ALFRED BRUST
DER EWIGE MENSCH
DRAMA IN CHRISTO
KURT WOLFF VERLAG
MÜNCHEN
Bücherei „Der jüngste Tag“ Band 78
Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig.
Copyright by Kurt Wolff Verlag · München 1919
GESTALTEN
CORDATUS
TAMARA
SANNA
STEILZACK
SAAT
WACHTLER
TIOMA BETTY
DIE VERKETTETEN
FESTUS
DER DICHTER
MAUSCHE MICHEL
DER VATER
ALLERHAND VOLK
Morgen. Ein großer leerer Raum mit rissigen Wänden in einem verfallenen Gebäude. Die Wohnung des Cordatus.
CORDATUS (ein Mensch von 30 Jahren, sitzt in abgetragener Kleidung in einer Ecke des Raumes auf dem Erdboden und blickt lächelnd vor sich nieder. Er hat einen dünnen, langen Vollbart. Sein Gesicht zeigt Spuren außerordentlicher Schönheit und geistiger Höhe und Frische. Er spricht alles ganz langsam, klar und deutlich aus. Es gibt in keinem Wort Überstürzung bei ihm. Jedes Wort ist voll warmer drängender Liebe und erschüttert, zuweilen durch eine kleine Bewegung unterstützt. Diese Bewegungen sind aber so sehr selten, daß sie stets auffallen. In der Hauptsache ist er bewegungslos und versteht es, diese Bewegungslosigkeit seiner Umgebung unmittelbar mitzuteilen.)
TAMARA
(ein schönes sechzehnjähriges Mädchen, geht mit schleppenden Schritten diagonal durch den Raum. Sie ist dürftig gekleidet):
Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch.
CORDATUS:
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
(Schweigen.)
TAMARA
(setzt ihre Wanderung fort. Hin und wieder bleibt sie stehn wie in lähmendem Schreck und wiegt den Körper dann hin und her):
Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch.
CORDATUS:
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
SANNA
(ein liebreizendes Fräulein, vornehm gekleidet, öffnet leise die Tür, blickt vorsichtig hinein und tritt dann mit großen erstaunten Augen in den Raum. Sie erblickt Tamara, die in einer Ecke stehengeblieben ist und sich in den Hüften wiegt, nicht):
Guten Morgen, Cordatus.
CORDATUS
(ohne Verwunderung und von Herzen freundlich):
Du kommst zu mir, Schwesterlein. Setz dich und gib mir deine Hand.
SANNA:
Die Hand geb ich dir, aber setzen kann ich mich doch nicht.
CORDATUS:
Du glaubst gar nicht, wie wunderschön das ist, wenn du dich hier nicht setzen kannst.
SANNA:
Das müßte doch in deinen Augen häßlich sein.
CORDATUS:
In meinen Augen ist niemals etwas häßlich.
SANNA:
Aber du fragst gar nicht, weshalb ich zu dir gekommen bin ...
CORDATUS:
Es ist doch schön hier draußen; dies verfallene Haus vor der Stadt und die wundersüße Wildnis ringsher!
SANNA:
Weshalb bist du dann nicht im Freien?
CORDATUS:
Ich arbeite noch ein wenig. Draußen kann ich nur fühlen.
TAMARA
(beginnt wieder ihre Wanderung durch den Raum):
Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch.
SANNA
(fährt herum und blickt mit starren Augen und blassem Gesicht auf das Mädchen).
CORDATUS:
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
TAMARA (nimmt keine Notiz von Sanna).
SANNA:
Das — das — was ist dieses, Cordatus?!
CORDATUS:
Ein fremdes Kind, das da glaubt ein Tier im Bauche zu haben. Ich will es heilen durch mein Wort.
SANNA:
Aber — aber weshalb denn ein Tier?
CORDATUS:
Das sind so die Jahre.
SANNA:
Und — — — (sie sammelt sich) wohin gehst du zu Tisch?
CORDATUS:
Zu Tisch? Ich weiß nicht. Vielleicht kommt eine Wölfin, mich säugen.
SANNA:
Pfui!
CORDATUS:
Pfui? Du bist allerliebst, kleine Schwester.
SANNA:
So höre, Bruder. Ich bin aus einem großen Grunde zu dir gekommen.
Gewiß, auch die kleinen Gründe sind bedeutend.
SANNA (eifrig):
Ja — sieh mal. Das wird dir schon einleuchten, was ich dir sage. Die Eltern meinten zwar, das hätte keinen Zweck. Aber ich sagte ihnen, Cordatus habe mich lieb und werde mir meinen Herzenswunsch erfüllen. Und ich redete so lange, bis sie zu hoffen begannen. Und heute früh, als ich fortging, da weinten sie vor Hoffnung. — Hörst du, Cordatus?
CORDATUS:
Ich muß lieben, Kind. Versteh mich recht! Ich bin geboren, um zu lieben. Ich müßte jetzt ein Beil nehmen, das ich nicht habe, und dich damit schlagen. Da ich aber lieben muß, kann ich dich nur mit der Liebe schlagen. Und das ist so sehr schmerzvoll für dich. Denn wenn ich dich mit dem Beil schlüge, würdest du mich hassen, denn dein Körper haßt den Schmerz; da ich dich aber mit der Liebe schlage, trifft es deine Seele, und die liebt mich, wenn ich ihr wehe tu.
SANNA:
Und weshalb denn willst du mich schlagen?
CORDATUS:
Weil du ein schönes Kind bist, in das sich mein Versucher gesteckt hat, um mir das Glück zu stören.
SANNA (klagend):
Du willst nicht zurückkehren! —
CORDATUS:
Nie, nie, nie! Geh heim — und werde glücklich. Und wenn du es nicht können wirst, dann komm zu mir! Ich will dich’s lehren, denn ich bin’s.
Und es zuckt und es wühlt und es windet. (Überlaut:) Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch!!
CORDATUS (wieder unendlich beruhigend):
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
SANNA:
Wir werden alle weinen, die alten Eltern und ich. Wir haben schon soviel geweint um dich, denn du hast uns ja so unglücklich gemacht — mit deinem Glück.
CORDATUS:
Ja — ich habe euch immer mit der Liebe geschlagen. O, daß ich euch mit dem Beile schlagen könnte! — Laß mich allein, Mädchen!
SANNA:
Soll — soll ich dir etwas schicken?
CORDATUS:
Versuche mich nicht! Der Versucher weiß, daß ich noch nicht auf dem Gipfel meiner Stärke bin. Geh hin. Ich muß noch arbeiten.
SANNA (schüttelt den Kopf und geht):
Lebwohl.
CORDATUS (sitzt und sinnt bewegungslos).
STEILZACK
(tritt barhäuptig ein und stellt sich nachdenklich in die Mitte des Raumes. Er ist ähnlich Cordatus gekleidet):
Ich habe etwas gesehn. Drei Menschen hab ich gesehn. Und das bewegt mich. Drei Menschen an diesem jungen Tag.
CORDATUS:
Drei Menschen können dich nicht bewegen, Steilzack.
So bewegt mich denn ein Geschehen. Ja — ein Geschehen bewegt mich; ein Geschehen um drei Menschen.
CORDATUS:
Ein Geschehen um drei Menschen ist auch ein Geschehen um die Welt.
STEILZACK:
Sag mir, Cordatus, lieber Herr, darf man einen Menschen töten?
CORDATUS:
Die Menschen kommen immer zu mir, um diesen Raum mit Tragödie auszufüllen. Das ist nicht gut von den Menschen.
STEILZACK:
Aber darf man einen Menschen töten?
CORDATUS:
Man darf nicht, aber man muß.
STEILZACK:
Das ist ein gefährliches Wort.
CORDATUS:
Ich weiß, daß ich ein gefährlicher Mensch in der Menschheit bin. Aber ich liebe. Und alle Liebenden sind gefährlich.
TAMARA
(kniet in einer Ecke nieder und winselt):
Und es ist ein Tier. Und es ist ein Tier. Wenn ich nur wüßt, welch ein Tier das ist!
CORDATUS (ruhig und fest):
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
STEILZACK:
Man darf nicht, aber man muß! Aber dann gibt es Gesetze.
Ja — Gesetze muß es geben, damit die Unschuldigen gestraft werden und die Sünder sich freuen können. Das alles ist ganz außerordentlich wichtig, sage ich dir.
STEILZACK:
Aber hier — hier ist doch jemand erschlagen worden! Verstehst du: mit einem Beile erschlagen!
CORDATUS:
Ich verstehe dich recht: eine Kraft hat etwas zerstört. Ein Leben hatte sich erfüllt, und da mußte auch die Form zerbrochen werden. Und da traf die Form im Niedergang ihrer Tage eine Kraft in den Stunden eines Aufgangs.
