Robinson
in
Australien.

Ein Lehr- und Lesebuch
für gute Kinder.

von
Amalia Schoppe,
geborne Weise.

Heidelberg.
Verlagshandlung von Joseph Engelmann.
1843.

An meine jungen Leser und Leserinnen.

Hoffentlich, meine Geliebten, erzeuge ich Euch einen Gefallen mit diesem neuen Robinson; einmal, weil mir fortwährend von vielen lieben Kindern die Versicherung gegeben wird, daß sie meine Jugendschriften gerne lesen; dann aber auch, weil der Titel viel Lockendes für Euch haben wird, indem gewiß Euer junges Herz bei dem Namen Robinson höher schlägt. Ihr werdet also dieses neue Buch Eurer Freundin mit gespannter Erwartung in die Hände nehmen und Euch hoffentlich nicht in derselben getäuscht sehen.

Mein Zweck war, als ich diesen neuen Robinson verfaßte, und in ihm die Schicksale eines zwar armen, aber sinnigen und wackern Knaben mittheilte, Euch zugleich mit einem Welttheile bekannt zu machen, von dem selbst viele gebildete Erwachsene noch wenig wissen: Ihr sollt Australien, den zuletzt entdeckten, nur noch mangelhaft erforschten Welttheil, in seinem Clima, seinem Boden und Pflanzen- und Thierreiche näher kennen lernen; und somit bitte ich Euch, mein Buch nicht bloß zur flüchtigen Unterhaltung, gleichsam um die Zeit, unser Kostbarstes zu tödten, in die Hand zu nehmen, sondern zugleich auch Belehrung, Bereicherung Eures Wissens, daraus zu schöpfen. Daß der Robinson Euch nebenbei auf eine angenehme Weise unterhalten soll, glaube ich Euch versprechen zu dürfen.

Zu dem doppelten Zwecke: zu bilden, zu belehren und Euch frohe Stunden zu bereiten, schrieb ich bisher alle meine Bücher, und da Euch die frühern immer willkommen waren, hoffe ich, wird es auch dieses sein.

Ich grüße Euch sämmtlich mit dem Gruße inniger Liebe. Nicht mehr in dem großen, prächtigen Hamburg, nicht zwischen den Trümmerhaufen dieser mir ewig theuren Stadt, sondern in Jena, dem freundlichen Orte zwischen den Bergen, die das reizende Saalthal rings wie ein Rahmen umfassen, schrieb ich den Robinson für Euch.

Der Geber alles Guten sei mit Euch Allen, meine geliebten Kinder.

Jena, im October 1842.

Eure treugesinnte

Amalia.


Der neue Robinson.

Erstes Kapitel.

Viele von Euch, meine geliebten Kinder, werden schon einmal von der großen Handelsstadt Hamburg gehört haben. Sie liegt an einem herrlichen Flusse, der Elbe, die hier schon eine Meile breit und ihrem Einflusse in die nur zwölf Meilen von Hamburg entfernte Nordsee nahe ist.

In dieser großen Welt- und Handelsstadt giebt es viele prächtige Paläste, dagegen aber auch eine Menge enger Gassen und kleiner Häuser; ja, ein Theil der Bevölkerung wohnt sogar unter der Erde in sogenannten Kellern, trüben, feuchten Wohnungen, in die das goldene Tageslicht nur spärlich fällt, weßhalb auch die Bewohner derselben in der Regel bleich und kränklich aussehen. Denn eben die Sonne, welche den duftigen Kelch der Rose färbt, färbt auch die Wangen der Menschen.

In einem dieser Keller wohnte eine arme Wittwe mit ihrem einzigen Kinde, einem Sohne von etwa zwölf bis dreizehn Jahren. Sie hatte, seit dem Tode ihres Mannes, der ein Schiffscapitän gewesen war, einen kleinen Handel angefangen, um sich und ihren William – so hieß der Knabe – nothdürftig zu ernähren. Allein das Geschäft ging seit einiger Zeit schlecht, da sich in einem benachbarten Hause eine ähnliche Handlung, wie die der Wittwe Robinson, etablirt hatte und diese ihr die Nahrung schmälerte. So sah die arme Frau sorgenvollen Tagen und schlaflosen Nächten entgegen, besonders da es bereits gegen den Winter ging, wo der Mensch zu seinem Unterhalte mehr bedarf, als im Sommer.

Die Hülfe Anderer anzusprechen, davor würde sich Frau Robinson geschämt und weit lieber den bittersten Hunger, als das demüthigende Gefühl ertragen haben, von der Gnade anderer Menschen abhängig zu sein. Denn sie hatte einst bessere Tage gesehen und gehörte durch ihre Geburt einer Nation an, die sich in der Regel durch einen edlen Stolz auszeichnet: Der englischen nämlich.

Ihr Vater war, wie ihr verstorbener Mann, ein Schiffscapitain gewesen und zwar ein so erfahrener, geschickter, daß ein bedeutendes Handlungshaus, das Rhederei trieb, ihn von England berief und ihm sein bestes Schiff, die Fortuna, zur Führung anvertraute. Damit segelte dann der Capitain Elliot – so hieß Frau Robinsons Vater – durch alle Meere und führte von allen Welttheilen die kostbarsten Waaren in den Hafen von Hamburg. Er galt nicht nur für einen streng rechtlichen Mann, sondern er war es in der That: denn statt sich selbst zu bereichern, wie so Manche es in seiner Lage gethan haben würden, dachte er nur an den Vortheil seiner Rheder, das will sagen, der Kaufleute, deren Schiff er führte, und so kam es, daß, als er starb, er seiner einzigen, bereits mit einem ihm befreundeten Schiffscapitain verheiratheten Tochter kaum mehr hinterließ, als einen unbefleckten Namen und den Ruf eines durchaus redlichen und geschickten Mannes.

Mit diesem Erbtheile war aber sowohl seine Tochter Anna, als auch deren Mann, der wackere Schiffscapitain Robinson, völlig zufrieden; mit Recht sagten Beide, daß ein guter Leumund das erste und köstlichste aller Güter sei.

Der Ruf von strenger Redlichkeit, den sich Capitain Elliot erworben hatte, kam auch seinem Schwiegersohne Robinson zu Gute; denn kaum hatte Elliot, in Folge einer langwierigen Krankheit, seine Augen geschlossen, so trugen die Rheder der Fortuna seinem Schwiegersohn die Führung des herrlichen Schiffes an. Mit Recht schloß man, daß der ein Biedermann sein müsse, dem Capitain Elliot seinen besten Schatz, die einzige geliebte Tochter, zum Eigenthume gegeben hatte.

So stand also Capitain Robinson nach dem Tode seines Schwiegervaters als Befehlshaber und Führer auf dem Verdeck der Fortuna und zwar unter noch günstigeren Aussichten, als der wackere Elliot: die Rheder hatten ihm einen Antheil an dem Gewinne zugesagt und wenn die Geschäfte nur einigermaßen gingen, so konnte der junge Capitain in einigen Jahren ein wohlhabender Mann sein.

Daß er das werden würde, dazu hatte es den besten Anschein. Er brachte zu einer sehr gelegenen Zeit eine Ladung Gewürze von den molukkischen Inseln bei Asien und der Gewinn war für die Rheder so bedeutend, daß eine Summe von 10,000 Mark, etwa 4000 Thaler preußisch für den thätigen und umsichtigen Robinson abfiel. Dieses Vermögen vermehrte sich noch im Laufe einiger Jahre und man durfte glauben, daß unser Capitain binnen Kurzem ein reicher Mann sein würde.

Wenn ihm diese Aussicht eine erfreuliche war, so war dies mehr um seine liebe Frau und sein einziges Söhnchen William, als weil er den Reichthum an und für sich schätzte. Diesen beiden Geliebten eine angenehme, sorgenlose Existenz verschaffen zu können, der Gedanke war es, der seine Seele mit Freude erfüllte und ihn ohne Murren den größesten Gefahren trotzen ließ.

So hatte Robinson schon fünf bis sechs Reisen mit der Fortuna gemacht und auf jeder derselben bedeutende Vortheile für die Rheder und sich selbst erzielt, als der Vorsteher des Hauses, ein eben so braver als geschickter und vorsichtiger Kaufmann, starb. Zwei Söhne, die zum Kaufmannsstande erzogen worden waren, erbten sein Vermögen und seine weltberühmte Handlung. Allein des Vaters Geist ruhte nicht auf ihnen: sie wollten noch reicher werden, als sie ohnehin schon waren, ließen sich auf große Speculationen ein und, da diese mißglückten, sahen sie sich nach Verlauf einiger Jahre um all ihr Erbgut gebracht. Ihnen blieb fast nichts mehr übrig, als die Fortuna, das seither vom Capitain Robinson geführte Schiff.

Aber auch dieses Besitzthum war im Grunde nur noch ein eingebildetes; denn die Fortuna war durch die Reihe von Jahren, die sie See gehalten hatte, so morsch und schadhaft geworden, daß Capitain Robinson erklärte: es hieße das Leben seiner Matrosen und sein eigenes auf's Spiel setzen, wenn er noch eine Reise damit machte, und aus diesem Grunde verweigerte er es geradehin.

Man kann sich vorstellen, wie ungelegen eine solche Erklärung den beiden jungen Rhedern kam, besonders in diesem Augenblick, wo sie fast ihre letzte Hoffnung auf die Fortuna gesetzt hatten. Sie ließen auch nicht mit Bitten und Vorstellungen nach, bis sie Robinson dahin vermocht hatten, noch eine Reise mit der Fortuna zu machen, nachdem diese nothdürftig ausgebessert worden war.

Es war ein sehr trüber Abend, als der Capitain Abschied von seiner lieben Anna und seinem Söhnchen William nahm, um sich an den Bord der Fortuna zu begeben. Zum ersten Male in seinem Leben empfand er eine Anwandlung von Furcht; zum ersten Male, seitdem er in das Mannesalter getreten, drängte sich ihm eine Thräne zwischen die Wimpern, als er seine Frau und sein Kind umarmte, indem er Abschied von ihnen nahm. Auch sie konnten sich diesmal nicht von ihm losreißen; auch sie hingen laut schluchzend an seinem Halse und bedeckten ihn mit ihren Thränen und Küssen: allen dreien war, als gälte es einen Abschied auf immer.

Aber es mußte doch geschieden sein und früh am andern Morgen, mit Anbruch des Tages, segelte die Fortuna die Elbe hinab. Ein frischer Ostwind schwellte ihre weißen Segel und da sich die Ebbe mit dem günstigen Winde vereinte, erreichte die Fortuna schon nach wenigen Stunden die Nordsee bei Cuxhafen. An diesem Orte nahm Capitain Robinson, wie es gebräuchlich ist, Lootsen an Bord, die ihn durch die gefährlichen Stellen bis in die offene See führen mußten, wo er selbst sein Schiff zu lenken verstand.

Da es unter meinen lieben jungen Lesern und Leserinnen gewiß viele gibt, die nicht wissen, was Lootsen für Leute sind, will ich es ihnen erklären. Man benennt Männer mit diesem Namen, die eine so vollkommene Kenntniß des Fahrwassers haben, daß sie die Tiefen, Klippen und Sandbänke auf das Genaueste kennen. Solcher Hindernisse für die Schifffahrt gibt es nun am meisten an der Mündung der Flüsse, weßhalb man an solchen Orten gewöhnlich Lootsen annimmt, um keinen Schaden zu leiden. Ist man aber über die gefährlichen Stellen hinaus, so besteigen die Lootsen ihr an das große Seeschiff angehängtes kleineres Fahrzeug und kehren in den Hafen zurück.

Das thaten auch die Lootsen der Fortuna. Beim Scheiden händigte Capitain Robinson denselben noch einen Brief an seine liebe Frau mit dem Befehl ein, ihn in Cuxhafen auf die Post zu geben, und er kam der Madame Robinson auch richtig zu Händen. Ach! er sollte das letzte Lebenszeichen sein, das die arme Frau von ihrem geliebten Manne erhielt!

Zwar war die Fortuna noch in dem Hafen von Vera Cruz eingelaufen und hatte daselbst eine Ladung an Bord genommen, mit der Robinson nach Hamburg zurückkehren wollte; allein seit dem Augenblick, wo man die Fortuna von diesem Hafen aus dem Gesichte verlor, wurde nichts weiter von ihr gesehen noch gehört. Aller Wahrscheinlichkeit nach war also das Schiff gesunken, indem es, alt und morsch wie es war, zu viel Wasser geschöpft hatte.

So vergingen sechs Monate, ohne daß Frau Robinson etwas von ihrem lieben Manne, die Rheder etwas von der Fortuna hörten und jetzt fing man an, sich erst leisen, dann immer heftigeren Besorgnissen hinzugeben. Endlich waren neun Monate, dann ein rundes Jahr verstrichen und die Fortuna war noch immer nicht in den Hafen eingelaufen. Da konnte die arme Frau nicht länger an ihrem Unglück zweifeln: ihr geliebter Mann war auf der See geblieben und sie sollte ihn nie wieder sehen!

Ihr Schmerz war grenzenlos und sie brachte Tag und Nacht fast nur mit Weinen zu. Ihr einziger Trost war der kleine William, der ganz das Ebenbild seines guten Vaters und ein schöner, freundlicher Knabe war. Wenn er die Mutter weinen sah, umschlang er ihren Hals mit seinen beiden Aermchen und bat: »Gute Mutter, weine doch nicht! Ich will auch ganz artig sein und Dir und dem lieben Vater keinen Kummer machen!« Wenn er aber das sagte, dann weinte die Mutter noch heftiger und er endlich mit ihr.

In einem alten Sprichwort heißt es: »Ein Unglück kommt selten allein.« Dieser Spruch schien sich auch an Frau Robinson bewähren zu wollen. Ein Jahr war kaum seit dem Verschwinden ihres Gatten dahingeflossen, so erklärten die jungen Kaufleute, denen die Fortuna zugehört hatte, daß sie ihren Gläubigern nicht gerecht werden, das heißt, ihre Schulden nicht bezahlen könnten. Eine solche Erklärung heißt man bancerott machen. Das Wort stammt aus dem Italienischen von Banca rotta – zerbrochenen Bank – her, indem es in Genua Gebrauch war, den Kaufleuten, die nicht bezahlen konnten, zum Schimpfe die Zahlbank zu zerschlagen oder zu zerbrechen.

Einen solchen Bancerott machten nun die jungen Kaufleute und da der Kapitain Robinson ihnen all sein erworbenes Geld anvertraut hatte, ging es mit verloren. Frau Robinson erhielt von dem Vielen, das man ihr schuldete, nur eine sehr geringe Summe ausbezahlt und von dieser war schon nach einem Jahre kein Heller mehr übrig, da die Arme durch den erlittenen großen Kummer in eine schwere Krankheit verfallen war, die ihre letzten Hülfsmittel aufzehrte.

Endlich durch die Hülfe der Aerzte von dieser Krankheit wieder genesen, sah sich die arme Frau aller Hülfsmittel für ihre eigene und ihres Kindes Existenz beraubt. Sie mußte also darauf denken, durch Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen und so suchte sie eine ihren Kräften und Fähigkeiten angemessene Beschäftigung. Man kam ihren Wünschen freundlich entgegen und gab ihr feine Wäsche zum Nähen. Sie verrichtete diese Arbeit eine Zeitlang mit großem Fleiße und der ihr eigenthümlichen Pünktlichkeit; allein zu ihrem nicht geringen Erschrecken entdeckte sie, daß ihre Augen nicht mehr recht dienen wollten und sie sie theils durch das viele Weinen, theils durch die feine die Sehkraft allzusehr anstrengende Arbeit gänzlich verdorben hatte. Sie befragte jetzt einen Arzt und dieser erklärte ihr, daß, wenn sie nicht gänzlich erblinden wolle, sie die feine Arbeit ganz aufgeben und eine andere Lebensweise ergreifen müsse.

