[Illustration: Katharina von Bora
nach dem Gemälde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin
Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden.
Verlag Georg Reimer, Berlin.]
Katharina von Bora
Geschichtliches Lebensbild
von D. Albrecht Thoma
Berlin
Druck und Verlag Georg Reimer.
1900.
Vorwort.
In dem „Leben Luthers“ bietet das Kapitel „Luthers Häuslichkeit“ als freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kämpfen und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an eine „liebe Hausfrau“ sind unter den Tausenden seiner Episteln die schönsten und originellsten. Dafür liegt der Grund doch nicht allein in dem reichen Gemüt und dem geistvollen Humor des großen Mannes, sondern auch in der Persönlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin. Es muß doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der große Mann als seine Lebensgefährtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu genügen; und ein sympathischer Charakter mußte das sein, an dem er seine frohe Laune so schön entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schöne Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt auch Luthers Käthe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken.
Es kann nun auffallen, daß eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, daß fast mehr schmähsüchtige Feinde, wie vor hundertfünfzig Jahren ein Engelhard, ihre wenig lauteren Künste an dieser Aufgabe geübt haben; und besonders ist zu verwundern, daß in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so hervorragend historischen Zeitalter, — seit den beiden gleichzeitig erschienenen quellenreichen Skizzen von Beste und Hofmann — keine Biographie entstand, nicht einmal für dieses Jubiläumsjahr ihres vierhundertjährigen Geburtstages.
Der Grund dieser eigentümlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal wird eben in „Luthers Leben“ das Bild Katharinas von Bora stets mit hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine mühsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu entwerfen, und überraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier nicht zu machen.
Dennoch verdient Luthers Käthe — so viel das geschehen kann — für sich besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft für sich neben demjenigen des großen Doktors gemalt ist. Ist Frau Käthe freilich nichts ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was wäre Luther ohne seine Käthe? Dem Lebensbilde des großen Reformators fehlte das menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden gemütlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Käthe ihm geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, daß die Welt ihn so lange, und so lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat.
So mag es ein Denkmal sein, und — wie es der schlichten deutschen Hausfrau geziemt — ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem vierhundertjährigen Gedächtnistage gesetzt ist.
Inhaltsverzeichnis.
1. Katharinas Herkunft und Familie.
Sachsen und Meißen
Bora
Lippendorf
Eltern und Brüder
„Muhme Lene“ und Maria v. Bora
Armut der Familie
Der Eltern Tod
2. Im Kloster
„Ehrsame“ Jungfrauen
Adelige Stifter
Klosterkinder
Nimbschen
Klosterfrauen
Klausur
Würden
Klostergenossinnen
Die Novize
Kloster-Regel
Erziehung
Die Postulantin
Einsegnung
Tagewerk
Reliquien
Ablaß
Kloster-Erlebnisse
Nonnen-Beruf
3. Die Flucht aus dem Kloster
Luthers Schriften über Ablaß, gute Werke, Klostergelübde
Vermittelung der Schriften
Leonhard Koppe
Austrittsgedanken
Die Verwandten
Klagebrief an Luther
Bedenken
Flucht-Plan
Das Entkommen aus dem Kloster
Die Flucht
Offener Brief an Koppe, „daß Jungfrauen Kloster göttlich verlassen mögen“
Der Abt von Pforta
Neue Entweichungen
4. Eingewöhnung ins weltliche Leben
Versorgung der Klosterjungfrauen
Katharina bei Reichenbach
Hier. Baumgärtner
D. Glatz
5. Katharinas Heirat
Luther drängt zur Ehe
Verehelichung von Priestern und Klosterleuten
Luther denkt zu heiraten
Eine Nonne soll's sein
Luthers Werbung
Trauung und Hochzeit
Gäste
Geschenke
Das Fest
6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
Im „Schwarzen Kloster“
Ausstattung
Angewöhnung
Unterhaltung
Bild
„Die erste Liebe“
Verstimmung der Freunde
Schmähungen der Feinde
Gefahren
Stimmungen
7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.
Johannes
Elisabeth
Magdalena
Martin, Paul
Margareta
Elternfreuden
Muhme Lene
Neffen und Nichten
Zuchtmeister
Gesinde, Gäste
Besuche
8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft.
Das Regiment in Luthers Haus
Haus und Hof
Bauereien
Geräte
Schenkungs-Urkunde
Teurer Markt
Landwirtschaft
Gärten
„Haus Bruno“, Gut Booß
Zulsdorf
Grundbesitz
Arbeitsseligkeit
9. „Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“
Armut
Einkünfte
„Geschenke“
Umsonst
Hausrechnung. „Gieb Geld“
Luthers Mildthätigkeit
Schulden
insidiatrix Ketha
„Rätlichkeit“
„Wunderlicher Segen“
„Lob des tugendsamen Weibes“
10. Häusliche Leiden und Freuden.
Schwerer Haushalt
Krankheitsanfall Luthers (1527)
Die Pest
Hochzeit und Tod
Flüchtlinge und Hochzeiten
Visitationsreisen
Briefe von der Koburg
Die Großeltern
Besuche und Reisen
Ein Kardinal in Wittenberg
Tischgesellen, Famulus, Käthes Brüder
Kinderzucht
Rosine
Käthes Tagelöhner
11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.
„Mühmchen Lene“ und Veit Dietrich
Lenchens Verlobung (1538)
„Des Teufels Fastnacht“ (1535)
In den „hessischen Betten“
Luthers tödliche Krankheit in Schmalkalden (1537)
Muhme Lene †
Pflege der Elisabeth von Brandenburg
Wieder Pest (1539)
Käthes tödliche Krankheit (1539)
Briefe aus Weimar (1540)
Allerlei Sorgen
Hanna Strauß verlobt und Mühmchen Lene verwitwet
Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod
Hansens Heimweh
12. Tischreden und Tischgenossen.
Eine akademische Hochzeit Allerlei Feste Besuche Cordatus Stiefel Kummer, Lauterbach Schlaginhaufen, Weller Hennik; Barnes; de Bai Dietrich Besold Holstein; Schiefer; Matthesius Goldschmidt u.a. Käthes „Tischburse“ Die „Tischgespräche“
13. Hausfreunde.
Humanisten-Freundschaft Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses Grüße und Geschenke Amsdorf; Agrikola Probst Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito Die Nürnberger: Link und Friedrich; Baumgärtner Dietrich; Geschwister Weller Hausmann Schlaginhaufen Lauterbach Spalatin Hans von Taubenheim Amtsgenossen Kreuziger Bugenhagen Jonas Melanchthon Sabinus und Lemnius Brief der Freunde an Käthe Die Tafelrunde Freundinnen
14. Käthe und Luther.
Die „Erzköchin“
Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude
Käthe als Krankenpflegerin
Käthes Humor
Verdächtigungen Käthes
Käthes geistige Interessen
Was Luther von Käthe hielt
„Ihr“ und „Du“
„Herr“ Käthe
„Liebe“ Käthe
Luthers ungünstige Aeußerungen
Lob des Weibes
„Häuslicher Zorn“
Lob des Ehestandes und Käthes
Käthes „Bildung“
Ebenbürtigkeit
Käthes Bild
15. Luthers Tod.
Trübe Zeitlage
Hader im eigenen Lager
Die „garstigen“ Juristen
Abscheiden der Freunde
Luthers zunehmende Krankheiten
Arbeit und Humor
Wegzugsgedanken
„Speckstudenten“ und Kleidermoden
Abreise
Schrecken in Wittenberg
Reisen nach Eisleben
Briefe von Halle und Eisleben
Der letzte Brief
Die Todesnachricht
Zurüstung zur Bestattung
Trostbrief des Kurfürsten
Der Leichenzug
Katharinas Stimmung
16. Luthers Testament.
„Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob“
Dr. Brücks Zorn auf Katharina
Fürstliche und freundschaftliche Fürsorge
Das sächsische Erbrecht
Katharinas Leibgeding
Die Erbschaft
Brücks und Katharinas Pläne
Katharinas Bittschrift
Reden der vier Hausfreunde
Brücks Gutachten
Die Entscheidungen des Kurfürsten
Kampf um Wachsdorf und die Kinder
Wolf, Gesinde und Tischburse
Fürsorge für Florian von Bora
Mahnungen an den Dänenkönig
17. Krieg und Flucht.
Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete
Anmarsch auf Wittenberg, Flucht
Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg
Brief von und an Christian III.
Schreckensgerüchte
Neue Flucht; in Braunschweig
Heimkehr
18. Der Witwenstand.
Wie's daheim aussah
Kriegsschäden und Proceß
Kosttisch; Anlehen
Das Interim. Hans Luther nach Königsberg
Leiden und „gnädige Hilfe“
Hans in Königsberg
Kriegslasten
„Dringende Not“
19. Katharinas Tod
Flucht vor der „Pestilenz“
Der Unfall
Anna von Warbeck
Das Leichenprogramm und die Bestattung
Nachkommen und Reliquien
Denkmäler
Katharinas Gedächtnis
Belege und Bemerkungen.
Register.
1. Kapitel
Katharinas Herkunft und Familie[1].
Zur Zeit der Reformation umfaßte das Land Sachsen etwa das heutige Königreich, den größten Teil der Provinz Sachsen und die thüringisch-sächsischen Staaten. Diese sächsischen Lande aber waren seit dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt in ein Kurfürstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese Teilung, aber ganz nach damaligen Verhältnissen: zum Albertinischen Herzogtum, auch „Meißen“ genannt, gehörte der größte Teil vom heutigen Königreich mit den Städten Meißen, Dresden, Chemnitz; ferner ein schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte sich das Kurfürstentum mit den Hauptstädten Wittenberg, Torgau, Weimar, Gotha, Eisenach westwärts, und Zwickau und Koburg nach Süden. Die Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloß herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: „Die Meißner sind Gleisner“. Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch gut[2].
Aus dem Herzogtum Meißen stammte nun Katharina von Bora, Luthers
Hausfrau[3], während er selbst ein geborener Mansfelder, dann ein Bürger
der kursächsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfürsten war.
Er beklagte sich wohl bei seiner Frau über ihren Landesherrn, Herzog
Georg den Bärtigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit
Luther in steter Fehde lag, gehässige Schriften gegen ihn losließ und
die Lutheraner im Lande „Meißen“ verfolgte. Daneben neckte Luther seine
Käthe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Märe von seinem
Tode verbreiteten: „Solches erdichten die Naseweisen, deine
Landsleute“[4].
Im Meißenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwärts von dem „Schloß und Städtchen“ Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch- und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen Tannengehölzen, denn Tanne heißt auf slavisch „Bor“[6]. Hier hatte das Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die Nähe von Bitterfeld und Borna, je fünf Stunden nördlich und südlich von Leipzig. Sie führten alle im Wappen einen steigenden roten Löwen mit erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als Helmzier[7].
Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiß auszumachen. Mehr als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer, streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstätte zu sein: das ist fast jeder Ort, wo früher oder später Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber man kann eher noch beweisen, daß sie aus acht dieser Orte nicht stammt, als daß sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8].
Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der dörferreichen Hochebene, wo man nördlich nach dem nahen Deutsch-Bora und dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer Entfernung von einer Stunde, die burggekrönte Bergnase von Nossen erblickt.
Wahrscheinlicher aber wurde Käthe zu Lippendorf geboren. Westwärts nämlich von Borna an der Pleiße zieht sich als meißnisches Gebiet ein weites Blachfeld, dessen Einförmigkeit nur durch dunkle Gehölze unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf Medewitzsch erhebt sich das Häuflein Häuser des kleinen Dörfchens Lippendorf und etwas abseits gelegen ein größeres Gut, mit einem Teiche dahinter. Das war zwar kein rittermäßiger Hofsitz, aber doch ein stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 saß dort ein Hans von Bora mit seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur seine zweite Ehefrau.
Hier wäre nun Katharina an dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4 Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem bauernhofähnlichen Anwesen wäre sie — vielleicht unter einer Stiefmutter — herangewachsen. An diesem Teich hätte sie als Kind gespielt und hinübergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem Schloßpark und kleinen Kirchlein, und weiterhin über die Wiesen und Gehölze der Mark Nixdorf nach der „Wüstung Zollsdorf“ — wo sie später als ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend hausen und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und Stall, Küche und Keller von der fleißigen Mutter gelernt.[9]
Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort
Katharinas Geburtsstätte sein.
Ja, sicher weiß man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans konnte der Vater wohl geheißen haben, so hieß damals jeder dritte Mann, auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht unglaubwürdigen Nachricht wäre die Mutter eine geborene von Haubitz gewesen und hätte nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr beliebten Namen Anna getragen. Dann wäre freilich Lippendorf nicht Käthes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiß ist nur ihr Geburtstag, der 29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumünze eingegraben, die heute noch vorhanden ist[10].
Auch ihre nächsten Verwandten sind bekannt.
Katharina hatte wenigstens noch drei Brüder. Der eine, dessen Name nicht genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb ziemlich frühzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian, der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die Rechte studieren; damals war „Christina von Bora Witfraw“[11].
