Mein
kleiner Chinese

Ein China-Roman
von
A. M. Karlin

Mit 6 Federzeichnungen

1921
Verlag Deutsche Buchwerkstätten
Dresden

Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten
Copyright 1921 by Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden

Gedruckt bei H. B. Schulze, Dresden

I.

East is East, and West is West,
but the two can never meet.
Rudyard Kipling.

I.

Lieber Leser! Da die ganze Geschichte mit der ich dich hier zu langweilen beginne, von meinem kleinen Chinesen und – von mir selbst handelt, wirst du wissen wollen, wo ich zu Hause bin, wie ich heiße, vielleicht sogar wie ich aussehe. Ich komme daher deinen Fragen zuvor und gebe die gewünschten Aufklärungen. Meine Heimat liegt irgendwo zwischen der malerischen Küste der ewig blauen Adria und dem Pommerland. Dort nenne ich ein Stück Land von der Größe eines Schnupftuchs, einen Hund, der nach Aussage böswilliger Zungen eine Kreuzung aller kleineren Hunderassen sein soll und dessen Rute dieselben heimtückischen Verleumder der überraschenden Aehnlichkeit halber mit dem geringelten Schweiferl eines Schweines vergleichen, eine blauäugige Angorakatze, eine Schildkröte, drei Kanarienvögel, die ich sämtlich als Männchen kaufte und die sich unbegreiflicherweise bei mir in Weibchen verwandelten, einen Igel, eine alte Henne und eine Anzahl Küchenschabeneinwanderer mein eigen. Mein Name – lieber Leser erschrecke nicht! – ist Katherina Schulze. Mama nennt mich Ina, weil dies ein wenig aristokratisch klingt, meine Schwester Jenny ruft mich Käthe, doch in vertraulichen Momenten immer nur Kater, wogegen ich mich schon oft energisch aufgehalten habe. Umsonst! Jenny behauptet, daß wir zusammenpassen wie der Schuh zum Stiefelknecht. Meine Verwandten bezeichnen mich als den »verlorenen Sohn«, obschon ich taufscheinlich nachgewiesen eine Tochter bin, und dies einzig und allein, weil ich die oben angeführten Reichtümer schnöde verlassen habe, um in der Fremde an Alter und Weisheit zuzunehmen.

Man sagt: »Jung war der Teufel sauber« und jung war ich natürlich auch einmal, und das ist wohl der einzige Anspruch, den ich auf Schönheit machen konnte. Leser, nun weißt du alles! Wie ich bin und wie es mir erging, wirst du erfahren, wenn du dich bemühen willst, mich auf meiner Reise durch das Reich der Vergangenheit zu begleiten.


Dem Kühnen gehört die Welt, das habe ich mir immer vorgehalten. Wer nicht über die engen Grenzen des ihm ursprünglich eingeräumten Horizonts hinauszudringen versucht, wer nie in die Tiefen des Lebens hinabsteigt, und wer nie die Erde verläßt, um im Geiste höhere und reinere Regionen zu durchschweben, der hat zwar auch gelebt, aber doch nur wie eine Seidenraupe in ihrem Kokon. Leben ist die Erforschung des noch Unbekannten. Das kleine Kind, das zum erstenmal auf allen Vieren um den Tisch kriecht, erforscht die Welt ebenso sorgfältig und bereichert sein Wissen verhältnismäßig ebensosehr, wie der große Gelehrte, der seine Forschungsreise um den größeren Tisch, die Erde, macht. Das Erforschen bringt aber auch oft Gefahren mit sich – so ein auf allen Vieren gemütlich hinkriechender Forscher kann auf eine im Teppich verborgene Schere stoßen, kann seine Händchen und Beinchen in allerlei unliebsame Berührung mit Ecken und Kanten bringen, kann seine Weichteile mit Näh- und Stecknadeln spicken, sich die Stirn gegen manch ein unvorhergesehenes Hindernis schlagen, kann plötzlich durch einen herabfallenden Gegenstand unsanft getroffen, kann sonst noch von unzähligen Abenteuern und Leiden heimgesucht werden, und dem Forscher, der gelernt hat sich seiner zwei Beine statt der ursprünglichen vier Körpervorsprünge oder Auswüchse zu bedienen, ergeht es oft auch nicht um ein Haar besser, mit dem einzigen Unterschied, daß bei ihm nicht nur der Körper, sondern auch noch Geist und Charakter in Mitleidenschaft gezogen werden. Das muß nun freilich in den Kauf genommen werden, denn wie gesagt: Wer nichts wagt, gewinnt nichts.

Ich selber bin das menschgewordene Fragezeichen, wenn es sich um neue Dinge handelt, vorausgesetzt, daß diese nicht die Mode betreffen, denn gegen Erörterungen dieser Art habe ich eine unüberwindliche Abneigung. Diesem Triebe meines Wesens, immer neue Sachen kennenlernen zu wollen, verdanke ich die schönsten und auch die bittersten Stunden meines Lebens, denn wurde ich für meine Bemühungen oft reich belohnt, so blieb mir andrerseits Leid häufig nicht erspart.

In den drei Jahren, während denen ich ähnlich unserem Freund Ahasverus von Ort zu Ort gezogen bin, habe ich vieles Schöne in mich aufgenommen, viele Nationen und Rassen kennengelernt und die Verschiedenheiten ihrer Charaktere und Anschauungen mit großem Interesse studiert. Durch das Geschick begünstigt, dem ich durch meine Beharrlichkeit nachhalf, lernte ich Japaner und Indier kennen, von denen ich viele aufrichtig bewunderte, obschon sie oft sehr – aber sehr – verschieden von uns waren.

Da ich auch Neger mit Lippen wie die einladendsten Frankfurter Würstel kannte, dachte ich mir mit Recht, daß ich alles aufbieten müsse, um auch noch Chinesen in den Kreis meiner Bekannten einzureihen, auf daß diese mit ihrer uralten Kultur mir neue Horizonte eröffnen würden.

Für mich ist ein gefaßter Entschluß auch schon Tat. Nicht zehn Minuten später warf ich einen Brief an den Sekretär eines chinesischen Studentenvereins in den roten Schlund eines einladenden Londoner Briefkastens.

Ich hatte den Sekretär ersucht, die Mitglieder des Vereins zu fragen, ob jemand geneigt wäre, eine moderne Sprache in Austausch für Unterricht im Chinesischen zu lernen. Glücklicherweise hatte ich eine gute Auswahl Sprachen auf dem Lager.

Als ich am folgenden Tage, einem Sonnabend, um zwei Uhr vom Amt heimkehrte, lag ein Brief für mich auf dem Hutständer in der Halle. Ich riß ungestüm den Umschlag auf und hatte die Genugtuung, zu lesen, daß ein gewisser, hochbegabter Chinese namens Hoang-Zo sich zum Tausch bereiterklärte, da er italienisch lernen wollte. »Du bist doch ein ganzer Kerl, Katherina Schulze!« sagte ich mir. »Jetzt hast du sogar einen Chinesen – leider wahrscheinlich nur einen unbezopften, was natürlich den Wert verringert, aber immerhin einen waschechten Chinesen erangelt.« Die Adresse des unvergleichlichen Studiosus lag bei.

Allerdings war ein Wermutstropfen in dem Nektar – der Sekretär redete mich mit »Herr« an, und ich fürchtete nun, daß der angehende Gelehrte mir den Laufpaß geben würde, sobald er sich über mein Geschlecht im klaren war. Hoffend, daß der Einfluß des Westens die angeborene und anerzogene Verachtung der Weiber einigermaßen gemildert hatte, teilte ich ihm nebst meinen Freistunden auch die bedauerliche Tatsache mit, daß mich die Sünden in meiner vorigen Inkarnation dazu verdammt hatten, in der gegenwärtigen als Mädel herumzulaufen, und bat ihn gleichzeitig, von dieser traurigen Verwandlung keine weitere Notiz nehmen, sondern mich ganz als Mann betrachten zu wollen.

Die Antwort ließ nicht auf sich warten – er vergab mir großmütig mein Geschlecht und versprach, mich um drei Uhr nachmittags zum Tee abzuholen. In England ist es Brauch und Sitte, daß ein Herr eine Dame zum Tee einlädt, den er mit ihr in irgendeinem der zahlreichen, oft sehr hübschen Teehäuser, wo möglicherweise sogar die Musik spielt, einnimmt. Aber ich hatte damals noch einige verzopfte Ideen aus der Heimat mit, denen zufolge man nie etwas von einem Mann annehmen darf, wenn er nicht weißes Haar oder eine Frau mit mindestens sechs Kindern, womöglich gar beides hat, und ich wußte mit Bestimmtheit, daß Mr. Hoang-Zo kein weißes Haar hatte. – Die Frau mit den sechs Kindern konnte er nun freilich haben, da man in China oft schon mit 15 Jahren heiratet, aber andrerseits konnte ich nicht gut unsre Bekanntschaft mit der heiklen Frage eröffnen:

»Bitte, wie viele Kinder haben Sie schon?«

Zur festgesetzten Stunde klingelte es. Ich öffnete selbst und nicht ohne gehöriges Zähneklappern die Tür, da meine Hausfrau, eine mit Speck und Kindern reich gesegnete Italienerin, immer eine Viertelstunde brauchte, bevor sie aus den unteren Küchenregionen angepustet kam. Vor mir stand ein bartloser junger Mann, etwa einen halben Kopf größer als ich selbst (mich hat der liebe Herrgott sehr kurz zugeschnitten), von blaßgelber Gesichtsfarbe, etwa wie eine im Eintrocknen begriffene Zitrone, die in der Farbennuance zwischen gelb und braun schwankt, mit merkwürdig zwinkernden Augen – eine Folge sehr großer Kurzsichtigkeit –, die mich durch festsitzende Augengläser musternd betrachteten, und über die sich kaum sichtbar schwach gezeichnete Augenbrauen wölbten. Nase hatte er keine, besser gesagt keine vollständige Nase nach europäischen Begriffen, da die beiden geschlitzten Augen nicht durch ein kleines Vorgebirge getrennt, sondern durch eine Tiefebene verbunden waren. Ihm einen Zwicker anzutragen, wäre die bitterste Ironie gewesen. Sein Lächeln dagegen, das zwei Reihen kleiner, schneeweißer Zähne sehen ließ, war äußerst gewinnend, wenn es auch, wie ich später lernte, nur selten aufrichtig gemeint war.

»Mister Hoang-Zo?« sagte ich, indem ich die Tür hinter mir ins Schloß fallen ließ.