»Wovon soll ich aber?« rief die arme Frau bei dieser Erklärung im höchsten Grade erschrocken aus, »mich und mein armes Kind in Zukunft ernähren? Sie werden wissen, lieber Herr Doktor,« fügte sie mit einem schweren Seufzer hinzu, »daß ich meinen geliebten Mann und zu gleicher Zeit auch das von ihm erworbene Vermögen verloren habe, folglich durch Arbeiten Brod für mein Kind und mich erwerben muß.«

»Wohl weiß ich das, liebe Madame Robinson,« erwiederte ihr der Arzt, der ein vortrefflicher Mann und ein wahrer Menschenfreund war; »aber ich muß trotz dem bei meinem Ausspruche beharren und Sie dringend ermahnen, für die Folge ihres Lebens allen feinen, die Augen anstrengenden Arbeiten zu entsagen.«

»So würde mir nichts weiter übrig bleiben, als mein Kind an die Hand zu nehmen und von Haus zu Haus betteln zu gehen,« sagte sie, indem ein Strom von Thränen ihr über die bleichen Wangen schoß, »und das Herr Doktor, vermöchte ich nicht. Lieber sterben, als betteln!«

»Kommen Sie morgen um dieselbe Stunde wieder zu mir,« sagte der Arzt nach einem kurzen Nachdenken. »Ich will die Sache mit meiner Frau überlegen; sie ist wohlmeinend und verständig; ich hoffe, sie wird uns irgend einen Ausweg zeigen können, und was an mir liegt, so können Sie auf mich rechnen; so weit es meine Kräfte erlauben, will ich Ihnen beistehen. Ich bin leider noch ein junger Arzt und besitze kein eigenes Vermögen; auch ist meine Praxis noch klein, sonst würde ich gewiß mehr thun, als ich jetzt werde thun können. Sorgen Sie indeß weder für die Bezahlung meiner ärztlichen Bemühungen, noch für die Medicin und wenden Sie die Ihnen von mir verschriebenen Medicamente sorgfältig an.«

Er reichte ihr bei diesen Worten zum Abschiede die Hand und die arme, grambeladene Frau kehrte in ihre bescheidene Wohnung zurück. Am andern Morgen war sie wieder bei ihrem zur Hülfe willigen Freunde. Dieser schien sie schon erwartet zu haben und führte sie zu seiner Frau, die sie zu sich auf den Sopha lud und sie auf das Liebevollste und Zuvorkommendste empfing. Gute und gefühlvolle Menschen sind stets am höflichsten gegen Unglückliche; niedere Seelen dagegen kriechen vor Reichthum, Ansehen und Macht. Wenn ich Personen hart und unhöflich mit Leidenden, in ihrem Vermögen Heruntergekommenen umgehen sehe, dann habe ich gleich keine gute Meinung weder von ihrem Herzen, noch von ihrem Verstande.

»Meine liebe Madame Robinson,« sagte die treffliche Frau, indem sie ihr die Hand reichte, mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die Leidenden so wohl thut, »mein guter Mann hat mir von Ihnen und Ihrem unverschuldeten Leiden erzählt, indem er mich zugleich aufforderte, Ihnen nach Kräften mit Rath und That zu Hülfe zu kommen. Nach längerem Nachsinnen ist mir ein Ausweg eingefallen. Da drüben,« – sie wies auf ein gegenüberliegendes Häuschen – »wohnte eine Frau, die sich lange Zeit hindurch anständig durch den Verkauf von Südfrüchten und allerlei Eingemachtem ernährte. Es war freilich bei dem kleinen Handel nicht viel übrig; allein er schützte die Frau gegen Mangel und Sorge. Seit wenigen Tagen ist sie gestorben und das Häuschen steht zur Miethe. Wenn Sie wollen, miethen wir es für Sie – der sehr geizige Hauswirth würde es wohl schwerlich ohne eine genügende Bürgschaft an Sie vermiethen – und strecken Ihnen ein Sümmchen zum Ankaufe der nöthigen Artikel vor. Auf diese Weise, so scheint es mir, würden Sie das Nothwendige erwerben können, ohne Ihre armen Augen noch ferner anzustrengen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlage?«

Die gute Frau Robinson glaubte die Stimme eines Engels zu hören, als sie diese Worte vernahm. Es fehlte nicht viel, so wäre sie der trefflichen Frau zu Füßen gefallen, um ihr zu danken, wie es ihr Herz ihr gebot; sie hatte kaum Worte, nur Thränen.

»Nicht wahr,« fragte ihre Wohlthäterin gerührt, »nicht wahr, Sie gehen auf meinen Vorschlag ein und mein Mann macht noch heute die Sache mit dem Hauswirthe richtig, damit uns kein Anderer zuvorkomme?«

»O, wenn Sie die Güte haben wollten!« stammelte Frau Robinson, indem sie die Hände der Trefflichen ergriff. Sie wollte mehr sagen, vermochte es aber vor Rührung nicht.

»Die Sache ist so gut wie abgemacht,« entgegnete ihr diese, »und jetzt, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht zu sehr auf,« fügte sie liebevoll hinzu; »mein Mann behauptet, daß Sie solche Gemüthsbewegungen nicht gut ertragen können, und namentlich Ihren Augen dadurch schaden würden.«

Frau Robinson ging jetzt und schon nach acht Tagen bezog sie mit ihrem lieben William die neue Wohnung und trat ihr neues Geschäft an.

Zweites Kapitel.

Drei Jahre hindurch verlebte Frau Robinson, wenn auch nicht in Glück und Freude – denn noch immer konnte sie sich nicht über den Verlust ihres Mannes trösten – doch in Friede und ohne allzuschwere Sorge in dem ihr von dem wackern Arzte gemietheten Hause. Das Geschäft war leicht und nicht eben unangenehm und William, der jetzt zwölf Jahre alt geworden war, ging ihr in seinen Musestunden so wacker dabei zur Hand, als wäre er noch einmal so alt gewesen. Er war ein überaus sinniger und verständiger Knabe, der auf Alles Acht gab und schnell diesen und jenen ihm gezeigten Handgriff begriff. In der Schule, die er fast unausgesetzt besuchte – so wollte es seine verständige Mutter – liebten ihn die Lehrer und seine Mitschüler, weil er gegen erstere stets ehrerbietig, gegen die letzteren hülfreich und freundlich war. Man konnte ihn freilich nicht eben einen großen Kopf nennen, und ein Licht der Gelehrsamkeit würde wohl schwerlich, selbst bei dem besten Unterrichte, aus ihm geworden sein; allein er war fleißig, sinnig und ein höchst verständiger Knabe, der zu mechanischen Arbeiten eine große Neigung hatte; auch wollte er, wie er sagte, entweder ein Tischler oder Drechsler werden und die Mutter hatte nichts dagegen, daß er ein Handwerk ergriffe.

Die edle Familie, welche sich der Frau Robinson in der Zeit ihrer Noth so menschenfreundlich angenommen, hatte indeß seit länger denn einem Jahre Hamburg verlassen, indem der junge Arzt einem ehrenvollen Rufe nach Rußland folgte, wo er bei der Armee als Stabsarzt angestellt wurde. Er hatte nämlich das Glück gehabt, einem reisenden, sehr reichen und vornehmen Russen, einem Prinzen, durch seine große Geschicklichkeit und Sorgfalt das Leben zu retten. Als dieser heimgekehrt war, empfahl er dem Kaiser seinen Erretter so dringend, daß man den geschickten Mann unter den glänzendsten Bedingungen nach Rußland berief, wo er in der Folge eben so reich als angesehen wurde.

Durch diesen Zufall hatte Frau Robinson ihre großmüthigen Beschützer verloren, und so glücklich es für diese war, so unglücklich war er für die arme Frau. Kurz nach der Abreise der Beiden fiel es einem Speculanten ein, die kleinen Häuser, wovon Frau Robinson das eine bewohnte, zu kaufen, sie bis auf den Grund niederreißen und an deren Stelle große, prachtvolle Häuser erbauen zu lassen, und da er dem Besitzer der kleinen Wohnungen eine ansehnliche Summe bot, war man des Handels bald einig. Frau Robinson mußte also ihre bisherige Wohnung, in der es ihr so wohl ergangen war, verlassen und sich nach einer andern umsehen. Da sie in der Gegend als eine redliche und zuverlässige Frau bekannt war und fürchten mußte, ihre Kundschaft zu verlieren, wenn sie in einen andern Theil der sehr großen Stadt zöge, sah sie sich in der Nähe ihrer bisherigen Wohnung nach einer andern um. Allein die Häuser waren zum Theil so groß und die Miethe so theuer, daß ihr endlich nichts weiter übrig blieb, als einen eben frei werdenden Keller zu miethen.

Dies war ein enger, trauriger und düsterer Aufenthalt; nur auf wenige Augenblicke fiel ein Sonnenstrahl in das kleine, dumpfe Stübchen und die noch kleinere Schlafstätte entbehrte sogar gänzlich des lieben Tageslichts. Indeß mußte man sich doch noch glücklich schätzen, diese Wohnung um einen mäßigen Preis erstanden zu haben und Williams Umsicht und Liebe wußte sie zu verschönern.

An Sparsamkeit von Jugend auf gewöhnt, hatte er alle seine Schulhefte aufgehoben und beklebte mit dem dadurch gewonnenen Papier die nur mit Kalk beworfenen Wände. Als er damit fertig und alles gehörig getrocknet war, verschaffte er sich Farbe und einen Malerpinsel und strich die Papierwände so eben und gut mit einer hellen Farbe an, daß das Ganze wirklich ein recht freundliches Ansehen gewann. Dann zog er auch vor dem kleinen Fenster des Stübchens eine Menge Blumen, die er sich zu verschaffen gewußt hatte. Da er bei Allen beliebt war, gab ihm bald dieser, bald jener seiner Mitschüler ein hübsches Pflänzchen oder auch nur einen Absenker und er verstand es so zu hegen und zu pflegen, daß es in kurzer Zeit freudig emporwuchs und Stengel, Blüthen und Blumen trieb. So oft er eine Stunde Zeit hatte, beschäftigte er sich mit seinen Blumen, trug sie ins Freie hinaus, begoß und putzte sie und hatte seine herzinnige Freude daran, wenn die Blicke seiner lieben Mutter mit Wohlgefallen darauf ruhten.

An diesem Orte verlebte man so noch ein Jahr und es schien, als ob das Schicksal müde geworden sei, die arme Frau Robinson zu verfolgen. Die alten Kunden blieben ihr getreu und der kleine Handel ging ganz so gut, wie vorher. Da, als man sich dessen nicht versah, miethete einer der ersten Fruchthändler der Stadt, ein Mann, der bereits durch diesen Handel reich geworden war, eins der neu erbauten Häuser und etablirte sich in demselben, indem er einen Gehülfen hineinsetzte. Alle nur erdenklichen Früchte und die Leckereien aller Zonen und Welttheile wurden hinter Spiegelfenstern zur Schau ausgestellt; in krystallenen Gefäßen schwammen Forellen und Goldfische; hier glühten Orangen, Citronen und Apfelsinen; dort dufteten Ananasse, Melonen und Granatäpfel; von den köstlichsten Trauben waren Guirlanden gebildet, Käse standen da in Ananasform; Kastanien, Rosienen, Mandeln u. s. w. bildeten den Hintergrund; kurz, Alles was nur Auge und Gaumen reizen konnte, war da und in der größesten Fülle.

Wie armselig nahm sich dagegen der Keller der Frau Robinson aus! Auch sah Keiner mehr auf denselben nieder, sondern die Blicke aller Vorübergehenden wendeten sich auf das großartige Etablissement in dem schönen Hause; Alles strömte dahin, während der Keller fast gänzlich verödete.

Dies war ein furchtbarer Schlag für die Vielgeprüfte und hätte sie nicht Gott im Herzen gehabt, nicht ihm vertraut, so würde sie diesem neuen Unglücke vielleicht erlegen sein. Sie aber wandte Herz und Auge zum Himmel empor und sagte: »Herr, in Deine Hände lege ich mein Geschick: Du wirst wissen, wozu mir diese neue Prüfung nütz ist und Dein Kind nicht allzusehr prüfen. Dein heiliger Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden. Amen!«

Trotz dieses frommen, unerschütterlichen Vertrauens zu ihrem himmlischen Vater trat ihr aber doch eine Thräne in das Auge, wenn sie an die Zukunft ihres lieben Williams dachte. Denn die Zeit war nahe, wo er zu einem Meister in die Lehre gethan werden mußte und dazu war vor allen Dingen Geld erforderlich. Woher aber dieses nehmen, da der Erwerb so schmal geworden, daß man an manchen Tagen sich kaum an trockenem Brode satt essen konnte? Wenn man den Keller hätte verlassen und in einem andern Theile der Stadt eine andere Wohnung miethen können, so wäre vielleicht noch alles gut gegangen; allein das konnte man nicht, da man, in der Furcht, vielleicht von dem Hauswirthe in der Miethe aufgetrieben zu werden, den Keller auf Contract, das heißt, auf mehrere Jahre gemiethet hatte. Man mußte also bleiben, wo man war und seinem völligen Ruin entgegensehen.

So standen die Sachen, als der Fruchthändler, welcher das große Haus gemiethet hatte, zur nicht geringen Verwunderung der Frau Robinson an einem Morgen zu ihr eintrat und sie fragte; ob sie geneigt sei, seinem Geschäfte vorzustehen? wofür er ihr eine billige Vergütung geben, auch die Miethe für den Keller auf sich nehmen wolle.

Zu dieser Anfrage wurde er durch den Umstand veranlaßt, daß er entdeckt hatte, wie der von ihm eingesetzte Gehülfe ihn um bedeutende Summen betrogen. Er mußte ihn also aus dem Dienste jagen und sich nach einer redlichen, auch mit dem Geschäfte vertrauten Person umsehen. Man schlug ihm dazu Frau Robinson vor, deren Charakter man ihm sehr rühmte, und da sie überdieß diese Art von Handel kannte, stand er nicht an, auf sie zu reflectiren.

Ein solcher Vorschlag war nicht zu verachten; allein der hinkende Bote kam nach: Herr Berger – so hieß der große Fruchthändler – forderte von Frau Robinson, daß sie sich schon jetzt von ihrem Sohne trennen und ihn in die Lehre geben solle, obgleich er noch nicht das gehörige Alter und die erforderlichen Körperkräfte erlangt hatte. »Denn,« sagte er, »so ein Bürschchen kann leicht in Verführung gerathen und könnte es mir eben so mit ihm ergehen, wie mit meinem früheren Gehülfen, der mein Geld verthat und mich in großen Verlust brachte.«

Vergebens betheuerte ihm Frau Robinson, daß er dergleichen von ihrem William nicht zu befürchten habe: er blieb bei seiner Meinung und seinen Ansichten und verließ sie mit den Worten:

»Ueberlegen Sie meinen Vorschlag: ich lasse Ihnen bis Morgen Mittag Zeit. Gehen Sie dann nicht auf denselben ein, so muß ich mich nach einer andern Hülfe umsehen.«

»Mutter,« nahm William das Wort, »liebe Mutter, Du solltest den Vorschlag des Herrn Berger nur annehmen, und Dir keine unnöthige Sorge um mich machen.«

»Was redest Du mein Kind?« versetzte die Mutter, »bist Du doch mein Ein und mein Alles, und lebe ich nur noch für Dich!«

»O, ich weiß, welche große Liebe Du mir schenkst,« versetzte William gerührt; »aber ich dächte, daß ich doch vielleicht schon einen Meister fände, der mich zu sich nähme, obschon ich noch nicht das gehörige Alter habe. Ich würde in diesem Falle ein Jahr länger Lehrbursche sein müssen und das wollte ich gerne, wenn ich Dich nur einer so schweren Sorge überhoben sähe. Erlaubst Du mir,« fügte er schmeichelnd hinzu, »erlaubst Du, liebes Mütterchen, mir, zu dem Meister Brandt zu gehen, und ihn zu fragen, ob er mich schon jetzt zu sich nehmen und mich in seinem Handwerke unterrichten wolle? Ich denke, daß er es thun werde, da er gut und freundlich ist und mir versprochen hat, daß er mein Lehrherr werden wolle.«

Die Mutter machte noch einige Einwendungen gegen diesen Vorschlag, dann aber willigte sie, den dringenden Bitten Williams nachgebend, endlich doch ein und der gute Knabe sprang die Gasse hinunter, um sich zum Tischlermeister Brandt zu begeben, der nicht weit von ihnen wohnte.