STEILZACK:
Und ich sah, wie die Kraft das Beil dieser Form mitten in die Stirn hieb.
CORDATUS:
Du sahst drei Menschen. Und es geschah große Bewegung. Da kamst du zu mir!
STEILZACK:
Nach den Gesetzen der Menschen muß jetzt auch diese Kraft getötet werden.
CORDATUS:
Das ist nicht immer nötig, aber vielleicht.
STEILZACK:
So sage mir, soll ich hingehn und anklagen?
CORDATUS:
Du sollst lieben.
STEILZACK (laut):
Freund, es ist dein Vater, der erschlagen worden ist!
CORDATUS
(erhebt sich steil, nimmt seine ganze Kraft zusammen und spricht ihm ins Gesicht):
Du sollst lieben!
TAMARA
(die wieder wandert und wiegt):
Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch!
CORDATUS:
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
STEILZACK:
Und ich sah den Mörder und weiß sein Gesicht. Und dann sah ich die liebliche Schwester ahnungslos in der wundersüßen Wildnis hier! Soll ich anklagen, Cordatus?!
CORDATUS:
Du sollst lieben! Oder geh von mir. Geh von mir, wenn du nicht lieben kannst!
STEILZACK:
Weshalb denn mußte ich das alles sehn?
CORDATUS:
Das ist Schicksal. Jeder Blick, den wir tun, ist Schicksal und hat Bedeutung.
SAAT
(tritt auf und blickt sich fremd um).
STEILZACK (in schmerzvoller Bewegung):
Cordatus!!
SAAT (ängstlich):
Ich heiße Saat, wissen Sie. Und Sie sind ein gerechter Mensch, wird gesagt.
Wenn du Gerechtigkeit willst, so gehe zu den Richtern. Denn ich bin ungerecht.
SAAT (flehentlich):
Ich möchte Sie, ich möchte dich gern allein sprechen, Cordatus! Ich möchte dich gern allein sprechen.
CORDATUS:
Wenn du Schicksal hast, von dem du nicht zu allen sprechen kannst, so schweige lieber. Denn man soll ein Ding zu allen Menschen sagen können oder schweigen.
SAAT:
Ich bitte dich um eine Ausnahme.
CORDATUS:
Bist du so schwach, daß du nicht schweigen kannst?
SAAT:
Ich bin schwach.
CORDATUS:
Frage mich!
SAAT:
Gibt — gibt es Schuld?
CORDATUS:
Es muß Schuld geben.
STEILZACK (wendet sich ab).
CORDATUS:
Steilzack!
STEILZACK:
Ich höre, Herr!
CORDATUS:
Ist es dieser?
Er ist es!
SAAT (versteht nicht).
CORDATUS (sanft zu Saat):
Bleibe bei uns. Und laßt uns jetzt hinausgehn auf den Berg. Da ist viel Licht. Und da sind alle Dinge ganz anders.
(Er geht voran. Saat und Steilzack sehen einander ungewiß an und folgen ihm langsam).
TAMARA (laut hinterher):
Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch, Herr!
SAAT (blickt sich verstört um).
CORDATUS:
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
Die Stadt. Ein freier Platz. Im Hintergrunde eine Reihe Häuser.
SAAT
(steht im Vordergrunde, die Hände in den Taschen und blickt zu Boden).
WACHTLER
(kommt. Ein altes Männchen mit listigen Augen voller Neugierde. Er bleibt dicht bei Saat stehn und betrachtet ihn mit großer Aufmerksamkeit):
Ehemmhemm!!
SAAT (sieht sich schnell um).
WACHTLER:
So macht man sich bemerkbar. Ja — sehn Sie, Herr.
SAAT
(wendet sich ihm voll zu und blickt ihn fragend an).
WACHTLER:
Ich heiße Wachtler. Sie sind ganz fremd in der Stadt, wie ich sehe.
SAAT:
Wie können Sie das wissen? Die Stadt ist doch sehr groß.
WACHTLER:
Ja — die Stadt ist groß, aber die Menschen sind klein. Je größer die Stadt, desto kleiner die Menschen. Aber trotzdem: ich weiß alles. Es ist geradezu beängstigend was ich alles weiß. Es gibt in allen Städten Menschen, die immer alles wissen! Alles!
Zum Beispiel ... Ich verstehe gar nicht.