Er verbeugte sich leicht und nannte meinen Namen. Seite an Seite schritten wir dahin, und ich kam zu der Ueberzeugung, daß Chinesen nicht so sehr verschieden von anderen Sterblichen waren, besonders wenn sie in europäischer Kleidung waren und keinen Zopf trugen.

In Russell Square fanden wir eine Teestube und saßen bald gemütlich, von Kuchen umgeben, in einer Ecke, während vor uns der Tee aus der braunen Kanne dampfte. Eigentlich war es meine Aufgabe als Dame, den Tee einzuschenken, aber ich war froh, daß er mir diese Arbeit abnahm, und fand es auch ganz in der Ordnung, daß er sich an die chinesische Sitte hielt und sich immer zuerst bediente.

Alle Scheu war unglaublich rasch von mir gewichen. Ich hatte das Empfinden, als wären wir alte Bekannte, und als ich dessen erwähnte, entgegnete er lächelnd, daß wir uns wahrscheinlich in der vorigen Inkarnation schon gekannt hätten, was mich innerlich wundern machte, ob ich vielleicht einst ein Chinese gewesen.

Wir sprachen über die Philosophie des Weisen Konfuzius, über die Lehren des Taoismus, über den großen Denker Chuang-Tse, über die Verschiedenheit in den philosophischen Anschauungen des Ostens und des Westens, über das Für und Wider der Unsterblichkeit der Seele und ähnliche Fragen, die mich außerordentlich interessierten und über die er glänzend sprechen konnte. Sein Englisch war beinahe akzentfrei und seine Konversation verriet umfassendes Wissen nebst scharfer Urteilskraft.

Endlich wurde beschlossen, daß ich jeden Sonntag nachmittag zu ihm kommen würde, wo er von mir italienisch, ich von ihm chinesisch lernen wollte. Darauf reichten wir uns wie uralte Freunde die Hände, ich dankte noch einmal für den Tee und den in Aussicht gestellten Unterricht, und so schieden wir.

II.

»Wenn du nehmen willst,
mußt erst du geben.«
Lao Tse.

II.

Ausgerüstet mit einem gelben Heft – die passendste Farbe für Notizen auf Chinesisch – stand ich am folgenden Sonntag pünktlich wie der Tod beim dritten Glockenschlag außerhalb der kleinen Cottage in Highbury, wo Mr. Hoang-Zo zurzeit wohnte. Auf meinen Druck auf die elektrische Klingel kam niemand, als ich aber den Türklopfer mehreremal unsanft auf die Bronzeplatte fallen ließ, erschien eine weißbeschürzte Fee, die mich eine teppichbelegte, sehr schmale Treppe hinaufgeleitete und mich in ein Zimmer schob, an dessen Tür sie zweimal vergeblich gepocht hatte.

»Mister Hoang-Zo wird gleich kommen,« versicherte sie mir, und damit verschwand sie, wahrscheinlich, um ihn zu suchen. Ich benützte die Gelegenheit und ließ meine Blicke durch den kleinen und oberflächlich möblierten Raum schweifen, der jedenfalls einen Salon vorstellen wollte – beim Wollen blieb es indessen. Was aber auf mich einen so überaus anheimelnden Eindruck machte, das war keineswegs die Aussicht auf einen kleinen Garten mit einigen Obstbäumen ohne Obst, sondern die geradezu beispiellose, künstlerische Unordnung, die mir sofort kundtat, daß Mr. Hoang-Zo eine mir verwandte Seele war, denn was Unordnung anbelangt, so kann ich darin Erstaunliches leisten. Bücher lagen auf und unter dem Tische, auf dem Kaminsims, auf dem Fensterbrett, auf den Gestellen, auf den halbgeöffneten Koffern und Kisten, hinter den Stühlen und auf denselben. Bücher und Papiere sahen neugierig aus den halbgeschlossenen Laden, grüßten freundlich hinter der verstaubten Kohlentrommel hervor und fielen bei der geringsten Erschütterung des Terrains dem Eintretenden einladend zu Füßen. Tonangebend waren vor allem und überall Bücher, aber hie und da wurde die übergroße Weisheit wohltuend durch ein Paar Hosen oder ein Paar Schuhe abgeschwächt.

Als sich meine Augen genugsam an diesem seltenen Bilde geweidet hatten, kam Hoang-Zo, dem es augenscheinlich nicht behagte, daß meine Augen soeben mit Interesse ein Taschentuch betrachteten, das aus unbekannten Gründen zum Tintenwischer erniedrigt worden war.

»Ich weiß nicht, wie lange ich hierbleiben werde,« sagte er schnell, »und daher habe ich auch nicht auspacken wollen.«

Ich konnte ihm nachfühlen – ich selbst packte auch nie aus, sondern fischte im Koffer so lange herum, bis das Unterste nach oben kam und ich das augenblicklich Gewünschte erschnappt hatte.

Sowohl als Lehrer als auch als Schüler war er musterhaft. Er faßte sehr schnell auf, erriet die Bedeutung unbekannter Worte aus dem Zusammenhang, las mit Aufmerksamkeit und lehrte mich mit Geduld und viel Geschick.

Zwischen den beiden Stunden brachte die Dienerin jedesmal den Tee, und Hoang-Zo forderte mich auf, daran teilzunehmen. – Er schien die Lage der chinesischen Frauen für gar nicht so schrecklich zu finden als sie uns hier dünkt. Heutzutage gab es viele Schulen für Mädchen, die Füße wurden ihnen nicht länger verkrüppelt, sie lernten oft sogar fremde Sprachen und wurden, seiner Ansicht nach, von den Gatten gut behandelt.

»Wirklich?« fragte ich etwas ungläubig.

»Gewiß,« entgegnete er. »Auch der chinesische Gatte liebt seine Frau, aber allerdings ist uns Ritterlichkeit gegen die Anhängerinnen des zarten Geschlechts unbekannt,« fügte er hinzu.

Als dieses Gespräch stattfand, mochte ich etwa drei oder vier Wochen seine Schülerin gewesen sein. Ich dachte einige Augenblicke über seine Bemerkung nach und sagte dann aus der Tiefe meiner Ueberzeugung heraus:

»Ja, es muß schrecklich für eine Europäerin sein, sich in diese Verhältnisse einzuleben,« und mit einem entschuldigenden Lächeln für unsere Schwäche fügte ich hinzu: »Wir sind so gewöhnt, daß ein Mann uns mit dem Anlegen eines Mantels hilft, uns die Tür öffnet und so weiter, obschon wir es ja ebensogut selbst tun könnten.«

»Das ist selbstredend Ansichtssache,« meinte er.

Als es Zeit zum Aufbruch wurde, war ich überrascht, zu bemerken, daß er mir in den Regenmantel half und mir die Tür angelweit aufriß. Erst als ich wieder auf der Gasse stand, erinnerte ich mich meiner unbedachten Worte und ärgerte mich, daß ich, ohne zu wollen, etwas gesagt hatte, was er möglicherweise als eine Zurechtsetzung empfunden. Ich nahm mir vor, in Zukunft besser aufzupassen.

Da ich den Vorzug hatte, sehr viele nette Asiaten – zumeist Indier und Japaner – zu kennen, fragte ich ihn eines Tages in der Teepause, wo sich unsere Konversation um alles erdenkliche drehte, ob er eine Ehe zwischen Asiaten und Europäern für angezeigt hielt.

»Zwischen den südlicheren Nationen Europas und Chinesen dürfte es ratsam sein, da sowohl der Charakter als auch das Aeußere – die dunklen Augen, das dunkle Haar und der dunklere Teint – mehr zusammenpassen. Mit Germanen, Skandinaviern oder Engländern wäre dies indessen weniger angezeigt, da Kinder solcher Ehen oft ein unangenehmes Aussehen haben – sehr oft grellrotes Haar und wasserblaue Augen zu einem dunklen Gesicht,« entgegnete er mit seinem unergründlichen Lächeln, von dem ich nie wußte, ob es Spott, Wohlwollen oder herablassende Nachsicht ausdrücken sollte.

»Und sind solche Ehen glücklich?« fragte ich und sperrte meine Augen erwartungsvoll auf.

Wieder spielte das geheimnisvolle Lächeln um seinen bartlosen Mund.

»Das kann ich leider nicht sagen – ich war noch mit keiner Europäerin verheiratet und glaube überhaupt, daß es schwer ist, glücklich zu werden – für manche Charaktere wenigstens,« fügte er nachdenklich hinzu.

»Der Mensch betrachtet wohl alle Mädchen als eine unnütze Last der Erde,« dachte ich mir, als ich mich wieder über das gelbe Heft neigte und langsam buchstabierte:

»Ni s' Tsungo jen,« was »Sie sind ein Chinese« bedeuten soll.

Wenn ich damals gewußt, wenn ich nur entfernt geahnt hätte – aber die Binde der Unwissenheit verhüllte meinen Geist, und noch jetzt glaube ich, daß es ein Segen war.

III.

›Verlassen, verlassen, verlassen bin i!‹
(Oesterreichisches Volkslied.)

III.

Hoang-Zo war nach Paris gereist, wo er einige Wochen studieren wollte, und wo er sich um die Braut eines nach China zurückgekehrten Freundes zu kümmern hatte. Er schrieb mir einige sehr humoristische Karten, aus welchen keineswegs allzu großes Entzücken hervorklang, stellte seine Ankunft in London um Mitte November fest und empfahl mir mehrere gute Werke über die Philosophie des Ostens.

Auch für mich hatten die Winterfreuden meines Exils begonnen. Ein ganz besonders nebelreicher Herbst war angebrochen, und in den Zimmern war es so ungemütlich wie nur möglich.

Ich war in den verschiedensten Boarding-Houses gewesen, aber nachdem ich allerlei schlechte Erfahrungen bezüglich Gesellschaft und Kost gemacht, entschloß ich mich, nur ein Zimmer zu mieten und mich selbst zu beköstigen. Im Anfang verlegte ich mich, da ich im glücklichen Besitze eines Spiritusherdes war, auf so hochgehende kulinarische Leckerbissen wie Makkaroni, aber da diese die leidige Angewohnheit hatten, gerade wenn ich mit etwas anderem beschäftigt war, über den Rand der Pfanne zu gucken und Ausflüge auf den Boden zu machen, und weil sie andrerseits sich oft darauf steiften, daß ein Teil von ihnen hart blieb, der andere aber höchst zuvorkommend schon zerfiel, bevor er den Teller erreichte, gab ich es auf. Ich versuchte es mit Eiern, und auch da war alles »gut Glück« und nicht Wissen. Am sichersten waren hartgesottene Eier, denn wenn sie einmal hart waren, konnten sie natürlich nicht weicher werden, aber die weichgekochten und von mir vorgezogenen Eier, die waren eine Quelle der Enttäuschung für mich. In die große Pfanne, ich hatte nur eine, da ich als »ewiger Jude« nicht eine Kücheneinrichtung mit mir schleppen wollte, gingen sie sehr gut, aber heraus wollten sie nicht. Ich fischte und fischte mit dem Teelöffel nach dem Ei, meist so lange, bis das Ei hartgesotten war, einmal mit dem Erfolg, daß ich es wirklich herausbrachte und sogar mit Schwung an mir vorbei und auf den Boden, wo es sich als Eierspeise servierte, und beim letzten Male meiner Eierkochversuche sprang das Ei davon, das siedende Wasser über meine Hände und Kleider und die treulose Pfanne auf meine Füße, während der Spiritus in voller Flamme diese Gelegenheit benützte, sich an meinem Rockzipfel schadlos zu halten. Ich schrie wie am Spieß und habe seit jener Zeit nur mehr Tee gekocht. Dabei wagt man wenigstens nicht sein Leben.

Um auf die Wärmevorrichtung meines Gemachs (Loch scheint mir indessen zutreffender) zurückzukommen. Ich hatte einen offenen Kamin in meinem Zimmer, wie sie in England gang und gäbe sind, an welchem man sich auf der einen Seite rösten kann und auf der anderen erfriert, ausgenommen man dreht sich wie ein Kreisel die ganze Zeit um die eigene Achse. Als ich jedoch die ersten Heizversuche unternahm, bemerkte ich zu meiner Freude, daß eine dichte Rauchwolke die Luft verpestete, und als meine Rufe die dicke Hausfrau alle Stockwerke heraufgebracht hatte, erklärte sie mir mit dem Gleichmut, der diese Klasse weiblicher Wesen auszeichnet, daß sich der Kamin nur heizen ließe, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung bliese. Die für ihn passende Richtung habe ich nie herausgefunden – wahrscheinlich ist sie in der Windrose nicht zu entdecken. Sie tröstete mich damit, daß der Rauchfang des Hauses an meiner Wand vorübergehe und ich es daher immer hübsch warm haben werde. Hübsch hatte ich es dort nie, und warm noch weniger, aber im weitesten Sinne hatte sie recht. Dank dem Schornsteine und dem milden englischen Klima überstand ich den Winter lebendig, aber man darf sich nicht wundern, wenn ich unter solchen Umständen alles aufbot, so wenig wie möglich daheim zu sein. Scherzend sagte ich oft zu meinen Kollegen:

»Wenn ich nicht eine so große Abneigung gegen das Heiraten hätte, würde ich mir wirklich einen Mann nehmen, um eine Häuslichkeit zu haben.«

»Und wer würde kochen?« fragten sie mich.

Ich dachte an meine mißglückten Kochversuche und meine Abneigung gegen derlei Beschäftigungen.

»Er natürlich.«

»Und Strümpfe stopfen und so weiter?«

»Auch er,« entgegnete ich lachend.

»Und Geld verdienen, wer soll das?«

»Ich!« Dazu allein war ich gern bereit. Ich verdiente sehr viel mit meinen Sprachkenntnissen – ihnen verdankte ich auch meine Anstellung beim Amt –, aber für andere Sachen war ich so untauglich wie möglich. In meinen Interessen, meinen Fähigkeiten, meinen Tugenden und meinen Untugenden war ich Mann – meine Kleidung und mein Körperbau verdammten mich zur Mädchenexistenz mit allen ihren Schattenseiten. Das war auch der Hauptgrund meines freiwilligen Exils. Mama und Jenny konnten mich nicht verstehen, und erstere sagte immer:

»Du bist so ganz anders wie alle anderen Mädchen!«

Jenny konnte sich vor dem Spiegel drehen, konnte an einer Schleife fünf Minuten lang zupfen, um sie in die vorteilhafteste Lage zu bringen, konnte das schönste Buch aus der Hand werfen, sobald das neue Modeblatt gebracht wurde, und fand nichts ergötzlicher, als im Stadtpark zu den Klängen der heimischen Kapelle im besten Kleide auf und ab zu gehen und allen Leuten zuzunicken, – dem ein wenig tiefer und diesem etwas oberflächlicher, dieser Dame mit einem Lächeln und jenem Herrn mit Grabesmiene, ganz wie Mama es vorgeschrieben hatte. Mir kam nichts geisttötender vor.

Oder wir gingen ins Theater. Um drei Uhr nachmittags verschwanden Mama und Jenny vollständig von der Erdoberfläche, und um sieben Uhr kamen sie, zwei schöne, sehr geschmackvoll frisierte und tadellos gekleidete Damen, jede mit einem Triumphlächeln auf den Lippen, zu mir ins Zimmer, aber ein Blick auf mich ließ sie beinahe bewußtlos werden, und ich bin überzeugt, daß nur der Gedanke an die große Arbeit bei ihrer vierstündigen Vorbereitung sie davor rettete.

»Käthe!!! Du bist ja noch nicht angezogen!« rief Mama, als ob die Welt aus den Angeln gegangen wäre.

»Ich gehe, wie ich bin,« erwiderte ich ruhig.

»Ein junges Mädchen in dunkler Seidenbluse – unmöglich!« warf Mama ein.

»Warum nicht?« fuhr ich gelassen fort. »Mir steht dunkelblau besser als alle die allzu lichten Farben, und ich fühle mich wohler darin.«

»Käthe,« mischte Jenny, damals kaum fünfzehn Jahre alt, in das Gespräch, »ich will nicht mit dir gehen, wenn du nicht anders gekleidet bist.«

Oft blieb ich nach solchen Auftritten zu Hause, da mir alle Lust an der Aufführung vergangen war. Manchmal kleidete ich mich verdrießlich in irgendeine dreifarbige, meiner Ansicht nach geschmacklose Bluse, zuzeiten ging ich wie ich war und ließ die beiden schimpfen, aber da ich mir wohl bewußt war, wie wenig ich in den heimischen Rahmen paßte, und da ich mich daheim ebenso einsam fühlte, wie später in der kalten, weiten Welt, so habe ich nie bedauert, den Flug in die Welt begonnen zu haben.

Ich habe einzig verstehen gelernt, daß Männer, die ihr Leben lang als Junggesellen herumgewandert sind, eine Häuslichkeit als Krone des Glücks betrachten, und nicht umsonst, wahrlich nicht umsonst! Aber um ein vollkommenes Bild, eine seelisch schön abgetonte Wiedergabe eines Menschen zu geben, bedarf es nicht nur eines Rahmens, meinetwegen eines reichen Rahmens – nein, es ist nötig, daß der Rahmen paßt, daß er das Bild hervortreten läßt und es nicht zur Fratze herabstimmt. Durchschnittsmenschen schaffen sich leicht einen passenden Rahmen oder passen auch schnell in irgendeinen Rahmen hinein, die anderen, doch – ich will nicht philosophieren.

Der Monat November sowie der zurückgekehrte Chinese Hoang-Zo fanden mich tief in allen Winterwiderwärtigkeiten steckend, die durch die Tatsache, daß der junge Gelehrte jetzt keine Zeit hatte, die Stunden fortzusetzen, wahrlich nicht vermindert wurden. Eines Abends, als wir uns im Nebelmeer begegneten, fragte er mich, ob ich nicht so freundlich sein wollte, einen jungen Chinesen – kaum ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt – als Schüler für Deutsch und Französisch zu übernehmen. Ich willigte sofort ein – war nicht alles besser als das fürchterliche Daheimsitzen in einem kalten, ungemütlichen Zimmer?

»Er ist aber sündhaft dumm!« sagte Hoang-Zo, »und ich muß Sie bitten, eine Bezahlung für die Stunden anzunehmen, denn an einen Austausch ist bei dem Menschen nicht zu denken. Eigentlich schäme ich mich,« fuhr er fort, »Ihnen so ein trauriges Exemplar meiner Landsleute zu überlassen, aber Sie scheinen mir besonders geeignet, ihm etwas beizubringen – wenn sich ihm etwas beibringen läßt,« setzte er bekümmert hinzu.

»Wir können es ja versuchen,« erwiderte ich lächelnd. Wir bestimmten daher die Preise, und nur wenige Tage später erhielt ich einen mit Fehlern gespickten Brief meines neuen Schülers, der mir seinen Besuch für den darauffolgenden Sonntag in Aussicht stellte.

Der Sonntag kam und ging, ohne Mr. Ming Tse zu bringen, wohl aber fand ich Montag früh eine Karte vor, auf der er sich entschuldigte und mir versicherte, die Gasse nicht gefunden zu haben.

»Findet das Hascherl nicht einmal eine Gasse wie Guildford Street!« Ich seufzte unwillkürlich auf. Und so einem Menschen sollte ich mit dem Nürnberger Trichter die Weisheit einpumpen – gewiß ein recht zweifelhaftes Vergnügen.

Der zweite Brief oder besser die zweite Karte war von Hoang-Zo. Er bat mich, seinem Schützling Montag abend die erste Stunde zu geben und fügte hinzu, daß Ming Tse kaum fünf Minuten von der Endstation der Hampstead Elektrischen wohne. Name der Gasse und Hausnummer ersah ich aus Mr. Ming Tses Karte.

IV.

»Our deeds our angels are, or good or ill,
Our fatal shadows that walk by us still.«
Beaumont & Fletcher.

IV.

Es war ein feuchtkalter Wintertag. Seit einer Woche hatte Sankt Peter die Schleusen des Himmels geöffnet, und heute hatten wir nebst feinem, durchdringendem Regen auch noch einen jener berüchtigten Londoner Nebel, der schon lange, bevor es Nacht wurde, alle die triefenden Häuser und die schmutzbedeckten Gassen den Blicken der Menschheit entzog. Selbst die Elektrische, in der ich saß, schien mir trotz der vielen Beleuchtungskörper düster, da der Nebel sich in großen Wellen durch den langen Wagen dahinrollte, voll unerlaubter Neugierde bei Mund, Nase und Ohren in das Innere der Reisenden hinabkletterte, sich zärtlich an den weißen Halskragen und die tadellosen Manschetten der Zylinder tragenden Herren schmiegte und das ursprüngliche Weiß meiner Bluse in ein bescheidenes Grau verwandelte.

