üblich,“ setzte er hinzu, „entschuldigen Sie.“
„Dreifach!“ versetzte Georg. „Na, nun ists aber genug. Herr von Schwalbe, bitte wollen Sie Richter sein?“ Schwalbe erhob sich bereitwillig mit einem Ruck.
Da es nun eine Pause gab, bis Schwalbe, zwischen Georg und Schley sich setzend, die herangeschleiften sechs Gläser auf ihre genau gleichmäßige Füllung verglichen hatte, meldete der Fuchsmajor gurgelnd von unten einen Solokantus der Zwillinge, die sich wankend erhoben, dann mit ungeheurer Anstrengung steif dastanden, die Mützen abnahmen und sich langsam herdrehten. Ihre kleinen, todbleichen Gesichter mit schwimmenden Augen sahen so entsetzlich aus, daß Georg Virgo kaum anzublicken wagte. Sie sah vor sich nieder. Stumm standen die Zwillinge. Aus den Anderen scholl Gelächter, aber auch Widerspruch. Dann schrie Ellerau, breit dasitzend, grausam: „Also los, Füchse, wirds bald! Euren Kantus! Baronin wartet.“ Die schluckten. Hohl, um so hohler, weil ohne Klavierbegleitung, fingen sie an zu singen: