Die Kringhäusler
Drama in drei Akten
von
A. M. Karlin
Leipzig 1918
Bruno Volger Verlagsbuchhandlung
Personen:
| Frau Oberst Hasselstein, Witwe | ||
| Hans Georg Hasselstein, Professor der Naturwissenschaften, ihr Sohn | ||
| Herr Regierungsrat Pottenmiller, ihr Schwager | ||
| Frau Petronella Pottenmiller, ihre Schwester | ||
| Herr Direktor Knute, auch ein Schwager | ||
| Frau Johanna Knute, ihre zweite Schwester | ||
| Herr Dr. Brunnick, Pottenmillers Schwiegersohn | ||
| Frau Ada Brunnick, seine Frau | ||
| Hermine Schrift, unverheiratet, Hans Georgs Tante | ||
| Ladislaja Schrift, ihre Schwester | ||
| Frau Kommerzienrat Peloponesia Krickenfeld | ||
| Frau Inspektor Margarete Holzheim | ||
| Frau Professor Emilie Zungrapp | ||
| Herr Norry | } | |
| Herr Scharfen | } | |
| Herr Roden | } | |
| Herr Kapper | } | die Teilnehmer der Südpolexpedition |
| Herr Johanssen | } | |
| Herr Granelli | } | |
| Herr Meroff | } | |
| Herr Vickers | } | |
| Berta Heller, Hans Georgs Braut. | ||
Der erste Akt spielt in der Antarktis, der zweite und der
dritte Akt in der Wohnung Frau Hasselsteins.
Zeit: Gegenwart.
1. Akt.
[Im Hintergrund der weiten Bühne sieht man mächtige Eisgebilde mit leuchtend weißen Oberflächen, während alle Unebenheiten, Spalten und Risse je nach ihrer Tiefe vom zartesten bis zum tiefsten Blau erscheinen. Etwas mehr gegen den Vordergrund ist ein kleiner Streifen des Polarmeeres sichtbar, in dem sich die tafelförmigen Eismassen und die zerklüfteten Eisberge spiegeln. Zur Rechten im Hintergrund steht ein vereistes und tiefverschneites, von den mächtigen Eisstücken teilweise über die Meeresfläche gehobenes Schiff, von dessen Masten die Eiszapfen herniederhängen. Zur Linken hängt ein riesiger, in der Mitte gespaltener Eisberg über die Bühne, aus dessen Innern ein herrliches bläuliches Licht fließt. Links und rechts im Vordergrund befinden sich kleinere Eisstücke, auf denen eine große Anzahl Pinguine in verschiedenen Stellungen sitzen. Mehr im Hintergrund liegen einige Seehunde am Rande des Meeres. Ganz im Vordergrund zur Linken steht ein tiefverschneites Zelt, in dessen Mitte ein kleiner Kochherd steht und sein rötliches Licht über die Zeltwände ergießt. Zur Rechten steht Hasselstein und blättert in seinem Notizbuch. Ein wunderbar schönes, bläuliches Licht erfüllt die ganze Szene, während da und dort der Schnee in allen Farben des Regenbogens glitzert. Vom leuchtendsten Tageslicht geht jedoch die Beleuchtung langsam während des ganzen Aktes immer mehr in ein mattes Dunkel über und als es vollkommen finster geworden, zeigt sich im Hintergrund die Aurora Borealis in flackernden Bändern und ewig wechselnden Lichteffekten. Die ganze Zeit hört man auch das Pfeifen des Windes – im Anfang ganz schwach, dann mit zunehmender Stärke.]
1. Auftritt.
Hasselstein [macht eben die letzten Aufzeichnungen in sein Notizbuch als der Vorhang aufgeht. Nach einigen Sekunden schließt er es und macht einige Schritte auf die Mitte der Bühne zu]. Das wäre getan! [Er zieht seine Uhr aus der Tasche.] Wie, schon so spät? Da heißt es frisch zulangen soll unser Depôt und Winterobservatorium fix und fertig sein, wenn die Kollegen von ihren Streifzügen heimkehren. [Er macht sich rechts an die Arbeit, schleppt von hinter den Kulissen große Eisblöcke herbei und beginnt sie aufeinander zu bauen und mit Schnee, den er zusammenfegt, zu befestigen. Während er eifrig arbeitet und das Schneehaus immer größer wird, spricht er, sich manchmal auf Augenblicke unterbrechend um auf die wechselnden Lichteffekte zu schauen.] Wie die Stunden fliehen und doch – wie weit von mir scheint die Vergangenheit! [er schüttelt wehmutsvoll das Haupt]. Zwei Jahre sind es nun, daß ich der Heimat den Rücken gekehrt [er baut schweigend einige Sekunden]. Wirklich nur zwei Jahre? Ist mir's doch, als seien Jahrzehnte seit dem Augenblick verflossen, wo – [er schleppt einige Eisstücke herbei]. Genug! Siebenhundertunddreißig Tage trennen mich von jener Stunde, in welcher mein Blick zum letztenmal in den ihren getaucht. Was wunder übrigens, daß die Zeit so lang mich deucht, denn die Zahl der Eindrücke und nicht der monotone Schlag der Stunden machen ja ein Menschenleben aus. Und ich – ich hatte Eindrücke – [er hält einen Augenblick inne und blickt, die Augen mit der Hand beschattend, forschend auf das Meer] – und was für Eindrücke, barmherziger Himmel! Erst die ungestümen Reisevorbereitungen, die ununterbrochenen Kämpfe, die feindselige Haltung der guten alten Seelen daheim – oh, die armen, entsetzten, aus dem Gleichgewicht gebrachten Kringhäusler! – [er lacht plötzlich laut auf] – wenig fehlte, daß man mich nicht mit Gewalt in eine Irrenanstalt sperren ließ, denn ein klardenkender Mensch – ein Individuum, mit vollem Gebrauch der fünf von Mutter Natur so gnädig verliehenen Sinne – kann sich nicht willig einer Südpolexpedition anschließen, das ist Wahnsinn, himmelschreiender erbarmenerweckender Wahnsinn! [er lacht wieder]. Arme Kringhäusler, sie müssen immer auf dem breiten, wohl ausgetretenen Pfad dahinhumpeln, – daß man sich eigene Pfade brechen kann, das verstehen sie nicht und billigen noch weniger. Wenn die ganze Gemeinde an Hinzens Kuhstall vorbei zur Kirche geht, warum sollte da ein Pfarrkind einen anderen Weg einschlagen? Das ist Ketzerei! [er baut eine Weile schweigend weiter]. Ach, dann kamen die Aufregungen des Abschieds, – von Berta – von Mama – von der lieben Heimat – ein Abschied, der möglicherweise Trennung auf immer bedeuten konnte, hierauf die lange eintönige Fahrt, ein schläfriges Rollen und behagliches Dahinträumen, geschaukelt von leise plätschernden, tiefblauen Wassermassen, unter einem heißen, wolkenlosen Himmel – [er schaufelt eifrig den Schnee zusammen]. Ja, wer noch einmal, ein einziges Mal solche Wärme empfinden dürfte. Und eines schönen Tages waren wir in Neuseeland mit seinen Geysirn, Wasserfällen, tropischen Wäldern, riesigen Eukalyptus, seinen flügellosen Vögeln, und den schneegekrönten und gleichzeitig feuerspeienden Bergen. Welche Pracht! [er bildet das Dach seiner Hütte]. Allzu kurze Rast gefolgt vom gefahrvollen Tummeln auf kalter, sturmgepeitschter See, das langsame Sichnähern der endlos scheinenden Eisbarrieren, schließlich ein kurzer Ausflug auf die verödeten Kerguelen und zuletzt [er blickt wieder sinnend auf das Meer] die eigentliche Antarktis, das Ueberwintern in eisstarren Zelten, während sich draußen die endlose, düstere Polarnacht, mit all' ihren Schrecken und Leiden auf uns herabsenkte und wir bei kümmerlichem Thranlicht ein mattes Scheinleben führten, hie und da unterbrochen von den Beobachtungen im Freien bei einer Temperatur von durchschnittlich 52 Grad Celsius unter Null! [er arbeitet einige Sekunden wieder schweigend, während das Licht langsam abnimmt, hierauf wieder frischerer, munterer]. Nichtsdestoweniger hat selbst das Leben hier seinen Zauber, so mitten in einem noch unerforschten Teile unserer Erdkugel, wo Tiere und Vögel im Menschen noch nicht ihren Feind zu sehen gelernt haben, wo er in ihr Tun und Lassen freien Einblick gewinnen kann, hier – wo seltene Lichteffekte das Auge stündlich entzücken, wo eine Entdeckung der anderen auf dem Fuße folgt, wo ungeahnte Horizonte sich dem begierigem Geiste offenbaren! [er verbessert sein Werk da und dort] Neue Horizonte! Ach, wenn diese mich nur auch großmütiger im Beurteilen anderer machen würden! Mutterl, du liebes, gewiß tat ich dir oft Unrecht, wenn unsere Anschauungen nicht harmonierten. In Zukunft, da muß unser Zusammenleben ein besseres sein, denn ich habe alles aufgeboten um alle kleinlichen einseitigen Begriffe, alles falsche Beurteilen loszuwerden. Das liebe Mütterchen wird wohl auch einsehen gelernt haben, daß man nicht nur als Gymnasialprofessor in Kringen sein Glück machen kann und die lange Trennung, die ja so leicht eine ewige werden kann, hat gewiß auch ihre Skrupel, meine Heirat mit Berta betreffend, gemildert. Sie hat Zeit gehabt Berta zu prüfen – meine Worte in Erwägung zu ziehen – ja, ja, die Mutterliebe wird, sie muß siegen [er verbessert das Innere der Schneehütte]. Alle lächerlichen Vorurteile, alles Hängen am Zopf wird mutig über Bord geworfen und da wollen wir drei – Mama, Berta und ich – ein Heim gründen, dessen Grundpfeiler gegenseitige Nachsicht und unbegrenzte Liebe sind. Alle meine Tage will ich der Verbreitung freisinnigerer Anschauungen, milderem Denkens widmen. Nieder mit allem kleinlichen Huldigen äußeren Scheins! Der Kern allein soll gelten, nicht die Schale. [Das Schneehaus ist nun ganz fertig, er betrachtet sein Werk und ruft jubelnd aus:] Hurra! Vollendet ist das große Meisterwerk! [ernster.] Möge es mir einst gelingen den Kampf gegen alle kleinlichen Vorurteile, gegen alle beschränkten, feindseligen Anschauungen daheim zu ebenso befriedigendem Abschluß zu bringen – da Berta, mein Liebling, soll dein Unglück dich nicht länger niederbeugen – nein, treues, edles Herz, kein Mensch soll länger scheu vor dir zurückweichen. An meiner Seite sollst du stolz erhobenen Hauptes dahinschreiten und zuversichtlich in eine sonnige Zukunft blicken. Und du, mein liebes Mutterl, du sollst in mir den zärtlichsten Sohn, in Berta die liebendste Tochter finden und dazu bedarf es nur eins: Die lieben Kringhäusler ein wenig – abzuschütteln!