Er fand den Meister, einen freundlichen und geschickten Mann, in seiner Werkstatt beschäftigt. Als er unsern William eintreten sah, ließ er die fleißige und kunstfertige Hand, die den Hobel führte, einen Augenblick ruhen, um sie ihm zur Bewillkommung entgegen zu strecken.

»Nun,« sagte er, »da bist Du wieder, um zuzusehen? Es gefällt mir an Dir, daß Du schon jetzt eine so große Neigung für Dein künftiges Geschäft hast und in Deinen Mußestunden meiner Arbeit zusiehst. Aus Dir wird, so hoffe ich zu Gott, einmal ein tüchtiger Mann in unserm Fache werden und ich freue mich schon auf die Zeit, wo Du zu mir ins Haus und in die Lehre treten wirst.«

»Lieber Meister,« antwortete ihm William etwas schüchtern, wie man es allemal zu sein pflegt, wenn man eine Bitte vorzutragen hat, von deren Gewährung viel für uns abhängt. »Lieber Meister Brandt, sollte es nicht möglich sein, daß Ihr mich schon jetzt gleich, wo möglich schon Morgen, zu Euch in die Lehre nähmet?«

»Wenn das von mir abhinge,« versetzte der wackere Mann freundlich, »so nähme ich Dich lieber heute als morgen um so mehr, da ich so eben einen Lehrburschen habe fortschicken müssen, der träge, unlustig zur Arbeit, verlogen und mit so vielen andern Fehlern behaftet war, daß ich ihn nicht bei mir behalten konnte, schon meiner Kinder wegen, die er mir vielleicht mit verdorben haben würde. Ich muß mich daher nach einem andern Lehrburschen umsehen und«.....

»Der werde ich sein? nicht wahr?« unterbrach ihn William mit freudig bewegter Stimme.

»Der würdest Du unfehlbar sein,« versetzte der Meister, »wenn Du zwei Jahre älter und schon confirmirt wärest.«

»O, confirmirt könnte ich ja später werden,« sagte William, »und was mein Alter anbetrifft, so könnte es Euch, lieber Meister, wohl gleichgültig sein, wenn ich nur die erforderlichen Kräfte und Fähigkeiten besäße; ich gelobe Euch aber, daß ich durch Fleiß und Aufmerksamkeit ersetzen will, was mir noch an Jahren abgeht.«

»Weßhalb wünschest Du denn aber, sofort bei mir einzutreten?« forschte der Meister; »Du hast Dich doch nicht etwa gar mit Deiner braven Mutter erzürnt und wünschest deßhalb, sie auf der Stelle zu verlassen?«

»Gott bewahre!« rief William, dem bei dieser Aeußerung des Meisters das Blut in die Wangen stieg, und nun erzählte er dem guten Manne mit seiner gewohnten Offenheit, wie die Sachen standen und was es eigentlich war, das ihn zu dem Wunsche bewog, die geliebte Mutter schon jetzt zu verlassen.

Brandt hörte ihm mit theilnehmender Aufmerksamkeit zu, dann, als er geendet hatte, reichte er ihm die Hand und sagte mit gerührter Stimme:

»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich Deinen Wunsch gewähren könnte; das kann ich aber leider nicht. Wir Handwerker haben unsere eigenen Gesetze und die verbieten es uns, einen Knaben, der noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht hat und noch nicht confirmirt ist, in die Lehre zu nehmen. So leid es mir also auch thut, so muß ich Dir Deine Bitte abschlagen.«

Das war nun für unsern William ein trostloser Bescheid. Er war mit der größesten Hoffnung hergekommen, da er der Güte Brandt's fest vertraute, und hoffnungslos sollte er jetzt von ihm scheiden. Der Gedanke, was jetzt aus seiner guten Mutter werden solle, preßte ihm bittere Thränen aus, deren Strom Meister Brandt vergebens zu hemmen bemüht war.

In dem Augenblick, wo diese am heftigsten flossen, öffnete sich die Thür der Werkstatt und ein Mann von mittleren Jahren, von untersetzter, kräftiger Gestalt, mit einem von der Sonne gebräunten Gesichte, trat zu den Beiden ein. Seine Kleidung war sehr fein und ganz neu, hing ihm aber ziemlich weit auf dem Leibe; er hatte einen weißlichen Kastorhut auf dem Kopfe; um den Hals war ein buntes, seidenes Tuch geknüpft, dessen Zipfel weit auf die Brust herabfielen; er trug sehr weite Hosen von blauem Tuche, eine lange, goldene Uhrkette mit einem halben Dutzend goldener Uhrschlüssel und Pettschaften daran und aus der Tasche seines Rockes guckte ein hochrothes, seidenes Schnupftuch hervor. Unser William erkannte auf den ersten Blick einen Schiffskapitain in diesem Manne und im Andenken an seinen lieben, verschollenen Vater schlug sein Herz mächtig beim Anblick desselben.

Da er sich, als die Thüre sich öffnete, nach dem Eintretenden umgesehen hatte, blickte dieser ihm in das von Thränen überströmte Gesicht und mit seemännischer Freundlichkeit auf ihn zugehend, sagte er:

»Was ist denn dem Jüngelchen, daß es so weint?«

William erröthete über und über bei dieser Frage des fremden Mannes und Kapitain Hansen – dies war sein Name – der es bemerkte, fuhr fort:

»Du brauchst Dich vor mir Deiner Thränen nicht zu schämen, Kleiner; freilich wenn Du ein großer Kerl wärest und flenntest dann, so würd' ich 'ne schlechte Idee von Dir bekommen. Sag' mir lieber, was Dir ist, vielleicht kann ich Dir helfen.«

»Das arme Kind ist übel daran,« nahm jetzt Meister Brandt das Wort, und nun erzählte er dem Kapitain, wie die Sachen standen. Dieser hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtbarer Theilnahme zu; dann, als er geendet hatte, nahm er das Wort und sagte:

»Dem armen Jungen und seiner Mutter würde leicht zu helfen sein, wenn beide keine Abneigung gegen das Seeleben hätten.«

»Die habe ich gewiß nicht,« antwortete ihm William, »waren doch mein Vater und Großvater eben so gut Schiffscapitaine, als, wie ich glaube, der Herr es sind.«

»So? Dein Vater und Großvater waren Seeleute?« fragte Kapitain Hansen überrascht. »Wie hießen sie, mein Jüngelchen?«

»Mein Großvater hieß Elliot und mein Vater Arthur Robinson,« versetzte William, schon etwas dreister.

»Das sind Namen, die zur See guten Klang halten,« nahm Hansen wieder das Wort. »Ich hörte oft von ihnen reden, sowohl in Europa, als in andern Welttheilen, und es freut mich, daß ich die Bekanntschaft des Sohnes und Enkels so braver Leute gemacht habe,« fügte er liebevoll hinzu. »Hoffentlich bist Du, mein Kind, nicht aus der Art geschlagen und wenn dem so sein sollte, würde es eine große Freude für mich sein, erst aus Dir eine tüchtige Theerjacke,[1] dann aber einen Capitain zu machen, wie es Deine Vorfahren waren. Hättest Du wohl Lust, mit mir auf die See zu gehen?«

[1]: In der seemännischen Sprache nennt man so die Matrosen.

William erröthete bei diesem Vorschlag über und über. Es war ihm bis jetzt noch gar nicht eingefallen, daß ein solcher Ausweg ihm übrig bliebe, um seine gute Mutter von der Sorge um ihn zu befreien und so überraschte er ihn um so mehr. Hansen, der sein Erröthen falsch deuten, sagte:

»Wenn Du Dich aber fürchtest, so bleib' lieber zu Hause: ein Seemann muß vor allen Dingen Muth in der Brust haben und sich vor Nichts fürchten.«

»O, ich fürchte mich vor dem Wasser gewiß nicht,« war die Antwort Williams, »und wenn meine gute Mutter nur wollte, wie ich will, so wäre der Handel bald geschlossen.«

»So befrage Deine Mutter,« versetzte der Capitain, »und bringe mir Morgen, zwischen acht und neun Uhr, Deine Antwort. Hier ist meine Adresse,« fügte er hinzu, indem er ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche riß und seinen Namen und seine Wohnung darauf bemerkte. »Du mußt Dich aber schnell entschließen,« fuhr er fort; »mein Schiff liegt segelfertig und ich warte nur noch auf günstigen Wind, um den Hafen zu verlassen. Bringst Du mir Morgen früh bis neun Uhr keine Antwort, so suche ich mir einen andern Jungen, denn ich muß einen haben; Du aber würdest mir der liebste sein, da Du von so wackern Seeleuten abstammst.«

Der Capitain wandte sich jetzt an Meister Brandt, mit dem er von Geschäften zu sprechen hatte, und unser William, dem durch den Vorschlag Hansens eine neue Welt aufgegangen war, eilte mit schnellen Schritten nach seiner Wohnung zurück, um ihn der Mutter mitzutheilen.

Drittes Kapitel.

Als die Mutter ihn so eilig und mit vor Freude glühenden Wangen bei sich anlangen sah, glaubte sie schon, daß Meister Brandt auf den Wunsch Williams eingegangen sei und ihm versprochen habe, ihn schon jetzt zu sich in das Haus zu nehmen. Diese glückliche Täuschung währte aber nur wenige Augenblicke, indem William ihr die abschlägige Antwort des Tischlers, zugleich aber den Vorschlag Hansens, ihn mit auf die See nehmen zu wollen, mittheilte. Die gute Frau wurde todtenbleich vor Schrecken, als William sie dringend bat, ihm ihre Erlaubniß zur Mitreise nicht versagen zu wollen und nach einem kurzen Nachdenken erklärte sie mit Bestimmtheit, daß sie lieber Alles erdulden, als ihr Liebstes dem unsichern Elemente anvertrauen wolle.

»Ich habe,« sagte sie unter Thränen, »kein anderes Gut auf Erden, als Dich und der Gedanke, mich von Dir trennen zu sollen, würde völlig unerträglich für mich sein. Möge daher kommen was da will: ich lasse Dich nicht und will lieber Hunger und Kummer mit Dir ertragen, als getrennt von Dir im Wohlleben schwelgen.«

Vergebens bot William seine ganze kindliche Beredsamkeit auf, sie zu einem andern Entschlusse zu bringen: sie beharrte bei dem einmal gefaßten und befahl ihm, sofort zu dem Capitain Hansen zu gehen, um diesem zu sagen, daß er nicht auf ihn rechnen und sich sobald als möglich einen andern Kajütenwächter suchen möge.

Mit schwerem Herzen und zum ersten Male mit innerm Widerstreben gehorchte William ihr. Nicht mit schnellen Schritten sondern langsam und niedergedrückt, wanderte er den Vorsetzen zu, wo sich die Wohnung des Capitains befand. Er traf diesen nicht zu Hause an, wohl aber seine Frau, die ihm sagte, daß ihr Mann so eben an Bord gegangen sei, weil der Wind sich gedreht habe.

»Da es möglich ist,« fügte die Frau Capitainin hinzu, »daß mein Mann noch heute absegelt, lasse ich mich sogleich an das Schiff fahren, um Abschied von ihm zu nehmen, und wenn Du willst, kannst Du mit mir gehen, um selbst Deine Bestellung an ihn auszurichten.«

William, der noch nie, so weit seine Erinnerung reichte, auf einem großen Schiffe gewesen war, nahm diesen Vorschlag mit Freuden an und ehe noch eine halbe Stunde vergangen war, befanden Beide sich am Bord der Hoffnung, wie das große, prächtige vom Kapitain Hansen befehligte Kauffarteischiff hieß.

Als der Capitain ihn mit seiner Frau an Bord kommen sah, lächelte er ihm freundlich zu und sagte:

»Nun, ich sehe, Du bist von ächtem Schrot und Korn und zauderst nicht, Dein Glück auf dem schönen Elemente zu versuchen. Es ist mir sehr lieb, daß Du da bist; der Wind ist so günstig als möglich und in einer Stunde geht es vorwärts. Es würde mich, da ich fest auf Dich gerechnet, in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn Du nicht gekommen wärest.«

»Ach, lieber Herr Capitain,« versetzte William mit unsicherer, fast von Thränen erstickter Stimme, »ich bin nicht hier, um mit Ihnen in See zu gehen, sondern um Ihnen zu sagen, daß meine Mutter mir mit Bestimmtheit die Erlaubniß verweigert hat, ein Seemann zu werden.«

»Ei, da mußt Du, sofern Du wirklich Neigung zum Seeleben hast, es ihr über den Kopf nehmen,« antwortete ihm Hansen. »Die Mütter sind gar zaghafte, ängstliche Geschöpfe,« fügte er hinzu. »Mit der meinigen ging es mir nicht besser; die hätte weit lieber einen Federfuchser aus mir gemacht, als einen Seemann; ich aber schlug ihr ein Schnippchen und ehe sie es sich versah, schwamm ich auf dem Meere. Als ich einmal fort war, mußte sie sich schon trösten und beruhigen, und das wird auch die Deinige thun, wenn die Sache einmal nicht mehr zu ändern ist. Nicht wahr, Du bleibst bei mir?« schloß er seine Rede, indem er William die Hand reichte.

»Ach, dürfte ich das doch, ohne eine Sünde zu begehen,« sagte der arme Knabe, dem die hellen Thränen über die Wangen flossen, »aber der liebe Gott würde es mir, denke ich, nie vergeben, wenn ich meine gute, liebevolle Mutter durch solchen Ungehorsam betrübte; es könnte überdieß ihr Tod sein, wenn sie nicht wüßte, wo ich geblieben wäre.«

»Dafür dürfte leicht Rath geschafft werden,« versetzte der Capitain. »Meine Frau kehrt an's Land zurück und die könnte Deiner Mutter schon Bescheid sagen. Wo wohnt sie?«

William nannte ihm die Gasse und die Hausnummer, bestand aber trotz dem darauf, daß er mit der Frau Capitainin an's Land zurückkehren wolle.

»Du kannst Dir das noch ein Weilchen überlegen,« sagte Hansen nach einem kurzen Nachdenken: »das Schiff segelt noch nicht ab und Du wirst noch immer vor Dunkelwerden an's Land kommen können. Komm mit in die Kajüte und verzehre ein Waizenbrod mit mir; dabei kannst Du überlegen, was Du zu thun hast.«

William, der wirklich mit sich selbst kämpfte, folgte dieser Einladung und Capitain Hansen bewirthete seinen jungen Gast auf das Beste. Er bot ihm auch ein Gläschen Cognac an, das William, der nie dergleichen gekostet hatte, aber verschmähte. Hansen ließ darauf eine Flasche süßen Weins, Mallaga, bringen und drang William ein Gläschen davon auf; es mundete ihm, da der Wein sehr süß und angenehm war. Er kannte die Gefahr eines so feurigen Getränkes nicht und trank in aller Unschuld, schon halb von dem ersten Glase berauscht, ein zweites, vielleicht gar ein drittes; denn schon wußte der arme Knabe nicht mehr, was er that, und bevor noch ein Viertelstündchen vergangen war, lag er in einem so tiefen Schlafe auf dem Sopha in der Kajüte des Capitains, daß die Welt hätte untergehen können, ohne daß er es bemerkt haben würde.