Der andere Bruder Katharinas ist Hans von Bora. Er war 1531 in Diensten des Herzogs Albrecht von Preußen, kehrte aber etwa 1534 von dort zurück, um für sich und seine Brüder das Gütlein Zulsdorf als „Erbdächlein“ zu übernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines „aufrichtigen, feinen und treuen Menschen“. „Treu und brav ist er, das weiß ich, dazu auch geschickt und fleißig“, bezeugt ihm Luther[12].
Weniger Löbliches ist von dem dritten Bruder Klemens bekannt. Er kam mit Bruder Hans nach Königsberg, geriet aber nach dessen Rückkehr in die Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst übeln Ruf zuzog und ihn in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13].
Außer den Brüdern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt, welche später in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte.
Wenn es wahr ist, daß um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach Wittenberg verheiratete[15], so müssen auf diesem Vorwerk in den zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und nährte seinen Mann nicht, wie später Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld wohnte in dessen Nähe auch in Zweig der Bora hauste[16].
Die Familie Katharinas muß recht arm gewesen sein: es heißt sogar: sie war in die äußerste Bedrängnis geraten. Florian, der Sohn des ältesten Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser wahrscheinlich das Erbgut besaß, doch auf Stipendien angewiesen für seine Studien. Bruder Hans war am preußischen Hof so ärmlich gestellt, daß Luther für ihn dem Herzog Albrecht „beschwerlich sein“ und schreiben mußte: „Nachdem meiner Käthen Bruder Hans von Bora nichts hat und am Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, daß ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden würden zugeworfen, damit er auch Hemd und andere Notdurft bezahlen möchte.[17]“
Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige Fräulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jährlich erhielten; und auf ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, während neue Nonnen wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19].
So ist also Katharina von Bora — wo es auch sei — in gar engen Verhältnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Mädchen etwa als zartes Ritterfräulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als Jägerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gäbe das ein gar falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als einziges Töchterlein, auch eine gewisse Selbständigkeit und Herrschergabe entfaltend, wie sie sich später in der reifen Frau entwickelt zeigt.
Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen vermögen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und Farben. Wir mögen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen verwischen und verschwinden, während zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, daß sie ein gar lebendiges und farbenreiches Gemälde geben. Aber man kann sich doch auch wieder über diesen Mangel leicht trösten.
Denn wie es scheint, sind die Eltern beide früh gestorben. Sobald Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden: die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch Luther sonst so großes Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft handelt; und auch während der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall ist. Vielleicht ist gerade der Eltern früher Tod für Katharina die Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten.
Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fräuleins fällt nicht in das Elternhaus. Denn sehr früh kam Katharina von daheim fort und ihre bewußte Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im Jungfrauen-Stift.
So fällt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre jünger war, etwa in dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien verließ und in das Kloster der Augustiner ging.
2. Kapitel
Im Kloster.
Wenn heutzutage ein armes Mädchen aus besseren Ständen versorgt werden soll, das nicht auf große Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und somit dem natürlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben, voraussichtlich entsagen muß, so kommt es in eine Anstalt und bildet sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes Fräulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgüter der Stammhalter und Schwestern noch mehr geschmälert hätte, zur Versorgung ins Kloster. Die alten Klöster (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der Vorfahren, worin „ehrsame“ (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und für die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des jetzigen „geistigen“ Berufs zum Wirken in der Welt für lebendige Menschen diente damals der „geistliche“ Beruf zur Verehrung Gottes und der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch nicht immer freiwilligen Entschließung zu einem selbstgewählten Beruf, der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt es damals die „ewige“ unwiderrufliche „Vergelübdung“ auf Lebenszeit; statt der „Emanzipation“, welche einer außer dem Familienleben stehenden Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die „Klausur“, die Einschließung in die Klostermauern in einem streng geschlossenen Verband, dem „Orden“, unter dem straffen Bande der „Regel“, der Klostersatzungen.
Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig gefragt, und es konnte auch keine Rücksicht darauf genommen werden[22]. Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autorität, namentlich über Töchter, viel zu groß, und der Familiensinn in solchen adeligen Häusern war ein zu stark ausgeprägter, als daß sich ein Glied in individueller Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt hätte. Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: „Einen Mönch macht entweder die elterliche Vergelübdung oder die eigene Einwilligung“[23], also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben für eine standesgemäße Versorgung und zugleich für einen „guten seligen Stand“, wie eine Nonne aus dieser Zeit erklärt[24].
Zudem wurden die Töchter in einem Alter in das Stift gethan, wo von einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Mädchen waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr geschehen; viele kamen auch später hinein, wenn sich die Familienverhältnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch früherem Alter wurden „Kostkinder“ aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden.
„Es ist eine hohe Not und Tyrannei, daß man leider die Kinder, sonderlich das schwache Weibervolk und junge Mädchen in die Klöster stößet, reizet und gehen läßt“ — so äußert sich Luther gerade über das Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entrüstet aus: „O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den Ihren so schrecklich und greulich verfahren!“[26]
Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora. Katharina ward ins Kloster geschickt — gefragt wurde das Kind natürlich nicht; es geschah „ohne ihren Willen“, wie denn Luther im allgemeinen von ihr und ihren Mitschwestern von Verstoßung ins Kloster redet und von Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: „Wie viel meinst du, daß Nonnen in Klöstern sind, die fröhlich und mit Lust ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum eine. Was ist's, daß du solches Kind läßt also sein Leben und alle seine Werke verlieren?“[27]
Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf alle seine Güter allda seiner — vielleicht in diesem Jahr geheirateten zweiten — Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509) schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die jüngste, sondern die zweitjüngste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516) die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28].
Klöster gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meißnischen gegen 30 Nonnenklöster gezählt[29]. In welches Kloster Katharina eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es mußte das adelige Cisterzienserinnen-Kloster „Marienthron“ oder „Gottesthron“ Nimbschen bei Borna im Kurfürstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer Siechenmeisterin, d.h. Krankenwärterin der Nonnen. Außerdem waren, scheint es, noch zwei Verwandte aus der mütterlichen Familie der Haubitz da: eine ältere Margarete und eine jüngere Anna.
Das Kloster Nimbschen hat eine hübsche Lage. Eine Stunde unterhalb, nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Süden und die Freiberger von Osten her zusammengeflossen sind zu der großen Mulde, erweitert sich das enge Flußthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die Form eines länglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter ansteigende, waldbewachsene Hügelkette den Werder. Ueber der nördlichen Blattspitze, die scharf durch die zusammenrückenden Felswände abschließt, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue, unmittelbar am Fuße des westlichen Waldhügels, stand das Kloster. Es war also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Hügelreihen, nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drüben floß die Mulde ungesehen tief in ihren Ufern, überragt von der Felswand, hüben erhob sich der hügelige Klosterwald. Nordwärts davon schimmerte ein ziemlich großer Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg.
Aus dem Hügel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebäude aufgebaut waren; ein Graben an diesem Hügel hin verhinderte noch mehr den unbefugten Zutritt.
Das Klostergebäude war sehr umfangreich, denn so eine alte Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt für sich: nach alter Regel mußte das Kloster alle seine Bedürfnisse selber durch eigene Wirtschaft befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen „Gotteshaus“, wie ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebäude: Ställe für Pferde, Rinder, Schweine, Geflügel mit den nötigen Knechten und Mägden, Hirten und Hirtinnen für Füllen, Kühe, Schafe (das Kloster hatte deren 1800!), Schweine und Gänse; ferner Mäher, Drescher, Holzhauer, eine „Käsemutter“. Das Kloster selbst zerfiel in zwei Gebäudekomplexe: „die Propstei“ und die „Klausur“. Die Propstei schloß sich um den äußeren Klosterhof und umfaßte die Wohnung des Vorstehers oder Propstes, eines „Halbgeistlichen“, welcher mit „Ehren“ („Ehr“) angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit) samt dem Schreiber; ferner das „Predigerhaus“, in welchem die zwei „Herren an der Pforte“, d.i. Mönche aus dem Kloster Pforta, als Beichtväter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht über Nimbschen. Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Mühle, Küche und Keller waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und hantierten; auf dem Thorhaus saß der Thorwärter Thalheym. Ein „Hellenheyszer“ hatte die Oefen zu besorgen.
Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein großes Personal: 40-50
Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora täglich „über den
Hof“ zu speisen; und dazu mußten Löhne gezahlt werden, vom Oberknecht
mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur
Gänsehirtin, welche nur 40 Groschen bekam.
Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu
speisen, brauchte es natürlich großer Einkünfte an Geld, Getreide,
Hühnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdörfern und Höfen, außer den
Klostergütern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden.
Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Düngen,
Dreschen, Mähen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pflücken,
Flachs und Hanf raufen, riffeln und rösten, Schafscheren, Jagdfron
(Treiben bei der Jagd) wofür teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd
auch Geld gereicht wurde.
Die Nonnen selbst wohnten in der „Klausur“, einem zweiten Gebäudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium (Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand. Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehörte, war zwischen dieser und dem Propsthofe.
Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Töchter adeliger Häuser aus verschiedenen Gegenden des kurfürstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu kamen noch ein halb Dutzend „Konversen“ oder Laienschwestern, die um Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte „Kochmeide“, darunter eine Köchin, und die „Frauen-Meid“, d.h. die Dienerin der Aebtissin. Diese hatte außerdem noch zwei Knaben zu ihrer Verfügung, die natürlich im äußern Klosterhof wohnten und zu Kleidern und Schuhen zusammen 1 Schock jährlich erhielten[32].
Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hießen daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik, die sich in allen Dingen selbst regierte nach der „Regel“, den Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren — bloß unter Oberaufsicht ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der Regel anordnen und rügen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard, eine etwas strengere Abart derjenigen der gewöhnlichen alten Benediktinerinnen[33].
Die Nonnen waren außer der Aebtissin in die Klausur eingeschlossen, aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis, und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters, heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Außenwelt oder auch nur mit den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken der Weltleute entzogen. Verboten war ausdrücklich das Uebersteigen an der Orgel und das Herauslehnen über die Umzäunung des Chors. Wenn jemand von draußen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmöglich gemacht, daß jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in Krankheitsfällen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und Ergötzungen sollten die Beichtväter nicht mit den Klosterjungfrauen mitmachen. Der Pförtnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit den Klosterkindern[35] zusammen schlafen.
In diesem klösterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschränkter Gewalt herrschte die gewählte Aebtissin: ihrem Befehl und ihren Strafen war mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten, überall den Rat ihrer „Geschworenen und Seniorinnen“ zu hören. Ihr war nicht nur die äußere Verwaltung der Gemeinschaft übertragen, auch die „Leitung der Seelen und Gewissen“. Sie sollte sich bestreben, gleich liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, für alle, Gesunde und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein.
Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina (Herrin), die ehrwürdige Mutter, und die draußen wenigstens nannten sie „Meine gnädige Frau.“ Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von Schönberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur Aebtissin gewählt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt eingeführt[36].
Nach der Aebtissin kam an Würde die Priorin („Preilin“), einerseits die
Stellvertreterin und Gehülfin derselben, andererseits aber auch die
Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die
„Kellnerin“, die „Bursarin“ (auch „Bursariusin“, Kassiererin) die
Küsterin, die Sangmeisterin („Sängerin“), die Siech- und
Gastmeisterin[37].
Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von Schönfeld, wozu noch eine Metze[38] Schönfeld kam, welche 1508 Siechenmeisterin und später Priorin wurde. Aber die einen waren wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand scheint nicht ohne Einfluß auf die amtliche Stellung gewesen zu sein; denn es ist doch wohl nicht Zufall, daß die am reichsten Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewählt wurde[39]. Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jährige Ursula Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjährige Katharina von Bora und die beiden jungen Schönfeld, welche in ähnlichem Alter standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten, vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) überschritten war und die Einkünfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Daß die Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden waren, ist natürlich; aber alle geistige Individualität (alle „Eigenschaft“) wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso ausgelöscht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht: Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfährt man nichts. Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist später charakterisiert als: „ehrliches (vornehmes), frommes, verständiges Weibsbild“[40].
Ob die neue Klosterjungfrau Katharina von Bora an ihr oder den anderen Verwandten aus dem mütterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster eingetretene junge Nonne beklagt sich, daß ihre Muhme, die Aebtissin, ganz besonders gewaltthätig und grausam mit ihr verfahren sei. Vielleicht hat Katharina eine Art mütterliche Freundin an ihrer anderen Verwandten aus dem väterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als „Muhme Lene“ so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloß[41].
Zunächst wurde das junge Mädchen eingeführt in die Ordensregel und den Gottesdienst, wurde gewöhnt an klösterliches Benehmen und an geistliches Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin genannt; es war nur vom Abt bei der Einführung der neuen Aebtissin 1509 im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschärft: „Weil es ein Werk der Frömmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu machen, wollen wir, daß diejenigen, welche mehr verstehn unter den Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in dem Bewußtsein, daß sie einen großen Lohn für diese Mühe empfangen, und daß sie durch diese Beschäftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu die ausgeladene Jugend geneigt ist.“ Natürlich sollten aber alle Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen.