2. Auftritt.
[Roden, Norry und Scharfen kommen von rechts.]
Roden [zu Scharfen]. Wir müssen die Messungen vor Einbruch der Nacht beendigen [er wirft eine Leine in das Meer und Scharfen hilft ihm dabei].
Scharfen [munter]. Holla, Hasselstein! Sie sind der reinste Baukünstler. Unser Depôt ist ja ein ganzes Wunderwerk.
Norry [indem er eifrig einige Apparate in dasselbe schleppt]. Vortrefflich! Man kann unmöglich alle Geräte auf dem Schiffe oder im Zelte bequem unterbringen. Hier wollen wir unsere Winterbeobachtungen machen – etwas wärmer als die windige Eisfläche wird diese Sternwarte sicher sein.
Roden [indem er langsam die Leine aufwickelt]. Es fehlt eine Oeffnung im Dach –
Hasselstein [eifrig arbeitend]. Dem ist schnell abgeholfen.
Norry [zu H.]. Sind viele neue Exemplare in die Falle gegangen?
Hasselstein [auf den Meeresstrand zugehend]. Ich habe noch nicht nachgesehen [er zieht eifrig eine Fischfalle aus dem Wasser]. Ein reichhaltiger Fang, wie fast immer – leider nur die gewöhnlichen Fischarten der Antarktis [er beugt sich noch einmal nieder und zieht ein kleines Netz aus dem Wasser]. Vielleicht enthält das kleine Netz wertvollere Exemplare. Hm, wie immer eine ganze Menge Isopoden, einige Fünffüßler, mehrere Korallen, – was sehe ich? Ganz richtig! Eine Gattung auffallend kleiner Seegarnelen – eine Anzahl Wasserbären und –
Norry [legt den Apparat heftig auf den Boden, springt auf das Meer zu, woher eben ein starkes Plätschern erklingt und ruft]. Schnell, schnell, Hasselstein! Haben Sie Ihre Flinte zur Hand?
Hasselstein [rafft im Vorbeispringen seine Flinte vor dem Zelte auf und beide springen auf einige Eisstücke um freien Ausblick auf das Meer zu haben]. Ein Blauwal! Ein wahres Prachtexemplar! Aber leider außer Schußweite.
Norry [eifrig spähend]. Verschwunden! Schade, – eine Abwechselung im Speisezettel wäre nicht unwillkommen gewesen!
Roden [singt tröstend]. Es wär' zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein!
Scharfen. Leider – leider; ein erhöhter Thranvorrat vermindert immer die Schrecken der Polarnacht, doch – fort ist fort und hin ist hin – [er lacht auch heiter].
Hasselstein [zu Norry]. A propos! Funktioniert der Elektrometer jetzt wieder? Sind die Messungen vollkommen verläßlich?
Norry. Vollkommen! Alles ist wieder in Ordnung. Ich will nur noch in aller Eile den Thermographen aufstellen, hierauf verwandle ich mich in einen Koch erster Qualität. Das ist ja meine Kochwoche [er stellt den Apparat auf und lacht].
Hasselstein [sammelt seinen Fang zusammen und wendet sich zu Roden und Scharfen, die eben die lange Schnur vollends aufgewunden haben]. Welche Tiefe?
Roden. 1844 Klafter. Das bestätigt meine früheren Annahmen, daß die Tiefen hier in der Regel bedeutend größer als am Nordpol sind.
Hasselstein. Wieviel Grade unter Null haben wir heute?
Scharfen [liest vom Thermometer, das an einer Zeltstange hängt, ab]. 29 Grad Celsius.
Roden. Besser Fisch als Mensch zu sein in diesen Gegenden – das Wasser ist wärmer.
Hasselstein [lachend]. Unzufriedener! Denken Sie an die Zeit, wo wir 52° gehabt haben!
Norry. Und die bald wiederkehrt!
Hasselstein [zu Norry, der eifrig seine Apparate in der neuen Schneehütte studiert]. Hören Sie einmal, verehrter Herr Wetterprophet – welcher angenehmen Ueberraschungen dürfen wir gewärtig sein?
Norry [seine Apparate untersuchend]. Machen Sie sich nur auf einen extrafeinen Schneesturm gefaßt.
Alle. Danke sehr!
Hasselstein. Davon hätten wir nachgerade genug. In diesem Monat allein mußten wir zehn Tage in den Zelten zubringen und selbst da wurde man nie warm oder trocken. Die Schneenadeln krochen bis in die Tiefen der Schlafsäcke und das Ausgehen bei solchem Unwetter wagt keiner von uns seit der arme Scharfen ganz wirr im Kopfe wurde, als er in solchem Wetter zufällig draußen war und beinahe umgekommen wäre. Nein, nein, so ein Schneesturm ist schlimmer als die ärgste Kälte!
Norry [mißt eifrig]. Der südliche Wind nimmt bedeutend zu und bei den überaus häufigen und starken Niederschlägen muß man auf alles gefaßt sein. Da, Hasselstein, sehen Sie einmal selbst um wieviel die Nadel seit den letzten drei Stunden abgewichen ist. [Beide hantieren die verschiedenen Instrumente.]
Roden [schreibt eifrig in sein Notizbuch während Scharfen die Schnur und die Fischfallen in das Zelt trägt und mehrere Pfannen auf den kleinen Herd stellt]. 1844 Klafter Meerestiefe, südwestliche Tiefströmung, südlicher Wind, 29° Celsius Lufttemperatur, zunehmendes Treibeis, abnehmendes Tageslicht – nur mehr zwei Stunden Tag – 734 mm Luftdruck –
Während er schreibt und vor sich hin murmelt ist es ganz dunkel geworden; die Eisstücke sehen nun beinahe schwarz aus und nur der Schnee im Vordergrund leuchtet weiß. Ganz im Hintergrund zeigt sich ein schwacher gelblichroter Lichtschein, hierauf entsteht ein knisterndes Geräusch und in flackernden Bändern taucht die Aurora borealis auf – nie stille, immer wechselnd, sich jeden Augenblick verändernd. Das Heulen des Windes nimmt langsam zu, die Wogen machen auch ein stärkeres, plätscherndes Geräusch.
Hasselstein [geht auf das Zelt zu, die anderen folgen ihm. Norry legt allerlei in die Pfanne und kocht eifrig, die anderen setzen sich auf die Schlafsäcke und zünden ihre Pfeifen an. Das rote Licht des Herdes bildet einen eigentümlichen Kontrast mit der wechselnden Beleuchtung draußen.] Meine Angst um unsere tapferen Gefährten nimmt täglich zu. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten Tage einlangen, muß ein Unglück die Expedition getroffen haben, denn fünf Monate waren als Maximumtermin zur Erforschung des Beardmoregletschers festgesetzt. Seit ihrem Aufbruch sind 192 Tage vergangen.
Norry [düster]. In kaum vierzehn Tagen bricht die lange Polarnacht herein – Gnade ihnen, wenn sie uns bis dorthin nicht erreicht haben.
Scharfen [nachdenklich rauchend]. Seit fünfzehnten November kämpfen sie verzweifelter selbst als wir gegen die Gefahren und Drangsale dieses unwirtlichen Klimas. Wer wird den Sieg erringen? Die starre Eisnatur oder unsere beharrlichen Gefährten? Und das Schlimmste an der Sache ist, daß wir hier stille sitzen müssen und nichts – gar nichts – zu ihrer Rettung beitragen können.
Norry. Es ist ja eine Frage ob wir selbst die endlose Polarnacht überdauern werden. Werden unsere Nahrungsmittel bis zur Ankunft des Schiffes im November ausreichen und vorallem, wird es uns gelingen den Ausbruch des Skorbut zu verhindern? [Eine Pause entsteht, alle rauchen in düsterem Schweigen.]
Hasselstein [träumend]. Es dünkt einen unglaublich, daß daheim gerade jetzt der Flieder blüht, das Mailüfterl über das sanftig grüne Land hinbraust, die Nachtigall –
Roden [heftig unterbrechend]. Nur um Himmels willen nicht sentimental werden: Das gibt uns, in der Verfassung, in der wir sind, den Gnadenstoß. Nichts ist gefährlicher und zweckloser als das Träumen vom Unerreichbaren. Es heißt einfach die Zähne zusammenbeißen und – schweigen!
Hasselstein [müde lächelnd]. Oder zu unserem alten Mittel zu greifen und Sorge mit Scherz verscheuchen? Leider gewinnen manchmal die Sorgen die Oberhand. Der Zunge kann man allerdings Schweigen gebieten, doch ach, dem Herzen nicht. Es gibt Augenblicke, in welchen einem alles zwecklos scheint, in welchen man seinen Gefühlen unterliegt, das Heimweh erwacht und man sich staunend fragt, ob man nicht am Ende alles einem Wahn geopfert –
Scharfen [eine dicke Rauchwolke ausblasend]. Und ob es wirklich nur ein Trugbild gewesen, was man so lebhaft angestrebt.
Norry [nachdenklich]. Wir sind entmutigt und fragen daher nach dem Warum unserer Handlungsweise und wissen im Innersten doch, daß wir unter gleichen Umständen wieder so und nicht anders handeln würden. So nehme ich zum Beispiel an, daß wir uns alle der Expedition angeschlossen – erstens, weil dies eine Lösung manch' verwickelten Problems bedeutete –
Hasselstein [ernst]. Sie haben vollkommen recht, Norry. Jeder von uns hatte seine Gründe –
Norry [bitter]. Und triftige. Eine Luftveränderung tut zuzeiten sehr gut. Das Leben ist wahrlich kein Honigschlecken – es sticht einem verteufelt oft eine Biene in die Zunge.
Hasselstein [finster]. Und mehr als eine!
Norry [nach kurzer Pause]. Was mich betrifft, so befinde ich mich nur dort ganz wohl, wo die Natur in ihrer Urkraft auf mich einwirkt und die Civilisation – die sogenannte – sie noch nicht mit ihrem giftigen Speichel beleckt – und verödet hat! Kampf und Abenteuer gegen die mächtigen Naturgewalten meinetwegen, aber gegen die Heuchelei, Beschränktheit und krasse Selbstsucht der sogenannten civilisierten Menschheit – nein, danke – lieber begrabe ich mich in den Einöden der Sahara, in den Urwäldern Südamerikas oder –
Hasselstein [lächelnd]. – oder selbst in antarktischen Zonen. Bis hierher ist unsere Ueberkultur allerdings noch nicht durchgedrungen – die Pinguine sind die Alleinherrscher der Antarktis.
Roden [leidenschaftlich]. Lieber tausendmal Pinguine als Ueberkultur: Glauben Sie mir, die großartige Erfindungen hervorbringt und dabei doch täglich mehr und mehr natürliche Züge der menschlichen Natur kalt erdrückt oder in eine unnatürliche, seelenverkrüppelnde Gestalt preßt. Bah! [Er klopft heftig seine Pfeife aus und stopft eine neue.]
Hasselstein [beschwichtigend]. Wie viele Geheimnisse der Natur sind entdeckt und der Menschheit dienstbar gemacht worden!
Roden [verächtlich]. Und wie viele Tiere kennen den Wert heilsamer Kräuter, von denen wir keine Ahnung haben. Zudem – die Völker des Westens, die ja gerade am stolzesten auf ihren Fortschritt sind, haben von vielen Sachen heute keine Ahnung, mit denen die morgenländischen Stämme vor mehreren tausend Jahren ganz vertraut waren. – Fortschritt – in der Tat! [Er lacht kurz und verächtlich auf.] Wir sind viel zu stolz auf die Errungenschaften unseres Geistes.
Hasselstein [ruhig vor sich hin rauchend]. Menschlichere Anschauungen –
Roden [spöttisch]. Vortrefflich: Maschinengewehre, giftige Gase, bombengespickte Luftschiffe –
Scharfen [einwerfend]. Die Abschaffung der Folter –
Roden [kalt lachend]. Nein, lieber Freund! Ersatz der moralischen statt der physischen. Heute droht man jemand das Familienskelett an das Tageslicht zu ziehen und in den Zeitungen spazieren zu führen – eine Folter, die ebenso wirkungsvoll, wie die Daumenschrauben einst, – die Kritik ersetzt den Morgenstern und was das Spießrutenlaufen anbelangt, so verrichten die Zungen unserer stets auf der Lauer liegenden lieben Nächsten das wunderbar – mit dem einzigen Unterschied, daß man früher absehen konnte, wo die Qual und wo der Schaden ein Ende nehmen wird – die Ausdehnung und die Uebel der heutigen Folter kann niemand ermessen. Die Wunden des Körpers heilten leichter als wir nun unseren beschmutzten Namen, unsere geraubte Ehre in Ordnung bringen – wenn es uns gelingt.
Hasselstein [ruhig]. Wir verdanken der zunehmenden Civilisation eine erhabene monotheistische Religion –
Roden. Die nichts destoweniger wie im dunkeln Mittelalter noch heute mit Teufelsspuk und Höllenqual droht, deren Verbreiter Geld mit Beuteln oder Tassen im Gotteshause selbst einsammeln, genau wie es fahrende Sänger oder Seiltänzer unmittelbar vor Schluß der Vorstellung tun, deren Anhänger des guten Tones, der Musik oder der neuen Kleider willen zur Kirche gehen und die sechs Tage lang mit Wonne alle zehn Gebote übertreten um am siebenten eine scheinheilige Miene aufzusetzen und sich aller jener Tugenden zu rühmen, die zu besitzen sie anderen glauben machen wollen.
Scharfen [halblächelnd]. Großartigen Erfindungen –
Roden [kalt]. Erfindungen, bester Herr Kollege, bedeuten erhöhten technischen oder rein materiellen aber deshalb noch lange nicht moralischen Fortschritt. Das Leben wird durch sie möglicherweise bequemer, die Handelsverbindungen leichter und schneller, aber diese Verbesserungen erhöhen leider nur unser Selbstbewußtsein ohne unseren inneren Menschen gleichzeitig auf eine höhere Entwicklungsstufe zu bringen.
Norry [eifrig kochend]. Ganz richtig! Rein äußere Verfeinerung der Sitten, kosmopolitische Anschauungen, erhöhter Luxus, großartige Entdeckungen und ähnliches ist alles lange noch nicht Seelenkultur. Wenn die Ware nicht durch und durch reell ist, so springt die Politur schon bei der allerersten Gelegenheit ab.
Scharfen [kopfschüttelnd]. Der Zeitgeist zerstört viel mehr als er bildet. Es ist geradezu eine Wut über die Menschheit gekommen in allen Werken der großen Meister, im Leben der edelsten Helden, bei unsterblichen Denkern und den Lehrern der erhabendsten Ideen immer und überall ein Fleckchen, irgend einen dunkeln Punkt zu suchen, der dann ans Licht gezogen, besprochen, und betastet wird, bis der winzige Fleck beinahe das ganze Werk, den ganzen Menschen verdunkelt.
Hasselstein [traurig]. Ach, leider! Anstatt nach Menschenliebe streben alle nach größerer Pracht, nach höherer technischer Kultur, Verstand wird über Herz, der Schein über den Kern gesetzt. Die Kritik läßt weder Lebendige noch Tote in Frieden und jeder bemüht sich auf das eifrigste seines Nächsten Fehler zu entdecken und laut zu verkünden, statt sie milde zu bemänteln und großmütig zu übergehen.
Roden [spöttisch]. Und mit welchen Stolz wir den ›Segen der Civilisation‹ zu den sogenannten Wilden tragen: Wir verkaufen ihnen Schießpulver und Gewehre, wir bieten ihnen zu hohen Preisen allerlei verderbliche Trinkwaren an, die ihr Leben verkürzen, ihre Gesundheit untergraben und in ihnen vorher unbekannte Leidenschaften erwecken.
Hasselstein [lächelnd]. Zum Dank für solche Vorteile verdrängen wir sie von ihrer eigenen Scholle und lassen uns selbst dort nieder.
Scharfen [lachend]. Ja! Die armen Wilden können uns dankbar sein, daß wir sie nicht wie einst mit Gewalt auf unsere Schiffe schleppen und als Sklaven verkaufen.
Roden [eifrig nickend]. Wir tun etwas viel Besseres. Wir verwenden sie gleich als Sklaven an Ort und Stelle. Oh Fortschritt – du gleißender Fortschritt! Nein, läßt mich in einem Erdstrich wohnen, wohin diese bewunderte Civilisation noch nicht vorgedrungen, wo Wahnsinn, Trunksucht, Selbstmord und Verbrechertum, wo Habgier, Neid und Verleumdung noch nicht zur Tagesordnung gehören!
Norry [lachend und die Pfeife schwingend]. Es lebe das Reich der Pinguine!
Hasselstein [nachdenklich]. Gott weiß es, Sie haben so unrecht nicht, Roden, trotz Ihrer entsetzlichen Spottlust! Hier, fern von den Einrichtungen bevölkerter Erdstriche fallen alle kleinlichen Charakterzüge wie Schuppen ab. Hier kann ein Mann nicht mehr scheinen als er ist. Kein Heucheln verdeckt hier den Mangel jener Eigenschaften, die zu besitzen man sich früher oft gerühmt haben mag – die zu haben man sich möglicherweise selbst eingeredet.
Norry [lebhaft]. Und doch entwickeln sich gerade hier oft Eigenschaften, das heißt schlummernde Fähigkeiten krystallisieren sich, welche zu besitzen man sich daheim nicht einmal geträumt hätte.
Scharfen [eifrig zustimmend]. Stimmt! Dort war das eigene Ich immer der erste Faktor, hier tritt es beständig in den Hintergrund. Dort ging man am schreiendsten Elend kalt vorüber, weil man den Kopf mit höchst überflüssigen, aber im Augenblick außerordentlich wichtig scheinenden Kleinigkeiten vollgekramt hatte – man hatte eben keine Zeit – sondern lief blind irgend einem nichtigen Vergnügen, einer bedeutungslosen Belustigung nach oder beeilte sich irgend eine gesellschaftliche Verpflichtung anstatt jene höhere Pflicht lauterer Menschenliebe zu erfüllen! Hier dagegen bietet man alles auf um seinen Gefährten und nicht nur diesen sondern selbst den Tieren, die mit uns in Berührung kommen und unser Geschick teilen, die schlimme Lage nach Kräften zu erleichtern.
Roden [sich zurücklehnend]. Zweifellos! Das Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt sich bedeutend stärker hier und geteilte Gefahren sind eiserne Bande. In alten Zeiten sind die einzelnen Stämme ebenso innig aneinander gehangen und haben stets freudige Opferwilligkeit an den Tag gelegt. Erst das Zusammenscharen vieler sich unbekannter und folglich einander gleichgültiger Menschen, die man alle wie toll auf ein gleiches Ziel zuhetzt und die wissen, daß sie es umso sicherer erreichen werden, je mehr Mitbewerber sie im Rennen niederstoßen, hat dieses Meer von Selbstsucht geschaffen, in dem so viele Schwache unverdienter Weise untergehen müssen. Auch ein Gewinn der zunehmenden Civilisation!
Hasselstein [nach einigen Sekunden ernst]. Das ist der ewige Kampf der Natur, in welchem der Stärkste siegt, die Schwächeren untergehen. Dennoch – – unsere Anschauungen werden andere hier draußen. Das Bewußtsein menschlicher Erhabenheit schrumpft gegenüber den überwältigenden Wundern der unberührten Natur bedeutend zusammen. Unsere Unüberwindlichkeit scheint uns geringer, wenn wir eben einen Schneesturm mitgemacht oder die riesigen Eisbarrieren betrachtet haben, die seit Jahrtausenden hier herumzuschwimmen scheinen und unsere Widerstandskraft dünkt uns klein, wenn wir die winzigen Rotiferen betrachten, die ins Eis eingefroren, scheinbar jahrelang tot liegen, um, wenn ein günstiger Umstand die sie umschließenden Eispartikel wieder schmilzt, zu neuem Leben zu erwachen, als wäre nichts besonderes vorgefallen. Wie gebrechlich sind wir, stolze Menschen, verglichen mit ihnen!
Norry [lachend]. Unbestreitbar, trotzdem verbleibe ich lieber Mensch als Radtier. Der Wert des Daseins liegt eben im Bewußtsein unseres Seins.
Hasselstein [ernst]. Manchmal möchte man gerne einige Jahre wie ein Radtier schlummernd zubringen, während über einen hinweg unempfunden die Stürme des Lebens brausen.
Roden [erregt]. Lächerlich! Das wäre wie der Vogel Strauß seinen Kopf unter den Flügel stecken und hierauf glauben den Feind besiegt, den Gegner verscheucht zu haben. Nicht im Zurückweichen – im Vorwärtsdringen allein – muß man das Ende irgend einer Mühsal suchen, da nur die Ruhe, die der Ueberwindung, sei es nun seiner Gegner, des Geschicks oder des eigenen Ichs liegt, von wahrem und dauerhaftem Wert sein kann.
Scharfen [nickt]. Ein indischer Weise sagt: Festes Bestreben besiegt selbst das Geschick! Es gibt kein zwingendes ›Kismet‹ für den, der zu wollen gelernt.
Norry [einlenkend]. Unzweifelhaft! Indessen bin ich überzeugt, daß uns nicht nur der Haß gegen die Unsitten unserer Zeit sondern auch jene alte Abenteuerlust herausgetrieben, die uns als Knaben schon beim ersten Märchen das Blut schneller durch die Adern rinnen ließ. Am Ende sind wir doch alle Kinder unserer Zeit. Wir verlachen herrschende Vorurteile zwar, bäumen uns gegen die enggezogenen Grenzen auf, aber wir wüten, nichts destoweniger, wenn jemand anderer es uns nachzumachen wagt. Es ist eben die alte Geschichte vom Balken und Splitter.
Hasselstein [seufzend]. Wir täuschen unsere Mitmenschen zuweilen – – und dies mit vollem Bewußtsein – – wir täuschen uns selbst viel öfter und ohne davon die geringste Ahnung zu haben. Vielleicht verlieren wir Aufrichtigkeit und Natürlichkeit so leicht, weil wir uns immer mehr und mehr von der Natur entfernen.
Roden [triumphierend]. Was sagte ich?
Hasselstein [aus dem Zelte blickend]. Hier spricht Mutter Natur in all ihrer Pracht und Majestät zu uns und wir fühlen ihren wohltätigen Einfluß nicht nur körperlich, indem wir stärker, sondern auch seelisch, indem unsere besten Triebe begeistert rege werden.
Scharfen [Triebe]. Ja, Schönheit läutert. Wer könnte auf die herrlichen Schneegebilde, die mächtigen Eisgrotten, das flackernde Nordlicht blicken können und im Herzen der alte Egoist, gleichgültig gegen alles, was nicht ›Ich‹ ist, bleiben?
Norry [bitter]. Wer könnte hier glauben, daß es in der Tat Menschen gibt, die ein treues Herz, ein ganzes langes Leben voll stillen Glücks um einiger lumpiger Tausender klaglos opfern können – –
Hasselstein [im selben Ton]. Oder daß es Leute gibt die sich an kleinliche Vorurteile wie der Octopus an sein Opfer klammern? [Nach einer Pause.] Es ist eine unleugbare Tatsache, – wem Herd und Heim mit Glück und Ruhe winken, der stürzt sich nicht in unbekannte Gefahren, mag der Trieb dazu auch hundertmal in seiner Seele schlummern. Oft, wenn ich auf meinen einsamen Wanderungen ein Licht so freundlich aus einem Fenster strahlen sah, dachte ich mir, daß es wohl über irgend einen Teuren wache – – – ein Auge in der Nacht, das wie ein milder Führer, wie ein getreuer Leuchtturm dem einsamen Schiffer zeigt, wo der ruheverheißende Hafen winkt. Wir, denen kein solcher Leuchtturm die Fahrt auf den Strom des Lebens erleichtert, wir segeln planlos, uns wirft des Lebens wechselnde Springflut unbarmherzig auf Klippen oder öde Inseln und was wunder, daß so viele von uns – – –
Roden [finster]. So jämmerlich untergehen! Es gehört ein guter Steuermann und eine feste Hand dazu ein Schiff zu steuern, das auf finsterem Meere treibt.
[Alle rauchen eine Weile schweigend. Das Heulen des Windes nimmt zu, das Nordlicht verschwindet langsam. Es wird unheimlich finster.]
Scharfen [die Hände gegen die Zeltdecke hebend]. Uns bleibt das Wissen – die Suche nach dem Unbekannten, dem Unerforschten und endlich das Bewußtsein unsere Pflicht getreu erfüllt zu haben.
Hasselstein [aufspringend]. Wir »schaffen« und »schaffen« bedeutet »leben«.
Norry [lachend]. Sagen wir mit Calderon »Das Leben ist ein Traum!«
Roden [achselzuckend]. Oder ein ver– Alpdrücken – individuell genommen!
3. Auftritt.
[Man hört lautes Hundegebell und Stimmengewirr. Von rechts kommen eine Anzahl Rodel von Hunden gezogen und dicht bepackt auf die Szene. Mehrere Männer, die ganz vermummt sind, kommen auf Ski mit langen Stöcken und ganz vereisten Gewändern. Zwei Männer führen einen Kranken, der sich sichtlich kaum mehr auf den Beinen halten kann und den Hasselstein sofort auf einen Schlafsack niederlegen hilft, während Scharfen einen Medizinkasten bringt und etwas in einem Glase zusammenmischt. Norry und Roden zuerst, später Hasselstein, helfen die Hunde abkoppeln und abführen, nehmen die Schlittenverpackung herab und Norry füllt gleich viele Schüsseln mit dampfender Suppe.]
Hasselstein [indem er eifrig mithilft]. Dem Himmel sei Dank, daß Ihr endlich zurückgekehrt! Wir gaben uns schon den allerernstesten Befürchtungen hin, denn die lange Polarnacht mit ihren Schrecken steht dicht vor der Türe.
Kapper [ernst, indem er die Ski abschnallt]. Ihre Befürchtungen, Hasselstein, hätten sich bei einem Haar bewahrheitet. Die meisten von uns sind mehr oder weniger schneeblind geworden, und trotz der Mitternachtssonne und des steigenden Thermometers hat Meroff die Zehen beider Füße eingebüßt, denn das lange Marschieren im auftauenden Schnee, verbunden mit dem plötzlichen Fallen der Temperatur so oft ein Schneesturm im Anzug war – alles dies hat die Mühsal unserer Entdeckungsreise sehr erhöht. Ich fürchte, Meroff wird beide Füße verlieren.
Johansson [ernst]. Der Arme wird seine Heimat nicht wiedersehen – es geht schnell abwärts mit ihm.
Hasselstein [die anderen unterstützend]. Erreichten Sie den Beardmore Gletscher?
Granelli [lebhaft]. Und ob! Wir machten auch viele wertvolle Aufzeichnungen und hatten großen Vorteil von diesem Ausflug vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, wenn nur beim Rückmarsch die Schwierigkeiten nicht geradezu unübersteiglich geworden wären, erst da – [er schweigt].
Johansson [eifrig]. Die letzten vierzehn Tage waren die allerschlimmsten. Die Lebensmittel gingen zu Ende, mit dem Thranvorrat war es Schluß und was es heißen will mit nassen Füßen ohne etwas wärmendes in den Leib zu bekommen in den Schlafsack zu kriechen, das kennen Sie Hasselstein! Ein Wal war nicht zu erjagen, Meroffs Füße wurden täglich schlimmer, Skorbut war schon im Anzug, die Polarnacht näherte sich mit Riesenschritten. – Ich glaubte wahrlich nicht Euch alle wiederzusehen, Kameraden.
[Alle schütteln einander warm die Hände und rufen durcheinander.]
Willkommen bei uns! Willkommen Freunde, in unserer Mitte!
Hasselstein [nach einer Pause]. Wie war der Weg im allgemeinen?
Kapper [kopfschüttelnd]. Die ersten Tagreisen waren so leidlich aber dann – schauerlich! Wir sanken in der Regel bis zu den Knien in den weichen auftauenden Schnee, konnten uns überhaupt nur Dank der Ski auf der Oberfläche erhalten und bald mußte der eine, bald der andere von uns zurückeilen um den Hunden mit den Rodeln über eine schwere Stelle zu helfen. Drei Tiere sind uns schon eingegangen, zwei weitere mußten wir als Nahrung für die übrigen opfern und an ihrer Stelle selbst den Rodel ziehen.
Johansson [den letzten Schlitten mit Hilfe der anderen abpackend und die Sachen in die Schneehütte tragend, während die anderen Fremden schon im Zelte auf den Schlafsäcken sitzen und sich die Suppen schmecken lassen, die Norry eifrig ausschenkt]. Oft brauchte es eine halbe Stunde, oft länger, bevor wir des Morgens unser Schuhzeug wieder auf die gefrorenen, hochgeschwollenen Füße zwingen konnten.
Hasselstein [mitleidig]. Welch Leiden liegen hinter Euch!
Johansson [abwehrend]. Bah! Wir haben alle unsere Leiden mitzumachen – wir dort – Ihr hier. Da ist die versprochene Beute! [Er reicht Hasselstein einige Vögel.] Zwei Königspinguine, drei Sturmvögel und einen weißen und einen schwarzen Albatroß. Was sagen Sie dazu?
Hasselstein [ihm warm die Hand schüttelnd]. Großartig! Tausend Dank! Sie sollen einst das Museum Kringhausens zieren. Ich habe auch hier das Leben und Treiben der Pinguine studiert und muß sagen, daß die Damen von Kringhausen selbst nicht neugieriger sind als diese befiederten Bewohner der Antarktis und was das heißt –
Johansson [lachend; indem er alle Rodel mit Hilfe Hasselsteins aufeinandertürmt]. Bewahre! Weiß ich's etwa nicht? Ich habe zu meiner Zeit auch einige Erfahrungen mit bezug auf das zarte Geschlecht gesammelt – was zum Beispiel meine Alte – Gott hab' sie selig! – nicht herausgefunden hat – Nu, lassen wir's gut sein. Man sagt zwar, Wiedersehen macht Freude, aber was mich betrifft, so bitte ich, daß mir diese Freude noch recht lange erspart bleibt.
Vickers [kommt aus dem Zelt]. Meroff ist in unruhigen Schlummer verfallen – seine Beine sind bis hinauf geschwollen – der erste, der uns verläßt.
Hasselstein [nach kurzer Pause]. Und Sie, alter Freund, können die Augen kaum offen halten.
Vickers [abweisend]. Oh ich? Ich bin nur schneeblind – das wird sich bald geben. [Er geht in das Zelt zurück.]
[In diesem Augenblick kommt ein entsetzlicher Windstoß dahergefahren. Das Brausen des Meeres ist unheimlich gewachsen, das Eis knarrt, der Sturm heult, so daß man keinen anderen Laut hören kann, kleinere Eisstücke rollen über die Szene, der Schnee wird aufgewirbelt.]
Hasselstein [zieht so schnell er nur kann eine zweite Hülle über das Zelt, Norry hilft ihm]. Schnell, schnell! Der Schneesturm naht. [Er bindet die Hülle fest.]
Norry [lebhaft]. Ins Zelt, ins Zelt!
[Während Hasselstein die letzte Hand an das Zelt legt, hat Norry die Tür des Zeltes zugezogen. Die ganze Szene ist dunkel, der Sturm heult graueneinflößend und während der Vorhang langsam sinkt, braust eine ungeheure Schneewolke über die Bühne hin, so daß alles im Nu weiß erscheint.]
Ende des ersten Aktes.
2. Akt.
[Ein elegant ausgestattetes Zimmer. In der Mitte der Szene ein Spieltisch, an dem vier ältere Damen sitzen. Zwischen zwei und zwei Spielern steht ein stummer Diener mit Liqueurgläsern und Backwerk. Links und rechts eine Tür. An der Wand im Hintergrund eine Kredenz mit Obst und anderen Dingen. In den Ecken hübsche Figuren aus Gyps, an der Wand hängt ein Vogelhaus und kleine Tischchen mit Stühlen stehen da und dort. Bilder und Spiegel an den Wänden. Alles spricht von Wohlstand, aber alles hat ein kleinstädtisches Gepräge.]
1. Auftritt.
Frau Zungrapp [lebhaft]. Wer spielt aus?
Frau Krickenfeld [lächelnd]. Immer die, die fragt!
Zungrapp. Will' mal sehn, wer mein Partner ist.
Frau Hasselstein [zerstreut]. Was wurde gerufen?
Zungrapp [lebhaft]. Herz! Bitte nur nicht in meine Karte zu schauen!
Krickenfeld [zieht den Wurf heftig an sich und küßt sich die Fingerspitzen]. Gott sei Dank, der König wäre glücklich zuhause. Ich fühle mich nie ruhig, bevor ich ihn geborgen weiß.
Zungrapp [besorgt das Haupt schüttelnd]. Ob ich meinen Pagat wohl werde retten können?
Krickenfeld [nachdenklich]. Wo nur der Mond steckt? [Nach kurzer Pause.] Also der Herr Sohn ist wieder in Kringhausen?
Hasselstein [froh]. Ja, Hans Georg ist vor einer Woche angekommen. Man hat ihn festlich empfangen und in der »Gelben Schwalbe« wurde ihm zu Ehren sogar ein Festessen veranstaltet. Zwei Universitätsprofessoren waren anwesend und außerdem der gesamte Lehrkörper des hiesigen Gymnasiums – auch andere Honoratioren Kringhausens –
Krickenfeld [die Hand ausstreckend]. Mir gehört der Stich, bitte! – Ja, ja, es muß schön sein einen so berühmten Sohn zu besitzen, der am Südpol gewesen, allerlei Meerungeheuer und ähnliche Dinge gesehen hat – zwar praktischen Wert – [sie schweigt].
Zungrapp [scharf]. Die heutige Jugend, liebste Peleponesia, denkt nicht an die praktische Seite des Lebens: So lange nur ein Mamatscherl die Moneten gibt – [jubelnd] Pagat ultimo! meine Damen. [Sie rafft den Stich an sich.]
Die drei anderen Damen. Waaaaaaaas?
Hasselstein [ärgerlich]. Natürlich: So geht es immer. Hätten Sie, beste Frau Inspektor, besser achtgegeben, so hätten wir jetzt nicht den Pagat verloren.