»Du willst ihn also mit Gewalt und wider seinen Willen mitnehmen?« fragte die Frau des Capitains, einen mitleidigen Blick auf den armen Schlafenden wendend, ihren Mann.

»Gewiß will ich das,« versetzte Hansen mit einem häßlichen Lachen; »kam er mir doch eben recht und ist mir völlig unentbehrlich. Du weißt, welche Mühe ich mir gegeben habe, einen Schiffsjungen zu erhalten, nachdem der frühere, aus Amerika mitgebrachte, mir hier entlaufen ist, und jetzt sollte ich die gute Gelegenheit unbenutzt lassen, mir das durchaus nothwendige Subjekt zu verschaffen?«

»Was wird aber die Mutter des armen Knaben sagen? wie wird sie sich ängstigen und grämen!« wandte die gute Frau ein. »Ich glaube, daß ich vor Angst stürbe, wenn mir das begegnete,« fügte sie hinzu; »Du solltest ihn wecken und mit mir an's Land gehen lassen!«

»Daß ich ein Narr wäre!« rief Hansen unwillig. »Wollte man auf Weibergeschwätz hören und auf Weiberthränen sehen, so würde man zu Nichts in der Welt kommen. Laß mich mit Deinen Vorstellungen in Ruhe und kehre Du in Gottesnamen allein an das Land zurück. In einer Stunde sind wir aus dem Hafen und, wenn der Wind so bleibt wie er jetzt ist, schon über Nacht in See. In dieser Jahreszeit hat man keine Stunde zu verlieren; der Dezember ist nahe und wenn ich mich nicht spute, friert mir die Hoffnung gar noch hier ein.«

Die Frau, welche ihren Mann genau kannte und recht gut wußte, daß man durch Vorstellungen nichts über seinen starren, bösen Sinn gewann, wandte ihr Auge seufzend von dem armen Schläfer ab und schickte sich an, das Schiff ohne ihn zu verlassen, was sie that, nachdem sie einen kurzen Abschied von ihrem Manne genommen hatte.

Die Sache war die, daß Capitain Hansen in dem Rufe eines bösen Mannes und argen Tyrannen stand, weßhalb es ihm allemal schwer fiel, sein Schiff zu bemannen, am allerschwersten aber, einen Kajütenwächter zu finden, weil diese armen Unglücklichen, in seiner unmittelbaren Nähe lebend, es schlimmer als die wirklichen Matrosen hatten, die, da sie bereits Männer waren, ihm bei vorkommenden Gelegenheiten die Stirn boten.

Sobald er den armen William bei dem Tischlermeister erblickte, fuhr der Gedanke ihm durch den Kopf: das könnte wohl ein Schiffsjunge für dich sein, und er nahm die Miene großer Freundlichkeit gegen den armen Getäuschten an, um ihn desto sicherer ins Netz zu locken. Es war auch nicht an dem, daß er von dem Vater und Großvater William's etwas gehört hatte; da es ihm aber auf eine Lüge mehr oder minder nicht ankam, brachte er auch die vor, daß ihm der Name und Ruf derselben bekannt sei.

Trotz dem wäre ihm sein Vorhaben mißlungen und er hätte ohne Kajütenwächter absegeln müssen, wenn der Zufall den armen William nicht an Bord und in die Gewalt des bösen Mannes geführt hätte; so wie der Knabe aber das Verdeck betreten hatte, gelobte Hansen es sich, daß er nicht wieder von Bord solle, und wir haben gesehen, durch welches abscheuliche Mittel er seinen bösen Willen durchzusetzen wußte.

Während nun William im tiefsten Schlafe in der Kajüte des Capitains lag und die Hoffnung alle ihre Segel entfaltete, um den Hafen noch vor Anbruch der Nacht zu verlassen, stand Frau Robinson eine unbeschreibliche Angst um ihr armes Kind aus. Es dämmerte bereits und noch immer war William nicht wieder da. Der Weg bis zu den Vorsetzen, wo, wie sie wußte, Capitain Hansen seine Wohnung hatte, war zwar weit; aber trotz dem hätte der Knabe, wenn ihm kein Unfall zugestoßen, doch schon längst zurück sein müssen. Endlich wurde es völlig dunkel und das Geräusch in den Gassen nahm bereits ab; mit jeder dahinschwindenden Minute vermehrte sich die Angst der armen Frau und diese nahm endlich so sehr überhand, daß sie ihren Keller zuschloß und sich auf den Weg nach den Vorsetzen machte, wo sie sich nach der Wohnung des Capitains Hansen erkundigen wollte.

Obgleich sie so schnell ging, als es ihre Kräfte nur irgend erlaubten, war es ihr doch, als ob sie nicht von der Stelle käme. Endlich hatte sie die Vorsetzen erreicht und nach langem Fragen auch die gesuchte Wohnung gefunden. Bevor sie diese betrat, mußte sie erst einige Augenblicke an der Thüre stehen bleiben, um Athem und Muth zu schöpfen; denn was sollte wohl aus ihr werden, wenn man ihr auch hier keine Nachricht über ihren William ertheilen könnte?

Nach einigen Minuten der Erholung drückte sie den Thürklopfer nieder und trat in das Haus. Es war völlig dunkel auf der Flur und es herrschte eine Stille in der Wohnung, als wäre sie gänzlich unbewohnt. Erst als sie mehrere Male und mit immer lauterer Stimme »guten Abend!« gerufen hatte, öffnete sich im Hintergrunde der Flur eine Thür und eine noch ziemlich junge Frau trat, mit einem Lichte in der Hand, aus derselben ihr entgegen.

»Bin ich hier recht?« fragte Frau Robinson mit vor Angst und Beklemmung bebender Stimme; »ich suche den Herrn Schiffskapitain Hansen?«

»Wenn Sie den zu sprechen wünschen,« antwortete ihr die Frau, »so kommen Sie leider zu spät: mein Mann ist bereits seit einigen Stunden abgesegelt.«

»So habe ich die Ehre, seine Frau zu sprechen,« fragte die arme Mutter.

»Ihnen zu dienen,« war die Antwort; »aber treten Sie gütigst zu mir ein,« fügte die Capitainsfrau hinzu, indem sie die Stubenthür öffnete.

»Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, liebe Madame,« nahm Frau Robinson wieder das Wort; »einer armen Mutter, die schier vor Angst vergeht, werden Sie gewiß einige Nachsicht schenken. Ich suche meinen Sohn, den ich mit einem Auftrage an Ihren Mann schickte, und der, ganz wider seine Gewohnheit, nicht wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Mein Name ist Robinson; vielleicht hörten sie ihn von Ihrem Manne nennen, der so gütig sein wollte, meinen William mit sich zu nehmen, was ich aber nicht zugeben konnte.«

»Ach! Sie sind die Mutter des jungen Menschen?« antwortete ihr die Capitainin nicht ohne Verlegenheit. »Es freut mich,« fuhr sie nach einigem Zögern fort, denn ihr fiel die Lüge eben so schwer, als sie ihrem Manne leicht fiel, »es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß er sich in seiner neuen Lage ganz wohl befindet und wahrscheinlich vollkommen glücklich fühlt, da er seinen Beruf mit großer Liebe ergriffen hat.«

»Von welchem Berufe reden Sie, Madame?« fragte Frau Robinson erbleichend; »sollte mein William, der bisher der zärtlichste, gehorsamste und beste Sohn war, wider meinen ausdrücklichen Willen gehandelt und sich bei Ihrem Manne als Kajütenwächter verdungen haben?«

»Ich weiß nichts davon, ob es mit oder gegen Ihren Willen geschah,« versetzte die Gefragte sichtbar verlegen; »nur so viel kann ich Ihnen sagen, daß ihr Sohn mit meinem Manne gegangen ist und jetzt wahrscheinlich schon mehrere Meilen von hier auf der Elbe schwimmt.«

Wie ein Donnerschlag traf diese Nachricht die arme Mutter: sie gab in diesem Augenblick ihr geliebtes Kind, ihr einziges Gut auf Erden, nicht nur leiblich, sondern auch moralisch verloren; denn was durfte sie noch von einem Sohne erwarten, der so lieblos gegen sie gehandelt, sie so getäuscht hatte?

Ihr wurde dunkel vor den Augen; die Knie wankten unter ihr und sie wäre, von einer Ohnmacht befangen, zu Boden gesunken, wenn die Frau Hansen ihren Zustand nicht bemerkt hätte und ihr zur Hülfe gekommen wäre. Sie eilte auf die Schwankende zu, unterstützte sie mit ihren Armen und führte sie zum Sopha, wo sie dem Anscheine nach ohne Leben niedersank.

Die Frau Hansen war im ersten Augenblick so erschrocken, daß sie nicht wußte, was sie thun, was beginnen solle. Dann lief sie zur Klingel und zog diese mit Heftigkeit an, um ihre Magd herbei zu rufen, die sie, so wie sie eingetreten war, zum nächsten Arzt schickte. So wie dieser den Zustand der Frau Robinson untersucht hatte, erklärte er, daß die Krankheit nicht viel zu bedeuten habe und gab ihr einige starke Sachen zu riechen, um sie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Unter diesen Bemühungen kam die Leidende bald wieder zu sich und ihr Gefühl machte sich in einem Strome von Thränen Luft.

Frau Hansen weihte ihr die innigste Theilnahme, und hatte sie vorher schon in ihrem Herzen die Handlungsweise ihres Mannes getadelt, so that sie es jetzt, wo sie die arme Mutter einer so großen Betrübniß hingegeben sah, doppelt; aber sie hatte trotz dem nicht den tugendhaften Muth, ihr die Wahrheit zu sagen, obgleich sie ihren Kummer dadurch um die Hälfte hätte vermindern können; denn immer und immer wieder rief Frau Robinson mit schmerzlich bewegter Stimme:

»Das konnte mir ein Kind thun, welches ich mit so vieler Liebe groß gemacht habe? Auf solche Weise konnte mein William mich hintergehen, er, den ich für die Redlichkeit und Aufrichtigkeit selbst hielt?«

Weniger betrübte sie die Trennung von dem geliebten Sohne, als der Flecken, der scheinbar durch dieselbe auf sein Gemüth und seinen Charakter fiel: und durch ein einziges Wort hätte Frau Hansen sie hierüber beruhigen können. Mußte sie aber nicht die schändliche Handlungsweise ihres Gatten zugleich mit enthüllen? Dieser Gedanke verschloß ihr die Lippe und sie ließ die Mutter mit der ganzen Last ihres Kummers von hinnen gehen. Dies war ein großes, unverzeihliches Unrecht von der sonst so guten und gefühlvollen Frau.

Viertes Kapitel.

Indeß schwamm die Hoffnung, von einem frischen Ostwinde getrieben, majestätisch mit geblähten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm völlig ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend eigenthümlich ist, und mußte am Morgen stets von der guten Mutter mehrere Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versäumen. Das Geräusch auf dem Verdecke störte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt geworden war, bei einem solchen zu schlafen.

Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerückten Jahreszeit, die liebe Sonne am östlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich über Erde, rieb sich die Augen, fühlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte, wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstände waren ihm völlig unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er zu träumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.

»Nun, Jüngelchen,« sagte dieser lachend, »das nenne ich geschlafen!«

»Wo bin ich denn?« fragte William, indem er sich die Augen rieb.

»Wo Du bist?« fragte der Capitain gleichfalls. »Weißt Du denn nicht mehr, daß Du Dich an Bord der Hoffnung und schon mitten im Meere befindest?«

Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom Schlafe geröthetes Gesicht wurde todtenbleich.

»So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?« rief er mit dem Tone des höchsten Entsetzens aus. »Großer Gott! was soll jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglücklichen Mutter werden? und wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grämen? Setzt mich, Herr Capitain, ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als möglich an's Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fuße nach Hamburg zurücklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn es wäre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich und meinen vermeinten Ungehorsam stürbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so kranken Augen blind weinte.«

»Närrchen,« versetzte der Capitain, dessen böses Herz sich an der Angst des armen Knaben ergötzte, »Närrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern wir, und Du mußt Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir erkundigen und von der hören, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehörig zu erfüllen, und mir keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst würde es Dir nicht gut ergehen.«

Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bösen Mann, ihn ans Land setzen zu lassen, da er nicht wußte, daß dies unter den gegenwärtigen Umständen völlig unmöglich sei; und wäre es auch möglich gewesen, so würde Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heißen Thränen that.

Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglück den theilnehmenden Nachbarn klagte, ein großer Trost. Auf dem Wege zu dem Capitain war William nämlich einem seiner Schulgefährten, der gleichfalls in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzählt, daß er zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, daß diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte er gegen den Schulfreund geäußert: »Er würde um keinen Preis wider den Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das würde eine große Sünde sein.«

Diese Mittheilung beruhigte die gute Frau Robinson in Etwas und sie dachte sich ungefähr den Zusammenhang der Sache. Eine große Last war ihr vom Herzen genommen, als sie sich sagen mußte, daß ihr William an den ihr bereiteten Schmerzen gewiß unschuldig sei; ihn schuldig, ungehorsam und lieblos zu wissen, das war es, was sie so sehr zu Boden gedrückt hatte. Ihre Thränen flossen also sanfter, und wie immer legte sie voll Vertrauen ihr eigenes und das Geschick ihres theuren Kindes in die Hände ihres himmlischen Vaters.

Der Wind blieb indeß günstig; er hatte sich gedreht, als man die Elbe verließ und wehte jetzt so, daß man gar bald die hohe See und schon nach einigen Tagen den Kanal erreichte. Man nennt die Meerenge zwischen Frankreich und England so, wie diejenigen unter Euch Geliebten schon wissen werden, die sich bereits etwas mit der eben so angenehmen als nützlichen Wissenschaft der Erdbeschreibung oder Geographie vertraut gemacht haben. Die Passage durch den Kanal, den die Franzosen La Manche nennen, wird von den Seeleuten für eine gefährliche gehalten, der vielen Klippen und Felsenriffe wegen, die an beiden Küsten, sowohl an der französischen als an der englischen angetroffen werden. Indeß mußte man es dem Capitain Hansen zum Ruhme nachsagen, daß er, wenn auch kein guter, gefühlvoller Mensch, doch ein tüchtiger Seemann war, und da Wind und Wetter günstig blieben, hatte man bald den gefährlichen Kanal hinter sich und steuerte in den großen atlantischen Ocean hinein, der seine ungeheuren Wasserflächen zwischen den beiden Welttheilen Europa und Amerika ausbreitet. Den großen Weltmeeren, deren man in der Geographie fünfe zählt, gibt man aber den Namen Ocean.

Ich bitte diejenigen unter Euch, die durch diesen »neuen Robinson« nicht blos unterhalten, sondern zugleich auch belehrt sein wollen, und deren werden hoffentlich recht viele sein, eine Weltcharte oder ein Planiglobium zur Hand zu nehmen und unserm jungen Reisenden auf derselben zu folgen. Es ist eine schöne Fähigkeit, stets das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, und ich ermahne Euch, sie zeitig zu üben. Ihr werdet dadurch nach und nach eine Menge Kenntnisse erlangen, die Euch sonst vielleicht fremd blieben. Jetzt aber zurück zu unserm Robinson, der seinen, in England häufig vorkommenden Namen nicht vergebens führte, da das Schicksal ihn dazu ausersehen hatte, ähnliche Begebenheiten zu erleben, wie der, den Vater Campe, zum Ergötzen so vieler Kinder, in seinem vielgelesenen Buche geschildert hat.