»Hampstead!« rief der Schaffner vom anderen Ende. Mit einem Ruck riß ich meine Habseligkeiten – zwei Bücher und die Handtasche – an mich und stürzte mich kühn in die auf und nieder wogenden Nebelfluten, die mich schon nach wenigen Augenblicken vollständig verschlangen.

Die Gasse – das Endziel meiner Wanderung – war die zweite zu meiner Rechten und führte steil abwärts. Der gedämpfte Schein einer Straßenlaterne ließ mich wohl die Vorgärten der Villen unterscheiden, doch wäre es eine Unmöglichkeit gewesen, die Hausnummer abzulesen. Ich öffnete daher eine der kleinen Gartenpforten und ging dicht an das Haus heran, um die Nummer auf der erleuchteten Scheibe der Haustür entziffern zu können.

»Nummer 22,« sagte ich halblaut, ging zurück und schloß die Pforte wieder, dann tastete ich mich vorsichtig an den Vorgärten entlang und zählte die Nummern, bis ich Haus 18 erreichte.

Während ich unter der Loggia stand und wartete, daß mein Klingelzeichen irgend jemand zur Tür brachte und ich das Muster auf der Glasscheibe – Pfirsichblüten und Früchte – studierte, war mir doch etwas ängstlich zumute. Den ersten Chinesen hatte ich um drei Uhr nachmittags an einem klaren Sommertage kennengelernt, jetzt war es Abend, Winter und – ich schüttelte das unangenehme Gefühl ärgerlich ab. Der neue Schüler sollte ja noch ein wahres Kind sein, und ein Kirchenlicht war er entschieden nicht, wenn also jemand zittern sollte, so war es gewiß er und nicht ich.

Die Tür wurde von einem Stubenmädchen geöffnet, und ich drückte die Bücher unwillkürlich fester an mich, als ich fragte:

»Mister Ming Tse zu sprechen?«

»Mister Ming Tse speist soeben, wird aber sofort kommen,« sagte das Mädchen und stieg vor mir die Treppe empor. Im ersten Stock machte sie halt, und indem sie eine Tür öffnete und mich eintreten ließ, trat sie zurück und verschwand.

Ich stand in einem kleinen, geschmackvoll möblierten Salon, in dem alles von peinlichster Sauberkeit sprach – jedenfalls waren nicht alle Chinesen Feinde der Ordnung wie Hoang-Zo. Aus dem Kaminsims waren eine Anzahl ausgezeichneter, schön gebundener Bücher in strammster Ordnung aufgestellt, ganz wie eine Abteilung Soldaten, von denen keiner einen Millimeter von der Linie abweichen darf. Im Kamin selbst brannte ein Feuer, zum Schrecken einer geizigen Hausfrau und zum Entzücken einer erfrorenen Seele, wie ich selbst; ich fühlte auch gleich, daß mein Wohlbefinden zunahm. Auf den kleinen Nipptischchen standen Vasen mit frischen Blumen zierlich geordnet, auf den Stühlen lagen reich gestickte Polster, nette Zierdeckchen waren, wo tunlich, vorteilhaft angebracht. Die Wände wiesen viele Photographien, meist von Chinesen in europäischer Kleidung, auf, aber ein Bild an der Wand zeigte vier Personen in chinesischen Trachten und schien Frauen vorzustellen. War mein neuer Schüler am Ende der glückliche Besitzer eines Harems oder doch einer Frau?

Ein leichtes Geräusch hinter mir machte mich umsehen. Vor mir stand eine menschliche Miniaturausgabe, ein zartgebauter kleiner Chinese, der gewiß nicht um ein Haar größer war als ich – innerlich schmeichelte ich mir sogar, daß ich vielleicht um einige Haarbreiten mehr maß –, in tadellosem europäischem Anzuge und verbeugte sich vor mir mit einer Grazie, die ich vorher noch bei keinem Asiaten und nur bei wenigen Europäern gesehen hatte. Für diese Art Aeußerlichkeiten bin ich ungemein empfänglich.

»Herr Ming Tse?«

»Fräulein Schulze?«

Wir reichten uns gegenseitig die Hände, lächelten beide, und die Verbeugung wiederholte sich.

»Ich freue mich, Sie als Schüler begrüßen zu können,« sagte ich in Ermangelung von etwas Besserem, »und hoffe, daß Sie stets fleißig studieren werden.«

Ming Tse legte ein überaus feierliches Versprechen ab, immer fleißig arbeiten zu wollen, schob den allerschönsten Polster auf den allerbequemsten Stuhl des Zimmers, rückte ihn an den Tisch und lud mich ein, Platz zu nehmen. Diese Aufmerksamkeit entging mir nicht.

Auf dem Tische lagen Bleistifte, Federn, Federstiele, Lineale, Papiere und Bücher auch wie die Soldaten geordnet da. Er nahm nicht wie alle meine sonstigen Schüler an meiner Seite Platz, sondern setzte sich mir gegenüber an das entgegengesetzte Ende des Tisches, und da merkte ich auch, daß sowohl Bücher, Bleistifte, Federn und selbst die Tintenfässer doppelt vorhanden waren, so daß kein Austausch dieser Artikel zwischen Lehrer und Schüler stattfand.

Während ich seinen Sprachkenntnissen auf den Zahn fühlte, wobei ich sogleich bemerkte, daß viele Plomben nötig waren, hatte ich Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Seine Gesichtsfarbe war dunkler als die Hoang-Zos, man hätte ihn eher braun als gelb nennen können, die scharf geschlitzten Augen waren halbgeschlossen und nicht wie bei dem Philosophen zusammengekniffen, aber Gläser trug auch er, die Augenbrauen waren schwach gezeichnet und hörten schon früh auf. Wimpern fehlten ganz. Das vollkommene Oval des Antlitzes wurde durch die starken Backenknochen ein wenig beeinträchtigt, und die etwas dicke Unterlippe sowie die unregelmäßig stehenden Zähne verunschönten, doch nur unbedeutend, den Mund, aber dafür erfreute er sich einer ganzen Nase mit gutgebildetem Nasenrücken, hübsch geformten Nasenflügeln und einer tadellosen Nasenwurzel, auf der im Notfalle ein Kneifer hätte sitzen können. Das einzig wirklich Schöne an dem Kopfe war das rabenschwarze, glänzende, lange Haar, das denselben in reichster Fülle umgab und wie alles, was ihm gehörte, den untrüglichen Stempel der Ordnungsliebe trug. Nicht ein Haar – und viele reichten von der etwas niederen Stirn bis in das Genick – erlaubte sich Wanderungen auf eigene Faust zu unternehmen, und selbst eine ungestüme Kopfbewegung veränderte nichts daran.

Sooft er mir ein Papier oder sonst einen Gegenstand reichen mußte, drehte er ihn immer zuerst so um, wie er mir am bequemsten sein würde, und fragte mich auch im Verlauf der Stunde, ob mir Wasser erwünscht wäre, was ich dankend ablehnte. Ich war über diese bei Orientalen so ungewöhnliche Höflichkeit – besser Ritterlichkeit, denn höflich habe ich sie mir gegenüber meist gefunden – so erstaunt, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu sagen:

»Was für reizende Umgangsformen Sie haben! Wo haben Sie sich dieselben angeeignet?«

Er lächelte zufrieden – sein Lächeln war sehr einnehmend, da sowohl dieses und noch mehr sein Lachen unwiderstehlich zur Nachahmung reizte – und entgegnete munter:

»Das Benehmen hat mein Vater mit dem Stock in mich hineingeprügelt.«

Die Aufrichtigkeit der Antwort, der komische Gesichtsausdruck meines Schülers und die neue Situation unterhielten mich dermaßen, daß ich herzlich lachte, und Ming Tse lachte laut und herzhaft mit. Ich fühlte, wir waren uns nähergekommen, und fand plötzlich, daß er ja eigentlich ganz gute Kenntnisse besaß. Mein Gott, man kann von einem Chinesen – und noch dazu von einem so kleinen Chinesen – doch nicht Unmögliches verlangen.

In einem Punkte war er von Europäern sehr verschieden – er vermied, wie die meisten Asiaten, jedwede Berührung. Wenn er mir ein Buch reichte, wenn er mir etwas näherschob, immer sah er streng darauf, daß sich unsere Hände nicht berührten. Rief ich ihn einer Korrektur halber an meine Seite, so blieb er in der Entfernung eines halben Meters stehen und strengte sich übermenschlich an, von dort aus das von mir Gezeigte zu lesen. Er machte immer einen großen Bogen, sooft er um den Stuhl, auf dem ich saß, herumgehen mußte, nichts berührte mich als der Blick seiner schwarzen Augen, aber er sah mich nie geradezu an. Die Lider fielen beinahe vollkommen herab, und nur aus den Augenwinkeln heraus sah man etwas Schwarzes blinzeln. Er öffnete die Augen nur, wenn er böse war – öffnete sie zu ihrer vollen Größe, und da wünschte man nur eins, daß er sie möglichst schnell wieder schließen würde. Die Gesichtszüge aber verrieten nie, was im Innern vorging. Alle Asiaten verstehen es, ihrem Gesicht den Stempel der Unergründlichkeit aufzudrücken, und die unerschütterliche Ruhe der Maske verändert sich nicht, nicht einmal in Affekten, nur um die Augen und um den festgeschlossenen Mund legt sich ein unheilverkündender Zug – wohl dem, der ihn nie gesehen! Merkwürdig – Hoang-Zos gemütliches kurzsichtiges Blinzeln hatte mir nie Furcht oder Grauen eingeflößt, aber die fast geschlossenen Augen meines neuen Schülers berührten mich unheimlich, wie sehr ich auch gegen dieses Empfinden ankämpfte. Sie schienen zu erforschen, unausgesetzt zu prüfen, und ließen ihrerseits keine Prüfung zu. Eine Ahnung flüsterte mir zu, daß dieses scheinbare Kind ein Buch mit sieben Siegeln war, die zu brechen nicht leicht – einem Europäer vielleicht überhaupt nicht – gelingen würde.

Der eigentliche Unterricht war vorüber, die Tage und Stunden waren bestimmt.

Er schob meinen Stuhl zum Feuer, machte eine gebietende Handbewegung, die mich innerlich furchtbar zum Lachen reizte, und sagte ganz in dem Tone, als ob ich der Schüler und er der Lehrer gewesen:

»Jetzt werden wir ein wenig miteinander plaudern.«

Das Feuer war viel zu warm, und meine Sehnsucht, auch einmal die Zunge bewegen zu dürfen, viel zu groß, als daß ich »nein« gesagt hätte. Ich setzte mich gehorsamst nieder, ließ meine Füße auf dem Feuerschutzgitter ruhen und fragte:

»Wie gefällt Ihnen Europa?«

»Gut!« erwiderte er in einem Tonfall, der das Gegenteil verriet.