Als „der Schlüssel der Religion“ mußte zunächst überall, wo es die Ordensregel vorschrieb, unbedingtes Stillschweigen beobachtet werden — außer dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu gewöhnen hatte, der wichtigste und höchste Punkt des klösterlichen Lebens. Denn es müßte Rechenschaft gegeben werden von jedem unnützen Wort nicht nur vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl des Priesters. Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen außerhalb der vorgeschriebenen Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten mit dem Bräutigam Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend hören, was Gott in ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, daß die Kinder und heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und schwatzten, sondern sich sittsam und schweigsam verhielten.
Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebärde und Rede sich das rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. „Am Ort der Buße“, mußte man „die größte Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen Gewändern schmücken, noch auch mit den Fransen der Pharisäer“, sondern die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mußten die Novizen lernen stets zu neigen. „Denn die Scham ist die Hüterin der Jungfrauschaft, der köstlichen Perle, welche die geistlichen Töchter bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen Zeit die Ankunft des himmlischen Bräutigams erwarten welcher seine Verlobten, — die im Glauben und hl. Profeß stets des Herrn harren, — mit Frohlocken in sein Brautgemach führt.“
„Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken, welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle Geschenke von Freunden und andern draußen nicht als ihr Recht beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demütig von ihr das Nötige begehren.“
Die Vorgesetzten aßen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere Speisen und Getränke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die Konventualinnen nur „Kofent“ (Konvent- d.h. Dünn-Bier)[646], aber gleichmäßige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getränken waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten ließen nach herkömmlicher Klostersitte nichts zu wünschen übrig[42]. „Festmahlzeiten und Ergötzlichkeiten“ waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin erlaubt.
Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einführung der neuen Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erläuterung und Ergänzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin Punkt für Punkt erklärt, damit jede Klosterjungfrau — namentlich aber die Neulinge — aus sich selbst die klösterliche Lebensweise und Lebenseinrichtung annähmen.
In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Mädchen eingeführt. Wenn auch die Praxis — wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich in der Verordnung von unnützen Reden — von der Theorie abwich, so war doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in Nimbschen durchgeführt. Man hatte nämlich gerade um 1500 auch hier wie in anderen Klöstern eine „Reformation“ der zerfallenen Klosterordnung erstrebt[43].
Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen Unterricht, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mußten lesen lernen — was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mußten die Nonnen notdürftig eingeführt werden: denn die Lesungen und Gebete, besonders aber die Gesänge waren meist in der Kirchensprache geschrieben — wenn es auch mit dem Verständnis der Fremdsprache nicht gerade weit her war: singen ja doch auch heute Kirchenchöre in Dorfgemeinden lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat Katharina im Kloster gelernt, wenn sie auch später — wie alle viel beschäftigten Frauen nicht gerne und viel schrieb und an Fremde und hochgestellte Personen ihre Gedanken lieber einem Studenten oder Magister in die Feder sagte. Sonst konnten nicht alle Klosterfrauen diese Kunst. Eine eigentliche Schule, worin die Schulmeidlein gelehrt wurden, gab es nicht, doch waren einige Klosterfrauen fähig, nach ihrem Austritt Mädchenschulmeisterinnen zu werden, so die Schwester von Staupitz und die Elsa von Kanitz[45].
Der Gesang spielte eine große Rolle im Kloster: waren doch alle religiösen Uebungen größtenteils gemeinschaftlich und mußten so zum Chorgesang werden. Es war eine Sängerin oder Sangmeisterin (Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesänge einzuüben hatte. Und im Kloster war ein altes „Sangbuch“, welches 1417 für 2 Schock Groschen gekauft und vom markgräflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es waren aber im Kloster fremde Gesänge aufgekommen und es wurde gegen die Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h. rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, daß unvermittelt bald alle, bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, daß rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46].
Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zählte, war sie kein Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die Klosterjungfrauen gezählt. Sie war also einstweilen wenigstens „Postulantin“, Anwärterin für die Pfründe. Da meist das vierzehnte Lebensjahr das Entscheidungsjahr für die Klostergelübde war, so hätte sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profeß thun können. Es ist auffällig, daß sich dies bei Katharina zwei Jahre hinausschob, und sogar die später eingetretene jüngere Ave Schönfeld vor ihr mit ihrer älteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47].
Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der Sammlung von der Aebtissin „angegeben“ (vorgeschlagen) und von dem Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfaß besprengten und beräucherten heiligen Kleider angethan: die weiße Kutte übergezogen, der weiße Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weiße Rosenkranz aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Bräutigam in die Arme gelegt, dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheißen und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin und jeder der einzelnen Klosterfrauen demütig zu Füßen, wurde von ihnen aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft aufgenommen[48].
Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer älteren Klosterfrau und mußte in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge üben in Haltung und Gang, in Gebärde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel sündigen und dafür Buße erleiden will. So erzählt eine Nonne: „Das Probejahr geschahe nur, daß wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden tüchtig“[49].
Endlich, im Jahre 1515, „Montags nach Francisci Confessoris“, d.h. am 8. Oktober, war Katharinas „eynseghnug“. Da mußte sie „Profeß thun“, d.h. das ewig bindende Klostergelübde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von sich erzählt: „Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet wäre zu halten? wäre aber nicht von nöten, denn ich hätte mich in der Einkleidung genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden wäre, hätte ich doch nichts sagen dürfen, hätte mir auch nichts geholfen.“ Die Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von „Bhor“ als einzige auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen, was sie vermochte, 30 Groschen[50].
Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) später sagte, ohne „ihren Willen“ wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur gefügt, sondern auch „hitzig und emsig und oft gebetet“[51].
Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich später ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch „gute Werke“, insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Güter und geldliches Vermögen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also strengte sie alle Kraft und allen Fleiß an, solchen Reichtum zu erwerben und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu verdienen. Was sie später als Frau einmal angriff, das erstrebte sie auch mit der ganzen Gewalt und Zähigkeit ihres Willens, und so wird sie es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwärmerei an sich haben.
Und was hatte nun die junge Nonne für hohe Werke und heilige Pflichten zu thun?
Fast das gesamte Leben im Kloster füllten geistliche Uebungen aus, ihr ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hören erbaulicher Dinge, „da“, wie es in einer Klosterregel heißt, „alle Klausur und geistliche Leute erdacht und gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“. Das waren nun außer dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien, Ordensregeln. Auch nächtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und Vigilien. Und sogar während des Essens, wo Stillschweigen geboten war, wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina auch selbst diese Vorlesung zu halten und mußte dann nachspeisen[52].
Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natürlich fühlendes und religiöses Gemüt machen mußten, hören wir aus einem späteren Bericht: „Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: „Das hat man müssen hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was für eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo geschrieben, daß wer nur eine Silbe ausließe und nicht gar ausbetete, müßte Rechenschaft dafür geben am jüngsten Gericht[53].“
Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht; jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer „Siechenmeisterin“ sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als daß bei so vielen Vorgängerinnen an sie die Reihe gekommen wäre[54].
Eigentliche Arbeit gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Küche und Stube schafften die Laienschwestern und Klostermägde. Freilich so ganz arbeitslos wie bei manchen adeligen Mönchsorden, wovon der Volkswitz sagt:
Kleider aus und Kleider an
Ist alles, was die Deutschherrn than.
— so träge verfloß das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der großen Schafherden für die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien, wie Altardecken, Meßgewänder, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen, wohl auch in Pforta für die Kirche der dortigen Mönche und vielleicht auch für den Bischof von Meißen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da und dort von Luthers Käthe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind.
Eine gewisse Unterhaltung gewährte noch die Besichtigung und
Instandhaltung der zahllosen Reliquienstücke, welche in der Nimbscher
Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmücken und in
Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altären in Kreuzen,
Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von
Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweißtuch, vom
Stein und Boden, wo Jesus über Jerusalem weinte, im Todesschweiß betete,
gegeißelt saß, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock,
Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut
Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Täufers; von vielen Heiligen,
bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von
Thüringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zähne,
Hände, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche —, ferner Partikeln von der
Säule Christophs, vom Kreuz des Schächers u.a.[56].
Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die
Obhut über die hl. Kapseln.
Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was eine gewisse Abwechslung in dem täglichen Gottesdienst gab.
Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen
Festtage, Bittgänge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem
Kirchhof[57].
Eine große Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von Pforta — freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern mußte abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster verköstigt, auch herkömmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58]. Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Mißstände, ein Verhör aller einzelnen Schwestern und schließlich einen oft scharfen Bescheid.
Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins
Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfürsten Ablässe,
wenn auch nur 40tägige, erlangt für Besucher und Wohlthäter des
Klosters, für Anhörung von Predigten und Kniebeugen beim Aveläuten[59].
Der Hauptablaß aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten des Klosters unter dem Namen „Ablaß“ (wie in Bayern „Dult“ = Indulgenz = Ablaß). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu Nimbschen jährlich „Ablaß“ war, mußten fronweise aus jedem Klosterdorf drei Männer kommen und „zur Verhütung von Händeln, bei Tag und Nacht zu besorgend, Wache halten“. Von all diesem Leben und Treiben freilich sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer Klausur aus den Lärm draußen hören konnten[60].
Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die andre Schwester mit; aber freilich an die jüngern Klosterfrauen kam das wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Städchen, oder auch ins ferne Torgau, die kurfürstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das großartige Schloß Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und mußte mit eigenem Geschirr Getreide holen, während die Stadt verschiedene Gebräude Bier selbst bringen mußte. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurück gebracht. Eingekauft wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schöffer Leonhard Koppe, z.B. Tonnen Heringe, Kiepen (Rückkörbe) voll Stockfische, Hechte, Fässer Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkäufe zu Martini, wo „Meine gnädige Frau“, die Aebtissin, mit einer würdigen Jungfrau die Zinsen einnahm, in der Herberge auch einige Groschen „zu vertrinken“ gab und bei Koppe einkaufte und die Rechnung persönlich bezahlte[61].
Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts besonderes Außerordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schönfeld die Jüngsten im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von mütterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Poßin, 1 Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers (Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten sehr zu ihrem Propst, während die Beichtväter verhaßt waren; denn diese, „die 2 Herren an der Pforte“ betrugen sich anspruchsvoll und anmaßend, mischten sich — wohl aus Langerweile — in Dinge, die sie nichts angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschäftskreis des Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so daß gar oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt wider sie und gegen ihre Schützer, die Aebte von Pforta, anrufen mußte[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene Gelegenheit, den Mönchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513 kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein Privilegium an. Weil seine Anstalt nämlich nicht genug Einkünfte besaß, hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, daß allen Wohlthätern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde. Also gab die Domina Aebtissin und ganze löbliche Sammlung des Klosters eine Beisteuer und erhielten dafür einen gedruckten mit dem Namen „Niimitsch“ ausgefüllten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen für seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und aller guten Werke und Ablässe derselben teilhaftig und ihm insbesondere erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder mönchischen Beichtvater Absolution von Sünden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im Leben und im Todesfall, so oft es nötig erschien, erteilen zu lassen. Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthüren geöffnet, durch welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit erlangen konnten.
Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs. Die Klosterdörfer hatten zwölferlei Fronden. Von diesen trotzten die Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht zufrieden, so daß der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen mußte[65].
Das waren die kleinen und kleinlichen Eindrücke und Ereignisse, die in das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora eingreifend, die glatte Oberfläche ihres beschaulichen Daseins leicht kräuselten. Das waren die einförmigen Beschäftigungen, mit denen sie die Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre mühsam hinwegtäuschten. Solche einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die körperliche Kraft eines jungen Menschenkindes zurückhielt, so mußte es auch die aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht nur das äußere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge kurzsichtig. Wenn auch die gähnende Langeweile demjenigen nicht zu Bewußtsein kam, der von nichts anderem wußte, so mußte doch der Geist nach Eindrücken lechzen, so daß das Sprichwort begreiflich wird, welches den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt: „Neugierig wie eine Nonne“. Und die ständige Aufgabe, „das Leben in sich abzutöten“, konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich heißhungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die eigentümliche Lebenskraft des Weibes, das Gemüt hier unbefriedigt[66].
Gewiß die allermeisten dieser adligen Fräulein hatten es äußerlich angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxuriöser als daheim im beschränkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewußtsein hatte, war viel größer als dasjenige, das eine arme Edelfrau draußen in der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die Künstlichkeit all dieser Verhältnisse mußte, wenn auch ohne klares Bewußtsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist drücken.
Nur das eine Gefühl konnte die Nonne über alle Zweifel, alle Entsagung, alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das Bewußtsein, ein gottwohlgefälliges Werk zu thun, sich ein besonderes Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschüttert und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann mußte das ganze Gebäu zusammenstürzen, dann mußte eine gegen sich aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfüllt hatte.
Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verständiger, nüchterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter Schwermut sich unglückselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine verschlossene Welt.
Es mußte ihr erst die Möglichkeit sich öffnen, den Klostermauern zu entrinnen, und das pflichtmäßige Recht, es zu dürfen; dann aber erwachte auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war.
3. Kapitel
Die Flucht aus dem Kloster
Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengelübde abgelegt, da schlug der Augustinermönch Martin Luther in Wittenberg die 95 Sätze wider den Ablaß an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr später war die große Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres verbrannte Luther die Bannbulle und im Frühjahr 1521 stand er vor Kaiser und Reich in Worms.
Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse drangen auch in die Klöster und erregten auch dort die Geister; dies um so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kämpfe selbst ein Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als Vorkämpfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer gewissen Sympathie betrachtet wurde.
Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Mönch und Doktor in diesen großen Jahren schrieb. Schon die Disputation von „Kraft und Wert des Ablasses“ über die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders an; denn auf „Kraft und Wert des Ablasses“ ruhte ja ein sehr großer Teil ihres geistlichen Vermögens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das Kniebeugen beim Aveläuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablaß ein. Aber noch näher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere Schriften berühren[67].
Es erschien 1518 Luthers „Auslegung des Vaterunsers für die Einfältigen“. Darin mußte einem Klosterinsassen gar mancherlei auffallen. Das Vaterunser, heißt's da, ist das edelste und beste Gebet — beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! Ferner: „Je weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger Gebet. Da klappert einer mit den Paternosterkörnern und manche geistliche Personen schlappern ihre Horen überhin und sagen ohne Scham: ‚Ei nun bin ich froh, ich habe unsern Herrn bezahlt‘, meinen, sie haben Gott genug gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplärr, Geschrei und Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: ‚niemand wird erhört durch viel Worte machen‘. Er spricht nicht: ihr sollt ohne Unterlaß beten, Blätter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, viele Worte machen. Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung des Gemütes oder Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen Gottes verunehren die hoffärtigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die nicht sind wie andere Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. Wir beten nicht: Laß uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach laufen; sondern: Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein Reich muß zu uns kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in den Himmel. Das tägliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon gespeist, gestärkt, groß und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu unser Zeit, daß das Fürnehmste im Gottesdienst dahinten bleibt.“[68]
Dann kam 1520 der „Sermon von den guten Werken“. Gute Werke waren ja alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun Luther wahrhaft gute Werke? „Das erste, höchste und alleredelste Werk ist der Glauben an Christum. Darin müssen alle Werke geschehen und dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts. Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so enge, daß nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkürzen und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles fröhlich und frei; nicht um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern können an ihren eigenen Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen, haben sie fürwahr beide Hände voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch ein selige Ehe und Haus wäre das! Fürwahr, es wäre eine rechte Kirche, ein auserwählet Kloster, ja ein Paradies!“
Und ähnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgeführt finden in des Doktors herrlichem Büchlein „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ vom selben Jahr 1520. Da heißt es: „Der Mensch lebt nicht für sich allein, sondern auch für alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein für andere und nicht für sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, daß heutzutage wenige oder keine Stifte und Klöster christlich sind. Ich fürchte nämlich, daß in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere gesucht wird, daß damit unsere Sünden gebüßt und unsere Seligkeit gefunden wird.“
Für die Mönche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere Schriften über das Klosterleben. So das Büchlein über „die Klostergelübde. Aus der Wüstenung (d.h. Wartburg) anno 1521“. Darin nimmt sich Luther der gefallenen und geängsteten Gewissen an und thut aus Gottes Wort dar, daß die Gelübde, die ohne und wider Gottes Gebot geschehen und an sich unmöglich sind, eines getauften Menschen Herz nicht bestricken und gefangen halten können. Der Glaube und das Taufgelübde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi. Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten Gelübde anhängt. „Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel gefangener Herzen“, sagt eine Zeitgenosse[69].
Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches Predigtbuch („Postilla“) von Luther und zu Michaelis desselben Jahres (1522) noch ein Wartburgswerk „Das Neue Testament deutsch“. Da konnte nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche die evangelischen Ratschläge befolgen und ein evangelisches Leben führen wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte.
Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Nähe das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Mönche in mehreren umliegenden Klöstern verließen ihre Gotteshäuser.
Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen, denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenklöster nicht.
Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt?
Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In Grimma war ein Kloster von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516 schon Visitation gehalten und bei der Rückkehr von der Leipziger Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon längst auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von Zeschau war Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Hälfte der Ordensbrüder aus dem Kloster und wurde „Hospitalherr“ (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital.
Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von Zeschau. Gewiß konnte dieser evangelisch gesinnte frühere Mönch wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern 1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte.
Außer dem nahen Städtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene Torgau der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr früh und sehr durchgreifend die Reformation eingeführt worden, besonders seit der frühere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel Zwilling dort wirkte. Dieser, obwohl einäugig und ein kleines Männlein mit schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stürmische Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen hatte, die Bürgerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller römischen Mißstände und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums bewogen. Ja ein Torgauer Bürgersohn, Seifensieder seines Handwerks, entführte zu dieser Zeit — ob vor oder nach 1523 ist ungewiß, — zwei Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus dem Kloster Sitzerode[70].
Ein besonders entschiedener und thatkräftiger Anhänger war der ehemalige Schösser, der „fürsichtige und weise Ratsherr“ Leonhard Koppe, in dessen Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein mußte, vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann für evangelische Schriften, als die doch immerhin verdächtigen übergetretenen Geistlichen von Grimma, vor denen als gefährlichen Wölfen die „zwei Herren an der Pforte“ ihren geistlichen Schafstall wohl gehütet haben werden. Mit seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und auch einen Brief aus dem Kloster nach außen besorgen. Keck und schlau genug war Koppe dazu[71].
Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen machte, läßt sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab. „Als nun die Zeit göttlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen, worinnen ich gefunden, daß mein vermeintlich geistlich Leben ein gestrackter Weg zu der Hölle sei“[72].
In Nimbschen ging es einem großen Teil der Klosterjungfrauen ähnlich. Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster auszutreten.
Das war ein schwerer Entschluß, der große Ueberwindung kostete. Eine ausgesprungene Nonne galt bisher für einen Schandfleck in der Familie. Der freie Austritt aber war nur durch päpstlichen Dispens mit großen Kosten und Mühen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fürstlicher Familien möglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit schon Mönche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden; niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfürstlichen Sachsen, anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhört, jedenfalls noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der eigenen Angehörigen überwunden war, so fragte sich doch: was sollten die ausgetretenen Nonnen draußen in der Welt anfangen, was thun und werden, womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74]
Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten entschlossen, den Schritt zu thun, den sie für recht und geboten erachteten, nämlich nur diejenigen, welche vermöge ihrer Bildung selbständig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues Leben zu schicken, wie die beiden Schönfeld und Katharina von Bora. Es waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau, Loneta von Gohlis, Eva Große, Ave und Margarete von Schönfeld und als zweitjüngste von ihnen Katharina von Bora[75].
Diese Kloster-„Kinder“ (Nonnen) thaten nun das Naturgemäßeste und Verständigste: „sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft (d.i. Verwandte) aufs allerdemütigste um Hülfe, herauszukommen“. Sie zeigten genugsam an, daß ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber nicht länger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen“[76].
Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Töchter und Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese Töchter ins Kloster gethan worden — wie wollte man sie nun in den armen Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrückten, gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins Leben. Wenn endlich auch nicht noch religiöse oder kirchliche Bedenken abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des Bärtigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entführung von gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch Zurücksetzung bei Hofämtern. Kurzum das Gesuch der klosterflüchtigen Nonnen wurde abgeschlagen[78].
So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer Gefahr, daß ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber empfindlich gestraft würden, wie es z.B. der mehrerwähnten Florentina geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde. Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier Wochen bei großer Kälte härtiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und Buße in ihre Zelle gesperrt, mußte sich beim Kirchgang platt auf die Erde werfen und die anderen Nonnen über sich hinschreiten lassen, beim Essen mit einem Strohkränzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden, durchgestäupt und „7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal discipliniert“, in Ketten gelegt und für immer in die Zelle gesperrt — bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schließerin doch entkam.
Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schützte sie ihre große Zahl vor solchen Gewaltmaßregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der verständigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte: Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen übrig gebliebenen Konvent zur Reformation übergetreten, obwohl sie mit den älteren Frauen im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsätzen einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon 1523 den Klosterflüchtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79].
Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie gerechte Ursache, anderswo Hülf und Rat zu suchen, wie sie es haben konnten. Sie fühlten sich ja gedrungen und genötigt, ihre Gewissen und Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Hülfe suchen, als bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkühne Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl, wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von Klosterjungfrauen: sie schrieben „an den hochgelehrten Dr. Martinus Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm ihr Gemüt zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Hülfe“[81].
Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, daß „sie beide hier haben helfen und raten können, und darum seien sie auch schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu retten“[82].
„Denn es ist eine hohe Not“, erklärte er weiter, mit Bezug auf die Nimbscher Nonnen, „daß man leider die Kinder in die Klöster gehen läßt, wo doch keine tägliche Uebung des göttlichen Wortes ist, ja selten oder nimmermehr das Evangelium einmal recht gehört wird. Diese Ursach ist allein genug, daß die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man kann, ob auch tausend Eide und Gelübde geschehen wären. Weil aber Gott kein Dienst gefällt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, daß auch keine Gelübde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Sünden“[83].
„Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub ärgern?“ konnte man einwenden.
Luther erklärte: „Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele raten, es ärgere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der Seele Gefahr in allen Stücken. Darum soll niemand von uns begehren, daß wir ihn nicht ärgern, sondern wir sollen begehren, daß sie unser Ding billigen und sich nicht ärgern. Das fordert die Liebe!“[84]
So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu übernehmen. Und Koppe war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Rücksicht, ob es ihm im Geschäfte schaden könnte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst bringen oder gar ans Leben gehen könnte; denn auf Nonnenraub stand eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfürst Friedrich, der vorsichtige Schützer Luthers mißbilligte nicht nur jede öffentliche Gewaltthat, sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestärkt; denn dieser war auch in die Sache eingeweiht[85].
Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausführung ersehen.
Koppe brauchte aber Gehülfen zur Ausführung seines Unternehmens. Er wählte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen Bürger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein Fräulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth heiratete, welcher dann Amtsschöffer in Torgau wurde. Mit den neun Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und sie machten sich fluchtbereit[86].
In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie kamen über Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen an[87].
Hier rüsteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien, welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die außerordentliche Zeit, wo die Regel und geordneten Beschäftigungen der Klosterfrauen aufgehoben waren, muß dem Fluchtplan günstig geschienen haben. Während die beiden Begleiter in dem nahen Gehölz gehalten haben werden, fuhr Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand, leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen. Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim beschäftigt und die Aufmerksamkeit der übrigen Bewohner des äußern Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtväter, abgelenkt zu haben. Aus der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pförtnerin entweder getäuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thürhüterin sein). Ein alter Berichterstatter erzählt, man hätte eine Lehmwand durchbrochen; ein anderer, die Jungfrauen hätten sich im Garten versammelt und seien da über die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thüre konnten sie entkommen sein; denn an der Bewachung dieser ließ es das Kloster fehlen. Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz unschuldig ab und nahm dann draußen die Jungfrauen auf. Die leeren Tonnen — vorne aufgestellt — konnten ganz gut dazu dienen, den lebendigen Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88].
Auf diese oder ähnliche Weise, jedenfalls „mit ausnehmender Ueberlegung und Schlauheit“, aber auch mit „äußerster Keckheit“ — nicht mit Gewalt wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah es fast wie ein Wunder an[89].
Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der Freiheit durch die frühlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch die kurfürstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von Nimbschen aus war nicht gerade zu befürchten: es waren dort keine Männer, welche etwa einen Kampf mit den Entführern gewagt hätten. Auch hat der kluge Koppe gewiß ihre Spuren möglichst verdeckt und die Verfolger irre geführt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die Reise unauffällig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau wurde übernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der Eile noch vervollständigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster und auch so nahe beim kurfürstlichen Hof zu lassen[91].
Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den geschorenen Häuptern ein „arm Völklein“, aber in ihrer großen Armut und Angst ganz geduldig und fröhlich[92].
Luther empfing sie mit wehmütiger Freude. Den kühnen aber rief er zu: „Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen werden, welches viele für großen Schaden ausschreien: aber die es mit Gott halten, werden's für großen Frommen preisen. Ihr habt die armen Seelen aus dem Gefängnis menschlicher Tyrannei geführt eben um die rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefängnis gefangen nahm“[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab ihnen Grüße mit an Koppes „liebe Audi“ und „alle Freunde in Christo“[94].
Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung für sich, für den „seligen Räuber“ Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie für die befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten nachfolgen „dem Fürsichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Bürger zu Torgau, meinem besonderen Freunde“ einen offenen Brief. „Auf daß ich unser aller Wort rede, für mich, der ich's geraten und geboten, und für Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und für die Jungfrauen, die der Erlösung bedurft haben, will ich hiermit in Kürze vor Gott und aller Welt Rechenschaft und Antwort geben“. In dieser „Ursache und Antwort, daß Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen“ berichtet er offen die That und ihre Gründe und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er sagt ihnen:
„Seid gewiß, daß es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es für das allerärgste Werk tadeln. ‚Pfui, pfui!‘ werden sie sagen, ‚der Narr Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Mönch fangen lassen, fährt zu und führt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und hilft ihnen, ihr Gelübde und klösterlich Leben zu verleugnen und zu verlassen‘. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja, verraten und verkauft, daß auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu Nimptzschen, weil sie nun hören, daß ich der Räuber gewesen bin! Daß ich aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen Gründen. Es ist durch mich nicht darum angeregt, daß es heimlich bleiben sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am Licht. Wollte Gott, ich könnte auf diese oder andere Weise alle gefangenen Gewissen erretten und alle Klöster ledig (leer) machen. Ich wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu geholfen hätten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstört, würde hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten müßte. Zum anderen thu ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu erhalten, daß niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich ausgeführt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Klöstern haben, daß sie selbst dazu thun und sie herausnehmen“[95].
Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte, wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehörigen, und zu Pfingsten wurden wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96].
Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte, — Luther war ein zu gefürchteter Kämpe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den — Kurfürsten über diese Vorgänge, welche zur „Entrottung und Zerstörung des Klosters“ führten, und beschwerte sich, daß die Nonnen von Sr. Kurf. Gn. Unterthanen dazu geholfen und gefördert worden seien. Der Kurfürst Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende Antwort: „Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's bei ihrer selbst Verantwortung bleiben“[97].
Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526 waren einige zwanzig — auch Magdalena von Bora — ausgetreten, so daß jetzt nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer Aebtissin wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der Konvent im Jahre 1545 auflöste[98].
Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April, wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entführer einer Nonne betroffen hatte, der zu Dresden geköpft worden war. Und weitere acht flohen aus Peutwitz[99].
Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder andere „elende Kinder“ an Luther aus dem fürstlichen Kloster Freiberg im Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich Luther an den bewährten Nonnen-Entführer Leonhard Koppe, den er scherzweise „Würdiger Pater Prior“ anredet. Luther wußte, daß diese Zumutung fast zu viel und zu hoch sei — es konnte ja diesmal ernstlich das Leben kosten — und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes, der dazu helfen könnte. Aber der verwegene Mann ließ sich um ein solches wagehalsiges Stück schwerlich vergebens bitten und — zu Georgs allerhöchstem Verdruß — glückte das Wagestück, wie die Entführung aus Nimbschen[100].
4. Kapitel
Eingewöhnung ins weltliche Leben.
Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden?
Die Sorge blieb an Luther hängen. Nochmals wandte er sich an die Angehörigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt und ihre Pflicht eingeschärft haben, sich ihrer erbarmungswerten Töchter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heißt: „O, der Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!“[101]
Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, daß die Verwandten, wenigstens zum Teil, ablehnten, für die Nonnen zu sorgen. Daher überdachte er, wie er sie unterbringen könnte. Aber von seinen „Kapernaiten“ (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine Geldunterstützung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren Seiten Versprechungen, den Geflüchteten eine Unterkunft zu bieten. Etliche wollte er auch, wenn er könne, verheiraten. Amsdorf schrieb scherzend an Spalatin: „Sie sind schön und fein, und alle von Adel, und keine fünfzigjährige darunter. Die älteste unter ihnen, meines gnädigen Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich mögest eines solchen Schwagers rühmen. Willst Du aber eine jüngere, so sollst Du die Wahl unter den Schönsten haben“[102].
Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und Geheimschreiber des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, „dieser ehrbaren Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfürsten etwas Geld zu betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Geflüchteten einstweilen genährt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung versehen werden könnten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider.“ Luther ging es nämlich damals so schlecht, daß er selbst kaum etwas zu essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz schuldig bleiben mußte: so sehr blieben die Klostereinkünfte aus, auf die Luther und der letzte mit ihm lebende Mönch angewiesen war. Er scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: „Der Bettelsack hat ein Loch, das ist groß“. Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfürsten wollte nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstützungen herausrücken, weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen mußte: „Vergeßt auch meiner Kollekte nicht und ermahnt den Fürsten um meinetwillen auch etwas beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen, daß er etwas für die abtrünnigen Jungfrauen gegeben — die doch wider Willen geweihet und nun gerettet sind“[103].
Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er mußte klagen: „Sie sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen.“ Luther mußte also trotz seiner großen Armut die Nonnen mit großem Aufwand unterstützen. Sonst erfuhr er, „was sie draußen von ihren Verwandten und Brüdern leiden müßten“ — wenn etwa eine nach Hause käme. Sie wollten meist auch nicht zu ihrer „Freundschaft“, weil sie in Herzog Jörgs Land des göttlichen Wortes Mangel haben müßten[104].
Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als „Schulmeisterin“ der Mägdlein in Grimma gesetzt, und ihr ein Häuslein vom Mönchskloster gegeben. Die Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie 1527 als Schulmeisterin der Mägdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave von Schönfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105].
Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die
Eltern waren tot, Bruder Hans mußte selber Dienste suchen im fernen
Preußen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der älteste Bruder war arm
verheiratet, hatte wohl keinen Platz für die Schwester; vom jüngsten,
Clemens, war vollends nichts zu erwarten.
So wurde denn das Fräulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im Hause eines Wittenberger Bürgers untergebracht, der in der Bürgermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat der Rechte, 1530 Bürgermeister und endlich Kurfürstlicher Rat wurde[106].
In dem Wittenberger Bürgerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine
Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr.
Sie muß dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war
bekannt und genannt im Kreise der Universitätsgenossen, und der
Dänenkönig Christiern II., der landesflüchtig im Oktober 1523 nach
Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte
Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg
sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten
Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurückhaltung, „die Katharina von
Siena“[107].
Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun Katharina von Bora sich eingewöhnen in das neue oder vielmehr alte „weltliche“, das bürgerliche Leben.
Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast ihr ganzes bewußtes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an nonnenhafte Gebärde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewöhnt; den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und Küche; in der That, man begreift, daß der praktische Luther beim Anblick der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: „Ein armes Völklein“! Wie in die weltliche Kleidung mußte Katharina sich nun an weltliche Sitte und Rede gewöhnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne bräunen, ihre zarten Hände im Angreifen von Töpfen und Besen sich härten, so mußte auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber gesünderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kräftigen. Aber wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zöpfen wuchsen, so nahm auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die großen weltlichen Interessen zu.
Und das gnädige Fräulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie wurde hier tüchtig vorgeschult für ihren späteren großen pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der Wittenberger Universität in dem Hause Reichenbach „stille und wohl verhalten“[108].
Aber auch andere Gedanken und Gefühle erwachten in ihr und wurden ihr von außen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr sie schmerzliche Enttäuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger machten.
Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau für das richtigste heiratsfähige Alter galt, eine überreife Jungfrau. Daß sie an Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine Stellung noch Vermögen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte doch nur ein vorübergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der die besondere Sorge für diese, wie für andere ausgetretene Klosterleute übernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht, diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging dahin — darin hatte er die echt bäuerliche Ansicht seines Vaters — daß der Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe bestimmt sei[109].
Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitätsstadt Hieronymus Baumgärtner, ein Patriziersohn aus Nürnberg, „ein junger Gesell mit Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt“. Er hatte früher (1518-21) in Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und besonders Melanchthon besuchen, mit dem er später in regem Briefwechsel stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte für seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Käthe 24, beide aus vornehmem Hause; sie ohne Vermögen, um so mehr paßte in Luthers Augen der wohlhabende Nürnberger für sie. Und er wird wohl dafür gesorgt haben, daß Baumgärtner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand. Auch Käthe faßte eine raschaufwallende Neigung für den jungen Mann, war er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne näherte. Vielleicht haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die Heirat für sicher.
Aber Baumgärtner zog heim nach Nürnberg und ließ nichts mehr von sich hören, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzuführen. Die Freunde, besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der Nürnberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgärtner einen Gruß von „Katharina von Siena d.i. von Borra“. Endlich schrieb Luther noch einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgärtner: „Wenn Du Deine Käthe von Bora festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird, der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich würde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden würdet“[111].
Aber den Eltern Baumgärtners war offenbar die entlaufene Nonne anstößig, und daß sie vermögenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen. Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht ein. Als er im Frühjahr 1525 in Nürnberg Ratsherr geworden war, verlobte er sich mit einem Mädchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing „mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwünschter war, von sehr angesehenen Eltern“ und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in München die Hochzeit[112].
Da aber Baumgärtner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rückte Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er für Käthe an der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der Universität Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre Patronatspfarrei Orlamünde hatte setzen lassen. Luther ging nun damit um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Käthe, welche den Mann während seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres Gefühl als Luther. Glatz war, wie sich später herausstellte, ein rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden mußte. Luther aber setzte Käthe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem Professor Amsdorf und beklagte sich, daß Luther sie wider ihren Willen an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, daß Amsdorf Luthers vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies Vorhaben hintertreiben.
Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung für adeligen Hochmut auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklärung gedrängt: Würde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle sie sich nicht weigern, D. Glatz aber könne sie nicht haben[113].
Diese Aeußerung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte ihre Folgen; zwar nicht für Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber für Luther. Auch er hatte die Bora „für stolz und hoffärtig“ gehalten, während sie doch nur etwas Zurückhaltendes hatte und ein gewisses Selbstbewußtsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch jene Erklärung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken gebracht[114].
5. Kapitel.
Katharinas Heirat.
So machte Luther bei Käthe von Bora, aber auch bei anderen Nonnen den Freiwerber; er that es aber auch in seinen Schriften, worin er den Ehestand so hoch pries und jedermann dazu einlud. Daher scherzte er in einer Epistel an Spalatin: „Es ist zu verwundern, daß ich, der ich so oft von der Ehe schreibe und so oft unter Weiber komme, nicht längst verweibischt oder beweibt bin.“ Und mehr im Ernst: „Ich dränge andere mit so viel Gründen zur Ehe, daß ich beinahe selbst dazu bewegt werde“[115].
Wenn Luther so eifrig zur Ehe riet, so hatte er dabei vor allem seine Amtsgenossen im Auge. Denn bis zur Reformation war es nicht nur Sitte, sondern sogar Gesetz, daß Universitätslehrer sich nicht verehelichten: so sehr wurden die Schulen, auch die Hochschulen als kirchliche, ja geistliche Anstalten angesehen und die „geistigen“ Personen als „Geistliche“. Nur beschränkte Ausnahmen wurden allmählich mit der Verehelichung gestattet für Mediziner und Juristen; Rektor konnte lange Zeit, auch in Wittenberg, nur ein unverehelichter Professor werden. Die Gelehrten aber betrachteten auch ihrerseits die Ehe als eine Erniedrigung für ihren hohen Stand. Darum hat Luther nur mit Mühe den Gelehrten Melanchthon zur Heirat vermocht[116].
Daß aber die eigentlichen Geistlichen, die Priester, heirateten, das war vor Luther, seit Gregor des Siebenten Zeiten, das heißt seit sechsthalbhundert Jahren etwas Unerhörtes. Gerade aber darauf hat nun Luther allmählich in seinen vielen Schriften gedrungen, um zu zeigen daß im Christentum der geistliche Stand nichts Besonderes sei, daß vielmehr alle, die aus der Taufe gekrochen, Bischöfe und Pfarrer wären, und umgekehrt die Geistlichen nichts anders als Christenmenschen. So hat er all seine geglichen Freunde zur Ehe gedrängt und ihnen dazu mit Eifer verholfen; auch den Hochmeister von Preußen und den Erzbischof von Mainz. Er wollte sozusagen für seine Anschauung vom allgemeinen Priestertum und dem hl. Ehestand, wie der falschen Heiligkeit des Cölibats den Massenbeweis mit Tatsachen führen. So mahnt er Spalatin (Ostern 1525): „Warum schreitest Du nicht zur Ehe? Es ist möglich, daß ich selbst dazu komme, wenn die Feinde nicht aufhören diesen Lebensstand zu verdammen und die Klüglinge ihn täglich belächeln!“[117]
Der Gedanke, daß auch Klosterleute ehelich werden sollten, war Luther anfangs befremdend: galt dies doch nach der Anschauung der Zeit so sakrilegisch, daß die weltlichen Rechte Heiraten von Mönchen und Nonnen mit dem Tode bestraften[118]. Von der Wartburg schrieb Luther (am 6. August 1521): „Unsere Wittenberger wollen sogar den Mönchen Weiber geben? Nun mir sollen sie wenigstens keine Frau aufdringen,“ und mit Melanchthon scherzt er, ob dieser sich wohl an ihm dafür rächen wolle, daß er ihm zu einer Frau verholfen habe? er werde sich aber zu hüten wissen. Doch nach wenigen Monaten hatte er sich überzeugt: „Das ehelose Leben in Klöstern ist auch der geistlichen Freiheit zuwider. Darum, wo du nicht frei und mit Lust ehelos bist und mußt es allein um Scham, Furcht, Nutz oder Ehre willen, da laß nur bald ab und werde ehelich.“ So versorgte er nun auch Mönche und Nonnen in den Ehestand[119].
Aber wie er selber nur spät, — am spätesten unter den Brüdern — dazu kam, sein Klosterleben aufzugeben, seine Kutte — als die letzte zerschlissen war — im Oktober 1524 mit dem Priesterrock und Professorentalar vertauschte, so erging es ihm auch mit dem Heiraten. 1528 sagte er: „Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt hätte, nach 7 Jahren würde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so hätte ich ihn ausgelacht“. Gerade wenn ihm seine Freunde und Freundinnen wie Argula von Grumbach zuredeten oder davon sprachen, er werde doch noch heiraten, erklärte er das für Geschwätz. Noch am 30. November 1524 meinte er, bei seiner bisherigen und jetzigen Gesinnung werde er keine Frau nehmen, sein Gemüt passe nicht zum Heiraten, er fühle sich dazu nicht geschickt. Ja noch Ostern 1525 schreibt er, daß er an keine Ehe denke[120].