Unser William Robinson war also auf dem hohen Meere und fing bereits an, sich mit seinem Schicksale auszusöhnen, da er einsehen gelernt hatte, daß es ein unabänderliches sei. Zwar war Capitain Hansen ein strenger, ja sogar böser und ungerechter Gebieter, der seine schlimme Laune stets an seiner Umgebung ausließ; allein William hatte es doch besser bei ihm, als die frühern Schiffsjungen, weil er sanft, geduldig und stets aufmerksam gegen seinen Herrn, stets freundlich und dienstfertig gegen seine Mitmannschaft war. Hatte der Capitain einmal seine böse Laune – und diese trat allemal ein, wenn Wind und Wetter der Fahrt nicht günstig waren, weßhalb die Matrosen ihn unter sich immer nur die Wetterfahne nannten – so ging William ihm klug aus dem Wege und verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen ihn. Er trat dann so leise auf, daß man ihn kaum hören konnte, und sah immer nach den Augen des See-Tyrannen, um jeden leisen Wunsch desselben zu errathen, bevor er noch nöthig hatte, ihn auszusprechen. Sein von Natur gutes Gedächtniß und die große Geschicklichkeit, welche er sich bei allen Handhabungen durch frühzeitige Uebung erworben hatte, kamen ihm jetzt sehr zu statten. Er führte pünktlich die ihm ertheilten Befehle aus, ließ weder Teller, Tassen noch Gläser fallen, wie andere plumpe Schiffsjungen es häufig gethan hatten, und hielt die Kajüte des Capitains so rein und ordentlich, daß auch nicht ein Stäubchen darin zu entdecken war. Er dachte, so lange sein Dienst dauerte, nicht an andere Dinge, sondern nur an seine Pflichten und Obliegenheiten. Abends aber, wenn er sein hartes Lager aufsuchen und die ermüdeten Glieder darauf ausstrecken durfte, dann gedachte er der jetzt so fernen Heimath, der geliebten Mutter und ihrer Zärtlichkeit für ihn, und manche Thräne floß aus seinen Augen und benetzte sein hartes Kopfkissen von Seegras.

Es konnte nicht fehlen, daß ein Charakter, wie der unsers William, nicht eine gewisse Gewalt auf das rohe, unfreundliche Gemüth des Capitains ausüben mußte. Ohne daß dieser selbst einmal eine Ahnung davon hatte, liebte er den stillen, freundlichen und behenden Knaben, und weil er ihn liebte, ging er besser mit ihm um, als mit irgend einem Andern der Mannschaft; Alle aber gönnten William diesen Vorzug von Herzen, weil er gegen Jeden gut und gefällig war, auch nie die Vorliebe des Capitains dazu mißbrauchte, die übrigen Matrosen bei ihm zu verklagen oder ihm von diesen begangene kleinere oder größere Versehen mitzutheilen.

Die Neigung, welche Capitain Hansen nach und nach für William faßte, gab sich nicht blos dadurch kund, daß er ihm von Zeit zu Zeit von den bessern Speißen, die auf seine Tafel kamen, etwas mittheilte, sondern auch dadurch, daß er in vielen andern Dingen für ihn sorgte. So war unser neuer Robinson durch seine Kleidung nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. War er doch wie er ging und stand nur mit den Kleidern, die er anhatte, zur See gegangen und hatte nicht einmal ein zweites Hemd zum Wechseln mitnehmen können. Man kann sich vorstellen, wie schrecklich eine solche Entbehrung für den an strenge Reinlichkeit gewöhnten William sein mußte, und seine Noth wurde noch größer, als er sein schmutziges Hemd nicht mehr unter der Jacke verbergen konnte, an der bald alle Knopflöcher ausgerissen waren, weil er sie täglich und bei der schwersten Arbeit auf dem Leibe hatte. Er sah auch bald einem schmutzigen, zerlumpten Bettler so ähnlich, wie ein Ei dem andern; nur Gesicht und Hände konnte er rein halten und das that er.

Endlich bemerkte der Capitain seinen üblen Zustand und sagte:

»Du siehst ja aber verteufelt zerlumpt aus! Hast Du denn nichts Anderes anzuziehen?«

»Ach nein!« versetzte der arme Knabe, und dabei schossen ihm die hellen Thränen über die Wangen.

Der Capitain, welcher nicht leiden konnte, daß Jemand weinte, wollte schon auffahren, als er sich plötzlich besann und sagte:

»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,« fügte er freundlicher hinzu, »dem soll abgeholfen werden und zwar gleich. Für's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und Franz, der, wie ich gehört habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen ist, um ein Seemann zu werden, – woran er nach meinem Bedünken sehr gut that – Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern Anzug machen, damit Du nicht länger wie eine Vogelscheuche unter uns umher gehst.«

Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so über eine neue Kleidung gefreut, als über diese; er kam sich so verändert darin vor, daß er sich einige Augenblicke mit Wohlgefallen in dem sonst sorgfältig mit den Blicken vermiedenen Spiegel betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er konnte es nicht genug befühlen und betrachten. So lernen wir erst durch die Erfahrung den hohen Werth mancher Güter kennen, die wir, eben weil sie uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie dürften uns nicht fehlen, nicht gehörig zu schätzen wußten und sie ohne Dank gegen Gott und Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafür zu danken, daß sie stets für seine Kleidung und Wäsche eine so große Sorgfalt gehabt hatte; jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafür und Thränen der Rührung traten ihm dabei in die Augen.

Fünftes Kapitel.

Um von Europa nach Asien zu kommen, muß man den ganzen atlantischen Ocean durchschiffen und dann von diesem, indem man um das äußerste südliche Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den großen indischen Ocean übergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem Vorgebirge der guten Hoffnung, mußte man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen, weil die Vorräthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen wollten.

Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grünes Blatt gesehen, keinen Vogelgesang gehört, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie ein junges Füllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt, zuerst die grüne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte laut auf vor Freude, als er den ersten, grünen Baum wieder erblickte. Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, überraschenden Anblick dar, denn es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprüngen auf den herrlichen Baum zu und umfaßte den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thränen über die Wangen; sie flossen diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzücken.

Nachdem sich dieses einigermaßen gelegt hatte, sah er sich weiter um und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bäumen, deren Kronen ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien, waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den lieblichen, fast betäubenden Duft der schneeweißen Blüten auf die Vermuthung gebracht, daß er Orangenbäume vor sich habe. Als er näher kam, sah er an den goldgelben Früchten, womit diese Bäume bedeckt waren, daß er sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit Blüten und reifen und halbreifen duftigen Früchten bedeckt, sondern sie lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen, wenn der Sturm die Fruchtbäume im Herbste geschüttelt hat. Viele davon waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner darum zu bekümmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar großen Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen Früchte zu löschen; da ihm aber seine Mutter die größeste Ehrfurcht vor dem Eigenthume Anderer eingeflößt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bücken und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich die Taschen und Mützen mit Orangen füllten, ihm sagten: daß es hier Jedem erlaubt sei, so viele Früchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild wächsen und Allen gleichsam zugehörten. Sie konnten das wissen, da sie schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und hier eben so gut Bescheid wußten, wie in ihrer Heimath. Er ließ sich das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen Früchten.

»Komm nur weiter mit uns,« sagte jetzt Jakob, ein bereits ziemlich alter Matrose, dessen stark gebräuntes Gesicht verrieth, daß er schon lange zur See gefahren; »komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als diese süßen Orangen. In dieser Gegend wächst eine Rebe, deren Früchte nicht Ihresgleichen in der ganzen übrigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, Constanzia genannt und so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind das Köstlichste, was der Mensch nur genießen kann.«

»Gehört denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm Trauben pflücken, ohne Jemanden nahe zu treten?« fragte William, als man bei demselben angelangt war.

»Das nun wohl nicht,« versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; »vielmehr würde der Besitzer, ein Holländer, es sehr übel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, daß wir von seinen Trauben nähmen, aus denen er einen so großen Gewinn zu ziehen versteht; wer aber würde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu erhaschen gibt?« fügte er hinzu.

»Ich werde mich wohl daran kehren,« versetzte William; »fern sei es von mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.«

»Thue das, mein Sohn!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen, die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die Andern, welche sich schuldig fühlten – sie hatten ja stehlen wollen – ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen völlig rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gespräch belauscht hatte, furchtlos an.

»Ich habe Alles gehört, mein Sohn,« sagte der Besitzer des Weinbergs – denn er war es selbst – »und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundsätzen und es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich für Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen gehaltene Pforte meines Weinbergs öffne und Dich in denselben führe, damit Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sättigest; denn für einen so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon übrig. Den andern aber würde es schlecht bekommen sein, wenn sie, über den Zaun steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wären. Ich muß auf solche ungeladene Gäste gefaßt sein, da Jeder, der hier landet, von meinen weitberühmten Trauben naschen will, und würde wohl schwerlich eine einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehörige Vorsicht angewendet hätte. Zu dem Ende ließ ich mir Fußangeln aus Europa herüberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg. Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die häßlichen Näscher in meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr Unglück gehen.«

Als er diese Worte geendet hatte, öffnete er mit einem schweren Schlüssel, den er bei sich trug, die große und hohe eiserne Pforte und lud unsern William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzählte, die seltsam genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande, auf einem großen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber daselbst zurückgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an, weßhalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand. Durch Fleiß und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges Vermögen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht kannte, für eine geringe Summe an, kultivirte die üppig wachsenden Reben desselben, grub und düngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehörig und sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen Manne machte.

Dieses Alles erzählte der freundliche Greis unserm William, während dieser sich, auf seine Einladung, an Trauben sättigte, von deren Köstlichkeit und Würze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu essen vermochte, füllte er ihm Mütze, Taschen und sein Sacktuch auch noch mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen zu gehen, und entließ ihn endlich mit seinem Segen.

Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis erinnerte er sich desselben mit großer Freude, indem er zugleich behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so großer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.

Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen zurückkehrte, erzählte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die ihm mitgegebenen Trauben an sie.

»Wetter!« rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Holländer gelegten Fußangeln erzählte. »Da hätten wir schön ankommen und uns vielleicht für unsere ganze Lebenszeit unglücklich machen können; denn mit den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufällig darauf tritt, wird leicht zum Krüppel, weil sie tief in den Fuß eindringen und oft unheilbare Wunden zurücklassen.«

Man hatte wirklich Gott für die Abwendung einer so großen Gefahr zu danken; unser William ging für die Mittheilung seiner auf rechtlichem Wege erworbenen Trauben auch nicht leer an Dank aus und Alle waren höchlichst zufrieden.

Es war bereits ziemlich spät, als man von diesem, mit Erlaubniß des Capitains unternommenen Ausfluge zurückkehrte und Capitain Hansen donnerte und fluchte schon über das allzulange Ausbleiben. Er besänftigte sich indessen, als er William, den er schon gar nicht mehr entbehren konnte, mit zurückkehren sah. Er hatte sich nämlich selbst Vorwürfe darüber gemacht, daß er diesem erlaubt hatte, mit den Andern ans Land zu gehen, da er fürchten mußte, daß der auf so hinterlistige Weise Angeworbene ihm entfliehen und Schutz bei der Behörde gegen ihn suchen würde; er war daher herzlich froh, als er ihn wiederkommen sah. An dergleichen dachte aber Williams redliche, arglose Seele nicht einmal; auch hatte er sich jetzt bereits an das Seeleben gewöhnt, um so mehr, da Capitain Hansen ihn wider seine sonstige Gewohnheit ziemlich gut behandelte.

Für einen jungen, strebsamen Menschen, der sich gern in der Welt umsieht und auf Alles merkt, muß eine Reise in so entfernte Gegenden auch immer einen großen Reiz haben. Jeden Tag, ja jede Stunde, gab es da etwas Neues und die Quelle der Belehrung versiegte keinen Augenblick. Bald war es ein Delphin, der neben dem Schiffe herschwamm, bald ein fliegender Fisch, der sich in seinem silbernen Schuppenkleide aus der grünen Tiefe emporschnellte; bald ein gräulicher Hayfisch, der seinen gestachelten Rachen weit öffnete, um seine Beute zu erhaschen, der seine Aufmerksamkeit und Wißbegierde auf sich zog. Bald sah man in großer Entfernung graue, gezackte Nebelwölkchen am Horizonte aufsteigen und die erfahrenen Seeleute erklärten ihm, daß es die Berge der entfernten Küste wären, die er erblickte, bald ließ sich ein Wandervogel, ermüdet von der weiten Reise über das unendliche Meer, auf die Spitze des Mastes nieder, um auszuruhen und wurde mit lautem Jubel von der Mannschaft begrüßt; bald warf man, bei Windstille, Netze und Angelhacken aus, um die Bewohner der kühlen Tiefe zum leckern Mahle zu fangen; bald schwammen die Trümmer gescheiterter Schiffe an ihnen vorüber und gaben reichlichen Stoff zu Erzählungen von Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See; bald endlich theilte der alte Jakob, der ein lebendiges Magazin von Sagen und Mährchen war, der aufmerksamen ihm zuhörenden Mannschaft die allerschönsten Sagen mit; kurz, es fehlte weder an Unterhaltung, noch an Abwechslung an Bord, und so gefiel sich endlich unser William gar sehr in seinen neuen Verhältnissen; ja, hätte der Gedanke an den großen Kummer, den seine gute Mutter erdulden würde, seine Heiterkeit nicht oft getrübt, so würde er sich vielleicht vollkommen glücklich gefühlt haben.

Sechstes Kapitel.

Nach dem ersten glücklich abgelaufenen Versuche, den der Capitain mit unserm William gemacht hatte, stand er nicht an, diesem ebensowohl als der übrigen Mannschaft die Erlaubniß zu ertheilen, die sogenannte Capstadt zu besuchen. Hier bekam unser junger Freund viel Merkwürdiges zu sehen, unter andern sah er dort auch die Hottentotten, wie die Holländer diese, an der Südspitze Afrika's lebende Nation nennen, die sich selbst Quanquis nennt. Die gelbbraune Farbe derselben, ihr der Wolle ähnliches, schwarzes Haar, ihre großen Mäuler und eingedrückten Nasen, mehr aber noch ihre höchst seltsame Sprache, die mehr einem Schnalzen, denn einer menschlichen Sprache glich, waren für unsern Neuling so auffallende Dinge, daß er sich nicht satt daran sehen konnte und oft vor Verwunderung außer sich war. Von ihrem Schmutze, der selbst den der Grönländer noch übersteigt, von ihren höchst seltsamen Sitten und Gebräuchen, wußte man ihm viel zu erzählen und er hörte dem Erzähler mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Dieses Volk ist übrigens gutmüthig und friedlich, mit Ausnahme eines Stammes, den man die Buschmänner nennt, weil sie in einer waldigen Gegend wohnen. Diese sind tückisch, räuberisch und oft sogar grausam; sie machen auf die europäischen Ansiedler oder Colonisten förmlich Jagd, wie wir auf wilde Thiere, und wehe dem, der in ihre Hände fällt!

Sie treiben durchaus keinen Ackerbau, sondern leben fast nur von der Jagd und dem Raube; sie berauben aber nicht blos die Europäer, die sie mit Recht als ihre Feinde ansehen, sondern die ihnen verwandten Stämme der Hottentotten und Kaffern, wie eine andere, gleichfalls in der Nähe der Südspitze von Afrika wohnende Nation heißt. Wie die Thiere, denken die Buschmänner nicht an den folgenden Tag, sorgen auch niemals für die Vermehrung ihres Viehstandes. So wie sie ein Stück Vieh geraubt und in Sicherheit gebracht haben, schlachten sie es und verzehren es, größtentheils roh, auf der Stelle; sie haben so wenig Eckel, daß sie selbst die Eingeweide zur Nahrung nicht einmal verschmähen. Haben sie sich recht satt gegessen, so legen sie sich hin und schlafen, bis der Hunger sie wieder weckt und zu neuen Raubzügen anspornt. Können sie nichts erhaschen und quält der Hunger sie allzusehr, so schnallen sie sich mit breiten Lederstreifen den Magen und Unterleib ein und sollen dann sehr lange hungern können.

Sie sind überaus wild, grausam und rachsüchtig und vergiften die Spitzen ihrer Pfeile mit dem Safte von nur ihnen bekannten giftigen Pflanzen, so daß jede Wunde, die sie damit beibringen, sogleich tödtlich wird.