»Wohl sehr verschieden von China, nicht wahr?« fuhr ich fort.

Er taute langsam auf. »Ich kann die europäische Kleidung nicht leiden,« erklärte er mit Nachdruck.

Das interessierte mich, da meine vorigen Bekannten dessen nicht erwähnt hatten. »Warum?« fragte ich daher schnell.

»Oh,« kam es langsam von seinen Lippen, während er sich nachdenklich zurücklehnte und eine Zigarette rauchte, »weil sie so eintönig ist – immer dieselben Farben für Herren: grau, blau oder schwarz.«

»Und warum noch?« erkundigte ich mich weiter.

»Weil man immer nur Wolle oder Baumwolle verwendet, nie Seide. In China,« fügte er rasch hinzu, »habe ich immer nur Seide getragen, da hat man auch seidene Unterwäsche, nicht Fetzen wie hier,« bemerkte er wegwerfend.

»China ist reich an Seide, wir sind es nicht,« warf ich ein.

»Und diese Kragen!« räsonierte er von neuem. »So hart, so unbequem! Nie kann man sie fest genug machen, und immer sind sie eine Qual, gerade wie die Manschetten, die steif und unbehaglich die Hand umschließen und in diesem schrecklichen Lande gleich schwarz sind.«

Ich stimmte zu. Kragen und Manschetten mußten unerträgliche Dinge sein.

»Und die Hosen,« fuhr er fort.

»Ja, aber ohne Hosen können Sie doch nicht leicht umherwandern, nicht einmal in China,« sagte ich, und wir lachten beide.

»Gewiß nicht,« gab er zu, »aber wir tragen einen Kaftan oder ein so zugeschnittenes Kleidungsstück darüber und brauchen daher nicht so enge und strammsitzende Beinkleider zu tragen, die wehe tun. Auch formen unsere Hosen mit der Weste ein Stück, so daß sie nie hinunterfallen können.« Er sah mich so bitterböse an, als ob ich der Erfinder europäischer Hosen gewesen wäre.

»Aber hier fallen die Hosen gewiß nicht leicht herunter,« beeilte ich mich zu bemerken.

»O ja,« sagte er, ohne freundlicher auszusehen, »das kann geschehen. In China schneidet man dem Mann den Kopf ab, wenn ihm das passiert,« versicherte er mir mit Ueberzeugung.

Wenn mich Mama oder Jenny gehört hätten! Sie, die dieses Kleidungsstück nur mit heiligen Umschreibungen gebrauchten und holdselig erröteten, falls jemand unbedachtsam das Gespräch auf ein so unanständiges Bekleidungsding hinlenkte.

»Was kommt Ihnen noch merkwürdig in Europa vor?« fragte ich unverdrossen weiter, um ihn von den Hosen, die augenscheinlich keinen Beifall in seinen Augen fanden, abzubringen.

»Der dumme Aberglaube hier!« Dabei blies er eine dichte Rauchwolke gegen die Zimmerdecke.

»Was dünkt Ihnen Aberglaube bei uns?«

»Alles!« erwiderte er lakonisch.

»Alles?« wiederholte ich ungläubig.

»Alles! Sagen Sie zum Beispiel nicht, daß jemanden der Teufel holen soll?«

Freilich hatte ich im Herzen oft manch einen unter das Regiment Beelzebubs gewünscht, noch öfter gern im Pfefferland gesehen, aber gerade als Glaubens- oder Aberglaubensausbruch – –

»Das soll man aber eben weder sagen noch wünschen,« warf ich ein, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Das macht nichts,« wehrte er ab. »Sie glauben aber doch« – und da er mein Lächeln sah, verbesserte er sich, »Leute glauben aber dennoch, daß der Teufel existiert.« Nach einer kurzen Pause fragte er beinahe leidenschaftlich:

»Haben Sie vielleicht schon einmal den Teufel gesehen?«

»Bis jetzt habe ich noch nicht das Vergnügen gehabt, seine Bekanntschaft zu machen – es sei denn in der Gestalt einiger meiner Mitmenschen.«

Er lachte. »Viele glauben daran,« fügte er hinzu.

»Und Gott!« sagte er nach einer Weile. »Auch ihn hat niemand gesehen, er erhört trotz aller Gebete nicht unsere Bitten, nicht unsere Wünsche, das hat mir schon manch ein Christ gesagt – das ganze ist Humbug, Bibel und alles,« beteuerte er.

Ich wußte, daß die meisten Chinesen nach unseren Begriffen sehr irreligiös waren. Waren auch sie der abstrakten Idee der Gottheit abhold, so schätzten sie doch unsere moralischen Gesetze, die in Europa durch die Religion ebensogut wie in China durch die Lehren des Weisen Konfuzius gelehrt wurden. Meiner Natur lag es fern, bei jemand Bekehrungsversuche anzustellen. Jeder hatte das Recht, zu denken, was er wollte oder besser, das, wozu ihn das Beobachten des Lebens gebracht hatte. Ich hatte nie Sympathie für die Missionäre gefühlt, die ihre Ueberzeugung anderen Rassen aufzwangen. Für jeden Menschen ist die eigene Anschauung die entscheidende und die maßgebende, daher beschränkte ich mich auch zu sagen, daß der Begriff »Gott« ein abstrakter sei, den sich jeder Mensch nach seiner Individualität auslegen müsse.

Der kleine Chinese schüttelte mißbilligend sein schwarzes Haupt. Wie ich aus Erfahrung wußte, waren sowohl seine Landsleute wie auch Japaner abstrakten Begriffen fast gar nicht zugänglich. Der sonst reichen japanischen Sprache fehlt es sogar vollständig an Ausdrücken für die meisten abstrakten Begriffe. Auch Konfuzius verliert sich nicht in metaphysischen Betrachtungen, – er gibt praktische Ratschläge über den Umgang mit dem Nächsten, über die Pflichten der Könige, weist auf die hauptsächlichsten Gesetze der Moral hin, stellt Höflichkeit und Elternliebe als erste derselben auf und berührt fast nie und da nur höchst flüchtig Fragen, die Unsterblichkeit der Seele oder die Gegenwart eines Gottes betreffend.

Lao Tse stellt »Gott« als Naturkraft hin – das große, ewig in Bewegung und in Veränderung begriffene Weltall, aus welchem wir auftauchen und in das zurück wir wieder verschwinden. Die Bewohner des fernen Ostens sind keine Träumer, lieben es aber oft, auf philosophischem Gebiete solche Fragen aufzuwerfen und zu erforschen. Ming Tse dagegen war nicht Träumer – bewahre! – und gar nicht philosophisch veranlagt. Er war Materialist und daher legte er sich den Begriff »Gott« seiner Veranlagung gemäß kurz und bündig als »Humbug« aus. Ein europäischer Unsinn, das war alles.

Es war spät geworden, und ich erhob mich, um meine Jacke anzuziehen. Nach augenblicklichem Zögern kam mir Ming Tse zu Hilfe, stand aber so weit als möglich von mir entfernt, und faßte meinen Ueberwurf nur beim äußersten Ende an, ihn, sobald ich nur halbwegs hineingeschlüpft war, sogleich loslassend und zurücktretend.

Er öffnete alle Türen für mich, begleitete mich die Treppe hinab, fragte mich ganz väterlich, ob ich wohl imstande sein würde, meinen Weg zur Elektrischen zu finden, und machte mich noch besonders auf die drei Stufen aufmerksam, die von der Villa zum Vorgarten führten. Hierauf reichten wir uns die Hände, und er wiederholte:

»Donnerstag um halb acht, ganz wie heute!«

»Und viel studiert bis dahin!« rief ich lachend zurück.

Wieder umgaben mich die Nebelwolken, doch schienen sie mir nicht so schrecklich wie vorher. Ich hatte in einem behaglichen Zimmerchen sitzen und recht munter plaudern können. Er war ja reizend, dieser kleine Chinese.

V.

Lyksalig, lyksalig, hver Sjæl som har Fred,
Dog ingen kender Dagen för Solen gaar ned.
Dänischer Neujahrspsalm.

V.

Weihnachten war gekommen und wieder vergangen, der Plumpudding war verspeist, die Mistelzweige entfernt, die Pantomimen zu Ende gespielt und die Knallbonbons verknallt worden. Ich hatte die beiden Feiertage wie immer bei Freunden in Brighton verbracht, bei denen ich immer warme Aufnahme gefunden.

Am Neujahrsabend war ich in das Ostende Londons, das sogenannte Verbrecherviertel gegangen, wo nahe der indischen Docks die dänische Seemannskirche liegt, und dort wohnte ich der Neujahrsfeier bei.

Um Mitternacht schritt ich durch die gefährlichen Gassen des Chinesenviertels, wo einem vor Lärm fast die Sinne vergingen. Aus allen Fenstern wurden Knallerbsen geworfen, kleine Pistolen krachten, Feuerräder wurden geschwungen, Raketen stiegen in die Luft, dazwischen schrien alle chinesischen Seeleute aus Leibeskräften, die fünffarbige Flagge wehte mir überall entgegen und rote Papierstreifen mit allerlei chinesischen Aufschriften waren gleichfalls sichtbar. Der dem Viertel sonst eigene Schmutz war heute verschwunden, und man konnte sogar Blumen vereinzelt auf Fenstern bemerken.

Ruhiger war es im nächsten, dem indischen Viertel, wo die Seeleute der ostindischen Schiffe ihre Seemannsheime hatten und wo man oft Inder in ihren weiten Trachten und den vielfarbigen Turbans sehen konnte, manchmal liefen sie auch nur in ein großes Leinentuch gehüllt über die Straße. Auf den breiten Stufen vor dem Tore saßen oft eine große Anzahl von ihnen, und schön waren sie, trotz ihrer elenden Fetzen, das mußte man zugeben. Männliche Erscheinungen, kräftig und finster, mit nachtschwarzen Augen und langem Barte. So spät waren sie bei dem kalten Wetter nicht draußen. Heute schliefen gewiß alle, aber als ich am deutschen Seemannsheim, einem sehr reinlich aussehenden Hause, vorbeiging, hörte ich Neujahrslieder singen und einige junge Leute standen auf der Steintreppe und riefen sich »Prosit Neujahr!« zu.