WACHTLER:
Ja — es ist heute sehr aufregend in unserer Stadt. Von dem Skandal in der Kirche hörten Sie wohl! Nicht? Der heilige Cordatus hat da den Gottesdienst gestört, den Pfarrer von der Kanzel vertrieben und ein Viertelstündchen selber gepredigt, wovon die Leute alle außerordentlich erbaut waren.
SAAT:
Cordatus?
WACHTLER:
Ja — Sie warten doch hier auf ihn, wie ich sehe. Warten Sie nur, es dauert nicht mehr lange, so wird er dort um die Ecke kommen.
SAAT:
Cordatus?
WACHTLER:
Ja doch, sage ich Ihnen. Jetzt ist er noch in den Herbergen, kleinen Kneipen und Diebesspelunken herum, wo die Verbrecher und Betrüger, die Armseligen und Bedrängten und schlimmen Leute ihre Zeit fristen. Die Bürger dieser Stadt behaupten, er lehre diesen zweifelhaften Wesen das lichtscheue Handwerk — aber ich glaube nicht, was die Bürger sagen.
SAAT:
Und Sie warten hier auch auf Cordatus?
WACHTLER:
Ja — er wird dort an der Ecke stehn bleiben und jedem Menschen, der es will, eine wichtige Lebensfrage beantworten. O — die jungen Mädchen und Frauen bedrängen ihn dann sehr. Und die alten Weiber sitzen herum und weinen.
SAAT:
Und die Männer wollen nichts von ihm wissen ...
WACHTLER:
Hm! Wissen Sie, das ist anders. Die Männer suchen ihn lieber insgeheim auf. Öffentlich sind sie ihm nicht wohlgesonnen.
TIOMA BETTY
(eine schöne stattliche Dame geht, mit den Augen in der Ferne suchend, vorüber).
WACHTLER (blinzelt Saat zu):
Das ist Tioma Betty, unserer Stadt Immerbeweger, eine heiße Hübscherin; aber seit vier Wochen keusch und züchtig. Sie muß ein Gelübde abgelegt haben. Wem? das werde ich in einer Stunde erfahren. — Ha! Jetzt wird es lebendig!
SAAT:
Ich sehe nichts.
WACHTLER:
Nein, Herr! Sie sehen nichts. Aber ich sehe dort den Polizeigewaltigen unserer Stadt hin und her spazieren. Der vornehme Herr dort, der sich den blauen Himmel besieht. Er heißt Festus, wissen Sie, Festus, wie der Landpfleger in der Apostelgeschichte, dem sich Paulus zu verantworten hatte. Ja — Festus.
SAAT (vorsichtig):
Was soll denn das da geben?
WACHTLER (mit prüfendem Blick):
Das kann eine ganz besondere Geschichte sein. Aber ich glaube nicht, daß es die besondere Geschichte ist. Dazu ist es noch zu frühe. Dieser Festus ist jedoch dem heiligen Cordatus wohlgewogen. Dessen Vater ist nämlich, müssen Sie wissen, der reichste Mann in der Stadt.
SAAT (erstaunt):
Sein Vater lebt in dieser Stadt?
WACHTLER:
Ehemm! Ja. Lebt. Hat gelebt ist wohl richtiger. Aber das weiß noch kein Mensch, daß dieser Vater schon gelebt hat.
SAAT:
Jetzt verstehe ich Sie gar nicht.
WACHTLER:
Das will ich meinen. Sie wissen nichts. Sie sind ja fremd hier. Aber deshalb will ich’s Ihnen gern sagen. Dieser Vater ist heute früh im wilden Stadtwald mit einem Beile erschlagen worden.
SAAT (schreit wie gelähmt):
Sein Vater! Das ist ja gar nicht möglich!! Herr!! Hören Sie doch! (Er greift ihn an.)
WACHTLER:
Werden Sie nicht so auffällig, junger Mann. Sehen Sie dort: der Festus ist schon aufmerksam. Ja — man muß immer vorsichtig sein. Aber bleiben Sie ganz ruhig. Ich werde nichts sagen. Das tue ich nie. Ich schaue nur immer zu und weiß von nichts. So werde ich nie hineingezogen. Das nenne ich Leben! Man wird die Leiche finden; dann wird man mit allen Errungenschaften der Kriminalistik nach dem Verbrecher forschen. Wissen Sie, so vom Mord bis zur Hinrichtung den ganzen Werdegang einer Sache, die man im voraus mit allen Finessen kennt, zu beobachten, ist außerordentlich wohltuend. Aber um Gotteswillen, beruhigen Sie sich doch, Herr! Ich bin in der Tat wie das Grab.