Aber bald nach Ostern wurde er anderen Sinnes.
Es war gerade die böse Zeit der Bauernunruhen, wo radikale Schwärmer die Sache der Reformation aufs äußerste gefährdeten, die Zeit, wo die Feinde mit gehässiger Schadenfreude auf ihn wiesen, und die Freunde mit ängstlicher Sorge nach ihm schauten; es war damals, da er umherzog die fanatischen Bauernhaufen zu beschwichtigen und dabei zweimal in Fährlichkeiten des Todes gewesen, als er überhaupt dem Tode entgegen sah[121]. Da erklärte er: „Münzer und die Bauern haben dem Evangelium bei uns so sehr geschadet und die Papisten so übermütig gemacht, daß es fast aussieht, als müsse man das Evangelium wieder ganz von vorn predigen.“ Deshalb wollte er's nunmehr „nicht mit dem Wort allein, sondern mit der That bezeugen“. Er wollte mit seinem Beispiel seine Lehre bekräftigen, weil er so viele kleinmütig finde, und so auch dem zaghaften Erzbischof von Mainz zum Exempel voran traben. Er war im Sinne, ehe er aus diesem Leben scheide, sich im gottgeschaffenen Ehestande finden zu lassen und „nichts von seinem vorigen papistischen Leben an sich zu behalten“, und sei es auch nur eine verlobte Josephsehe: auf dem Todbett wollte er sich ein fromm Mägdlein antrauen lassen und ihr zum Mahlschatz seine zwei silbernen Becher reichen. Als er gar von Dr. Scharf das Wort hörte: „Wenn dieser Mensch ein Weib nähme, so würde die ganze Welt und der Teufel selber lachen und er all seine Sach damit verderben“, da entschloß er sich erst recht: „Kann ich's schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen.“ Endlich drängte ihn auch sein Vater, mit dem er auf seinen damaligen Reisen zusammentraf, seinen größten Lieblingswunsch zu erfüllen, und Luther wollte „diesen letzten Gehorsam seinem geliebenden Vater nicht weigern“[122].
Und gerade eine Nonne sollte die Erwählte sein, „dem Teufel mit seinen Schuppen, den großen Hansen, Fürsten und Bischöfen zum Trotz, welche schlechterdings unsinnig werden wollen, daß geistliche Personen freien“. Und nicht nur den großen Hansen, sondern auch dem großen Haufen zum Trotz, welcher nach seinem Aberglauben den Sohn eines Mönchs und einer Nonne für den Antichrist hielt. Also wollte er „mit der That das Evangelium bezeugen, zum Hohn für alle, welche triumphieren und Ju, ju schreien, und eine Nonne zum Weibe nehmen“[123]. Diese Nonne aber sollte Katharina von Bora sein.
Sie war noch immer unversorgt im Reichenbachschen Hause, und er konnte an ihr ein Werk der Barmherzigkeit thun. Sie hatte erklärt, sie werde ihn nehmen, wenn er sie wolle. Und er hatte mittlerweile eine bessere Meinung von ihr gewonnen.
Daß Käthes außerordentliche Schönheit ihn in Feuer gesetzt habe, sagten ihm seine Gegner in gehässiger Absicht nach. Luther redet nur einmal und in ziemlich später Zeit in einem Brief an seine Gattin, in ritterlich schalkhafter Weise davon, daß er „daheim eine schöne Frau“ habe. Ausdrücklich aber erklärt er, in den ersten Tagen seiner Ehe, daß er nicht verliebt sei oder voll leidenschaftlichen Feuers, aber er habe seine Frau gern. Sie war ja auch gar nicht besonders schön. Von körperlicher Schönheit zitierte Luther den Reim:
Ist der Apfel rosenrot,
Ist ein Würmlein drinnen,
Ist das Maidlein säuberlich,
So hat's krause Sinnen.
Und da ihm ein heiratslustiger Freund einmal sagte, er möchte eine Schöne, Fromme, (d.h. Brave) und Reiche, so bemerkte Luther: „Ei, ja, man soll dir eine malen mit vollen Wangen und weißen Beinen; dieselben sind auch die frömmsten, aber sie kochen nicht wohl und beten übel“[124].
So traf er in der Stille und ohne leidenschaftliche Erregung seine Wahl. Am 16. April scherzt er gegen Spalatin, daß er ein gar arger Liebhaber sei: „Drei Frauen habe ich zugleich gehabt und sie so wacker geliebt, daß ich zwei verloren habe, welche andere Verlobte nahmen, und die dritte halte ich kaum am linken Arme, die mir vielleicht auch bald weggenommen wird“[125].
Er hatte also doch bestimmte Persönlichkeiten ins Auge gefaßt.
Schon am 4. Mai, nach einem Besuche bei seinen Verwandten in Eisleben und Mansfeld, redet er in einem vertrauten Briefe an seinen Schwager Rühel zu Mansfeld von „meiner Käthe“, die er nehmen wolle, so er's schicken könne. Und wie seinen Schwager, hat er jedenfalls auch seine Eltern in seine Pläne eingeweiht, und der Vater redete ihm ernstlich zu[126]. In Wittenberg selbst aber vertraute er es nur wenigen Leuten an: dem Maler und Ratsherrn Lukas Kranach und seiner Frau. Gerade seinen Amtsgenossen und übrigen Freunden, vor allem auch Melanchthon, sagte er nichts davon. Die Klugen wollten für ihn gerade nicht, was Luther wollte: eine Nonne, und dachten und redeten über eine Mönchs- und Nonnenheirat „lieblos“. Und ganz besonders war ihnen Katharina von Bora nicht recht; alle seine besten Freunde schrieen: „Nicht diese, sondern eine andere!“ Und wohl um es zu verhindern, brachten „böse Mäuler“ sogar eine boshafte Nachrede auf. Aber gerade das bewog Luther, der Sache rasch ein Ende zu machen, bevor er die gegen ihn aufgebrachten Mäuler zu hören genötigt würde, wie es zu geschehen pflegt, und „weil der Satan gern viel Hindernis und Gewirrs mache durch böse Zungen“[127]. Er „betete zu unserm Herrn Gott mit Ernst“, wie er berichtet, und handelte dann ohne Menschen-Rat und -Bedenken, ja wie Melanchthon klagt, ohne seinen Freunden etwas davon zu sagen[128].
Mit Katharina hatte sich Luther jedenfalls ins Einverständnis gesetzt: wenn er schon wochenlang schreiben konnte „Meine Käthe“, so mußte sie doch von seinen Absichten wissen.
Daß Käthe an Martin Luther auch ein rein menschliches Gefallen fand, begreift sich. Er war wohl schon 42 Jahre alt und 16 älter wie sie selbst. Aber ein Zeitgenosse bezeugt: „Ein fein klar und tapfer Gesicht und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmaßen eine schöne Person. Er hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden, war nicht ein großer Schreier“. Auch einem edeln, feineren Geschmack mußte der ehemalige Mönch und Bauernsohn zusagen: er hielt etwas auf ein ansprechendes Aeußere und wegen seiner Sorgfalt in der Kleidung nannten ihn sogar seine Gegner tadelnd einen „feinen Hofmann“, denn er trug „Hemden mit Bändelein“, hatte einen Fingerring und gelbe Stiefel[129].
Dabei war Luther für alles Schöne in Kunst und Natur eingenommen, ein guter Sänger und „Lautenist“, heiteren Sinnes und fröhlicher Laune.
Aber noch mehr mußte Luthers Gemütsart einem weiblichen Wesen zusagen: er war bei aller Heftigkeit doch gutmütig, bei aller Halsstarrigkeit lenkbar wie ein Kind, bei aller Derbheit doch sinnig und feinfühlig. Dabei war er „ein frommer (guter) Mann“, der sein Weib herzlich lieb haben konnte, und in dessen Besitz, wie er selber sagte, eine Frau sich als Kaiserin dünken dürfte[130].
Freilich auch die äußere Stellung, welche Luthers Gemahlin einnahm, mußte einen hochstrebenden Sinn reizen. Das Doktorat war in dieser Humanistenzeit noch höher gewertet als heutzutage die akademische Professur, es stand mindestens dem Adel gleich. Der einfachste Doktor, der vom Bauern- und Handwerkerstand sich emporgearbeitet hatte, wurde von adeligen Jungfrauen als wünschenswerter Ehegenosse begehrt, sodaß eine große Anzahl Professorenfrauen in Wittenberg von Adel waren. Und gar Luthers Gattin zu heißen, des gefeiertsten Mannes nicht nur in ganz Wittenberg, sondern in der ganzen Christenheit, mußte einem Weibe von Selbstgefühl schmeicheln, wenn es sich auch umgekehrt sagen mußte, daß mit der Größe des Mannes auch all der Haß und die Beschimpfung mit in Kauf zu nehmen, welche ihm die Feinde entgegenbrachten. Es war auch ein gewagtes Unternehmen, einen solchen außerordentlichen Mann zu befriedigen, des Gewaltigen ebenbürtige Lebensgefährtin zu werden. Jungfer Käthe hatte den Mut wie das Selbstbewußtsein dazu.
So weigerte sich Käthe der Annäherung Luthers nicht.
Die förmliche Bewerbung Luthers ist wahrscheinlich erst Dienstag den 13. Juni geschehen, natürlich im Reichenbachschen Hause. Ein späterer Bericht sagt, daß Käthe überrascht war und anfänglich nicht gewußt, ob es Luthers Ernst sei, dann aber eingewilligt habe. Gleich abends am selben Tage war die Trauung oder „das Verlöbnis“, entweder ebenfalls beim Stadtschreiber oder möglicherweise in Luthers Behausung im Kloster. Auf die Zeit des Nachtmahls lud der Doktor den Stadtpfarrer Bugenhagen und den Stiftspropst Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn und Stadtkämmerer Meister Lukas Kranach und seine Frau — Melanchthon war nicht dabei — was Jonas ausdrücklich als auffällig hervorhebt: er war so ängstlich über diesen Schritt seines großen Freundes, daß er nicht zu diesem Akt paßte. Auch seinen Freund Dr. Hier. Schurf konnte Luther nicht zu seinem Rechtsbeistand wählen, weil dieser Lehrer des bürgerlichen und kirchlichen Rechts allerlei juristische Bedenken hatte gegen die Priesterehe[131].
Die Trauung geschah nach den herkömmlichen Bräuchen[132]: der Rechtsgelehrte vollzog die rechtlichen Formalitäten, den schriftlichen Ehevertrag, er (oder Bugenhagen) fragte im Beisein der Zeugen den Bräutigam, ob er die Braut zum Weibe nehmen und die Braut, ob sie den Mann zum ehelichen Gemahl haben wollte. Dann gab der Pfarrer sie beide mit Gebet und Segen zusammen. Darauf folgte ein kleines Abendessen und dann das Beilager: Braut und Bräutigam wurden zum Brautbett geführt, lagerten sich darauf unter einer Decke und damit war die Ehe gültig[133].
Das war Luthers „Gelöbnis“, wie es in der Wittenberger Redeweise hieß.
Jonas konnte sich beim Anblick der Verlobten auf dem Brautlager nicht
enthalten, Thränen zu vergießen, so sehr war er bewegt. Aber auch die
Gemüter der anderen waren gewiß in großer Bewegung, nicht zum wenigsten
Luther und Käthe[134].
Am folgenden Morgen, Mittwoch, gab Luther den Freunden ein kleines
Mittagsmahl, das damals um 10 Uhr stattfand. Da mittlerweile die
Vermählung in dem kleinen Wittenberg rasch bekannt geworden war, so
sandte der Stadtrat einen Ehrentrunk von einem Stübchen (= 4 Maß)
Malvasier, einem Stübchen Rheinwein und anderthalb Stübchen
Frankenwein[135].
„Das Gelöbnis“ war aber nach damaliger Sitte nicht die „Beilage“ oder öffentliche Hochzeit; diese folgte erst später mit öffentlichem Kirchgang und der „Wirtschaft“ (d.i. Hochzeitsschmaus) und feierlicher Heimführung der „Jungfer Braut“. Vierzehn Tage nach der Trauung, Dienstag den 27. Juni, folgte nun bei Luther dieses hochzeitliche Mahl und „Heimfahrt“, denn das junge Ehepaar und seine Freunde wollten nicht nur die Sitte ehren, sondern gerade recht auffällig in öffentlicher Feierlichkeit vor der Welt ihren heiligen Ehestand ehrenvoll bezeugen. Dazu lud der Doktor seine Eltern und seinen Schwager Dr. Rühel in Mansfeld nebst noch zwei Mansfeldischen Räten, Johann Dürr und Kaspar Müller, ferner den Hofkaplan M. Spalatin und den Pfarrer Link in Altenburg, den kühnen Befreier der Nonnen Leonhard Koppe als „würdigen Vater Prior“, den Kurfürstlichen Hofmarschall Dr. Johann von Dolzig, vor allem aber den Superintendenten („Bischof“) Amsdorf in Magdeburg u.a.[136].
