HELIANTH

Bilder
aus dem Leben
zweier Menschen von heute
und aus der norddeutschen Tiefebene
in neun Büchern dargestellt

von
Albrecht Schaeffer

Der drei Bände dritter

Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920

Siebentes Buch.
Hochsommertag
oder
Der große Mummenschanz

Dann der traum höchster stolz steigt empor

Er bezwingt kühn den gott der ihn kor

Bis ein ruf weit hinab uns verstößt

Uns so klein vor dem tod so entblößt.

Erstes Kapitel

Firmament

Unablässig funkelten die Gestirne.

Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf der niedern, steinernen Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte Wand des südöstlichen Himmels vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal weiter und so fort, — er mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich aufgestützt, so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann loderte über seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom, weißlich und nebelnd, ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter, alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend Formen, in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit Nacht, in reichen Trauben und Gewinden, in seltsamen Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsäglich ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. — Aber da war der Schattenumriß des Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal — wie ein Antlitz — das bleiche Weiß ...

Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen Posten, durch alle Räume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen. Nun schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle vielleicht, riesige, in denen gefangene Götter die Glieder bewegten, Göttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der Widder, großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig der Greif. Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit Lebensessenz, in der liebliche Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, — denn immer atmete es dort oben und lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch sanfte Welle von Lächeln über ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten wehend auf wie Felder von Fackeln.

Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche Gewimmel erst gleichförmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre, der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Völker an Seele mannigfalt, Alle nur einander ähnlich durch Liebe, durch Ruhe, durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und größeren Lampen, entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war nachtblaue Tiefe, farblos fast, bräunliches Dunkel, ewig beschattete Weltenräume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder und auf in einem gewaltigen Takt? — Nein, sie ruhten! Sie zogen wie lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen Flut, und sie lächelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und Wink im Vorübergleiten? — Da schienen scharenweise die flammenden Feuer zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber loderten sie höher empor — Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen —, das Firmament bewegte sich! Heere zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten, Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich überstiegen neue mit Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, — wie Heere der Erde in Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, — o es war Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des nächtlichen Daseins, Seligkeit im Übersteigen der Nachtgebirge, Seligkeit, zu strömen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen, Seligkeit, sich anzutönen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! — —

Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betäubte Stirn, glühend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum noch die Höhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel wankte, Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, entfesselt, schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die Wandung seines Daseins und zerstäubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus Unermeßlichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten über Welten einander nach, tönend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend und erlöschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die gewaltigen Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch die Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze, der Löwe hob die Pranke und brüllte goldenen Donner über die Eisfelder der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif, schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß die bis zum Ohr gezogene Sehne klang, stürmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die Sehne klirrte, der Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz, aufschreiend riß es die Augen auf und sah — den stilleren Himmel, sah still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, leise flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen, eine zitternde Welle von Innigkeit überlief sie, — sie schlossen sich lächelnd, sie öffneten sich wieder, und — ach, nun, nun quoll wieder aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. —

Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er glaubte, sie ganz eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, — ja, entströmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig aber funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein Gedicht und keine Musik tönte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit unmittelbar, mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus, die Sterne wußten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es unverhüllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und teilnahmsvoll in der Höhe, und Zuversicht strömte aus ihnen, ein milder Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, — da war sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt. Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit, nichts geschieht, nichts löst sich, bewegt sich und fällt, und nichts steht auf. — Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem Schicksal wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? Was geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu einem Blick oder ein Andrer? Deine Handlungen und deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie nicht an, sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl, und das Schauen genügt.

Sternwarte

Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte die Augen, wandte sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte, in den Becher und umfaßte ihn mit beiden Händen. O wie kühl, wie eisig kühl! — Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das süße und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft von Alter, von Würde, Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit einströmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat er an die Brüstung zurück und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde Nachtland. In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die Laubmassen der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten anderer Bäume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück der Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich das flache Land, die Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei rötliche Lichter. Die laue Nacht atmete kaum.

Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters in Georg. Ah, Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehört, klang wieder aus der Ferne, in die sie entströmt war. — Ja, — bei aller Weichheit seiner Musik, die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im Sehnsüchtigen größer als in der Vollendung — es war doch ein Gewebe von strahlender Großartigkeit geworden, in dem — so fern jedes rationale Vortäuschen von Wirklichem blieb — doch der Geist der Ebene so mächtig hauchte wie der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der Gedanke: Ebene — sie wohl sichtbar werden ließ, sie, breiten Abfluß des sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend in Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den väterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, als Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Süße lieber ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, — zu welch erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, wie zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hörerschaft im Rücken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um, unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde Beruhigung in kaum erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten Übergängen; sichtbar magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme, der gebieterisch gewordenen Hände, sich zusammen — und alles an sich reißend nur an den gewitternden Stellen, — solch ein Befehlshaber war aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend umwölkte. — Ja, Benno, du hast das Ziel erreicht, dachte Georg glücklich und schwer, — weißt du, ich könnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ...

Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor leibhafter Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde zu und wandte sich um.

Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend weißlich und rot über der Stadt. Die Schattenrisse der Türme von der Universität standen drüben; nahe dahinter eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die weißrötlich wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an den Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, dunkel befenstert. — Stumm erstreckten sich die finstern Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz vorn, im Dämmer des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es rauschte auf, — und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl aus der Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein stampfend aufgesetzter Huf und ganz leise das Husten eines Pferdes. Ach, da unten stand der gute alte Unkas in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, dürftig, ein gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte, nichts wußte ... Georg, lächelnd erst, wurde ernst. Ein Tier, das fromm war, frommer vielleicht als er hier oben in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende, Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, viel wissend, alles nennend, immer irrend, immer nur für Augenblicke sich erhebend und schon wieder gesenkten Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen, wandernden Füße. Sondern dies Pferd war fromm in unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht, klagte nie, sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen Schritt hatte es allein gemacht, mit eignem Willen, — Georg stockte und erinnerte sich dunkel: ja, auch damals, wann war es noch? In Helenenruh, ich stand im Hof, Unkas schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu verstehen, und tastend stieg er davon, — ja, damals auch ging er blindlings dahin das kurze Stück von meinem haltenden, winkenden Auge zum Stall, angelockt und gelenkt vom duftenden Heu und dem eigenen Mist. Immer war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille über ihm, und er folgte gern, — er — der nicht einmal ein Er war, nicht männlich, nichts Eigenes mehr, sondern ein menschliches Gemächt, ein Enterbter, ein verschnittener Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in Zeugungslosigkeit gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in der Schöpfung, — o der war fromm ... Ja, so Gott will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen sich ergänzen, wo alles heil wird, wo du auch nicht froh wärst ohne meine Nähe, — dort wirst auch du dein Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst, selig wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ...

Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den Becher und leerte ihn langsam in die Tiefe aus; Blätter klatschten getroffen und rauschten leise, sonderbar war das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen Tiefe. — Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ... Weiterhin versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl auch. Er stellte den Becher wieder auf den Tisch, rückte den Sessel der Weite des Himmels gegenüber und setzte sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah er die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern und schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er, morgen ... und prallte von unvorstellbaren Bildern und am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste seines Krönungstages sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten Saal des Landtages, hörte die Eidesformel verlesen und sah den Vorbeizug der bärtigen Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen, unterschiedlichen Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und kräftigen Hände verspürend.

Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, kam ihm jetzt die Frage, woran nur dies unablässige Auffunkeln, heller und schwächer Brennen, Wogen und Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre, und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen nieder. Wie dort das Gewoge der Halme —, nein, nicht das! Das Glitzern und Brennen der Sonnenstrahlen —, auch nicht! — Ah, das Gezirp der Grillen war es, das wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer, entfernte sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, ja, Helenenruh, sang es beseligt in Georg, das war Vater und Mutter und Kindheit, das war ja wie Ewigkeit so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien und Faulheit, Reiten und Schwimmen, die blaue See und die Wiesen, die ewigen Wiesen. Er wünschte, mehr aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis zu irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon erwachsen war. Ja, in dem Sommer nach dem Examen, da war es wohl am schönsten; niemals wieder waren die Tage so lang, jedoch — das Ende war seltsam. — Mit meinem Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich wars ein langweiliger Tag, so viele Gäste, Fremde, nur Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf einmal sah er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter war, ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und Magda, — Georg seufzte, — Anna nannte ich sie damals und liebte sie sehr ... Richtig, das war der sonderbare Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach, und — ja, da begann ja auch alles eigentlich! — Das Gesicht seines Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt in die Luft, — jede Falte, der Mund und die Augen vor allem. Georg konnte sich nicht auf ein einziges Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, werde ich noch in meiner Todesstunde unverblichen und unverändert sehn, wie es damals war. Ja, damals muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben ... Da erschien, blaß und verwischt wie ein halber Mond am Nachmittag, Sigunes Gesicht, ein Seufzer, der durch Georgs Brust hinzog und sie hob und verhauchte. O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren! Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand — oder habe ich das nur geträumt? — Georg besann sich, aber er schien ihn doch wirklich gesehn zu haben, als er kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, — richtig, fiel es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, sie war schon fort, — seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn, und später sagte er, ob ich nicht auch gefunden habe, wie sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich konnte es eigentlich nicht finden, ihn täuschte wohl das kurzgeschnittene Haar, und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer gesehn, — allerdings — in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre ist die Biegung unsichtbar ...

Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich und fast erschreckend menschlich, Füße, Schultern, Haupt, Gürtel und sogar das Schwert, inmitten des Schwarmes ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis sich hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte sich empor und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; schwebte er wirklich? Plötzlich stand er selber als Orion am Himmel, unter sich Nacht und Tiefe; eine fahle, zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd und fuhr mit einem Ruck in seinen Körper und den Sessel.

Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum! — Wie still es doch ist! — In diesem Augenblick aber rasselte es in der Luft, ein heller Schlag durchdröhnte das Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß sich los, es rasselte wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst dreiviertel eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit hier oben! — Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte keine andre Stunde im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich das Uhrglas glänzte und die Zahlen so verändert in der Dämmerung! — Und warum habe ich es denn nicht viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein an zu wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig ein leises Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen. Wie still es nur ist! — Und doch — es ist ja, — als wäre ich nicht mehr allein! Unsinn! — Er setzte sich tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn spielend wieder ins Morgen hinüber, Renate erschien, — wie würde sie nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie ja Wochen nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich habe doch immer nur sie geliebt, dachte er schwermütig, warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, — nun das kann freilich kaum gelten, aber Esther, — ach Cordelia, du warst doch unsagbar lieblich und süß! — Einmal dachte ich sogar, Virgo zu lieben, aber das war denn doch ein Irrtum, weil ich krank war und ich sie Esther ähnlich fand, aber — ja, von Renate hielt sie mich doch ein Weilchen fern ...

Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er plötzlich. Seine Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll denn sein, dachte er ärgerlich, wenn was da ist, solls kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die Kanne hin und lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg, es wurde kühler. Wieder zwang er seine Gedanken, aber sie gehorchten schlecht und nur begrifflich, so daß er dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst seit drei Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. Da erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas in der Kantstraße. Ja, dieses Sofa! Darauf verbrachte ich die halbe Zeit des Winters, o es war ja grauenhaft! Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und schließlich verschwand in der immer tieferen Dämmerung, auch die Tür und alles, und von draußen kam das Laternenlicht über den Hof herein und malte die Schatten der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und auf den Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte nicht, mein Kopf glühte, ich konnte kaum noch liegen. Dieser Winter war das Verruchteste in meinem Leben. Und der in München war nicht besser! Ach, und vor allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese niemals weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich noch immer nicht gänzlich —, jedenfalls — wäre nicht Vater ...

Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah mit flimmernden Augen im grauen Dämmerlicht der Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn, am Treppenschacht ... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, es war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und griff jetzt höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte:

„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche Hoheit, wegen meines Eindringens, — übrigens, erkennen Sie mich nicht?“

Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung das bleiche, sonderbar starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... „Herr von Montfort?“ sagte er zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: „Aber natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?“

Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab Montfort die Hand, der seltsam lächelte mit seiner einen Gesichtshälfte.

„Ich klopfte unten,“ sagte er mit Heiterkeit, „bekam keine Antwort und trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von erhabenen Dingen zu reden. Ja, — ich kam so vorbei ... Die Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie, wir wollen die Sterne betrachten!“ Georg fühlte sich leicht am Arm ergriffen und folgte an die Brüstung.

„Ach, da steht ja auch Wein!“ bemerkte Josef, „oh, erlauben Sie mir einen kleinen Schluck?“

Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit, um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und streckte die Hand aus.

„Geben Sie mir auch“, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:

„Der Mensch und die Sterne — das heiße ich den Gipfelpunkt des Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, — ah, nicht wahr, Sie bejahen das Leben?“ Er lachte leise.

„Sie sagen das so sardonisch“, lächelte Georg.

„Mich,“ versetzte Josef, „mich lächert es immer, wenn ich so in den Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe, und essen, was sich essen läßt, aber — er verneint das Essen, er schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung, zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum — die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?“

Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger Ergriffenheit über sich die kostbare, tönende Stimme in der Nachtluft:

„Siehe, dies — Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung — Fremd hingegeben, in dem Übermaß — Von Fernen sich ergeben, fort von uns. — Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht — Wie der Geliebten Aufblick, schlägt sich auf — Uns gegenüber und zerstreut vielleicht — An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert.

„Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, — Daß nach uns her der Sternenhimmel nachgiebt — Und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal. — Umsonst. Denn wer gewahrts?

„Und wo es einer — Gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum — Die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? — Wer hat dies nicht verleugnet? Wer hat nicht — In dieses eingeborne Element — Gefälschte, schlechte, nachgemachte Nächte — Hereingeschleppt und sich daran begnügt?“

Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg der dunkle Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen erschüttert, stammelte: „Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!“

Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, während Georg mit verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah:

„Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, — Denn Götter locken nicht. Sie haben Dasein — Und nichts als Dasein, Überfluß von Dasein, — Doch nicht Geruch, nicht Wink. — Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund. — Schön wie ein Schwan — — Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche — So zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ...“

Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht. Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Tränen. Siehe, da stand Montfort groß und schwarz vor den beweglichen, schlagenden, strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als ob er sänge:

„Nur der Gott! — — Wie eine Säule läßt der Gott vorbei, verteilend, — Hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten — — Die leichte Wölbung seines Gleichmuts ...“

Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, schloß die Augen. Wie war es? wie hieß es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, fühlte er sich in ein grundlos Weiches mit unsäglicher Wollust einsinken, hörte aber jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke Schläge gegen eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf. Niemand war bei ihm.

Was war das? Habe ich geträumt? — Das Herz klopfte ihm dicht unterm Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert. Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn. Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an seiner Stelle.

Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich, murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und verschwanden.

Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür — — es mußte unten die Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend, konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte, einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu, aber sie war nicht mehr da.

Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt, die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist — er fand nicht, was es war, fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn zutaumelte.

Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur die Gugelkappe zwischen den Schultern.

Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren, hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten, zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand — es war der erste — in der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war.

Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut.

Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort. Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn, sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:

„Nicht fürchten ...“

Er richtete sich schlotternd auf. „Ich fürchte mich nicht,“ stammelte er, „was willst du?“

Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen voneinander, es war aber schon tröstlich genug, daß sie nicht entschwanden, sondern blieben. Lange Zeit war kein Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige Stimme sich wieder auf:

„Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wüst und abenteuerlich, ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten, Böses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore öffnend mit dem Zauberring, und nichts, das ihr entging.

„Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nähe nicht voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt, samml’ es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger nicht, noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts.

„Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf daß es helle wird in deinem Herzen.“

Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder stürzend, fragte angstvoll, da das Schweigen dauerte:

„Was wollt ihr?“

Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte:

„Prinz Georg Trassenberg.“ Und nach einem Schweigen: „Vorgeblich.“ Und nach aber einem Schweigen: „In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.“

Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den Mund, stammelte: „Ka—“ Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte:

„Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung übt allein dein eigenes Herz.“

Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich, hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste Stimme tat sich auf:

„Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen Seele?“

Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: „Sigune ...“

Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte ... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit Steinen.

„Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden“, scholl es sanft und fast liebevoll nahebei. „Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden, kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht und nie erkannt, — aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen, stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im Tal, du hast keine Wahl, — immer wirst du uns wieder finden.“

Traum

— — — — — — — — — — Kaja! — — — — — — — — — — — Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör auf, es summte lange nach, er merkte, daß er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz langsam in alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, daß er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch Stümpfe, über und über tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das war ja ein fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, — aber — ich — kann — — nicht ...

Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das Haupt auf die Lehne und fühlte sich im selben Augenblick mit atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, daß der Raum um ihn sauste und toste. Es war dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, und alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, unter sich das Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in Schlangenlinien, schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße Klippe auf, er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich wurde sie zu einer riesenhaften Säule, die wiederum sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder ihres jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung, Gestalten in bunten Gewändern, und im Näherfliegen erkannte er, daß eine in der Mitte stand, die war glänzend golden, und rings im Kreise waren eine Menge, zehn — oder zwölf? — ja, zwölf aufgestellt. Deren jede hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, über den Häuptern der Gestalten — ihre Gewänder leuchteten rot und gelb, violett und grün und weiß und in noch mehr Farben — blitzten große goldene Ziffern, — Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, Sieben und Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen, ohne daß er Namen für sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas, nämlich ein uralter Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände auf dem Rücken außen im Kreise um die Ziffernträger, und nun wußte Georg, daß es eine Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer aufgebrochen zu sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht die Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der marmorweißen Platte stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er ins Antlitz sah, — es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet stand sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drüben eine Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der alte Montfort wars, — mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in unsäglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da war Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder, Irene war da, nun Klemens, — Cordelia, ach hilf mir doch, liebe Cordelia, stöhnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno, ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal rührte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah, ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. „Ist denn für mich kein Platz, Jason?“ stammelte er flehend. „Es muß jeden Augenblick zwölf schlagen, und dann ists ja aus.“ Er riß sich wieder los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme: „Du bist ja tot, was willst du denn hier?“ und versuchte, sie wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja, ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin der Mörder! — Unter ihm glitzerte die blaue Meeresfläche, er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, — schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als das göttliche Gefühl der Rettung.

Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem Bett; danach kam es ihm vor, als läge er in Kissen, dann versank er in Müdigkeit.

Zweites Kapitel

Frühstück

Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn das bedeuten? — Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, ein wenig ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum benützend, ein großes Bündel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte auch, und — „Lieber Freund,“ sagte sie, „das ist ja wundervoll, so früh am Morgen und auf so tapferen Füßen!“

Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus seiner Linken nehmend und an die Brust drückend. Sie neigte das Gesicht in die Kelche und hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt:

„Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Füße, und es sind auch — besondre Füße, auf denen ich hereinkomme.“

„Ja?“ sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und sagte ernsthaft: „Freiersfüße, Renate.“

Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, sagte eine Stimme in ihr, wußte es längst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. — Es gelang ihr, ihn anzusehn, da mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und stützte das Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie blickte auf, ließ die Hände fallen und wandte sich langsam zum Herzog herum. Der schloß eben die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie sah ihn voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: „Ja — ich möchte — — ich möchte sehr gern — —.“

Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf seine Brust, sah, die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein großes, starkes Gesicht und hörte ihn sagen:

„Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, aber ich — ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn Sie ...“

Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie merkte, daß er zitterte, und alle Macht strömte aus seinem Zittern frohlockend in sie zurück. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen, flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie mit den geschlossenen Händen an seinem Gesicht empor und deckte seine Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer Stimme: „Nun Geduld! — Geduld ...“

„Geduld“, sagte er mit zuckenden Brauen, „ist das Schwerste auf der Welt.“

Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: „Das Schwerste von der Welt ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!“ Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf: „Weißt du das nicht?“

„Doch!“ sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog.

„Ich habe Hunger,“ sagte sie freundschaftlich, „wollen Sie mit mir frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt mich zum Festspiel.“ Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. „Komm!“ verlockte sie, kaum die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt, — oh, dann will ich sie brauchen! — Damit ging sie leicht und die Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend, einen Gedanken zu fassen.

Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin, schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: „Lieber, ich habe dies Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, — ja, das tat ich nun,“ sagte sie fest, „das müssen wir behalten. Du weißt ja alles vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe, kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden, bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?“ fragte sie wehmütig, lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.

„Mein Sohn Georg“, hörte sie den Herzog sagen, „hatte einmal eine Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen? Also ich sage: quid quod? Nämlich,“ fuhr er eiliger fort, während sie leise lachte, „ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.“

„Oh,“ meinte Renate nachsichtig, „zu früh aufstehn kann man nie.“

„Und den Tag über heut“, fuhr der Herzog fort, „habe ich keine Zeit; da mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.“

Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte, wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: „Sie sind ja so über alle Begriffe schön, daß — — daß —“

Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich und küßte seine Stirn.

„Genug für heut,“ sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, „und nun muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.“

„Georg,“ sagte der Herzog aufstehend, „ja, ist er eigentlich blind?“

Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. „Leb wohl“, sagte sie und streckte die Hand aus.

Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging, von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.

In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.

Verkleidung I

Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war. Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, — ja, wie ist mir denn? dachte er, — oh, mir ist wunderbar! — Unvermutet mußte er die Arme mit geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand, eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von weißen und schilfgrünen Bändern, — alles genau so, wie er selber es am Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog. Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da, nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl, flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte — was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! — Aber erst will ich baden.

Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht, aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt. Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß an das Fenster, und — jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten entschlossen — öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung, alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte der Andacht.

„Licht, du selber verhülltes!“ sagte er, „sieh mich nun! Verhüllt, siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin heiter, — aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe. Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade, erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr, ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!“

Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt, tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja, aber auch so hundertfältig wohl.

Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, — ja, das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, — und dafür hatte er seine Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand Belladonna eingegeben. —

Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut, eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres, gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, — wie war es doch nur? Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich — ich konnte meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien, was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke; daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. — Sieh da — habe ich nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist es zu sagen ...

Kaja ...

Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber — was war denn zu erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und dann — er lächelte — ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. — Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er, aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten, ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt wieder, immer wieder, auch die Toten ...

Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert, dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.

Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt, gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! — und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu: Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen.

Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen — so war es! — rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts, schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten, tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, — wie Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.

Verkleidung II

Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln, weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm sprang, und schon stand er vor dem Wunder.

Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht, in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller Stimme: „Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich bin gekommen!“

Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend, so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die Wundererscheinung betrachten zu dürfen. — Renates Gelächter schwang über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb, noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn. — Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick, Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern, über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte, umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem, starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen, glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit einem Satz wie ein Panther. — In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe, auf der ich — ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht? Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am Abend, ich will — noch — noch! — kein Band und keine Fessel zu ihr hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: „Jetzt wollen wir fahren. Aber Magda, — was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?“

Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus hüten und den Onkel ...

„Und zweitens?“

Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ...

Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern anziehen könne, — und nun gab sie gerührt nach.

Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, — sah alles Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung; darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte — nicht wie Marmor und nicht wie Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, — Magnolie vielleicht, — nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem weißen Spitzenschaum und — Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, — anstatt in all dies hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im klirrenden Schutt seines Daseins.

Fahrt

Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert, so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben dem Turmbau seines Vaters.

„Wie mager Sie geworden sind, Georg,“ sagte sie leise bedauernd.

Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft.

Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. „Und obendrein waren Sie krank“, sagte sie.

„Ach,“ äußerte er munter, „das war ganz schön, — die paar Tage! — und da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht, als ich krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie ein brennender Saturnring um Ihre —“

Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: „Georg! Ich mag sehr gern, wenn man mir schöne Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben, dann verraucht die Wirkung spurlos.“ Übertreiben? dachte Georg, ach, du lieber Herr Jesus! „Erzählen Sie mir, wer war Heliodora!“ befahl sie.

„Heliodora“, erklärte Georg, „war eigentlich Libussa. Kennen Sie Libussa?“

Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen als Kind.

„Meine auch“, log Georg und fuhr fort. „Ich wollte Libussas Geschichte aufführen lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm darüber sprach — Papa hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne ausführen — sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle — er weiß ja alles —“

Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen wird, der Gute, und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen würde, aber er wußte es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.

„Also, da sagte er,“ fuhr Georg fort, „warum ich nach Böhmen wollte, da wir doch die Heliodora hätten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe, sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin, verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, — oder — was meinen Sie?“

Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe Nase seines Vaters komme.

„Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor, oder Georg, den sie zum Mann nahm, — es steht ja alles im Festspiel. Auch das weiße Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es in der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen, mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kämpfte, und Trassenberg war damals natürlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern Freigrafschaft. Heliodora,“ sagte Georg langsam und leise, „Sonnegabe, ein schöner Name ...“

Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der Herzog seinen Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel erwähnte, mit diesem Wort begonnen hatte, — und da, dachte sie, wußte ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ... „Zwölfhundertsiebenunddreißig“ hörte sie Georg murmeln, und der Wagen stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen sie auf der Landstraße neben dem Reitweg und sahen sich um.

Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff:

„Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?“ —

Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren, sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: „Ist es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal gestaunt,“ fuhr sie leise fort, „wenn ich im stillen bedachte —“ sie lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, „— was Sie auf sich nahmen, aber — nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...“

Was hatte sie gesagt? — Er zuckte zusammen. „Im Blut ...“ wiederholte er tonlos, „nicht im Blut, Renate ...“

Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: „Ich weiß ...“

Gleich warf er den Kopf auf. „Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist es gut! Und Sie verstehn mich doch?“ Sie nickte. „Papa hat es Ihnen verraten?“ Sie nickte. „Aber ich habe gelogen vorhin,“ murmelte er beschämt, „als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,“ fuhr er glühend und eifrig fort, „mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich, nur eins fehlt, nur eins müßte man können!“ Er hob die linke Hand und ballte sie: „Sein können, was man ist!“ Er trat zurück, wies mit leicht gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: „Wie locker und gewandelt fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch — von der göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen. Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein Dichter, jedem ins Gesicht hinein und — aber genug!“ er brach ab. „Jetzt will ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora, Sonnegabe, Zwölfhundertund —“ „Siebenunddreißig,“ ergänzte Renate lächelnd. „Nun wollen wir uns umsehn!“

Mummenschanz

Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch sähe.

Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn? Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm alle Fernen zu umschließen, — darinnen war tiefe Sommerfülle, — nein, es klang wohl doch nur in seinen Ohren, — aber waren nicht alle Weiten erfüllt mit heiter schwirrender Musik? — Ah, Mandolinen und Gitarren, sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen Strümpfen, — die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne, von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie Renate.

Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.

„Mit Permission,“ sagte der Gelbe, „ob dies wohl die Heliodora ist?“

Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber und reichte ihm eine, seine Frage bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann halb auseinanderzog, um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei ein schöner Tag.

Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig die Füße wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schön, an dem der Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg verschmitzt zu und sagte: „Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha, ha, ha!“ und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend.

„Frei Essen und Trinken obendrein“, bemerkte Georg leutselig, aber der Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er morgen mit dem gelben Hemde machen solle.

„Menschenskind,“ rief Georg entrüstet, „müßt Ihr denn immer was zu sorgen haben?“

Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen, Georg sah das bunte Menschenhäuflein, die Zinnoberroten voran, hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben sagen, er wäre Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd brauchte? — Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige Professor winkte großartig ab und wanderte fürbaß.

Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten — sie waren ähnlich wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grün, — kamen die Mädchen, schön flatternd in Gewändern, Kränze im Haar, eine schieferblau, eine rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel und fielen mit Klängen und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von draußen ’rein? — Sie sangen aber, kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate geheftet:

„Seht, was steht denn dort am Rain?

Hollahe! hollaho!

Das muß Heliodora sein!

Hollahehaho!

Hel—io—do—ra, lächle mal!“ damit kamen sie taktfest vorüber. Georg wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu — erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken —: „Wer sind Sie?“

Mit schallender Stimme: „Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit, vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!“ rief der Trabende winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug, aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau wars, und „Ich bin seine Frau!“ rief sie strahlend, aber da war die Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen, scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war.

Ritt

Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten, Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach, ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen, silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. — Renate, ganz gerührt, bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes und schurkisches Gesicht — wie das aller Reitknechte — fuhr dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte, ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg, und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange; er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend, aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die Landstraße überstieg.

Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße, rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, — eine Augenlust unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd, schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an der unteren Kante, — dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes, das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so blendende Blitze von Silber schleuderte, das war — es war ein riesiges Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker. — Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht. „Halloh, Bogner!“ rief Georg, „machen Sie den Henker?!“

Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten, vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und Tauben, Becher und Gläser und sangen „Weg mit den Grillen und Sorgen!“ daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun, der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr stand.

„Ist es schön, Renate, ist es schön?“ schrie Georg überlaut.

Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte. Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen, zumal in den letzten, stillen Jahren.

„Seht ihr die Burg?“ schrie Georg. „Bogner hat sie ganz neu aus Pappe gemacht!“

Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst.

Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.

„Sie sehen so schön aus, Maler,“ sagte Renate leise, „es ist schade, daß Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein Minister.“

Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich und gab Renate eifrig recht. — Es ging bergan, die Sonne glühte schon, doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume, wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all dies gesehn zu haben, und Renate — Renate —, die Gedanken verließen ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde, langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt unsterblich guter Dinge.

Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten: „Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!“ oh es war herrlich! So viel er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber, was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender, flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander, bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei, Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? — Mein Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee bezahlen lassen? — — Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.

Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...

Ausschau

In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide, lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum, sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum, viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, — keine schöneren kann es geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne menschliche Weiß. — Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden: Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten. — Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. — Noch einmal ließ er die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen, Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten, die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen, und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, — und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie über einen faltig rauschenden See, — und siehe, etwas noch Ungesehenes war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, — alles sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende Beuglenburgische Heerbann.

Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild, angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben, ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer, loser Reihe. —

Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt — wo war Renate? — Im Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, — ah, die Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, — und schon löste es sich vorn heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers, vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen, Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal.

Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, — da — ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich, mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter, Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah auf, — das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam, beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, — aber jetzt, unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten, Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf, unerschöpflich toste der Jubelsturm, — unendlich einsam und königlich trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam, langsam — in die Ebene hinunter.

Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht, was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im Traum, Renate nach.

Traumspiel

Ja, nun war der Traum vollkommen.

Georg hielt zu Pferde — weshalb zu Pferde? — und wie war dies Pferd vermummt! aber es war Unkas! — in fremder, grün und weißer Tracht — warum in fremder Tracht? — inmitten einer dichten Menge von Frauen und Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm, vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu war er, waren all diese versammelt?

Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein, und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, — wie still er hing auf die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. — Und nun, unten wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben, das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche, Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend auf im Gras, — und dort im winklig verhängten Schattendunkel von Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren völlig fort. —

Diese Stille! — Aber sprach nicht jemand, ganz allein?

Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne, menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher, unkenntlich.

Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich; ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.

Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, — und sieh — — ganz nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel seiner Kirchendiener.

Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe. Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung, alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. — Aber da, ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern waren. Einmal — wie war es doch? — das große Hurra, etwas vom großen Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...

Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf! Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte, denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde, und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor ... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen, öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich doch nicht, ganz wie — wie — wer war es denn? — Renate? — Nein ... Dora! Dora Vehm ...

Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte um. — Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.

Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, unendlich fremd und hoffärtig, — aber langsam kehrte Blick und Erkennen zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg anzurühren.

Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt, wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte, daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr, über Georgs Schulter hinweg gerichtet.

„Was ist denn?“ flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da, neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. — Ach, Unfug! schnob er innerlich, das ist ja Zuf— und sah im selben Augenblick, daß Renates Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.

„Es ist ja ...“ murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache Hand und winkte.

„Wer?“ fragte Georg; er hatte nicht verstanden.

„Saint-Georges“, wiederholte Renate, völlig wach. „Ach, bitte, Georg — — ja, wie stehn wir denn da?“ fragte sie erstaunt und trat ohne weiteres Befremden zurück. „Bitte,“ fuhr sie fort, „gehen Sie hin und sagen Sie ihm, er möchte — ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt im Burghof auf mich warten.“

Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.

„Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,“ sagte er, „nachher am Ankleidezelt zu sein, im Burghof.“

Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die Augenschlitze gradaus zu spähn, — denn so schien es. Todmüde wandte Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her, waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. — Dann zog sich alles in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.

Drittes Kapitel

Theater

Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas Hand und faßte sie. „Was war dir denn?“ hörte sie Ulrika fragen, „du weintest.“ Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und sammelte ihre Gedanken. „Laß dich anschaun,“ sagte sie, „wie köstlich du aussiehst!“

Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den weiten, mattlila Kleidrock. „War es denn nicht schön?“ fragte sie, wieder besorgten Gesichts, „ich meine, — weil du weintest ...“

„Habe ich geweint?“ fragte Renate erstaunt. „Richtig, Georg war ja da, — wo ist er denn geblieben? — Ja, es war schön, aber — es war schauerlich — oh!“ sie zog die Schultern zusammen. „Ich bin völlig zu Eis geworden, weißt du.“ Sie lachte. „Nun, und das hat halt schmelzen müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.“

Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.

„Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!“ rief Ulrika entzückt, als die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder, gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.

„Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen Decken“, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen. „Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,“ murmelte sie dabei, „was wird aus uns werden?“

Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.

„Bitte, wollen Sie nun —“ hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich unsicher: „Ja, nun mußt du laufen!“

Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor, blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab, flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach, aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. —

Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand heraufklimmen.

„Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,“ sagte sie tief in Gedanken, „oder vielmehr —, da hörte etwas auf. Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit, aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach — —, sehen konnten sie, wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, — ja mit Eis anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen — furchtbar!“ Sie lächelte und fuhr eifrig fort. „Da konnt ich denn freilich merken, — das heißt, weißt du, ich merke es erst jetzt, — wie wenig ich in Wirklichkeit allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen, Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und erst unten, weißt du, — ja, was lachst du denn?“

„Ich lache, weißt du,“ sagte Ulrika, „weil du, weißt du, immer weißt du sagst!“

„Sage ich das? Ja, weißt — nein wirklich! — aber da kannst du sehn, wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten, und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen —“

„Ha,“ unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, „das hast du doch gemerkt!“

„Ich habe es gefühlt, du Närrchen,“ sagte Renate lachend, „aber ich weiß es erst jetzt!“

„Ist das ein Unterschied bei dir?“ fragte Ulrika verwundert. Renate sah sie an. „Ja, bei dir etwa nicht?“

Ulrika schien innerlich zu kämpfen. „Du magst recht haben,“ gestand sie endlich, „aber — wenn es so ist — dann —“

„Ist es unsre ganze Macht“, funkelte Renate. „Nein, weißt du, sie rissen mich in Stücke mit ihrem Lärm.“

„Und das war das Grausige?“

Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. „Das Schöne“, sagte sie leise. „Es war nur noch Brausen, ich war wie — weit fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das einmal erlebt zu haben, — ein zweites Mal ...“ Sie schauerte.

„Und den Festzug hast du noch vor dir“, neckte Ulrika.

Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:

Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,

Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...

Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? — Nein, und — nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden? Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre Art ... Die Augen öffnend, rief sie: „Sieh nur, was kommt da?“

Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, — ah, es war der Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, — jedoch in der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse der Edelleute. — Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht, das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte er mit heller Stimme rufen: „Sie kommen! Der König kommt! Es lebe Heliodora!“

„Herzog muß es heißen,“ flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig fort:

„Am eisernen Tische fand dein weißes Roß

Den Auserwählten, doch es war kein Schild;

Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste

Sein karges Brot!“

Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte: „Da, komm, mein braver Junge!“ und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn — er war klein wie ein zehnjähriger — an die Brust und küßte ihn fest auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still, riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung fröhlich nach.

Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah sich staunend um. — Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares! — Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg, aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: „Wo bin ich? Welch ein Traum umfängt mich denn?“ hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte mit natürlichem Hochmut:

„Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint, sollst du mein Gatte sein!“

Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher er komme, wer er sei. — Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: „Sakrament, Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!“ und ließ die Jamben des Stadtpoeten rollen:

„Wie leicht ist Fragen, — Antwort, ach, wie schwer!

Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!

Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl,

Ein Roß, ein holdes Weib ...“

Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden! und herrschte ihn kühl an:

„Ich erkenne — Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. — Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst — Bleibe mein eigen, hörst du wohl —“ Sie endete, plötzlich selbst erregt: „Mein eigen!“

Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend, lächelnd: „Das Stück ist aus, — nun wollen wir zu Georges, der Bauer machte Augen wie ein Dorsch!“ worauf sie, zierlich und hochmütig angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres Hofstaats in den Wald hineinging.