Holzheim [sich eifrig verteidigend]. Mit nichten, Frau Oberst, wenn Sie nicht den König gleich zu Anfang des Spieles so leichtsinnig ausgespielt hätten, so –
Hasselstein [noch gereizter]. Sie hätten eben kleine Tarockspiele nicht mit dem Mond und dem Zwanziger stechen sollen, da hätten Sie später auch noch –
Holzheim [mit lauter Stimme, heftig gestikulierend]. Wenn Tarock ausgespielt wurden, mußte ich den Mond hergeben – ich hatte ja nur vier Tarock –
Hasselstein [noch lauter]. Was sagte ich – Sie spielen und haben kein Blatt –
Zungrapp [die beiden überschreiend]. Bitte, meine Damen, dreißig Heller per Person –
Holzheim und Hasselstein [zugleich]. Wie dreißig Heller? Nicht möglich, der Pagat kostet bloß –
Zungrapp [sich stolz zurücklehnend mit Nachdruck]. Pagat ultimo!!!!
Hasselstein [zahlt in Spielmarken aus]. Bitte, bitte, da sind schon die dreißig Heller. In Zukunft aber, beste Frau Inspektor, bitte mich nicht zu rufen, wenn Sie keine Karten haben. Man darf seinen Partner nicht auf diese Weise ins Verderben locken.
Holzheim [lebhaft]. Wie? Ich habe den Mond und den Zwanziger und –
Hasselstein [ihre Rede unterbrechend]. Und nichts weiter gehabt. Wir mußten verlieren!
Zungrapp [während die andern lachen]. Bitte zu geben, Frau Oberst, – nächstes Spiel. [Es tritt eine momentane Stille ein, während alle die erhaltenen Karten prüfen.]
Hasselstein [mit Siegermiene]. Ich spiele einen Solo! Was sagen die Damen?
Alle. Passe! Unterm Tisch! Gut!
Hasselstein [betrachtet ihren Kauf]. Den Achten! [Das Spiel beginnt.]
Zungrapp [seufzend]. Ja, was du früher sagtest, meine teure Peleponesia, ist allerdings richtig. Praktischen Wert hat so eine Südpolfahrt wohl nicht. Das kostet nur Geld – viel Geld – es bringt zwar Ehren ein, aber nicht wahr, liebe Frau Oberst, mit Ehren allein kann man keinen Haushalt gründen und bei einem jungen Manne handelt es sich vorallem darum schnell sein eigenes Nest bauen zu können.
Hasselstein [seufzend]. Ach ja! Aber daran will Hans Georg nicht denken. Er hat eben seine eigene Anschauungen!
Krickenfeld [ihre Karten faltend und entfaltend]. Man sagt – aber – hm, mich betrifft es ja nicht! Ich gehöre nicht zu jenen, die ein Gerücht von Haus zu Haus tragen – freilich, die Ohren verstopfen gegen das, wovon die ganze Stadt spricht, kann kein Mensch. Nein, ich habe aber wirklich ein elendes Blatt! Nicht einen einzigen Stecher!
Holzheim [lächelt vergnügt]. Meine Damen, ich sage die »Trull« an. [Mit wichtiger Stimme.] Auch mir sind gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen, aber –
Krickenfeld [ihre Karten betrachtend]. Du meine Güte, Frau Oberst, ich habe nicht einen Stecher – wie –
Zungrapp [streng]. Nichts aus der Schule plaudern – [Sie nickt mehrmals mit dem Haupte.] Ach, teure Peleponesia, es ist ein altes Sprüchwort: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch einmal an die Sonnen.
Krickenfeld [rasch]. Soll ich oder soll ich nicht? Ich wag's: Ich sage König ultimo an.
Alle. Gut, gut!
Zungrapp [schüttelt mißbilligend das Haupt]. Und vor kaum einer Minute sagst du, daß du keinen Stecher hast. Ach, Peleponesia: [Sie droht ihr mit dem Finger.] Ja, ja, man erzählt sich, doch – uns geht alles das nicht an. Pardon: War das eben der Sechzehner, der ausgespielt wurde? Gut: Den kann ich gerade noch überstechen.
Holzheim [ärgerlich zu Krickenfeld]. Jetzt haben Sie zu niedrig ausgespielt, beste Frau Kommerzienrat: Auf diese Weise werden wir das Spiel verlieren.
Hasselstein [lachend]. Tut gar nichts, liebe Frau Inspektor, da gewinnen wir es. [Man spielt eifrig.] Was sagt man eigentlich? Sollte jemand etwas Nachteiliges über meinen Sohn geäußert haben?
Zungrapp [bewegt die Karten]. So ein berühmter Gelehrter: – ein Südpolforscher: – indessen – mein Gott, die Menschen sind einmal neidisch – böswillig –
Krickenfeld [seufzt tief auf]. Ach, verehrteste Freundin, die Welt ist voller Tücke: Besonders wenn es sich um eine hervorragende Persönlichkeit handelt –
Holzheim [triumphierend]. Der Mond geht nach Hause, der Mond geht nach Hause: Was man sagt? Ach, liebste Frau Oberst, nur unsere aufrichtige Freundschaft für Sie vermag –
Alle drei Damen [die Karten wie zum Schwur erhebend] unsere bewährte vieljährige Freundschaft –
Holzheim [jubelnd]. Der Pagat: Dem Himmel sei Dank: Ja, und unser warmes Interesse für Ihren berühmten Herrn Sohn –
Krickenfeld [zur Decke aufsehend]. – den wir schon liebten als er noch in Röckchen herumging –
Zungrapp [mit süßer Stimme]. – den wir mit innigsten Interesse aufwachsen sahen –
Holzheim [einen Wurf an sich raffend]. – vermag uns eine leise – eine ganz leise – die allergeringste Andeutung zu machen, daß – daß –
Zungrapp. – daß – es fällt uns allen schwer eine so äußerst delikate Frage zu berühren –
Krickenfeld [eifrig]. Ja, man hat wirklich die Unverschämtheit zu behaupten – natürlich, nur eine Verleumdung – die Welt ist leider so verderbt –
Holzheim [seufzend]. Ja, verehrteste Frau Oberst, man ist der absurden Anschauung –
Krickenfeld [sich in die Brust werfend]. Das heißt unwissende Leute – wir haben nie daran geglaubt –
Holzheim [eifrig]. – böswillige Zungen –
Zungrapp [verächtlich]. – Menschen, die immer auf der Lauer liegen irgend einen Skandal zu entdecken –
Hasselstein [die Augenbrauen hochziehend]. Einen Skandal? Meinen Sohn betreffend?
Holzheim [sich zurücklehnend und das Spiel unterbrechend]. Beste Frau Oberst, wir sind eben noch nicht so modern – so ultramodern wie der Herr Sohn – In Kringhausen hält man sich noch an die strengen Sittenbegriffe unserer eigenen Jugendzeit, das ist heutzutage natürlich veraltet – ich weiß – aber Leute finden es hier eben – ja, überraschend, hochgeschätzte Freundin – daß –
Zungrapp. – daß Ihr berühmter – Ihr trefflicher Sohn – daran denken könnte –
Krickenfeld. – daß er sich dazu bestimmen ließe –
Holzheim. – imstande sein würde – [plötzlich jubelnd] Gewonnen, – gewonnen: Wir haben die »Trull«, wir haben Pagat ultimo!
Krickenfeld [sieht durch ihre Karten]. Wir haben zwei Stiche und einen König.
[Großer Lärm, Durcheinanderrufen, Ausbezahlen.]
Hasselstein [nach einer Pause, scharf]. Wozu könnte Hans Georg sich entschließen?
Holzheim [seufzt tief auf, die anderen tun desgleichen]. Ach, beste Freundin, die liberalen Anschauungen des Herren Sohnes geben leider zu allerlei unbegründetem – ich bin fest überzeugt ganz unbegründetem Gerede Anlaß – man meint, er könnte sich hinreißen lassen – ja, viele Leute gehen dahin zu behaupten es sei eine schon beschlossene Sache – dieses – Mädchen –
Hasselstein [finster]. Welches Mädchen? Ich verstehe nicht –
Krickenfeld. Bitte anzusagen – was ist gerufen? Ja, es handelt sich um – meine Lippen sträuben sich den Namen dieser unglücklichen Gefallenen auszusprechen – kurz, um Berta Heller!
Holzheim. Einen Dreier mit Herz: Was liegt im Talon? Ja, eben – man – böse Zungen – gehen so weit anzudeuten, daß der Herr Sohn noch immer – man erinnert sich an seine frühere Verblendung – die Absicht haben soll an eine Verbindung mit –
Zungrapp. Es liegt wunderschön: Der Mond und zwei Könige!
Krickenfeld [munter]. Und nicht einmal der Gerufene – das nenne ich Glück!
Holzheim. Das lasse ich mir gefallen: Ach, beste Frau Oberst, so ist es. Man meint wirklich allgemein –
Zungrapp [mit Pathos]. – die ganze Stadt spricht davon –
Krickenfeld. – daß Berta Heller die Schwiegertochter –
Hasselstein [entschieden]. Niemals! Geschwätz der Leute meine Damen, – mein Sohn kann und wird nie vergessen, was er dem Namen seines toten Vaters schuldet.
Zungrapp [süß lächelnd und einschmeichelnd]. Und dem seiner hochgeachteten allseitig geschätzten Mutter!