Dieser Buschmänner werden aber immer weniger, da die Colonisten genöthigt sind, Militär gegen sie auszusenden und gegen sie eine Art von Vertilgungskrieg zu führen. Wie schrecklich! daß Mensch gegen Mensch auf diese Weise verfährt.

Von allen diesen, für unsern William fast unglaublichen Dingen hörte er in der Capstadt erzählen und konnte nicht satt werden, sich davon erzählen zu lassen. Ja, er trug sogar kein geringes, wenn gleich mit Furcht gemischtes Verlangen, einmal einen Buschmann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was ihm freilich wohl sehr übel bekommen seyn würde.

Endlich hatte Capitain Hansen die nöthigen Vorräthe eingenommen und wartete nur noch auf einen günstigen Wind, um wieder unter Segel und seinem Bestimmungsorte, der, wie schon gesagt, die den Holländern gehörige Insel Java war, entgegen zu gehen.

Dieser mit so großer Sehnsucht erwartete günstige Wind stellte sich endlich ein und die Hoffnung verließ mit geblähten Segeln den Hafen. Bald schwamm das Schiff jetzt im großen indischen Weltmeere und steuerte den sogenannten Sunda-Inseln, wovon Java eine ist, zu; die drei andern zu dieser großen Inselgruppe gehörigen Inseln heißen Borneo, Sumatra und Celebes; außer diesen vier großen Sunda-Inseln gibt es noch eine Menge kleinerer, mit deren Aufzählung ich Euch aber nicht belästigen will.

Die Fruchtbarkeit dieser Inseln ist außerordentlich groß und der Handel derselben beträchtlich. Die edelsten und von den Europäern am meisten gesuchten Produkte wachsen dort und werden durch die Handelsschiffe nach allen bewohnten Theilen der Erde ausgeführt. Aus Java, besonders aus der Hauptstadt Batavia, erhält man Reis, Kaffee, Tabak, etwas Indigo, Baumwolle und Gewürze. Hier, wo so viele treffliche und nützliche Produkte wachsen, findet man aber auch den so vielbesprochenen Giftbaum, den Bohan-Uzas, von dem ich Euch, da Ihr wohl schon oft davon gehört haben werdet, etwas Näheres mittheilen will. Er wächst in waldigen, nicht zu hoch gelegenen Gegenden auf den Sunda- und Philippinischen Inseln, die in der Nähe der erstern liegen, besonders aber auf Java. Er wird an hundert Fuß oder fünfzig Ellen hoch und hat einen geraden Stamm, mit knochenartigen Auswüchsen. Die Blüten sind gelb mit grüner Blütendecke; die Blätter oval-länglich mit feinen Härchen besetzt. Man hat diesem, allerdings überaus giftigen Baum doch weit mehr Böses nachgesagt, als er verdient, wie z. B. daß darüber hinfliegende Vögel, von den Ausdünstungen des Uzas berührt, sogleich todt aus der Luft zur Erde niederfielen und Menschen und andere Säugethiere, die sich in seine Nähe wagten, dasselbe Schicksal erlitten; ja, man nannte ein Thal auf Java, wo ein solcher Bohan-Uzas stand, sogar das Thal des Todes, weil von den giftigen Ausdünstungen desselben sogleich alles Leben ersterben sollte. Dieses alles gehört nicht der Wahrheit, sondern allein der Fabel an. Der Baum ist allerdings sehr giftig; aber die Wilden gewinnen das Gift für ihre tödtlichen Pfeile allein dadurch, daß sie den Stamm des Bohan-Uzas mit einem Messer oder scharfen Steine ritzen, woraus ein milchiger Saft aus der Rinde hervorquillt, der schnell zu einem Gummi-Harze gerinnt. Diesen Saft vermischen die noch wilden Javanensen mit andern giftigen Substanzen und tauchen ihre Pfeilspitzen hinein, worauf jede damit gemachte Wunde auf der Stelle tödtlich wird. Der giftreiche Uzas hat übrigens ein sehr schönes Ansehen und ist ein kräftiger Baum mit einer wohlgewachsenen, herrlichen Krone. Er trägt eine steinigte Frucht. So viel von dem Uzas.

Auf Java, und überhaupt auf den Sunda-Inseln, besonders auf Borneo, findet man auch das dem Menschen so ähnliche Thier, den Urang-Utang, den die Ureinwohner für einen wirklichen Menschen halten, der aus Trägheit weder sprechen noch arbeiten wolle; man nennt den Urang-Utang auch den Waldmenschen. Er geht, wie Euch schon bekannt sein wird, aufrecht und hat oft einen Knittel als Spazierstock oder als Waffe in einer seiner Vorderhände; denn daß die Affen vier Hände haben, werdet Ihr schon wissen. Wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich wacker und soll ein gefährlicher Feind sein, wenn man ihm allein begegnet.

Unser William würde, wenn er nach Java gekommen wäre, dieses Alles und noch viel Merkwürdiges gesehen haben; allein das Schicksal wollte es anders und er sah diese Insel nur aus weiter Ferne, ohne sie je zu erreichen, wie ich Euch nachstehend in dieser wahrhaften Geschichte erzählen werde.

Wind und Wetter blieben zu Anfang der Fahrt vom Cap der guten Hoffnung ins indische Weltmeer hinein durchaus günstig, und wie ein großer Vogel mit seinen weitausgebreiteten Schwingen die blaue Luft durchschneidet, so durchschnitt die mit schönen weißen Segeln bespannte Hoffnung den Ocean. Stolz und herrlich mußte sich das Schiff ausnehmen, indem es so sicher durch die bewegte Wasserfläche hinglitt. Wie lustig flatterten nicht die hochrothen Wimpel, die schöne Flagge mit dem königlichen Wappen im Winde! Wie glänzte und schimmerte Alles am Bord, wo eine wahrhaft musterhafte Reinlichkeit und Ordnung herrschte; denn das mußte man dem Capitain Hansen, trotz seiner sonstigen üblen Eigenschaften, lassen, er war ein ganzer Seemann und hielt in allen Dingen auf die strengste Ordnung; nicht ein einziges Endchen Tau durfte am unrechten Orte umherliegen und die erste Putzdame konnte nicht eifersüchtiger über ihren Staat wachen, als unser Capitain über die Sauberkeit seiner schönen Hoffnung.

Endlich an einem Morgen, als es eben Tag zu werden begann, rief der Matrose, der oben im Mastkorbe saß, mit lauter und freudiger Stimme »Land!« aufs Verdeck hinunter. Der Capitain kam auf diesen Ruf schnell aus der Kajüte hervor und befahl William, der ihm gefolgt war, das prächtige, weitsehende Fernrohr zu bringen, damit er untersuchen könne, ob der sich im Nord-Ost am fernen Rande des Horizontes zeigende, graue Nebelstreif wirklich Land, und, wie er vermuthen durfte, die Küste von Java sei. Er richtete lange das Fernrohr, das er auf Williams Schulter gelegt hatte, auf den grauen Streif; denn die Entfernung war noch so groß, daß man nur mit Mühe unterscheiden konnte, ob man wirklich Land oder nur eine Wolkenschicht vor sich habe. So wie aber die Sonne etwas höher gestiegen war, unterschied er mit dem Fernrohr deutlich die hohen Bergspitzen Java's und sagte jetzt freudig: »Es ist wirklich Land und bald werden wir am Ziele sein.«

Dieser Ausspruch erfreute die Herzen Aller, die ihn hörten. Wenn man so lange auf der See geschwommen und nichts als Himmel über, als Wasser unter sich gehabt hat, dann sehnt man sich endlich doch wohl nach einem festen, grünen Boden unter seinen Füßen, und wenn man so lange nichts als gepöckeltes Fleisch und trockene Hülsenfrüchte, wenn es hoch kömmt, eine Mehlspeise oder Fische gegessen hat, nach frischem Fleische und grünem, saftigem Gemüße.

Es herrschte also über diesen Ausspruch des Capitains große Freude am Bord: wußte man doch, daß man sich auf ihn verlassen konnte, besonders, da es nicht das erste Mal war, daß er diese Reise machte. Eine so glückliche, ungetrübte Fahrt, wie diese, hatte man noch nicht gemacht; so behauptete selbst der älteste Matrose am Bord, der alte Jakob, der von seinem fünfzehnten, bis zu seinem fünfzigsten Jahre fast immer auf der See gewesen war.

Indeß sollte die große Freude der Mannschaft und des Capitains bald getrübt werden. Die bisher so ruhige, gleichsam spiegelglatte See fing an, sich zu kräuseln; es tauchten immer größere Wellen, als ob das Meer unten koche, aus der Tiefe empor; zwar verspürte man auf dem Schiffe noch keinen Wind, vielmehr schwieg dieser gänzlich, als wolle eine Windstille eintreten; allein das Meer braus'te hohl und gab ein Getöse von sich, wie wenn in weiter Ferne der Donner rollt.

Die Mannschaft kannte so etwas und Alles wurde still, als sich diese Boten eines herannahenden Sturmes kund thaten. Je größer die vorhergehende Stille gewesen war, je mehr hatte man von jenem zu fürchten. Ein anderes, Allen wohlbekanntes übles Zeichen waren die über das Schiff hinfliegenden großen Wandervögel, die ein klägliches Geschrei in der Luft erhoben und statt sich zum Ausruhen auf die Masten und Segelstangen nieder zu lassen, im schnellsten Fluge vorüberschossen. Das thaten sie, um wo möglich noch vor dem ausbrechenden Orkane das Festland zu erreichen.

Die See färbte sich immer dunkler; die Wellen wurden mit jeder Stunde größer und begränzten sich mit schneeweißen Rändern von Schaum. Der Capitain verließ das Verdeck nicht und schaute sich mit ernster Miene und ohne ein Wort zu sagen nach allen Seiten um, ob er nicht noch andere Zeichen des nahenden Sturmes entdecke. Endlich erblickte er, gerade in der Richtung, von welcher der Wind herkam, ein kleines dunkles Wölkchen am Himmel, und sich an den Steuermann wendend, sagte er:

»Jetzt kommt es! Aufgepaßt!«

Er ertheilte dann der Mannschaft die nöthigen Befehle, um auf das Kommende bereit zu sein, ließ einen Theil der Segel einziehen und befahl die größeste Vor- und Umsicht.

»Das Wetter wird wahrscheinlich sehr schlimm werden und wir haben uns zu früh über die glückliche Fahrt gefreut,« sagte er mit bedenklicher Miene. »Von Glück werden wir zu sagen haben, wenn wir mit leidlichem Schaden davon kommen. Habt ihr das dunkle Wölkchen da unten,« – er zeigte gen Westen mit der Hand – »wohl gesehen?« wandte er sich an den neben ihm stehenden Untersteuermann; »das bedeutet nichts Gutes und wird schnell genug, Tod und Verderben in seinem Schooße tragend, heraufkommen. Dazu wird es bereits Abend; es darf Keiner diese Nacht zu Bett gehen, denn wenn uns das Unwetter im Schlafe überraschte, könnte das Unheil groß werden. Daher aufgepaßt! sage ich nochmals und keiner verlasse seinen Posten!«

William, der neben dem Capitain stand und jedes seiner Worte vernahm, hatte denn doch ganz seltsame Empfindungen in seiner Brust, als er von Sturm und Unwetter reden hörte und, wie es sehr wahrscheinlich war, sie selbst mitbestehen sollte. Er hatte bereits oft von Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See gehört oder gelesen; das aber erfüllte ihn nur mit einem gewissermaßen angenehmen Grausen und stachelte blos seine Neugierde auf den Ausgang der Sache; jetzt aber, wo er selbst daran und eine mitspielende Person in dem großen Drama sein sollte, war ihm ganz anders zu Muthe und trotz der drückenden Schwüle des Abends rieselte ihm von Zeit zu Zeit ein kalter Schauder durch die Glieder.

Indeß begriff er doch noch nicht, wie das bezeichnete kleine dunkle Wölkchen am fernsten Rande des westlichen Horizontes so verderblich für Schiff und Mannschaft werden könne; war es doch noch so fern und kaum wenig größer, als daß er es mit seinen beiden ausgebreiteten Händen hätte bedecken können. Er wagte es mit einiger Schüchternheit, seine bescheidenen Zweifel nicht gegen den Capitain selbst, wohl aber gegen den ihm befreundeten Obersteuermann zu äußern; dieser aber belehrte ihn eines Bessern, indem er zu ihm sagte:

»Die Wolke da drüben scheint nur klein, ist es aber nicht. Nur die außerordentlich große Entfernung und der große unermeßliche Raum, in dem sie schwimmt, läßt sie unsern Blicken so unbedeutend erscheinen. Du wirst schon selbst bemerkt haben, lieber William, wie sehr die Entfernung zur scheinbaren Verkleinerung der Gegenstände beiträgt. Wenn man z. B. auf einem Berge, auf einem hohen Thurme oder auch nur auf dem Dache eines Hauses steht, erscheinen die unten wandelnden Menschen und Thiere uns in fast zwerghafter Gestalt. Eben so ist es mit den Gegenständen, die wir am Horizont erblicken. Nimm nur einmal die Sonne oder den Mond, deren Scheibe man fast mit der Hand bedecken kann, und doch ist die erstere 113 Mal großer als unsere Erde, obgleich diese eine Masse von 2659 Millionen 310190 kubischen Meilen hat; eine kubische Meile ist aber eine, die eine Meile lang, breit und hoch ist. Bedenke, wie groß also die um 113 Mal so große Sonne sein muß und doch macht die außerordentliche Entfernung, daß sie uns nicht größer erscheint, wie der innere Theil eines mäßigen Tellers. Hiernach wirst Du schließen können, daß auch jene, jetzt so klein scheinende Wolke sehr groß sei und uns, wenn sie sich über uns ausbreiten sollte, Gefahr und Verderben bringen könnte. Alles wird für uns davon abhängen, ob der Wind in seiner jetzigen Richtung bleibt, oder davon abspringt; ist das letztere der Fall, so dürfte die Gefahr minder groß werden.«

William, der dem unterrichteten Manne mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört hatte, dankte für die ihm ertheilte Belehrung und richtete jetzt auch seine Blicke fast unausgesetzt auf die kleine dunkle Wolke.

Siebentes Kapitel.

Der Wind stand indeß noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm getrieben, kam immer näher und näher; so wie sie aber heraneilte, wurde sie größer. Noch hohler als früher schon ging die See; die Wellen schlugen gegen die Seitenwände des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, daß er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt ließen sich auch bereits einzelne, noch in ziemlich großen Pausen kommende Windstöße verspüren; die freien Zwischenräume wurden immer kürzer, die Stöße selbst anhaltender. Endlich war der vollständigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr zu sein. Die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck stürzten und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.

Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, daß er seine innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu haben.

Die ältesten und verwegensten Matrosen, Männer, denen sonst immer, nach der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flüche auf den Lippen schwebten, ließen alle Augenblicke ein: »Gott steh' uns bei!« oder: »Gott sei uns armen Menschen gnädig!« hören. Man vernahm weder mehr ein fröhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle ertheilend, gehört; oft übertobte der Sturm sie.

Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwärts getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren, sondern mußte das Schiff dem Winde und den Wellen fast gänzlich überlassen. Menschenmacht und Menschenhülfe vermochte nichts mehr: man mußte sich in Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.

Um das Unheil zu vermehren, brach endlich auch noch das Steuer entzwei, indem eine Stoßwelle dagegen schlug; jetzt gab es keine Lenkung des Schiffes mehr, und Luft und Wasser hatten freies Spiel.