Die mit Scherz und Ernst gewürzten Einladungsbriefe an diese Gäste — außer dem an die Eltern — sind noch vorhanden. Da schreibt Luther an die drei Mansfeldischen Räte: „Bin willens, eine kleine Freude und Heimfahrt zu machen. Solches habe ich Euch als guten Herren und Freunden nicht wollen bergen und bitte, daß Ihr den Segen helft darüber sprechen. Wo Ihr wolltet und könntet samt meinem lieben Vater und Mutter kommen, mögt Ihr ermessen, daß mir's eine besondere Freuden wäre“. An Link: „Der Herr hat mich plötzlich, da ich's nicht dachte, wunderbarer Weise in den Ehestand versetzt mit der Nonne Käthe von Bora…. Wenn Ihr kommt, will ich durchaus nicht, daß Ihr einen Becher oder irgend etwas mitbringt“. An Dolzig: „Es ist ohne Zweifel mein abenteuerlich Geschrei für Euch kommen, als sollt ich ein Ehemann worden sein. Wiewohl nun dasselbige fast seltsam ist und ich's selbst kaum glaube, so sind doch die Zeugen so stark, daß ich's denselben zu Dienst und Ehren glauben muß, und fürgenommen, auf nächsten Dienstag mit Vater und Mutter samt anderen guten Freunden in einer Kollation dasselbe zu versiegeln und gewiß zu machen. Bitte deshalben gar freundlich, wo es nicht beschwerlich ist, wollet auch treulich beraten mit einem Wildbret und selbst dabei sein und helfen das Siegel aufdrücken und was dazu gehört“[137].
Das Wildbret fehlte nicht; Wittenberg, welches wußte, was die Universität und Stadt an Luther besaß — er hat die kleine Stadt und Universität erst groß und berühmt gemacht — spendete reichliche Geschenke. Der Stadtrat sandte „Doctori Martino zur Wirtschaft und Beilage ein Faß Eimbeckisch Bier und zwanzig Gulden in Schreckenbergern“; und die löbliche Universität verehrte als Brautgeschenk „H.D. Marthin Luthern und seiner Jungfraw Käthe von Bor“ einen hohen Deckelbecher aus Silber mit schönen vergoldeten Verzierungen. Johann Pfister, der zu Ostern den Mönch ausgezogen und zu Pfingsten nach Wittenberg gereist war, um da zu studieren, hat auf D. Luthers Hochzeit das Amt eines Mundschenken versehen. Vielleicht waren jetzt auch die Eheringe fertig, welche die Freunde besorgten. Diese Eheringe soll der Kaiserl. Rat Willibald Pirkheimer in Nürnberg von Albrecht Dürer haben anfertigen lassen und geschenkt haben; desgleichen auch eine goldene Denkmünze mit Luthers Bild. Der Trauring Luthers ist ein zusammenlegbarer Doppelreif mit Diamant und Rubin, den Zeichen von Liebe und Treue; unter dem hohen Kasten sind die Buchstaben M.L.D. und C.V.B. und in dem Reif der Spruch: „Was Gott zusammenfüget, soll kein Mensch scheiden“. Katharinas Ring hat einen Rubin und ist mit Kruzifix u.a. geziert, mit der Inschrift: „D. Martinus Lutherus, Catharina von Boren 13. Juni 1525“[138].
Daß dabei Katharina in üblichem Brautschmuck erschien, ist selbstverständlich, wenn dieser auch nicht so reich war, als das angebliche Bild Katharinas von Bora im Hochzeitsstaat denken läßt[139].
So wurde mit den guten Freunden eine fröhliche Hochzeit gefeiert. Freilich werden der unruhigen Zeitläufte wegen nicht alle Eingeladenen erschienen sein — Luther setzte das schon in seinen Briefen voraus. Auch Magister Philipp Melanchthon war nicht dabei, der ängstliche Gelehrte, welcher gegen Luthers Ehe und besonders mit der Nonne war, wäre ein übler Hochzeitsgast gewesen. Von Katharinas Verwandten scheint niemand anwesend gewesen zu sein. Vater und Mutter waren wohl schon längst tot, zwei Brüder im fernen Preußen, der älteste vielleicht auch ferne; den anderen Verwandten war Käthe doch durch ihr Klosterleben entfremdet, es hatte sich ja auch bisher niemand von ihnen ihrer angenommen. So mußte sie ihre Gefreunde und Verwandte in ihren Pflegeeltern und Luthers Freunden und Eltern sehen. Und wenn ihr's an ihrem Hochzeitsfest recht wehmütig ums Herz gewesen sein wird, so mußte sie doch die hohe Verehrung und Freundschaft trösten, welche ihr Gatte bei seinen Amtsgenossen und Landsleuten gefunden hatte.
6. Kapitel
Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
Luther führte nach seiner Vermählung die junge Frau in seine Wohnung im
Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfürst Johann der
Beständige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war,
unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfügung gestellt.
Das „schwarze Kloster“ lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Straße durch einen großen Hof geschieden. Das dreistöckige Hauptgebäude gegen die Elbe zu gelegen war die Behausung der Mönche gewesen und jetzt Luthers Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er „den Papst gestürmt hatte“: sie blieb auch jetzt seine Studierstube. Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemächer des ehemaligen Priorats lagen, die geräumige Wohnstube ein, worin auch gespeist und die Besucher empfangen und Gäste bewirtet wurden. Davor lag ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbänken. Die Decken der Gemächer und bis zur halben Höhe auch die Wände des behaglichen Wohnzimmers waren mit Holzgetäfel versehen, an den Wänden hin zogen sich Bänke, Pflöcke darüber dienten zum Aufhängen von Geräten und Kleidern. Zwei große Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche klirrend geöffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte, ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein einfacher hölzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als Nähtisch dienen mochte. Ein mächtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen stand in der Mitte und die eine Ecke füllte ein mächtiger Kachelofen. Darum hieß die Wohnstube auch „das gewöhnliche Winterzimmer“. Es war wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140].
Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer, von dieser wurde später eine Stiege mit einer Fallthüre in das Erdgeschoß angelegt, auf der man in die Wirtschaftsräume drunten gelangen und namentlich die Speisen von der Küche innerhalb des Hauses heraufbringen konnte. Denn Küche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten im ehemaligen Refektorium[141].
Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren Kalk, womit das Klosterhaus innen und außen, wenigstens teilweise, getünscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimführung, dieser zu Ehren, als das Haus viele festliche Besucher aufnehmen mußte[142].
Die erste Ausstattung des Hauses wird dürftig genug gewesen sein, denn Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit seinem Gehalt kaum für sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfürst es bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht viel Anschaffungen zu machen, namentlich für ein so weitläuftiges Gebäude. Die 100 fl., die der Kurfürst, und die 20 fl., die der Stadtrat zur Hochzeit schenkte, gingen darauf für das kostspielige Festmahl. Der Klosterhausrat, so weit er noch übrig und nicht weggeschleift war durch allerlei unberufene Hände, war Luther von den Visitatoren geschenkt worden. Aber es war geringfügig: Schüsseln und Bratspieße, einiger sonstiger Hausrat und Gartengeräte — zusammen kaum 20 fl. wert. So werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu beigetragen haben, die öden Räume des Klosters ein bißchen wohnlich zu gestalten. Verwöhnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals überhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so lotter und wurmstichig, daß Frau Käthe kein Leinen mehr darin aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst von auswärts allerlei Geschenke, sogar künstliche Uhren. Vom Stadtrat wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gäste) für 3 Thlr. 4 Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt „Frau Katharinen Doktor Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch“ (schwäbisches Tuch)[143].
Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Mönch, der Prior Brisger verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein neugebautes Häuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Straße gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause, der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es nicht hatte fortsetzen und vollenden können, und besser zu einem Diener taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr überlebte. Eine Magd war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte.
In diesem Hause nun gewöhnte sich das junge Paar zunächst einigermaßen in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: „Ich bin an meine Käthe gekettet und der Welt abgestorben“[144].
Es war dem 42jährigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Mönch im ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefühl, wenn er jetzt selbander bei Tische saß statt allein, oder wenn er morgens erwachend zwei Zöpfe neben sich liegen sah. Aber auch der jüngeren Ehefrau, der früheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam dünken, hier im ehemaligen Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im Kampfe lag[145].
Da saß Käthe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst gestürmt, sah ihn von Büchern umgeben, den Tisch mit Briefen und Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und theologischer Bildung. So ergötzte es den Gelehrten, als sie einmal fragte: „Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preußen des Markgrafen Bruder?“ Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht über Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stück des Briefes vor. Da sprach sie alsbald: „Ist nicht der teure Mann zur Kröte geworden?“ Und sie freute sich, daß Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther über Erasmus hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres Mannes Haus, wo so viele Fäden der Kirchen- und Weltgeschichte zusammenliefen und so viele bedeutende Männer, Gelehrte, Staatsmänner und Fürsten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die theologische Gedankenwelt so ein, daß sie an den Tischreden lebhaften Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und ihr natürliches Gefühl mitunter in Verlegenheit brachte[146].
Frau Käthe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so daß Luther sie oftmals damit neckte und sie einmal einem Engländer als Sprachlehrerin empfahl oder auch davon redete, daß sie das Amen nicht finden könnte bei ihren Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: „Weiber reden vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, daß sie Cicero, den besten Redner, übertreffen; und was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen können, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Händeln, denn wir Männer, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen. Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts.“[147]
Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzäunten Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde gegraben und gepflanzt und allerlei Kräuter, Gemüse und Obstbäume, aber auch zierliche Sträucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im folgenden Sommer Spalatin einladen: „Ich hab einen Garten gepflanzt, einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glück. Komm, und Du sollst mit Lilien und Rosen bekränzt werden.“ Auch zu dem „Lutherbrunnen“ vor dem Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521 entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem „Lusthaus“ überbauen ließ, in dem er manch liebes Mal in Muße mit seiner Frau und seinen Freunden saß. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespräch vernommen[148].
Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs. Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenöffnung erscheint ein bißchen „geschlitzt“, die Backenknochen, welche in einem anderen Käthe-Typus sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewölbt, das wenig üppige feine Haar hat rötliche oder blonde Farbe und die mattblauen Augen schauen verständig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes läßt nüchternen Ernst und eine gewisse zähe Energie erwarten[149].
Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl „nicht von unmäßiger Liebesglut entflammt“, mit den gleichen Worten wie unser moderner Dichter: „Die höchste Gnade Gottes ist's, wenn im Ehestande Eheleute einander herzlich stets für und für lieb haben. Die erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen, alsdann so bleibet in Gottesfürchtigen die rechtschaffene Liebe, die Gottlosen aber haben den Reuwel.“[150]
Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder als müßig tändelnde Flitterwochen, noch als ein ungetrübtes Idyll dahin. Dafür sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Haß seiner Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die Heirat des Reformators und ehemaligen Mönchs mit der gewesenen Nonne beleidigten.
Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den Augen seiner Zeitgenossen, als daß sie nicht das gewaltigste Aufsehen erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdächtigungen Anlaß geben mußten[151].
Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen Schmähungen und Lästerungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden. Die Klüglinge „belächelten“ seine Ehe oder verdammten sie auch: „Die Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darüber erzürnt.“ Das war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon; jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel würden darüber lachen, und Luther würde sein ganzes Werk vernichten. Dieser mißbilligte wohl die That an sich nicht, wohl aber, daß sie nicht opportun sei und unbedachtsam geschehen, so daß die Feinde darin ihr großes Vergnügen haben und lästern; er meinte auch, „Luther habe sich durch Nonnenkünste fangen lassen und sei hereingefallen“[152].
So war es für die Eheleute schon ein Schmerz, daß der Hausfreund nicht bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Käthe wohl eine schwere Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schließlich mäßigte auch Melanchthon seinen Verdruß, ja er tröstete Luther und beeiferte sich, seine Traurigkeit und üble Laune durch Freundlichkeit und fröhliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemüt wieder zur alten Lebhaftigkeit zurück. Schon drei Tage nach der Trauung schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen und getrosten Trutzes: „Ich habe mich durch diese Heirat so geringschätzig und verächtlich gemacht, daß ich hoffe, es sollen die Engel lachen und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klüglingen kennet dies Werk nicht, daß es göttlich und heilig sei: sie nennen's an meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch größeren Gefallen daran habe, daß ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird, so daß sich daran stoßen und ärgern die, so ohne Erkenntnis Gottes mutwillig zu bleiben fortfahren“[154].
Viel ärger als die Freunde trieben's natürlich die Widersacher. Emser verfertigte Spott- und Schmähgedichte, ja Eck gab ein ganzes Büchlein von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von Sachsen, Luthers besonderer Feind, erließ ein Schreiben an Luther, worin er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit der falschen Anschuldigung: „Es erscheint auch klärlich, indem Martinus verworfen hat den Mönchsstand und so auch die Mönche aus dem Kloster zu Wittenberg, daß er desto mehr Raum habe mit seiner Käthchen zu wohnen, davon sich ein ganzer Konvent hat nähren mögen.“ Der theologische König Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des römischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den Reformator an: „Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch unendlich fluchwürdiger ist, hast sie sogar öffentlich als Gattin heimgeführt!“[155]
Diese Schriften — außer der Georgs — waren lateinisch und gingen zunächst in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenrührige Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkönig Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnödem Witze meint: wenn der Antichrist ein Mönchs- und Nonnenkind wäre, müßte die Welt voll Antichristen laufen; aber die Lüge von einem frühgeborenen Kinde hat er mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren verbreitet, bis er sie dann widerrufen mußte. Die Heirat Luthers ist dem hochmütigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewöhnlichen Menschen erniedrigt hätte[156].