Hier kletterte ich auf eine Elektrische, die überfüllt war und auf der ich nur rückwärts hängend mitfahren konnte. Wir passierten Commercial Road mit allen seinen Judengeschäften, Whitechapel mit dem Russenviertel (lauter arme Unglückliche, die hier Zuflucht gefunden haben) und kamen endlich nach Aldgate, wo der große Judenmarkt liegt, der jeden Sonntag ein Bild riesiger Tätigkeit ist. Da hört man fast ausschließlich Israelitisch und kann vieles um einen wahren Spottpreis kaufen, nur muß man schäbig gekleidet und sehr vorsichtig sein. Bald waren wir in besseren Stadtteilen und endlich hielt die Elektrische in Theobalds Road, von wo ich nur zehn Minuten zu gehen hatte, um nach Hause zu kommen.

Als ich Guildford Street betrat, hörte ich das Läuten der Glocken und fragte mich, wie wohl das neue Jahr sein würde. Vor jedem Hause standen Leute mit gefüllten Gläsern in den Händen und grüßten das kommende Jahr. Ich kam mir wieder so verlassen vor, so ganz verlassen, wie schon so oft, seit ich nach London mit seiner unwiderstehlichen Melancholie gekommen war.

Es ist gut, daß wir nicht in die Zukunft blicken können, wie hätten wir sonst die Kraft, das Leben zu ertragen?


Seit sechs Wochen unterrichtete ich nun schon Ming Tse. Er war immer sehr aufmerksam gegen mich, sehr höflich und – sehr faul. Wenn ich ihn fragte, ob er seine Aufgabe gelernt hatte, war die Antwort stets bejahend und der Erfolg ebenso sicher verneinend.

»Warum haben Sie nicht gelernt?«

»Weil Herr Hoang-Zo hier war und mich daran hinderte.«

»Herr Hoang-Zo hat mir eben heute von Cambridge geschrieben, wo er eine Woche zu bleiben gedenkt,« entgegnete ich ruhig.

»Weil ich nicht recht wußte, was ich lernen soll,« sagte er, ohne irgendwie die Fassung zu verlieren.

»Kleiner Schwindler, es steht ja in Ihrem Buche, – Sie haben es selbst niedergeschrieben in Ihr Studienheft.«

»Ich konnte nicht entziffern, was dort geschrieben war, habe alles unrichtig eingetragen,« erklärte er mit halbgeschlossenen Augen und den unergründlichen Gesichtszügen, mir gegenübersitzend.

Ich nahm das Heft auf, bevor seine kleine Hand es erreichen konnte. Die Schrift war klar und deutlich, und ich hielt ihm das Blatt lächelnd entgegen.

»Mister Ming Tse, jetzt würde ich wirklich gespannt sein, die Wahrheit zu hören, aber bemühen Sie sich nicht, wenn das vielleicht ein zu großes Opfer ist,« sagte ich ohne irgendwelchen Unwillen zu verraten. Chinesen lieben es, der Wahrheit so viel als möglich aus dem Wege zu gehen, sie haben gegen diese Dame eine unüberwindliche Abneigung, und einem Nationalcharakterzug muß man Rechnung tragen.

Meist gestand Ming Tse sodann auch lachend ein, daß er einfach mit den Indiern, die im Hause wohnten, die kostbare Zeit verschwätzt hatte, was ihn aber trotz aller meiner Vorstellungen nicht veranlassen konnte, größeren Eifer an den Tag zu legen.

»Ich mag nicht studieren,« erklärte er offenherzig.

Seine französische Aussprache hätte jeden Franzosen kopfstehen vor Entsetzen gemacht und sein Deutsch war gleichfalls unter jeder Kritik, dafür besaß er in letzterer Sprache einen Wortreichtum, den ich unter sehr merkwürdigen Umständen entdeckte.

Eines Tages kam ein kleiner Chinese – ein 15jähriges Bürschlein – ihn besuchen, gerade als ich dort war, und da legte Ming Tse einen Eifer an den Tag, der mich besonders amüsierte. Er stellte selbst Fragen an seinen Freund und gab allerlei, meist falsche Aufklärungen, aber ich wollte ihm die Genugtuung, ein wenig protzen zu dürfen, nicht verleiden, da ich hoffte, daß dies ihn mit einem gewissen Ehrgeiz erfüllen werde in Zukunft mehr zu leisten. Auf einmal lehnte er sich gravitätisch zurück, sah herablassend auf seinen Landsmann und teilte ihm mit, daß er nun deutsch mit ihm reden werde, – wovon der andere selbstredend keine blasse Ahnung hatte.

»Wo bist du, mein lieber Esel?« eröffnete er die merkwürdige Unterhaltung und fuhr unbeirrt fort: »Du Schafskopf, Rindvieh,« und so weiter, während der kleine Freund ihn voll Bewunderung anschaute und ihm ein Kompliment nach dem anderen machte. Zusammen wirkte dies so unwiderstehlich, daß ich aus dem Lachen nicht herauskam, aber als der Besucher verschwunden war, fragte ich doch etwas streng:

»Um Gottes willen, Herr Ming Tse, wo haben Sie diese Kenntnisse gesammelt?«

»In der Schule hier in England, von meinem deutschen Professor, er hat das jeden Tag wiederholt.«

Und das war auch alles, was er trotz aller meiner Anstrengungen jemals gut in meiner Muttersprache sagen konnte.

Schon nach den allerersten Stunden hatte er es eingeführt, mir mit Früchten oder sonst irgend etwas, einem Glas Limonade oder Fruchtsaft aufzuwarten. Sobald die Stunde vorüber war – und wann sie zu Ende sein sollte, bestimmte immer er, indem er einfach das Buch schloß und eine Zigarette entzündete; nichts hätte ihn da vermocht, auch nur fünf Minuten weiterzuarbeiten, so daß ich mich notgedrungen fügen mußte –, zog er einen Stuhl ans Feuer, setzte einige Bananen auf einen Teller und befahl kurz und bündig:

»Jetzt müssen Sie essen.«

Die Aufmerksamkeit rührte mich jedesmal. Wie wenige Schüler denken daran, wie anstrengend es für den Lehrer ist, zwei Stunden hintereinander zu sprechen und die ganze Spannkraft des Geistes auf einen einzigen Punkt zu lenken, damit der Schüler so viel Nutzen als möglich vom Unterricht hat? Ich nahm also eine Banane und aß.

»Sie müssen auch die zweite essen,« erklärte er in einem Tone, der mich riesig unterhielt, da er so gebieterisch war und jeden Widerspruch meinerseits von vornherein abschnitt – jetzt war er der Herr, und dieser Austausch der Rollen verursachte mir stets Heiterkeit.

In solchen Momenten teilte er mir seine Beobachtungen mit, und ich mußte mir eingestehen, daß er ein scharfer Kritiker und ein feiner Beobachter war, wenn er auch als Schüler nur als Null vor der Ziffer glänzte. Zudem hatte er eine unwiderstehlich komische Art, seine Ansichten in trockener Weise und mit großer Entschiedenheit kundzutun. Dazu setzte er ein Gesicht auf, das einen zum Tode Verurteilten zum Lachen gereizt hätte. Auch in den Stunden selbst konnte er durch seine Gewohnheit, den Federstiel in den linken Mundwinkel zu stecken und die Feder gegen die Decke zeigen zu lassen, wobei er die Augen zusammenkniff und den Kopf zurückwarf, so lächerlich phantastisch aussehen, daß ich vor Lachen kaum zu sprechen vermochte.

»Wie lange rauchen Sie schon?« fragte ich meinen kleinen Chinesen in so einer Plauderstunde.

»Seit meinem siebenten Jahre,« versetzte er und fügte mit sichtlicher Zufriedenheit hinzu, indem er mit der Hand über seine Brust fuhr: »Es ist alles ganz schwarz da drinnen, und daher bin ich auch so klein geblieben. Wenn mein Vater das wüßte, würde er mich zu Tode prügeln – aber nur die Mutter weiß es.«

»Ja, ja, die Mütter,« dachte ich, »die sind überall dieselben.«

»Deshalb sind Sie auch wenig zum Studium aufgelegt,« sagte ich zu ihm; »könnten Sie nicht etwas weniger rauchen?«

»Ich werde versuchen,« entgegnete er mit jener Betonung, die beweist, daß der Versuch mißglücken wird, aber geradeaus »nein« zu sagen, davon hielt ihn seine chinesische Höflichkeit ab.

Ein anderes Mal fand ich einen silbernen Bleistift auf meinem Platze, und Ming Tse sagte in gebieterischem Tone: »Für Sie!«

»Aber Herr Ming Tse –« begann ich, als er mir in die Rede fiel.

»Wenn Sie ihn nicht annehmen, so studiere ich nicht,« und seine zarten Kinderhände hatten das Aufgabenheft erfaßt, bereit, es zu zerreißen. Seine schwarzen Augen blitzten hinter den Augengläsern hervor, und die ganze Gestalt verriet die Sehnsucht, mich zwingen zu wollen. Ein Blick auf den schlanken, mir unentwickelt scheinenden Körper ließ mich das Komische in der gegenwärtigen Lage sehen, und lächelnd sagte ich zu ihm:

»Ich danke Ihnen, Herr Ming Tse, Sie hätten dies aber nicht tun sollen.«

»Gegen seine Professoren muß man immer höflich sein,« erwiderte der Chinese; »in China darf man einen Lehrer nie wegschicken, falls er, alt und schwach, um Hilfe zu bitten kommt, und ein Lehrer hat auch das Recht, uns zu schlagen, und er darf uns bei unserem Taufnamen nennen, was nur die Eltern außer ihm tun dürfen.«

Ich wußte, daß die Frau nicht das Recht hatte, diesen Namen auszusprechen, und daher überkam mich eine unbezwingliche Lust, zu hören, wie der heilige Name lautete. Ich fragte ihn also mutig.

»Li Bai,« war die Antwort, »und Sie können mich so nennen,« fügte er großmütig hinzu.

»Das wäre eine allzu große Freiheit meinerseits,« erwiderte ich, »aber der Name ist sehr hübsch, und ich danke Ihnen, ihn mir genannt zu haben.«

Meine Antwort schien nicht seine volle Zufriedenheit zu erwecken, er murmelte etwas vor sich hin, ließ indessen nichts laut werden und begleitete mich gerade so höflich zur Türe wie immer.

Obschon es Mitte Februar war, litten wir noch immer unter einem wahren Hundewetter. Es hatte wochenlang geregnet, und heute lag wieder ein unbehaglicher Nebel über der Stadt, wenn auch nicht so dicht, als es oft der Fall war.