Selbst dem Capitain entsank der Muth; bis dahin hatte er einen wirklich bewunderungswürdigen gezeigt. Sein Ansehen hatte etwas Furchtbares; sein Gesicht war todtenbleich, und sein krauses Haar sträubte sich auf dem Haupte empor; in seinen Mienen lagen Furcht und Entsetzen; allein kein Wort, das Furcht verrathen hätte, entfuhr seinen Lippen. Nur als er an William vorüberging, der in der Kajüte auf seinen Knieen lag und, wie seine fromme Mutter es ihm im Glück und Unglück gelehrt hatte, zu Gott um Rettung emporflehte, sagte Capitain Hansen wie vor sich hin:

»Armer Junge! Dein Leben habe ich auf dem Gewissen! Ich beging ein schweres Unrecht, das ich vor Gott zu verantworten haben werde, indem ich Dich Deiner Heimath und einer minder gefahrvollen Beschäftigung entriß.«

Obgleich nun die Gefahr mit jedem Augenblick höher stieg und Alle sich ihres Lebens begaben, war doch durch das Gebet eine größere Ruhe über das Herz des armen William gekommen. Wie oft hatte er seine gute Mutter in Augenblicken der Noth die Worte sagen hören:

»Nicht wie ich, sondern wie mein Vater im Himmel will?« und dieser sich jetzt erinnernd, sagte er sie auch, wodurch eine wahrhaft himmlische Ruhe über sein Herz kam. Zwar erfüllte ihn der Gedanke mit Betrübniß, schon so jung, so fern von der theuren Mutter und der geliebten Heimath sterben zu sollen, in die grausenvolle Tiefe des Meeres hinabsinken zu müssen; allein Schrecken oder wohl gar Entsetzen flößte er ihm nicht ein: wußte er doch, daß es nach diesem Leben noch ein anderes, wie die heilige Schrift verhieß, besseres geben würde; wie hätte er sich also wohl vor dem Tode fürchten sollen? Daß er aber zu leben wünschte, wie natürlich war das nicht?

So beschämte dieser Knabe in seiner durch wahrhafte Frömmigkeit und Gottergebenheit hervorgegangenen Ruhe die ältern Männer. Trotz derselben ließ er aber doch die Hände nicht in den Schoos sinken, sondern verrichtete mit Kraft und Besonnenheit die ihm aufgetragenen Geschäfte.

Die grauenvolle Nacht ging endlich vorüber und der Himmel klärte sich etwas auf. Von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch den dunklen Wolkenschleier, womit er überzogen war; aber der Sturm legte sich nicht und trieb das Schiff wie ein Spielwerk vor sich her. Wo man war, wußte man nicht, da eine Sturzwelle den Kompaß über Bord gerissen hatte, folglich der Capitain seine Beobachtungen nicht anstellen konnte; gelenkt konnte das Schiff auch nicht mehr werden, weil das Steuer zerbrochen war. Man sah kein Land mehr, nichts als das Wasser unter, den Himmel über sich.

Dies war, obwohl an sich schrecklich genug, doch gewissermaßen ein Trost für die armen Schiffbrüchigen, indem die größeste Gefahr ihnen von der Nähe des Landes kommen mußte. In dieser Nähe ist nämlich das Meer gewöhnlich mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen besät, an denen steuerlose Schiffe unfehlbar scheitern müssen, wenn der Wind sie gegen dieselben treibt. Daher war es für unsere Seefahrer tröstlich, daß sie nirgends Land zu erspähen vermochten. Legte sich der Orcan nur bald, so durfte man sogar noch auf Rettung hoffen: das Schadhafte konnte ausgebessert, die zerrissenen Segel konnten geflickt werden und man, wenn gleich nur nothdürftig und mit großer Anstrengung, doch noch einen rettenden Hafen erreichen.

So betete jetzt Alles am Bord, ganz im Gegensatze zu früher: »Nur kein Land! Nur kein Land!« Der Sturm konnte, mußte sich ja endlich doch legen; wenn aber das Schiff auf Klippen stieß, dann war keine Rettung mehr möglich.

Allein auch die letzte Hoffnung sollte zu Trümmern gehen. Nachdem das Schiff noch einige Stunden, vom Sturme gepeitscht, gegen Osten getrieben worden war, erblickte man ganz deutlich, und bereits mit bloßem Auge, den bewußten grauen Streif am Himmel, der auf Land deutete, und der Wind trieb das Schiff in gerader Richtung darauf zu.

Jetzt verstummte Alles vor Schrecken; der Capitain selbst bewahrte seine äußere Fassung nicht mehr und sagte der erschrockenen Mannschaft geradezu heraus, daß sie ihre Seele Gott befehlen möchten.

Immer deutlicher trat die Küste hervor – ob es eine Insel oder ein Festland sei, vermochte man nicht zu entscheiden, da man nicht wußte, wo man sich befand – und um den Schrecken noch zu vermehren, sah man, daß sie bergig war. Wenn sich aber Berge am Lande befanden, so durfte man schließen, daß sie bis ins Meer hinein sich erstrecken würden. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß jedes Gebirge drei Abstufungen hat: das höchste oder Hauptgebirge; das Mittel- und endlich das Vorgebirge, welches letztere gewöhnlich sich in Klippen und Felsenriffen im Meere endigt. Letztere hatte man also jetzt auch an der Küste zu erwarten, auf die das steuerlose Schiff zugetrieben wurde.

Der Capitain ertheilte jetzt keine Befehle mehr; denn wie hätte man sie ausführen sollen? Die Mannschaft arbeitete nicht mehr; denn wozu konnte die Arbeit noch nützen? Eine tiefe, lautlose Stille herrschte am Bord; nur von Zeit zu Zeit stieg der Schiffszimmermann mit einer Laterne in den Raum hinab, um nachzusehen, ob auch kein Leck entstanden sei und das Schiff Wasser schöpfe. In dieser Hinsicht brachte er immer tröstliche Nachrichten mit herauf: der Boden des Schiffes war noch fest und kein Leck zu entdecken.

Da, als eben der Zimmermann wieder die Leiter hinan stieg, um sich aufs Verdeck zu begeben, erhielt die Hoffnung, Allen unerwartet, einen furchtbaren Stoß, so daß ihre eichenen Rippen erkrachten und Diejenigen, welche standen, in Gefahr waren umzufallen.

»Nun ist das Unglück da!« rief der Capitain aufspringend. »Es kann nicht fehlen, der Stoß muß einen Leck gegeben haben. Schnell hinab, Zimmermann!« herrschte er diesen an, »schnell hinab und nachgesehen, was es da unten gibt.«

Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, so erfolgte ein zweiter, noch weit heftigerer Stoß; dann stand das eben noch pfeilschnell dahinschießende Schiff plötzlich still, woraus man schloß, daß es sich zwischen zweien im Meere verborgenen Felsenriffen festgeklemmt habe.

Achtes Kapitel.

Die Blässe des Todes hatte alle Gesichter überzogen, so wie das Schiff plötzlich still stand; es war, als wäre das eben noch so lebendige zur Leiche geworden. Die tiefste Stille herrschte an Bord; dann brachen einige in laute Klagen aus, die der Capitain dadurch zu beschwichtigen suchte, daß er zu ihnen sagte:

»Was hilft das Wimmern und Klagen? Es steht nun einmal im Buche des Schicksals geschrieben, daß wir in der salzigen Fluth unsern Untergang finden sollen, und dabei ist es denn doch einigermaßen ein Trost, daß wir auf ächt seemännische Weise umkommen. Der Tod wird hier wahrscheinlich nur ein Augenblick sein; wären wir am Lande gestorben, so hätte es vielleicht länger gedauert, bis wir damit durch gewesen wären.«

Dieser Trost wollte aber bei Keinem Eingang finden; mehrere der Matrosen waren noch jung und liebten das Leben und selbst die älteren unter ihnen mochten nicht an den Tod denken.

In der Seele unsers Williams gingen seltsame Dinge vor, als er den Capitain also reden hörte und die hellen Thränen schossen ihm aus den Augen, indem er an die theure Mutter und ihren Schmerz, an die Heimath und seine Gespielen dachte, die er nun wahrscheinlich nicht wieder sehen sollte. Dieser Schmerz war so natürlich und er hatte sich seiner nicht zu schämen, um so weniger, da er noch ein Knabe und kein gereifter Mann war.

Der tiefen Betrübniß und dem thatenlosen Schrecken der Mannschaft folgte bald ein anderer Zustand und die Hoffnung, daß dennoch vielleicht Rettung möglich sei, blitzte in vielen Herzen, gleich einem Stern in dunkler Nacht, auf. Die Thätigkeit erwachte wieder: man sah sich nach Rettungsmitteln um; das große Boot war noch da; man konnte sich, wenn das Schiff wirklich sinken oder in Trümmer gehen sollte, zum Theil auf diesem, zum Theil durch Befestigen an den Schiffstrümmern vielleicht noch retten.

Der in den Raum hinabgestiegene Schiffszimmermann kam wieder herauf; seine Miene verkündete nichts Gutes; die Blicke Aller richteten sich ängstlich und erwartungsvoll auf ihn.

»Es sind schon sechs Fuß Wasser im Raume,« sagte er mit fast tonloser Stimme, »und es wächst mit jeder Minute; ein großes Leck muß da sein: wo aber? vermag ich nicht zu entdecken, da das Wasser schon so hoch gestiegen ist.«

»An die Pumpen! An die Pumpen!« erscholl es jetzt aus dem Munde der Matrosen und Alle stürzten, ohne erst den Befehl des Capitains abzuwarten, in den Raum hinab, um die Arbeit zu beginnen.

»Arme Jungens!« sagte der Schiffszimmermann mit einem schmerzlichen Lächeln um den bleichen Mund, »arme Jungens, es wird Euch nichts helfen: das Leck ist zu groß und Eure Kräfte werden nicht ausreichen, das Wasser im Raume zu bewältigen.«

»Ist das Eure feste Ueberzeugung, Meister?« fragte ihn der Capitain, der aus einem dumpfen Dahinbrüten plötzlich zu erwachen schien.

»Ja,« versetzte der Gefragte, »und wenn ihrer zweimal so viele wären, so würden sie nicht Herr des Wassers werden.«

»So sollen sie die Zeit nicht mit unnützer Arbeit verlieren,« sagte der Capitain und ließ einen Ruf erschallen, auf den Alle wieder auf's Verdeck kamen.

»Meister Steffen sagt,« nahm der Capitain das Wort, als die Matrosen ihn umstanden, »daß es mit dem Pumpen nichts sei und wir eine wahrscheinlich sehr kostbare Zeit nur damit verlieren würden. Wir dürfen seinem Worte vertrauen, da er ein geschickter, vielerfahrner Mann ist und sich schon oft den Wind um die Nase hat wehen lassen. Denken wir also auf eine andere Rettung. Laßt das Boot ins Meer hinab; vielleicht legt sich der Sturm in Kurzem und wir können mit dem Boote See halten. Die Küste kann nicht fern sein! Gott könnte sich unser erbarmen und uns an dieselbe führen. Wendet also Eure Kräfte darauf, das Boot ins Meer hinabzulassen und sobald sich der Sturm nur in Etwas legen sollte, wollen wir es besteigen.«

Gehorsam diesem Befehle machten sich die Matrosen an die Arbeit und schon nach Verlauf weniger Minuten schauckelte sich das Boot auf den bewegten Wellen. Nur kurz dauerte aber die Freude: eine ungeheure Sturzwelle kam und riß in ihrem Anprall das Boot mit sich fort; ihre Kraft war so groß gewesen, daß sie das starke Tau zerrissen hatte, als wäre das Fahrzeug an einem Zwirnsfaden befestigt gewesen.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei diesem Anblick dem Munde Aller; der Capitain aber sagte, wie vor sich hin, mit dumpfem Tone:

»Nun ist's aus! Gott erbarme sich unser!«

In dem Augenblicke fing das eben noch ganz fest liegende Schiff an, eine schwankende Bewegung zu machen, ein Krachen, wie vom Einsturz eines großen Gebäudes, ließ sich vernehmen und zugleich stieg das Wasser von unten herauf aufs Verdeck. Das Schiff war geborsten und bestand nur noch aus Trümmern.

Jeder wußte jetzt, was es galt und griff nach einer rettenden Planke. Der große Mast, der bereits geknickt gewesen war, begrub in seinem Umsturze zwei Matrosen, die in der Richtung standen, in der er fiel. Ob sie dadurch getödtet wurden, oder erst in den Wellen ihr Ende fanden, ist nicht zu bestimmen, denn Jeder dachte in dem Augenblick nur an sich und an die eigene Rettung.

Unser William, noch ein Neuling auf dem Meere, wußte nicht, was er thun, was er beginnen sollte. Er stand neben dem Capitain, rang die Hände und schickte Gebete für seine Rettung zum Himmel empor. Zufällig fiel der Blick des Capitains auf den armen Knaben und, trotz der eigenen Noth und Gefahr, jammerte sein Schicksal ihn; es war sein Gewissen, das ihm Theilnahme und Mitleid für ihn einflößte.

»Komm,« sagte er zu unserm William, indem er ihm die Hand reichte; »komm, wir wollen zusammen unser Heil versuchen, und sollten wir untergehen, so vergib mir Deinen Tod, an dem ich schuld bin.«

Er zog ihn mit sich fort, zum großen Maste hin, der bereits auf dem Verdeck im Wasser schwamm, denn so hoch war dieses bereits gestiegen, ergriff ein starkes Tau und befestigte mit diesem den halbtodten Knaben an den Mast. Darauf suchte er ein zweites Tau, umschlang sich damit und befestigte es gleichfalls daran. Kaum war dies geschehen, so schwamm der Mast von den Schiffstrümmern ins Meer hinab und die Wogen schossen darüber hin.

Was weiter mit ihm vorging, vermochte unser William nicht zu sagen: die Sinne hatten ihn verlassen und er hing wie schon todt an dem Maste, der, der Richtung des Windes folgend, an eine unbekannte Küste trieb, wo er, von einer ungeheuren Welle hoch aufs Land hinaufgeworfen, am Ufer liegen blieb.

Der Ton einer Stimme erweckte William aus seiner Betäubung; er erkannte die des Capitains, aber sie war so schwach, daß er sie kaum zu unterscheiden vermochte.

»Lebst Du noch?« fragte diese Stimme.

William riß die Augen auf und sah sich um.

»Was gibts? und wo sind wir?« fragte er verwundert.

»Am Lande,« versetzte der Capitain, »und vielleicht gerettet,« fügte er hinzu, »wenn Du nämlich noch so viele Kraft hast, Dein Messer nehmen und erst Dich, dann mich losschneiden zu können, damit wir uns vor der nächsten Sturzwelle höher auf das Ufer hinauf retten. Bleiben wir aber hier, so führt sie uns wohl wieder ins Meer hinab und dann Ade, Leben!«

William hatte jetzt seine volle Besinnung wieder und da seine Arme frei waren, zog er das große, an einem Bande um seinen Hals hängende Messer aus seinem Busen hervor, öffnete es mühsam mit seinen vom Wasser ganz erstarrten Händen, schnitt die ihn an den Mast befestigenden Stricke entzwei und machte den Versuch, sich zu erheben. Allein er war wie ein Betrunkener und taumelte gleich wieder zur Erde nieder.

»Mach schnell oder wir sind verloren!« rief der Capitain mit schon ersterbender Stimme. »Ich kann mich nicht rühren,« fügte er hinzu, »und habe wahrscheinlich etwas an meinem Leibe zerbrochen, auch strömt mir das helle Blut über das Gesicht.«

William raffte jetzt den letzten Rest seiner Kräfte zusammen und taumelte zu seinem Leidensgenossen hin. Der Anblick desselben war ein entsetzlicher. Das Blut rieselte, wie aus einer Quelle, aus einer großen Kopfwunde hervor und hatte sowohl sein Gesicht, als seine Kleidung überströmt. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei dem Anblick den Lippen des Knaben; aber trotz dem verließ ihn seine Geistesgegenwart nicht. Er ging zu dem Kapitän, zerschnitt die Bande womit er an dem Maste befestigt war, und zog ihn, da er erklärte, nicht gehen zu können, höher auf den Strand hinauf, um ihn vor den Sturzwellen in Sicherheit zu bringen. Es war die höchste Zeit damit gewesen, denn keine halbe Minute verging, so riß eine mächtige Welle den rettenden Mast wieder in das Meer hinab und würde folglich auch unsere Beiden mit sich fortgerissen haben, wenn sie sich nicht zuvor weiter entfernt hätten.