Hasselstein [rafft erbittert ihren Wurf zusammen]. Er würde es nie wagen mir eine solche Schwiegertochter in das Haus zu bringen – meine Ansicht kennt er –
Alle drei [lebhaft beteuernd]. Natürlich nicht! Ganz und gar ausgeschlossen! Gewiß nicht!
Krickenfeld. Das habe ich den Verleumdern auch gleich gesagt.
Zungrapp. Wenn junge Leute in die Welt hinausgekommen, so ist ihnen daheim nichts mehr recht [sie gibt sich einen Klaps auf den Mund]. Es ist nicht mein Sohn –
Holzheim. Der Herr Sohn hat eben so sehr moderne Anschauungen – ein Gelehrter – natürlich – aber – [sie seufzt].
Krickenfeld [lebhaft]. Wir schätzten die vielen Vorzüge des Herrn Professors sehr hoch –
Holzheim. Mein Pagat! O Jammer, er ist fort, er ist dahin! Wir sind eitel Bewunderung seiner – seiner – Tugenden – nur – nur –
Zungrapp. Wie? Ist der Mond noch nicht ausgespielt?
Hasselstein. Das kommt davon, weil Sie nie die Tarock zählen! Sie wissen nie, was ausgespielt wurde, Frau Professor –
Zungrapp [gekränkt]. Ich zähle sie immer, aber wenn einmal fünfzehn oder sechzehn draußen sind – so – so verliere ich manchmal den Faden. Trotzdem sagt Hofrat Glaubig immer, daß ich ganz vortrefflich –
Krickenfeld [die Hände zusammenschlagend]. Wie, lebt dieser wandelnde Leichnam noch? Dem zahlt die Regierung seine Pension sicher schon seit vierzig Jahren.
Holzheim. Und seine Tochter? Die hat vorzeiten trotz ihres kranken Beinleins auch manche Seitensprünge gemacht. Ha, ha, ha!
Zungrapp. Jetzt muß sich dieses Gerippe auch den Fünfzigern nähern. Eine Vogelscheuche erster Klasse.
Krickenfeld [entsetzt]. Gestochen? Mein König? Wie ist denn das möglich?
Hasselstein [trocken]. Weil erst neunzehn Tarock ausgespielt sind. Und was ist aus dem verrückten Sohne geworden?
Zungrapp [wichtig]. Oh der? Der hat auch so manches Vergehen auf dem Kerbholz – er sollte wohl eigentlich in das Gefängnis geworfen werden, aber des alten Herrn wegen hat man ihn lieber irrsinnig erklärt.
Krickenfeld [verzweifelt]. Jetzt ist unser König auch verloren! Frau Oberst tragen daran die Schuld!
Hasselstein [heftig]. Ich?? Ich kann die Tarock zählen – Gottlob [großer Lärm, alle schreien durcheinander].
Holzheim [erregt]. Sie hätten nicht Herz ausspielen sollen, als –
Zungrapp [gibt]. Bitte, nur schöne Blätter, meine Herrschaften!
Krickenfeld [ihre Karten musternd]. Lassen Sie sich Ihre Handerl vergolden für die elendigen Stecher, die Sie mir zugeschoben haben.
Holzheim [lebhaft]. Wird etwas angesagt?
Zungrapp [legt die Karten zusammen]. Ich sitze unterm Tisch.
Krickenfeld. Passe.
Hasselstein. Spielt niemand? Da wage ich einen Zweier. Treff!
Zungrapp [lachend]. Wie kühn unsere Frau Oberst plötzlich geworden ist. Da hat sie gewiß in unsere Blätter geschaut.
Hasselstein [tut entrüstet]. Aber meine Damen [alle lachen].
Holzheim. Und ich sage alle Könige an – hoffentlich bringe ich sie glücklich wieder nach Hause [alle spielen eifrig].
Hasselstein [mit einer Handbewegung]. Bitte sich doch zu bedienen, meine verehrten Damen. Ich glaube der Liqueur ist nicht schlecht – mein Sohn hat ihn von der Reise mitgebracht.
Alle. Aaaaaah! [sie kosten und nicken hierauf befriedigend]. Vortrefflich! Quel goût! Excellent!
Holzheim [sich bedienend]. Ich muß einen Anisbogen nehmen. Die gute Frau Oberst macht wahre Meisterstücke an Geschmack.
Zungrapp [einschmeichelnd]. Nein, diese Dattelbusserl sind meine Lieblinge. Meine Zähne erlauben mir nicht mehr den Genuß von hartem Backwerk. Was für Zukunftspläne hat der Herr Sohn?
Krickenfeld [leise zu Holzheim]. Sie hat nicht einen eigenen Zahn im Munde – lauter Kuckuckseier!
Holzheim [vertraulich]. Ich habe drei falsche – sonst nur meine eigenen – ich bin aber auch um zehn Jahre jünger.
Zungrapp [unterdessen leise zu Hasselstein]. Wie schrecklich alt und verfallen die gute Holzheim aussieht und doch bin ich selbst nur drei Jahre jünger [laut]. Heutzutage weihen uns die Kinder nicht mehr in ihre Pläne ein – die Eltern um Rat zu fragen ist nicht mehr Sitte – aber ich frage, weil wir den jungen Herrn eben wie unser eigenes Kind –
Alle [im Chor]. Wie unser eigenes Kind ansehen. [»Ich muß noch etwas nehmen« – »ich auch« schwirrt es durcheinander. Alle essen und trinken eifrig.]
Hasselstein. Es freut mich, wenn es den Damen schmeckt. Mein Sohn weiß das Wohlwollen der Damen zu schätzen und ich nicht minder. Was seine Zukunft betrifft, so wäre es mein Wunsch, daß er die Stelle als Professor der Zoologie am hiesigen Gymnasium annehmen würde. Indessen spricht man selbst von einer Oeffnung an der Universität in –
Krickenfeld. Wirklich? Ach, da wäre eine Heirat mit – mit Berta ein Unglück für ihn, denn niemand könnte mit ihm in gesellschaftliche Beziehungen treten, weder hier noch in seiner neuen Heimat. Man kann auch schlechterdings die Erziehung der aufwachsenden Jugend nicht einem Manne anvertrauen, der sich über die herrschenden Grundsätze hinwegsetzt. Ach, teuerste Frau Oberst, machen Sie Ihren mütterlichen Einfluß geltend – halten Sie ihn vor diesem Abgrund zurück! Ein Mädchen, das nun einmal das Unglück gehabt hat – ja, man kann die Welt nicht auf den Kopf stellen – ist eben verloren!
Hasselstein [ernst]. Mein Sohn schließt gewiß nie eine Ehe mit einer ihm unwürdigen Frau. Leider will er jedoch keine bindende Stellung – vorderhand wenigstens noch nicht – annehmen.
Holzheim [trinkt langsam]. Dieser Liqueur ist in der Tat vorzüglich. Und erst dieses Backwerk! Unsere liebe Frau Oberst gehört eben noch der alten Schule an, wo eine Hausfrau und Gattin vorallem kochen können mußte. In meinem Elternhause, wo täglich Gäste eintrafen, wo das Wild und Geflügel –
Zungrapp [lebhaft]. Beste Frau Inspektor, wenn Sie gar in meinem Elternhause gewesen wären, wo Fürsten und Prinzen –
Krickenfeld [macht eine Handbewegung]. Alles das ist nichts gegen den Aufwand, die Herrlichkeiten an Speise und Trank meines seligen Onkels des Erzbischofs –
Holzheim [sie erregt unterbrechend]. So viele Backhühner, wie bei uns hat man im ganzen Bezirk nicht gegessen und unsere Kirschpoganzen –
Zungrapp [sie unterbrechend]. In unserem Elternhause hatten wir täglich wenigstens vier verschiedene Weingattungen auf dem Tisch und zu den Festtagen –
Krickenfeld [mit vor Erregung zitternder Stimme]. Bei meinem seligen Onkel, dem Erzbischof –
Holzheim. Die Gänse wurden in meinem Elternhause so gut gefüttert wie nirgends sonst im Lande und was die Weingattungen betrifft –
Krickenfeld [einfallend]. Mein seliger Onkel der Erzbischof ließ den Champagner immer direkt von Frankreich kommen –
Zungrapp [lebhaft]. Ans Spiel, meine Damen. Ja, zu der Zeit wurde die Kochkunst viel höher geschätzt als heute. Jedes Mädchen selbst aus dem vornehmsten Hause, mußte kochen können. Sehen Sie einmal mich an –
Krickenfeld [einfallend]. Mein seliger Onkel, der Erzbischof, hielt strenge darauf, daß ich –
Holzheim. Unser Elternhaus genoß in der Hinsicht einen solchen Ruf, daß die Freier scharenweise zu unseren Eltern kamen. Damals war man noch nicht so modern, das man sich selbst einen Mann wählte – das taten die Eltern.
Zungrapp [bitter]. Welches Mädchen wird heute angehalten in der Küche mitzuhelfen – alles will nur studieren – will modern sein.
Hasselstein [spielend]. Ja, leider! Heutzutage muß ein Mädchen dagegen Tennisspielen, Rollschuhlaufen und ähnliche Sachen können, muß allerlei unnützes Zeug lernen und will dann, ganz wie ein Mann, ins Leben hinaus.