Ganz vertieft in das eben Erlebte, ging ich so schnell als möglich die Gasse hinauf und bog bei dem großen Briefkasten wie ein Pfeil um die Ecke, während von der entgegengesetzten Seite jemand genau wie ich mit den Augen auf den Boden und den Sinn auf andere Welten geheftet, daherkam, was zur Folge hatte, daß wir mit voller Dampfkraft ineinanderfuhren – meine Tasche und Bücher flogen in einige Pfützen, und auch mein Angreifer schien übel hergenommen zu sein, wenigstens lag seine Brille zerbrochen auf der Erde. Ich rieb meine Nase, die mit einem ungalanten Westenknopf unsanft in Berührung gekommen war, und mein Partner im Unglück fischte im Kotmeer herum und führte merkwürdige Schwimmbewegungen aus, die mich verstehen ließen, daß er – oh, vergebliche Hoffnung – seine verlorene Brille wiederzugewinnen trachtete. Als ich näher auf ihn sah, erkannte ich ihn.

»Mister Hoang-Zo!« rief ich überrascht und versicherte ihm gleichzeitig, daß seine Brille das Zeitliche gesegnet hätte, worauf ich mich erbot, ihn bis zur Türe seines Hauses zu begleiten. Er wohnte nur wenige Häuser von Ming Tse entfernt.

»Was für Fortschritte macht Ming Tse?« fragte mich unterwegs mein ehemaliger Lehrer.

Ich gab meinem kleinen Chinesen ein besseres Zeugnis als er es verdiente, da ich wußte, daß ihm Hoang-Zo immer Vorwürfe machte, seine Prüfungen nicht schneller zu vollenden, und sagte auch, daß ich Ming Tses große Höflichkeit reizend fände.

Er lächelte, und ohne daß ich recht wußte warum, war mir das Lächeln unangenehm. Es schien etwas auszudrücken, was ich nicht fassen konnte. Er enthielt sich jeder Bemerkung mit Bezug auf meinen Schüler, dankte mir für die Begleitung, entschuldigte sich wegen des Zusammenstoßes und tastete seinen Weg in das Haus. Armer Mensch, ohne Gläser war er vollkommen hilflos – dieser Gedanke vertrieb sofort jede Neigung, auf ihn wegen des unerklärlichen Lächelns böse zu sein.


Und Wochen kamen und gingen.


A. F. Seebacher  

VI.

Non ti lagnar de' mali,
Non creder soli i tuoi;
Ognuno dei mortali
Ha da soffrire i suoi.
Bertola.

VI.

Als ich eines Abends wieder zur Stunde eintraf, lief mir Ming Tse erregt entgegen, faßte mich an der Hand und zog mich, so schnell er konnte, in das Zimmer.

»Fräulein Schulze,« rief er, »springen Sie auf diesen Stuhl, und sehen Sie sich das Bild meines Vaters an. Ich habe es heute erhalten.«

Als ob das Haus in Flammen stünde und ich bei dem Feuerlöschen helfen sollte, so hurtig warf ich meinen Mantel ab und zog die Handschuhe aus, dann näherte ich mich dem Stuhle, den Ming Tse schon erwartungsvoll an der Lehne hielt. Es war eines jener zarten Sesselchen, auf die sich keine gute deutsche Hausfrau und noch weniger eine Oesterreicherin hätte setzen dürfen, ohne daß eine Katastrophe zu befürchten gewesen wäre, und selbst ich vertraute meine Seele (und meinen Körper) den höheren Mächten an und hoffte nur, daß der Möbelfabrikant so vorsorglich gewesen wäre, das zierliche Dingelchen mit einer unsichtbaren Haltbarkeit auszustatten. Hierauf schwang ich mich darauf, während Ming Tse seine kleinen Pfötchen auf die Lehne legte und zu mir aufsah. Während ich mir im stillen ausmalte, wie es wohl wäre, wenn der Stuhl unter mir schnöde zusammenbrechen und wer wohl zuerst auf der Bildfläche erscheinen und meine Knochen zusammenlesen würde, hielt ich meine Augen gehorsamst auf das große Bild des Vaters gerichtet. Es stellte einen großen Mann in der Tracht eines Mandarins dar, mit einem langen Seidenkaftan und einer großen Schärpe um die Hüften. Das Gesicht war bartlos und rundlich und hätte bei flüchtiger Beobachtung als wohlwollend und gütig bezeichnet werden können, aber wer sich die Mühe gab, näher hinzusehen, dem entging nicht ein gewisser grausamer Zug um den Mund und eine unangenehme Falte nahe den Augen. Die Haltung verriet Selbstbewußtsein und festen Willen. Als Freund mochte er gerecht sein – als Feind aber –?

»Wie gefällt er Ihnen?« erkundigte sich Ming Tse, indem er der schwanken Basis, auf der ich stand, einen nicht mißzuverstehenden Puff gab, was ich mir so auslegte, als »höre nun gefälligst mit den inneren Betrachtungen auf!« Daher beeilte ich mich, meinen unsicheren Standpunkt so schnell als tunlich zu verlassen.

»Sehr gut,« sagte ich, sobald ich wieder festen Boden unter mir hatte. Was hätte ich sonst auch sagen dürfen?

»Sie freuen sich gewiß sehr, sein Bild erhalten zu haben?« fragte ich.

»Ja, sehr, und hier habe ich schon Seidenschleifen zur Fahne gekauft, die ich herumwickeln will.«

Er entfaltete eine ganze Menge Seidenschleifen, die, einst irgendwie miteinander verbunden, die chinesische Flagge darstellen würden. Er reichte mir die Enden aller Bänder und hielt sie in der richtigen Ordnung, indem er mich bat, eine Schleife daraus zu machen.

Er hätte mich ebensogut bitten können, auf dem Kopfe zu stehen und ein Champagnerglas mit meiner großen Zehe zu präsentieren. Was anderen Mädchen ein Kinderspiel war, das war für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Ming Tse bemerkte dies auch bald und nahm mir die Bänder stumm aus der Hand.

»Sie passen besser zum Studium,« tröstete er mich lächelnd nach einer kleinen Pause, in der ich mir gewaltig dumm vorkam. – –

In den nächsten Wochen lernte ich Ming Tse, erleichtert durch folgenden Umstand, immer besser kennen.

Kaum eine Woche nach dem Eintreffen des Bildes fand ich ihn eines Tages sehr erregt vor, und seine ersten Worte überzeugten mich, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse.

»Setzen Sie sich zum Feuer, Fräulein,« kommandierte er, »wir müssen etwas besprechen, bevor wir zu studieren anfangen.«

Ich gehorchte mit der gewünschten Eile und versicherte ihm, daß ich ganz Aug' und Ohr wäre.

»Ich habe meinen Geschichts- und Mathematikprofessor davongejagt,« teilte er mir kurz und bündig mit.

»Herrn L.?« fragte ich. »Warum doch nur?«

»Er wollte immer, daß ich zu ihm kommen sollte, und neulich war ich wirklich zum Tee bei ihm und seiner Mutter. Beide versuchten mich zu überreden, daß ich zu ihnen übersiedeln sollte, und seine Schwester war – sehr zuvorkommend gegen mich. Ich glaube, er wollte mich mit seiner Schwester verheiraten,« fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.

Mir erschien plötzlich der Mathematikprofessor ein Ausbund irdischer Verderbtheit, und ich lobte Ming Tse sehr, sich von ihm losgesagt zu haben.

»Außerdem,« fuhr der Chinese fort, »habe ich fast nichts von ihm gelernt – Geschichtsdaten wußte er selber nicht, und er trug immer so undeutlich vor. Anstatt Mathematik erzählte er mir allerlei Geschichten von Mädchen und –«

»Sie haben sehr, sehr recht getan, diesen unverschämten Menschen vor die Tür zu setzen,« rief ich eifrig, und mir schien es, als sei es einfach unverantwortlich, daß ein Europäer einen so unschuldigen Jüngling so verderben wollte. Ob es aber wirklich nur aufrichtige sittliche Entrüstung war, was mich so sprechen ließ und was mir den unbekannten Mathematikprofessor als ein Ungeheuer vorschweben machte?

»Mathematik kann ich selbst weiterstudieren,« erklärte Ming Tse, »und den Geschichts- und Geographieunterricht, den müssen Sie übernehmen,« setzte er hinzu.

»Aber Herr Ming Tse, ich habe keine Zeit, ich –«

»Sie müssen, und wenn Sie nicht wollen, dann reise ich nach China zurück, dann mache ich keine Prüfungen, dann ist alles umsonst – Sie müssen!« wiederholte er gebieterisch, und in seinem Gesichtchen las ich zum erstenmal etwas wie weiche Bitte.

Mein kleiner Chinese! Er war ja trotz seiner maßlosen Faulheit mein Lieblingsschüler, und ich hätte lieber auf den Schlaf verzichtet, als ihm die Bitte abgeschlagen. Daher erklärte ich mich bereit. Glücklicherweise hatte ich zu eigener Unterhaltung und Belehrung bei meiner Ankunft in London viele Bücher über englische Geschichte gelesen und konnte daher sehr zufrieden sein über die Grundlage. Natürlich würde ich mich für jede Stunde besonders vorbereiten und auch einen Plan bezüglich des Geographieunterrichts entwerfen müssen. Aber warum nicht? Es würde eine ausgezeichnete Wiederholung für mich sein, eine Notwendigkeit sogar, kurz, ich fand mich sehr leicht – auffallend leicht – in mein Geschick.

Ming Tse bestimmte zwei Tage zu je zwei Stunden, so daß wir uns nun viermal die Woche sahen. Ich war froh, daß ich der Einsamkeit so leicht entgehen konnte und segnete meine Beharrlichkeit in allerlei Forschungsaufgaben. Mein Schüler machte gleichfalls den Eindruck, zufrieden zu sein – und, was konnte ich mehr wünschen?

Nachdem der junge Mann schon in Paris und London studiert und in China zwölf Jahre lang Weisheit eingepaukt erhalten hatte, mußte er wohl schöne Vorkenntnisse besitzen. Indessen war es doch immerhin der Mühe wert, einige Sprungfragen, allgemeines Wissen betreffend, zu unternehmen.