„Verstehst du denn die Menschen?“ fragte sie, stehen bleibend, und drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. „Du weißt doch, was für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt aufführen zu sehn, — ja, wo ist er denn nur geblieben?“

Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus und sagte nachdenklich im Weitergehn:

„Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt habe, wenn ich fertig bin und die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man mich hineinschiebt, — das ist — Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber vorher — — die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben, und — das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, — aber anders spiele ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...“

Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.

„Eins,“ hörte sie Ulrika sagen, „du hast es leider nicht gesehn, das war köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, — ich sah ihn nachher unter dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin, und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er sie auf den Mund, — so —“ Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken legend, als schütte sie Beeren in den Mund. — „Danach nahm er die Hand wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.“

Renate begriff noch nicht recht. „Ach, er konnte meinen Kuß nicht im Mund behalten?“ sagte sie lachend. „Ja, wie alt war der Junge denn?“

„Dreizehn,“ versetzte Ulrika, „er sieht viel jünger aus, weil er so klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.“

„Ja, so ist Bogner“, lachte Renate, den Vorhang hebend.

Zelt

Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst, während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten.

„Du siehst so dunkel aus“, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: „Mio marito e ritornato.“

„So ...“ Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer Weile: „Anderthalb Jahr war er fort?“

Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen.

Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. — Renate stand auf.

Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: „Was soll denn nun werden?“

Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei; Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.

„Den kenne ich ja gar nicht“, sagte Renate verwundert und betrachtete voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der Wendekreise und Figuren aus den Sternen. „Seine Durchlaucht“, gestand die Zofe lächelnd, „haben ihn mir heute morgen gegeben.“ Ulrika sagte nur: „Ha!“ während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln, riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die Füße hinunterhingen.

„Bin ich schön?“ fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und zurücktretend, die händefaltende Ulrika, „ach, es ist eine Lust heute, schön zu sein! Den Mantel nachher,“ sagte sie und mußte plötzlich zum Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte die seine und sagte leise: „Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß du —“

Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. „Wir befinden uns in einem Irrtum“, sagte eine nicht völlig unbekannte Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.

„Josef!“ stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf überragte. Sie ließ seine Hand fallen.

„Komm herein“, sagte sie und trat zurück. Er folgte.

Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden, hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie, einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte kurz zu Ulrika hinüber: „Es ist mein Vetter Josef.“

Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. — Renate vergrub die Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: „Ich habe damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du nicht, daß du gehen würdest?“ Die schwarze Kappenspitze bewegte sich bejahend. „Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht ist.“

„Wie unverständlich“, hörte sie Josef sagen. „Wenn du dir von meinem Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich sein, aus welchem Grunde ich komme.“

„Ich wußte es längst,“ murmelte Renate unwillig, „ich fühlte es.“

„Wir sind es immer,“ hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, „die alle fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr selber zwischen euch stehn und den Dingen.“

„Du sprichst gegen dich selbst, Josef?“

„Ich sehe, was kommt,“ versetzte er ruhig, „und außerdem äußere ich eine Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber abzusehn, so bin ich derjenige, — du weißt.“

Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: „Seit heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.“ Ihre Augen glitten zu Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm, das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder — erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen:

„Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. — Er ist ein Mann,“ setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie schweigend und mit Innigkeit.

„Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein Vater dich gesehn hat.“ Er neigte den Kopf.

„Dann fort!“ rief Renate, „auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.“ Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. — Sie verließen das Zelt.

Im Wagen

Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstraße; dort, in der Nähe des schwarzen Wagens, saß auf einem Baumstumpf der rotbeinige Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und errötete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig hergeschlendert, die Hände mit seinem Zeichenblock auf dem Rücken und mit der Miene eines jungen Hundes: es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn ... Renate fragte leise, sich zu ihm bückend: „Was hast du mit deiner Hand gemacht?“

„Mich gerissen,“ log er finster und flammenrot im Gesicht.

„Laß mal sehn“, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend den Kopf. Da ehrte sie seinen männlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch, miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon begrüßt, — kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze nebeneinander, so daß Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.

„Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,“ sagte Renate nach einer Weile, „keusche Männer sind so selten.“

Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: „Warum keusch?“

Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend, sagte hurtig: „Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.“

„Heißt er Tobias?“

„Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und einen Engel in Bogner.“

„Und keusch ist wie Tobias,“ lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut, „oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie nahm?“

„Sarah, siehst du,“ erwiderte Josef, „war keusch; sieben Männer mußten Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und ‚Azaria, mein Bruder‘ trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.“

„Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht plätschern gehört!“

„Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.“

Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand: „Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.“

„Oh, verblüffend!“ staunte Josef, „wie das dumme Vieh!“ und Renate erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen, hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:

„Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen, der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, — ach Gott, jeden und jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!“

Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. — Mio marito ... klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef sagen hörte: „Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!“

„Rede weiter, Josef“, befahl sie, ihn anblitzend.

„Jedermann,“ sagte Josef, „der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen, Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben beliebten Art: die keusche Dirne, — denn wer, Bogner, hätte sich nicht eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? — sondern durchaus bis zu einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle? Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In einem Lande —“

Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn, wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.

„In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas, hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben. Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an Antlitz und Seele gleicherweis —“

„Du schweifst ab, Vetter!“ unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes, nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der Achsel um die Arena trägt.