SAAT
(versucht es, schnell fortzugehn, schwankt aber hin und her und kommt schließlich nur langsam vom Platze).
WACHTLER (sieht ihm eifrig nach):
Sehr — spannend — ja —. Da kommt auch Cordatus.
(Stolpert mit kleinen Schritten hinterdrein.)
DIE VERKETTETEN
(ein Mann und eine Frau, kommen. Der Mann geht rechts und die Frau links. Sie sind, nicht sichtbar, unten am Handgelenk durch eine Kette verbunden).
DER MANN:
Ich will von dem Menschen nichts wissen. Komm fort, wir gehn hinaus auf die Felder.
DIE FRAU (klagend):
Du bereitest mir niemals eine Freude, niemals! Und besonders dann nicht, wenn ich dich um etwas bitte.
DER MANN:
Aber Kind, sieh hin. Er ist ein Hanswurst. Nichts weiter.
DIE FRAU (dem Weinen nahe):
Was ich für heilig ansehe, das trittst du mit Füßen. Und du bringst mich soweit, daß ich verrückt werde an deiner Seite. Das willst du auch, scheint mir, nur erreichen.
DER MANN:
Weshalb denn haben wir uns nur durch die Stahlkette so zusammengeschlossen, und weshalb ließ ich dich nur den Schlüssel ins Wasser werfen?
So schnell bereust du das? Doch ja — ich bereue es auch schon.
DER MANN:
Ich glaube, wir sind beide verrückt gewesen. Denn wir können uns ja nicht einmal entkleiden!
DIE FRAU (weinend):
Wir müssen zu einem Schlosser gehn und uns trennen lassen. O — wie ich mich schäme, denn dann weiß es die ganze Stadt.
DER MANN:
Und doch war es nur deine Eifersucht, die diesen Unsinn verursachte.
DIE FRAU:
Reiß mich nicht so! Sieh doch, wie wund mich die Kette gescheuert hat!
DER MANN:
Ja — es ist schmerzhaft, aber du hast es gewollt!
DIE FRAU:
Aber deine Augen schimmerten vor Seligkeit, als ich es wollte.
DER MANN:
Die Ketten sind das Unbedachtsame hinieden.
CORDATUS
(tritt barhäuptig auf. Ihm folgen Steilzack, ebenfalls barhäuptig, Wachtler und eine Reihe von Leuten beiderlei Geschlechts, wie man in einer Stadt einem Sonderlinge neugierig folgt).
FESTUS
(tritt ebenfalls auf. Ein vornehmer, schöner Mann in Zylinderhut und Gehrockanzug. Er bleibt abseits von den anderen stehn).
DIE VERKETTETEN
(drücken sich nach dem Hintergrunde. Der Mann versucht, die Frau fortzuziehn, aber die Frau zwingt ihn durch Widerstand, zu bleiben).
DER MANN (gereizt):
Der Mensch ist doch betrunken! Siehst du das nicht?
CORDATUS (hört es):
Ja — ich trank Wein. Ich trank guten Wein, sehr viel. Hat euch Christus nicht gelehrt Wein zu trinken? Er tat’s. Und indem er’s tat, lehrte er euch zugleich das Geheimnis des Weins. Aber ihr habt’s nicht begriffen. Ich aber, ich begriff es; denn ich bin der ewige Mensch.
DER MANN:
Das ist doch unerhört, was er da spricht! Da müßte doch die Polizei einschreiten! (Unwilliges Gemurmel.) Das hätte schon längst geschehen müssen. Aber die Bürger fürchten das Verbrechergesindel, unter dessen Schutz er steht.
CORDATUS:
Schuld und Sünde sind Bewegungen auf der Straße zur Vollendung, zur Vollendung des Sünders und zur Vollendung der Welt. Schafft eure bürgerlichen Gesetze ab, so gibt es keine Sünde mehr.
DER MANN (in höchster Erregung):
Das ist ein Skandal!
CORDATUS:
Und diese Schuld, das Verbrechen, kommt aus denselben Gesetzen, durch welche Sonne, Mond und Sterne bewegt werden und durch welche die Menschen angehalten werden, Gutes zu tun. Christus hat das verschwiegen. Und er hat noch vieles verschwiegen, wie es überhaupt besser ist, viele Dinge auf Erden den Menschen zu verschweigen. Aber eben dadurch hat er ein Feuer angezündet, das brennt noch immer. Schwert und Zwietracht ist er gewesen bis nun.