Gleich bei meinem Kommen bat er mich, ihn nicht über englische Geschichte zu fragen, sondern noch einmal von Jakob I. an den ganzen vorgeschriebenen Lehrstoff vorzutragen. Dies tat ich also, ließ alles Ueberflüssige weg, machte den Vortrag so einfach und so leicht faßlich als möglich und diktierte ihm einige Stellen – ich bestand nämlich darauf, daß er Notizen nahm, damit meine Rede nicht ganz umsonst bleibe.

Nach dem eigentlichen Studium stellte ich einige Fragen an ihn, die mir als zum unerläßlichen Wissen eines Menschen beider Hemisphären notwendig schienen.

»Wer war Napoleon?«

Pause.

»Was wissen Sie von ihm? Etwas haben Sie gewiß von ihm gelesen oder gehört?«

»Er war ein großer Kämpfer oder so etwas!« war die gleichmütig gegebene Antwort. Mehr von dem Eroberer wußte er nicht.

»Wer war Christoph Columbus?«

»Nie von ihm gehört!«

»Herr Ming Tse!!! Christoph Columbus?« wiederholte ich, wie um ein Licht im dunklen Gehirnkasten meines Schülers zu entzünden.

»War das nicht so ein Kerl, der einmal Bücher über Amerika schrieb?« erkundigte sich mein kleiner Chinese, als ob ihn die Sache nichts weiter angehen würde.

»Bücher hat er wahrscheinlich nicht so übermäßig viele geschrieben,« konnte ich mich nicht enthalten etwas sarkastisch zu bemerken, »aber entdeckt hat er das Land – eine ganz unbedeutende Sache.«

Ming Tse lachte, er hatte den Spott herausgefühlt, der jedoch wirkungslos an seiner asiatischen Ruhe abprallte.

»Was für ein nutzloses Geschrei die Europäer wegen einer solchen Kleinigkeit machen,« sagte er verächtlich. »Wir haben Amerika schon viel länger gekannt – und ohne Columbus,« versetzte er und sah dabei aus, als ob dieser Umstand einzig und allein ihm selber zu danken wäre. Aber da die Chinesen Amerika wirklich ohne Columbus gefunden, wagte ich keine weiteren Bemerkungen. Ich ging zur Geographie über, und da wurde alles verlangt – die physische, politische und besonders die europäische Geographie.

Mit der physischen nahm ich den Anfang und hatte zum erstenmal die Genugtuung zu sehen, daß der Schatten eines Interesses bei ihm erwachte, als ich die verschiedenen Naturereignisse, so gut es ging, erklärte und überall noch Zeichnungen hinzufügte. Dies lernte er in der Tat gut.

Hierauf wollte ich ihm ein wenig auf den Zahn fühlen bezüglich der allgemeinen Geographie und bat ihn daher, mir die hauptsächlichsten Länder Europas aufzuzählen und die Hauptstädte zu nennen.

Er fand nur drei Länder – England, Deutschland und Frankreich. Ich half ihm aus.

»Die Hauptstadt von Belgien?«

»Budapest.«

»Bedaure, was soll denn Ungarn ohne Hauptstadt anfangen?«

»Kopenhagen!«

»Aber Herr Ming Tse, Kopenhagen ist die Hauptstadt von Dänemark,« sagte ich etwas geärgert.

»Mir auch recht,« erwiderte er gelassen.

Ich sagte ihm nun mindestens zehnmal alle Länder und Städte vor und zeigte sie alle auf der Landkarte. Er sah sie alle an, als ob sie Kieselsteine gewesen wären, und wiederholte, was ich sagte, wie ein Kind, das schlaftrunken sein Vaterunser herableiert. Sofort bat ich ihn aufzuhören – welchen Nutzen hätte er von der Fortsetzung einer solchen Stunde gehabt?

Im Herzen aber begann ich mich zu fragen, ob dieser Schüler trotz aller meiner Mühe je eine Prüfung erfolgreich ablegen würde.

Nach den Geographiestunden plauderten wir wie nach all den übrigen Stunden, und dabei fielen einige Streiflichter auf seinen Charakter.

Ob ich vielleicht, mir unbewußt, Hoang-Zo als Muster der Tugend hingestellt, oder besser sein Talent und seinen Fleiß allzu häufig rühmend erwähnt hatte, ich weiß es nicht – jedenfalls kam Ming Tse zu der Ueberzeugung, daß ich eine ungewöhnlich gute Meinung vom Philosophen hatte, möglicherweise sogar eine bessere als von ihm selbst, und in seinem Kopf erwachte sofort der Gedanke, diesen Nimbus zu zerstören, langsam und vorsichtig, ganz langsam, aber sicher.

Als daher der Name Hoang-Zos wieder genannt wurde, schüttelte der kleine Chinese sein rabenschwarzes Haupt, seufzte und sagte:

»Herr Hoang-Zo hat kein gutes Herz.« Pause. Er sah mich mit den Ecken seiner Augen – denn diese schwarzen Punkte im Nasenwinkel konnte man kaum als etwas anderes bezeichnen – forschend an und fügte hinzu:

»Aber sehr, sehr begabt.«

»Und sehr fleißig,« warf ich ein. »Er studiert den ganzen Tag im Britischen Museum.«

»Oh, ja, Britisches Museum!« lachte er höhnisch. – »Mädchen!«

»Herr Hoang-Zo??? Unmöglich!« rief ich voll Entrüstung. »Er kann die Mädchen nicht leiden – er denkt nicht an sie,« erklärte ich mit Eifer.

»Er hat schöne Mädchen sehr gern – sehr gern – und er ist ein schlechter Mensch, aber dafür so begabt, so begabt, nicht wahr?« fragte er mich.

Der Sarkasmus war unverkennbar. »Ich kenne Herrn Hoang-Zo nicht näher,« erwiderte ich. »Gegen mich war er immer sehr lieb, ich bin aber auch nicht schön und das erklärt ja vieles,« sagte ich und warf unwillkürlich den Kopf in den Nacken. »Ich dachte indessen, Sie wären sein Freund.« Diese Anspielungen mißfielen mir.

»Sein Freund?? – Ja, wenn er Geld borgen will,« sagte Ming Tse.

Das war eine neue Entdeckung. »Braucht er so viel Geld? Er studiert auf Kosten seiner Regierung, nicht wahr, und erhält 15 Pfund monatlich?« Das hatte der kleine Chinese mir früher einmal mitgeteilt.

»Gewiß, aber 15 Pfund sind nicht genug, wenn man schöne Mädchen gern hat,« fügte er schelmisch lächelnd hinzu.

»Ein Mädchen gern zu haben ist ja kein Verbrechen,« entschuldigte ich meinen früheren Professor.

»Nein,« ohne mich anzusehen. Plötzlich funkelten die halbgeschlossenen Augen zu mir herüber. »Aber er gibt ihnen Pulver.«

»Er gibt ihnen Pulver?« fragte ich verständnislos.

Der Kleine grinste wie der leibhaftige Gottseibeiuns.

»Pulver, daß sie einschlafen – zwei Stunden einschlafen – verstehen Sie?« fragte er mich.

Und ob ich verstand! War eine so maßlose Schlechtigkeit in einem so hochentwickelten Menschen möglich!! Konnte die grinsende kleine Figur vor mir die Wahrheit sprechen?

»Man gibt jemand das Pulver doch nicht auf der Gasse und gegen den Willen ein?« sagte ich, diese Anklage gegen meinen bewunderten Philosophen und Professor abwehrend.

»Auch nicht nötig,« lachte Ming Tse. »Man lädt sie einfach zum Tee ein.«

Ich fühlte, daß der Stuhl unter mir nicht Stütze genug war. Wie der Reiter auf dem Bodensee, der starb, als er hörte, welchen Gefahren er entgangen war, so schien es mir, daß ich zum mindesten ohnmächtig werden könnte, wenn ich mir vorstellte, wie ich gedankenlos am Rande des Verderbens herumgetänzelt war. Zum erstenmal in meinem Leben freute ich mich, daß ich nicht so schön wie Jenny, daß ich das Gegenteil von hübsch war.

Ming Tse mochte mein Entsetzen meinen weitaufgesperrten Augen ablesen, denn er beruhigte mich, indem er sagte:

»Herr Hoang-Zo denkt auch sehr gut von Ihnen, er hat mir schon damals von Ihnen erzählt und gesagt, daß er mit Ihnen eine Ausnahme macht, Sie denken nur ans Studium.«

Ob mein Wissen oder meine Häßlichkeit ausschlaggebend war – wahrscheinlich die beiden Dinge vereint –, war ich Mr. Hoang-Zo doch über die Maßen dankbar, besagte »Ausnahme« gemacht zu haben, was immer auch seine Gründe gewesen. Und ich, die ich den Tee mit so viel Vergnügen getrunken hatte! Dieser Gedanke kam peinigend oft zurück und jagte mir jedesmal die Gänsehaut über den Rücken.

»Himmel, wenn ich geahnt hätte, daß man so schlecht sein könnte!« rief ich aus.

Ming Tse krümmte sich vor Vergnügen, ich mußte aber auch das verkörperte Entsetzen ausdrücken.

»Nicht so sehr, sehr gut, nicht wahr, Fräulein, aber sehr begabt?« fragte er mich.

»Zu begabt!« rief ich ärgerlich.

»Mir liegt nichts an Mädchen,« versicherte mein kleiner Chinese mit überlegener Miene. »Nur Mädchen, die älter sind als ich und die viel wissen, die gefallen mir.« Pause, – während welcher ich mich einigermaßen zu fassen versuchte. »Und ich schaue nicht auf Schönheit wie Hoang-Zo,« erklärte er.

Er stellte Früchte auf den Tisch. »Kein Pulver,« versicherte er lächelnd.

»Gott sei Dank, daß dieser nette kleine Chinese kaum 22 und noch ein ganzes Kind ist,« dachte ich. Wie wenig ich doch Chinesen verstand!

Mein ehrwürdiges Alter war damals 23, also hätte ich mir auf meine Greisenhaftigkeit noch nicht allzuviel einzubilden brauchen.

Das war ein Streiflicht gewesen, das mir deutlich zeigte, wie sehr ihm daran lag, sich selbst als ersten gelten zu machen, wie wenig er es wünschte, andere Menschen bewundert zu sehen.

Er wußte, daß ich Indier sehr intelligent und sehr interessant fand. In der Villa, in der er wohnte, lebten auch Indier und es verging keine Plauderstunde, in der er mir nicht etwas Nachteiliges von ihnen erzählte.

»Herr Kashdartha ist ein schlechter Mensch,« sagte er eines Tages. »Er wird bald ein Kind haben.«

»Er wird bald ein Kind haben?« fragte ich ungläubig.