Zungrapp [langsam nickend]. Wobei sich mancher Falter die Flügel versengt. Das Heim geht verloren, die Heiraten nehmen ab und Kinder sind schon ganz und gar unmodern. Ich bitte, wie soll ein Mann auch Lust und vor allem die Mittel haben ein Mädchen von heute zu heiraten? Hunderterlei Ansprüche, keine Kenntnisse, keine Pflichten, wenigstens zwei Dienstboten, eine ganze Flucht von Zimmern, jeden Sommer eine Badereise, jede Saison mindestens drei Hüte –
Krickenfeld [mit Nachdruck]. Und keine Kinder, – nicht zu vergessen! Hat eine Frau einmal eins oder zwei, so muß sie schon ins Bad, braucht eine Kur, muß ein halbes Jahr unter ärztlicher Behandlung stehen und setzt eine Märtyrermiene auf. Sehen Sie mich an! Ich hatte zwölf lebende und vier tote Kinder und ich bin nie länger als vierzehn Tage im Bette gelegen.
Holzheim [die Karten zusammenraffend]. Gewonnen, gewonnen Frau Oberst! 25 Heller zu bezahlen.
[Großer Lärm, Meinungsverschiedenheiten, Auszahlung.]
Krickenfeld. Mein seliger Onkel, der Erzbischof, pflegte immer zu sagen: Frauen und Oefen gehören in das Haus.
Zungrapp. Herz gerufen? Heute hat man die Oefen und die Frauen – außer dem Hause.
Krickenfeld [süßlich]. Um auf das herzige Bürschchen – Pardon! Pardon! – den berühmten Südpolforscher zurückzukommen – so wissen Frau Oberst, daß wir die mütterlichsten Gefühle für ihn hegen – so ein Frauenherz ist einmal gegen alle von Liebe erfüllt – und deshalb erlauben wir uns zu sagen, daß ein junger Mann – und trotz seiner hervorragenden Eigenschaften ist der liebe Herr Professor noch so jung – manchmal des Rates bedarf. In höchster Erregung. Wie? Ist der Mond verloren?
Zungrapp [gelassen]. Schon vor drei Stichen führte ich ihn nachhause. Warum will der Herr Sohn die Stelle nicht annehmen?
Hasselstein [mißmutig]. Er will zuerst ein Buch herausgeben, das die Beschreibung seiner Fahrt und der von ihm gemachten Entdeckungen enthält.
Frau Zungrapp. Ein Buch!!! Soooo interessant – aber – glaubt der Herr Sohn finanziellen Nutzen daraus ziehen zu können? Ich erlaube mir nur diese Frage, beste Frau Oberst, will jedoch nicht einen einzigen Augenblick andeuten –
Krickenfeld [süßlich]. Wir zweifeln nicht, daß das Werk vortrefflich geschrieben sein wird, aber wir meinen nur, daß ein wissenschaftliches Werk in Kringhausen – Mein Gott, solche Arbeiten liest eben kein Mensch [sie schlägt sich auf den Mund] – ich will sagen, so eine Arbeit wird nur von auserlesenen Geistern gelesen – in Bibliotheken und so weiter – aber nicht oft gekauft.
Holzheim [achselzuckend]. Der Büchermarkt ist eben so überfüllt!
Hasselstein [spitz]. Nicht mit Werken über den Südpol und die Antarktis überhaupt.
Alle [sehr einschmeichelnd]. Beste Frau Oberst! Teuerste Freundin!
Krickenfeld [ihre Hand drückend]. Bitte unsere Anmerkungen nicht mißzuverstehen. In uns hat der Herr Sohn seine eifrigsten Bewundererinnen, aber wir sind eben der Ansicht, daß – daß die Verfasserlaufbahn keine sichere Versorgung für einen heiratsfähigen Mann ist – indessen hat ja das Mamatscherl –
Zungrapp [tröstend]. Schon aus Höflichkeit für die Verwandten des Herrn Professors wird man einige Exemplare kaufen –
Hasselstein [spitz]. Dessen bedarf es nicht. [Eine kurze, peinliche Pause entsteht. Das Spiel wird wieder aufgenommen.]
2. Auftritt.
[Der junge Hasselstein tritt ein.]
Alle Damen [strecken ihm lebhaft die Hände entgegen]. Ach, da kommt unser lieber, unser berühmter Südpolforscher! Willkommen, Willkommen!
Hans Georg [küßt jeder der Damen die Hand]. Ich bitte sich nicht stören zu lassen.
Krickenfeld [süß]. Lieber Herr Professor, wer kann von einer Störung sprechen – wir sind entzückt Sie wiederzusehen. [Es wird mit viel Lärm ausgezahlt.]
Holzheim. Von einer Störung kann hier gar nicht die Rede sein, wir haben uns ja schon so sehr auf das Wiedersehen gefreut.
Zungrapp [ihm mit dem Finger drohend]. Bei mir ist mein alter Freund noch nicht gewesen!
Hans Georg [während die Damen aufbrechen]. Ich werde nicht verfehlen – ich war nur so überaus in Anspruch genommen.
Zungrapp [lächelnd]. Ich kann es mir wohl denken – alle Professoren und – man hat immer auch andere Bekanntschaften –
Krickenfeld [sie beim Arm fassend]. Liebe Emilie, die Frau Oberst muß sich danach sehnen mit Ihrem gefeierten Sohne ein wenig zu plaudern. Da sind wir überflüssig. Komm!
Holzheim [während ihr Hans Georg in den Mantel hilft]. Ach so ein in Liebe pochendes Mutterherz! Aber wie hübsch er geworden ist! [Ihn von allen Seiten betrachtend, einschmeichelnd.] Darf ich Ihnen als alte, gute Freundin einen Kuß geben?
Zungrapp [ihn betrachtend, während Fr. Holzheim ihn küßt]. Und was für einen schmucken Schnurrbart er hat! Er ist nicht umsonst am Südpol gewesen! Das nächste Mal aber, beste Frau Oberst, bringe ich mein bescheidenes Abendbrot mit und werde dann Ihren hochinteressanten Sohn mit Fragen bestürmen. – Sie ahnen ja nicht, welches tiefe Interesse mich durchglüht, Sie lieber Herr Professor, von Ihnen die nähere Beschreibung der Paradiesvögel zu erhalten, die am Südpol –
Hans Georg [trocken]. Paradiesvögel gibt es leider keine in der Antarktis, meine Gnädigste!
Zungrapp [verwundert]. Nicht? Was Sie nicht sagen? Ich meine jene Vögel, die immer auf zwei Beinen gehen.
Hans Georg [leise]. Ja, auf vier können sie nicht leicht gehen. [Laut.] Gnädige Frau meinen wohl –
Krickenfeld [lebhaft]. – die antarktischen Pelikane. Von denen habe ich auch gelesen. [Sie knöpft eifrig ihre Handschuhe zu, die anderen Damen haben auch umständlich eine Menge Kleider und Pelzsachen angelegt.]
Hans Georg [lächelnd]. Gnädigste sprechen gewiß von den Pinguinen.
Krickenfeld [triumphierend]. Siehst du, liebste Emilie, ich hatte es erraten – mit »P« wenigstens fängt auch mein Wort an.
Holzheim [neugierig]. Nun behalten wir Sie wohl in in unserem schönen Kringhausen, nicht wahr, Herr Professor! Beim Mamatscherl ist's eben am besten!
Hans Georg [die Stirne runzelnd]. Ich hoffe bleibend bei Mama verweilen zu können – indessen hängt dies noch von einigen anderen Umständen ab.
Krickenfeld [mahnend]. Führen Sie nur auch bald ein nettes Frauchen heim. Ach, Sie Herzenstöter! [Sie droht ihm lächelnd mit dem Finger.] Ich kenne mehr als ein Mädchen, das nur von Ihnen träumt. Ha, ha, ha!
Hans Georg [ernst]. Gnädige Frau belieben zu scherzen – ich kenne nur eins!
Holzheim [die Hand auf seinen Arm legend]. Wählen Sie sich nur ein häusliches, wohlerzogenes –
Zungrapp [mit Nachdruck]. – ein Mädchen mit tadellosem Rufe – das ist immer Hauptbedingung, hier, wo man eben in mancher Beziehung noch so unmodern ist.
Krickenfeld [lebhaft]. Etwas Mitgift ist auch ein sehr wünschenswerter Faktor –
Zungrapp [abwehrend]. Letzteres spielt bei unserem Jungchen [schelmisch] Pardon! Pardon! so darf man eine angehende Berühmtheit wohl nicht nennen –
Hans Georg [verbeugt sich kalt]. Bitte sehr, gnädige Frau!
[Alle Damen reichen nun zuerst Frau Hasselstein und hierauf ihrem Sohne die Hand, die er küßt. Abschiedsworte fliegen durcheinander, ein großer Lärm entsteht. Mutter und Sohn begleiten die Gäste bis zur Tür zur Rechten.]
Krickenfeld [zu Hans Georg]. Stets willkommen bei mir, Herr Professor!
Zungrapp [lächelnd]. Nur auf baldige Brautschau ausgegangen! Ein junger Mann braucht ein Heim.
Holzheim [ruft von der Schwelle zurück]. Und nur die Warnungen der lieben Mama hübsch beherzigt!
3. Auftritt.
[Mutter und Sohn allein.]