Schrecklich war es anzuhören, wie der Capitain ächzte und stöhnte, als William ihn fortzog; der Unglückliche hatte den Schenkel zerbrochen und war überdies mit Wunden bedeckt, worunter die große Kopfwunde die gefährlichste war. Er hatte diese schrecklichen Verwundungen dadurch erlitten, daß das Ende des Mastes, an das er sich befestigt hatte durch die Gewalt der Wellen gegen ein Korallenriff getrieben wurde, und der Stoß war so heftig gewesen, daß er ihm das Bein zerbrach; überdieß hatten die spitzig hervorragenden Zacken des Riffs ihm mehrere Wunden beigebracht, die alle stark bluteten.

Der Anblick dieses unglücklichen Mannes preßte William heiße Thränen aus und ließ ihn sein eigenes Unglück vergessen. Wie es uns in Augenblicken großer Gefahr zu ergehen pflegt, erging es auch unserm William: Gott hatte ihm größere geistige Kräfte, denn je zuvor verliehen und diese machten es möglich, daß er mit Besonnenheit handeln und überlegen konnte, was er zu thun habe, um die Leiden und Schmerzen seines Genossen zu lindern.

Dieser redete schon nicht mehr und lag mit festgeschlossenen Augen da; der letzte Rest seiner Kräfte hatte ihn verlassen und er schien bereits eine Beute des Todes zu sein.

Trotz dem gab William den Versuch seiner Rettung nicht auf. Er entkleidete sich und zog sein Hemd aus, um durch Zerreißen desselben die nöthige Leinwand zum Verbinden der großen Kopfwunde zu erhalten. Er machte aus diesem Hemde, das natürlich vom Seewasser ganz durchdrungen war, ein starkes Polster und eine Binde, legte das erstere auf die Wunde und befestigte es mit der letztern um den Kopf. Kaum aber berührte das mit salzigem Wasser getränkte Polster die Wunde, so schrie der arme Verwundete vor Schmerz laut auf und fuhr mit der Hand nach dem Haupte, um es wieder abzureißen.

Trotz dem, daß der Schrei und die heftige Bewegung des Leidenden ihn erschreckten, freute er sich doch über dieses neue Lebenszeichen, denn er hatte den Capitain schon todt oder doch im Sterben begriffen geglaubt.

»Was machst Du? und weßhalb thust Du mir weh?« rief der Capitain, ihn mit zornigen Blicken anstarrend.

»Lieber Herr Capitain,« antwortete ihm der zitternde Knabe, »ich wollte Ihre schwere Wunde verbinden und bin vielleicht nicht vorsichtig genug gewesen. Ach wie leid thut es mir, Ihnen wider meinen Willen wehe gethan zu haben,« fügte er, vor Angst und Wehmuth schluchzend, hinzu.

»Laß es gut sein,« sagte der Capitain mit bereits ersterbender Stimme, »laß es gut sein und mache mir keine Schmerzen mehr. Mit mir ist es aus, und ich bin ein Mann des Todes,« fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu, der fast wie Aechzen klang.

»Das wolle Gott verhüten!« versetzte William; »sind wir doch am Ufer und gerettet!«

»Ja, Du bist, dem Himmel sei gedankt! wahrscheinlich gerettet,« erwiederte ihm der Capitain; »aber ich werde nicht mit dem Leben davon kommen; rieselt es mir doch schon wie Todesschauer durch Mark und Bein und umflort sich mein Blick, so daß ich Deine Gesichtszüge kaum mehr unterscheiden kann. Das ist, wie ich glaube, der Tod,« fügte er mit ersterbender Stimme hinzu.

William, der selbst glaubte, daß es bald mit dem armen Manne aus sein würde, konnte ihm vor Weinen nicht antworten. Sein Schmerz war so groß, als aufrichtig, und er dachte in diesem Augenblick nicht mehr daran, wie dieser Mann gegen ihn gehandelt, und daß er ihm sein trauriges Schicksal zu verdanken hatte.

Nach einigen Minuten, während welcher William weinend neben ihm kniete, öffnete der Capitain wieder die Lippen und schien sprechen zu wollen; allein seine Kraft war dahin, und nur wie ein leiser Hauch ertönte das Wort: »Wasser!« von seinem blassen Munde. William, der sich zu ihm niedergebeugt hatte, vernahm es und erhob sich, um das Verlangte zu holen. Jetzt aber fiel plötzlich der Gedanke seiner Hülflosigkeit und seiner ganzen schrecklichen Lage auf sein Herz. Großer Gott! woher Wasser nehmen? und wenn er auch wirklich welches fände, in welchem Gefäße es schöpfen und zu dem vor Durst Verschmachtenden bringen?

Er stand wie erstarrt da und wußte sich weder zu rathen noch zu helfen.

»Wasser! Wasser! Ich verbrenne!« rief jetzt der Sterbende mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte, und William stürzte, ohne zu wissen, was er that, von ihm fort, tiefer in das Land hinein.

Bald betrat er einen grünen, mit starkem, in großen einzelnen Büscheln stehenden Grase bedeckten Boden und schaute umher. Hie und da erhob sich ein Baum aus dem Erdreiche, dessen seltsam geformtes, unserm Farrenkraute ähnliches Laub ihm aufgefallen sein würde, wenn seine Gedanken nicht gänzlich darauf gerichtet gewesen wären, Wasser zu finden. Dieses aber zeigte sich seinen Blicken nicht, so ängstlich sie auch darnach umherspähten. Fast eine Viertelstunde war er gelaufen und seine nur noch so schwachen, vom heißen Sonnenbrande noch mehr aufgezehrten Kräfte drohten bereits zu erliegen, als er den Boden unter sich weich werden fühlte. Er bückte sich und faßte mit der Hand darnach, und, o Freude! er war feucht! Wo sich aber ein feuchter Boden zeigte, da mußte auch Wasser in der Nähe sein.

Dieser Gedanke stärkte und ermuthigte ihn und er schritt vorwärts. Es dauerte auch nicht lange, so vernahm sein sorgsam lauschendes Ohr ein leises Rieseln; er stand still, um zu horchen und vernahm dieses erfreuliche Geräusch jetzt ganz deutlich in der nächsten Nähe. Ein in dichteren Büscheln stehendes Gras, dessen Farbe überdies frischer, als die des übrigen Grases war, fiel ihm auf; er bückte sich darnach nieder, bog es auseinander und, o Entzücken! ein schmaler Silberstreif des allerhellsten Wassers zeigte sich zwischen dem saftigeren Grase.

»Worin es aber schöpfen, um es dem armen Verschmachtenden zu bringen?« werdet Ihr, meine Geliebten, jetzt gewiß fragen.

Unser William, den ich Euch als einen klugen und sinnreichen Knaben geschildert habe, wußte das bereits: er hatte seine Tasche zum Wassergefäße ausersehen.

»Seine Tasche?« werdet Ihr wieder rufen; »seine Tasche? Du willst uns wohl zum Besten haben, liebe Amalie? Wissen wir denn nicht, daß Leinwand eben so gut wie ein Sieb ist und die Flüssigkeit hindurch laufen läßt? Da würde also der arme Verwundete keinen Tropfen erhalten und vollends verschmachten müssen, um so mehr, da der William fast eine halbe Stunde zu laufen hatte, bevor er wieder zu ihm gelangte.«

Ganz recht, meine lieben Kinder; aber unser William brachte trotz dem das Wasser in seiner Tasche zu dem armen Sterbenden und erquickte ihn damit. Diese Tasche war aber nicht von Leinewand, sondern, wie es bei den Matrosen Sitte ist, von Leder, das, wie Ihr wissen werdet, so leicht das Wasser nicht hindurch läßt. Der gescheidte Knabe hatte sich dieses Umstandes erinnert, und auf dem Wege bereits diese lederne Tasche aus seiner Hose geschnitten, um sie, sobald er Wasser fände, als Schlauch zu gebrauchen. Auf diesen Gedanken war er gekommen, weil er sich erinnerte, in einer Reisebeschreibung gelesen zu haben, daß die Spanier ihren Wein zum Theil in Schläuchen von Ziegenleder aufbewahren. Hieraus könnt ihr ersehen, wie förderlich es ist, wenn man beim Lesen guter Bücher auf Alles merkt und das Gelesene seinem Gedächtnisse einzuprägen sucht.

William hatte jetzt also nicht nur helles, kühles, köstliches Wasser, sondern auch, Dank seiner Aufmerksamkeit und Besonnenheit, ein Gefäß, um es zu schöpfen und fortzutragen. Er schöpfte es aber nicht ohne weiteres in seinen ledernen Schlauch oder vielmehr Beutel, sondern reinigte die Tasche erst gehörig von dem salzigen Seewasser, von dem sie fast durchdrungen war; dann löschte er erst selbst seinen brennenden Durst und als er fand, daß das Wasser in seinem Beutel völlig geschmacklos war, schöpfte er ihn wieder voll und kehrte zum Strande zurück, wo der arme Verwundete nach einem kühlenden Trunke schmachtete. Die Menschenliebe, dieses wahrhaft göttliche Gefühl, verlieh ihm eine ungewöhnliche Kraft, und schneller als er selbst gedacht hatte, langte er bei dem Sterbenden an.

Dieser lag mit todtenbleichem Antlitze und festgeschlossenen Augen da; William glaubte, daß er bereits verschieden sei und wollte sich eben weinend neben ihn niedersetzen, als ein Seufzer den Lippen des Sterbenden entfuhr und wieder glaubte William das Flehen um Wasser zu hören.

»Hier ist Wasser, Gott sei gedankt!« rief er laut und mit freudig bewegter Stimme.

Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er öffnete, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken. William flößte ihm mit der größesten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein. Diese brachten eine so große Wirkung auf den Capitain hervor, daß er schon nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthäter mit dankbaren Blicken ansah.

William, welcher bemerkte, daß der Leidende sehr schlecht und unbequem mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mußte, sann auf Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen Körper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nöthige erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen vermochte. Dies gab ein weiches, kühles und köstliches Kopfkissen ab, indem er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.

Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehörig an dem köstlichen, krystallhellen Wasser gelabt, völlig wieder zur Besinnung gekommen zu sein. Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthäter mit liebevollen Blicken an und drückte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, daß ihm dabei die hellen Thränen über die Wangen liefen.

Obgleich selbst entkräftet und fast todtmüde, dachte der gute Junge doch nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein an den armen Mann, der tausendmal größere Schmerzen zu erdulden hatte. Er dachte auch nicht daran, daß eben dieser sein Feind die Ursache seines gegenwärtigen Mißgeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen, auf welche Weise er seine Leiden lindern könne.

Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager für sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen für seinen lieben Kranken zu suchen. Auf diesem Wege fielen ihm die Bäume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den über eine Elle langen und halb so breiten Blättern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine gehörige Menge von Stöcken geschnitten haben würde, von denen er eine Art von Hütte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes bedecken wollte. Denn Ihr müßt wissen, geliebte Kinder, daß die Pflanze, welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wächst und kaum eine Höhe von einem Fuße erreicht, in Australien zum stattlichen, überaus schönen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bäume hatte nun unser William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts wußte, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte er sich, daß sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.

Vermittelst seines starken und zum Glücke sehr scharfen Messers – es war ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde lag und den ewigen Schlaf schlief – schnitt er eine Menge Stecken ab und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden einsteckte und über dem Körper des Verwundeten eine Art von Gerüst davon aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Nägel, um die Stöcke aneinander zu befestigen; allein er wußte sich trotz dem zu helfen. Er hatte nämlich bemerkt, daß die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er für seinen lieben Kranken ein Lager für das Haupt gemacht hatte, sehr stark und zäh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um die Stäbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte. Seine Mutter war früher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld gegangen und da hatte er bemerkt, daß die Garbenbinderinnen eine Handvoll Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er mit den ziemlich langen und sehr zähen Grashalmen, die auf solche Weise behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.

Als sein Gerüst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen Bau mit den breiten Blättern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die Lauberhütten der Israeliten und gewährte nicht nur dem Leidenden Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne untergegangen war, gegen die eintretende Kühle der Nacht.

Unter diesen liebevollen Bemühungen des guten Knaben war es Abend geworden. Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu fordern. Daß er dem Schmachtenden dieses immer geben könne, auch dafür hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nämlich oben am Rande zwei Löcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und indem er das untere Ende des Steckens schräg in die Erde steckte, erhielt sich sein Wassergefäß schwebend, so daß kein Tropfen verloren ging.

Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich für das nächste Bedürfniß seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte für das seinige? Es meldete sich nämlich bald ein böser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der Hunger ein höchst willkommener Genosse, der alle Speisen würzt; allein in der Einöde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er sich nicht wenig unangenehm.

Dies empfand unser William jetzt, und er faßte oft an seinen armen Magen, der anfing, gewaltig zu knurren.

»Ach!« seufzte er, den Blick auf das schöne Gras werfend, welches in reichster Fülle rund umher stand, »wie glücklich, wer doch hier ein Pferd wäre!«

Es war indeß schon zu spät, noch auf die Entdeckung eines menschlichen Nahrungsmittels auszugehen und so legte er sich mit dem frommen Spruche: »der liebe Vater im Himmel wird schon helfen!« auf den Sand neben seinen Kranken nieder und schlief bald ein.

Seite 71.

Neuntes Kapitel.

Nicht lange konnte unser junger Freund schlafen, indem ein immer stärker werdendes Aechzen des neben ihm ruhenden Capitains ihn weckte. Er fuhr empor, rieb sich die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Die erst anbrechende Morgendämmerung ließ ihn die ihn umgebenden Gegenstände kaum noch erkennen und ein angenehmer Traum hatte überdies seine Gedanken verwirrt. Ihm träumte nämlich, daß er wieder in der geliebten Heimath, im Arme seiner theuren Mutter sei, die ihn unter Freudenthränen willkommen hieß, und ihm das Versprechen abnahm, daß er sie nicht wieder verlassen wolle. Auch er hatte im Traume Thränen der Freude und Rührung vergossen, und seine Augen waren beim Erwachen noch feucht davon.

Das immer lauter und schmerzlicher werdende Aechzen des armen Leidenden neben ihm entriß ihn bald seinen angenehmen Vorstellungen und machte ihn darauf aufmerksam, wo er sich befinde. Er sprang schnell auf und trat zu der über dem Körper des Capitains gemachten Laubhütte, außerhalb deren er geschlafen hatte, weil nur Raum für eine Person darin war. Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er hatte schlafen können, während ein menschliches Wesen so entsetzlich neben ihm litt, und doch war es, besonders bei seinem Alter, so natürlich, daß er nach den gehabten großen Anstrengungen in Schlaf verfiel.

»Wie ist Ihnen, Herr Capitain?« fragte er mit vor Mitleid bebender Stimme, »und kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Hülfe kommen?« Er vergaß in dem Augenblick seine gänzliche Hülfslosigkeit und daß er dem Leidenden nichts zu bieten habe, als höchstens einen Trunk Wasser aus der entdeckten Quelle.

Er erhielt längere Zeit keine Antwort auf seine Frage; dann sagte der Capitain mit kaum vernehmbarer Stimme:

»Laß mich in Ruhe sterben! – Es ist der Tod, mit dem ich kämpfe – und er ist bitter – bitter, wenn man nicht so gelebt hat, wie man gesollt hätte. O meine arme Frau! – mein liebes Kind! – und auch Du, armer Junge!« Er konnte nicht weiter reden; ein lautes Schluchzen unterbrach seine Worte, und auch William, dem sich das Herz in der Brust krampfhaft zusammenzog, vermochte kein Wort hervorzubringen.