Aber noch näher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die
Schmähung. „Ein Bürgersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche
Hausfrau hat unnütze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare
Hausfrau geschmäht und gescholten,“ freilich „auch des Pfarrers Eheweib
übel angefahren“ in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157].
Endlich verfaßten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und deutsche Sendbriefe und ließen sie drucken. Hasenbergs Schmähschrift richtete sich „an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur Buße und Heiligkeit des Klosterlebens zurückkehren oder doch Luther seine Nonne ihrem Bräutigam Christus und ihrer Mutter Kirche zurückstelle“ bei Höllenstrafe. Heidten schrieb „Ein Sendbrieff Kethen von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher Weise zuvorfertigt“. Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit, diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins Haus zu schicken, allerdings in der thörichten Hoffnung, wenigstens Käthe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rückkehr ins Kloster zu bewegen.
Natürlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg. Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den „jungen Löffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach“ mit dem Boten zurück und dazu ein viereckiges Täfelein, darauf waren die 6 Buchstaben ASINI (Esel) so verteilt, daß man sie von der Mitte aus gesehen, an vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines Weibes an und ließ „Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Löwen“ mit behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den Worten: „Die Leipziger Esel haben meine Käthe mit albernen Schmähungen verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen siehst.“[158]
Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meißen, dreizehn Jungfrauen aus dem fürstlichen Kloster Freiberg entführen zu lassen. „Ich habe diese Beute dem wütenden Tyrannen entrissen“, meldet er triumphierend seinem Freund Stiefel. Darüber war natürlich Georg wütend, aber auch der Adel zürnte über Luthers Gewaltthat — mußten doch die Angehörigen der Nonnen durch ihren Austritt Vermögenseinbuße befürchten: sogar adelige Freunde der Reformation nahmen es Luther übel. Es wurden Drohungen gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem Haufen Reisiger oder Bauern in die Hände fiele, denn auch die Bauern waren ihm ja seit dem Aufstand wenig günstig. Nun war Luther auf den 19. November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige Geheimschreiber des verstorbenen Kurfürsten jetzt Stadtpfarrer war. Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Käthe hielt ihn zurück und beschwor ihn sogar mit Thränen vor der gefährlichen Reise. Also daß ihr Gatte heldenmütig seines reformatorischen Befreieramtes waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und „dem Satan diese Beute Christi abjagte“, das hinderte Frau Käthe nicht, aber das setzte sie durch, daß er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche Lebensgefahr mußte sie ja immer für ihren Gatten fürchten, auf welchen wie auf einen Fürsten gar mancherlei Attentate geplant und versucht wurden[159].
Dagegen ließ sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, daß Luther sie nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals der ehemalige Schwärmer, Bilderstürmer und Bauernagitator Karlstadt als Bauersmann und Landkrämer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfürsten erwirkt. Und jetzt hatte Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche Reise, sondern ließ sogar ihren Gemahl mitfahren[160].
Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin besser verstehen, tiefer lieben und höher achten. Hatte er sie vor der Hochzeit für stolz und hoffärtig gehalten, so schreibt er jetzt: „Sie ist mir gottseidank willfährig, gehorsam und gefällig, mehr als ich hätte hoffen können, so daß ich meine Armut nicht mit des Crösus Reichtum vertauschen möchte.“[161]
Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde ihn gemessener machen, und sein ungestümes, derbes Wesen sänftigen. Das dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler Rühel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als Hochzeitsgeschenk reichen ließ, welche Katharina gern annahm, Luther aber zurückwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu haben, daß Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der Feder wüte. Denn, setzt er in gewohnter spöttischer Weise hinzu: „nichts ist so wild, daß ein Weib es nicht zähmt“[162].
Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsächlich ließ sich Luther — aber durch fürstliche Zurede — im versöhnlichen Tone gegen Herzog Georg und König Heinrich VIII. hören — freilich ohne diese dadurch versöhnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben aus, um ihn verächtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf hat Käthe ihren Mann weder hindern können noch wollen[163].
Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Käthe plante wohl selbst mit ihm während der Vorbereitung zu ihrer Heimführung die Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren Klosterraub[164]!
Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: „Es meinen etliche, man solle nun aufhören, das Papsttum und geistlichen Stand zu spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muß ihr einschenken, bis nichts Verächtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige Isabel.“[165]
7. Kapitel.
Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.
Ein Jahr nach ihrer Vermählung am 7. Juni 1526, „da der Tag im Kalender heißt Dat.“ (d.i.: Er giebt) schenkte Käthe ihrem Gatten ein Söhnlein, das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2 Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach damaliger Sitte von Diakonus M. Rörer getauft. Taufpaten waren der Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Müller in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Bürgermeisters Hohndorf. Nach dem Großvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166].
Hänschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe wird bald fröhlich und kräftig und ein homo vorax et bibax (starker Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527 bekommt er Zähne, lernt stehen und gehen und fängt an zu lallen und mit lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung für all diese Künste schickt Jonas dem kleinen Hans einen „silbernen Johannes“, ein Geldstück mit dem Bild des Kurfürsten[167].
Bald ist der Zweijährige gar stolz über eine Klapper, die er vom Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird jahrelang in jedem Brief erwähnt und muß immer und überall hin die Freunde grüßen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem Söhnchen erzählt: „Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch, daß wir immer fröhlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung gegen Gott.“ Und wieder saß Hänschen am Tisch und lallete vom Leben im Himmel, wie eine so große Freude da wäre mit Essen und Tanzen, da wäre die größte Lust: die Wasser flössen mit eitel Milch und die Semmeln wüchsen auf den Bäumen. Da freute sich der Doktor über das selige Leben des Kindes[168].
Anderthalb Jahre blieb Hänschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527, während die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wütete, ein Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt von seinem kleinen Söhnchen: „Mein Sohn begrüßt deine Tochter als seine zukünftige Braut.“ Aber am 3. August des folgenden Jahres in der gefährlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Töchterlein und wurde in großer Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen Inschrift: „Hier schläft Elisabeth, M. Luthers Töchterlein.“ Schwer nur trösteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: „Elisabeth ist von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist.“[169]
Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz für Elisabeth in einem zweiten Töchterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent (Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und späteren Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf lautet:
„Achtbarer, würdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und meiner lieben Käthe gnädiglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich Ew. Würden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl. Christenheit helfen durch das himmlische hochwürdige Sakrament der Taufe[170].
Der Gevatterinbrief lautet:
„Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin! Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch Euern Dienst und Hülfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst nicht dürfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther.“[171]
Als Magdalena heranwuchs, sah das Mädchen dem älteren Bruder Hänschen „über die Maßen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen Gesicht“, und war auch gutmütig und brav wie dieser. Diese zwei ältesten Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr während des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen ließ, um sich unkenntlich zu machen, da ließ Frau Käthe von dem kleinen Lenichen einen Abriß in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstärkung in seine „Wüste“, wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trüben Gedanken nachhing, auch sich gar viel ärgern mußte über den Gang der Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Töchterchens zuerst ansah, konnt' er sie nicht erkennen. „Ei“, sprach er, „die Lene ist ja schwarz“. Aber bald gefiel sie ihm wohl und dünkte ihm je länger je mehr, es sei Lenchen. Der Doktor hängte die Kontrefaktur gegen den Tisch über an die Wand im Fürstenzimmer, wo er aß, und vergaß über die Maßen viel Gedanken mit dem Bilde.“[172]
Das Mädchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde mit Ernst gezogen und Luther wollte, daß man ihm nichts lasse gut sein. Aber mit seinem Töchterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter naturgemäß den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173].
Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des Vaters Namen erhielt. Als jetzt der jüngste wurde nunmehr er der Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, „die Eltern haben die jüngsten Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz, denn solche Kinder bedürfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, daß ihrer fleißig gewartet wird. Hänschen und Lenchen können nun reden, bedürfen solche Sorge so groß nicht.“[174]
Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kämmerer: „Euer Pate will ein thätiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen haben.“[175]
Der Knabe war, scheint es, kränklich und ein kleiner Taugenichts, so daß der Vater fürchtete, er möchte einmal Jurist werden[176]!
Dagegen war Hänschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so daß der Vater meinte: „Er ist ein (geborener) Theologe.“ Der jüngste Sohn Paul aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kräftiger mutiger Junge, schien sich zum Türkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater schon bei seiner Geburt und wählte ihm vielleicht deshalb einen Ritter, Hans von Löser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177].
In dem Gevatterbrief an Löser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533 geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und schon zur Vesper getauft werde, heißt es: „Ew. Gestrengen wollen sich demütigen Gott zu Ehren für meinen jungen Sohn förderlich und füglich erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit werden möchte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes oder des Türken erziehen wolle.“[178]
Als Hans Löser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: „Gott sei Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet doch dem armen Schelm, daß er getauft werde.“ Das Kind wurde im Schlosse in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse geführt. Luther sagte: „Ich habe meinen Sohn lassen Paul heißen, denn der hl. Paulus hat uns viel große Lehren und Sprüche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Söhne von mir thun: der Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Löser thun; der Lust zu studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will ich zum Bauern thun“[179].
Als eine Art Nachkömmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene jüngste Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, daß er nicht so alt werden würde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: „Es grüßet Euch meine Frau Käthe und Euer Patchen, mein Töchterlein Margaretchen, der Ihr nach meinem Tode für einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr habt sie zum Patchen gewählt, Euch befehle ich sie auch.“ Ein anderer, sehr hoher Pate war der Fürst Joachim von Anhalt, der Luther das „christliche Amt geistlicher Vaterschaft“ angetragen hatte und auch übernahm[180].
Frau Käthe mußte die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen Bemerkungen über Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Käthe so freundlich mit ihrem Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen übers Christkind, sah zu, wie Martinchen eine Puppe als Braut schmückte und beschützte, freute sich, wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als über ein Sinnbild der Sündenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den Tisch saßen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen, die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und sagte: „Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet, der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach daß wir den jüngsten Tag so fröhlich in Hoffnung könnten ansehen!“ Sein herziger Märchenbrief an sein liebes Söhnichen von der Koburg, ist das schönste Zeugnis eines kinderfreundlichen Gemütes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus ein groß schön Buch von Zucker aus dem schönen (Märchen-)Garten in Nürnberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer „Jahrmarkt“ mit. Regelmäßig auch sendet er aus der Ferne Grüße und Küsse an Hänschen und Lenchen[181].
Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas' Kinder („Lippus“ und „Jost“ im Märchenbrief). Der Spielplatz war der große Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit Armbrüsten, lärmten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder „sprangen der Kleider und des Baretts“; auch ein Hündlein durften die Kinder halten. Später richtete der Vater Luther für sie und die andern jungen Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermaßen, zwölf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem „Boßleich“ standen, und schließlich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst maß sich hie und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, „schub einmal die Kegel umbwärts, das andere Mal seitwärts oder über Eck“[182].
Aber Luther betete auch täglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen und seinem Töchterlein Magdalene und die Kinder selbst mußten „bei Tisch beten und herlesen“; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter angehalten zum Gebet für die Gönner und Schützer der Reformation, für das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des Vaters musikalische Anlagen geerbt und mußten nach der Mahlzeit — allein oder mit andern — die liturgischen Gesänge der jeweiligen Kirchenzeit vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fünf Jahren schon mit schöner Stimme singen: „Kommt her zu mir alle“ und anderes[183].
In ihren Kindern sahen die Eltern ihr höchstes Glück und ihren schönsten Schatz. „Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe“, pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. „Ich bin zufrieden; ich habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die drei Kinder sind drei Königreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher denn Ferdinandus Ungarn, Böhmen und das römische Reich“[184].
Freilich, was für den Vater in seinen Mußestunden und bei Tisch eine Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit für die vielbeschäftigte Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu erziehen — denn auf ihr lag doch das Hauptgeschäft der Erziehung. Und ihr Gatte sah das ein und bemerkte einmal, daß nur unser Herrgott sich von seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen müsse als eine Mutter[185].
Da war es denn ein großer Segen, daß Frau Käthe in ihrem Hause eine
Stütze fand an ihrer Tante, Magdalene von Bora.
Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stüblein. Sie war als „Muhme Lene“ der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und hütete sie die kleinen Großneffen und Großnichten, spielte und betete mit ihnen, verwöhnte sie auch wohl und vertuschte ihre bösen Streiche, pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch für Frau Käthe in ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin. Luther will in dem Märchenbrief von der Koburg an sein Söhnchen Hans die „Muhme Lene“ auch mitbringen lassen in den schönen Wundergarten und läßt sie grüßen und ihr einen Kuß „von meinetwegen“ geben; und auch sonst sendet er Muhme Lene seine Grüße[186].
Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunächst
Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und
Bekannten, und endlich fremde Kostgänger.
Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529 immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und dieser schickte ihn im August nach Augsburg, daß er sich in der großen Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann mußte er wieder zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von Nürnberg den Lebkuchen für seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187].